Im beständigen Kampf mit Haß, Eifersucht, Blutdurst und tierischer Brunst der eigenen Rasse, gewohnt, in den Raubtieren und dem giftigen Gezücht des Urwaldes und auch in dem Nächsten den unerbittlichen Todfeind zu sehen, kennt der Neger tief drinnen im Urwald keinen barmherzigen Gott. Er kennt nur unheimliche, tückische Gewalten, die gleich den Fieberdünsten des Waldes in der Nacht sein Lager umschleichen und sein Leben, sein Hab und Gut und seine Gesundheit bedrohen. Diese Götter zu versöhnen, ihren Zorn und Rache von sich abzuleiten, das ist sein einziges Bestreben.
Wenn Unheil und Krankheit über ihn hereinbrechen, wenn im Getöse des Tornados, in Blitz und Donner die Hölle ihre Orgien feiert, wenn er, von Fiebern geschüttelt, in grauenvoller Nacht dem Tode ins Auge schaut, dann wirft er sich in den Staub vor seinem Götzenbild — denn seine Furcht vor »Ilimma«, dem Fabelungeheuer mit dem glühenden Auge und dem giftigen Odem, ist groß.
Der Einfluß der Fetisch- oder Medizinmänner, welche den Verkehr mit den Göttern vermitteln, ist im Innern des Landes, bis wohin die Macht des Europäers nicht reicht, ungeheuer. Sie gebieten über Leben und Tod ihrer Mitmenschen. Jede Region hat ihre Gottheit in Form eines hölzernen Götzen irgendwo im düstern Dunkel des Waldes, von Fetischmännern eifersüchtig bewacht, versteckt. Er ist dem profanen Auge des Uneingeweihten nicht sichtbar, und jeder Versuch eines Fremden, in das Geheimnis einzudringen, wird mit dem sofortigen Tode bestraft.
»Djakombo« und »Zambi« am Unterkongo — »Ilimma« am Oberkongo genannt, sind die Herrscher über alles Lebende. Sie suchen die Menschheit mit Seuchen heim, um sie zu vernichten, sie senden ihnen Hungersnot, Heuschrecken- und Ameisenplage. Neben ihnen hausen eine Menge anderer böser Geister, die »Likundu«, die alle möglichen Missetaten verüben. Bald vernichten sie die Ernte, bald tauchen sie in der Gestalt irgendeines reißenden Tieres, wie Krokodil und Leopard, auf, um Menschenleben zu vernichten. Im allgemeinen glauben die verschiedenen Stämme an ein zukünftiges Leben in irgendeiner Form. Daher rührt auch ihr Totenkultus. Den Verstorbenen werden bei einzelnen Stämmen Nahrungsmittel, Haushaltungsgerät, Waffen, sogar Diener mit ins Grab gegeben.
Von der Geburt des Kindes an bis an sein Ende ist der Fetischmann eigentlich derjenige, der den Lebenslauf jedes einzelnen regelt. Er fabriziert die Medizin, um das Kind im Mutterleibe vor den Anschlägen feindlicher Mächte zu bewahren, er beschwört den bösen Geist, der bei der Geburt in das neuentstandene Wesen hineinfahren möchte, er verkauft der Mutter all die Amulette und »Mobangas«[5], um Seuchen und Krankheiten vom Kinde fernzuhalten. Stirbt ein Kind trotzdem vorzeitig, dann hat irgendein feindliches Wesen es mit giftigem Atem angehaucht. Die Familie schwört Rache und verspricht dem Fetischmann reichliche Geschenke, wenn er ihr den Urheber ausliefert. Dieser beruft das ganze Dorf und sämtliche Anverwandten für den Abend zur »Moganga« oder zum Gottesgericht.
Am großen Sammelplatze des Dorfes haben sich im Mondschein sämtliche Einwohner zusammengefunden. Am großen Feuer sind die Männer versammelt und harren der Dinge, die da kommen sollen, während ihre Frauen mit den Kindern in Gruppen zusammenstehen und das kommende Ereignis besprechen.
