Ich hatte genug von dem mystischen Spuk der Spiritisten und ebenso von dem Geschäftstrubel Chikagos; ich freute mich daher ordentlich auf die Einsamkeit im — Eisenbahnwagen, dem ich mich nun wieder für etwa 40 Eisenbahnstunden anvertrauen wollte und ebenso auf die Einsamkeit der ungeheuren Mississippiebenen.
Dankbar verabschiedete ich mich von meinen freundlichen Gastgebern, die mir soviel gezeigt und soviel zugänglich gemacht hatten. Aber immer hätte ich um keinen Preis in Chikago wohnen und weilen mögen ebensowenig wie in Neuyork. Ich könnte weder der täglichen Ermordung der Zehntausende von Hammeln und Ochsen zusehen, wie das lebende Vieh, das frühmorgens eingeliefert, am Abend als fertige Wurst die „Union stock Yards“ verläßt, noch möchte ich täglich bei Marshall Field u. Co. aus- und eingehen oder als Türboy Hunderttausenden täglich die Tür öffnen. Eher noch würde ich auf den weiten Wassern des Lake Michigan herumfahren oder in den grünen Parks baseball spielen wollen. Aber so gnädig erweist sich ja das Leben den wenigsten unter den Menschen.
So verzichtete ich auch nicht allzuschweren Herzens auf den Besuch der deutschesten Stadt Amerikas, Milwaukee, in der allein auch sozialistische Stimmen sich maßgebend geltend zu machen pflegen! Wie anders in Deutschland, dem Mutterland des Marxismus! Der Amerikaner ist viel zu sehr Individualist, als daß er in Massen je dem marxistischen Sozialismus anheimfallen könnte. Er hat zu sehr auf Schritt und Tritt in seinem Lande erprobt, was persönliche ungehemmte Energie und Eigenart des einzelnen vermag, ja daß die Union der Entschlußkraft und Unabhängigkeit des wagenden Individuums alles verdankt, als daß er überzeugter Marxist werden könnte. Die Deutschen kommen im Urteil des Stockamerikaners nicht immer gut weg. Wie die Stimmung über sie ist, zeigt folgendes moderne Gedicht:
„Deutsche Nachkommen.“
Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 66.
Ebensowenig weinte ich den großen Pullmann-Werkstätten nahe Chikago in Pullmann eine Träne nach, daß ich sie nicht in Augenschein nahm. Nur fort aus dem Menschenameisenhaufen Chikago! Das war jetzt mein sehnlichster Wunsch.
Bald nach der Abfahrt, als die letzten Fabriken wichen, taten sich ungeheure Ebenen im Staate Illinois auf mit herrlichen Fluren, von denen viele deutschen Farmern gehören. Ein wenig hügelig war das Gelände, aber nicht lange. Die ersten Frühlingsknospen waren an den Bäumen. Das Land sah etwa so aus, daß es auch in der Provinz Sachsen in Mitteldeutschland hätte liegen können. Wir näherten uns dem Illinoisriver, demselben, in dessen Oberlauf man den Chikagofluß zurückzufließen zwang, damit er nicht länger mit seinen schädlichen Abwässern den trinkwasserspendenden Lake Michigan verunreinige. Langsam zog eben auf ihm eine Barke dahin, die ein großes Segel aufgespannt hatte. Die einzige Unterbrechung des Flußbildes. Hier und dort dehnte sich Sumpfland. Ab und zu sah man eine alleingelegene Farm, Rinder- und Pferdeherden. Alles ein ganz anderes Bild als die geschlossenen deutschen Dörfer mit ihrer engen, wohlabgezirkelten Gemarkung!
In unserem Zug — ich fuhr wieder in der „chaircar“, nicht im Pullmann — saßen allerlei Leute meist einfacheren Standes mit ihren Kindern. Sie hatten ihre Decken, ihre eigenen Eßkörbe mitgebracht, aus denen sie die üppigsten Mahlzeiten hervorzogen — auch der Wein und das Tischtuch fehlte nicht. Für drei Tage und Nächte Fahrt nach Kalifornien hatten sie sich häuslich eingerichtet, so wie man es sich auf Deck und in der Kabine des Schiffes gemütlich macht. Sie spielten, lachten, lasen, rauchten, aßen, schliefen, wie es paßte. Die Kinder benutzten bald den langen Mittelgang als ihre Rennbahn und die langen Liege- und Drehstühle als Verstecke, spielten Hasch und Sichkriegen. Der Boden des Wagens verwandelte sich daher allmählich in ein Stilleben von Obstschalen, Orangen- und Brotresten, Papier aller Sorten, leeren Schachteln usw. Eine ästhetisch veranlagte Dame vor mir hatte sich an den Plüsch des Sitzes ihr gegenüber eine dunkelrote Rose gesteckt, um ihre Umgebung zu verschönern. Aber in der allmählich sich verschlechternden Luft — die Fenster sind wegen des stets sehr reichlichen Ascheflugs aus der Lokomotive nicht zu öffnen — welkte sie, und ein rotes Blatt nach dem andern fiel langsam mit einem leisen „Hsch“ zu Boden. Neben mir saß ein junger Eisenbahner von vielleicht 22 Jahren, der in Kalifornien Stellung suchte und in mir das gleiche vermutete. Er empfahl mir, in den Y. M. C. A.[22] einzutreten. Das sei überall in der Welt eine gute Sache. Ihr könne man angehören. Er pries mir alle die äußeren und inneren Vorzüge derselben, aber das hinderte ihn doch nicht, nachher in einer Ecke des Wagens lustig mit zwei kecken Chikagogirls ein wenig zu flirten. Im Wagen wurden wie immer Karten, Schokolade, Handschuhe und Obst angeboten. Nur daß sich das Obst, je weiter wir uns von Chikago entfernten und je seltener wir hielten, ständig verteuerte.
So etwa je nach ein bis zwei Stunden gab es eine Haltestelle. Dazwischen war nichts. Die Bahnhöfe verdienen kaum diesen Namen! Und ein Namensschild derselben war selten deutlich zu entdecken. Die Siedlungen lagen alle immens weit auseinander. Jeder ist hier König in seinem eigenen Reich und auf seiner schier unbegrenzten Scholle. Wie anders in den Riesenstädten, wo sich die Menschheit zu Millionen zusammenballt! Wer nicht einmal durch diese endlosen Ebenen gefahren ist, kennt Amerika nicht! Neuyork und Chikago allein sind noch nicht die Union! Aber nirgends war auch etwa eine alte Dorfkirche, wie in Franken oder Schwaben, zu entdecken. Die Besiedlung ist hier ja erst vor 50 bis 70 Jahren vor sich gegangen. Es ist hier immer noch Anbau- und Gründungszeit, wie es etwa bei uns unter Karl dem Großen war. Bei einer Gruppe von etwa 20 Wohnhäusern steht schon eine kleine hölzerne, höchst primitive Farmerkirche. Sie fehlt nirgends, oft sind es gar zwei oder drei verschiedener Denominationen! Alles ist in diesem Lande ungeheuer, die Ebene, die Ströme, die Seen, die Städte, die Bodenschätze, die Fruchtbarkeit, der Reichtum. Während bei uns ein Bauer bei allem Fleiß im allgemeinen aus dem Boden — die künstliche Düngung nicht gerechnet — nicht viel mehr ziehen kann als sein Vater und Großvater vor 40 und 60 Jahren zog, erntet ein Ansiedler, der mit nichts nach Amerika kommt, oft schon nach sechs, sieben Jahren so viel, daß er sich ein eigenes wohlmöbliertes Landhaus bauen und ein Automobil kaufen kann! Wie müssen die Ebenen hier erst bei voller Ernte strahlen, wenn Korn und Mais übermannshoch steht und die großen Mäh-, Dresch- und Säemaschinen auf den Feldern fauchen! — —
Je südwestlicher wir kamen, desto wärmer wurde es! Man sah schon Landleute auf den Feldern mit vereinzelten Strohhüten gehen. Sonst ist erst der 15. Mai drüben der offizielle Termin, den Strohhut auf- und nicht mehr abzusetzen bis in den indian summer hinein! Um Mittag hatten wir den Mississippi erreicht. Glitzernd wälzte er seine blauen, bis 1 km breiten Fluten träge und gemächlich — wie etwa die Elbe unterhalb Hamburgs — durch die ungeheuren Ebenen des mittleren Westens. Seine Länge ist dreimal die unseres Rheins. Ich war am Mississippi! War es möglich? Wovon man als Kind nur in Indianergeschichten geträumt und gelesen hatte! Es war mir in den Augenblicken, da unser Zug bei Fort Madison gravitätisch über die lange eingleisige Mississippibrücke rollte, unbeschreiblich seltsam zumute, daß ich es mir immer wieder sagen mußte: Jetzt fährst du über den Mississippi! Zwei kleine, alte, vorsintflutliche Dampfer kreuzten den von bewaldeten Inseln eingenommenen mächtigen Strom. Fort Madison lag gänzlich einsam, nur von wenigen Häusern umgeben. Welchen Feind will es hier abwehren? Stritt es einst gegen die Franzosen oder Engländer oder Mexikaner oder die Indianer? Von rechts her winkten grüne Wälder. Alles glänzte in blendendem Frühlingssonnenschein. Zur Feier der Überfahrt über den Mississippi verzehrte ich die letzte Apfelsine, die mir die liebe Cousine in Chikago mit eingepackt hatte. Dann fuhren wir wieder und fuhren und fuhren ... Von den 38 Stunden bis Neumexiko waren erst die wenigsten herum. Wie hatte doch bei Florenz einmal mir gegenüber eine deutsche Dame, als sie in vier Stunden von Bologna kam, schon ungeduldig ihren Mann gefragt: „Ach, Artur, wann sind wir denn endlich da?“ Hier lernte man in Geduld sitzen und fahren.
