Raubwild.
Löwen (Felis leo somaliensis Noak).

Als »König der Tiere« wird uns der Löwe in der Fabel dargestellt, und dieser Begriff ist uns derart in Fleisch und Blut übergegangen, daß man die gewaltige Katze im Tiergarten oder in der Menagerie stets mit besonderer Andacht bestaunt. Einen ganz anderen Eindruck bekommt man aber, wenn man diesem großen Räuber in der Natur begegnet. Seine außerordentliche Muskelkraft wendet er nur an, um harmlose Opfer aus dem Hinterhalt zu überfallen. Durch Wucht des vorgeschnellten Körpers und das gewaltige Gebiß, unterstützt durch den Schreck des plötzlichen Ansprungs, macht er seine Beute wehrlos. Wird er aber vorher bemerkt, so schleicht er feige davon. So zahlreich die Löwen auch in unserer Kolonie noch sind, ist es doch vielen eingewanderten Weißen nicht vergönnt, ihnen in freier Wildbahn zu begegnen. Es gibt Europäer, die jahrzehntelang im Lande sind und von Löwen weiter nichts zu spüren bekommen, als das nächtliche Gebrüll und die Nachrichten, daß da und dort Menschen geraubt und Vieh den Löwen zum Opfer gefallen sei.

Auch mir ging es anfangs nicht besser. Drei Jahre war ich bereits in Deutsch-Ostafrika, als ich meinen ersten Löwen sah. Es war auf einer Pflanzung in Lindi (s. Abb. 1), wo ich als Gast weilte. Gegen zwölf Uhr mittags wurde ich durch die Pflanzung geführt. Um von einer Stelle einen guten Überblick über die Pflanzung zu haben, erstiegen wir einen kleinen Hügel. Noch waren wir nicht ganz oben, da wurde uns doch etwas beklommen zumute, als von der entgegengesetzten Seite her ein alter Mähnenlöwe auf der Bildfläche erschien und auf dreißig Meter uns gegenüberstand.

Reliefkarte

Erst sah der Löwe recht stattlich und achtunggebietend aus, wie er steifbeinig mit erhobenem Haupt langsam auf uns zuschritt. Sobald er uns aber wahrgenommen hatte, kroch er in sich zusammen, legte sich nieder und ließ nur seine Schwanzquaste kreisen. Immer den Blick auf uns gerichtet, kroch er rückwärts, ganz mit dem Gebaren einer beim Wildern ertappten Hauskatze. Als er mit halbem Körper auf abschüssigem Gelände angelangt war, warf er sich mit gewaltigem Satz herum und ging in langen Fluchten[1] ab, bis er im hohen Grase für unser Auge verschwunden war. Gewehre hatten wir nicht zur Hand, und mein Begleiter versicherte mir, es wäre aussichtslos, die Waffen holen zu lassen und nachzupirschen.

Diese Art, sich zu drücken, habe ich noch häufig bei Löwen angetroffen, wenn ich unbewaffnet auf sie stieß. Auch Eingeborene versicherten mir häufig, solange Löwen keine »Menschenfresser« wären, gingen sie den Menschen aus dem Wege.

Nach einiger Zeit glückte es mir auch, meinen ersten Löwen zu schießen. Eine Rotte Warzenschweine (Phacochoerus africanus Lm.), an die ich mich anpirschte, wühlte harmlos nach Wurzeln. Unweit davon weideten Zebras (Equus quagga boehmi Mtsch.). Plötzlich fingen die Zebras an zu wiehern und marschierten in einer Richtung auf. Ich glaubte mich schon gesehen, merkte aber, daß alle seitwärts an mir vorbeisahen. Lange konnte ich nichts entdecken, bis ich einen Löwen etwa 60 Meter neben mir sah, der offenbar die Warzenschweine beschlich. Gutes Schußfeld hatte ich nicht, da mich niedriges Gestrüpp nur Teile des Löwen sehen ließ. Der Eingeborene, der mich begleitete, riet mir, nicht zu schießen, erst wenn der Löwe ein Warzenschwein geschlagen hätte, wäre der richtige Augenblick dazu. Warzenschwein und Zebra wären diejenigen Leckerbissen, die der Löwe nicht im Stiche ließe. Bald hatte der Löwe den Rand der Lichtung erreicht. Die Zebras schnaubten, und einige stampften einen Schritt näher kommend mit dem Hufe. Zehn Meter vom Löwen auf die Richtung der Schweine zu lag ein entwurzelter Baumstamm, dessen Äste bis auf das starke Stammstück beim letzten Grasbrand verbrannt waren und sich nur durch weiße Aschestreifen abhoben. Durch leichtes Traben überwand der Löwe, den ich jetzt als Löwin erkannte, die Stelle bis zum Wurzelstock des liegenden Baumes, an den er sich anpreßte und zu Boden duckte. Ich war jetzt neugierig, was weiter geschehen würde.

Am Boden liegend, schob sich nun der Löwe dicht am Stamm entlang. Ich sah durchs Glas, wie sich die einzelnen Muskelpartien spannten und wieder in Ruhe übergingen. Als er in der Mitte des Stammes ankommt, löst sich plötzlich mit vernehmbarem Geräusch ein großes Rindenstück des Stammes. Alle Sauen werfen die Köpfe hoch, und ein alter Keiler und eine Sau machten einige Schritte auf das Geräusch zu. Unbeweglich lag die Löwin. Die Sauen fingen wieder an zu wühlen, nur der Keiler trug noch den Kopf aufrecht und suchte durch Schnüffeln in der Luft Wind zu nehmen. Verstohlen nahm ich eine Prise Staub auf und prüfte den Wind. Die Löwin hatte alle Vorteile für sich. Beruhigt fing nun auch der Keiler wieder an, seine Aufmerksamkeit der Äsung zu widmen, und schob sich dabei zwischen den Sauen durch.

Die Löwin war jetzt am Ende des Stammes, und ich erwartete jeden Augenblick den Sprung. Dreißig Meter war sie noch von ihren Opfern getrennt. Jetzt zog sich die Vorderpartie auf die hintere krampfhaft zurück, und pfeilschnell schoß der Löwe in drei bis vier Sätzen dicht über der Erde auf die Schweine. Als er zwischen diesen war, sah das Arbeiten der Vorderpranken genau so aus, als ob eine Katze einen Hund ohrfeigt. Quiekend und grunzend stoben die Warzenschweine auseinander und preschten auf mich zu. Zu gleicher Zeit polterten die Zebras davon. Die Löwin glotzte ihnen dumm nach, sie war erfolglos gewesen. Spitz zu mir stehend, ließ ich nun auf den Stich (die Vertiefung vorn an der Brust zwischen den Schulterblättern) der Löwin fliegen. Ohne einen Laut auszustoßen, brach sie zusammen. Die Schweine, die merkwürdigerweise mit dem Wind liefen, standen nur 20 Meter seitlich von mir. Erst als ich mich aufrichtete, trollten sie weiter. Auf einmal schienen sie Wind von mir oder der Löwin zu haben, und in voller Flucht rasten sie davon, ohne noch einmal zu verhoffen.[2]

Von der königlichen Seite haben sich mir aber die Löwen, wie schon eingangs erwähnt, bis jetzt noch nicht gezeigt, obgleich ich im Laufe von 14 Jahren bereits 16 Stück auf freier Wildbahn zur Strecke gebracht und sehr viele gesehen habe. Wie leicht sie zu vertreiben sind, ist aus folgender Begebenheit ersichtlich. Ich hielt mir seit längerem eine Meute deutscher Doggen. Da ich der Erste im Langenburger Bezirk war, der diese große Hunderasse einführte, erregten meine Hunde bei den Eingeborenen naturgemäß großes Staunen, das sich auch auf ihre Pariahunde ausdehnte, die, sobald meine Hunde auftauchten, mit eingeklemmter Rute und krummem Buckel heulend oder lautlos davonschlichen. Nun mögen wohl in der Übertreibung der Neger meine Hunde noch gewachsen sein (mein größter hatte 86 cm Schulterstandmaß), wenn sie anderen Dorfgenossen davon erzählten.

