Am 29. März traf in Brazzaville die Nachricht ein, daß Herr Kiel, der Chef der holländischen Faktorei in Stanleyville, an Dysenterie erkrankt und unterwegs sei. Noch am gleichen Nachmittag erhielt ich Order, mich für den folgenden Morgen reisefertig zu halten. Ich war über die unerwartet günstige Wendung, die die Dinge für mich genommen hatten, natürlich hocherfreut, denn Stanleyville galt allgemein als das Paradies auf Erden und als eine der schönsten und gesündesten Gegenden Innerafrikas. Dazu kam noch, daß unser Direktor seinerzeit die Station persönlich gegründet hatte und eine gewisse Vorliebe für sie besaß.
Meine Freude erfuhr allerdings einen Dämpfer, als ich vernahm, daß mein zukünftiger Chef Janssen hieß; denn ein Mann gleichen Namens war mir von einem Streit, den er auf der Durchreise nach Fuca Fuca mit Kameraden hatte und in dessen Verlauf von Schußwaffen Gebrauch gemacht worden war, in unliebsamer Erinnerung. Umfragen bei den Kollegen in Kinschassa ergaben, daß Janssen, der gegenwärtig die Faktorei Upoto leitete, tatsächlich mit dem Angeführten identisch war. So wenig verlockend die Aussicht war, mit einem jähzornigen Menschen zusammen leben zu müssen, tröstete ich mich schließlich damit, daß ich, vor die Alternative gestellt, entweder in das Aufruhrgebiet des oberen Sanga zu gehen und von den Negern aufgefressen zu werden oder mit einem voraussichtlich brutalen Vorgesetzten nach dem vielgepriesenen Stanleyville zu reisen, immer noch das bessere Teil erwählt hatte.
Die Freude über die bevorstehende herrliche Reise und das Gefühl der Befriedigung, nach Tagen planloser Zeitvergeudung und Umherirrens endlich wieder in die Bahn zielbewußter Tätigkeit geleitet zu werden, überwogen schließlich alle Bedenken, und mit glücklich pochendem Herzen sah ich der Ankunft des Dampfers »Nfuma Ntangu« auf Deutsch: »Gebieter der Sonne«, der mich als Passagier aufnehmen sollte, entgegen. Das Schiff langte noch am selben Tage an und ging vor Kinschassa, wo es den Rest der Ladung einzunehmen hatte, vor Anker. Mir wurde vom Kapitän eine geräumige Kabine auf dem Oberdeck zugewiesen, die ich sofort bezog, da der Dampfer beim ersten Morgengrauen aufbrechen sollte. Das ungewohnte Leben und Treiben an Bord, alle die neuen Eindrücke, die auf mich einstürmten, brachten es mit sich, daß ich die ersten Tage wie im Traum lebte.
Unser Dampfer »Nfuma Ntangu« war ein Flußboot, wie sie auf dem Oberkongo, überhaupt auf allen seichten Flüssen, hier im Gebrauch stehen. Vorn, am Bug, saßen zwei Lotsen, welche während der ganzen Dauer der Reise abwechselnd drei Meter lange Stöcke in der Art einer Fischangel, auf der das englische Fußmaß eingekerbt ist, ins Wasser tauchten und eintönig die Wassertiefe: tanu (fünf), samboanu (sechs) ausriefen. Am rückwärtigen Teil des Schiffes, gleich dem Rad einer Kornmühle, befand sich über der ganzen Schiffsbreite das große Schaufelrad. Der Dampfer war bei der Ausfahrt derart voll geladen, daß das Niveau des Unterdecks auf der gleichen Höhe mit dem Wasserspiegel stand. Bei Stromschnellen, scharfen Kurven usw., bei welchen das Boot in eine schiefe Lage kam, stand die eine Seite des Unterdecks ganz unter Wasser — eine Wahrnehmung, die mir anfangs großen Schrecken einflößte, an die ich mich aber mit der Zeit gewöhnte.
