Auf hoher See. Die Kanarischen Inseln.

Wir waren nachmittags 2 Uhr abgefahren. Abends 9 Uhr fuhren wir an Vlissingen vorbei, und bald darauf war an der scharfen Brise und an dem Schaukeln des Schiffes zu merken, daß wir uns auf hoher See befanden und in den Ärmelkanal eingefahren waren.

Die ersten Symptome der Seekrankheit stellten sich ein: Schwindel, ein unsagbar elendes Gefühl der Verlassenheit, schließlich vollständiges Erschlaffen jeder Widerstandskraft und das stille Ergeben in das Schicksal. Auf Anraten meines Reisekollegen hatte ich mich beizeiten mittschiffs auf dem Promenadendeck in meinen Streckstuhl gelegt und verbrachte da den größten Teil des Tages mit geschlossenen Augen. Es war übrigens herrliches Wetter, und eine steife Brise wehte von Norden her. In der Ferne, zur Rechten, die von der Brandung umspülten Küsten Englands, zur Linken eine unermeßliche Wasserwüste, von Zeit zu Zeit von Seglern, Fischerkuttern und Dampfern belebt. Wir passierten Brighton und liefen in den Golf von Biscaya ein.

Hier begann nun der eigentliche Neptunsreigen. Dieser Teil des Meeres ist unter den Seeleuten ganz besonders berüchtigt. Lange Wogen brachen sich am Bug des Dampfers, das ganze Vorderdeck mit Gischt und Sprühregen überschüttend. Tief tauchte der Bug des Schiffes in die gähnende Wasserfurche, um von der nächsten Woge haushoch emporgehoben zu werden. »Stille See« nennen die Seeleute, was wir in den nächsten acht Stunden durchzuhalten hatten. Eine bleierne Schwere lastete auf meinem Kopf, und im Innern verspürte ich das Gefühl, als ob sämtliche Eingeweide durcheinandergeworfen und verdreht worden wären.

Als ich am nächsten Morgen nach langem, tiefem Schlafe erwachte, hatte ich das unangenehme Gefühl der Seekrankheit völlig abgestreift, und nach einem erfrischenden Bad genoß ich bei herrlich strahlender Sonne das vielgepriesene, wonnige Gefühl einer Seereise. Um uns her nichts als das weite, in Sonne getauchte Weltmeer, über uns südlicher, wolkenloser Himmel. Auch das störende Schaukeln schien etwas nachgelassen zu haben, oder wir hatten uns derart daran gewöhnt, daß wir es nicht mehr merkten. Nach dem Frühstück hielt ich Umschau unter meinen Mitpassagieren und ließ mich von meinem Reisebegleiter Lukas, der bereits die Bekanntschaft des Kapitäns, sämtlicher Offiziere und Notabilitäten gemacht hatte, den Mitreisenden vorstellen. Der Vormittag verging mit »Shevel board«, einer Art Krocketspiel, welches an Bord von Schiffen allgemein getrieben wird, sowie mit dem »Jeu de palais«[1] um den Cocktail zur Aperitifstunde[2], in welchem Spiel besonders die Offiziere eine erstaunliche Gewandtheit besitzen.

Nachmittags kamen die Küsten Spaniens in Sicht. Wir passierten das Kap Ortegal und das Kap Finisterre, und unsere Augen weideten sich an den majestätischen Felsen, an deren Fuße die wilde Brandung tobt. Reizende Schlößchen, wie aus Gold ziseliert, von den Sonnenstrahlen überflutet, stehen trotzig und zugleich zierlich auf ihren Hängen — véritables chateaux d'Espagne. — Unwillkürlich tauchten Bilder aus vergangener Zeit vor meinen geistigen Augen auf, wo stolze Ritter und Knappen diese Burgen belebten und Spaniens Macht sich über die ganze Welt erstreckte. Bald schwanden auch Spanien und Portugal — mit Cap da Roca — aus unserem Gesichtskreis.

