DIE SAN FRANCISCO-BERGE IN ARIZONA

Ich verabschiedete mich mit großem Dank von dem „disciplinarian“, ließ mich dem Herrn Superintendenten empfehlen und begab mich noch hinaus zu dem 20 Minuten abliegenden Spielplatz, wo die Indianerbuben jetzt ihren Sonntagnachmittagsbaseball spielten. Von fern sahen sie in ihren blanken Uniformen fast aus wie preußische Kadetten. Aber nun konnte ich sie auch recht in der Nähe betrachten. Von 10-16 Jahren waren alle Altersklassen vorhanden. Lauter braune stämmige Bürschchen und Burschen mit starken Backenknochen, langem schwarzglänzenden strähnigen Haar und einem leichten Anflug von Kupferröte auf den braunen Backen! Wie merkwürdig! Da lernen nun die Kinder von „Adlerfeder“ und „Falkenauge“ usw., einst der Schrecken der Weißen, Englisch, Geographie und Geschichte, um einmal als Normalamerikaner in Denver oder Chikago oder wo sonst eine kaufmännische oder staatliche Stelle zu bekleiden und im Amerikanismus aufzugehen. Der Stammverband löst sich, ihre Religionen sind gestorben, die Götzenbilder wandern in die Museen, und der Medizinmann findet keinen Glauben mehr. Der Sinn für Krieg und Jagd ist dahin; sie sollen „good citizens“ werden. Reklameindianer bieten in ihren bunten Trachten auf den Bahnhöfen der Santa Fé-Eisenbahn ihre Erzeugnisse, bunte Teppiche und Töpfe, feil oder führen Nationaltänze in den Bars der großen Hotels auf. So endet die alte Geschichte der Indianer in der Neuzeit! Freilich die alten runzligen Weiber in ihren Perlschnüren und die am Feuer kauernden Männer in ihren bunten Decken sind kein dauerndes Menschheitsideal. Aber wehmütig war mir es doch, diese Indianerjungen beim Baseball statt beim Pfeilschießen und Pferdereiten zu sehen ... Im Garten der Anstalt saßen einige ihrer Väter mit braunen runzligen Gesichtern, fransenbesetzten Lederhosen und einem turbanartigen Tuch um das glänzend schwarze, langgeschorene Haar. Ein bißchen heroischer hätte ich sie mir allerdings vorgestellt ...!


Am Abend zog nach dem heißen Aprilsonntag ein Gewitter auf. Stahlblau sammelten sich die Wolken an den Bergen. Über den Schneehäuptern zuckten gelbe Blitze. Sie spiegelten sich in den blendenden Fenstern des adligen Kapitols, dessen Kuppel aus seinen üppigen Gärten mich zum Abschied grüßte. Ich erreichte gerade noch vor dem Gewitterregen den Bahnhof und bestieg wieder den Zug nach Lamy, wo sich heute am Sonntag Abend am Bahnhof ganze Haufen von Indianern in voller Tracht tummelten. Es war immer derselbe Eindruck: Tiefbraune Gestalten, schwarze, langsträhnige Haare, bunte Umschlagetücher und befranste Hosen ... So erwarteten sie den Kaliforniaexpreß und boten während des Aufenthalts ihre ohne Tonscheibe geformten und mit der Hand schön bemalten Tonwaren an.

Es war schon dunkel geworden, und ich war wieder im Schlafwagen. Leider durchfuhren wir gerade jetzt in dieser Nacht eine sehr interessante Gegend am breiten und reißenden Rio Grande entlang, der fast doppelt so lang als der Rhein schließlich sich in den Golf von Mexiko ergießt. Wir passierten Albuquerque, wo sich die Eisenbahn nach dem Zentrum Mexikos abzweigt, nach El Paso, Chihuahua und Mexiko ... freilich eine Reise von hier etwa noch zwei Tage weit. Dürr, eintönig und wenig bewässert ist rings das Land. Yuccapalmen, oft vielemannshohe Kakteen und Wermutsträucher sind die einzigen Steppenpflanzen, die hier fortkommen. An den Berghängen gedeihen Föhren und Zedern ...

Als ich am Morgen erwachte, dehnten sich rechts und links der Bahn wieder ungeheure Hochwüsten, kahle Felsen warfen scharfe Schatten; die Luft war ganz trocken und rein. Sonniges Himmelblau spannte sich über einem rötlich schimmernden Lehmboden. Hier und da sah man halbwilde Rinderherden, die von Cowboys zu Pferde umstellt und umkreist, eingefangen und zur Tränke oder zum Transport getrieben wurden. Herden oft von mehreren hundert bis tausend Stück, ein wimmelndes, buntbewegtes Schauspiel ...