Eines Tages teilte mir ein durchaus glaubwürdiger Europäer mit, in Mapunga sei eine alte Frau mehrmals von einem Löwen aus ihrer Hütte, die offen stand, gezerrt worden. In der Annahme, es wäre einer meiner sagenhaften Hunde, habe sie dem Löwen mit der Faust ins Gesicht geschlagen, und dieser habe sie darauf losgelassen. Eben in der Hütte angekommen, hätte der Löwe sie zum zweiten Male gepackt und nach einigen Faustschlägen sie wieder losgelassen. Als der Löwe sie zum dritten Male habe packen wollen, wäre auf ihre vorherigen Hilferufe ihr Mann erschienen, habe einen Mörserstempel ergriffen und dem Löwen einen Schlag versetzt. Dieser sei sofort flüchtig geworden und wäre nicht wieder gekommen. Ich suchte nach einigen Wochen die alten Neger auf. Die Frau hatte am linken Oberarm und der Schulter vernarbte Bißwunden, und ihr Arm war skelettartig dünn geworden.

Derselbe Europäer erzählte mir auch, er habe am Tage gesehen, wie drei alte, magere Kühe einen Löwen in die Flucht geschlagen hätten und mit steil hochgerichtetem Wedel hinter dem Löwen hergaloppiert wären.

Ein Australier, der aus Südafrika kam und dem ich den Fall erzählte, behauptete, einer seiner Freunde am Zambesi ließe sich immer, wenn er einen Löwen angeschweißt, d. h. angeschossen hätte und die Folge im hohen Grase für ihn zu gewagt sei, eine Herde Rinder kommen. Die Rinder, auf der Schweißfährte entlang getrieben, verfolgten den Löwen sofort und drückten ihn aus dem Grase heraus, ohne daß er daran dächte, sich zur Wehr zu setzen.

Um es praktisch auszuprobieren, hatte ich keine Gelegenheit. Im allgemeinen fällt der Löwe auf guten Schuß leichter als verschiedene Antilopenarten, und in den wenigen Fällen, wo ich angeschweißte Löwen wegen hohem, dichtem Gestrüpp nicht angehen konnte, waren weder europäische noch eingeborene Viehbesitzer in erreichbarer Nähe, die mir etwa ihre Rinder geliehen hätten.

Im August 1904 kam ich erstmals nach Irongo in Ussangu, der Residenz des Sultans Kahemere. Die Hütten sind hier in sog. Tembenform gebaut, d. h. Hütte ist von Hütte nur durch eine Zwischenwand getrennt. Die Bedachung ist flach. Die Dachbalkenlage wird mit Schilf, Gras und einer dicken Lehmauflage überdeckt und bietet vortrefflichen Schutz gegen Sonne und Hitze. Starker Regen kann jedoch hindurchdringen, namentlich, wenn der Regen nach einigen trockenen Tagen einsetzt, und der Lehmbelag sich noch nicht voll Wasser gesogen hat.

Die ganze Dorfanlage weist die Form eines Vierecks auf, mit etwa sechshundert Meter langen Seitenwänden. Durch zerfallene Hütten sind überall Zwischenräume vorhanden. Sonst sind in der Anlage nur zwei Eingänge vorgesehen, die abends mit Dornen verbarrikadiert werden. In der Mitte des großen Platzes wohnt in einer besonderen Umzäunung der Sultan mit einem Teil seines Harems. Kahemere besaß einige dreißig Frauen. Morgens und abends hält sich das Vieh, vorwiegend Rinder, im Tembenhofe auf, ehe es auf die Weide geht oder bevor es abends in die Stallungen, die zugleich als Wohnraum dienen, gebracht wird.

Unter einem schattigen Baume dieses Hofes schlug ich mein Zelt auf. Ich saß etwas sehr auf dem Präsentierteller, und jede meiner Hantierungen wurde von zahlreichen Zuschauern männlichen und weiblichen Geschlechts bekrittelt. Um meine Zelttüre ganz zu schließen, war es zu heiß. Fortwährend mußte ich auf den Gruß von Ankommenden »adje, senga« mit »adje« antworten. Da ich die Kissangusprache nicht verstand, fragte ich später einen Missionar, was »adje, senga« eigentlich bedeute. Er antwortete mir kurz »guten Tag, Rindvieh«. Allerdings spielt das Rindvieh dort eine so große, fast geheiligte Rolle, daß das Prädikat »Rindvieh« beim Gruß eine Ehrung bedeutete, auf die nur der Sultan und seine Familienmitglieder Anwartschaft hatten.

Infolge des engen Zusammenwohnens in den Temben, wo jeder seinem Nachbar in die Töpfe gucken konnte und eine etwas laute Unterhaltung, nur für engsten Familienkreis bestimmt, bis in die dritte Hütte hörbar war, stand die Moral dieser Neger nicht auf einer hohen Stufe.

Die Hitze ließ auch in der Nacht nicht nach, und als ich eine Weile bei geschlossenen Zeltwänden gelegen hatte und in Schweiß gebadet war, ließ ich die Wände öffnen, damit die Luft durchziehen konnte. In der zweiten Nacht wurde ich geweckt durch fortwährendes Kläffen und Herumjagen meiner Hunde ums Zelt, wobei dieses fortgesetzt erbebte, da die Jagd über die Spannleinen ging, über die die Hunde stolperten. Da die Hunde sonst guten Appell (Gehorsam) hatten und diesmal auf Pfeifen nicht folgten, stand ich auf und machte Licht. Aus dem Zelt heraustretend, sah ich noch einige Schatten in der Dunkelheit verschwinden, hinter denen meine Hunde herjagten. Ich dachte mir, es werden gefleckte Hyänen sein, und legte mich beruhigt nieder. An das Herumjagen der Hyänen mit den Hunden war ich gewöhnt, den Hunden geschah dabei nichts, denn es war mehr Spielerei von beiden Seiten. Sättel, Stiefel und sonstiges Lederzeug, das Hyänen gern verschleppen, war durch die Anwesenheit der Hunde gesichert, und ruhig schlief ich bis zum Morgen. Als mir mein Boy den Kakao brachte, sagte er, es sind heute nacht Löwen dagewesen. Richtig! um mein Zelt, das Küchenzelt, und quer über den Tembenhof führten Löwenspuren. Deutlich waren solche von alten und jungen Tieren zu unterscheiden. Brüllen hatte ich ja Löwen an beiden Tagen gehört, aber es ist so etwas Alltägliches, daß man keine Notiz davon nimmt. Ich sprach dann mit dem Sultan Kahemere über die nächtliche Löwenanwesenheit. Mit Gleichmut erzählte er mir: Im Dorfe Mapunga sind in den letzten zwei Monaten 13 Personen von Löwen geholt worden. Die Leute sind dann auf die andere Seite des Flusses verzogen und ließen ihr altes Dorf im Stich, weil es von einem bösen Geist verzaubert wäre, der die Löwen gerufen hätte. Jetzt wären auch hier allnächtliche Löweneinbrüche an der Tagesordnung. Eben habe er Nachricht bekommen, daß heute nacht die Löwen, ehe sie in seine Tembe kamen, unweit eine Kuh aus einer Hütte geholt hätten.