Jenseits des Mississippi, im Staate Missouri, den wir jetzt durcheilten, liegt das alte Prärieland, da man einst mit dem Lasso die Büffel jagte und Indianer durchs übermannshohe Gras ritten. Das Flußtal begleiteten sanfte Hügelreihen, eine angenehme Unterbrechung der endlosen Ebenen, sanfte Bachtäler, Wiesenhänge, auf denen zahlreiche Kühe weideten. Wie bald werden sie nach Chikago in die Union stock yards wandern? Gefallene Bäume liegen da, um die sich niemand kümmerte. Aber nirgends waren hier umfangreichere Wälder. Einst war es romantischer, mit der Büchse durch die Wildnis zu reiten, als mit der Bahn hindurchzufahren, aber wieviel ungezählten Millionen wächst hier jetzt das Brot, während früher die Indianer wohl nur einige Hunderttausend gezählt haben. Die sanftgewellten Hügelreihen am glitzernden Mississippi hatten mit ihren Büschen, Bächen und Pferdeherden ihren eigenen Reiz. O wie hätte ich all den Schreibmaschinenfräuleins und den blassen Angestellten in dem wimmelnden und dampfenden Chikago, wo man in den Wolkenkratzerschluchten kaum den Himmel und vor all der Lichtreklame kaum noch die Sterne sieht, einmal hier auf einige Wochen herauszukommen, um sich ohne Zeitungsgeschrei und Dollarjagd in Licht, Luft und Sonne gesund zu baden, gegönnt! So wie die Pferde und Rinder heute hier weideten, weideten sie auch einst vor Jahrtausenden am Nil, am Euphrat oder am Eurotas. Aber kein Expreß dampfte an ihnen vorüber, daß sie erschreckt zur Seite sprangen, kein Auto tutete in ihre Wildnis, kein Wolkenkratzer reckte sich gen Himmel! Wie die Kulturen im Kern einander gleich bleiben und doch verschiedenes Antlitz tragen! So wie die Menschen am Ganges braun, am Nil schwarz, am Jangtsekiang gelb, am Rhein weiß und am Mississippi rot sind und doch die gleichen Bedürfnisse und Gedanken haben. Wie ist hier Macht vor Recht gegangen und hat dem roten Mann, der selbst vielleicht einst vor Jahrtausenden als ein Bruder des Gelben aus Nordasien hier hereingekommen ist, Land und Grund genommen, ihn mit Pistole und Branntwein ausgerottet und sich an seine Stelle gesetzt! Und lag nicht doch in der vorwärtsdrängenden Kulturmacht des Weißen ein höheres Recht, so daß Macht auch ein Recht in sich birgt? Ich muß im Grunde allen fremden Völkern und Rassen wohlgesinnt sein — dazu erziehen uns Weltreisen —, aber ich muß doch auch in der Geschichte der Kriege und Kolonisationen Sinn finden. Heute haben hier die Indianer in den meisten der Staaten des mittleren und fernen Westens nur noch ihre „Reservationen“, am größten in Oklahoma. Es gibt eine Reihe Amerikaner, die mit Stolz Indianerblut in sich tragen, während Negerblut völlig verachtet ist! Es gibt genug Indianer, die als Amerikaner gekleidet fast unerkennbar in amerikanischen Diensten stehen. So lernte ich einen indianischen Studenten und Lokomotivführer kennen! Aber es gibt vielleicht auch noch eine Viertelmillion Vollblutindianer, die abgelegen in ihren Dörfern (pueblos) leben und sich von Töpferei oder Teppichweberei kümmerlich nähren und in ihrer Liebe zu den wilden Bergen und einsamen Felsschluchten nicht lassen können ...
Am Flußufer standen einige Fischer mit ihren Angeln und schauten stundenlang in das Blau des Himmels und in die Weite. Vor seinem Haus in der offenen Halle saß ein behäbiger Farmer in weißem Bart und schaute unserem Zug nach, dem einzigen Ereignis, das am Tag sein Einerlei unterbricht. Auf einem grünen Anger spielten barfüßige Knaben — die man in Amerika selten sieht — ihren baseball. Bei einem kleinen Ort stand eine Holzkirche armselig wie eine Scheune. Nur die Fenster mit ihren gotischen Holzladenfenstern und einem eisernen Kreuz am First ließen sie als solche erkennen. Am Abend sah man die Landleute in Ermangelung von Wegen und Straßen einfach auf den Bahnschienen ihren Wohnungen zustreben! Das ist der ebenste und kürzeste Weg drüben. Die Lokomotive pfeift, und man tritt einen Augenblick zur Seite! Wer dabei überfahren wird, hat es sich selbst zuzuschreiben. Polizeistrafen gibt es dafür nicht!
Purpurrot begann die Sonne im Westen zu sinken. Immer weiter westwärts ging unsere Fahrt ... Zwei barmherzige Schwestern fuhren allein in einem äußerst primitiven Reisewägelchen draußen durch den Abend. Der Wagen suchte sich selbst die beste Fahrgelegenheit durch den Sand und das Gras. In einigen erleuchteten Zelten saßen Bahnarbeiter um ihr Abendbrot ... Mit Dunkelheit kamen wir nach Kansas City im Staate Kansas und überschritten hier den mit seiner gewaltigen Breite fast an den Mississippi erinnernden Missouri, der von hier nach St. Louis zum Einfluß in seinen größeren, aber bis dahin kürzeren Bruder strömt. Kansas hat etwa 200 000 Einwohner und ist die größte Stadt des gleichnamigen Staates. Sie liegt am Einfluß des Kansasflusses in den Missouri. Sie ist wie alle amerikanischen Städte rasch gewachsen. 1860 hatte sie noch nicht 5000 Einwohner! Jetzt hat sie ihr stattliches „Kapitol“, ihre prächtigen Parks usw., wie es einer ordentlichen großen Stadt zukommt. Einer der Einwohner unserer Hall in Cambridge war aus Kansas, Freund R., er hatte also 38 Bahnstunden in seine Universitätsstadt zu fahren! Wer macht ihm das in Deutschland nach?