In Winslow — wir sind noch immer 1470 m hoch — war „Frühstücksstation“. Ja, wie das wohltut, einmal wieder aus dem ewigfahrenden Eisenbahnwagen auf 25 Minuten aussteigen zu dürfen, wieder nach einer durchfahrenen Nacht als Mensch auf dem Erdboden sich in freier Luft und Sonne zu ergehen und die steifen Beine wieder bewegen zu können! Alles stürmte aus dem wieder zur Heimat gewordenen Wagen in den „Speisesaal“ der Station. Zum ersten Male bedienten hier chinesische Kellner, ein Zeichen, daß wir uns Kalifornien näherten, das sein Angesicht schon gen Asien wendet. Was man also in Amerika alles antrifft! Das Bild wurde immer bunter: Neger, Indianer, Chinesen, dazu die ganze Völkerkarte Europas ...

Wohlgestärkt fahren wir wieder ab. Mit zehn Pullmanns und zwei Maschinen fauchen wir über die Hochebene. Nach etwa zweistündiger Fahrt stoppt der Zug auf ein Flaggensignal mitten in der Wüste. Was ist los? Ein Unglück? Sind wir an einer Station? Bahnwärter oder Bahnbeamte u. dgl. sind nirgends sichtbar. Ein paar braune Gestalten kauern unter einem Schuppen. Ein einziger Passagier „steigt“ tatsächlich „aus“, d. h. er springt mit einem mächtigen Satz von dem sehr hohen Trittbrett auf das freie Feld der Wüste. Sein Gepäck wirft man ihm kurzerhand nach! Er dankt und winkt. Der Zug fährt weiter. Ob die braunen Gestalten ihn erwartet haben? So sehen also zum Teil „Stationen“ des Kaliforniaexpreß auf der Grenze von Neumexiko und Arizona aus! Hier kann man sich denken, wie leicht es unter Umständen sein muß, Schienen aufzureißen und Züge zum Halten zu bringen ...

Auf über 60 m hoher Brücke setzen wir über den berüchtigten „Diablo Cañon“. Hier haben sich einst blutige Kämpfe mit den Apachen-Indianern abgespielt. Am Horizont tauchen aufs neue hohe dunkelblaue Bergketten auf. Heiß steht die Halbmittagssonne über den sandigen Hügeln. Die kupfernen Drähte längs der Bahn blinken im hellen Sonnenlicht. In der Ferne erheben sich die kraterartigen Gipfel höher und höher; es sind die sogenannten „San Franzisko Mountains“, die aber von der gleichnamigen Stadt noch über 1000 km Luftlinie entfernt sind! Welch einen malerischen Kontrast bilden die gelbe unfruchtbare Wüste und das Tiefblau der Berge! Die Wasserscheide zum Stillen Ozean haben wir überschritten. Der Rio Grande war der letzte Fluß, der noch den Atlantischen Ozean im mexikanischen Golf erreicht. Inzwischen sind wir politisch auch schon in den Staat „Arizona“ eingetreten, der halb so groß wie das Deutsche Reich, doch nur wenig mehr als 100 000 Einwohner zählt. Denn gut ein Drittel von ihm ist Wüste und ein Drittel Hochgebirge. Gemütlich liege ich im reclining-chair und schaue mir unverwandt auch diese neue Welt rings um mich an. Es war schön, so gemächlich durch Wüste, Wildnis und Hochgebirge gefahren zu werden. Man kann auch einmal auf ein Halbstündchen die Augen schließen und ein Schläfchen halten — und versäumt dabei doch nichts Wichtiges. Denn die Szenerie ändert sich sehr langsam, manchmal auf einen halben Tag nicht. Jetzt sieht man draußen eine Zeitlang nur mächtige wilde Lebensbäume als das einzige, das die großartige Monotonie der Hochsteppe unterbricht. Das Leben im Zug ist inzwischen wieder wie das einer Familie geworden. Man kennt sich allmählich gut. Kinder tollen in den Gängen. Man tauscht Leid und Freud miteinander aus. Ab und zu tut man mehr aus Langeweile als aus Bedürfnis einen Gang zu dem Eiswasserfaß am Ende des Wagens. Schließlich wird man auch dazu zu träge. Der „trainboy“ bietet unaufhörlich Postkarten und Obst an. Es ist alles im Zuge vorhanden. Nur neueste Zeitungen fehlen; denn die aus Los Angeles oder Denver sind schon zu alt und ausgelesen. Aber etwa, während man durch Arizona fährt — vielleicht nie wieder im Leben! — irgendwelche Romane, es sei denn der berühmte Indianerroman „Ramona“, oder sonst wissenbereichernde magazines zu lesen, hielte ich in solcher Umgebung für ein Reiseverbrechen.

Auf einmal setzte wieder dichterer Baumbestand ein, je mehr wir uns den majestätischen San Franzisko-Mountains nähern. Aber wie hat man auch hier mit den Baumbeständen gewüstet! Man gab sich in Amerika ja nicht immer die Mühe, regelrecht zu fällen und zu roden. Man brannte die Wälder einfach nieder, um anbaufähiges Land zu gewinnen, ein Verfahren, das vielleicht bei uns in und nach der Zeit der Völkerwanderung geübt wurde. Ganze Reihen halbverkohlter, an- und ausgebrannter Baumstümpfe bleiben einfach stehen und liegen, so daß die Wälder schauerlichen Ruinenstätten gleichen. Teilweise aber sind die Baumruinen auch furchtbare Zeugen ungeheurer Waldbrände, deren es in der Union an 300 000 im Jahre geben soll. Zu ihrer Auffindung verwendet man neuerdings staatliche Forstbeamte mit Flugzeugen, die eine Beobachtung auf große Entfernungen gestatten. Nun möchte man dem völligen Untergang der riesigen Waldungen des riesigen Landes doch nach Kräften wehren ...

