Freundlich im kleinen Kreise willkommen geheißen, mochte wohl ein Jeder mir die ausgestandenen Strapazen ansehen und war bereit, nach Bedarf das Möglichste zu thun. Bald, nachdem ich noch für die Unterkunft und Verpflegung der beiden wackeren Führer Sorge getragen, saß ich im trauten Kreise der Gefährten und all' die Mühen der vergangenen Tage, alle Müdigkeit waren vergessen beim köstlichen Mahl und fröhlichen Becherklang; vor allem war es für mich ein erhebendes Bewußtsein doch noch, trotz aller Widerwärtigkeiten, mein Ziel und meine Absicht erreicht zu haben. Von dem Christbaum, den anstatt der deutschen Tanne, hier eine dicht belaubte Tropenpflanze ersetzt hatte, mochte ich den Blick nicht wenden, immer wieder fuhr es mir durch den Sinn, wie einsam es wohl um diese Stunde bei dem freundlichen Wirth in Zomba sein müsse. Sein Anblick mahnte auch an die ferne Heimath, wo zur selben Stunde abertausend Bäume im stolzen Schmucke prangten und ungezählte Herzen des herrlichsten Festes sich freuten, an welchem einst das Hallelujah der Engelschöre die göttliche Botschaft kundgethan! Das aber ist ein schönes Symbol des germanischen Volkes, das überall auf der weiten Erde, wo seine Söhne noch nicht der Heimath vergessen, diese, die Treu' im Herzen und die deutschen Sitten waren, selbst im kleinsten Kreise sich zu erheben und zu erfreuen suchen unter dem strahlenden Christbaum, den sie im einsamen Urwald oder auf der entlegensten meerumrauschten Koralleninsel im Weltmeer aus der üppig sprießenden Tropenflora zu finden wissen; und im Rauschen altersgrauer Wipfel, im Brausen der Meereswogen, klingen die Feiertöne der Lieder aus, welche einst die Mutter auf der Heimathscholle ihnen an der Wiege gesungen.
Lange saßen wir noch in später Nachtstunde beisammen, gedenkend vergangener und kommender Zeiten, nachdem noch vorher dem Major von Wißmann, der unpäßlich einsam in seinem Zelte ruhte, für die gespendeten Gaben der Dank abgestattet und die Versicherung gegeben worden war, daß wir alle fest zu ihm stehen werden in Noth und Gefahr und keiner von seiner Pflicht weichen wird, bis das große Werk vollendet ist; beisammen waren Dr. Bumiller, Dr. Röver, Lieutenant Bronsardt v. Schellendorf, de la Fremoire, Illich, Maler Franke, die Zugführer Bauer, Krause, Eben, die Handwerker Knuth und Riemer.
Die schweren Regengüsse zu dieser Zeit, wie im vorigen Kapitel beschrieben, können recht unangenehm werden, und klärt sich der Himmel für eine Reihe von Tagen auf, muß man auf solcher Expedition bestrebt sein, Versäumtes nachzuholen, darum auch gab es für uns keine Feiertage. Am ersten Festtag schon begann das Beladen der Boote, die zur leichteren Unterscheidung für unsere Leute folgendermaßen benannt wurden: Crocodil, Reiher, Forelle, Pfeil; und an dem Bug eines jeden war die betreffende Bezeichnung en miniature von Franke angemalt worden.
Ehe ich mich als einziger Seemann der Auftakelung dieser Fahrzeuge unterziehen konnte, hatte ich eine eingehende Untersuchung über die vom Major in Vorschlag gebrachten Plätze am Schireufer, wo eventl. eine Werft errichtet werden könnte, vorzunehmen; es lag nämlich die Absicht vor, vielleicht schon hier den Dampfer erbauen zu können, sofern die Verhältnisse dies gestatten sollten. Ein großer Vortheil würde es ohne Frage sein, als nicht von neuem der Transport zu Wasser weiter geleitet werden brauchte, nachdem die so schwierige Ueberführung aller Lasten über das Gebirge vollbracht war. Meine Bedenken, daß die Herbeischaffung des benöthigten Baumaterials hier in dieser waldarmen Gegend vielleicht eine Unmöglichkeit sein würde, auch ob der vollendete Dampfer später zum Nyassa-See geschafft werden könne, da der Schirefluß weiter oberhalb oft nicht tief genug und bedenkliche Stromschnellen habe, schlug der Major durch die Bemerkung nieder: »Wenn wir alles was wir wünschen, zur Hand hätten, wäre es kein Kunststück und keine große Aufgabe, das begonnene Werk zu vollenden, übrigens ich will es und es muß gehen; was die spätere Weiterführung des Schiffes auf den Fluß anbetrifft, habe ich mich der Expedition zum See anzuschließen und eingehend den Fluß zu untersuchen, stellt sich dann die Unmöglichkeit heraus, den Aufbau hier zu unternehmen, ist es etwas anderes, vorläufig aber bleibt es bei dem einmal aufgestellten Projekt!«
Daraufhin, nach eingehender Besichtigung der in Frage kommenden zwei Plätze, der Untersuchung des Flußbettes, das hier 12 bis 14 Fuß tief war, entschied ich mich, den Platz zu wählen der unmittelbar vor dem Dorfe Mpimbi lag, — zwar gänzlich von Hütten umschlossen, aber doch frei und hoch gelegen war; vor allem standen drei mächtige breitästige Bäume auf demselben, die weithin Schatten gaben, was bei der späteren Arbeit nicht zu unterschätzen und in Betracht gezogen werden mußte. Freilich würde die hier nöthige Ausschachtung, das Ufer ist über zehn Fuß hoch, einen enormen Aufwand von Arbeitskräften erfordern, indes, es war die gesundeste und beste Lage und verdiente gegenüber dem anderen Platze, der in der Nähe des Lagers gelegen, in einer sumpfigen, schattenlosen und ungesunden Niederung unbedingt den Vorzug.
Von einem Vertrage mit dem Häuptling Chikuse, der von der Bevölkerung im weiten Territorium als Erster anerkannt ist, wurde vorläufig Abstand genommen, dann waren auch die Verhältnisse für den Schiffsbau hier einigermaßen günstige, mußte doch erst eine eingehende Untersuchung des Flußbettes vorgenommen werden, ehe weitere Schritte gethan werden konnten.
Rastloser Arbeit waren wie erwähnt die Festtage geweiht; ein Jeder hatte seine bestimmte Funktion zu verrichten, und obgleich zwischen Kisten und Kasten, Munition, Geschütze, Proviant scheinbar Wirrwarr herrschte, hatte doch jeder Gegenstand seine besondere Bestimmung. Ein kriegerisches Bild bot das Lagerleben, Musterung und Exerzitien der Soldaten, Schießübungen mit Gewehr und Geschützen; Signalhörner und Trommeln ertönten, — über alles aber wachte das Auge des Führers, anordnend, tadelnd und befehlend. Einem Ameisenhaufen gleich, geschäftig und bestimmt, regten sich die vielen Glieder des Ganzen und nach jedem Tageswerk war ein bedeutender Fortschritt gethan; müde und abgespannt legte sich Jeder zur Ruhe, bis in früher Morgenstunde die Trompete wieder zu neuer Arbeit rief.
Der Abmarsch der Kompagnien nach Fort Johnston, unter Lieutenant Bronsardt, die aus Mangel an Platz in den Booten den weiten Weg zu Fuß zurücklegen und sich längst dem Schireufer Bahn brechen mußten, brachte wieder eine Abwechselung; auch die scheu und ängstlich sich fernhaltenden Eingeborenen wurden dreister, brachten Mehl, Bataten und auch Pombe, welche Produkte ihnen, da wir sie benöthigten und solche auch billig waren, gern abgekauft wurden. Namentlich die Weiber schleppten auf den Köpfen Gefäße mit Mehl, Bananen und Tomaten heran; im Kreise oder in einer Reihe auf dem Boden hockend, ihre Waaren vor sich, warteten sie geduldig, bis eine jede je nach dem Werthe derselben ein buntes oder weißes Stückchen Zeug erhalten hatte, um dann mit ihren auf dem Rücken gebundenen Säuglingen, die sich meist immer ganz still verhielten, im Gänsemarsch das Lager zu verlassen.
Zur Bedienung der Boote waren etwa siebenzig Mann Sudanesen, Suaheli und der Rest nicht desertirter Zulus zurückbehalten worden, die auf den beiden großen Booten als Ruderer vertheilt wurden, zudem sechs Europäer mit Bedienung, Köchen, etc., machte ungefähr diese Expedition neunzig Seelen aus. Zwei Boote des Dampfers, ohne Besatzung, enthielt das größere das Gepäck, Zelte und Betten, das kleinere nur Pulver und etwas Munition und diese nur von einem Steurer gelenkt, sollten im Schlepptau der großen Fahrzeuge verbleiben. Laut Tagesbefehl vom 27. Dezember, an welchem Tage alle Arbeiten beendet sein mußten, wurde mir der Befehl über das größte der Boote übertragen, während Proviantmeister Illich mit de la Fremoir das zweite führten, d. h. Major v. Wißmann behielt sich die Leitung der ganzen Flottille vor, nur daß Führer ernannt wurden, welche die Boote leiten und dafür verantwortlich waren. Als fünftes Fahrzeug war ein mittelgroßes Canoe dem Maler Franke zur Verfügung gestellt, der dadurch unabhängig in seiner Holzschale, die von vier Leuten gerudert wurde, sich trotz des etwas sehr beschränkten Raumes sehr wohl befand.
So war denn der Tag der Abreise gekommen; um 8 Uhr früh, den 28. Dezember, lösten sich auf Kommando die Boote vom Ufer ab, drei kräftige Hurrah, beantwortet von den Zurückbleibenden, Dr. Röver, Knuth, Riemer, sowie 15 maroden Soldaten, die unter Knuth die Besatzung des Lagers verbleiben sollten, und kräftig tauchten die Ruder in das Wasser, gegen Sturm und Wind die kleine Flottille vorwärts treibend. Wie vorauszusehen, ermatteten die Ruderer bald; die ungewohnte Arbeit, dazu eine Portion Ungeschicklichkeit, wurde durch einen einzigen Fehlschlag oftmals die ganze Gesellschaft außer Takt gebracht und erst wieder eine Gleichmäßigkeit erzielt, wenn ich oder ein anderer den richtigen Schlag angegeben hatte; das Einüben mittelst Zählen von »eins, zwei« wurde von uns Europäern abwechselnd ausgeführt und erklärlich war es deshalb, daß wir nur langsam vorwärts kommen konnten.