Frühmorgens wurde ich durch das Zischen des Dampfers, das Gejohle und Geschnatter der Leute, die Kisten und Ballen durcheinanderwarfen, aufgeweckt. Nach dem Frühstück mit dem Kapitän auf der Kommandobrücke begab ich mich an Unterdeck, um dort Umschau zu halten. Unser Dampfer war nämlich ein wahres Babel in bezug auf die verschiedenartigen Negerstämme, die der blinde Zufall zusammengewürfelt hatte. Vom zivilisierten Küstenneger in Hemd, Hosen und Schuhen, der entweder aus Senegambien, Sierra Leone, Akkra oder dem Portugiesischen Kongo stammt und die etwas mehr Intelligenz verlangenden Arbeiten eines Maschinisten, Kochs oder Lavadeiro (Waschmann) verrichtet, bis zum Bangala mit spitz zugefeilten Zähnen und Hahnenkamm auf der Stirne waren alle Rassen Innerafrikas, selbst Kannibalen, vertreten. Ihr fortwährendes Schnattern, Quaken und Schnalzen, ihr ärgerliches Zanken und Streiten muteten ganz sonderbar an. Auf Holzkisten, Körben und Bündeln jeder Größe, in denen ihre Habseligkeiten untergebracht waren, hatten sie sich's bequem gemacht und ihr Lager, bestehend aus einer einfachen Strohmatte, das bei den Vermögenderen durch ein paar Decken vervollständigt wurde, aufgeschlagen. Darauf lagen sie nun träge und faul über- und aufeinander, ein Wirrwarr von Füßen, Armen und Leibern. Der eine war damit beschäftigt, direkt unter der Nase des zweiten aus seinen Zehen Sandflöhe herauszuoperieren, ein anderer ließ sich von seiner Frau die Haare scheren, unbekümmert darum, ob dieselben in den Topf des Nachbars fielen, in welchem eben ein von Verwesung grün gewordenes und das ganze Unterdeck mit seinem Gestank verpestendes Stück Hippopotamusfleisch brodelte. Während ich noch eben den Topf auf seinen Inhalt kritisch musterte, bemerkte ich, wie einer der herumhockenden Neger seinen Koffer ausleerte. Mit einer Anzahl schmutziger Kleidungsstücke flogen zugleich Spinnen, Kakerlaken (große afrikanische schwarze Schaben), Russen und kleine Mistkäfer heraus, ein Teil davon direkt in den brodelnden Topf. Die auf den Boden geschleuderten Insekten hüpften und zappelten erschreckt, so plötzlich aus ihrem dunklen Versteck gezerrt zu sein, dem erstbesten Schlupfwinkel zu. Diesmal hatte jedoch der Koch die neue Würze und den unerwünschten Zusatz zu seiner Speise bemerkt. Wutschnaubend fuhr er den Unvorsichtigen an, und eine Flut von Verwünschungen und kannibalischen Kraftausdrücken, wie katuka bushman — nyama[4], quollen aus seinen wulstigen Lippen hervor, während er sich bemühte, die größeren Schaben mit dem einzigen Kochlöffel, den er besaß, herauszufischen und zu zerdrücken; die kleineren blieben drinnen, da es ihm ob solcher Bagatellen offenbar nicht der Mühe lohnte. Der Rest des Ungeziefers hatte seinen Weg über Gesichter, Leiber und Beine der auf dem Boden Liegenden hinweg in irgendeine Ritze gefunden, soweit sie nicht durch die kleinen Jungen am Körper der Schlafenden zerdrückt und zerschlagen worden waren. Eine der großen Spinnen fand auch durch den Hosenschlitz Einlaß zu ganz empfindlichen Teilen eines Schlafenden. Beim Freudengeheul der ganzen kleinen Bande, die dies besonders unterhielt, wachte der Betreffende auf, warf wütende Blicke um sich und suchte — sans gêne — in der Tiefe nach der Ursache des Juckens! — Honni soit qui mal y pense!.
Trotz der fortwährend wechselnden Szenerie, trotz all des Ungewohnten und vollständig Neuen, was seit acht Tagen um mich vorging, trotz aller unvorhergesehenen Ereignisse, die bei der Navigation in dem gefährlichsten aller Flüsse, der unter seiner Wasserfläche bald Sandbänke, bald Felsriffe und bald treibende Baumstämme trügerisch birgt, vorkommen, konnte der Fahrt nach Befriedigung der ersten Neugierde eine gewisse Eintönigkeit nicht abgesprochen werden. Hatten die sengenden Sonnenstrahlen und die überstandenen Krankheiten den Körper und das Gehirn bereits derart geschwächt, daß ich nicht mehr so aufnahmsfähig war? Mir war oft, als lebte ich in einem beständigen Traum, läge meine Kindheit wie ein Märchen, von einem Wolkenschleier verhüllt, weit, weit hinter mir. Meine Erinnerung an die Lieben in der Heimat schwand — losgelöst von allen Fesseln, die mich bisher an die Menschheit ketteten, wandelte ich wie im Traum dahin.
Ich saß oft stundenlang am Steven des Dampfbootes, und eine eigenartige Musik, die nichts mit dem Irdischen gemein hat, klang mir beim gleichmäßigen Takt der Schaufel, die das Wasser aufpeitschte, in den Ohren. Bald wild und mächtig, bald als sanfte Liebkosung klang die Melodie in mir ... Ich träume ... Es ist Abend. Tiefe Schatten lagern zu beiden Seiten des Stromes. Die Dämmerung hat ihr dunkles Kleid über die vor Sonnenglut schmachtende Erde gelegt und wirft fahle Schatten über die Wasserfläche. Irgendwo aus dem rätselhaften Dunkel des Urwalds klingt klagend ein langgezogener Schrei. Unheimlich hallt er über das weite Land, wie von einer Seele in höchster Not und Pein. Und vor mein geistiges Auge tritt der Herrscher dieser Gebiete, der Bayansi, wie er im Schatten des Waldes sich eben anschickt, sein Opfer mit bestialischer Grausamkeit hinzuschlachten. Noch einmal, diesmal jedoch wie aus weiter Ferne und wie gebrochen, hallt der Schrei an mein Ohr — — —
Unser Kapitän van den Andel, allgemein der »fliegende Holländer« genannt, war ein Original seiner Art und vereinigte alle Eigenschaften, sowohl die guten als auch die bösen, die den Flußfahrer Innerafrikas kennzeichnen. Von Natur aus schweigsam und gutmütig veranlagt, stand er oft den ganzen Tag auf der Kommandobrücke und zog den Rauch aus der kurzen Pfeife, ohne den Mund aufzutun. Der Dienst an Bord klappte aufs Haar; denn alle Leute, vom Steuermann angefangen bis zum jüngsten Schiffsjungen, wußten genau, daß mit dem Kapitän nicht gut Kirschen essen war. Hatte er doch erst kurz vorher einen baumlangen Senegalesen, den stärksten Mann der Besatzung, der widerspenstig werden wollte, mit einem wuchtigen Faustschlag zu Boden gestreckt.