„Flagstaff“! Nach etwa 100 km Fahrt von Winslow halten wir wieder einmal. Es ist halb zwölf Uhr mittags. Die herrlichste kühle Bergluft strömt zu den geöffneten Fenstern herein. Wir sind jetzt dicht unter den imposanten, mit Neuschnee halb herunter bedeckten San Franzisko-Bergen. Die herrlichste Alpenlandschaft wie ein Berner Oberland breitet sich vor uns aus! Indianer hocken um ein Feuer gruppenweise in der Nähe der Station auf dem Waldboden. Einige weidende Pferde um sie herum. Auf dem Bahnsteig treffe ich auch einen deutschen Schlächter. Seine Eltern wohnen in Neuyork. Er ging „nach Westen“. Die erste Frage, die übrigens der Biedermann an mich, den Stammesgenossen, richtete, war: „Ob in Deutschland die Züge auch so schnell fahren und so fein sind?“ Ich habe gleich Ja gesagt. Da schaute er mich spöttisch und verächtlich an. Denn auch ihm ging schon nichts über Amerika. Es war gut, daß man wieder einsteigen mußte. An den hohen Bergketten selbst bauten sich reizende Holzhäuser im Stil der Schweizerhäuschen empor. Wie kühl, frisch, rein war hier alles! Von den Bergen, auf deren einem sich das Lowell-Observatorium befindet, wehte frische Schneeluft herab. Hier müßte man bleiben können! Eine idealere „Sommerfrische“ als hier, Tausende von Kilometern von aller Kultur entfernt, könnte ich mir kaum denken. Indianer als Bahnarbeiter schleppten mächtige Balken zum Verladen herbei. Der Holzhandel blüht ...

Nach weiteren 35 Meilen Fahrt sind wir am frühen Nachmittag in „Williams“, der Umsteigestation nach dem „Großen Cañon des Colorado River“, meinem nächsten Ziel, das an Großartigkeit noch die Niagarafälle übertreffen sollte. Williams ist ein kleiner Ort, dessen Bedeutung der Viehtransport und -handel ebenso ausmacht wie der Transport der Reisenden nach dem einzigartigen Naturschauspiel Amerikas ... Von Williams aber hatten wir nach der Grand-Cañon-Station noch einmal beinahe drei Stunden auf einer Nebenlinie zu fahren, obwohl es nur als ein „kleiner Abstecher“ von der Hauptlinie angesehen wird. Täglich geht ein Zug im Anschluß an den Kaliforniaexpreß hin und her. Die Kleinbahn fuhr langsamer als der Expreß über das weite Koloradohochplateau, aber auch sie war recht komfortabel eingerichtet. Drei Stunden lang durchfuhren wir dieselbe Gegend! Die San Franzisko-Berge, durch die man früher den Weg zum Grand Cañon nahm, blieben hinter uns. Kahle grasige Hochebene war jetzt das einzige. Echte Gebirgssteppe rechts und links, bevölkert hier und da nur von nach Tausenden zählenden Schafherden. Ein wenig war sie unserer wenn auch tiefgelegenen Lüneburger Heide vergleichbar, aber im ganzen viel öder, einsamer und unbewohnter.

Unterwegs an Station Willaha halten wir länger, damit die Reisenden in der Nähe sich die gerade statthabende Schafschur, die hier maschinell im Großbetrieb erfolgt, ansehen können. Etwa 5000 Schafe sind im Pferch. Eins nach dem anderen wird wenig sanft gepackt, zu Boden gedrückt, zwischen die Beine eines starken Mannes geklemmt und die Schermaschine rasch über seinen Pelz weggeführt. Abgezogen wie eine Rübe oder Kartoffel und oft aus vielen Schnittwunden blutend wird das Tier dann nach wenigen Sekunden entlassen, um anderen Platz zu machen. Aber mit der sprichwörtlichen Lammesgeduld, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, ließen die Tiere alles über sich ergehen ...

Ein andermal halten wir bei einem kleinen, auf einem Stab angebrachten Blechbriefkasten. „U. S. mail“ steht da. Sonst ist nichts weit und breit zu sehen. Alles schaut aus dem Fenster dem interessanten Schauspiel zu, das hier in der Wüste als wichtige Unterbrechung der Fahrt vor sich geht. Die kleine Postblechbüchse wird nämlich geöffnet und „geleert“! Und aus dem Zug werden einem herbeisprengenden Reiter zwei Postkarten und einige Zeitungen übergeben. Mit diesen sprengt er auf seinem dürren Gaul und in seinen schafpelzigen Hosen in die Steppe zurück und verschwindet im Busch. Post für die Cowboys! Ich denke an den Postverkehr der Millionenstädte. Welche ungeheuerlichen Gegensätze in demselben Lande!