Da, mit einem Male, große Bewegung an Bord! Alles stürzte nach vorne an die Reling. Eine muntere Schar von Delphinen umtummelte in weitem Bogen unser Schiff. Wie Pfeile schossen die gewandten, fünf bis sechs Meter langen Walzen bis zu Meterhöhe über die Wasserfläche, knapp am Bug des in voller Fahrt befindlichen Schiffes vorbei, gleichsam eine Probe ihrer Geschicklichkeit und Schnelligkeit abgebend.

Am ersten Sonntag, den wir an Bord feierten, hatte sich sämtlicher Passagiere eine merkwürdige, weihevolle Stimmung bemächtigt. Um 10 Uhr fand eine Messe statt, an der ich, obgleich ich für gewöhnlich kein Kirchenbesucher bin, aus Neugierde teilnahm. Alle Passagiere und Offiziere des Schiffes sowie ein Teil der Mannschaft, soweit sie der Dienst nicht in Anspruch nahm, waren anwesend, und unter einer feierlichen Stimmung, wie ich sie am Festlande nie empfunden, ging die gottesdienstliche Handlung vorüber. Auch nach der Messe gehobene Sonntagsstimmung. Die Spielplätze für das Shevel board und das Jeu de palais, welche bisher stets eine übermütig lustige Gesellschaft vereinigten, blieben vollständig verwaist; die sonst so frohsinnigen, lebenslustigen Gesichter zeigten ernste Mienen; man plauderte im Flüsterton, um diejenigen nicht zu stören, die mit dem Prayerbook oder Brevier in der Hand, in Gedanken versunken, auf und ab schritten. Mich als Fremden, der mit den englischen Sitten und Gebräuchen völlig unbekannt war, mutete all dies sonderbar an. Ich benutze die Gelegenheit, einiges über unser Schiff zu sagen.

Belgien besitzt keine eigentliche Handelsmarine. Ein großer Teil der unter belgischer Flagge laufenden Schiffe ist englischen Ursprunges und von belgischen Reedereien gechartert. Dies traf auch auf unser Schiff »Albertville« zu. Es war ein modern ausgestattetes Passagierschiff der »Compagnie Belge Maritime du Congo« für den regelmäßigen Dienst Antwerpen-Kongo, mit etwa 6700 Tonnen Laderaum. Der Kapitän, sämtliche Offiziere und ein Teil der Mannschaft waren Engländer, während der Rest, in Antwerpen angeheuert, zumeist aus Flamen bestand. Der Dampfer lief durchschnittlich zwölf Seemeilen, besaß zwei übereinandergebaute Promenadendecks mittschiffs und faßte 48 Kabinen erster und 36 Kabinen zweiter Klasse. Wenn er auch mit den in der neueren Zeit konstruierten Ozeanriesen im Verkehr mit Amerika keinen Vergleich aufnehmen konnte, so enthielt er doch an Komfort alles, was man durchschnittlich bei nicht allzu unbescheidenen Ansprüchen verlangen konnte.

Nach drei langen Tagen und Nächten, in denen wir nichts als das unermeßliche Weltmeer um uns und einen wolkenlosen Himmel mit seinem tiefen, reinen Blau über uns gesehen hatten, näherten wir uns den Kanarischen Inseln. O Insel der Seligen, Oase in dieser Wasserwüste, wie schlugen dir alle unsere Gedanken, all unser Sehnen entgegen!