Doch van den Andel hatte einen großen Fehler, nein, eine Leidenschaft, die ihm zum Verhängnis wurde, da er ohne sie gewiß bereits »Chef de marine« geworden wäre. Seine Leidenschaft, die Trösterin verbitterter, einsamer Stunden, war der Alkohol. Des Abends, wenn er zur Flasche griff und einige Gläschen »Schiedam« zur Stärkung der verbrauchten Kräfte zu sich genommen hatte, wurde er gesprächig. Dann erzählte er mir von all den Kollegen, die weit im Innern des Landes auf einsamen, verlassenen Faktoreien saßen. Er kannte jeden einzelnen von seinen jahrelangen Reisen. Er war es, der sie, wenn sie als Neuling von Europa kamen, zu ihren Stationen brachte, durch ihn erhielten sie stets die neuesten Nachrichten vom Unterkongo und ihren Kollegen im ganzen Stromgebiet.
Je mehr die Literflasche »Schiedam« zur Neige ging, desto gesprächiger wurde der Kapitän. Wehe dem Faktoreichef, der das Unglück hatte, aus irgendeinem Grunde van den Andels Rachsucht auf sich zu ziehen. An diesem blieb kein gutes Haar mehr, von diesem konnte er wahre Schaudergeschichten erzählen. Jede Reise bot ihm Anlaß, durch seine Vertrauten unter den Arbeitern allerhand Begebenheiten aufzuschnüffeln, die dann in völlig entstellter Form bald hier, bald dort als Gerüchte auftauchten und von Mund zu Mund weitergetragen und aufgebauscht wurden. Aus oft ganz harmlosen Anlässen entstanden dann durch phantastische Schilderungen haarsträubende Mißverständnisse, deren Verbreitung im weiten Stromgebiet ihm allmählich zur zweiten Natur geworden war, je mehr Krankheiten und Ärger aller Art sein stets arbeitendes Hirn verwirrten. Tags über der gutmütigste Mensch, war mit van den Andel abends, wenn er die Flasche neben sich hatte, nicht zu spaßen. Geradezu gefährlich konnte er werden, wenn man seinen Schaudermären nicht unbedingt Glauben schenkte.
Ich entsinne mich noch ganz genau, daß er gegen Ende eines Abendessens, anläßlich eines ganz harmlosen Widerspruchs eines der Gäste, urplötzlich aufsprang, die Tischdecke mitsamt den Schüsseln auf den Boden warf, sich auf seinen Gast stürzte und ihn im nächsten Moment von der Kommandobrücke in den Fluß warf. Es hätte nicht viel gefehlt, und der Fürwitzige hätte seine Unbedachtsamkeit mit dem Leben gebüßt.
Während der ersten Tage als einziger Passagier an Bord, glaubte ich natürlich alle Geschichten aufs Wort und war ein aufmerksamer Zuhörer; ich stand daher in besonderer Gunst bei ihm.
Nach achttägiger Fahrt, auf der wir die Posten Kimpoko, Kwamuth, an der Mündung des Kasai-Flusses gelegen, die Mission Berghe Ste. Marie, Bolobo, den Militärposten Yumbi und Lukolela berührt hatten, näherten wir uns dem Äquator. Die Fahrt war reich an Abwechslung und bot uns wiederholt Gelegenheit, auf Nilpferde, Krokodile, Reiher, Gänse und Enten zu schießen. Einmal stießen wir auf eine Sandbank, die von einer Herde Krokodile bedeckt war. Es mochten gegen zwanzig Tiere sein, große und kleine, die bei unserer Ankunft, in Reih und Glied marschierend, ins tiefe Wasser zogen. Es machte den Eindruck, als ob die ganze Sandbank im Laufen wäre. Dann wieder eine Tagereise stromaufwärts ragte eines Morgens eine etwa sechs bis acht Meter breite und ebenso hohe graue Felswand aus dem Strom, die Kapitän van den Andel nicht auf seiner Karte verzeichnet fand. Bei unserer Annäherung veränderte sich das Bild, so daß wir mit unseren Gewehren hinfeuerten. Nun geriet die Wand in stärkere Bewegung, und es zeigte sich, daß sie aus etwa zehn bis fünfzehn Hippopotamus gebildet war, die durch- und übereinanderlagen und schleunigst das tiefe Wasser aufsuchten.
Längs des Kongoflusses sind vom Staat etappenweise Holzposten eingerichtet, die die Dampfer gegen eine geringe Entschädigung an Stoffen und »Mitakos« mit Brennmaterial versehen. Der Mitako ist ein zwölf bis fünfzehn Zentimeter langer, drei Millimeter starker Messingstab, welcher an Geldes Statt einen bestimmten Wert, und zwar je nach der Länge fünf bis zehn Centimes, repräsentiert. Ich vergaß zu erwähnen, daß Geld vom Stanley-Pool ab als Verkehrsmünze nicht gangbar ist. An dessen Stelle tritt der Mitako und am Oberlauf die Nsoka, ein spatenförmiges Stück Eisen, aus dem die Eingeborenen ihre Pfeilspitzen verfertigen.