Sofort wollte ich mich bei den Überresten der Kuh ansetzen. Kahemere meinte aber: es waren mehrere Löwen, von der Kuh ist nichts mehr da, vielleicht haben auch Hyänen die Knochenreste verschleppt. Aussicht, die Löwen zu beschießen, wäre aber auf dem Wege nach Utengule, wo sie morgens immer vorbeikämen. Einer seiner Leute, der dort sein Gehöft hätte, sähe sie immer.

Ich fragte den Sultan, ob es nicht möglich wäre, daß mir die Leute nachts Nachricht gäben, wenn die Löwen einbrächen. Er versprach mir, seinen Leuten zu befehlen, daß sie — wegen der Löwengefahr — zu dritt bei einem Einbruch kämen und mich wecken sollten. Kahemere betonte aber nochmals, daß ich am bequemsten auf dem Wege nach Utengule zum Schuß käme, und bezeichnete mir die Stelle, die ich vom Zelt aus wählen sollte.

In der folgenden Nacht schlief ich mit offenen Ohren. Gegen fünf Uhr früh hörte ich Schreien von Eingeborenen. Ich warf mich in die Kleider und war gerade fertig, als Kahemere, mit seinem Gewehr in der Hand, selbst zu mir kommt und mich aufklärt, daß das Schreien der Leute, das ich gehört hätte, die zweite Abwehr eines Einbruchsversuches der Löwen gewesen wäre. Vorher hätten die Leute weiter hinten den Löwen durch Schreien verjagt.

Schnell gingen wir an den Utenguleweg. Es war noch reichlich dunkel und kaum möglich, Ziel zu nehmen. Kaum hockten wir hinter einem kleinen Dornbusch, so kamen die Löwen an. Vornweg eine alte Löwin, dann ein Mähnenlöwe, die anderen konnte ich in der Eile nicht erkennen. Eingedenk der von Europäern und Eingeborenen erhaltenen Warnung, daß stets die Löwin angriffe, wenn der Löwe beschossen würde, der Löwe selbst aber feige sei, gab ich zwei Schüsse auf die vorderste Löwin ab. Sie lag im Feuer (Abb. 2) und hätte wohl am ersten Schusse genug gehabt, aber da ich auf nur dreißig Meter geschossen hatte, schien mir ein Doppelschuß sicherer. Rasch drückte ich zwei Patronen ins Magazin, um dieses wieder voll zu haben. Die Löwen verhofften einen Augenblick, und gerade, als ich das Gewehr wieder anschlug, sprangen alle seitlich ins hohe Gras und waren verschwunden, ehe ich schießen konnte. Neben dem Mähnenlöwen sah ich noch eine alte Löwin und zwei junge, fast ausgewachsene Löwen.

Obwohl ich nicht daran glaubte, daß die Löwen noch einmal wiederkommen könnten, ließ ich mir am Tage Dornenäste bereitlegen und begab mich um drei Uhr morgens wieder an den Utenguleweg, wo ich mich mit zwei Boys in den Dornen einbauen ließ. Wenn es hell wurde, sollten meine Leute wiederkommen und den Dornenkral öffnen. Wir warteten vergeblich auf die Löwen. Es wurde hell, und schon hörten wir die Leute, die uns aus unserer Umzäunung holen sollten, am Ausgange der Tembe sprechen. Plötzlich verstummte das Gespräch. Ein Boy zupfte mich am Rocke, und ich sehe die Löwin etwa fünfzehn Meter vor mir stehen. Die beiden jungen Löwen liefen nach, und nach einer Lücke von hundert Metern folgte der Mähnenlöwe. Die Löwin aufs Ziel nehmend, ließ ich aufs Blatt fliegen; sie brach sofort zusammen. Rasch schlug ich nun auf den Löwen an, er kam in langen Fluchten (Sprüngen) auf mich zu. Gut vorhaltend, gab ich meinen Schuß ab. Der Löwe wirbelte im Kreise herum und biß sich in die Keule, ein Zeichen, daß ihn die Kugel leider dort getroffen hatte. Dadurch, daß ich mein Gewehr an einer anderen Seite durch die Dornenwand schieben mußte, verlor ich einige Augenblicke, und der Löwe war inzwischen seitlich im hohen Grase verschwunden. Eine ganze Zeit mußte ich noch warten, ehe meine Leute kamen. Durch das Schießen war ihnen angst geworden vor den vielleicht nur verletzten Löwen, und wir mußten alle drei rufen und pfeifen, bis sie uns aus unserem Dornenkäfig befreiten.

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Zunächst besah ich mir die Löwin. Der aufs Blatt abgegebene Schuß war ziemlich hoch in den Hals eingedrungen und hatte die Wirbelsäule zertrümmert. Bei einem Haar wäre sie überschossen gewesen. Mein Schuß war also ein glücklicher Zufall insofern, als er etwas links ging. Nun dem Löwen nach. Ich ließ mir erst meine Hunde, die ich nachts angekettet hatte, holen. Es war ein mühsames Suchen, um die Fährte halten zu können. Fußabdrücke waren in dem harten Boden nicht zu sehen, und das Gras war von weidenden Kühen in allen Richtungen mit Gängen versehen, so daß wir uns nur nach den spärlichen Schweißspritzern richten konnten. Gegen acht Uhr mußten wir die Folge aufgeben. Auch die Hunde konnten die Fährte nicht halten.

Im Mai 1909 reiste ich von Kilossa über Iringa nach Langenburg. Am großen Ruaha angekommen, machte ich nach Iringa den ersten Rasttag. Gern hätte ich ein großes Kudu (Strepsiceros strepsiceros Pall.) und ein kleines (St. imberbis Blyth) zur Strecke gebracht. Von dieser Wildart hatte ich im Oktober 1908 mein erstes und einziges erlegt und große Kudus bisher immer vergeblich gepirscht. Um den Rasttag der Träger gut auszunützen — auch Fleisch war uns sehr vonnöten —, brach ich am Morgen vor Tagesanbruch auf. Nicht ein Stück Wild kam mir zu Gesicht, nachdem es heller geworden war. Da sehe ich plötzlich in hundertfünfzig Meter Entfernung eine Löwin mit Jungem auf mich zulaufen. Sie eräugt mich und ändert ihre Richtung. Schnell springe ich etwa fünfzig Meter nach links vor, und sie geht an mir auf hundert Meter vorüber. Einen Augenblick den Atem anhaltend, da meine Lungen ausgepumpt waren und sich die Bewegungen dem Oberkörper mitteilten, ließ ich fliegen. Auf dem Rücken liegend, schlug die Löwin etwas mit den Pranken und miaute ganz leise. Das junge Tier verkroch sich im Gras. Gleich nach meinem Schuß nahm ich schleunigst Rückendeckung, denn mindestens sechs bis acht Löwen und auch einige Leoparden antworteten auf meinen Schuß durch tiefes Rohren und Gebrüll in nächster Nähe. Meine farbigen Begleiter waren alle auf Bäume geklettert. Es kam aber nichts weiter zum Vorschein. Ein Fangschuß ins Rückgrat der nun auf der Seite liegenden Löwin ließ diese sich strecken. Diesmal setzte das Gebrüll nur vereinzelt und entfernt ein. Nach dem Zelte schickend, um Leute zur Abholung der Löwin zu bekommen, setzte ich dann meine Pirsch fort, traf aber kein Stück Wild, geschweige denn Kudus an. Anscheinend hatten die zahlreichen Löwen das Wild für heute vergrämt (verscheucht), und ich mich gerade in der Richtung bewegt, in der die Löwen nachts gejagt hatten. Die Einwohner des kleinen Dörfchens Njukwa empfingen mich bei meiner Rückkehr mit Freudengeheul, da sie unter den Löwen viel zu leiden hatten. Es waren in letzter Zeit Menschen und auch Vieh von den Löwen geholt worden.