Wir sollten in der Nacht eintreffen; die Aufregung an Bord gegen Abend wuchs von Minute zu Minute. Das Diner, sonst eine Stunde üppigen Wohlbehagens, wurde in aller Eile eingenommen, und alles stürmte an Deck. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, eine milde, tropische Nacht, der Himmel mit strahlenden Sternen übersät, eine Nacht so recht geeignet zum Träumen. Ich schob meinen Lehnstuhl ganz nach vorne an die Brüstung, und mein vereinsamtes Herz hielt Zwiesprache mit den Gestirnen. Langsam stieg aus dem Meeresspiegel der Vollmond hervor, mit seinen silbernen Strahlen eine leuchtende Bahn über die Wasserfläche zu uns herwerfend, und in seinem zarten Schimmer erglänzten die Mastspitzen unseres Schiffes in mildverklärtem Licht. Allmählich erschienen am Horizont kleine Wolkengebilde, die langsam sich immer mehr zu einem Ganzen ballten. Bald unterschied das Auge auf diesen Lichter, und mit einmal kam die Erkenntnis: dies ungewisse Etwas sind nicht Wolken, sondern gigantische Felsmassen, die aus dem Meer emporragen. Wir nahten uns unserem Bestimmungsort; bald kamen wir ganz nahe heran und konnten die gewaltigen Massive genau unterscheiden, die sich vor unserem Bug etwas verflachten. Zur Linken, auf einem Abhang, der sich wie eine Landzunge weit hinaus ins Meer erstreckt, konnten wir viele Tausende kleiner Lichter wie Leuchtkäfer wahrnehmen.

Ein Klingeln »Stop« von der Kommandobrücke, die Schraube hielt für einen Augenblick inne; ein Lotse kletterte an Bord, und unter sicherer Führung fuhren wir in die kleine Bucht ein und warfen Anker. Wir waren in Las Palmas. Es war inzwischen 12 Uhr nachts geworden, und da keine Dampfbarkassen zum Ausbooten vorhanden waren, suchten wir unsere Ruhestätten auf.

Morgens 1/2-5 Uhr erwachte ich vom Lärm und Getrappel an Bord. Ich begab mich sofort an Deck, und das Panorama, das sich vor meinen staunenden Augen entrollte, war ein geradezu überwältigendes. Hinter den ersten Felspartien, deren Umrisse bereits in der Nacht sichtbar waren, erhob sich Spitze auf Spitze, Gebirge auf Gebirge, die höchsten Spitzen teils noch von Wolken eingehüllt. Arenenartig sind auf den verschiedenen Kuppen und Höhen kleine Forts errichtet, deren Kanonen in der aufgehenden Sonne blinkten. Bald erschien eine Unmenge kleiner Boote, deren braune Insassen wie Affen zu uns an Bord kletterten; und nun begann ein Schnattern und Feilschen dieser kleinen Gesellen, um uns in ihren Nußschalen an Land zu bringen. Da wir bis 1 Uhr mittags hier liegenblieben, um Kohlen einzunehmen, begab ich mich mit drei Reisegefährten, einem schwedischen Hauptmann, meinem holländischen Afrikaner Lukas und Baron Misco, einem Italiener — in späteren Jahren Staatsprokurator des Kongostaates — in einem dieser kleinen Boote an Land.


Las Palmas

Am Hafen erwartete uns bereits ein vierspänniger Wagen, der uns in die Stadt hineinbringen wollte. Mißtrauisch musterten meine Gefährten das Vehikel, dem wir unser Leben anvertrauen sollten: eine elende, wacklige Kutsche, aus dem vorigen Jahrhundert stammend, vernachlässigt und zusammengeflickt, gezogen von vier staubigen, verhungert aussehenden Rosinanten und geführt von einem fortwährend fluchenden, verlotterten Spanier mit einem riesigen Manilahut, unter dem der Kopf fast vollständig verschwand. So ungefähr sah die Equipage aus, in der wir scharf an den Klippen und Felsen entlang wie vom Teufel besessen dahinsausten, bei jedem Anprall an einen größeren Stein uns gegenseitig um den Hals fallend.

Bald erreichten wir die Stadt, ein winkeliges Gewirr von Straßen und niederen, nach orientalischer Art in hellen Farbentönen gehaltenen Häusern. Wir passierten ein bis zwei verlassene »Plazzas«, ein ausgetrocknetes Flußbett, an dem gearbeitet wurde, und landeten schließlich in einem der englischen Hotels. Nach kurzem Imbiß bummelten wir in Begleitung des belgischen Konsuls durch die Stadt.