Mit einem Trinkgeld brachte ich unseren besonders trägen und lässigen Neger auf die Beine, daß er mir im Schlafwagen noch ein Bett verschaffte. Denn die ganze Nacht mit den Kleidern in der Ecke sitzen, wenn auch der „reclining chair“ erlaubte, ihn lang wie einen Liegestuhl auszuziehen, erschien mir doch nicht gerade das Ideal zu sein, zumal mir noch ein ganzer Tag Eisenbahnfahrt bis nach Neumexiko hinein bevorstand. Der Neger, wohlbeleibt und mit breiter Nase, hatte mir grinsend und schmunzelnd zugesagt, eine „upper berth“, wie das meine Gewohnheit war, zu verschaffen. So geschah es auch. Ich stieg in dem mit seinen grünen Vorhängen wohlverhängten, besagten Schlafwagen als einer der letzten auf der kleinen Leiter in mein hochgelegenes Reich und kleidete mich oben aus, barg alles wohl in einer Ecke und sah noch nach, ob auch Uhr, Scheckbuch und Börse wohl in ihren Taschen waren. Dann legte ich mich ruhig aufs Ohr. Die meisten anderen im Wagen schliefen schon den süßen Schlaf des Gerechten und fuhren mit mir im Staate Kansas in die Nacht hinein ... „Rumrumrum ... rumrumrum“ rüttelte der Zug dahin. Bald war man nach dem vielen Sehen und der schon etwa 15stündigen Fahrt wohl in den Schlaf gewiegt. Kein Laut noch Kindergeschrei störte hier die Stille. Die Auswandererfamilien mit ihren Kindern waren der größeren Billigkeit halber in der „tourist-car“ zurückgeblieben und hatten zwischen den ausgezogenen Stühlen ihre Kissen und Decken ausgebreitet. Es war dort das reinste „Nachtlager von Granada“. Ich hoffte wohlgestärkt am Morgen in einem neuen Staate, Kolorado, von denen jeder allein etwa ein Drittel so groß ist wie das Deutsche Reich, wieder aufzuwachen ...
Plötzlich, als ich wohl ein bis zwei Stunden geschlafen hatte, hält mir mitten in der Nacht jemand eine Blendlaterne vors Gesicht, rüttelt mich am Arm und zieht mir auch schon die Bettdecke weg — eine recht eigenartige Situation. War es ein Überfall? War der Zug von Räubern angefallen? Nein. Der Neger bedeutete mir, ich müsse schleunigst aus dem Bett heraus ... es sei noch ein Fahrgast eingestiegen, der auf das Bett Anspruch habe! Wachte oder träumte ich? Es war leider kein Zweifel an der betrübenden Wirklichkeit: Der Schlafwagenneger stand grinsend mit seinem breiten, braunen Gesicht vor mir und packte schon, ohne meine Antwort abzuwarten, meine Kleider über den Arm und schleppte sie davon in die Ecke des Wagens und warf sie dort auf ein anderes oberes Bett, das anscheinend noch frei war. Warum er mir das nicht von Anfang an gegeben hatte? Ich ergriff die letzten Utensilien hinter ihm drein, kaum daß ich Zeit hatte, wenigstens die Unaussprechlichen noch anzuziehen. Aber es schlief ja alles im Wagen und sah meinen höchst eigenartigen Umzug nicht. Nur der Neger und der neu eingestiegene Fahrgast, der schon auf mein wohlgewärmtes Bett wartete! (Übrigens pflegen echte Amerikaner nachts einen Schlafanzug anzuziehen, so daß für sie ein solch plötzlicher Umzug nicht allzu genierend ausfällt. Bei mir als echtem Deutschen war das anders.) Ich war so schlaftrunken — der erste Schlaf ist ja wohl immer der beste — daß ich kaum nachzusehen und nachzuzählen vermochte, ob der Neger auch alles richtig herüberbugsiert hatte. Kurz, ich schlief bald wieder ein. Und der Zug hielt ja wohl auch in der Nacht nicht mehr ... „Rumrumrum ... rumrumrum“ hörte ich es wieder wie im Traum ...
Morgens wachte ich auf bei blendendem Sonnenschein. Ungeheure gelbe kahle Ebenen dehnten sich zu beiden Seiten! Der Schlafwagen ward lebendig; Männlein und Weiblein strebten nach den Waschtoiletten ... Man kleidete sich an. Ich zählte: Alle meine Kleidungsstücke waren vorhanden. Die Uhr knöpfte ich in die Weste — da fühle ich zufällig in die innere Rocktasche: wo war mein Scheckbuch? Nun war das Scheckbuch weg! Das ganze Erbe der lieben Tante aus Schwaben! Und im Portemonnaie waren nur einige Halbdollarstücke und einige Cents. Das reichte vielleicht noch einen Tag! Und dann saß ich in Neumexiko, im Herzen des nordamerikanischen Kontinents — 40 Bahnstunden von den nächsten Menschen, die mich kannten. Aber auch wenn ich sie telegraphisch um Geld zur Rückkehr anging — sollte nun die ganze Fahrt zu Wasser werden? Wie furchtbar! Mir saß der Schreck in allen Gliedern. Wie doch der Mensch ahnungslos aus allen Himmeln stürzen kann!
Was tun? Sollte ich mich einem der mir völlig unbekannten Reisenden anvertrauen? Keiner würde mir Geld geben! „Selbst“ ist in Amerika der Mann! „Steig aus und nimm irgendeine Arbeit an!“ hätte man mir vielleicht auf amerikanisch geantwortet. Aber ich mußte ja doch auch nach Harvard zurück! Hier konnte ich keinesfalls bleiben. Und wenn nun gar jemand mein Scheckbuch gefunden und auf meinen Namen, der mit Unterschrift vorne drin stand, mein ganzes Geld abhob! Wie gewonnen, so zerronnen! Liegt auf geerbtem Geld kein Segen? „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Darüber hatten wir einmal einen Aufsatz machen müssen. Galt das jetzt mir? So schossen mir die Gedanken hin und her durch den Kopf. Ach, wenn ich doch sonst was verloren hätte, nur nicht die Reisekasse selbst! Ich verwünschte schon den Niagara und den Mississippi, daß sie mich überhaupt zu dieser Reise verleitet hatten! Hätte ich doch nie in der Washingtonstreet in Boston das Auswandererbillett gesehen! Was nutzte mir all das jetzt? Und dabei fuhren wir immer weiter, immer weiter fort, für mich ins Verderben ... immer tiefer in die Wildnis eines Erdteils ohne Geld! Wenn der Zug doch bloß einmal zu ruhigem Überlegen gehalten hätte! „Rumrumrum ... rumrumrum“, so schien mich der Zug selbst mit seinem endlosen und monotonen Rhythmus zu verhöhnen.
Ich erkundigte mich, nichts verratend, nach der nächsten Station. „Um halb acht Uhr sei Frühstück in Syrakuse, an der Grenze von Kolorado“, hieß es. Also da hielt der Zug 25 Minuten, und im Wartesaal war Gelegenheit, für 75 Cents warm und reichlich zu frühstücken: Hammelkotelette, Huhn und andere schöne Sachen. Was scherte mich jetzt das Frühstück? Ich mußte mein Scheckbuch haben. Wenn nur der Zug endlich einmal halten wollte und ich Schritte tun konnte! Fuhr er bis ans Ende der Welt? Aber wenn ich ausstieg, sollte ich vielleicht dann da bleiben, in einem weltverlorenen Städtchen nur noch 200 km vom Felsengebirge entfernt? Nein, mir kam ein besserer Gedanke: Bleiben kostete Geld, was ich ja nicht hatte, Fahren kostete mich im Augenblick kein Geld, denn mein Rundreisebillett, was bis Chikago zurücklautete — freilich über Kalifornien! — war ja bezahlt und steckte in meiner Tasche. Also weiterfahren und sehen, was dann kommt! Mein Plan war gefaßt: In Syrakuse nur aussteigen, um in der Frühstückspause „Schritte zu tun“! Ich wußte glücklicherweise die Nummern meiner Schecks genau; die hatte ich mir vorsichtig mit Bleistift notiert. Und das Notizbuch hatte ich noch! Also auf dem Bahnhof sofort an die Bankzentrale depeschiert und die betreffenden Nummern sperren lassen! So war vielleicht doch noch mein Erbe gerettet.