Aus diesem Grunde und auch um die Leute nicht zu sehr anzustrengen, denn die niederglühende Sonne machte den Aufenthalt in den offenen Booten nicht gerade angenehm, ließ der Major schon gegen Mittag an einem geeigneten Orte Lager schlagen; meistens an Stellen, wo der Schatten hoher Bäume ausgiebigen Schutz gegen die recht empfindliche Hitze bot. Uebrigens war die Vegetation hier an den Ufern insofern eine reichere zu nennen, als überall zwischen den Gebüschen der Baumwuchs reichlicher vertreten war, sogar stellenweise in der Nähe des Ufers kleine Waldungen sich zeigten, die in mir den Wunsch erweckten, an solchen Stellen den Dampfer erbauen zu dürfen, wo dem Anschein nach so reiches Material vorhanden war. Eine spätere Untersuchung ergab jedoch nicht das erwartete Resultat, da die meisten Bäume nur wenig Nutzholz liefern, weil die Stämme krumm und häufig verwachsen sind. Um ein Beispiel anzuführen, wie dicht und undurchdringlich der Busch, sei erwähnt, daß wir uns mit Leichtigkeit die schönsten Lauben herstellen konnten, indem mit Faschinenmessern nach Belieben ein Gang in diesem geschlagen wurde, worin wir den schattigsten Aufenthalt während der heißesten Tagesstunden fanden; Feldstühle und provisorische Tische darin aufgestellt, und unser Speisezimmer war fertig.
Die Formation der Ausläufer des Schiregebirges, die zur unser Rechten sich dem Ufer auf einige Meilen Abstand nähern, gaben im Verein mit der ringsum wilden Natur ein imposantes Bild; ununterbrochen bis zu den Höhen ist der Pflanzenwuchs ein überreicher und ist einst die Kultur bis hierher vorgedrungen, wird der jungfräuliche Boden jede Mühe reichlich lohnen; ein Schatz liegt in diesem verborgen, der nur der Zeit wartet, wann fleißige Hände sich bemühen ihn zu heben!
Hinziehend auf den im Sonnenlichte glitzernden Fluthen des Schire, den vielen Windungen des Flusses folgend, die des öfteren so scharf, daß weit voraus der Wasserweg völlig abgeschnitten erschien, bis eine neue Biegung wiederum die Aussicht auf den Fluß eröffnete, war es uns nur an wenigen Stellen möglich, einen freieren Ausblick auf das Land zu gewinnen, sonst benahmen das dichte Ufergebüsch, zahlreiche Baumgruppen jeglicher Aussicht. Dahinterliegende ausgedehnte Grasflächen und lichter Wald ließen die Vermuthung aufkommen, daß, wie am unteren Schire, auch hier zahlreiche Wildheerden ständigen Aufenthalt hätten, allein der Umstand, daß eine weit zahlreichere Bevölkerung in der ganzen Gegend des Stromgebietes ansässig ist, hält das Erscheinen der Thiere zurück, mithin hätte man weit wandern müssen, ehe ein Jagdzug lohnenden Erfolg gehabt. Dahingegen boten sich auf diesem fischreichen Gewässer genügende Zielobjekte, als vorüberziehende Züge wilder Enten und Gänse, gewandt im Wasser auf- und niedertauchende Kormorane und der weißköpfige Fischadler, der scharfen Auges, in scheinbar träger Ruhe auf den Zweigen dicht am Wasser stehender Bäume, der in klarer Fluth spielenden Beute geduldig harrte. Aber höchstens den genießbaren Vogelarten, als Enten etc. wurde gelegentlich, wenn sie im Bereich der Waffen kamen, eine Schrotladung zugesandt, andere Thiere wurden nicht gestört, vielmehr machte es Spaß, den schnell schwimmenden und höchst gefräßigen Kormoranen zuzuschauen, wie diese auftauchend einen großen Fisch im Schnabel sich mit der um sich schlagenden Beute abquälten, ehe kunstgerecht der Kopf des Fisches im weiten Schlund verschwand, — eine kräftige Anstrengung und das lebende Thier war heil und ganz verspeißt. Man sollte nicht meinen, wie gefährlich dieser Vogel den Fischen wird, nicht durch seine Gewandtheit im Tauchen und Schwimmen, sondern durch seine Unersättlichkeit verursacht er großen Schaden; seine Verdauung ist so enorm, daß man sagen kann, er ist immer hungrig, ein Nimmersatt.
Eine kleine Schar Kormorane, angenommen 20-30, auf eine nicht lange Flußstrecke vertheilt, wie ich solche häufig genug habe zählen können, fängt täglich hunderte Fische weg, daneben nun noch die anderen Vogelarten gestellt, die ebenfalls ausschließlich vom Fischfang leben, wird es Jedem erklärlich erscheinen, wenn ich sage, daß der Fluß ungemein fischreich ist; dazu ist noch nicht mal des schlimmsten Räubers, des Krokodils, gedacht, welches, wenn es, wie doch meistens der Fall, auf Fischfang angewiesen ist, sicher ein bedeutendes Quantum braucht, um sich zu sättigen und die Anzahl dieser mächtigen Thiere ist gewiß keine geringe in diesem Theil des Schireflusses.
In gleicher Weise wie anfänglich brachen wir jeden Morgen in früher Stunde das Lager ab und nach der dann schnell erfolgten Einschiffung, die immer beendet sein mußte, wenn der Major das Boot betrat, ging es im gewohnten Tempo vorwärts. Die Führung hatte immer das größte Boot, kein anderes durfte vorbeifahren (es hatte sich nämlich herausgestellt, daß die kleineren im Schlepptau zu hinderlich waren, darum wurden diese auch bemannt und folgten hinterher); so sehr wir aber auch darauf bedacht waren nach Möglichkeit tiefes Wasser aufzusuchen, geschah es doch mitunter, daß das Boot auf Grund lief, und fand sich keine tiefere Durchfahrt, was durch in das Wasser gesandte Leute festgestellt wurde, dann sprangen auf Kommando sämmtliche Ruderer ins nasse Element, um mit Halloh das schwere Fahrzeug über die Untiefe hinwegzuziehen.
Am zweiten Tage schon zeigte es sich, daß die Ufer ziemlich bewohnt waren, am dritten aber sahen wir streckenweise Dorf an Dorf sich reihen, deren Bewohner neugierig von der hohen Uferböschung der vorüberziehenden Flottille zuschauten oder verstohlen durch die Büsche ihre braunen Gesichter zeigten. Den 30., Mittags, hatten wie unterhalb und querab des Dorfes Perisi zwei schlechte Stellen im Fluß zu passiren, wovon die Erstere eine Stromschnelle war, ein felsiges Bett mit sehr beengter Durchfahrt, durch welche der Strom wirbelnd hindurchschoß, die ganze Kraft eines Jeden war erforderlich um überhaupt nur vorwärts zu kommen und die wilde Strömung zu überwinden; die zweite, eine Barre aus Steingeröll, mit nur zwei Fuß Wasser darauf, verursachte ungemein viel Arbeit, ehe die Boote, dicht unter das rechte Ufer, wo eine etwas tiefere Passage, hinübergebracht waren. So abgespannt waren alle, daß der Major halten und erst nach längerer Ruhe die Fahrt wieder aufnehmen ließ.
Wenn ich mir in die Erinnerung zurückrufe wie friedlich das Dorf Perisi, in dessen unmittelbarer Nähe wir Rast gemacht, unter den breitästigen Bäumen zu dieser Zeit noch dalag, dazu die Bewohner, die zwar nicht zuvorkommend waren, aber doch noch keine feindliche Gesinnung gegen die Europäer hegten, so taucht das Bild der Verwüstung und des Kampfes wieder vor dem geistigen Auge auf, das nur Brandstätten, Trümmer und Verwüstung zeigte. Wenige Wochen nur sollten hingehen und die Heimstätten der in die Berge geflohenen Bewohner wurden ein Raub der Flammen, die Kriegsfurie hatte die Fackel in das Land geschleudert, Tod und Verderben im Gefolge durcheilte sie die Lande; weithin hallte der Ngoma-Schlag — zur Empörung und blutigen Aufruhr die Männer rufend ....
Der letzte Tag dieses an Arbeit und Mühen für uns so reichen Jahres war gekommen — mühsam gegen Strom und Wind, der bisher unverändert aus nördlicher Richtung wehte, strebten wir vorwärts. Es mochten die letzten Jahresstunden wohl in Manchem von uns gerade nicht heitere Gedanken wecken, die stumme Frage an das Schicksal, was birgt die kommende Zeit, die dunkle Zukunft in ihrem Schooß, konnte wohl ein Jeder beinahe selbst beantworten, — Gefahren und Entbehren war das Mindeste was das neue Jahr uns bringen würde, dieses wußten wir alle .... ob auch der Erfolg auf unserer Seite, — wer konnte das behaupten, und daß für zweien aus unserer kleinen Zahl die Tage gezählt, der Lebensfaden bald abgelaufen, die Parze bereit stand, diesen zu durchschneiden, — wer ahnte dies! Groß und herrlich hat die ewige Weisheit es vorbedacht, daß wir den Schleier nicht lüften können, der das Zukünftige birgt und ein Jeder wie vor dem verhüllten Bilde zu Sais steht, das hinter dem Vorhang die Wahrheit zeigt!, — aber auch den Tod, — und vor dem Geheimnisvollen scheut der Mensch zurück! —
Früher als wir vermutheten, wurde das große Dorf Lionde erreicht, das an beiden Ufern des Schire gelegen war, und nach der Zahl der Hütten zu urtheilen, eine beträchtliche Einwohnerzahl haben mußte. Benannt sind diese Ortschaften meistens immer nach hervorragenden Häuptlingen, die, wie es hier der Fall, aus dem Lande der Makua stammend, vor Zeiten diese Völkerschaften unterjocht, sich zur höchsten Würde aufgeschwungen und solche behauptet haben.
Gleich nach der Landung am linken Ufer, an einem Orte wo sehr wenig Schatten war, befahl der Major das Lager aufzuschlagen, mit der Absicht, nicht weiter an diesem Tage fahren zu wollen, sondern der Rest sollte den Leuten zur Erholung freigegeben sein, damit mit frischen Kräften das Werk im neuen Jahre fortgesetzt werden könnte. Bald waren die Plätze, wo die Zelte stehen sollten, von geschäftigen Händen gesäubert, und diese aufgerichtet, suchte jeder vor den heißen Sonnenstrahlen in denselben Schutz; als die Soldaten dann ebenfalls ihre kleinen Leinwanddächer in Reihen aufgestellt hatten, würde dieses provisorisch errichtete Feldlager, das Leben und Treiben darin, einem Beobachter manches Interessante vor Augen geführt haben. Jedenfalls war es für alle ein behagliches Gefühl, vor den später in Strömen niederstürzenden Gewitterregen Schutz und Unterkunft zu finden, traten diese doch jeden Nachmittag auf, zuweilen noch Nachts, und nicht immer waren wir darauf vorbereitet, uns vor dem schnell heraufziehenden Unwetter zu schützen. Heute nun hatten wir Zeit gehabt, uns vorzusehen. Als die frühe Nacht hereinbrach, wurde die Frage der Sylvesterfeier erörtert, die zu dem Ergebniß führte, daß aus den Beständen von Weißwein, Cognac und Selter ein leichter Punsch gebraut werden könnte; sollte ein Uebriges geschehen, müßten aus einer Bootsladung mitgeführte Raketen hervorgesucht werden, um an der Schwelle des neuen Jahres ein kleines Feuerwerk abzubrennen.