Das Erscheinen des Dampfers ist für die Eingeborenen allemal ein aufregendes Ereignis. Da der »Nfumu ntanga« im ganzen Stromgebiet als guter Zahler bekannt war, eilte die Bevölkerung auf das dreimalige Ertönen der Dampfpfeife, zum Zeichen, daß das Schiff anlegen möchte, ans Flußufer. Oft schon binnen weniger Minuten waren die sonst verlassenen Ufer schwarz von Menschen. Männer, Frauen und Kinder eilten herbei, in ihren »Kisakos« (Tragkörbe) schnell alles herantragend, dessen sie habhaft werden konnten.
Nsusu (Hühner), mpata (Enten), njama (Ziegen), maki na nsusu (Eier), nanasi (Ananas), Palmöl in großen Steinkrügen, aber auch Mbidia, eine Art Polenta, matadi, das Blatt der Maniokstaude als Gemüse bereitet, geräucherte Heuschrecken, Termiten und ähnliche Leckereien für die besonderen Feinschmecker wurden, sauber in Blätter eingewickelt, von den Eingeborenen zum Kaufe angeboten.
Eines Tages sah ich wieder belustigt dem mir neuen, ungewohnten Leben und Treiben am Ufer zu. Aus dem Handeln, Feilschen, Schnattern tönte das Kreischen und Schelten alter Frauen, die stets sehr anspruchsvoll sind und sich von ihren Sachen nicht trennen wollen, heraus. Da bemerkte ich in der Ferne eine ältere Kokette, die offenbar bei ihrer Morgentoilette überrascht worden war und nun, von der Angst, zu spät zu kommen, getrieben, pustend, schwitzend und schnaubend dahergelaufen kam. Ein Teil der Haare war in kleinen Zöpfchen und Strähnen, reichlich mit rotem Tukulapulver und Palmöl vermischt, gedreht, während die übrigen, wie beim Struwwelpeter, ihr wirr um den Kopf hingen. Zwei enorme Brüste, die bis an den Nabel herunterreichten, baumelten beim raschen Laufen klatschend gegen den aufgedunsenen, herabhängenden Leib, der in der rückwärtigen Partie sein Gegenstück in einer unförmigen Rundung fand. Keuchend vor Aufregung, die Schweißtropfen in langen, roten Linien über Gesicht und Brust herabrinnend, hatte sie endlich ihren schweren Korb zwischen die der anderen Megären niedergestellt und stürzte sich sofort, wie das Raubtier auf seine Beute, auf ein paar schwarze Arbeiter des Dampfers, die unschlüssig mit ihren Mitakos in der Hand dastanden und offenbar nicht wußten, was sie unter all den dargebotenen Schätzen kaufen sollten. Mit einer Selbstverständlichkeit, die ihnen absolut keine Zeit zum Überlegen ließ, nahm sie ihnen die Mitakos aus der Hand, klemmte sie zwischen die Oberschenkel unter dem etwa fünf Zentimeter breiten »Schamfleck«, der ihr einziges Kleidungsstück bildete, und gab jedem dafür eine gewisse Anzahl »Chikoange« (gestampfte Maniokwurzel in Blätter gehüllt, an Stelle unseres Brotes von den Eingeborenen verzehrt).
Dieselbe Prozedur wiederholte sie zu meinem Erstaunen soundso oft mit dem gleichen Erfolg, noch ehe ihre Opfer aus ihrer Verblüffung herausgekommen waren. Wagte ein besonders Mutiger eine Einwendung gegen dieses summarische Verfahren, dann schleuderte sie ihm durch ihre wulstigen Lippen eine derartige Flut von Verwünschungen und Drohungen entgegen, stemmte ihre Arme in die Seiten und erhob ein solches Geschrei, daß der Tapfere schleunigst das Feld räumte. Denn in ihrem Zorn, der wie ein Blitz aus ihren Augen sprühte, war sie geradezu furchtbar anzusehen, und jeder fürchtete offenbar, zur Schadenfreude der anderen, noch eine Tracht Prügel obendrein zu erhalten. Als letzte unter allen Frauen war sie gekommen — als erste hatte sie ihren Stand vollkommen ausverkauft. Dann nahm sie, ihre Umgebung mit mißtrauischen, giftigen Blicken musternd, all die glänzenden Mitakos hinter ihrem Schamschurz hervor und legte sie in Bündeln von je zehn vor sich hin.
Beim Durchmustern all der Frauen am Ufer bemerkte ich nicht ein einziges junges Geschöpf. Die Männer halten die jungen Schönen im Dorfe zurück, aus Angst, daß sie mit einem der Arbeiter auf dem Dampfer entwischen könnten. Dies soll übrigens oftmals vorkommen, besonders dann, wenn der Dampfer an solch einem Holzposten übernachtet.
An diesen Anlegestellen wurden vom Kapitän Hühner, Enten und Ziegen, Eier, Ananas und andere Lebensmittel für die Schiffstafel gegen Chilulu mufike, Indigo blùe drill — Stücke à 4 Bras, jede Bras 2 Yards — Mitakos, Salz, Haumesser usw. eingetauscht. Auffällig ist, wie mißtrauisch und habsüchtig die Eingeborenen sind. Sie geben ihre Waren nicht eher aus den Händen, als bis sie die volle Bezahlung dafür erhalten haben. Es liegt selbstverständlich im Interesse jedes passierenden Kapitäns, streng darauf zu achten, daß sowohl Brennholz als auch alle Lebensmittel gebührend bezahlt werden, da er sonst bei seiner Rückkehr weder das eine noch das andere, wohl aber dafür Pfeile für die Besatzung vorfinden würde.