Draußen liegen einige trockene, wurzellos vom Sturm geknickte Föhren. Sie faulen und verwittern. Vor Jahrtausenden sind sie versteinert und heute zum Teil noch in allen Farben schillernd nach Form und Gestalt erhalten. Ganze Wälder von Lebensbäumen treten auf. Die Vegetation belebt sich. Ach könnte man bei den Cowboys einmal im Zelt schlafen und mit ihnen reiten oder auf die San Franzisko-Berge steigen bis an den Schnee! Im Zug preist der Hotelportier der großen Cañonhotels immer aufdringlicher ihre unvergleichliche Unterkunft an, Wagenfahrten, Reittiere, Indianertänze, Zeltreisen und wer weiß nicht was ... Wir nähern uns also unserem Ziel.


Wir halten! „Grand Cañon-Station!“ Nur wenige Schritte, und wie beim Niagara wird eins der größten Naturwunder der Erde sich vor mir auftun ...! Zuvor aber bestelle ich mir im Hotel „Bright angel“ ein Zimmer und lege mein Gepäck ab. Dann will ich in aller Muße und Ruhe das grandiose Naturschauspiel von hier oben genießen. Der Hotelportier ist zur Abwechslung — ein Schweizer! Ein prächtiger, urwüchsiger, unverdorbener Bursche, der seinen volksechten Dialekt unter den englischen Brocken noch nicht verlernt hat. Der Wirt war leider ein etwas allzutypischer, sehr wohlbeleibter, damals oft dem Gläschen am Büfett zusprechender Deutscher, der hier schon recht treffliche Geschäfte gemacht hat. Freilich ist der „Bright angel“ nicht der einzige, aber älteste und verhältnismäßig preiswerteste Gasthof, was bei mir neben den Naturschönheiten immer etwas mit ins Gewicht fiel ...

Und dann trat ich an den Rand des Cañon! Er übertraf wirklich alle Erwartungen! Man stand einen Augenblick wie starr vor dieser märchenhaft-titanischen Naturszenerie, die sich da auftat. Ich war noch nie von einem Naturschauspiel so wahrhaft im buchstäblichen Sinne überwältigt wie hier. Selbst der Niagara — unvergleichlich in seiner Art — tauchte daneben auf eine Weile in den Schatten der Erinnerungen. Ich war in den Alpen gewesen, im Berner Oberland vor der Jungfrau, im Allgäu, in Tirol, im Stubaier, im Ortlergebiet. Aber hier übertrafen die Ausmaße und die grandiose Wucht des Ganzen alles bisher Geschaute. Das konnten gleichsam nur götterhafte Riesen der Vorzeit aufeinandergetürmt haben. So empfand man. Ich stand und schaute ... Wie klein war man dieser Urwelt gegenüber! ... Was ist der Mensch, diese Eintagsfliege auf seinem uralten und urmächtigen Planeten ...?

Eine wahrhaft ungeheuerliche mit Felstürmen, Plattformen, Nebencañons in allen Farben vom Violett und vollem Rot bis zum satten Dunkelgrün, Gelb und Weiß des Jurakalks schimmernde, unfaßlich weite, nach unten in gewaltigen Terrassen sich stark verengende Riesenschlucht tat sich auf. Mehr einem steinernen Zaubergarten, in dem sich heimlich Riesen ergehen, oder verwunschenen Riesenschlössern vorweltlicher Titanen und Götter mit Zacken, Zinnen und Türmen vergleichbar denn einem Felsental eines einzigen Stromes, das er in Jahrhunderttausenden ausgewaschen und eingefurcht hat.

Oben steht man auf einem völlig flachen und platten, etwa 2000 m über Seehöhe befindlichen Steppenplateau, nur von winddurchwehten, niedrigen, knorrigen Föhren bewachsen, die sich da und dort zu Wäldern verdichten, und dann stürzt es dicht vor einem hinunter in wahrhaft gigantischen Stockwerken von jedesmal mehreren 100 m bis zur Fußsohle, die wieder in einer besonders scharf eingeschnittenen Felsenschlucht anderthalbtausend Meter unsichtbar unter dem Beschauer in der Tiefe des Cañons liegt. Gerade weil der Urheber des Cañons, der Koloradofluß, der in den kalifornischen Golf sich ergießt, völlig unsichtbar bleibt und doch wie Hephästus ständig in der Tiefe arbeitet, rauscht und braust, schafft und weiter sich einfrißt und an der Schlucht in alle Ewigkeit bohrt; wirkt das Ganze noch mystischer und unfaßlicher ... Mitten aber in den steinernen gigantischen Felsenöden erblickt man auf einmal bei schärferem Zusehen etwa 800 m tief unten eine kleine grüne Oase mit einem menschlichen Haus — eine zerbrechliche Menschenhütte in der Welt der Titanen! — das sogenannte „halfway-house“ (Halbweg-Haus) in der Hälfte des Abstiegs zum Koloradofluß. Man kann zu Fuß und auf Maultieren auf sehr steilem steinigen Zickzackpfad in die schaurige Tiefe hinabgelangen ...