Nur um die liebgewordene Gewohnheit, diese Feier auch hier zu begehen, aufrecht zu erhalten und nicht ohne Sang und Klang in das neue Jahr einzutreten, war ein Jeder bereit, das Seine dazu beizutragen; indes, als alles vorbereitet, — Franke und ich hatten die Ausführung übernommen, — wurde uns die Zeit doch recht lang, jedes Thema kam ins Stocken, und bald suchte der eine oder andere die Ruhe auf, legte sich wenigstens angekleidet nieder und überließ es uns, die letzte Minute nicht zu versäumen. Der Herr Major betheiligte sich wie gewöhnlich nicht daran, hatte aber natürlich seine Einwilligung zu den Vorbereitungen gegeben.
Endlich rückte der Zeiger der Zeit auf die letzte Viertelstunde; die letzte Minute des entschwundenen Jahres fand alle vor dem Zelt des Majors versammelt, und als die Zeitsekunde der Uhr hinübersprang ins neue Jahr, erscholl durch die Stille der Nacht aus deutschen Kehlen ein fröhliches »Prosit Neujahr« — im selben Moment flammten die Windlichter auf und zischend fuhr eine Rakete hoch in die Lüfte, ein buntstrahlender Kugelregen senkte sich zur Erde nieder. Ehe ich aber eine zweite entzünden konnte, war der Befehl zum Aufhören gegeben. Der Major wollte nicht, daß die Bevölkerung durch solche ihnen unbekannte Erscheinung in Aufregung versetzt würde, was nicht so unwahrscheinlich, wenigstens hätten wir bald genug Zuschauer gehabt — so hatte denn das Feuerwerk mit dieser einen Rakete ihr Bewenden. Nicht lange währte es, dann war auch der letzte Tropfen ausgetrunken, eine fröhliche Stimmung aber wollte nicht zum Durchbruch kommen — als lastete etwas drückendes auf Jedem. Keiner wußte den rechten Ton anzuschlagen. — Darum herrschte auch kurz darauf die frühere Stille wieder und nur, als ich auf meinem harten Lager auf kalter Erde gebettet, den Schlummer suchte, hörte ich den gleichmäßigen Schritt der Wachtposten noch, bis der Traumgott auch mir die müden Augen schloß. Ein tiefer Schlaf mußte mich doch umfangen gehalten haben, denn ich war durch den niederstürzenden schweren Regen, sowie von dem Geräusch, welches Franke im Kampfe mit den Ameisen im Zelt verursachte, nicht erwacht, auch davon, daß die kleinen gereizten Thiere ihn in das Freie und zur Flucht getrieben hatten, war mir nichts bewußt; umso überraschter aber war ich, als am Morgen, vom Trompetensignal ermuntert, der Boden um mich von schwarzen, einen Centimeter langen Ameisen wimmelte, die nach allen Richtungen hin und wieder liefen und in Schaaren aus einem dicht an der Wand errichteten kleinen Erdhügel aus- und einströmten. Ich kannte diese Sorte zu gut, darum vorsichtig die über mich hinwegwandernden Züge eine andere Richtung zu geben suchend, wollte ich mich erst nothdürftig ankleiden und dann die Decken aufraffen und ins Freie zu kommen versuchen.
Allein, schon meine Bewegungen hatten die Thierchen stutzig gemacht — wild durcheinander im Kreise herum liefen sie und schienen eine Gefahr zu fürchten, als wollten sie dieser Uebermacht entgegentreten, kamen tausende aus dem Bau wie auf Kommando hervor .... Sehr beeilen mußte ich mich, wollte ich nicht meine Sachen von den nun wüthenden Thieren überlaufen sehen, daher erst halb bekleidet, trat ich entschlossen mitten hinein, raffte alles auf und warf das große Bündel aus dem Zelt; war mein Thun aber auch mit Gedankenschnelle vollführt, hatten doch die Ameisen Zeit gefunden, am Körper hochzulaufen, wovon eine Anzahl den Weg zur blossen Haut gefunden, die nun, als ich mich durch schnelle Flucht den Schaaren entzogen und im Freien sie abzusuchen begann, ein solch höllisches Kneifen auf dem ganzen Körper unternahmen, daß ich umhersprang als würden mir hundert glühende Nadeln zugleich in die Haut getrieben; wäre es angängig gewesen, hätte ich mich am liebsten in den nahen Fluß gestürzt, um diese Quälgeister loszuwerden. Es war eine entsetzliche Tortur und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich von den festgebissenen Thieren befreien konnte, d. h. jedes Stückchen Zeug mußte ich ausziehen und die Ameisen aus dem Wollstoff absuchen oder tödten.
Uebrigens erging es mehreren Herren, die ihre Zelte ganz in der Nähe aufgeschlagen hatten, nicht besser; noch nie war ein solch Hasten und Jagen vorgekommen — der Europäer tanzte und schimpfte, die schwarzen Diener sprangen wie besessen umher und alle suchten die Boote zu erreichen. Das Beste aber kam, als die zum Zelteaufrollen abkommandirten Soldaten diese niederlegten — zu Hunderten liefen die Ameisen an den nackten Beinen und Armen hinauf, plagten und bissen die Leute fürchterlich; grotesk waren die Sprünge, welche die armen Kerle aufführten, um nur aus dem Bereich der wüthenden Thiere zu kommen. Obgleich nicht minder geplagt gewesen, konnte man sich doch bei solchem Anblick nicht des Lachens erwehren, es war wirklich über die Maßen possirlich, welche Stellungen die Leute einnahmen, wenn die scharfen Zangen der kleinen Missethäter allerwärts die Haut zwickten und sie sich, gleich wie bei ihren Feinden, darin festbissen. Wenn Volk gegen Volk zum Kampfe auszieht, vieltausend Soldaten im Nahkampf gegen einander wüthen, dann muß solche Ameisenschlacht, sofern die Thiere empfindliche Gliedmaßen besitzen, etwas furchtbares sein, denn die Natur hat sie mit Waffen ausgestattet, vor welchen selbst der Mensch die Flucht ergreift! Was nun die Anwesenheit dieser ungezählten Ameisen in den Zelten anbetrifft, so liegt die einzige Erklärung dafür darin, daß die Thiere während der Nacht, als der starke Regen sie aus den Bauten heraustrieb, auswanderten und natürlicher Weise Schutz suchten, wo sie ihn fanden. Kennt man die Regsamkeit der Ameise, nimmt es kein Wunder, daß bereits am Morgen, also nach wenigen Stunden, ein neuer provisorischer Bau hergestellt war und das erwähnte Umherwandern im Zelte nur den Zweck hatte, Material herbeizuschaffen, um die in Eile geretteten Eier und Jungen wieder in warmen Zellen unterzubringen.
Die eigentliche Ursache dazu hatten wir natürlich gegeben, indem durch das Säubern von Gras und Busch die Hügel der Ameisenhaufen blosgelegt wurden und, wo solche hinderlich, dem Erdboden gleich gemacht wurden; selbstverständlich unternahmen die in ihren Bauten verborgenen Thiere nichts, solange es Tag war, zur Nachtzeit aber suchten sie den Schaden wieder zu repariren, wobei nun der heftige Regen, der ungehindert in Gänge und Zellen eindringen konnte, die Arbeiten unterbrach. Aus der drohenden Ueberschwemmung galt es nun zu retten, was noch zu retten war, und so ist es erklärlich, daß die klugen Thierchen den nächstliegenden Schutz wählten, wo die gerettete Nachkommenschaft, der in solchen Fällen all ihre Sorgfalt zugewendet wird, eine sichere Unterkunft fand. Dieser Ameise gleich, die wüthend den Störer ihrer Ruhe anfällt und Mensch und Thier zum Abzug zwingt, ist die in den Urwäldern hausende Biene, die nur insofern schlimmer ist als man sich der verfolgenden Schaaren nicht entziehen kann und in kurzer Zeit furchtbar zugerichtet wird, wenn es nicht gelingt, durch rasch entzündete Feuerbündel diese Insekten fern zuhalten.
Nicht immer ist es gesagt, daß die Bienen nur angreifen, wenn man versucht, ihnen den aufgespeicherten Honig zu nehmen! Ein starkes Geräusch, z. B. ein Schuß genügt, um sie zur äußersten Wuth zu reizen und wehe dann dem Menschenkinde, das wehrlos ihren Stacheln preisgegeben ist, — sie sind im Stande, es vor Schmerzen wahnsinnig zu machen, selbst es dem Tode zu überliefern —! Will der Eingeborene einen entdeckten Bienenstock ausrauben, nähert er sich so vermummt als möglich dem Baume in welchem der süße Schatz verborgen, setzt ein fortwährend schwelendes Feuer daran nach der üblichen Methode[A] und zwingt die Bienen dadurch zum Verlassen des Stockes; nach Tagen vielleicht erst, wenn keine Gefahr mehr vorhanden ist, kann er sich ungehindert der Arbeit unterziehen und häufig wird seine Mühe durch eine reiche Ausbeute belohnt.
[A] Siehe bei Umpassa.
Erwähnenswerth während unseres kurzen Aufenthalts in Lionde wäre noch der Besuch des hier ansässigen Arabers Baccari ben Umari; dieser Vertreter des Islams, der dienstwillig dem Major seine Aufwartung machte, konnte, sofern er für unsere Sache gewonnen wurde, uns große Dienste leisten, und wäre es auch nur dadurch, daß er hauptsächlich die Verproviantirung des bei Mpimbi errichteten Lagers übernahm.
In dieser Voraussetzung wohl, und um zunächst nähere Erkundigungen von dem wohlunterrichteten Manne einzuziehen, empfing der Major diesen Araber freundlich; derselbe, ein unabhängiger Handelsmann, der, wie sich später auswies, nichts besseres als ein Sclavenhändler war, ließ sich auch gewinnen und mit der Unterwürfigkeit der Araber, welche zur Schau getragen wird, wenn sie einem mächtigen einflußreichen Manne gegenüberstehen, wußte auch Baccari den Major für sich einzunehmen, sodaß selbst unser mit den arabischen Schlichen wohlvertraute Führer über dessen wahren Charakter im Zweifel blieb.