Als warnendes Zeichen geben allenthalben abgebrannte Posten beredtes Zeugnis von früheren Vorfällen. Die vom Staat hingesetzten Wärter wurden von den Eingeborenen ermordet, und da die meisten Stämme dieser Gebiete, wie Bayansi, Bambala usw., Kannibalen sind, aufgefressen. Die Leute trugen ihre Hütten einfach einige Stunden weiter ins Innere in unzugängliche Moräste und den Urwald, wo sie vor der Rache des Europäers vollkommen sicher waren.
Wir berührten im Verlaufe der Reise auch hie und da Dörfer, die von der Schlafkrankheit, jener furchtbaren Seuche, heimgesucht wurden, die alljährlich Hunderttausende an Opfern fordert, ohne daß es damals bereits trotz mannigfacher Versuche gelungen wäre, ein wirksames Heilmittel zu ihrer Bekämpfung zu finden. Ehemals blühende Dörfer in der Umgebung von Berghe Ste. Marie glichen einer vollkommenen Wildnis, die Wege waren verwachsen, die Hütten zum Teil verfallen. Vor ihnen hockten und kauerten auf zerrissenen Matten in der Sonne lebende Skelette, grau von Schmutz und Schuppen, die knöchernen Arme flehend erhoben, den Tod in den fahlen, tiefgeränderten, völlig glanzlosen Augen. Hie und da wankte eines dieser entsetzlichen Gerippe ins Innere des Hauses, um Nahrung für die anderen zu holen.
Weder alt noch jung, weder Mann noch Frau verschonte diese verheerende Seuche. Sie alle waren dem Tode verfallen. Was im Bereiche des Dorfes lag und weit darüber hinaus raffte er alles mit seiner unbarmherzigen Sichel dahin. Ich sah einen Säugling an der vollkommen versiegten Mutterbrust, aus der mangels Milch ihr rotes Herzblut floß. Kinder streckten ihre knochigen Arme mir entgegen. Erheben konnten sie sich nicht mehr, sondern nur auf allen vieren kriechen. Diese geisterhaften Kinder sahen so still und allwissend aus, das Unerforschliche, der Tod, hatte sich ihnen bereits offenbart. Herzerschütternd wirkte solch ein Anblick, und tief niedergedrückt verließ ich die traurige Stätte.
Wir passierten Irebu, eine größere Garnisonstadt, in der die neu eingereihten Rekruten ausgebildet werden, hierauf Equateurville, die ehemalige Hauptstation des Oberkongo, und eine Stunde später Coquilhatville, unmittelbar am Äquator gelegen. Schräg gegenüber Irebu mündet der Ubangi, einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Kongo. Dieser selbst gleicht im oberen Lauf einem Binnensee, dessen Breite zwischen 18 und 25 Kilometer wechselt.
Coquilhatville liegt auf einer Anhöhe am linken Flußufer und ist eine der größten und schönsten Stationen am Kongo. Freilich auf den Neuling, der unmittelbar aus Europa kommt, und vielleicht erwartet, zwischen Palmen moderne städtische Wohnhäuser zu finden, wird Coquilhatville, wenn der Dampfer um die Waldspitze unterhalb der Station biegt, keinen besonders imposanten Eindruck machen. Wer aber selbst nach drei-, vierjähriger Dienstzeit Gelegenheit gehabt hat, eine Station in irgendeinem Winkel des großen Urwaldes zu erbauen und händeringend vor dem ersten eigenen, windschiefen, architektonischen Erzeugnis gestanden hat, der weiß zu ermessen, welch ungeheure Arbeit Menschenhände hier geleistet haben. Der Weg führte auf eine terrassenförmig aufgebaute Anhöhe, auf der stolz am hohen Flaggenmast die blaue Fahne mit dem gelben Stern im Felde im Winde weht, und verzweigt sich von hier aus über das Plateau in verschiedene Mangoalleen, die auf eine Kaffeeplantage führen. Im Schatten der Bäume, von kleinen Ziergärten umgeben, lugen die europäischen, in roten Ziegeln aufgeführten Gebäude mit drei Meter breiten, luftigen Veranden äußerst lieblich und einladend hervor. Inmitten der Station vor dem Gebäude des Distriktskommissars befindet sich ein großer, freier Platz, der als allgemeiner Sammelplatz morgens beim Appell für Europäer und Mannschaft dient. Die Anlagen, welche auf tausend Meter im Umkreis bis in die Felder der Eingeborenen führen, sind mit Flamboyants, Bananen, Papay- und Goyavenbäumen bepflanzt. Ananasstauden säumen sie ein. Hinter der Station befindet sich ebenfalls eine Kaffeeplantage, die bei unserer Ankunft in voller Blüte stand. Die samtartigen, schneeweißen Sternblüten erfüllten die Luft mit aromatischem, süßem Duft. Ich habe Coquilhatville als größere Station absichtlich etwas näher beschrieben, weil alle anderen Staatsposten am Flusse mehr oder weniger dasselbe Gepräge tragen.
Wie bereits erwähnt, gleicht der Kongo hier einem Binnensee. Unser Dampfer bahnte sich mühsam zwischen Sandbänken und Inseln seinen Weg. Mehrmals fuhren wir auf Sandbänke auf. In den meisten Fällen kamen wir aber nach kurzer Anstrengung, und nachdem sämtliche Arbeiter ins Wasser gesprungen waren und mitgeholfen hatten, wieder los. Lulanga und Nouvelle Anvers passierten wir ohne Unfall.