Ich konnte mich von diesem riesenhaften Anblick nicht so bald trennen. Ich liebe es immer, auf hohen Bergen, an besonders großartigen Punkten der Natur auf Erden stundenlang allein zu weilen, um die großen, erhabenen Eindrücke und das feierliche Schweigen der immer grandiosen Natur in mich recht hineinzusaugen. Das ist mir dann Lohn genug für alle Anstrengungen, Mühen und Ausgaben der Fahrt. So lag ich schon als Vierzehn- und Fünfzehnjähriger stundenlang auf den Höhen des Schwarzwaldes, etwa dem Hochfirst über dem Titisee oder dem Feldberg über dem Feldsee oder auf dem Sulzer Belchen oder Donon in den Vogesen, als noch niemand daran dachte, sie könnten je wieder französisch werden, und sog die ungeheuren Ausblicke über die Rheinebene, die Gipfelwelt des Wasgaus, den Anblick der vielen kleinen Dörfer und Städte in mich hinein. Wie in einem Tempel geweiht trat man dann den Abstieg und Heimweg an. Es war die Seele gleichsam auf Jahre hinaus geweitet. Alles menschliche Gezänke und Gejage erschien da oben so erbärmlich! Man war eigentlich grundsätzlich von ihm erlöst. Streit um Mode und Meinung, um Richtung und Partei zerfloß vor solchen Erlebnissen wie eine Lächerlichkeit. Es war etwas vom Geiste des Universums in das Individuum geströmt und hatte es frei gemacht. Wie kindisch erschienen nach solchen Eindrücken auf hohen Bergen die Menschen in den großen Städten, die den Hals so lang recken und den Kopf so hoch tragen, da einer auf den anderen herabsieht, weil der eine einen anderen Rock trägt als der andere oder dieser einen geringeren Beruf hat als jener. O über die erbärmlichen und kleinlichen Menschen!

Stunden der inneren Erlösung werden am Rande des Cañon geschenkt — wenn nur nicht zwei Minuten hinter mir sich schon die „Kultur“ in Gestalt der Gasthöfe erhoben hätte samt den typischen Reisenden mit ihrem unnützen Geplauder und Gewäsche. Auf den Bänken am Rande des Cañon müßte etwa angeschrieben stehen: „Alles laute und oberflächliche Schwatzen und Lachen ist angesichts der großen Natur strengstens untersagt.“ Ich saß da, bis es dunkelte, und konnte mich nicht satt sehen. O das wunderbare Rot! Dieses strahlende Feuer des Gesteins um die Zeit des Sonnenuntergangs! Diese Riesenbauten, immer aufs neue großartig in ihrer schweigsamen Pracht! Letzte Sonnenstrahlen ließen jede Wand, jeden Sandfleck noch einmal rot, blau, violett, tiefgelb erstrahlen. Das Farbenspiel an den Wänden des Cañon war fast ebenso wundersam wie seine Größe. Dazu der Kontrast der obersten weißen Juraformation mit den roten und braunen Gesteinsbändern. Hier versagen alle Beschreibungen. Wie ein aufgeschlagenes lebendiges Museum hat hier die Erdoberfläche alle ihre geologischen Geheimnisse enthüllt und ihr Inneres offen und furchtlos aufgedeckt. Man sah wie die letzten Sonnenstrahlen langsam aufwärts glitten. Was für Gründe und Schlünde! Wände wie flüssiges Feuer! Jetzt wurde die rote Schlucht von der Abendsonne nicht mehr erreicht. Aber der gelblichweiße Kalk leuchtete noch lange! Langsam erstarben auch diese Lichter. Der Abend kam. Die kühnen Riesenschlösser verdunkelten ...

Aus dem nahen Föhrenwald ritt eine Gruppe Indianer heraus. Eine bessere Staffage konnte ich mir zuletzt gar nicht wünschen. Unter ihnen ein Bursche mit zwei feuerroten Pferden, als seien sie dem Cañon entstiegen. Jetzt halten sie am Rande der Riesenschlucht. Auch für sie scheint er, obwohl gewohnt, ein immer neues unfaßliches Schauspiel.

Grabgesang für den indianischen Häuptling Schwarz-Amsel
(Aufrecht begraben auf einem lebenden Pferd am Felsenufer über dem Missouri.)