In der Nacht hatten wir noch ein kleines Nachspiel. Um Mitternacht wurden wir durch angstvolles Geschrei unserer Träger geweckt. Es ist keine Kleinigkeit, wenn fünfundachtzig Menschen in Todesangst losheulen; wir fuhren erschreckt aus den Betten hoch. Unser Zelt wurde halb eingerissen, Lasten, unser Tisch mit Eßgeräten und der Lampe polterten zu Boden, und dazwischen brüllten Löwen. Ich hörte lautes Atmen im Zelt und glaubte für einen Augenblick, der Löwe stünde zwischen unseren Betten. Mit der Hand nach dem Gewehr tastend, erwischte ich die nackte Kehrseite eines Menschen, und ein angstvolles »Ich, Herr« belehrte mich über meinen Irrtum. Einige Träger waren splitternackt unterm Zelte durchkriechend eingedrungen. Als ich mit einigen energischen Worten die Ruhe hergestellt hatte, klärte sich die Lage dahin auf, daß wohl ein Träger wach geworden war und einen Löwen gesehen hatte. Als er seinen Kameraden weckte, verstand dieser die Sache falsch und glaubte, der Löwe habe ihn schon. In seiner Angst fing er an zu brüllen. Alle anderen fuhren aus dem Schlafe hoch und brüllten mit, um dann nach den Zelten zu stürzen und beim Europäer Schutz zu suchen. Die Leute waren vom Stamme der Wanjamwesi, deren hervortretende Eigenschaft nicht der Mut ist. Ich lagerte sie im hellen Mondschein um große Feuer und verbot ihnen, falls der Löwe wirklich käme, durcheinander zu laufen und zu schreien. Einmal sah ich einen Löwen durchs Gebüsch schleichen; da sie aber zu mehreren waren und ich immer nur Teile des Körpers sah, schoß ich nicht. Mein Reittiersoldat meldete mir immer: Jetzt kommen zwei Löwen den Weg aufs Lager zu, jetzt schwimmt einer durch den Ruaha usf. Immer kam ich zu spät, um schießen zu können, geschlafen haben wir aber bis zum Morgen nicht mehr. Ununterbrochen brüllten Löwen in nächster Nähe, so daß ich mindestens sechs bis acht Löwen vermutete. Der Nervendruck, der sich unser bemächtigte, löste sich erst bei Anbruch des Tages, wo auch die Löwen verstummten.

Auf dem Weg vom Lager ins Dorf fand ich reichlich Löwenfährten, und als unsere Karawane etwas im Marsch war, kamen wir an ein paar einsamen Hütten vorüber, an deren einer ein mächtiges, noch blutendes Kudugehörn lehnte. Die Bewohner der Hütte erzählten, sechs Löwen hätten in Sicht der Hütte heute nacht das Kudu verzehrt.

Im Dezember 1910 reiste ich wieder einmal am Rikwasee entlang. Ich befand mich auf dem Heimwege nach Langenburg und hatte vier geangelte Marabus (Leptoptilus crumeniferus Less., siehe Abb. 3), junge Wildkatzen (Felis ocreata Gm.), eine Python-Riesenschlange und noch verschiedene andere Tiere zur Bereicherung meines Tierparkes bei mir. Die Tierkarawane bildete die Spitze, da die Käfige mit Inhalt leichter waren als die übrigen Lasten.

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Meine Träger mußten etwa eine Stunde zurück sein, und wir beschlossen, auf die Karawane zu warten. Der Weg war scheußlich. Infolge der Regenzeit war der See ausgetreten, und das Wasser lief bei jedem Schritt von oben in die Stiefel. Ab und zu trat man auch bis an die Hüften ein, wenn ein unsichtbarer Graben den Weg kreuzte. Auf einer vom Wasser nicht bespülten Stelle machten wir Halt. Nachdem ich die Marabus gefüttert und jungen Servals (Felis serval Schreb., s. Abb. 4) Milch gegeben hatte, frühstückte ich. In der Ferne standen drei Leier-Antilopen (Damaliscus jimela Mtsch., Bubalus jacksoni Thos.) [Jacksons Hartebeest]. Meine Leute meinten, die Karawane hätte nur noch wenig Fleisch, ich möchte doch eins schießen. Da ich gar keine Lust hatte, durchs Wasser und den Schlamm mich an die Leier-Antilopen in offener Steppe anzupirschen, fragte ich meinen Fährtensucher Fardjallah, ob er nicht Lust hätte. Einen Jagdschein hatte er, und das Pulver versprach ich ihm zu ersetzen. Es dauerte dann eine Viertelstunde, bis ich den Dampf aus seinem Vorderlader und zugleich die Antilopen unverletzt flüchten sah.

Serval

Um ein Bedürfnis zu verrichten, ging ich dann etwa hundert Schritt abseits von meinen Leuten, da dort einige Grasbüschel zur Deckung standen. Mit einem Schlage verstummte das lebhafte Schwatzen meiner Leute. Als ich aufsehe, kommen zwei Löwen im Trabe direkt auf mich zu. In Eile befestigte ich meine Kleider, und mein Boy Amri springt mir mit dem Gewehr entgegen. Zwanzig Meter von mir entfernt stutzen die Löwen. Es sind ein alter Mähnenlöwe und eine Löwin, beide im allerbesten Futterzustande. Die Mähne des Löwen war fast schwarz, und ebenso befanden sich an den Gelenken der Vorderpranken dichte, lange, tiefdunkle Haarbüschel. Die Löwen hatten wohl den auf mich zueilenden Boy gesehen und schlugen nun einen Haken, um in gewaltigen Fluchten davonzusetzen. Als ich das Gewehr bekam, waren sie schon im hohen Grase. Ich sah nur noch bei jedem Sprung den Rücken und dann Wassergarben über das Gras spritzen, wenn sie den Boden wieder erreichten. Erst nach etwa vierhundert Metern durchquerten sie ein Gelände mit niedrigem Gras und verhofften einen Augenblick. Es war mir zu weit zum Schuß. In Trab fallend, erreichten die Löwen den Wald und entzogen sich meinen Blicken. Merkwürdig war noch, daß die Löwen an einer Zebraherde vorbeikamen und diese gar keine Notiz von ihnen nahm, als sie zwischen ihnen hindurchgingen. Die Zebras scheinen besondere Anzeichen dafür zu haben, ob ein Löwe auf dem Raubzug ist oder sattgefressen seines Weges zieht. Als nach einer halben Stunde Fardjallah zurückkam, hatte er von den Löwen nichts gesehen. Meine Leute behaupteten, nach Fardjallahs Schuß seien die Löwen aus einem Grasgebüsch, das Fardjallah schon durchschritten hatte, aufgesprungen. Sie hätten wahrscheinlich dort geschlafen und seien durch den Schuß geweckt worden.