Am 15. April mittags brach ein Tornado über uns herein, der uns mitten auf dem Strome überraschte und uns allen fast zum Verhängnis wurde. Der Morgen begann mit feinem Regen, später wurde es empfindlich kalt, tiefer Nebel legte sich im Laufe des Vormittags auf die Wasserfläche, so daß die Orientierung ziemlich schwer wurde. Gegen Mittag vernahmen wir in der Ferne ein Rauschen und Brausen in den Wipfeln der Bäume, das immer tosender wurde und sich mit rasender Geschwindigkeit uns näherte. Van den Andel versuchte sofort, das Schiff durch die in der Fahrtrinne unter Wasser liegenden Sandbänke in die Nähe des Ufers in Sicherheit zu bringen, doch der herannahende Orkan überholte uns. Unter Heulen und Sausen fegte der Sturm über uns her, und der Donner krachte. Prasselnd zog eine undurchdringliche Regenwand über das Wasser her und ging wie eine wahre Sintflut über uns nieder, alles, was nicht niet- und nagelfest an Bord verstaut war, mit sich in den Strom reißend. Mächtige Orkanstöße trafen das Schiff von einer Seite, so daß es zu kentern drohte. Unwillkürlich flüchtete alles vor der Wucht der Regenmassen auf die andere Seite des Dampfers. Der Kapitän stürzte, in der Rechten die Nilpferdpeitsche, in der Linken den Revolver, ins Unterdeck und peitschte unbarmherzig auf die nackten Leiber der vor Todesangst heulenden und »Kilima«, ihren Gott, anrufenden Neger, um sie auf die andere Seite zu treiben, welche unbedingt belastet werden mußte, wollten wir nicht alle eine Beute der Krokodile werden. Inzwischen zuckten Blitze und krachte der Donner unaufhörlich. Unser Dampfer war »mit höchster Geschwindigkeit« auf eine Sandbank aufgefahren, wurde vom Wirbelwind erfaßt, wie ein Kreisel um sich gedreht und, ein Spielball von Wind und Wetter, stromabwärts getrieben. Die Stahltrossen beider Anker, die wir bei der ersten Sandbank ausgeworfen hatten, waren von der Wucht des Sturmes wie Zwirn zerrissen worden. Die überirdischen Mächte hatten ihren Riesenmund aufgetan und zu reden begonnen, die gewaltigen Urwaldstämme wurden vom Sturm mit mächtigen Fäusten gepackt und inmitten von Feuer und Flammen der niedersplitternden Blitze mit donnerartigem Krach zu Boden geschleudert. Himmel und Erde berührten sich in den herabstürzenden Wassermassen, die Hölle schien ihren Schlund geöffnet zu haben.
Völlig machtlos, wie eine Nußschale, war unser Dampfer einige hundert Meter stromabwärts gegen eine breite, unter Wasser liegende Sandbank getrieben, die seinem weiteren Lauf glücklicherweise ein Ziel setzte. Hier blieb er festsitzen — wir waren gerettet. Wohl eine halbe Stunde mochte der Himmel all seine Schleusen über uns geöffnet haben, ehe wir wagten, wieder freier aufzuatmen und die Schäden, die der Tornado angerichtet hatte, näher zu betrachten. Wir saßen zwar auf der Sandbank fest, doch der Dampfer hatte mit Ausnahme der zwei gesprengten Stahltrossen und Anker, die sich übrigens bald wieder vorfanden, keinerlei Schaden genommen. Dagegen hatten wir zwei Ziegen, sämtliche Hühner und Enten sowie einen Teil der kleinen Bagage unserer Mannschaft eingebüßt, ein Verlust, der in Anbetracht der schweren Gefahr, in der wir alle geschwebt hatten, nicht bedeutend war. Unser Glück wollte, daß gerade der Dampfer »Schattenstroem« gesichtet wurde, der auf unsere Notsignale hin uns Hilfe brachte, so daß wir binnen drei Stunden von der Sandbank loskamen.
Wir passierten Mobeka und gelangten schließlich nach Irengi und Upoto, der Stätte der Sehnsucht so mancher Europäer, da hier die Mädchen und Frauen, gleich Eva vor dem Sündenfall, in anmutiger Unschuld ihren Körper vollständig nackt dem Auge darbieten. Je weiter man sich vom Stanley-Pool entfernt, desto mehr verkürzt sich der kunstvolle Faltenüberwurf der Negerinnen von oben als auch von unten, bis hier in Upoto auch die letzte Hülle fällt und dem anfänglich erstaunten Auge gleich einer antiken Statue den ebenmäßig schöngeformten Körper enthüllt. Weder Mieder noch Schuh entstellt die schlanke Gestalt, keinerlei Modekünste verunstalten den zierlichen Fuß. In harmonischer Linie, ein einheitliches Ganzes bildend, erweckt das entblößte Weib dem Beschauer nur Bewunderung für das Herrliche, was die Natur im Frauenkörper geschaffen hat. Unbefangen gehen Frauen und Mädchen im Evakostüm ihrer Arbeit nach, unbefangen sind ihre Bewegungen und Mienen.