»Mongoleina«, der mächtige Häuptling der Region, in vollem Ornat, hat seinen mit Leopardenfellen ausgelegten Sitz eingenommen. Wie er so majestätisch über den freien Platz dahinschreitet, ist er das Symbol eines starken, unabhängigen Volkes. Er ist in der Tracht seiner Vorväter gekleidet, die er nur bei ganz besonderen Anlässen zu tragen pflegt und die harmonisch wirkt, wenn man nur den rechten Körper dazu hat und sie mit Verstand anzulegen weiß. Um die Lenden in weiten Falten ein Schurzfell, aus bunten Bambusfibern hergestellt, um den Hals eine Schnur mit Leopardenzähnen, zum Zeichen seiner Würde, an den Hand- und Fußgelenken schwere Messingringe, auf dem Kopfe ein dichter Kranz von Adlerfedern, kunstvoll mit einem Leopardenfell zu einem Kopfputz vernäht, in der Hand eine lange schwarze Lanze: so schreitet er siegesbewußt auf den Ehrenplatz unter den Mondenbäumen zu.
Von ferne her ertönt ein Gemisch von dumpfen und hellen Lauten von Gongs, Hörnern und Holztrommeln. Der Fetischmann mit seinem eingeweihten Stab, das große Verhängnis, naht. Gespannt blicken alle Augen in die Richtung, aus der er kommen muß.
Und schon naht er mit seiner Truppe, die mit ihrem wiegenden Tanzschritt und ihrer phantastischen Bemalung einen unheimlichen Eindruck auf die versammelte Menge macht. Ihre Mitglieder sind vom Kopf bis zu den Füßen mit rotem Tukulapulver beschmiert, so daß sie wie in Blut getaucht erscheinen. Um die Hüften tragen sie einen kurzen Rock aus Binsen, der bis zu den Kniegelenken reicht, um die Augen, deren Lider und Brauen mit Ruß pechschwarz gefärbt sind, um den unheimlichen Ausdruck zu erhöhen, laufen mit weißer Kreide gemalte Ringe; Wangen, Brust und Arme sind mit Hieroglyphen bedeckt.
Aus ihrer Mitte löst sich jetzt der Medizinmann, der durch die reiche Ausstattung, die Schellen und schweren Eisenringe an Armen und Füßen, die gräßliche Maske auf dem Kopf sowie eine Schnur von Leopardenzähnen um den Hals als Zeichen seines hohen Ranges, sofort die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Kreise herumtanzend, vergewissert er sich zuerst, ob alle Einwohner des Dorfes anwesend sind. Vielleicht sucht er sich auch jetzt schon sein Opfer aus.
Dann beginnt der eigentliche Tanz, der sich nur schwer beschreiben läßt. Unter dem dumpfen Klang des Gongs und den hellen Wirbeln der Trommeln redet der Medizinmann zur Menge, dabei die Missetaten und Menschenopfer aufzählend, die der »Likundu« bereits gefordert hat. Ein vollendeter Bauchredner und Sänger, stößt er unartikulierte Schreie aus, hält Reden, gibt sich selbst Antwort und führt dabei allerhand geheimnisvolle Bewegungen aus. Bald tanzt er mit Händen und Füßen, bald wirbelt er in rasender Ekstase um sich selbst, bald verfällt er in eine Art zuckender Krämpfe, wobei er mit Armen und Füßen um sich schlägt wie im Kampf mit Dämonen, die in seinem Innersten wüten. Dann wieder verschwindet er wie ein Pfeil im Dunkel der Nacht, und gellende, markerschütternde Schreie widerhallen im schaurigen Echo des Waldes. Offenbar ruft er ein unsichtbares Wesen, das ihm antwortet, worauf er plötzlich wieder in der Mitte seiner Leute, die inzwischen Gongs, große Elfenbeinhörner und Trommeln in rasendem Tempo bearbeitet haben, auftaucht und die erschreckte Herde Menschen in seinen Bann zieht.
Immer wilder werden Ausdruck und Gebärden des Tanzes, die Augen üben durch die Maske einen schauerlichen, faszinierenden Eindruck auf die Umgebung aus. Der Tänzer selbst und seine Begleiter geraten in eine Art wilder Ekstase, ihre Augen nehmen ein eigenartiges Feuer, einen starren Blick ins Leere an. Es ist der Blick einer Schlange, der das Opfer vor Schrecken lähmt. Mit heiseren, unartikulierten Lauten, mit seinen schlangenartigen Bewegungen, mit der hypnotischen Wirkung seiner starren Augen zwingt er die unwissende Menge unter seinen Willen.