Sehr viele Löwen sah und hörte ich auch im Kissakidistrikt, wo ich mich von 1912 bis 1914 aufhielt. Hier gab es jedoch kein Vieh, dem die Löwen gefährlich werden konnten, und Menschenfresser hatten sich nicht gezeigt. Es ist eine ganz besondere Art von Löwen, die wir in Afrika als »Menschenfresser« bezeichnen. Vorwiegend sind es alte Löwen, die kein Wild mehr erjagen können und dann bei irgend einer Gelegenheit an den Menschen geraten sind. Es gibt aber auch jüngere Tiere darunter. Haben Löwen einmal gesehen, welch leichte Mühe sie mit den Menschen haben, so halten sie sich an diese Nahrung und werden dann zur Landplage. Ich erinnere mich, daß in »Kambi uleya«, dem ersten Lager hinter Kilossa auf Iringa zu, fortgesetzt Leute geholt wurden. Viermal kam ich durch diesen Ort, und jedesmal waren wieder Träger gefressen worden. Die Karawanenträger, die zwischen Iringa und Kilossa liefen, schlafen meist auf den Veranden der Dorfbewohner, so daß die Löwen leichte Mühe haben. Trotzdem hatte ich jedesmal Not mit meinen Leuten, wenn ich ihnen befahl, sich ein Dornenverhau herzustellen. Es rechnete jeder damit, daß er nicht der Gefressene sein würde, und sie hätten sich lieber der Möglichkeit eines Löwenangriffs ausgesetzt, als daß sie freiwillig zehn Minuten arbeiteten, um jeder drei bis vier Dornenäste abzuhauen, heranzuschleifen und zur gemeinsamen Sicherheit um das Lager zu legen.

Ich sagte vorher, daß in Kissaki die Löwen keine üblen Neigungen zeigten. Aus diesem Grunde empfahl ich den Eingeborenen, die Löwen zu schonen, und ging selbst mit gutem Beispiel voran, indem ich trotz guter sich bietender Gelegenheiten die Löwen unbeschossen ließ. Es gab nämlich ungeheuer viel Wildschweine, die die Kulturflächen schwer schädigten. Durch die zahlreichen Löwen wurden sie einigermaßen in Schach gehalten und von den Feldern verjagt. Die Löwen gaben sich der Schweinejagd so ohne Störung hin, daß sie durch die Dörfer liefen und häufig Leuten, die zur Arbeit gingen oder von der Arbeit zurückkehrten, begegneten, ohne daß übermäßige Scheu auf beiden Seiten hervorgerufen worden wäre.

Eine Angewohnheit der Löwen muß ich noch hervorheben. Sie schleppen häufig ihre Beute fort, ohne sie vorher zu töten. Sobald sich die Beute nicht zur Wehr setzt, fängt der Löwe an einem sicheren Platze an zu fressen. Mir war schon ein Fall von Tanganjika bekannt, wo ein Pater vom Orden der »Weißen Väter« von Löwen geholt wurde und eine Viertelstunde lang um Hilfe schrie, während der Löwe schon an ihm fraß. Ich entrüstete mich damals, als ich hörte, daß ihn keiner der anderen Brüder befreit hatte, kam aber später selbst in eine Lage, wo das Hilfebringen unmöglich war. — Ein Eingeborener war in einem Dorfe in Ussangu, in dem ich gerade lagerte, im Beisein seiner Angehörigen durch einen Löwen vom Feuer weggeholt worden. Sein Schreien klang schauerlich durch die Nacht. Meine Kerzenlaterne gab solch jämmerliches Licht, daß man nur im nächsten Umkreis sah. Schleunigst ließ ich die Dorfbewohner mit brennenden Holzscheiten und Grasfackeln antreten. Deutlich zeigte die Schleifspur im hohen, regennassen Gras den Weg des Löwen. Der fortgeschleppte Mann schrie unaufhörlich. Ich ging vornweg, dann folgte mein Boy, damals noch ein halbes Kind, mit der Laterne, und dann kamen die Leute mit den Feuerbränden.

Als ich schon den Mann, der fortgetragen worden war, in schwachen Umrissen liegen sah, brach der Löwe fauchend auf uns los. Sofort liefen die Leute mit den Grasbränden davon, und ich las mir meine Laterne vom Boden auf, gerade noch, ehe sie verlöschte. Rückwärts schreitend zog ich mich aus dem Gras zurück, denn helfen konnte ich allein nicht, da es stockfinster war und ich nicht weiter als zwei Meter mit meiner schlechten Laterne sehen konnte. Ich holte die Leute wieder heran und machte ihnen klar, daß, wenn alle mitkämen, der Löwe sich sicher zurückziehen würde. Außerdem könnte ich schießen, wenn ich über den Rücken her Licht bekäme. Der geschlagene Mann wimmerte und stieß ab und zu laute Schreie aus. Kaum war ich wieder in seiner Nähe, rohrte der Löwe auf, und ich stand wieder allein. Als auch der dritte Versuch scheiterte, mußte ich's aufgeben, den Mann zu retten, auch gab der Mann keinen Laut mehr von sich. Am nächsten Morgen fanden wir den Leichnam unversehrt bis auf abgerissenes Fleisch an Waden und Oberschenkel. Keine einzige Verletzung war am übrigen Körper zu entdecken, so daß der Löwe ihn lebend angefressen hatte.

Es ist dies eigentümlich für den Löwen im Gegensatz zu dem Leoparden, der, wenn er in einen Stall eingedrungen ist, so lange herumbeißt und Prankenschläge austeilt, bis sich nichts mehr rührt.

Leoparden (Felis pardus nimr H. E.).

Viel seltener als den Löwen bekommt man den Leoparden (Abb. 5) in freier Wildbahn zu Gesicht. Mir war es sehr selten vergönnt, einem zu begegnen, und wenn es geschah, so war die Begegnung so flüchtig, daß ich meist nicht zum Schuß kam. Im Hochgebirge traf ich am Tage einige Male auf Leoparden. Sie waren aber so rasch im Gebüsch verschwunden, daß ich kaum die Gestalt ordentlich mit dem Auge erfassen konnte.

Einmal, als ich nur mit dem Stock in der Hand meiner Karawane vorauslief — es war in Unyika am Mloboflusse — sah ich erst ein Paar Wildenten im Wasser und dann auf einem überhängenden Stamme am anderen Ufer einen Leoparden liegen, der die Wildenten scharf beobachtete. Es war gegen ein Uhr nachmittags. Wahrgenommen hatte mich der Leopard, denn ich bemerkte deutlich, wie die Spitze seines Schwanzes zitterte, sonst lag er bewegungslos. Ganz langsam drehte ich mich halb zurück, den Leoparden nicht aus dem Auge lassend, um meinen Boy, wenn er sichtbar werden sollte, gleich zuwinken zu können, daß er mir das Gewehr vorsichtig bringe. Einige Zeit hatte ich so gestanden. Gegen die Enten war ich gedeckt, und der Leopard blieb auf seinem Platze. Da sehe ich meinen Boy stehen. Er hat mich bemerkt und beobachtet, daß irgend etwas los war. Vorsichtig kommt er näher. Als er fast bei mir ist, macht der Leopard einen gewaltigen Satz über den Fluß weg an das Ufer, wo ich stand, landete im hohen Grase und war verschwunden.

Ab und zu traf ich Leoparden im Gras, wenn ich auf anderes Wild pirschte. Ein scharfes Krallen an der Rinde eines Baumes ließ mich aufsehen, und der Leopard hockte am Stamm etwa wie eine Hauskatze, die im ersten Sprung vor Hunden flüchtet. Schneller als es sich beschreiben läßt, war der Leopard wieder im Gras verschwunden. Manchmal fand ich dann unter solchem Baum ein gerissenes Schwein, oft war der Leopard wohl noch selbst auf der Jagd und wollte nur Ausblick haben.