Diese besteht aus der sogenannten Altstadt und dem Fremden- und Geschäftsviertel. Die Altstadt ist entschieden der interessantere Teil, und diesem wandten sich unsere Schritte zu. Die in amphitheatralischer Anordnung in die Felsen gehauenen Wohnstätten der Ureinwohner haben sich als solche bis heute erhalten. Als einzige Errungenschaft der Neuzeit ist eine Art Vorbau aus Lehm und Erde, mit grellen Farben angetüncht, hinzugekommen, um zu verhüten, daß Wind und Regen direkt in die Behausung hineinschlagen. In diesen Höhlen, die aus einem oder höchstens zwei Räumen bestehen, wohnen ganze Familien. Die Kinder, zum Teil völlig unbekleidet, spielen vor den Eingängen oder laufen bettelnd auf den Straßen den Fremden nach. Diese terrassenförmig übereinanderliegenden Höhlen sehen aus der Ferne höchst pittoresk aus; wenn man sie aus der Nähe betrachtet, bemerkt man, das sie von Schmutz und Unrat starren und von Ungeziefer wimmeln.

Das Geschäfts- und Fremdenviertel ist ein Gewirr von kleinen, flachen, anspruchslosen Häuschen, die sich um die Kathedrale, das Rathaus und die Garnisonkaserne planlos herumgruppieren und ohne jegliches Interesse sind. Als Sehenswürdigkeit hervorzuheben ist einzig und allein die Kathedrale, ein aus dem Mittelalter stammender Bau mit reichgeschnitzter Kanzel und alten Meisterwerken im Innern.

Wir besuchten den Fruchtmarkt, wo tausende Bushels Bananen, Ananas, grüne Feigen, Kürbisse, Melonen und Mangos, die die Landbevölkerung aus dem Innern auf Mauleseln und Tragtieren herangebracht, von europäischen Händlern aufgekauft werden, um mit dem nächsten Dampfer über England nach dem Kontinent weiterzuwandern. Hinter den zu Bergen aufgehäuften Früchten stehen die Verkäuferinnen, ganz nach orientalischer Art in wallende weiße Tücher gehüllt, und bieten ihre Waren mit lautem Geschrei aus.

Wenn auch im allgemeinen die Züge, vor allem der Frauen, sehr rasch verblühen und verrohen, findet man doch auch mitunter Mädchen darunter, die geradezu ein Schönheitsideal darstellen. Üppiges schwarzes Haar, feurige dunkle Augensterne mit blendend weißem Augapfel, stolz und edel geformte Gesichtszüge, zierlich kleine Hände und Füße und eine leicht gebräunte Haut sind die Kennzeichen des Schönheits-Typus der Inselbewohner, ganz im Gegensatz zu den eingewanderten Spanierinnen, welche sich durch die auffallend weiße Gesichtsfarbe von ihnen unterscheiden.

Ehe wir an Bord zurückkehrten, besorgten wir noch einige Einkäufe, und ich hatte dabei oftmals Gelegenheit zu bemerken, daß die Leute, die trotz des großen Fremdenverkehrs in bezug auf Sprachkenntnisse geistesfaul sind, doch ganz genau verstehen, ihren Vorteil zum Schaden der Fremden zu wahren und sie tüchtig übers Ohr zu hauen.

Unser Dampfer war bis zum Augenblick der Abfahrt von einem Schwarm kleiner Boote belagert, deren Insassen verzweifelte Anstrengungen machten, uns Passagieren Tabak und Zigarren, Kanarienvögel und Madeirahündchen aufzuschwatzen oder nach den ihnen zugeworfenen Münzen zu tauchen. Ganz erstaunlich war die Gewandtheit und Ausdauer, mit welcher diese kleinen, braunen Gesellen aus beträchtlicher Höhe kopfüber ins Wasser sprangen und die blitzenden Geldstücke aus ansehnlicher Tiefe herausholten.

Fußnoten:

[1] Ein Wurfspiel mit Bleischeiben.

[2] Eine halbe Stunde vor der Mahlzeit wird ein Appetit anregendes Getränk verabfolgt.