Von nun an, nachdem in früher Morgenstunde die Reise flußaufwärts, am 1. Januar 1893 wieder angetreten worden war, sollte es schneller vorwärts gehen, und nicht mehr wie öfter geschehen, schon frühzeitig Lager geschlagen werden, sondern nach kurzer Mittagsrast die Fahrt wieder aufgenommen und möglichst bis zum Abend ausgedehnt werden; waren doch die Ruderer nun eingeübt, — auch versprach der umspringende Wind uns die Arbeit zu erleichtern. Um Mittag dieses Tages, als wir am rechten Ufer im dichten schattigen Busch zur kurzen Rast uns gelagert und nach alter Gewohnheit unsere Mahlzeit eingenommen hatten, wurden wir vom anderen Ufer aus angerufen; ein Boot darauf hinübergesandt, um die Ankömmlinge abzuholen, hatten wir die Freude, Baccari ben Umari wieder bei uns zu sehen. Bei der später dann erfolgten Vorstellung, als ich Gelegenheit hatte, diesem alten Araber ins Auge zu sehen, konnte ich mir einer Antipathie gegen denselben nicht erwehren und die Zusicherung, welche er abgab, mir immer, wenn ich erst wieder in Mpimbi eingetroffen sein werde, Naturprodukte und Vieh, nach Bedarf senden zu wollen, worüber der Major ein festes Abkommen mit ihm getroffen, wollte mir als eine Heuchelei erscheinen. Das schlummernde Vorurtheil gegen diese Menschenrace war es gewiß nicht, was mein Urtheil beeinflußte! Indeß, die Zukunft mußte es ja ausweisen, — vorläufig empfing der Heuchler reiche Geschenke, als einen arabischen Kaftan etc. und nahm Abschied mit der Würde eines Mannes, dem sein gegebenes Versprechen unter allen Umständen heilig ist; man hätte meinen können, daß dieser Mohamendaner dem Giaur (Ungläubigen) gegenüber wirklich sich verpflichtet fühlte, das gegebene Wort einzulösen!
Das abwechselnd bald weite, bald eingeengte Flußbett, zeigte sich von nun an je nachdem flach oder tief; die Ufer namentlich das Linke, waren flacher und niedriger und ließen den Blick über weite Grassavannen, mit nur vereinzelten Fächerpalmen oder anderen Bäumen bestanden, darüber hinschweifen, seltener waren Bananen-Anpflanzungen; wo sich aber solche zeigten, war immer ein kleines oder größeres Dorf dahinter erbaut. Hingegen das rechte Ufer, meistens hoch und steil, bot ein Bild üppigster Vegetation, oft war daher von einem verdeckt liegenden Dorfe nicht eher was zu sehen, als bis wir querab waren, oder die neugierigen Eingebornen sich am Ufer zeigten.
Die Gefahr auf Sandbänke oder verdeckte Untiefen zu laufen verminderte sich ebenfalls, und zeitweise mit leichtem günstigen Wind, der unsere Segel schwellte, kamen wir ungehindert vorwärts. Am Abend dieses ersten Januars lagerten wir am linken Ufer in der Nähe eines kleinen Dorfes; kaum jedoch hatten wir notdürftig unsere Zelte aufgeschlagen, als ein ausbrechendes Gewitter eine solche Regenfluth auf uns niedersandte, daß in kurzer Zeit alles unter Wasser gesetzt wurde, und wir uns aus dieser Ueberschwemmung nur zu retten wußten, indem schnell Abzugsgräben aufgeworfen wurden, in welchen das Wasser ablaufen konnte. Eigentlich hatten wir das Lager auf einem verfallenen Kirchhof aufgeschlagen, denn obwohl umgeben von Hütten, zeigten sich beim Niederschlagen des hohen Grases doch vereinzelte Gräber; auffällig aber war, daß wir hier ein arabisches Grabmal fanden, dessen flache gemauerte Platte mit erhöhten Seitenrändern, am Kopf und Fußende hochgewölbt, noch ziemlich gut erhalten schien. Solche Nachbarschaft kümmerte uns indes wenig, ein Jeder war nur zufrieden es sich in seinem Zelte für die Nacht so bequem als möglich zu machen.
Hatten wir bisher auch nur vereinzelte Crocodile bemerken können, weil diese im dichten Ufergebüsch verborgen lagen, so zeigte es sich am nächsten Tage, daß sie doch zahlreich hier vertreten waren. Wie wenig Scheu die Thiere vor den Menschen haben bewies der Umstand, daß wir sie häufig kaum zwanzig Meter vom Ufer entfernt, einem Dorfe gegenüber, in aller Ruhe liegen sahen und gemüthlich in heißer Sonnengluth dem Schlafe sich überließen. Was will der Eingeborne dagegen thun! er muß die Unholde, die ihm Weiber und Kinder gelegentlich wegrauben, ruhig gewähren lassen; seine Waffen, welche er besitzt, schaden dem Thiere absolut nichts, auf der Panzerhaut prallt jeder Pfeil machtlos ab, selbst sein Speer, wenn er es damit erreichen könnte, wäre nur ein Objekt mit dem er es verscheuchen würde, dieser ist ihm aber ein zu werthvoller Gegenstand, als daß er solchen aufs Ungewisse verwerfen sollte. Den einzigen Schutz, wie wir von nun an häufiger bemerken konnten, hat er sich gegen die Räuber dadurch geschaffen, daß er ein mehr oder weniger festes Gehege aus eingerammten Stützen, verbunden mit Rohr oder dünnen Zweigen, hergestellt hat, durch welches es dem Thiere nicht leicht wird, hineinzukommen.
Solche abgegrenzte kleine Wasserfläche dient dann als Badeplatz etc. und verhältnißmäßig sicher kann sich der Eingeborne dem Wasser nähern und nach Belieben schöpfen, baden und spielen; ihre Sorglosigkeit aber geht zuweilen doch soweit, daß sie nicht darauf achten, ob auch nach langer Zeit das Geflecht unter Wasser noch immer fest und sicher ist, und es dem wachsamen Crocodil nicht doch möglich gewesen ist hineinzukommen, — bis unerwartet Einer der Ihrigen verschwindet auf Nimmerwiedersehn, — dann ist das Lamentiren groß und dann erst bequemen sie sich den Schaden auszubessern.
Ein Mittel, wie mir mitgetheilt wurde, giebt es selbst in höchster Noth noch dem Rachen des Crocodils zu entfliehen, wenn nämlich der Erfaßte tief im Wasser noch Geistesgegenwart genug besitzt, es anzuwenden, was bei gefaßten Frauen und Kindern indes ausgeschlossen ist; da in den meisten Fällen der Räuber sein Opfer an den Beinen wegzureißen oder auch bei gebückter Stellung einen Arm zu fassen sucht, so kann namentlich im letzten Falle, wenn dem Verunglückten nicht vor Schreck die Besinnung verläßt, es diesem gelingen mit der noch freien Hand die Augen des Unthieres zu suchen, und fest die Finger in eines derselben hineinbohrend, wird das Crocodil vom Schmerz geplagt den Rachen öffnen und sein Opfer freigeben. Jedoch nur in den seltensten Fällen wird dem Kühnen seine Verzweiflungsthat das Leben retten, es sei denn, daß es ihm gelingt, den Räuber auf beiden Augen zu blenden; aber ob auch dies einzige Mittel den Eingebornen bekannt ist, habe ich doch nirgendwo gehört, daß einem Unglücklichen es gelungen sei, auf diese Weise dem furchtbaren Crocodil zu entrinnen.
Eine Lust war es, im kühlen Schatten des hohen Ufergebüsches und unter den weit über das Wasser hinwegragenden Zweigen dichtbelaubter Bäume hinziehen zu können, dazu der günstige Wind, der unsere Segel füllte und gleichfalls erfrischende Kühle spendete, sodaß wir, da die Sonnengluth weniger lästig, dies herrliche Bild einer wilden Natur in seiner ganzen Schönheit aufzufassen vermochten, umsomehr, als die Aufmerksamkeit nicht durch vorausliegende Untiefen oder anderen Hindernissen abgelenkt wurde und man den Zauber dieser wilden Urnatur ganz auf sich einwirken lassen konnte. Herrliche Uferpartien, dicht verschlungene Gebüsche und Bäume, die wie ein Netz ihre Luftwurzeln zur Erde senkten, die Maschen von blühenden Lianen gewoben und bis in die Kronen hinauf gleich lebenden Fäden alles umwunden, zogen vorüber; selbst idyllische Waldpartien, über die sie umwogende Grasmassen hoch emporragend, boten viel Anziehendes, sodaß man ungern den Blick davon abwendete.
Aber bei näherer Anschauung oder einem Versuch durch diese Wildniß vordringen zu wollen, würde sich die Poesie des schönen Bildes bald verlieren, die Anstrengungen und Mühen, welche solch Unternehmen kosten, würden sehr bald dieses des äußeren Reizes entkleiden und die anfängliche Begeisterung in das Gegentheil umwandeln. Dieses zu erfahren hatten wir Gelegenheit, als eine kleine Heerde stattlicher Antilopen (Kudus) zwischen den Waldlichtungen sichtbar wurde, der nahe zu kommen alle Theilnehmer, des vom Major sofort eröffneten Jagdzuges, sich vergeblich bemühten; Sümpfe und undurchdringlicher Busch verhinderten, der sich langsam zurückziehenden Heerde zu folgen; auch eine von de la Fremoire und anderen unternommene Umgehung erwies sich als nutzlos; zerrissenes Zeug, voll Wasser gefüllte Stiefel war das ganze Ergebniß des kurzen aber anstrengenden Jagens.
Ueber die zurückgelegte Distanz im Ungewissen, erwarteten wir bei jeder Biegung des Flusses die weite Wasserfläche des Malombwe-Sees vor uns liegen zu sehen, aber ob auch der Eine oder Andere die Masten hinauf kletterte um Umschau zu halten, wollte doch nicht das gesteckte Ziel dieses Tages in Sicht kommen, selbst nach der im schattigen Buschwald verbrachten Mittagspause verging Stunde um Stunde, bis endlich gegen Abend die Ufer weit zurücktraten, die niedrig und mit hohem Schilf bewachsen, das bis weit in das Wasser hineinreichend sumpfige Niederungen vor diesen vermuthen und ein Landen schier unmöglich erscheinen ließ. Die Station Werra hatten wir schon passirt — nun noch eine kleine Flußbiegung und vor uns lag die ruhige Fläche des Malombwe-Sees! Da aber seine Ausdehnung zu groß ist, um die Ufer erkennen zu können, so schienen die fast den ganzen See umschließenden Bergketten direkt aus dem Wasser emporzustreben, deren vielfach gestalteten Kuppeln auf eine ununterbrochene Felsenmasse angethürmt, erst in weiter Ferne, wo sie sich senkte, vermuthen ließ, das der Schire dort vielleicht seine Fortsetzung haben werde.