Einen wunderschönen Anblick hatte ich in der Nähe der Ortschaft Mbuiga (Mgunda) zwischen Kissaki und Kidoti. Ich pirschte in einer dicht mit Schilf bewachsenen Niederung auf Büffel. Als ich die Niederung umschreite, um am Rande zu lesen, ob Büffel in das Schilf eingewechselt wären, höre ich plötzlich links von mir einen lauten Ton. Es konnte ein wilder Hund, ein Buschbock gewesen sein, möglicherweise auch ein Elefant, genau ließ sich der Ton nicht einer bestimmten Tierart zuschreiben. Mein Begleiter und ich stehen still. Einen Mann lasse ich auf einen Baum klettern, um zu sehen, ob etwa Elefanten im Schilf wären, da ich auf diese am ehesten schloß. Nichts konnte der Mann sehen. Plötzlich sagt einer meiner Begleiter: »Ein Leopard!« Ich sah mich um und brachte die Sache gar nicht mit dem vorher gehörten Ton in Zusammenhang. Da zeigen alle Leute auf einen etwa dreißig Meter über das Schilf herausragenden Baum, der zurzeit blattlos war, und nun entdeckte ich auch den Leoparden auf der äußersten Spitze eines Astes, in den dürrsten Zweigen zur Kugel geballt, liegen. Er war von mir etwa hundert Meter entfernt. Schießen wollte ich auf keinen Fall, da Büffel das begehrte Ziel waren. Trotz der nicht sehr großen Entfernung und trotzdem der Leopard so ganz frei sichtbar auf dem kahlen Baum saß, hätte ihm wohl kaum einer von uns Beachtung geschenkt. Er sah so der Umgebung angepaßt aus, daß man bei oberflächlichem Sehen weit mehr auf einen Raubvogelhorst im dünnen Gezweig geschlossen hätte.

Rasch hatte ich mein Glas zur Hand. Der Leopard mußte unsere Beobachtung bemerkt haben. Er richtete sich auf, lief vorsichtig über das schwankende Gezweig, dann schnürte[3] er auf einem dickeren Ast bis zur ersten Gabelung des Baumes, machte noch einige schnelle Schritte den Stamm hinunter und war dann mit mächtigem Satze im Schilf verschwunden.

Leopard

Wenn man sich in einer Gegend befindet, wo es Hundsaffen, Meerkatzen und braunrückige Paviane gibt, und diese sind in Deutsch-Ostafrika fast überall, wo Wald und Wasser zu finden ist, so wird der Leopard fast immer von den Affen gemeldet. Er ist ihr schlimmster Feind, und sie folgen seinem Weg auf dem Boden oben im Gezweig unter fortwährendem lautem Geschrei. Durch Affen aufmerksam gemacht, schoß ich meinen ersten Leoparden. Der ganze Wald hallte von dem Geschrei der Affen — es waren Hundsaffen (Cynocephalus (Papio) langheldi Mtsch. (?) oder Papio cynocephalus L. (?) C. ibeanus Thos.) —, die in einer Richtung weiterzogen. Ich schritt zu den Affen parallel vorwärts, bis ich an eine Stelle kam, wo es kein Unterholz und infolge dichten Blätterdachs nur spärlichen Graswuchs gab. Eine ganze Zeit stand ich hier unter einem Baum in Deckung, ohne etwas zu sehen. Plötzlich stand der Leopard mitten auf der kahlen Stelle. Er äugte zu mir herüber, nahm mich aber nicht wahr. Als er seinen Kopf in entgegengesetzter Richtung bewegte, strich ich am Stamme an und kam aufs Blatt ab. Ein fauchendes Miauen, dann ein plötzliches Wenden, und er war dort verschwunden, wo er hergekommen war. Hunde hatte ich nicht bei mir. Ich nahm zwar an, daß ich gut getroffen hatte, wollte aber lieber noch einige Zeit warten, ehe ich ihm nachging. Meine farbigen Begleiter wollten mich ganz davon abhalten, weil ein kranker Leopard »furchtbar böse« sei.

Die Affen tobten inzwischen auf derselben Stelle weiter, der Leopard mußte also noch dort stehen, wo er eingewechselt war. Um ihm Zeit zu geben, drehte ich mir eine Zigarette, die ich bis zu Ende rauchte. Nun ging ich Schritt für Schritt, die Umgebung abspähend, weiter, zunächst zum Anschuß. Ich fand vereinzelte Schnitthaare und dann große Spritzer Schweiß. Zwei Meter davon entfernt fand ich einen ganzen Klumpen Haare, an dem noch Haut festsaß, also der Ausschuß. Nun war mir nicht mehr bange. Zwei Schritt brauchte ich nur ins Gebüsch einzutreten, da schimmerte es mir schwarz-weiß entgegen. Der Leopard lag auf dem Rücken und war schon verendet, wie die verglasten Lichter (Augen) zeigten. Obwohl ich gern den ganzen Leoparden mitgenommen hätte, um ihn zu photographieren, war es doch im Hinblick auf meine beiden nicht sehr kräftigen Begleiter besser, ich schlug ihn an Ort und Stelle aus der Decke und nahm nur diese und den Schädel mit. Es war ein prächtiger alter Kater und der Fang (das Gebiß des Raubzeugs und der Hunde) ganz vollständig. Groß war meine Freude, und mit Sorgfalt weichte ich zu Hause die Decke persönlich in gesättigte Salz- und Alaunlösung ein, knetete sie eine halbe Stunde lang durch und hing sie zum Trocknen auf.

Später, als ich eine große Hundemeute hatte, wurde es mir leichter, Leoparden zu erlegen. Mit meinen Hunden hatte ich insofern Glück gehabt, als die Stammeltern, zwei blutsfremde deutsche Doggen, sehr schneidige Tiere waren. Der Nachwuchs lernte es ohne mein Zutun, mit System, d. h. mit gegenseitiger Unterstützung, zu hetzen und wehrhaftes Raubwild zu stellen.

Wurde mir aus einem Dorfe gemeldet, daß die Leoparden dreist würden und Hunde und Ziegen holten, so brach ich, wenn ich Zeit hatte oder es sich sonst mit meinen Obliegenheiten vereinigen ließ, mit meinen Hunden auf und bezog in dem Dorf Lager.

Nachts verbellten dann meine Hunde den Leoparden. Meine Träger kannten den Rummel schon. Rasch hatte jeder ein paar ordentliche Hände voll trocknes Gras aus den Dächern der Hütten gezogen und sie als Fackeln angebrannt. Kamen wir zu den Hunden, so hatten diese den Leoparden zum Aufbäumen gezwungen, und ich schoß, indem ich einen Mann mit seiner Fackel hinter mich treten ließ. Nach dem Schuß stand ich zwar stets im Finstern, denn die Fackelträger waren ausgerückt. Es schadete aber nichts, denn wenn der Leopard nicht tödlich getroffen war, was bei der nächtlichen Schießerei häufig vorkam, so beschäftigten sich sofort die Hunde mit ihm und hatten ihn, falls er noch konnte, sofort wieder auf einen Baum getrieben. Selten verlor ich dabei einen Hund. Größere Wunden durch Prankenschläge nähte ich, worauf rasch Heilung eintrat. Übler waren kleinere Wunden, wo die Krallen eingeschlagen worden waren und nur ein kleines Stückchen Fleisch heraushing. Diese Wunden heilten äußerlich rasch zu, innen bildete sich aber meist ein langwieriger Eiterprozeß und Zellgewebsentzündung.

Ganz übel benehmen sich Leoparden, wenn es ihnen gelingt, in einen Ziegenstall oder Kral einzubrechen. Solange noch eine Ziege am Leben ist, wird gemordet. Es kommt vor, daß ein Leopard 30-50 Ziegen tötet und keine davon frißt. Die Dreistigkeit der Leoparden ist außerordentlich groß. Ziegen werden am Tage vor den Augen der Hirten, Hunde vor den Türen weggefangen. Dabei läßt der Leopard seinen Raub nicht oder nur sehr schwer im Stich, wenn er auch sofort angegriffen wird. Als Beispiel der Dreistigkeit erwähne ich folgendes kleine Erlebnis.