Er ist tot,
Unser Häuptling,
Ai! Ai! Ai! Ai!
Krankheit überfiel ihn,
Ihn, unsren Führer,
Schmerzlich starb er dahin.
Zu seinen Füßen sind wir Krieger,
Seine Kinder versammelt.
Zerschnitten haben wir unser Fleisch
Vor seinem Leib.
Unser Blut tropft auf die Weiden,
Mit denen wir unsre Arme durchbohrten.
Wir schlagen uns mit Weiden,
Wir betrauern unsren Bruder, unsren Vater,
Wir singen langsame Lieder
Dem lauschenden Geist des großen Häuptlings
Schwarz-Amsel.
Gestern
Unterm roten Himmel,
Durch den die Sonne stürzte,
Riefen sie dich,
Deine Vorfahren
Aus der Mitte des Himmels,
Aus der dich umkreisenden Wolke
Riefen sie deinen Namen.
Er ist tot
Unser Führer
Ai! Ai! Ai! Ai!
Unser Häuptling Schwarz-Amsel!
Schlagt euch mit Weiden,
Laßt tropfen euer Blut für ihn!
Ihr habt den Todesgesang
Euren Freunden gesungen,
Den Gräsern der Prärie,
dem Fluß,
Der die Prärie
Wie der Mond den Himmel schneidet.
Sieh, wir richten dich auf.
Das Blut unsrer Weidenwunden
Tropft auf dich.
Wir kleiden dich in dein Hemd aus weißem Bocksfell,
Wir knüpfen deine Gamaschen aus Bergziegenfell,
Wir legen um deine Schultern
Dein Kleid aus dem Fell des jungen Büffelstiers,
Wir haken dein Halsband aus grauen Bärenklauen
Um deinen Hals
Und setzen auf dein Haupt
Deinen Kriegshelm aus Adlerfedern.
So hast du es befohlen.
Ai! Ai! Ai! Ai!
Schlagt euch mit Weidenruten!
Du fährst fort von uns,
Es ist Zeit für dich fortzufahren,
Du trittst die lange Reise an.
Hinauf auf die hohe Klippe
Tragen wir dich.
Unser Blut tropft auf die Erde,
Und dein Pferd,
Dein weißes Pferd
Geht mit dir,
Es folgt dir nach,
Sanft leiten wir es
Deinem Körper nach,
Deinem nicht mehr schweren Körper,
Den der Tod zerschrumpft.
Der Habicht fliegt
Halbwegs zum Himmel,
So wirst du halb über der Erde schweben.
Auf hohem Ufer wirst du stehen,
Wenn wir dich aufstellen,
Zittert die Erde.
Du bist tot,
Doch du hörst unsren Gesang,
Du bist tot,
Doch wir heben dich auf dein weißes Wieselroß.
Es zittert wie die Erde,
Sein Fell zuckt
Bei der leisen Berührung mit deinen Knien,
Unser Blut schreit zu dir,
Da es über die Blätter der Weiden tropft.
— — —
Du leuchtest wie Sonne zwischen Bäumen,
Du blendest wie Sonne,
Die über Präriegras rinnt.
Du durchbohrst unsre Augen,
Wenn die Donnerwolke sich empört gegen den Wind.
Wer sollte das sein,
Wenn nicht er, unser Häuptling?
— — —
Ai! Ai! Ai! Ai!
Stolz reitet er sein weißes Pferd,
Seine Hauptfedern rauschen leis’ im Wind.
Großer Häuptling,
Vater des Volks,
Der du schaust auf den kluftigen Hügel
Und den langen beweglichen Fluß.
Der du gefaßt erwartest den Saum der Nacht
Und das Kommen der Sterne,
Bereit zu springen
Den Sternweg mit der mächtigen Kraft
Deines wundervollen Pferdes,
Die Wolfsspur aufzunehmen,
Mit dem Schrei des Erfahrenen
Aufwärts zu reiten über den großen Himmel.
Wir bewachen dich,
Wir begeistern dich,
Wir schreien dir Beifall mit unsrem Jagdruf,
Unsrem Schlachtlied.
Zum Klatschen unsrer Weiden sollst du reiten,
Und dein weißes Roß
Soll dich hinter die Wolken tragen
Hinter die unbeweglichen Sterne.
Wenn die Wasser ruhen
Und Nebel steigen,
Wirst du wieder erscheinen?
Dann werden deine Brüder, die Ottern,
Aus den Wassern tauchen,
Unter dem hohen Hügel
Wird deiner Stimme starkes Echo tönen.
Wie Metall wird deine Stimme
Durch die Himmel dringen.
Deine Kriegskeule wird durch die Räume hallen
Wie deine Brüder, du Adler,
Wird deine Stimme zu uns niederfallen
Durch die Böschungen des Winds.
Du wirst rund um die Welt gehen,
Du wirst über und unter die Welt gehen,
Du wirst zum Geisterplatz kommen.
Ai! Ai! Ai! Ai!
— — —
Wenn Regen kommt
Auf den Schwingen der Krähen,
Im Frühling
Müssen wir die Stimme der Eule fürchten
Allein in unsren Hütten,
Nun, da du von uns gegangen.
Wie groß ist die Zahl deiner Schlachten!
Zur Nacht,
Wenn die Hunde schweigen,
Gehst du leise
Über die Dörfer der Feinde, sie zu zerstören.
— — —
Tod bringe ich!
Ich tanze auf denen, die ich töte!
Ich skalpiere die, die ich töte,
Ich lache über die, die ich töte,
Heh — heh!
Rot waren deine Pfeile wie des Grashüpfers Flügel,
Hoch in der Sonne.
Denn Feinde schämten sich vor dir,
Bis du ihnen die Köpfe abschnittst
Und ihren Skalp an deinen Zügel bandest.
Nun reisest du allein,
Reise die Wolfsfährte entlang,
Müde zu den kleinen Sternen!
Amerikanische Nachdichtung von Amy Lowell.