Eine Landung an dem Orte zu versuchen, an welchem wir uns befanden war ausgeschlossen, daher ohne einen Versuch zu machen, wurde der Befehl zur Umkehr gegeben und an der sandigen Uferstelle vor der Station Werra gelandet, die etwas landeinwärts auf einem erhöhten Punkte, bestanden mit mächtigen breitästigen Tamarindenbäumen, angelegt ist. Ihren Namen soll diese von dem eine Strecke flußabwärts liegenden großen Dorfe Werra erhalten haben; sie ist nur von einigen schwarzen Soldaten und deren Familien bewohnt und hauptsächlich als eine Uebergangsstation zu betrachten, denn die kleinen Erdwälle und Gräben ohne jegliches Verständniß hin und wieder aufgeworfen, verfallen und zur Vertheidigung ungeeignet, würden einem zahlreichen Feinde schwerlich am Vordringen abhalten. Eigentlich, wie mir mitgetheilt wurde, ist diese Station neutrales Gebiet, auf welchem vorkommende Zwistigkeiten zwischen den umwohnenden Häuptlingen von dem Verwalter der Station Fort Hohnston geschlichtet werden und die Besatzung vornehmlich die Aufgabe zufällt, die ausgeschriebenen Kopfsteuern in Landesprodukten einzutreiben.
Den Umständen gemäß hatten wir hier ein bequemes Nachtlager gefunden, was um so schätzenswerther war, als der nächste Tag voraussichtlich viel Arbeit bringen würde, da wahrscheinlich kein Landen eher möglich sein würde, als bis wir den am Nordende des Sees einmündenden Fluß wieder erreicht hätten, und was das Ungemüthlichste, schwerlich vor dieser Zeit etwas würden genießen können.
Früher als gewöhnlich blies am Morgen des 3. Januar der Trompeter die Reveille. Ein Jeder, darauf bedacht, vor der Abfahrt noch einen Becher voll Kakao oder Kaffee zu erhalten, beeilte sich desto mehr fertig zu werden, denn Rücksicht wurde auf Keinen genommen. Jeder mußte, sobald die Musterung der Soldaten vorüber, das Signal zur Abfahrt gegeben, bereit sein, seinen bestimmten Platz einzunehmen. Laut einer Verfügung des Majors hatte Leutnant v. Bronsardt, der auf dem Landwege früher in Fort Johnston eintreffen konnte als wir, von dort nach Werra einige mit dem Malombwe-See bekannte Leute zu senden, die auch, da selbe sich sehr beeilt hatten, tagszuvor eingetroffen waren, und nun auf den Booten als Führer vertheilt, wurden nach ihrer Anweisung die Fahrzeuge dirigiert. Je näher wir dem See kamen, desto weiter dehnte sich der Fluß aus und fast gewann es den Anschein, als ergieße sich derselbe hier in den See — von einer Strömung war bei der großen Breite und Tiefe nichts mehr zu bemerken und daher kamen wir auch ziemlich schnell vorwärts. Eine ganze Strecke bei sich gleichbleibender Tiefe, waren wir in den spiegelglatten See hineingefahren — zur Linken, wo das Land im Halbkreis den See umschließt blieb das Wasser klar und behielt seinen grünlichen Schimmer, dagegen zur Rechten und Voraus nahm es eine graue Färbung an aus einem Grunde, der uns noch unbekannt war, bald aber als ein Hinderniß auftreten sollte, das zu überwinden wir gewaltige Anstrengungen machen mußten.
Immer dieselbe Richtung nordwärts einhaltend, glaubte ich anfänglich, daß wir in gleicher Weise quer durch den See hinfahren könnten, allein, sobald die genaue Färbung des Wassers als darunterliegender Schlamm erkannt wurde, mußte der Kurs ostwärts, mit dem rechten Ufer gleichlaufend, geändert werden, in welcher Richtung, nach Angabe unserer Lootsen, noch das tiefste Wasser zu finden sei. Der Kiel des Bootes, da die Wassertiefe nur noch zwei und einen halben Fuß betrug, wühlte die leicht-bewegliche Masse auf, so, daß in der Kiellinie ein schmutzig gelber Streifen hinter uns verblieb, der mithin sichtbar den Weg erkennen ließ, welchen wir genommen. Ebenso wurden mit jedem Ruderschlage die Schlammmassen aufgewühlt, in denen durch das klatschende Geräusch erschreckt, fortwährend eine beträchtliche Anzahl großer und kleinerer Fische vor dem Bug des Bootes hin- und herschossen; konnten diese nicht ausweichen, weil ihre Bewegungen ziemlich langsam waren, dann vergruben sie sich plötzlich in die weiche Masse und entzogen sich dadurch dem vermeintlichen Verfolger. Ausnahmlos war es eine Art Sumpffisch, ähnlich unserem Wells oder auch dem sogenannten Katfisch; ein flacher breiter Kopf, die Kinnladen mit Bartfasern besetzt, der Körper langgestreckt von heller gelblicher Färbung, konnte man diese zu derselben Gattung zählen, welche ich früher schon im untern Schire oder später im Nyassa-See zu fangen Gelegenheit gehabt habe. Höchst verwundert über eine solche Versumpfung des ganzen Malombwe Sees, äußerte sich Major von Wißmann dahin, daß eine solche erst im Verlaufe der letzten zehn Jahre allmählich eingetreten sein kann, denn er habe vor dieser Zeit, als er von der Westküste kommend und den Kontinent durchquert hatte, diesen See tief und klar gefunden, und diese Angaben bestätigten sich auch, indem wir überall eine durchschnittliche Tiefe von zehn Fuß fanden. Es war nämlich leicht genug eine Bambusstange bis auf den Grund durch den Schlamm hindurchzustoßen, nur das zurückziehen wurde schwerer, weil die bindende Masse in der Tiefe durch den Druck der oberen Schichten fester und zäher geworden war. Uebrigens erwies sie sich als eine Thonablagerung und es liegt die Vermuthung nahe, daß dieselbe in ihrem Fortbestand im Laufe der Zeiten diesen großen See schließlich zum größten Theil in festes Land umwandeln muß, durch welches der Schirefluß sich eine Straße offen halten wird.
Auf die Ursache dieser ungewöhnlichen Erscheinung werde ich später bei der Beschreibung des Nyassa Sees eingehend zurückkommen, vorläufig nur sei erwähnt, daß dieses Material von den zahlreichen Gebirgsbächen und einiger größerer Flüsse, welche in den Nyassa münden, in diesen hineingeführt wird und durch Strömungen, zum Abschluß des ungeheuren Sees, dem Schirefluß, geleitet, hier im ausgedehnten flachen Bette des Malombwe durch wohl unerklärliche Umstände, jedenfalls durch eine zu schwache Strömung in diesem See in letzter Zeit abgelagert wurde.
Man hätte meinen sollen, die weiche Masse unter uns könne die Boote am Fortkommen nicht sonderlich hindern, indes, als wir nach einiger Zeit nur noch zwei Fuß Wasser fanden, mußten wir die Erfahrung machen, daß dieselbe sich am Boden festsetzte, sodaß durch Rudern oder Schieben nicht mehr weiter zukommen war. Stundenlang arbeiteten wir in heißer Sonnengluth mit aller Anstrengung um hindurchzukommen, aber es wollte nicht gehen, auch der Wind, der in diesem Fall unser bester Verbündeter hätte sein können, wehte, als er endlich aufsprang, aus der entgegengesetzten Richtung und, als schließlich um ein Uhr Nachmittags an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war, beorderte der Major die kleineren Boote längsseit, um eine Erleichterung des großen Fahrzeuges vornehmen zu lassen.
Auch dieses Mittel erwies sich als nutzlos, konnten doch die schon schwerbeladenen Boote nur noch wenig aufnehmen, selbst das Kanoe wurde mit Mehlsäcken beladen, um sein Theil zur Erleichterung beizutragen, — aber trotzdem blieb ein erneuerter Versuch eine vergebliche Mühe. Nun erhielten unter meiner Führung die kleineren Boote den Auftrag, nach allen Seiten hin die Wassertiefe zu untersuchen, ob nicht doch noch ein Ausweg zu finden sei; die Behauptung der Lootsen, daß es zu beiden Seiten noch viel flacher wäre, wollte uns nicht recht einleuchten, — doch alles Suchen war Zeitverschwendung, es gab nur die eine Fahrstraße und diese erwies sich für das große Boot als zu flach!
Thatenlos nach so großer Anstrengung hier mitten im See sitzen zu bleiben und vielleicht auf günstigen Wind zu warten, der allein im Stande war, uns aus diesem Dilemna zu befreien, war des Majors Absicht nicht, auch solches geduldige Abwarten seiner Natur entgegen, darum, nun einmal nicht weiter zu kommen war, beschloß er, das große Boot unter Aufsicht von Dr. Bummiller und de la Fremoire sitzen zu lassen und mit den drei kleineren den Versuch zu wagen, ob nicht Land zu erreichen sein werde. Schwer war dieses Unternehmen nicht; sobald einmal der Schlammgürtel hinter uns lag, hatten wir freies Wasser, auch betrug die Distanz bis zum nächsten Ufer höchstens sechs englische Meilen, aber der Umstand, daß wir am östlichen Ufer überhaupt nicht landen durften, war das Mißliche unserer Lage. Die feindlich gesinnte Bevölkerung dieser Gegend, welche sich bisher unter die Botmäßigkeit der Engländer nicht hat stellen wollen, verwehrte jeden Durchzug durch ihr Gebiet und wehrte mit Waffengewalt jedes Unternehmen der Art, sodaß der Malombwe-See nur an der westlichen Seite von Fußgängern umgangen werden konnte. Gewiß waren wir stark genug, einen Angriff abzuschlagen und eine verweigerte Landung zu erzwingen, — doch nur eine zwingende Nothlage hätte einen Kampf, wie solcher wahrscheinlich unausbleiblich gewesen wäre, in den Augen der Herrn Engländer rechtfertigen können; sie hätten sicherlich die Alarmtrommel gerührt und das anmaßende Benehmen der Deutschen, auf ihrem Gebiet Kämpfe zu führen, mit echt englischer Unverfrorenheit gegeißelt.
Alle solche unliebsamen Verwickelungen zu vermeiden, war natürlich des Majors Bestreben, daher auch von vornherein ausgeschlossen, was solche herbeiführen konnte. —
Wie immer, so wurden auch jetzt die gegebenen Befehle prompt und schnell ausgeführt; bald lag das große Boot weit hinter uns und wir folgten jener Richtung, in welcher ich, auf Rekognoszirung ausgesandt, das tiefste Wasser gefunden hatte, wobei ich einen hohen Bergrücken in der Ferne, der die Form eines langgestreckten Sattels hatte, als Richtobjekt im Auge behielt.