So eigenartig es uns auch im ersten Augenblick anmutet, alle unsere europäischen Anschauungen und Begriffe von Schamgefühl hier umgeworfen zu finden, merken wir nach kurzer Zeit mit Erstaunen, daß der unbekleidete, lebenskräftige Körper uns gar nicht erotisch berührt. Ist es in Europa der ungewohnte Anblick eines Körpers, der gewöhnlich sorgsam vor unserem Auge gehütet wurde? Liegt es in unserer Erziehung oder anderer Lebensauffassung, oder nimmt der zufällig bloße Körper einer Frau infolge des verletzten Schamgefühls Stellungen ein, die unwillkürlich beim Betrachten erotische Gefühle hervorrufen? Kurzum — ich habe nichts dergleichen beim Anblick dieser Frauen gefühlt, und nicht etwa aus dem Grunde, daß sie nach europäischen Begriffen unschön wären. Der Europäer ist im allgemeinen geneigt, alle Neger und Negerinnen häßlich zu finden. Auch hierin begeht er einen Irrtum. Wenn man viele Jahre zwischen ihnen gelebt hat, bemerkt man, daß es zwischen ihnen ebensowohl schöne als häßliche Menschen gibt, geradeso wie bei uns Europäern. Ich habe im Laufe meiner vielen Reisen Negerinnen gesehen, die es an Grazie, Wuchs und Gestalt mit jeder Europäerin aufnehmen konnten.
Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß alte sowie schwangere Frauen die Blößen ihres Körpers verdecken, nur Kinder, junge, gesunde Mädchen und Frauen sind unbekleidet. Der Mangel einer Kleidung soll nicht bedeuten, daß die Mädchen und Frauen Upotos verhältnismäßig nicht ebenso eitel wie ihre Schwestern in Europa wären. Ihre Eitelkeit ist nur anderer Art und besteht darin, unförmige Bündel von Perlen sich um den Hals zu hängen oder schwere Messingringe (oft zwei bis drei Kilogramm schwer) um Füße, Hals oder Hände schmieden zu lassen. Doch damit noch nicht genug verunstaltet, werden Arme und Gesicht zu einer greulichen Maske tätowiert.
In Upoto kam Janssen, mein zukünftiger Chef, an Bord und schlug mir gegenüber gleich einen so kameradschaftlichen Ton an, daß wir sofort gute Freunde wurden. Er hatte keinerlei Geheimnisse vor mir, zeigte mir sämtliche Briefe und Instruktionen aus Brazzaville, und die nächsten Tage vergingen wie im Fluge mit Plänen und Besprechungen.
Wir passierten auf unserer weiteren Reise Basoko, an der Mündung des Aruwimi, und Isangi, an der Mündung des Lomamiflusses gelegen, und trafen nach 24tägiger Flußfahrt in Stanleyville, dem Endziele unserer Reise, ein. Ich betrachtete Stanleyville eigentlich erst als Ausgangspunkt meiner afrikanischen Laufbahn und das vorher Erlebte gewissermaßen als eine Art Übergangsstadium.
Stanleyville liegt am rechten Ufer des Flusses unmittelbar unterhalb des ersten der sieben verschiedenen Fälle und Katarakte, die insgesamt unter dem Namen »Stanleyfalls« bekannt sind und der Schiffahrt am Oberkongo vorläufig ein Ende setzen. Als Endstation der Dampferlinien und Ausgangspunkt der Truppen, die nach dem Osten gegen die revoltierenden Soldaten der Expedition Baron Dhanis und zur Unterdrückung der Araberaufstände entsandt wurden, war Stanleyville bereits Beginn 1899 eine ansehnliche Station und zählte gegen 42 europäische Beamte und Offiziere unter der Leitung eines Commissaire général.
Unsere Ankunft fiel in eine kritische Periode. Stanleyville war vor kurzem anläßlich der Kämpfe mit den Arabern und Suaheli der Schauplatz blutiger Ereignisse gewesen. Gegen 35000 Suaheli (berüchtigte Sklavenjäger und Mischvolk aus Arabern und den verschiedenen Negerstämmen), die das Nutzlose weiterer Kämpfe eingesehen und sich ergeben hatten, waren zwangsweise in der Umgebung von Stanleyville und den Strom entlang, bis La Romée, angesiedelt worden. Diese unbotmäßigen Horden zu regieren und ihrem Morden und Plündern Einhalt zu gebieten, war keineswegs eine leichte Sache. Reibungen entstanden oftmals aus geringfügigen Anlässen, und das Bewußtsein von der Übermacht dieser Fanatiker gegenüber dem Häuflein von Europäern erweckte in uns das Gefühl, auf einem Pulverfaß zu sitzen.
Kommandant Verdonk, der damalige Distrikts-, später Generalkommissar, empfing uns auf das liebenswürdigste und händigte uns die Schlüssel der Faktorei, die Herr Kiel ihm vor seiner Abreise übergeben hatte, aus.