Als der Zug endlich hielt, handelte ich kurz entschlossen. Denn gestohlen war das Scheckbuch auf jeden Fall! Ich depeschierte. Dann trat ich nach Aufgabe meines Banktelegramms nach Boston an den diensttuenden police-man auf dem Bahnsteig und forderte ihn energisch auf, sämtliche Reisenden sofort zu durchsuchen oder etwa den Schlafwagenschaffner einfach zu verhaften, bis heraus sei, wer mein Scheckbuch gestohlen habe. Der police-man, ein Hüne von Gestalt und wohl Ire von Geburt, sah mich sehr groß an und an mir herunter — und rührte sich nicht von der Stelle! Erwartete er erst einmal ein großes Trinkgeld? Das hatte ich ja nicht. Oder bedurfte er dazu höheren Befehls? Wie sollte ich den in der Eile erwirken? Ich mußte doch weiterfahren. Enttäuscht und niedergeschlagen wandte ich mich in den Wartesaal, gab mein Scheckbuch verloren und setzte mich verzweifelt an die „Frühstücks“tafel — es waren noch 15 Minuten Zeit. Hunger hatte ich, mechanisch schlang ich Hammelkotelette und etwas vom Huhn hinunter. Aber was half’s? Meine Barschaft schmolz nur um so mehr. Sie würde wohl kaum noch diesen Tag überleben. Was dann? So wollte ich wenigstens noch einmal gut und vorsorgend gegessen haben. Sollte ich mich dann in Los Angeles als Kuli verdingen? Wenn wir nur erst dort wären! Bis dahin waren aber noch 48 Stunden mit der Bahn zu fahren! Reichte die letzte Mahlzeit bis dorthin?
Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte — ich hatte mich nicht entschließen können, in dem weltverlorenen Syrakuse zu bleiben; und das war gut! — stieg ich wieder ein, wie üblich, von dem kleinen bereitgestellten Schemel hinauf auf das sehr hohe Trittbrett und meldete jetzt dem Schlafwagenneger meinen Verlust. Grinsend hörte er mich an. Ich bedeutete ihm, ich sei der Fahrgast, den er heute Nacht aus dem Schlaf geweckt und in das andere Bett gewiesen. Er nickte. Durch seine Schuld sei also das Scheckbuch verlorengegangen. Er schüttelte. „No, Sir“ war seine Antwort, und er verschwand. Er suchte offenbar den Schlafwagen ab, klappte die Betten zusammen — und fand natürlich nichts! Mir war längst alles gänzlich vergällt. Sah ich sonst mit begeistertem Interesse stets in die Landschaft hinaus, so interessierte mich jetzt nichts mehr. Stumm sah ich vor mich hin und brütete. Die letzte Hoffnung war dahin. Im Schlafwagen nahmen auf den Sesseln die Reisenden wieder Platz. Ich teilte jetzt auch anderen meinen Verlust mit und wurde allgemein bemitleidet. Ich erwartete bloß noch, daß sie für mich eine freiwillige mildtätige Sammlung veranstalteten, daß ich bis Los Angeles zu leben hätte. Aber selbst das geschah nicht. Sah ich dazu zu wohlgekleidet aus? Ging sie der „German“ nichts an? Dachten sie: „Mag er sich’s doch wieder verdienen, jung genug ist er“? Ich weiß es nicht. Und wenn wir jetzt über die romantischen Pässe des Felsengebirges gefahren wären, ich hätte keine Notiz von ihnen genommen ...
So mochten wohl wieder dreiviertel Stunden vergangen sein, da kommt der Neger grinsend wieder herein, tritt auf mich zu und hält in der Hand triumphierend — mein Scheckbuch!! Beinahe hätte ich es ihm aus der Hand gerissen. Ich wußte nicht, sollte ich ihm um den Hals fallen oder gar als vermeintlichem heuchlerischen Dieb eins auswischen. Ich unterließ aber lieber beides. An Kraft war er mir sicher überlegen. Er hielt das Buch wohlweislich sehr fest. „Ob das meins wäre?“ — Nun natürlich, wie konnte er nur fragen; ich nannte ihm genau die Nummern aus dem Notizbuch. Da hielt er es mir näher, immer breiter grinsend hin, aber gab es noch nicht frei! Ich griff instinktiv in die Tasche und schüttete ihm meine noch übrige Barschaft in die braune Hand. Da auf einmal wurde sein breiter Mund schmäler und — er gab es mir! Wie ein Paradiesesstrom floß es durch meine Seele! „Well, Sir!“ — „Ja, well, Sir, aber wo war es denn?“ Er behauptete: Eben hätten es ihm zwei spielende Knaben aus dem Schlafwagen gebracht, die zum Versteckspielen unter die Sitze gekrochen wären! Das war möglich; dann war es also schon des Abends bei dem nächtlichen Umzug aus der Tasche gefallen oder genommen und unter die Sitze gestoßen worden....! Well, Sir, alles möglich! Oder ob der gute Neger nicht alles so beabsichtigt hatte? Ob er so ein gutes Trinkgeld verdienen wollte? Oder ob er gar erst bare Dollarnoten darin vermutet hatte? Mir war’s gleich. Wie interessant war sofort draußen wieder die Landschaft! An der nächsten Station war ich der erste, der aus dem Zug sprang und wieder an die Bank in Boston telegraphierte: „Scheckbuch gefunden, Sperre aufheben!“ Sie war wohl noch nicht ergangen ...
Unsere Fahrt ging durch Land wie durch die Wüste Gobi. Zum zweiten Male mußte die Uhr eine Stunde, jetzt auf „Mountain-Time“ (Gebirgszeit) zurückgestellt werden, wie in Detroit auf „Zentralzeit“. Der geographische Mittelpunkt der Union war überschritten. Die Vereinigten Staaten haben nämlich wegen ihrer Ausdehnung eine vierfache Zeit: In Neuyork ist Atlantic time, in Chikago Central time, im Gebirge Mountain time und in Kalifornien „Pacific time“, denn dort geht die Sonne vier Stunden später auf und unter als an der Küste des Atlantik. Auf dem Meer hatten wir täglich die Uhr nur um 20 Minuten zurückstellen müssen und auf der Rückfahrt später wieder vor! Da der Bahnzug etwa dreimal so schnell fährt als das Schiff, so macht es zu Lande beinahe jeden Tag eine Stunde aus, wenn man ständig westwärts fährt. — — —
Im Wagen herrschte jetzt wüstes Kindergeschrei, die Babys brüllten, die Boys haschten einander. Alles das störte mich in meiner Paradiesesfreude nicht. Der Boden des Wagens glich jetzt schon nicht mehr einer menschlichen Wohnung, denn jeden Tag mehrten sich der Abfall und die Speisereste beträchtlich. Mir gegenüber sog ein Kindchen an der Mutterbrust ... es ahnte nicht, wo es ist und wem es entgegenfuhr. Welch Pionier wird einmal aus ihm werden? Bei mir saß ein früherer Seemann, der schon Australien, die Türkei und England befahren hatte. Neben ihm und seinen Schilderungen kam ich mir sehr klein vor ... Staub und Rauch nahmen auch ständig zu, dazu die Wärme, denn wir fuhren jetzt bereits unter dem 37. Breitengrad, auf dem in Europa — oder vielmehr Afrika! — die Nordküste von Tunis und Algier liegt.