Auf dem Tanganjikaplateau hatte ich einen Europäer getroffen. Da wir gut bekannt waren, stellten wir unsere Zelte zusammen und brachten in dem einen die Betten unter, während uns das zweite als Eßzimmer diente. Vor dem Abendbrot saßen wir beide auf einem Bett, und mein Bekannter spielte Ziehharmonika. Plötzlich gab es während des Spiels lautes Geheul von meines Bekannten Foxterrier, der unter dem Bett geschlafen hatte. Das Bett wurde unter uns hochgehoben, und ehe wir zur Besinnung kamen, sprang ein Leopard mit dem Terrier zum Zelt hinaus. Draußen war es dunkel, und wir konnten nichts gegen den Leoparden tun. Der Hund war sowieso verloren.

Am nächsten Morgen brachten Eingeborene den angefressenen Hund und behaupteten, der Leopard säße unweit unseres Lagers in einem Gebüsch dürren Grases, das beim letzten Steppenbrand noch zu grün gewesen wäre und deshalb stehen geblieben sei.

Wir besahen uns die Lage. Der Grasfleck war nur etwa drei Hektar groß, aber brennen wollte das Gras von 1,20 Meter Höhe auch heute noch nicht. Es blieb also nur die Möglichkeit eines Durchtriebes. Was wir an Eingeborenen auftreiben konnten, machten wir als Treiber mobil. Zwischen je 10 Mann stellten wir einen Soldaten. Schießen wollten nur wir Europäer, damit kein Unglück geschah. Ich stand auf jener Seite, wo wir vermuteten, daß der Leopard herauskäme, mein Bekannter ging mit den Treibern. Nachdem mehr als die Hälfte des Grases durchgetrieben war, schoß mein Bekannter zum ersten Male, wie er mir zurief, »daneben«. Gleich darauf sprang der Leopard einen Soldaten an, und zwar so, daß er seine Hinterpranken dem Mann in die Oberschenkel schlug und mit den Vorderpranken Lappen in die Kopfhaut riß. Der Mann fiel natürlich hintenüber, aber ehe er lag, war der Leopard schon wieder zurück ins Gras gesprungen. Dieses Manöver wiederholte der Leopard mehrere Male und stets so unverhofft und blitzschnell, daß die mit Stöcken zuspringenden anderen Treiber nicht dazukamen, einen Schlag zu führen. Wir hatten insgesamt sieben Verwundete mit mehr oder minder schweren Verletzungen.

Nur ein ganz schmaler Grasstreifen deckte den Leoparden noch, und ich hoffte, daß er jeden Augenblick flüchten und mir Gelegenheit zum Schusse geben würde. Statt dessen versuchte er immer wieder, die Treiberlinie zu durchbrechen. Jetzt schoß Herr H. zum zweiten Male, und das gleich darauf einsetzende Freudengeheul der Treiber verkündete mir, daß der Schuß tödlich war. Der Leopard hatte die Kugel spitz von vorn erhalten, und sie war durch den ganzen Körper gegangen mit dem Ausschuß neben dem Weidloch (After).

Bei genauerer Betrachtung des toten Leoparden wurde uns auch klar, warum er bei seinem Anspringen der Treiber niemals den Fang gebrauchte. H.s erster Schuß hatte ihm beide Kaumuskeln und die Pfannen der Unterkiefer durchschlagen. Lange haben übrigens unsere Verletzten an ihren Wunden nicht laboriert, sie hatten ausnahmsweise gesundes Blut, was man von den wenigsten Negern behaupten kann.

In eine recht mißliche Lage brachte mich ein Leopard im August 1908 in Ilongo in Ussangu. Zur Reparatur einer Baumwollspinnerei wohnte ein ehemaliger Fremdenlegionär B. bei mir, der früher Techniker war. Als wir nachts die Löwen brüllen hörten, erzählte er mir, er hätte im Atlas schon Löwen geschossen, und fragte dann, ob ich ihm nicht zu einem Löwen verhelfen könnte, er möchte gern ein Fell als Waffenschmuck haben. Ich stand kurz vor einer Europareise, um mich von einem Gelenkrheumatismus zu erholen, den ich mir im letzten Negeraufstand zugezogen hatte. Vier Monate hatte ich festgelegen, und seit zwei Monaten konnte ich wieder langsam gehen, war also mehr als klapprig, so daß ich eine Suche auf Löwen nicht wagen konnte.

Um B. aber eine Freude zu machen, da er mir die Maschinen rasch und gut in Ordnung brachte und auch ein sächsischer Landsmann von mir war, ließ ich einen Selbstschuß herstellen.

Nach dem Rezept meines Freundes L., eines Schweden, der schon mit Livingstone Afrika durchquert hatte und damals als Zivilkommissionär in Rhodesia amtierte, baute ich eine Schußfalle, die fast nie versagt und in die das Raubwild — und wäre es noch so schlau — leicht hineintappt. L.s System bestand in einem auf zwei eingegrabenen Astgabeln wagrecht gebundenen Gewehr in Blatthöhe über der Erde. Ein dünner, aber fester Bindfaden wird am Abzug befestigt, durch die untere Gewehrriemenöse gezogen, am Gewehr entlang geführt und dann quer über den Weg gespannt, den das Raubwild mutmaßlich durchquert. Man darf den Faden nicht zu fest spannen, da der nächtliche Tau ein Nachspannen besorgt. Mit der Hand drückt man dann den Faden in der Richtung des mutmaßlich vorbeikommenden Tieres. Wird das Gewehr ausgelöst, wenn man den Faden etwa 40 Zentimeter aus seiner Ruhe drückt, so ist die Aufstellung richtig, und man kann die Patrone einschieben.

Über den Weg führen wollte ich den Selbstschuß nicht. Ich benützte für solche Fälle immer ein ausrangiertes Gewehr Mod. 71, und ein solches Geschoß können des Weges kommende Negerbeine nicht gut vertragen. Ein eingeschlagener Pfahl, an den ich ein zwei Monate altes Kalb band, war das Zentrum eines dreiviertel geschlossenen Kreises aus Dornenästen. Quer über die Öffnung war dann das Gewehr gerichtet und der Fadenabzug gespannt. Um das Kalb noch besser zu schützen, ließ ich noch eine Reihe Pfähle mit handbreitem Abstand quer durch den Dornenkreis rammen, so daß der Löwe das Kalb bequem vom Eingang her sehen konnte. Damit er gezwungen war, den Eingang gehend und nicht springend zu durchschreiten, hing ich einige kleine Dornenäste an einer Stange in 1,20 Meter Höhe über den Eingang.

Der Löwe mußte dann den eigentlich nie beachteten Faden mit der Brust abziehen; nahm er ihn doch wahr und versuchte, darunter wegzukriechen, so spannte der daruntergezwängte Rücken den Faden bis zur Lösung des Schusses. Die Hauptsache war, daß das Gewehr richtig eingestellt wurde; dann mußte der Löwe mit Blattschuß liegen. Es geschah nie, daß Löwe oder Leopard bei dieser Art Selbstschuß weiter als zehn Schritt von der Falle verendet lagen. Nur zweimal gerieten mir Servale hinein, die infolge geringerer Körpergröße den Schuß auslösten, ohne getroffen zu werden. Die Hauptsache ist, daß man bei längerem Aufstellen täglich ein anderes Kalb nimmt, das die ganze Nacht infolge der ungewohnten Umgebung nach der Mutter blökt und dadurch die Aufmerksamkeit des Raubwildes auf sich lenkt. Ein zum zweiten Male benütztes Kalb ist die Sache gewöhnt und rührt sich nicht. Vorteilhaft ist es auch, die Falle in Hörweite des Dorfes aufzustellen, in dem die Kuh im Stall steht. Es entwickelt sich dann zwischen Kalb und Kuh ein fortwährendes Blöken, das das Raubwild leicht anlockt.