Schon nach halbstündigem kräftigen Rudern hatten wir uns durchgearbeitet und vor uns lag ein tiefer, breiter Wassergürtel, der nordwärts, wohin unser Weg lag, kein Hinderniß aufwies, ebenso nach dem Lande zu in gleicher Weise sich ausbreitete, nur, wie es den Anschein hatte, waren dort die Ufer niedrig und flach, sodaß an den meisten Punkten ein Landen wohl mit einigen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre. Mit der Kursänderung, von Ost nach Nord, hatte ich gehofft, würde sich Gelegenheit bieten, eine weite Strecke segeln zu können, aber der frisch wehende Wind änderte seine Richtung nach NNO und durch den schnell aufgewühlten Seegang wurde uns das Fortkommen sehr erschwert. Die kleinen, tiefbeladenen Boote, die im aufgeregten Wasser auf- und niederstampften, konnten bald nicht mehr folgen, — das Kanoe hatte sich schon dem Lande zugewandt und suchte unter dem Schutz des Ufers besser fortzukommen, — da, als die Boote immer mehr Wasser schöpften und ein Sinken nicht unmöglich schien, weil wir dasselbe nicht so schnell ausschöpfen konnten, gab ich dem großen Boote, worauf sich der Major befand, das Nothzeichen, und bald darauf längsseit gekommen, wurden diese nach Möglichkeit entlastet. Auch dem Kanoe, das zu tiefbeladen war, sollte Unterstützung werden, allein, dieses beachtete die abgegebenen Signale nicht, strebte vielmehr nach dem Lande zu, bis der Major des Wartens überdrüssig, die Fahrt fortzusetzen befahl. Leider wußten wir es nicht, daß das Kanoe, als es hinter eine vorspringende Landzunge verschwunden war und im flachen Wasser vorwärts zu kommen versuchte, von den am Ufer sich sammelnden Eingebornen angegriffen wurde, die dieses zwangen, aus dem Bereich der feindlichen Schußwaffen zu bleiben, wodurch es genöthigt wurde, das tiefe Wasser wieder aufzusuchen und hier selbstverständlich gegen Wind und See nur äußerst langsam weiterkommen konnte. Die abgegebenen Nothsignale hatten wir der großen Entfernung wegen nicht gehört, waren daher auch in völliger Unkenntniß von der Gefahr geblieben, welcher sich unser Artist Herr Franke ausgesetzt hatte. Nach vierstündiger mühevoller Fahrt näherten wir uns endlich dem Nordende des Sees und je näher wir der Einmündung des Schire kamen, die wie ein schmaler blauer Wasserstreifen von uns sichtbar wurde, desto ruhiger wurden die bewegten Wellen, sodaß die Boote schneller vorwärts kamen und die ermatteten Leute nicht mehr so angestrengt zu rudern brauchten. Indeß beim Näherkommen bemerkten wir erst die im weiten Kreise vorgelagerten Grasinseln, zwischen denen hindurch zukommen, da sie auf einer vorgelagerten flachen Barre festlagen, uns nicht gelingen wollte. Um das große Boot zu entlasten, wurde jeder Mann in das Wasser geschickt, aber ob wir auch mit aller Anstrengung schoben, selbst den Sand unter dem Boote wegzuschaffen suchten, mißlang es doch. An jeder freien Stelle, wo Aussicht vorhanden schien, noch durchzukommen, wurde der Versuch erneuert, jedoch immer wieder mußten wir zurück. —
Gleich anfangs hatte ich den Auftrag erhalten, die Wassertiefe überall zu untersuchen, aber mir wollte es auch nicht gelingen, irgendwo eine Passage aufzufinden, die tief genug gewesen wäre für das große Boot, bis ich schließlich, innerhalb des weiten Beckens, wo bedeutend tieferes Wasser, so weit nach Westen zu mit einem der kleinen Boote vorgedrungen war, daß ich es kaum noch für möglich hielt, hier einen Ausweg zu finden. Ein abgegebenes Signal hieß mich zum außerhalb der Barre umhersuchenden Boote zurückkehren und deshalb, die weitere Untersuchung aufgebend, glaubte ich schon einen Mißerfolg melden zu müssen, als ich doch noch auf dem Rückwege unter den äußersten Grasinseln einen schmalen Kanal entdeckte, der sich als tief genug auswies, hier das Boot hindurchzubringen. Vorher, als alles Suchen und Mühen vergeblich gewesen war, drängte sich in mir die Ueberzeugung auf, daß der projektirte Bau des Schiffes in Mpimbi an ein solches Hinderniß scheitern müsse, — wie wollten wir wohl das wahrscheinlich noch tiefer gehende Schiff über solche Barre hinwegbringen, da uns doch keine Mittel zu Gebote standen, nöthigenfalls einen Kanal durch diese Barriere graben zu können. Mit der Auffindung einer Fahrrinne schwand nun diese Besorgniß und zum Boote zurückgekehrt, konnte ich die Mittheilung machen, daß ein Ausweg gefunden sei.
Längst schon war hinter dem dicht an den See herantretenden Höhenzug, dessen zerklüftete Gipfel gleich einer starren Felsenmasse kahl in die Lüfte hineinragten, die Sonne verschwunden, ihre letzten Strahlen umspielten mit schwachem Scheine nur noch die höchsten Spitzen, und bald mußte die frühe Nacht hereinbrechen; über uns aber stand schwarzes Gewölk, das am Horizont graugelb gefärbt dem Kundigen den heraufziehenden Sturm anzeigte. — Ueberraschte uns das Unwetter noch auf dem Wasser mußte die Situation höchst ungemüthlich werden, wozu alle Aussicht vorhanden, als wegen der schnell hereinbrechenden Dunkelheit die zahlreichen Untiefen innerhalb der Barre nicht mehr zu erkennen waren und wir alle Augenblick mit dem großen Boot festsaßen. Schließlich aber kamen wir doch hindurch, und uns plötzlich in der tiefen Schiremündung befindend, strebten wir dem rechten Ufer zu, um auf der äußersten, ganz flachen, mit Rohr und Gras bewachsenen Landspitze zu landen. Wohl hätte das gegenüberliegende Ufer unserem Zwecke viel besser entsprochen, weil es bedeutend höher und trockener war, Baum und Strauch auch Schutz geboten hätten, indeß die Vorsicht gebot eine Landung hier zu unterlassen, da es immerhin nicht ausgeschlossen war, daß unter dem Schutze der Dunkelheit von feindlicher Seite ein nächtlicher Ueberfall ins Werk gesetzt werden könnte, der uns freilich nicht überrascht, aber doch eine unliebsame Störung verursacht hätte.
Sofort nach der Landung war die Aufrichtung der Zelte das nächste und Jeder griff zu, die schützende Leinwand am Erdboden mittelst Pflöcke zu befestigen, während Soldaten und Diener unter Aufsicht eines Europäers Kisten und Kasten nach der trockensten Stelle hinschleppten und aufstapelten, denn laut Befehl des Majors sollten alle Boote möglichst schnell entlöscht und zu der am nächsten Morgen beabsichtigten Aktion, dem verlassenen Boote Hilfe zu bringen, bereit gehalten werden. Schneller aber brach das Unwetter über uns herein! Mit dem ersten gewaltigen Windstoß, der die erst halb aufgerichteten Zelte wieder niederriß, stürzte die Regenfluth derartig hernieder, daß wir im Augenblick vollständig durchnäßt waren und gegen den heulenden Wind die flatternde Leinewand zu bergen suchten; auch glich der Erdboden um uns bald einem Teich, es hatte den Anschein, als wäre der Fluß ausgetreten, weil das mit dem Niveau des Flusses fast gleich hoch liegende Land schon vollständig durchtränkt, kein Wasser mehr aufnehmen konnte.
Zu all den Widerwärtigkeiten, welche uns dieser Tag schon gebracht hatte, kam nun noch das Schlimmste, daß wir kein Feuer anzünden noch irgendwie Aussicht hatten, etwas Warmes genießen zu können, denn Brennholz hatten wir nicht und schwerlich war auf dieser öden Landspitze solches zu finden, — trockenes Rohr und Gras zwar hätte schon genügt, aber auch dieses war nun durch den heftigen Regen unbrauchbar gemacht. Endlich, als das Mannschaftszelt wieder aufgerichtet war, neben das des Majors vorläufig das Einzige, und die nothwendigsten Arbeiten beendet waren, konnten wir daran denken, dem knurrenden Magen, der den ganzen Tag gefastet, zu befriedigen; trockene Bisquits zwar und kalte Konserven, wozu ein gespendeter Cognac kam, mußten genügen, aber es war doch wenigstens etwas, um die Lebensgeister wieder anzuregen.
Zum Glück zog mit dem heftigen Wind auch die Regenfluth bald vorüber, — und es konnte nun an die Aufrichtung einer Signallaterne gedacht werden, die dem einsam in dunkler Nacht auf dem weiten See umherirrenden Canoe als Wegweiser dienen sollte, aber ob auch Minutenlang das flackernde Licht im Winde aufblitzte, wollte es doch nicht gelingen, die Laterne brennend zu erhalten, soviel Vorsicht auch dagegen angewendet wurde, — unsere Zeltlaternen waren eben nicht dazu eingerichtet, im Winde zu brennen. Große Besorgniß um das Schicksal der Insassen des Canoes, von denen immer noch kein Lebenszeichen bemerkt werden konnte und die unzweifelhaft vom Sturm und Regen überrascht worden waren, erfüllte Jeden; verschiedentlich patroullirte ich am Seeufer hin und her, in die Nacht und Dunkelheit hinaus horchend, ob nicht ein Ruf oder Schuß zu hören sei, — war es doch kein Kinderspiel, in einem ausgehöhlten Baumstamm ohne jegliche Seitenstützen auf dem wildbewegten See umherzuirren. Und wenn ich meiner Befürchtung hätte Worte leihen sollen, würde ich wenig Hoffnung haben geben können, daß die Vermißten solches Unwetter glücklich überstehen würden, zumal das Canoe mit etwa dreißig Säcke Ugali (Maismehl) beladen worden war, fast unser ganzer Vorrath, auch mußte die Ladung dieses ungelenkig und ungeeignet machen, Sturm und Seegang zu überdauern.