Vor dem heranbrausenden Zug rasten etliche Pferdeherden in die Steppe hinein. Alles war draußen gelb und baumlos. Man sah Zelte wie ein Zigeunerlager aufgestellt. Neben der Bahn strich ein schlechter Fahrweg mit dünnen und krummen Telephonstangen hin. So fest, gerade und glatt wie bei uns sind sie drüben nur in kultivierten Gegenden. Hier und da lag ein einsames Lehmblockhaus. Wir traten allmählich in ursprünglich spanisches Kulturland und indianisches Siedlungsgebiet ein. Man sah einige strohgedeckte Holzhütten. Die Leute ritten auf Maultieren durchs Land wie die alten Trapper. Auf den weiten kahlen Steppendünen in der Ferne einige dunkle Punkte, die man durchs Glas als weidendes Vieh erkennt. Wenn nicht die Bahn die Blutader für diese Einsamkeiten wäre, wären sie alle, Mensch und Vieh, hier von aller Welt abgeschlossen. Die großen Pazifiklinien haben erst den Westen Amerikas erschlossen. Hier war zuerst die Bahn, dann kamen die Menschen der Bahn nachgezogen. Bei uns in Europa waren erst jahrhundertelang die Menschen und ihre Städte da, dann erst verband sie die Bahn miteinander ...
Wo kriegen die Leute hier nur ihr Wasser her? fragte ich mich. Die Wasserläufe schienen alle ausgetrocknet zu sein. Gelbe Wüste reiht sich an die salzhaltige Steppe. Regen fällt hier ganz selten, höre ich. Wie heiß mag es erst im Sommer sein? Wie grün und fruchtbar war es dagegen im Mississippital! Die unentgeltlichen Wasserfässer am Ende des Eisenbahnwagens finden immer stärkeren Zuspruch. Eine dünne spinnewebfeine Eisenbahnbrücke führt uns über einen sandigen Fluß. In Chikago Tausende von Kunstbauten; hier erweckt ein einziger von ihnen großes Interesse in all seiner Dürftigkeit. Unter einem dürren Baum liegen drei Rinder im Schatten. Im Fluß stehen andere, wie die Kühe im Nil zu Pharaos Zeiten. Was könnte hier alles noch werden und wachsen, wenn das Land einmal systematisch berieselt und besiedelt sein wird!
Nach Stunden wieder einmal eine weltverlorene Station. Drüben erheben sich jetzt mäßig hohe felsige Hügelreihen. Verblichene Baumstämme liegen umher und ein paar faulende Knochen. Ich schaue gespannt nach dem Felsengebirge aus, aber sehe es immer noch nicht. Die Stationsnamen werden immer spanischer. An der Bahnstrecke arbeiten Neger in hohen spitzen Strohhüten wie bei uns die Pferde im heißen Sommer. Zwischen den Schienen liegen Haufen Sand wie verwehte Dünen ...
In La Junta, einem wichtigen Bahnkreuzungspunkt, ist lunch. Alles stürzt hungrig hinaus. Da mein Bargeld am Ende ist und ich hier keinen Scheck eingewechselt bekomme, nehme ich ein billiges Mittagessen in einem Arbeiter-saloon dicht beim Bahnhof. Warum soll ich nicht einmal da essen, wo Arbeiter, Neger, Spanier oder Mexikaner essen? Das Besteck und Tischtuch ist freilich nicht allzu appetitlich ... aber es schmeckt auch ... Freilich sehen sie mich alle recht erstaunt an ...
Nach 25 Minuten dampfen wir weiter in nun fast genau südlicher Richtung durch den Südostzipfel des Staates Kolorado. Hügeliges Tafelland beginnt. So denke ich mir etwa Südafrika. Wilde Wasserfurchen zeichnen sich im Sand ab. Ein wenig Föhrengestrüpp ist das einzige, was hier wächst. Hier muß es, wenn es regnet, sehr heftig regnen. Man sieht es an den verhärteten Furchen. Die Bahn steigt ständig. Wir sind schon 1000 m hoch! In der Richtung aufs Gebirge ist es leider wolkig und umzogen, sonst sähe man jetzt das Felsengebirge. Man erblickt die Kette der Rockies bei klarer Sicht über 250 Meilen weit! Meine Erregung steigert sich. Wann werde ich die Berge zuerst wahrnehmen? Ich bin gespannt wie einst, als wir als Studenten das erste Mal in die Alpen fuhren ...
Mit einem Male sind wir auf eine weite hohe Ebene hinaufgeklommen, an deren hinterem Rande jetzt stattliche hohe blaue Bergketten sichtbar werden; hinter ihnen noch höhere, die aber nicht deutlich zu sehen sind. Ein paar Pferdeherden im Vordergrund bilden die einzige Staffage zu diesem grandiosen Bild. Sonst rings kein Baum und Strauch. Das müssen die Ketten des Felsengebirges sein. Sie sind es! Ziemlich links erhebt sich die Koloradokette mit etwas Schnee auf den Berghäuptern, tiefblau, bis über 4000 m hoch. Man sieht jetzt die Bahnlinie eine weite Strecke vorwärts an den langen Zeilen der Telephonstangen, die wie eine Streichholzpallisade in der Erde stecken. Stracks fahren wir auf die Berge zu. Es wird immer öder. Rechts drüben erhebt sich gigantisch der berühmte Pikes Peak bei Denver, einer der höchsten und am weitesten in die Mississippiebene vorgeschobenen Gipfel (4300 m).
Wie leicht rollt der Zug über die Riesenebene! Wieder mächtige wilde Wasserrinnen! Wie mag hier der Regen hausen! Aber mitten in der einsamen Wüste auch ein — Reklameschild an der Bahn: „Star-Tobacco!“ Die ersten Indianerpueblos[23] tauchen auf mit ihren fast fensterlosen niedrigen Lehmhütten. Braune und schwarzhaarige Kinder spielen davor. Ein Güterzug kommt uns auf der eingleisigen Strecke entgegen. Die Züge verständigen sich schon aus der Ferne durch gegenseitiges lautes Pfeifen darüber, wo man sich ausweicht. Jener hält lange an der Ausweichstelle und wartet auf uns, bis wir vorüber sind. Aber wie machen sie es im Nebel und bei Nacht? Der Güterzug rollt die Schätze Kaliforniens nach Chikago. Die „Straße“ neben der Bahnlinie ist jetzt nur noch eine einzige feine Räderfurche im Sand. Ruhig, stolz und tiefblau schauen die Berge zu uns herüber. Wir halten an Station Trinidad, 1800 m über dem Meere, einem altmexikanischen Städtchen unter einer hohen Bergspitze, fast schon an der Grenze von Neumexiko. Die kleinen Orte sind hier meist nicht viel mehr als ein Haufen Lehmhütten wie im primitivsten Italien oder im Orient. Die mexikanischen Häuser sind sehr niedrig, die Straßen breit. Alles hat einen vollkommen südlichen Charakter. Die Männer (Mexikaner) tragen einen breitrandigen Schlapphut, den Italienern ähnlich, und haben feurige schwarze Augen.
Die Bahn steigt weiter steil an wie über den Apennin. Alles ringsumher bleibt kahl und steinig. Kein grünes Hälmchen ist zu sehen. Alle Frühlingspracht Missouris ist verschwunden. Wir fahren durch ein schmales höchst malerisches Felsental, dann durch einen Tunnel auf einer Paßhöhe von fast 2400 m! (Die Gotthardbahn erreicht bei Göschenen nur 1100 m!) Jenseits des Tunnels senkt sich die Trasse wieder beträchtlich. In Station Ratton stehen Sattelpferde an der Bahn, ankommende Reisende abzuholen. Wir sind mitten im Gebirge. Ringsum ist der Blick durch hohe malerische Bergketten eingeschränkt. Aber alles ist noch viel weitläufiger und riesiger als in den Alpen. Inzwischen umziehen sich die Berge, Wolken hüllen uns ein. Regenschauer prasseln nieder. Aber draußen herrscht wunderbar frische, würzige Bergluft, drinnen im Wagen aber ist die Luft zum Umkommen ...