Die braunen Burschen mit Federn und Bogen, gestickten Mokassins und prachtvollen warmen, weichen Decken — angenehm jetzt in der wehenden Abendkühle — verschwanden in einigen nahen Lehmbauten, wo sie — man sieht es durch die offene Tür — ein Feuer entzündeten. Malerisch säumten ihre bunten Kopfbinden das langsträhnige glänzend schwarze Haar ...

Geschminkte und gepuderte reisende Damen kamen jetzt daher und richteten ihre Lorgnette auf die Söhne der Natur. Da wünschte ich mir eine Geißel ...! Drinnen aber im Hopi-house, der Lehmhütte der angekommenen Hopi-Indianer, schaukelte friedlich ein Baby auf einem von der Decke an zwei Stricken hängenden Brett. Ein Älterer der Rothäute trat jetzt mit einer blitzenden Axt vor die Hütte, um Holz zu spalten und das Feuer zu entfachen. Diente nicht diese Axt wilderem Zweck? Am liebsten wäre ich zu der um das Feuer in der Hütte hockenden Gruppe gegangen und hätte mich unter sie gesetzt und mit aus ihrem Napf gegessen. Und Karl May war nie solcher Anblick vergönnt! — —

Nach dem Abendessen im „Bright angel“ trat ich noch einmal an den Rand des Cañon. Der Mond übergoß jetzt mit blendendweißem Licht die grellbleichen Kalkfelsen, die da in den schauerlichen Grund abstürzten. Welch eigentümliches Licht! Aber auch hier fehlte die Komik der Kultur nicht. Elektrische Bogenlampen erhellten frech und frank rings die Nacht um das Hotel! ... Fledermäuse umschwirrten sie. Glühlämpchen am Cañon! Welche Stillosigkeit! Auf den Bänken saßen einige Hotelburschen, deren Arbeit zu Ende war, und sangen süßmelancholische Negerlieder aus Kentucky und Tennessee! Vor dem Hopi-house aber tanzte — verhülle dein Haupt — für ihnen auf den Boden zugeworfene Kupfermünzen die Gruppe der Hopi-Indianer indianische Volkstänze. Sieben bis acht Männer, Frauen und Kinder waren es. Es war ein merkwürdiges rhythmisches Stampfen und heiseres Schreien, das durch eine Rassel in der Hand unschön unterstützt wurde. Die Frauen tanzten barfuß mit Blumensträußchen in den Händen, bald neben-, bald hintereinander zierlich und rhythmisch sich wiegend, die Männer in ihren Mokassins. Indianertänze im bleichen Mondschein vor der Indianerhütte am Rande des Cañons waren also der letzte Eindruck dieses Tages! Den nahm ich mit in meine Träume der Nacht ... —

Für den anderen Tag hatte ich mir vorgenommen, den Abstieg auf dem schwierigen und sehr mühevollen „bright-angel-trail“ in den Cañon zu wagen. Aber nicht mit Maultier und Esel, Führer und Pferden, Zelten und Proviant, mit geputzten Herren und gepuderten Damen, Dienern und Troß, sondern allein zu Fuß und mit ein paar Brotscheiben in der Tasche ... Allein, Auge in Auge, wollte ich der Nacktheit der Natur und den titanenhaften Schroffen des Kolorado gegenübertreten. Hoffentlich störte mich heute kein Menschenschwarm und -geschwirr, keine schwatzenden, beschleierten und lorgnettierenden Damen oder politisierenden Männer ...

SANTA CATALINA IM STILLEN OZEAN

Ich nahm also einstweilen Abschied von der bewohnten Oberfläche der Erde, um mich in die Eingeweide ihrer Unterwelt zu begeben. So kam es mir vor. Oben blieb die Menschheit zurück, und ich stieg der Tiefe zu, wie der Bergmann in den Schacht fährt und der Taucher in den Ozean sinkt. Fast so war es mir zumute. Hoffentlich gab mich der Cañon heil der oberen Erde wieder. Je weiter ich stieg — jeder Tritt war mit Vorsicht zu wählen, und jeder Schritt eine kleine Leistung — desto ungeheuerlicher wurden die Ausmaße der Abstürze. Und so tief man auch hinabstieg, immer neue Felsenabstürze gähnten unter mir, immer ferner rückte die Randhöhe des Plateaus oben, immer weiter wurde die Spanne von Rand zu Rand der Riesenschlucht. Welche Entfernungen, welche Tiefe, welche Steilheit des Felsenpfads! Welch schauerliche Felsöden! Man kam sich vor wie in einem Riesengefängnis, das kein Schließer zu verschließen braucht. Drüben aber die in der Morgensonne leuchtenden roten Zacken, Zinnen, Türme und Wände, die noch kein menschlicher Fuß betrat.