Stunden voll ängstlicher Spannung gingen hin, jedes entfernte Geräusch ließ uns auffahren, wenn aber die ausgestellten Posten befragt wurden, hieß es immer wieder, es ist nichts zu hören, und jeder Rapport, der dem Major abgestattet wurde, mußte verneinend lauten. Hätte ich nicht die Nutzlosigkeit, in dieser rabenschwarzen Nacht mit einem Boote auf den See hinauszufahren, eingesehen, würde ich längst einen Versuch unternommen haben, — aber leider war die Aussicht vorhanden, selbst irre zu fahren, — in welcher Richtung auch sollte ich die schon halb Aufgegebenen suchen. Auch Signalschüsse wurden in Zwischenräumen abgegeben, da wir vergebens bemüht gewesen, Haufen von Rohr zu entzünden, um Leitfeuer am Seeufer aufflammen zu lassen, — alles vergeblich, keine Antwort kam; nur der wieder beginnende Regen war wie ein leises Rauschen vernehmbar, sonst drang kein Ton durch die tiefe Stille zu uns herüber.
Es verursacht ein eigenes peinliches Gefühl, solch' unbestimmtes Warten — zumal, wenn man mit dem Tode, als einen Faktor zu rechnen hat, der einmal da ist und sich durch keine findige Klügelei aus der Lebensrechnnng wegstreichen läßt, und in diesem Falle stand ein Gefährte zwischen den Faktoren Leben und Tod — nach welcher Seite hatte das Zünglein der Wage sich geneigt? Das war eine stumme Frage an das Schicksal, die die nächste Stunde beantworten mußte; denn entweder bald oder niemals sahen wir die Vermißten wieder. So floh die flüchtige Zeit dahin — im ängstlichen Harren für uns eine Qual — für die draußen auf dem weiten See mit der tiefen Dunkelheit noch Kämpfenden eine Ewigkeit....
Wie eine Erlösung klang endlich der Ruf des äußersten Postens »es seien drei Schüsse gefallen« zu uns herüber, und zum Ufer eilend, horchten wir in die Nacht hinaus, konnten aber nichts mehr vernehmen; hätte der Posten nicht so fest an seine Behauptung gehalten, wir würden geneigt gewesen sein, es als eine Täuschung anzusehen, die aber hinfällig werden mußte, wenn man in Betracht zog, daß das Gehör eines Schwarzen, der Posten war ein Zuluneger, viel feiner ausgebildet ist als das unsrige, wenigstens durch ein freies Leben in der Natur die schwachen Laute viel besser unterscheiden konnte wie wir. Zweifellos mußte der Mann etwas vernommen haben, das nur als ein Nothsignal aufzufassen war, und von unserer Seite nun drei Schüsse abfeuernd, war es nach einiger Zeit wieder derselbe Posten, der eine Antwort vernommen haben wollte; während andere nur ein sehr schwaches Geräusch wie aus weiter Ferne gehört hatten.
Zunächst nun wurde nochmals der Versuch gemacht, an unserer längsten Stange die Laterne wieder aufzurichten, hatten auch die Genugthuung, wenigstens eine Zeitlang dieselbe brennen zu sehen, obgleich das stark flackernde Licht blos einen unsicheren Schein abgab — wir thaten wenigstens, was wir thun konnten, um den Verirrten einen Anhaltepunkt zu geben, wohin sie, wenn überhaupt das schwache Licht sichtbar für sie sein sollte, ihr Fahrzeug lenken konnten.
Das unthätige zweifelhafte Warten wollte mir nicht recht in den Sinn und trotzdem ich nicht gewußt, wohin in solcher Dunkelheit ich mein Boot hätte lenken sollen, kam doch immer wieder das innere Drängen, hinausfahren zu müssen und sei es aufs Geradewohl; auch konnte ich mir es wohl am besten vorstellen, in welcher Verfassung sich die fünf Menschenkinder befinden mußten, waren es doch bereits fünfzehn Stunden, daß sie in solcher engen Nußschale Sonne, Sturm und Regen ausgesetzt gewesen.
Einmal entschlossen, Hilfe zu bringen, wenn es mir gelingen sollte das Canoe aufzufinden, hatte ich die Erlaubniß dazu vom Major einzuholen; eine solche wurde mir auch sofort gegeben mit der Bemerkung: Sie wollen wirklich in dieser Nacht hinaus, — nun das ist recht, — aber vor allen Dingen seien Sie vorsichtig.
Mit dem Boote, mit welchem ich die Fahrt unternehmen wollte, hatte es übrigens keine Noth; mit Luftkästen versehen, konnte ich in demselben jedem Unwetter trotzen. In der Voraussicht, daß die gewaltigen Seen Inner-Afrikas nicht die ruhigen Wasserflächen sind, wie sie nach Ansicht von Laien aufgefaßt werden, hatte ich neben der Zerlegbarkeit auf die Sicherheit der Schiffsboote bei der Herstellung derselben Bedacht genommen, und deshalb alle drei so konstruiren lassen, daß eine Gefahr des Untersinkens bei gewöhnlicher Belastung so lange ausgeschlossen war, als die luftdichten Behälter intakt blieben.
Da wie immer bei dieser Expedition alles bereit war, bedurfte es nur eines Kommandos und in wenigen Minuten schon schwamm ich auf der dunklen Fluth. Meine Aufgabe war es ja, speziell den Wasserverhältnissen des Schireflusses genaueste Beachtung zu schenken, deshalb bei der schwierigen Durchfahrt am Abend, hatte ich mir verschiedene Objekte, als festliegende Grasinseln, zwischen denen ich die tiefste Wasserrinne wieder aufzufinden im Stande sein würde, genau bemerkt. Demnach suchte ich auch in dieser Dunkelheit mich darnach zu orientiren, wobei die Falkenaugen der Bacharias, von denen ich fünf Mann mitgenommen hatte, mir wesentliche Dienste leisteten. Ich war bestrebt nach Süden zu die Barre mit dem Boot zu passiren, indem ich nach dieser Richtung hin am ersten das Canoe zu finden vermeinte, allein ein gefallener Schuß, der hier auf dem freien Wasser deutlich vernommen wurde und ganz von der rechten Seite, also westwärts, herübertönte, ließ mich diese Absicht aufgeben, obgleich es mir nicht recht einleuchten wollte, wie das Canoe soweit nach jener Richtung hin hätte fahren können; es war demnach an der Barre vorbei dem hohen Gebirgszug, der die westliche Seite des Sees begrenzte, zugesteuert. Zweifeln konnte ich aber nicht, denn der leichte Wind, der von den Bergen herüberwehte, hatte mir den scharfen Knall eines Mausergewehres zugetragen, ich wußte mithin, daß nach jener Seite das Canoe oder wenigstens die Vermißten zu suchen seien.
Anfänglich noch schimmerte das Laternensignal durch die Nacht und ich konnte an der geschätzten Entfernung ermessen, wie weit das Boot ungefähr vom Lande entfernt sei, hatte an dieses, da vom flachen Lande absolut nichts zu sehen war, wenigstens einen Anhalt, der es mir ermöglichte, annähernd die Richtung einzuhalten. Plötzlich verschwand aber auch dieses Licht, und, da kein Stern durch das tiefschwarze Gewölk zu dringen vermochte, mußte ich so gut es eben gehen wollte, das Boot zwischen den Untiefen hindurchzuführen suchen. Endlich, ins tiefere Wasser gelangt, gab ich drei Signalschüsse ab, um mich, wenn solche beantwortet würden, über die nun einzuschlagende Richtung zu orientiren, ehe ich mich auf die weite Wasserfläche hinauswagte. Es verging eine ganze Zeit bis das Signal beantwortet wurde, und darauf kräftig die Ruder gebrauchend, flog das Boot durch die Nacht über die dunklen Fluthen hin. In kürzeren Zwischenräumen feuerte ich immer wieder mein Gewehr ab, doch keine Antwort erfolgte mehr, sodaß ich annehmen mußte, Franke habe schon seine letzte Patrone vergossen. Auch als kein Ruf vernommen wurde, wenn ich zuweilen die Leute mit dem Rudern aufhören ließ, schien es mir schließlich das Beste, ruhig zu warten; denn, ist das Canoe noch aktionsfähig, würden die Insassen jedenfalls versuchen, von den Signalschüssen geleitet, das ihnen zu Hilfe gekommene Boot zu erreichen.
Ich hatte mich in dieser Voraussicht auch nicht getäuscht; zwar währte es noch eine beträchtliche Zeit, ehe wir Rufe vernahmen und von diesen geleitet das Boot dahin lenken konnten, woher das Canoe langsam sich zu nähern schien, doch hatte ich aber die Genugthuung, nicht vergeblich in die Nacht hinausgefahren zu sein. Wenigstens konnte ich den wohl aufs äußerste Erschöpften die erste Unterstützung leisten.
Und endlich lagen bald darauf Boot und Canoe Bord an Bord, worauf dann unverzüglich, so schnell es in der Dunkelheit eben gehen wollte, sämmtliche Lasten, die in dem Canoe noch vorhanden und zum Theil halb verdorben waren, in das Boot übergenommen wurden, und dieses so erleichtert, hatte uns zu folgen. Während der Rückfahrt konnte ich aus der Erzählung des Herrn Franke entnehmen, daß er alle Phasen einer solchen Irrfahrt Kampf, Sturm und vermutheten Untergang hat durchkosten müssen. Er hatte auch unsere Signalschüsse, deren Echo vom Winde getragen über den See verhallte, vernommen, jedoch aus keiner bestimmten Richtung, und daher sei es gekommen, daß das Canoe dem hohen festen Lande zugelenkt wurde, bis er dadurch wieder irre wurde, als hinter ihm deutlich vernehmbar plötzlich Schüsse abgegeben wurden. Dann, fast schon an eine Rettung zweifelnd, da das Canoe immer tiefer sank und sich mit Wasser füllte, welches er nicht allein mit seiner Mütze auszuschöpfen im Stande war, sei es ihm wie eine Erleichterung gewesen, als er durch die immer näher kommenden Signale die Ueberzeugung gewann, ein Boot sei ausgesandt worden, um ihn zu suchen. — Gewiß nicht beneidendenswerth ist die Situation gewesen, in welcher er sich seit der Stunde befunden, als wir ihn aus den Augen verloren hatten und konnte von großem Glück sagen, daß das Unwetter so schnell vorüberzog und der Wind das Canoe nicht weit auf den erregten See hinausgetrieben hatte, wo in solcher Nacht jede Aussicht auf Hilfe schwinden mußte.