Wir fahren wieder aufs neue über mächtige Hochebenen in beinahe 2000 m Höhe, die von hohen bewaldeten Bergketten eingesäumt sind. Noch einmal taucht die Abendsonne nach dem Regen über dem Schnee der Berge empor, dann versinkt sie. Das Felsengebirge ist, wie ich jetzt schon bemerkte, kein geschlossenes Gebirge wie die Alpen, sondern eine Sammlung von hohen Randgebirgen, die in sich ungeheuerliche Hochebenen einschließen. Das Gestein leuchtet bald rötlich, bald grünlich. Wem gehört all dies Land? Auf drei Bahnstunden keine menschliche Wohnung! Neumexiko hat bei einer Größe von 317 000 qkm eine Bevölkerung von nur 200 000 Einwohnern, also eine Dichte von 0,6 auf 1 qkm. Auf eine Entfernung Frankfurt a. M.-Karlsruhe oder Dresden-Leipzig keine nennenswerte Siedlung!
Während die Abenddämmerung einbricht, tauchen neue schneebedeckte Bergketten unter den Wolken auf. Geheimnisvoll! Sind alle diese Berge schon bestiegen? Wie lange Jahrtausende hausten hier die Indianer allein? Beinahe um zehn Uhr Sonnabend abends bei stockdunkler Nacht bin ich in Lamy Junction. Ich verlasse mit noch zwei Personen den Zug, um nach Santa Fé, Neumexikos Hauptstadt, umzusteigen. Seit Freitag früh hatte mich der Zug beherbergt. Er war einem wie zu einer Heimat geworden. Ohne Unfall hatte er mich von den großen Seen des Nordens quer durch die ganze Mississippiebene bis ins Herz des Felsengebirges gefahren. Man empfand so etwas wie Dankbarkeit ihm gegenüber, als man ihn verließ und er in die stockdunkle Nacht wieder auf- und davondampfte.
Nun saß ich nachts zehn Uhr mit zwei anderen wildfremden Menschen, einem Mann und einer Frau, auf dem kleinen Bahnhof dieses winzigen und herzlich unbedeutenden Nestes, Lamy genannt, noch 1200 km vom Stillen Ozean, beinahe 3000 km von Neuyork, über 6000 km von der Heimat oder vier Monate Fußwanderung entfernt! Es dauerte eine volle Stunde, bis der kleine Zug nach Santa Fé weiterging, der uns drei Menschen beförderte. Rings war rabenschwarze Nacht. Kein Lichtsignal, kein Anzeichen von menschlichen Wohnungen! Nach 18 Meilen Bahnfahrt waren wir etwa um Mitternacht in Santa Fé, der etwa 5000 Einwohner zählenden kleinen altmexikanischen Hauptstadt des jüngsten Staates der Union, Neumexiko, beinahe unter dem 35. Breitengrad, also in Höhe Maltas, Kretas und Zyperns gelegen. Aber von all seiner Schönheit und Altertümlichkeit war in der stockfinstern Nacht vorerst gar nichts zu sehen. Der Bahnhof lag ein wenig draußen. Ich sah mich um. Kein Mensch war weit und breit. Ich ging wie die anderen beiden eine völlig dunkle Straße stadtwärts, beziehungsweise in der Richtung, wo man sie etwa vermuten konnte. Am kleinen Bahnhof wurden die Lichter ausgelöscht. Nun war aber auch alles stockfinster. Meine Reisegenossen gingen einige Schritte vor mir. Sie kannten anscheinend ihr Ziel.
Da kam uns ein einfacher Mann entgegen, soweit man erkennen konnte. Er wechselte mit den beiden vor mir ein paar Worte. Die Frau ging weiter. Der Mitreisende aber blieb stehen, mit einer einfachen Ledertasche in der Hand. Jetzt kam der Fremde auch auf mich zu. Was wollte er? War es Freund oder Feind? „Ob ich schon Nachtquartier hätte? Ich könnte bei ihm billig schlafen.“ Da der andere schon zugesagt hatte, willigte auch ich ein. Mitgegangen, mitgehangen! Ich wundere mich noch heute, wie ich damals um Mitternacht in Santa Fé in völliger Finsternis einem mir völlig unbekannten Mexikaner mit einem anderen, der mir ebenso unbekannt war, in sein Haus folgen konnte. Wenn man mich hier etwa in der Nacht aufgehoben hätte, so hätte wohl kaum jemand je erfahren, wo und wie ich eigentlich von der Welt verschwunden wäre. Aber an diesem Buche sieht der Leser, daß ich am Leben blieb. Ich wollte auch zunächst die Schlafgelegenheit erst einmal „besichtigen“. „Es sollte nah sein,“ sagte der Fremde, „aber in die Stadt noch weit.“ So wollte ich einmal das Abenteuer probieren. Hatte ich in einem sehr feinen Haus in Neuyork unter bed-bugs[24] leiden müssen, so brauchte ich mich gewiß hier im Felsengebirge nicht über sie zu beklagen; aber vielleicht ging es sogar ohne sie ab.
Wir kamen nach ein paar Minuten an einem kleinen Haus an. Alle Läden an ihm waren geschlossen. Insofern machte es einen mystischen Eindruck. Der Mexikaner öffnete und führte uns eine Treppe hinauf. Eine alte Frau steckte in Nachtkleidung den Kopf aus einer halbgeöffneten Tür. Er murmelte zu ihr ein paar mir unverständliche Worte auf spanisch; darauf verschwand sie und erschien nachher notdürftig angekleidet mit einer kleinen Wasserkanne und einem Ding, das wohl ein Handtuch vorstellen sollte. Mein Begleiter bekam rechts ein Gemach, ich links. Das meine war noch etwas vornehmer und größer, enthielt außer dem Bett sogar eine Kommode und einen kleinen Waschtisch. Ich akzeptierte, der andere auch. Was sollte ich jetzt in Santa Fé nach Mitternacht nach 39stündiger Bahnfahrt noch lange nach einem Zimmer herumlaufen? Eine Räuberhöhle oder Verbrecherfalle schien es ja nun auch nicht gerade zu sein. Schließlich sind auch die Mexikaner Menschen wie wir, dachte ich, und der andere war ja auch noch zur etwaigen Hilfeleistung und Verteidigung da. Beim Schein einer Kerze, die ich dankend angenommen hatte, schaute ich zuerst, als ich allein gelassen war, in meiner Kammer unters Bett, ob keiner etwa drunter läge, der nachher, wenn ich schlief, hervorkäme und mich vielleicht beraubte. Schließlich verrammelte ich noch zur Sicherheit die Türen mit der Kommode und dem Waschtisch. Sollte also ein nächtlicher Angriff von dorther geplant sein, so würden mich mindestens die umstürzenden Möbel noch rechtzeitig aus dem Schlaf wecken. Das Fenster schloß ich, erstens von wegen des Einsteigens — was sich ja sogar einmal ein Bonsels geleistet hat! — zweitens von wegen der auf 2100 m Höhe trotz des 35. Breitengrades empfindlichen Nachtkühle. Dann untersuchte ich das Bett auf kleine Schlafgenossen hin, fand aber nichts Bedenkliches und legte mich zuletzt sorglos hinein ... um nach prachtvollem Schlaf — die 39 Bahnstunden saßen mir doch recht in den Gliedern — am anderen Morgen, einem Sonntag, um sieben Uhr bei strahlendem Sonnenschein wohlgestärkt zu erwachen ...