Stunden vergehen — in langen Rinnsalen, wie Blut, rieselt der Schweiß an den Körpern der Mitwirkenden hinab. Die Menge ist aufs höchste erregt und antwortet auf die hervorgestoßenen Fragen mit drohendem Gebrüll. Der feierliche Moment naht. Wieder verschwindet der Tänzer, wie von einer unsichtbaren Macht verschlungen, und sein Wehklagegeheul ruft im Walde ein lautes Echo hervor. Im nächsten Augenblick erscheint er mit der gefährlichen Medizin und stürzt sich auf sein Opfer. Dieses, im Bewußtsein seiner Unschuld, trinkt gewöhnlich sofort die dargereichte Medizin. Tut es dies nicht, dann ist die Schuld so gut wie erwiesen, und die durch die nächtlichen Vorgänge und durch das unausgesetzte Rauchen von Hanf zur höchsten Blutgier aufgestachelte Menge stürzt sich mit Messern, Hauen und Spaten auf ihr Opfer, um es an Ort und Stelle zu schlachten und buchstäblich in Stücke zu zerreißen. Jeder sucht ein Stück desselben zu erwischen.
Hat der Betreffende das Gift getrunken, und ist er imstande, es sofort wieder zu erbrechen, so ist dies ein Beweis seiner Unschuld, und das Fest findet seinen Fortgang, indem der Fetischmann ein zweites Opfer, und so weiter, auskundschaftet, bis das Gift endlich seine Wirkung tut.
Zahllos sind die Fälle, bei denen der Giftbecher als Gottesgericht entscheidet, und nachgewiesenermaßen hat ein und dasselbe Gift, von zwei verschiedenen Personen getrunken, ganz verschiedene Wirkung. Auch die Art der Gifte wechselt bei den verschiedenen Negerstämmen, und es ist festgestellt worden, daß z. B. bei allen jenen, die ihr Opfer verzehren, das Gift eine stark berauschende, vorübergehende Wirkung hat, also eigentlich nicht tödlich wirkt, während in anderen Distrikten unbedingt tödliche Gifte zur Verwendung gelangen.
Man erkennt am Geschilderten die ungeheuere Macht der Medizinmänner. Stirbt jemand auf unvorhergesehene Weise oder wird er ermordet, frißt ein Krokodil oder ein Leopard einen Eingeborenen, kommt eine Seuche über das Land, werden die Ernten durch Hagel und Unwetter vernichtet, kurz, bei jedem Unheil, das ein Dorf trifft, hat der Fetischmann Gelegenheit, sich seiner Feinde zu entledigen. Als Opfer wählt er mit Vorliebe mißliebige Gegner, ältere Männer und Frauen, alle jene, die ihm nicht seine Götzen abkaufen, oder auch Frauen, die sich ihm nicht willfährig zeigen. Kein Eingeborener ist vor der Tücke dieser Räuber sicher. Sie waren die gefährlichsten Gegner des Europäers bei der Unterjochung des Landes und haben vielen Expeditionen den Untergang bereitet. Sie bleiben es heute noch in jenen Gegenden im Innern, wo die Erschließung nicht durch die Macht der Gewehre, sondern durch den Handelsverkehr mit den Eingeborenen Schritt für Schritt vor sich geht.
Die Leute setzen unbedingtes Vertrauen in die überirdische Macht ihres Fetischmannes und in die Kraft seiner Medizinen. Sie glaubten auch an seine Fähigkeit, die modernen Schußwaffen unwirksam zu machen. Daher zeigten sie auch vielfach eine unglaubliche Unerschrockenheit im Kampf mit den Europäern, und die Fetischmänner konnten trotz des mörderischen Feuers immer und immer wieder neue Scharen von allen Seiten gegen ihren Gegner heranführen, bis dieser schließlich der Übermacht erlag. Gelang es, den Medizinmann zu töten, dann war gewöhnlich der Mut der schwarzen Scharen gebrochen, und in regelloser Flucht verließen sie den Kampfplatz.
[5] Medizin in allen möglichen Packungen.