Sobald wir uns der Barre wieder genähert und flacheres Wasser fanden, saßen wir mit dem Boote bald auf Grund und es wollte nicht glücken, von den Untiefen freizukommen; durch Stromversetzung höchst wahrscheinlich, waren wir auf die südlichen Bänke gerathen. Eine ganze Zeit währte es, ehe ich darüber im Klaren war, wo wir uns eigentlich befanden, bis das Hin- und Hersuchen uns schließlich den tiefen Strom ausfinden ließ und wir glücklich, nachdem noch ein Regenschauer die letzte Strecke höchst ungemüthlich gemacht hatte, zu Lande kamen. Hier war es inzwischen doch gelungen, ein spärliches Feuer im Zelte zu unterhalten und nach abgestatteter Meldung beim Major von Wißmann erwartete uns ein warmer Trunk, wobei nun die Tagesereignisse im kleinen Kreise noch erörtert wurden, ehe alle zur kurzen Rast sich zur Ruhe legten, um im festen Schlummer sich zur neuen Anstrengung zu stärken. Der Befehl, daß am nächsten Morgen das Sektionsboot und das von mir bei der nächtlichen Fahrt benutzte Boot zur Abfahrt bereit liegen sollten, wurde, als der Trompeter die Schläfer weckte, schleunigst ausgeführt, sodaß, als der Major zur Abfahrt bereit, die Boote segelfertig bereit lagen. Neben der Mannschaft sollte ich allein den Major auf dieser Fahrt nach dem verlassenen Boote begleiten, das am vorigen Tage mit seiner ganzen Besatzung von einigen vierzig Mann hatte im Schlamm zurückgelassen werden müssen, und das nun durch Entlöschen aus seiner Lage mitten im See befreit werden sollte. Trübe, nicht wie sonst vom freundlichen Sonnenstrahl erhellt, war der Morgen angebrochen, das schwere Gewölk hing noch immer düster drohend über uns; die endlosen Wolkenscharen ballten sich Unheil verkündend, zusammen, und jene gelbliche Färbung derselben im Norden war wieder das Zeichen, daß der Sturm heraufgezogen kam, vor dessen Hauch die Dunstgebilde in die Höhe umherflohen. Ein Warnungszeichen war uns hierdurch gegeben, — jedoch mit unseren guten Booten jedem Unwetter Trotz bietend, erachteten wir es als einen besonders günstigen Umstand, vor dem Winde laufen zu können und desto schneller unser Ziel zu erreichen; deshalb traten wir auch ohne Bedenken die weite Reise an, obgleich der mit dem Sturm zugleich niederprasselnde Regen uns keine angenehme Fahrt bereiten würde.
Sobald die Barre passirt war, setzten wir Segel und vor dem immer stärker wehenden Wind flog das Boot mit dem kleineren im Schlepptau über die schwarzen schnellerregten Wogen hin. Bald war der breite und tiefe Wassergürtel, der das mächtige Schlammmeer umfaßte, durchquert, und wir konnten dann auf der gelblich schmutzigen Masse den Weg genau verfolgen, den wir gekommen waren. Es lag in des Majors Absicht, den geraden Weg zu nehmen, indem wir voraussetzten, daß der Schlamm für die leeren Boote kein sonderliches Hinderniß sein würde; demnach lenkte ich das Boot jener Richtung zu, in welcher das große Fahrzeug liegen mußte, hoffend, daß es gelingen, und wir Wasser genug unter dem Boote behalten würden, um dieses manövrirfähig zu erhalten.
Bald wuchs der schon starke Wind zum Sturm, die Luft ebenso gelb wie die aufgewühlten Wasser unter uns, dazu der niederströmende Regen machte es unmöglich, auch nur wenige Meter voraus oder um uns irgend etwas zu unterscheiden; eingehüllt von einem undurchdringlichen Schleier waren wir völlig den rasenden Elementen preisgegeben. Vor dichtgerefften Segeln raste das Boot durch die Fluthen, — trotzdem aber war die geführte Leinewand noch zu viel, da die Masten den gewaltigen Druck des wilden entfesselten Sturmes nicht auszuhalten vermochten, und mit Mühe nur konnten wir diese bergen, sodaß, so zu sagen vor Topp und Takel laufend, die Gewalt des Sturmes allein auf die Fahrt des Bootes ihren Einfluß ausübte. Die Schnelligkeit des Bootes wurde naturgemäß dadurch vermindert, und wir erkannten nun, da dieses nicht mehr mit Allgewalt durch den Schlamm vorwärts getrieben wurde, daß wir kaum noch einen halben Fuß Wasser hatten; in der weichen Masse mußte das Boot sitzen bleiben, wenn der Wind so plötzlich wie er gekommen, auch wieder aufhörte, denn sehr weit waren wir vorgedrungen, und rings um uns nur das gelbliche vom Sturm aufgewühlte Gewässer. Bekannt mit diesen gewaltigen Gewitterböen, deren Kraft schnell erlahmt sobald der Hauptstoß vorübergezogen, fürchtete ich sehr, daß die gewöhnlich nachfolgende Stille uns in einer der peinlichsten Situationen finden würde, aus der wir uns, selbst mit Hilfe des kleineren Bootes nicht zu retten vermochten, wenn der Wind uns nun im Stiche ließ; auf die Frage des Majors »was fangen wir nun an, um hier wieder herauszukommen und das freie Wasser zu gewinnen!« konnte ich nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Wind lange genug anhalten möge und seine Kraft uns aus dieser bedenklichen Lage befreien möchte. In dem Augenblick als die Gefahr erkannt worden war, wurde das Boot auch sofort nach links soweit aus seinem bisherigen Kurse abgelenkt, daß dieses vom Sturm nun mehr seitwärts gefaßt, unter der zulässigen Segellast schneller wieder durch den Schlamm fortgetrieben wurde. Mit der abnehmenden Stärke des Windes wurde immer mehr Segeltuch gesetzt, soviel, als das Boot irgend nur tragen konnte und dadurch dessen Geschwindigkeit gesteigert, die jedoch im Verhältniß zur anfänglichen nur sehr gering war, weil die Schlammmassen zu großen Widerstand entgegensetzen. Immer näher an den Wind je schwächer dieser wurde steuerte ich das Boot so, daß dessen Bug schließlich ganz dem Lande zugekehrt war, welches uns die mittlerweile darüber hinweggefegte Dunstmasse wieder erkennen ließ, und konnten nach kurzer Zeit die erfreuliche Beobachtung machen, daß wir auf etwas tieferes Wasser gekommen waren. Mit Hilfe der Ruder, an denen die Mannschaft mit allen Kräften arbeitete, wurde die allmählig erlahmende Kraft des Windes einigermaßen ersetzt und wir hatten denn alsbald die Freude, das tiefere Wasser von der graugelben Masse, in der wir so weit und so lange umhergesegelt, unterscheiden zu können.
Schnell beruhigt waren die Fluthen, nachdem die überaus heftige Gewitterböe vorübergezogen, auch die durch das düstere Gewölk siegreich durchdringende Sonne ließ ihr Silberlicht auf die kräuselnden Wogen tanzen; das Boot aber glitt unter den taktmäßigen Ruderschlägen über diese hin, dem noch entfernten Ziel entgegen.
Nach zweistündiger Fahrt, etwa gegen 8-1/2 Uhr morgens, hatten wir, begünstigt durch wieder aufspringenden Wind endlich das Boot erreicht und fanden die Besatzung dabei, die Spuren zu verwischen, welche der über dasselbe hingefegte Sturm zurückgelassen hatte. Hatten wir im Lager schon eine ungemüthliche Nacht gehabt, so war dieselbe für die Insassen des Bootes, die auf den engsten Raum beschränkt den Unbillen der Witterung völlig ausgesetzt gewesen, gewiß nicht minder unangenehm verlaufen, aber ungeachtet dessen wurde die Entlöschung sofort vorgenommen und bereits nach Verlauf einer Stunde konnte die Rückfahrt angetreten werden. Die Führung des größten Bootes, das trotz der bedeutender Erleichterung noch halb beladen geblieben und deshalb schwerfällig war, hatte ich zu übernehmen, während Major von Wißmann das zweite führte, und unter diesen Umständen auch schneller vorwärts kommen konnte als ich. Vergebens sehnten wir einen auffrischenden Wind herbei, der uns die Arbeit erleichtert und auch die niederglühenden Sonnenstrahlen etwas gemildert hätte, aber erst nach fünfstündigem unausgesetzten Rudern kamen wir zur Barre. Häufig genug noch saßen wir in der schmalen Durchfahrt fest und mußten die Leute in das Wasser schicken, um das Boot zu erleichtern, bis wir schließlich nach drei Uhr Nachmittags den Lagerplatz wieder erreichten.
Da die Weiterfahrt auf den nächsten Morgen in aller Frühe festgesetzt worden war, gab es nun Arbeit vollauf, doch ehe die Nacht hereinbrach, war auch diese beendet, und beim Scheine der Lagerfeuer, wozu von einer bewaffneten Abtheilung, von den nächsten Hügeln an der anderen Seite des Flusses das Material inzwischen herbeigeschafft worden war, konnten wir uns eines herrlichen Abends und einer friedevollen Nacht erfreuen.
Wie erwähnt, war die Stelle wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, nur wenig höher gelegen, als das Niveau des Wasserspiegels, und dieselbe Beschaffenheit zeigte mit wenigen Erhöhungen auch das ganze umliegende Terrain, das dicht mit hohem Rohr und Gras bewachsen, aus einer allmählichen Anschwemmung entstanden war. Diese weite Fläche nun, mußte, sobald der Schirefluß im Steigen begriffen war, zu gewissen Zeiten fast ganz unter Wasser gesetzt sein, was der Fall, wenn die ungeheure Wasserfläche des Nyassa-Sees plötzlich durch große Regenmassen, welche aus den diesen See umgebenden Gebirgszügen zuströmten, um ein weniges erhöht wurde. Zwar steht das Steigen des Flusses hier, gegen seinen Unterlauf, wo er oft bis 10 Fuß Höhe sich anstaut, in gar keinem Verhältniß; einen Fuß oder noch etwas mehr über den gewöhnlichen Wasserstand, ist hier schon ein hoher zu nennen, und einzig davon abhängig, ob dem See während der Regenzeit große Wassermassen zugeführt werden oder nicht. Diese zeitweiligen Ueberschwemmungen machen das erwähnte Terrain für eine Ansiedelung völlig ungeeignet, obgleich der Boden als ertragreich bezeichnet werden kann, denn dessen Zusammensetzung aus Thon, Sand und Erde versprechen mancher Kulturpflanze ein gedeihliches Fortkommen. Aber der Eingeborne braucht ja nicht zu kargen, er hat Land im Ueberfluß und aus diesem Grunde wohl war in weiter Runde von einer menschlichen Ansiedelung auch nichts zu sehen. Desto reicher war diese Niederung von Wasservögeln bevölkert, wenn hier auch nicht so zahlreich und vielartig vertreten, wie auf den Bänken des unteren Zambesiflusses, so konnten doch neben dem schwerfälligen Pelikan, verschiedene Reiherarten, wilde Enten und Gänse etc. bemerkt werden, die in ungestörter Ruhe hier ein beschauliches Leben führten.