Etwa zwei bis drei Stunden bin ich mühsam allein hinabgestiegen. Kein Laut störte die Einsamkeit. Kein Vogel kreiste über den unfruchtbaren Felsmassen. Nur da und dort rollte ein Steinchen, das unter dem Tritt sich löste, springend, hüpfend mit ein wenig Geklirr in größere Tiefen. Es hallte der eigene Schritt wieder von den nächsten Felswänden. Ein paar niedrige Kakteen wuchsen zwischen den Steinen und ein paar blühende Anemonen ...

Ich landete auf einem Plateau, halbstündig im Geviert. Eine kleine grüne Steppeninsel inmitten der Felsmassen lag vor mir, von etwas quellendem Wasser berieselt. Das „half-way-house“, der Rastort der Touristenkarawanen, war erreicht. Ich kletterte noch vor bis an den Rand des eigentlichen engeren Flußcañons, wo es schwarz und steil in die Tiefe geht. Aber weiter wage ich mich nicht. Ich hätte gerne dort unten meine Hand in den Kolorado gesteckt ... Aber jeder Schritt tiefer kostete zwei mühsame Schritte nachher wieder herauf. Und hinauf war es weit länger und anstrengender als hinab. Würde auch das Wetter halten? Der Himmel hatte sich dunkel umzogen ...

Ich mochte eine halbe Stunde am Rand des letzten Absturzes gelegen haben, wie Jakob das Haupt auf einen harten Stein gebettet, und hatte in die Felseinsamkeit und den Himmel gestarrt. Vom Kambrium bis zum Tertiär lagen wohlabgezeichnet alle Schichten von unten nach oben übereinander, rote Granite, dunkelbraune Gneise, mattgrüner Schiefer, dunkelroter Kalkstein, rot und weißgebänderte Sandsteinformationen und zuoberst hellgrauer Kalk. Von Rand zu Rand spannt die Riesenschlucht oben etwa 15 km, bis 1½ km ist sie tief, und der Fuß auf der Sohle ist noch an 100 m breit. Bei Hochwasser kann der Kolorado bis um 70 m steigen! Wie mag der erste Weiße, der Goldsucher Garcia Lopez de Cardenas im Jahre 1542 gestaunt und gebebt haben, als er diese teuflische Schlucht, die bis 350 km (also etwa von Berlin bis über Prag hinaus) lang ist, zum ersten Male erblickte! Was besagen diesen Maßen gegenüber alle die Klamms Oberbayerns oder selbst die Elbrinne unserer sächsischen Schweiz? 1869 unternahm es zuerst der kühne Major J. W. Powell, den Koloradofluß durch den Cañon hindurch im ganzen 1600 km weit zu befahren! — — —

Ich hatte mich erhoben, um wieder anzusteigen. Und ich tat gut daran. Wolken und Nebel fuhren dichter über die Felszinnen. Ängstlich huschten die Eidechsen in ihre Steinritzen. Als ich eine kleine Stunde mühsam bergangeklommen war, brach um mich ein Schneesturm los! Im Nu tanzten wilde Flocken und hüllten mich ein. Kein Mensch war weit und breit. Orkanartig brauste es die Wände entlang. Verschwunden war mit einem Male der Zaubergarten samt allen seinen Farben. Im Schneesturm, in Nebel und Wind mutterseelenallein an eine Felswand gedrückt, wartete ich das Wetter ab. Der Steilpfad war zwar kaum zu verfehlen. Ein Verlorengehen war nicht gut möglich. Und ein Tornado oder eine Windhose, die mich am Ende nach dem anderen Rande des Cañons entführte, würde ja hoffentlich nicht gerade kommen.

Vorgestern noch in Santa Fé ein Sommergewitter und heute in derselben Höhe und Breite ein Schneesturm im April unter 36 Grad Breite! Welche Kontraste doch dieser Kontinent barg!

Vom anstrengenden, steinigen, steilen und eiligen Steigen klopfte mir das Herz bis zum Halse hinauf. Eine Zeitlang barg ich mich in der schützenden Nische an der Felswand. Die Hände waren mir eiskalt, aber am Rücken troff mir der Schweiß! Das Schneegestöber nahm zu. Ich war früh aufgebrochen. Die reitenden Karawanen hatten es vorgezogen, oben zu bleiben oder waren auf dem Viertel Weg wieder umgekehrt. Als ich endlich nach viel Mühe, durchnäßt und durchfroren wieder oben war, lag der Schnee auf den Hoteldächern und der Terrasse! ... Man glaubte sich in eine Winterlandschaft des Riesen- oder hohen Erzgebirgs versetzt und wärmte sich gern am behaglichen Kamin mit seinen mächtigen glimmenden Holzklötzen ...

Die Nacht erquickte die vom Ab- und Anstieg ausgereckten Glieder wunderbar. Es war die zweite Nacht am Rande des Cañons. Wie würde morgen das Wetter sein?

[22] Young men’s christian association.

[23] Indianerdörfer.

[24] Wanzen.