Nach Einbruch der Dunkelheit erwarteten wir ständig den Selbstschuß zu hören, denn die Löwen brüllten ganz in der Nähe. Wir hatten uns verrechnet, auch die Nacht hindurch fiel der Schuß nicht. In solchem Falle hätten wir gleich hingemußt, da sonst ein zweiter Löwe an das Kalb gekonnt hätte. Am nächsten Morgen, als ich gerade fortgehen wollte, das Gewehr zu entladen, und nur noch auf den Eigentümer des Kalbes wartete, damit es losgebunden wurde und wieder zur Mutter kam, fiel der Schuß. Ein wildes Aufrohren sagte mir, daß ein Löwe getroffen war.

B., ich und zwei Neger machten uns auf den Weg. Als wir unterwegs waren, bemerkte ich, daß sich meine beste und schönste Hündin Lady mitsamt der Kette losgemacht hatte und mir folgte. Ich drohte ihr, sie solle zurückkehren, sie legte sich aber nur und kroch dann mit schlechtem Gewissen hinter mir her. Nun tat sie mir leid, und die Erziehungsgrundsätze vergessend, winkte ich ihr und nahm ihr die Kette ab.

Mit schußbereitem Gewehr näherten wir uns nun der Falle. Doch nichts Gelbes war zu sehen. Sollte der Löwe entkommen sein? Nun näherte ich mich dem Eingang des Dornenkreises. Da lag statt des erwarteten Löwen ein recht starker Leopard zwischen Abzug und den das Kalb sichernden Pfählen. Der Schweiß tropfte noch aus dem Ausschuß am Hals, tot war er noch nicht. Als er mich sah, zog er die Lefzen hoch und ließ die Zähne sehen. Vier Meter stand ich von ihm entfernt. Ich legte an, um ihm den Fangschuß zu geben — Versager! noch einer und noch einer. Jetzt zog der Leopard die Muskeln zum Sprung an. Mit meinen noch vom Rheuma gelähmten Hüften konnte ich nicht zurückspringen, da landete er auch schon direkt vor mir, volle Kraft hatte er nicht mehr zum Sprunge gehabt.

B., der zehn Meter davon entfernt stand, rief ich zu, doch zu schießen, er tat es nicht. Im Augenblick des Landens sprang meine Hündin Lady vor und packte unglücklicherweise den Leoparden am Oberkiefer. Beide Tiere bissen zu, es krachte und knirschte. Diesmal ging zum Glück der Schuß aus meinem Gewehr, und der Leopard verendete. Mit einem Standhauer hebelte ich dem Leoparden den Fang auf, um meine Hündin loszubekommen. Anfangs glaubte ich, nur der eine Fangzahn hätte Zunge und Weichteile des Unterkiefers durchbohrt, leider mußte ich mich aber bald überzeugen, daß der Unterkiefer in der Naht gebrochen war. B. stand bleich wie eine Wand und zitternd dabei, so daß ich ihm auf den Kopf zusagte, er hätte noch keinen Löwen geschossen; er gestand dann, er wäre nur mit dabei gewesen, wie ein französischer Offizier der Legion Löwen geschossen hätte. Ich hoffte, Lady durchzubringen, und band die Kieferhälften fest. Alles heilte auch sehr schön. Nach vier Wochen ging ich aber nach Europa und gab sie bei einem befreundeten Missionar in Pension. Trotz meiner Anweisung, ihr nur breiige Nahrung zu geben und sie nicht von der Kette zu lassen, damit sie keine Knochen aufnehmen könnte, scheint dagegen gefehlt worden zu sein. Kaum in Deutschland angekommen, erhielt ich einen Brief, der mir meldete, Ladys Kiefer wäre wieder gebrochen, hätte dann geeitert, und sie wäre zu ihren Vätern versammelt. Selten habe ich so um einen Hund getrauert, als wie um dieses treue, schöne Tier.

Gefleckte Hyänen (Hyaena crocuta Erxl).

Widerliche Gesellen! Diese Empfindung hat jeder unwillkürlich, wenn er mit Hyänen in Berührung kommt. Der dicke Kopf und Nacken mit daranschließendem, stark abfallendem Rücken machen das Tier unschön. Der wiegende Gang nimmt von dieser Vorstellung nichts. Hört man nun gar nachts das Heulen und Lachen der Hyänen, so ist die dauernde Abneigung besiegelt (Abb. 6).

Ahnungslos liegt der Neuling im Lande in seinem Zelt und ist bestürzt, wenn am nächsten Morgen der Sattel oder die Schuhe fehlen. Froh muß er sein, wenn er sie in stark beschädigtem Zustande wiederfindet. Nicht nur Leder, sondern auch Stoffe, die durch Körperausdünstung menschlichen Geruch angenommen haben, sind vor Hyänen nicht sicher. So wurden mehrfach Boten der Relaispost, die im Innern Afrikas, wo es an anderen Verbindungen fehlt, die Briefpost befördern, nachts die Postsäcke verschleppt und häufig nicht wieder gefunden. Der Geruch, der den Säcken durch das Tragen auf dem schwitzenden Negerkopf anhaftet, genügt, um sie Hyänen begehrenswert erscheinen zu lassen.

Hyänen zeigen eine unglaubliche Dreistigkeit. So saß ich eines Abends, ehe die Dunkelheit völlig hereingebrochen war, mit einem anderen Europäer vor dem Zelt im langen Stuhl. Die Unterhaltung war ins Stocken geraten, und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Mit einem leichten Aufschrei fährt mein Gegenüber hoch, und ich sehe eine gefleckte Hyäne sich im Trabe entfernen. Sie hatte den Betreffenden in die schlaff herabhängende Hand gebissen. Obwohl die Wunden nur in einigen Hautabschürfungen bestanden, eiterten sie doch längere Zeit.

In Unyika bezog ich ein neuerbautes Lehmhaus, ehe noch die Türen fertiggestellt waren. Eines Morgens machte mich der weckende Boy darauf aufmerksam, daß Hyänen nachts im Hause gewesen wären. Auf dem noch nicht gestampften und zurzeit staubigen Fußboden zeigten sich deutlich die Fährten von einer oder mehreren Hyänen, die mich auch längere Zeit im Schlafe beobachtet haben mußten, denn die Spuren um die zwei freistehenden Seiten meines Feldbettes waren besonders zahlreich.

Gestreifte Hyänen sind verhältnismäßig selten, dagegen ist die gefleckte Hyäne, die größer und stärker ist, bis auf die Hochgebirge, überall vertreten. Hyänen sind keineswegs nur Aasvertilger. Lämmer und Kälber holen sie sich ziemlich häufig zum Schmaus. Vor erwachsenen Menschen ergreifen Hyänen regelmäßig die Flucht, hingegen sind Kinder vor ihnen nicht sicher. Als ich im Januar 1902 durch den Ort Lindi kam, erzählten mir die dort wirkenden Benediktiner-Mönche, daß gefleckte Hyänen in wiederholten Fällen fünf- bis siebenjährige Eingeborenenkinder von den Veranden ihrer Hütten geholt und verspeist hätten.