Nach all den herrlichen Staatsposten, die wir im Laufe unserer Reise besuchten, hatte ich mich natürlich in Gedanken oftmals gefragt, wie wohl meine zukünftige Faktorei aussehen möge, und da der Kapitän keine befriedigende Auskunft zu geben vermochte, mir in meiner regen Phantasie ein kleines Schmuckkästchen, unter lauschigen Palmen oder Mangobäumen hervorlugend, vorgestellt. Unsere aufs höchste gespannten Erwartungen machten daher einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz beim Anblick der inmitten eines vollständig kahlen, zum Fluß abfallenden Geländes gelegenen armseligen paar Gebäude, die unsere Faktorei vorstellen sollten. Die ehemals diesseits des Flusses am Ufer entlang liegende Kaffeeplantage war von unserem Vorgänger mit Stumpf und Stiel ausgerottet und an deren Stelle auch nicht der leiseste Versuch unternommen worden, das nunmehr vollständig kahle Terrain mit Nutz- und Zierbäumen zu bepflanzen. An Baulichkeiten bestand vorläufig nichts als ein kleines unansehnliches, provisorisches Haus mit zwei Räumen, dessen einer als Schlafzimmer, der zweite als Waren- und Produktenmagazin diente. Außer diesem provisorischen Gebäude hatte Kiel mit dem Bau eines Magazins begonnen, von dessen einen Hälfte man hoffen konnte, daß sie in den nächsten Tagen vollendet sein würde. Die ganze Einrichtung war den Verhältnissen entsprechend höchst primitiv und nur für eine Person berechnet, so daß es, vom Bett angefangen, am Nötigsten für mich mangelte. Offenbar hatte unser Vorgänger seine ganze Aufmerksamkeit und Energie einzig und allein dem Handel mit den Arabern und Eingeborenen zugewendet und darüber seine eigene Bequemlichkeit vollständig außer acht gelassen.
Hier gab es Arbeit für uns beide in Hülle und Fülle. Ein komfortables Wohnhaus, Bett, Tisch, Stühle, Schränke, kurzum, alles fehlte und mußte geschaffen werden. Wir richteten uns also vorläufig so gut wie möglich in den beiden Räumen ein und brachten die aus dem Dampfer entladenen Waren und Lebensmittel mangels eines Magazins auf den Veranden und in dem unvollendeten Bau unter. Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch verließ uns der »Nfuma ntanga«, und wir hatten nunmehr Gelegenheit, unser Personal etwas näher zu inspizieren.
Laut Angabe der Direktion sollte dasselbe aus dem schwarzen Schreiber, der die Arbeiten eines europäischen Beamten verrichtete, und zwanzig ausgewählten Männern von der Küste, darunter Schreiner und Schlosser, bestehen. Die meisten dieser Leute, vor allem die Handwerker, hatten jedoch die Faktorei gleichzeitig mit Kiel verlassen und waren an die Küste zurückgekehrt. Zurückgeblieben waren nur fünf Mann, und diese gehörten zu jener Kategorie von Leuten, die sich schnell irgendwo eingewöhnen und dann auch dableiben. Sie hatten sich, wie wir bald bemerkten, einen vollständigen Harem von Boys und Frauen zugelegt, steckten mit den Arabern unter einer Decke und waren mit der Zeit träge und faul geworden. Außer diesen sechs Mann von der Küste waren je nach Bedarf zwanzig bis dreißig Suaheli unter der Leitung eines Chef-Capitas mit Namen Mustapha auf der Faktorei, Sklaven des arabischen Oberhauptes Shibu, die monatlich ausbezahlt wurden. In Mustapha hatte unser Vorgänger entschieden eine glückliche Wahl getroffen. Er war von zierlicher Gestalt, hellbrauner Farbe und gewinnendem Wesen. Seine Gesichtszüge trugen arabischen Charakter und waren unstreitig intelligent. Lippen und Nase waren im Gegensatz zu den Eingeborenen schmal und edel geformt, Hände und Füße zart und sorgfältig gepflegt. Die etwas hervortretenden Backenknochen und flammenden Augen gaben dem Gesicht ein energisches Gepräge. Den europäischen Beamten und höheren Sultans und Scheikhs gegenüber stets bescheiden und zuvorkommend, war er gegenüber den Arbeitern und Negern stets der befehlende Gebieter, dem sie unbedingt gehorchten. Dies ist in kurzen Umrissen das Charakterbild des Mannes, der als Dolmetscher und im Umgang mit den Arabern unser hauptsächlichster Führer und Berater wurde. In allem war er versiert, in allem wußte er Bescheid.
Am Tage nach unserer Ankunft, und noch ehe wir Gelegenheit gehabt hatten, uns völlig einzurichten, war Mustapha mit den arabischen Häuptlingen der Umgebung, wie Habibu Ben Salim (der später vom König Leopold in Brüssel in Audienz empfangen wurde), und Shibu, erschienen, um uns zu begrüßen. Beide, imposante Greise mit herrlichen schneeweißen Bärten, in golddurchwirkte, mit kostbaren Handarbeiten besetzte Gewänder gehüllt, gefolgt von zahlreichem, vom Kopf bis zu den Füßen in blendend weiße Hemden gekleidetem Volk, machten auf uns, die wir bisher nur mit halb oder ganz nackten Wilden Handel getrieben hatten, einen imposanten Eindruck. Da die gläubigen Araber, wenigstens öffentlich, keinen Alkohol, auch keinen Champagner trinken, ließen wir ihnen schwarzen Kaffee mit englischen Cakes vorsetzen. Mustapha vermittelte das Gespräch als Dolmetscher, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß unser Vorgänger es verstanden hatte, sich ihre Freundschaft zu erwerben. Mit der beiderseitigen Zusicherung, es auch fernerhin so zu halten, versprachen sie, uns ausgiebig mit Elfenbein und Reis zu versorgen.
[4] Katuka — schau, daß du fortkommst, nyama — gleichbedeutend mit »Vieh«.