Ich sah mich in dem hellen Zimmer um. Es war alles bescheiden und einfach, aber ganz ordentlich. Das Fenster war noch geschlossen, es war also niemand des Nachts eingestiegen. Die Kommode stand noch geduldig hinter der Tür, also auch von dort hatte sich kein Feind genaht. Scheckbuch und Uhr waren auch noch vorhanden! Was wollte ich mehr? Ich sah aus dem Fenster und ließ die herrliche Morgenluft hereinströmen und sagte zu mir selbst: Nun bist du wirklich in Neumexiko, und die Berge dort drüben sind ein Stück Felsengebirge. Alles war wie ein Traum! — — —
Ich kleidete mich rasch an, um die Stadt zu besehen und möglichst auch noch heute in die Berge zu kommen. Denn durchs Felsengebirge zweimal quer hindurchzufahren und auf keinen Berg zu kommen, dünkte mir ein Ding der Unmöglichkeit. Ich pilgerte bald in das Städtchen und fand es nicht so weit vom Bahnhof, als ich vermutet hatte. Bald stand ich auf seinem Marktplatz. Während man sonst in amerikanischen Städten durch „Wolkenkratzerkañons“ zum Zentrum kommt, war man hier wie in einer völlig anderen Welt. Eine belaubte und schattige, rechteckige nicht allzugroße stille „plaza“ wie in einem süditalienischen oder spanischen Landstädtchen öffnete sich als der Mittelpunkt des „Verkehrs“. Ihn bestritten einige in der Sonne sitzende kleine schwarzhaarige Mexikaner in ihren breiten Schlapphüten und hier und da ein echtsüdlicher zweirädriger Eselskarren. Die eine Längsseite der plaza säumte der alte dreihundertjährige „governors palace“, ein einstöckiges flachgedecktes, etwas verfallen aussehendes langgestrecktes Gebäude, das heute ein Museum birgt. Fast vornehm wie eine versunkene Pracht wirkten seine Säulenkolonnaden. Einst war es die „Residenz“ spanischer, mexikanischer und auch noch amerikanischer Gouverneure. General Lewis Wallace, der 1879-82 Gouverneur von Neumexiko war, schrieb hier seinen vielgelesenen Roman „Ben Hur“! Wahrhaftig, hier herum hatte er auch das passendste Milieu dazu, denn Neumexiko steht an Vegetation, Bergwelt, Bauweise und Klima in nichts dem heiligen Lande nach. Still und ehrwürdig klangen die Glockenschläge der nahen zweitürmigen, aber im ganzen einfachen romanischen „Kathedrale“ des heiligen Franziskus, die zur Morgenmesse riefen und auf die Mexikaner und katholische Indianer aus den umliegenden Siedlungen zustrebten. Es war Sonntag. Auf altspanischem Boden herrscht noch heute der Katholizismus. Santa Fé ist für amerikanische Zeitverhältnisse uralt. Schon 1542 fanden hier die Spanier ein großes Indianerpueblo vor, als selbst Neuengland noch kein Weißer betreten. Und noch heute wohnen zahlreiche Indianer auch in der Stadt. Die Sträßchen um die plaza lagen still und verlassen. Die schlichtesten Lehmbauten, die Läden vor der schon am frühen Morgen recht warm scheinenden Sonne herabgelassen, waren hier aneinandergereiht. Man hätte auch in Assisi oder sonst wo in Mittelitalien in einem verlorenen Bergstädtchen sein können!
Welch wohltuende Ruhe in diesem alten Städtchen! Hier einmal dem Weltverkehr mit seinem Expreß, seinen Autos, Wolkenkratzern und Millionenstädten vollständig entronnen zu sein, war ein Labsal! Hier hätte ich am liebsten gleich vier Wochen zugebracht! Aber mich zog es noch weiter in die Bergwelt, die ringsumher ihr Haupt hob ... Freilich bis auf die Schneegipfel würde ich wohl nicht kommen, das war mir klar. Aber vielleicht auf die in mittlerer Höhe vor ihnen? Santa Fé selbst liegt schon 2147 m hoch. Die Gipfel, die seine mächtige Hochebene säumen, mögen wohl 4000 m hoch sein, und das „Mittelgebirge“ vor ihnen vielleicht gegen 3000 m. Das war also mein Ziel.
Ich nahm gleich den nächsten Berg aufs Korn. Hinter der Stadt stiegen einige wegähnliche Gebilde durch die Felder und Weinberge bergan. Da mußte es emporgehen. Es war mir gleich wohin. Die Richtung nach Santa Fé zurück würde ich schon immer wieder finden. Im letzten Laden der Stadt verproviantierte ich mich ein wenig mit Brot, Konserven und eingemachten Früchten. Das sollte oben mein Mittagessen sein. Dann stieg ich wacker bergan ... Die Sonne schien heiß, obwohl es noch zeitig am Morgen war. Immer noch kamen mir einzelne Mexikaner, den ausgezogenen Rock den Italienern gleich frei über eine Schulter gehängt, aus den umliegenden Orten, und auch vereinzelte Indianer in bunten Decken, einen holzbeladenen Esel vor sich hertreibend, den Hohlweg herab. Jedem von ihnen schaute ich nach und bestaunte sie: Leibhaftige Mexikaner und Indianer! So klein, braun und schwarz wie etwa bei uns die Zigeuner, mit denen sie als ursprüngliche Mongolen (?) vielleicht auch rassemäßig zusammen gehören.
Von einer roten Farbe sah ich allerdings keine Spur. Vielleicht waren die roten Indianer weiter im Norden und Osten. In schwarzen langen Strähnen hing ihnen das Haar in den Nacken; es kamen nur Männer. Frauen und Kinder blieben wohl daheim in ihren „pueblos“, den fast fensterlosen und nur mit Leitern zu ersteigenden flachen Lehmhäusern. Bald aber kam niemand mehr. Was sie wohl von mir dachten? Hier und da sah einer dem Fremden nach. Ob schon je einer hier heraufstieg? Wenn nun ein paar vielleicht von ihnen heimlich umkehrten und mir etwa auflauerten? Mein kleines Taschenmesser wäre meine einzige Waffe gewesen, aber auf wie lange? Mit Revolver und Büchse war ich noch nie in die Wildnis gezogen ... In solche Rolle hätte ich mich auch nicht so leicht finden können.
So stieg ich wohlgemut auf Schusters Rappen höher und höher. Den Hohlweg hatte ich verlassen, der schien mir zu weit ab und zu wenig in die Höhe zu führen. Rechts hinauf war noch eine Zeitlang so etwas wie ein Jäger- oder Wildpfad, der zwischen dem fast mannshohen stachlichten Gesträuch hinaufführte. Dann hörte auch der auf. Einige Fliegen folgten mir summend, sonst war es völlig still. Die Sonne meinte es sehr gut. Kein schattenspendender Baum war ringsum. Ein Wiesel huschte vor mir über den Weg und verschwand scheu. Im Gebüsch raschelte es manchmal wenig anheimelnd. Waren es Schlangen? Gar giftige? Ich mochte nicht erst untersuchen, sondern setzte meinen Anstieg, der immer steiler wurde, unentwegt fort. Hier lag ein gebleichter Ziegenschädel. Der Balg des Tieres war verschwunden. Und dort ein zerzauster Vogel. Hatten hier Kämpfe stattgefunden? Waren hier Raubtiere (Pumas?) in weidende Herden auf den Bergen eingebrochen? Gab es hier sonst noch Gefahren? Ich wußte es nicht und stieg bergan.
Kein Mensch war weit und breit. Santa Fé lag schon eine sehr gute Strecke unter mir. Seine wohlgeformte Kapitolskuppel leuchtete in der Sonne, sonst schrumpfte alles andere des Städtchens auf einen ziemlich engen Raum zusammen. Ein Ruf wäre nicht mehr hinabgedrungen. Gab es auch hier oben Indianer? Friedliche oder räuberische? Karl Mays Indianergeschichten, einst in der Jugend verschlungen, tauchten in meiner Erinnerung wieder auf. Ich sah rauchende warme Skalpe am Gürtel hängen. Passierte das heute noch? Ich hatte noch nichts dergleichen in den Zeitungen gelesen. Zugüberfälle und Lynchjustiz an Negern, die weiße Mädchen überfielen, pflegten vorzukommen, aber auch Pistolenschießereien und Eifersuchtsszenen in den Südstaaten, wo das alte heiße und stolze Kreolenblut noch in den Adern rollt. Sollte ich lieber umkehren, um nicht etwas zu riskieren? Aber wozu? Vielleicht war ich hier oben sicherer als mitten in Chikago oder Neuyork. Sollte ich mich nachher vor mir selber schämen? Ich stieg weiter empor ...
Nach einer Weile hielt ich eine kleine Rast und schnitt eine Büchse mit in der Hitze besonders lieblich schmeckenden Aprikosen auf und aß von meinem Brote. Dann stieg ich höher. Nur Stechpalmen und Kakteen begleiteten mich noch. Vom Weg war schon lange keine Spur mehr. Nicht einmal Tritte waren zu sehen. Jeder Schritt mußte jetzt erobert werden. Dicht und dichter wurde das stachelichte Gebüsch. Aber die Schneegipfel ringsum hoben sich auch immer höher und unersteiglicher. Ich nahm mir einen Bergabsatz als Ziel, der mir noch erreichbar schien. Die Sonne stieg auf Mittaghöhe und leuchtete unbarmherzig vom wolkenlosen strahlend blauen Himmel. Endlich unter viel Schweißtropfen nach viel Klettern und Kriechen war das Ziel erreicht. Meine Hände waren blutig gerissen. Noch immer sah man Santa Fé, aber wie in einer tiefen Ebene gelegen. Wie hoch mochte ich jetzt sein? Die Aussicht war überaus großartig. Wie stumme Helden umlagerte mich die Kette der Schneegipfel. Wie weltverloren zitterte dünn und fern der Pfiff einer Lokomotive herauf. Durch die weite Hochebene wand sich eine winzig kleine schwarze rauchende Schlange — der Sonntagszug. Als ich die Reste meines Proviants verzehrt hatte, schlief ich, ohne es zu merken und zu wollen, hier oben müde von dem dornigen, steilen und heißen Anstieg ein. Auch lag mir wohl noch die 39stündige Bahnfahrt von Chikago her in den Gliedern ...
Als ich wieder gestärkt von der herrlichen Bergluft erwachte, schaute ich mich verwundert um. Wo war ich? Ich merkte, daß ich geschlafen haben mußte. Ach, da unten lag ja Santa Fé. Ich war in Neumexiko, und diese Berge sind ja ein Stück Felsengebirge! Das ganz unbeschreiblich Eigentümliche meiner weltverlassenen Situation wurde mir wieder klar. Schlangen waren nicht gekommen, auch keine räuberischen Indianer hatten mich angefallen. Keine Moskitos hatten mich gestochen ... Ich zog die Uhr. Mittag war vorüber! Es war Zeit, schleunigst umzukehren, wieder unter Menschen zu gehen, wenn ich noch mehr sehen wollte. Wie gerne wäre ich weiter hinaus in die Bergwelt gestiegen, bis hin zu den Indianerpueblos und -reservationen, aber ohne jede Begleitung und besondere Ausrüstung war es doch wohl zu gewagt. Dazu gehörte vor allem Reittier und Führer ...
Der Abstieg ging natürlich viel rascher vonstatten als der Anstieg. In über einer guten Stunde war ich wieder in der Nähe der Stadt auf Wegen. Ich hatte einen kleinen Bachkañon mit Maultierspuren gefunden, wirkliche echte „Indianerpfade“, denen ich folgte. Denn alle Begriffe von Wegweiser, Farbzeichen, gebauten Wegen und etwa gar Ruhebänken wären im Felsengebirge eine bare Lächerlichkeit ...!
Als ich wieder auf die „plaza“ kam, saß da jetzt die ganze Stadt unter den belaubten Bäumen versammelt. Wie bunt waren die Kleider der Mexikanerinnen! Bei den Weisen einer konzertierenden Kapelle saß man, plauderte, rauchte und sah in die Sonne ... ein genügsames Völkchen!
Trotz ungewöhnlicher Wärme — es war noch Anfang April — ging ich am Nachmittag noch in anderer Richtung hinaus vor die Stadt, eine Indianerschule zu besuchen, die der Staat zur Ausbildung und Erziehung tüchtiger indianischer Bürger eingerichtet hat. Die Schule war eine Art Internat und großes Pensionat, ein umfänglicher Gebäudekomplex mit Kapelle, Wirtschaftsgebäuden, Werkstätten, Wohn-, Lehr- und Schlafräumen und großen Spielplätzen. Als ich die Schule betrat, strömten die Indianerbuben, große und kleine, gerade aus der Kapelle aus der Sonntagsschule, alle in blauen Uniformen mit blanken Knöpfen, ihrer Schulkleidung. Dann stürmte alles hinaus aufs camp zum Spiel. Ich ließ mich zunächst beim Schulleiter, dem sogenannten „Superintendent“, melden und bat um die Erlaubnis der Besichtigung, was mir auch freundlichst gewährt wurde. Freilich auf eine lange Unterhaltung mit mir ließ sich der Herr „Superintendent“ jetzt an seinem freien Sonntagnachmittag nicht ein, denn er war gerade mit seinem Freund, dem Arzt der Stadt, übrigens einem Herrn deutscher Abstammung aus Michigan, beim Schachspiel. Das mochte er offenbar nicht unterbrechen. Er war zwar gemütlich und entgegenkommend, aber ein wenig unhöflich, indem er vom Schachtisch nicht einmal aufstand, um mir nur die Hand zu schütteln. Aber ich war es ja vielleicht auch, unangemeldet Sonntag nachmittag um halb vier Uhr ihm ins Haus zu fallen. Er fragte, ob ich nicht morgen wiederkommen könnte. Da wollte ich schon in die 1000 m tiefe Schlucht des Grand Cañon sehen ... Also das ging nicht.
Der Schulsuperintendent klingelte seinem Adjutanten, einem der Lehrer der Anstalt, einem Mr. G. Der erhielt den Auftrag, mich zu führen. Was er auch in der allerausführlichsten Weise tat. Mr. G. war selbst Indianer(!), freilich in europäischer Kleidung wie alle die Indianerjungen. Schade! Wieviel romantischer hätten sie in ihrer Nationaltracht ausgesehen! Aber das nennt sich ja „Kultur“, alles Bodenständige, Individuelle und Originelle möglichst auszurotten und alles grau in grau zu nivellieren. So werden auch bald die zivilisierten Indianerjünglinge ihr höchstes Ideal darin sehen, Strohhut, Kravatte, Blusenhemd, Gürtel und Hosenfalten genau nach Neuyorker Vorschrift zu tragen ... Mr. G. führte mich durch die weiten Schlafsäle, in denen die Betten ebenso sauber und ordentlich in Reih und Glied standen wie in einem deutschen Schulinternat, dann in die Baderäume mit ihren Duschen. Waschgeschirr im Schlafzimmer kennt ja der Amerikaner nicht. Hier muß es ein unterhaltendes Schauspiel sein, die 200 munteren braunen kleinen Kerle planschen und spritzen zu sehen. Dann gingen wir durch die Schulzimmer, wo sie an einzelnen Tischchen und auf Schemeln sitzen, in die Werkstätten, wo jeder irgendein Handwerk lernt, in die Anstaltsgärten mit ihren wohlgepflegten Feldern und Obstplantagen — welche Freude, diesen südlichen Reichtum zu sehen! — und endlich zuletzt in die katholische Kapelle, wo Franziskanerinnen die Sonntagsschule halten. Der „disciplinarian“ — das war Mr. G.s offizieller Titel — machte mich auch aufmerksam auf die Unterschiede an den Uniformen der Knaben, wer Kapitän, Adjutant, Leutnant u. dgl. sei. Die Anstalt ist also nach dem Prinzip des amerikanischen self governement der Schüler ein sich selbst regierender Schulstaat, der der Jugend viel Spaß bereitet und mit großem Ernst von ihr bis zum Schulgerichtshof gehandhabt wird. Zu allerletzt führte mich Mr. G. in seine eigene Wohnung und stellte mich seiner Frau vor — einer geborenen Mecklenburgerin! Diese Landsmännin war in Santa Fé, Neumexiko, schon 18 Jahre mit einem Indianer verheiratet! ...