Am Großen Salzsee und in Kolorado.

Am Abend waren wir von der subtropischen Küste des Stillen Ozeans weggefahren, am Morgen wachten wir nach völliger Verwandlung in Höhe von 2000 m in prächtigster Alpenschneelandschaft der Sierra Nevada wieder auf. Die Sierra Nevada ist ein etwa über 700 km langer bis über 4000 m ansteigender schneebedeckter Alpengebirgszug des Felsengebirges, der Kalifornien von der Union so stark trennt, daß diesseits und jenseits des Gebirges völlig anderes Klima herrscht. Die kühlen und feuchten Seewinde dringen nicht bis in die unfruchtbaren heißen Wüsten Nevadas, und das milde gleiche Klima Kaliforniens kennt nicht den stürmischen Wechsel auf den Hochflächen des Felsengebirges und in der nördlichen Mississippiebene.

Erstaunt sah man aus dem Fenster. Auch zwischen den Schienen lag wirklich Schnee! Und noch tags zuvor hatte ich mich wohlig in dem durchsonnten Sand des Ozeans gebräunt. Die Paßhöhe war eben überschritten. In vielen Windungen an steilen Felshängen entlang in schwindelnder Höhe über tiefeingeschnittenen Tälern mit herrlichem dunklen Fichtenbestand, aus dem blinkende Bergseen wie in der Schweiz und dem Schwarzwald heraufschauten, eilte unser Zug, der den stolzen Namen: „China and Japan fast-mail“ trug, auf der ältesten seit 1869 eröffneten Pazifiklinie in eiligem Tempo wieder abwärts.

Viele hundert Meter lange künstliche Holztunnels sicherten die Bahn gegen Schneeverwehungen. Aber aus den Aussichtslöchern boten sich köstliche Blicke in die Bergwelt ...

Im Wagen machte gerade alles Morgentoilette. Und einige der alten Damen packten schon aus ihren Reisekörben ein leckeres Frühstück aus, das in mir so etwas wie Appetit weckte. Auf sauberem Tafeltuch stellten sie Tassen zurecht; dann folgte ein Gang dem andern: Belegte Brötchen, Käse, Obst, kaltes Geflügel, Sardinen, kalter Braten und zuletzt Rotwein! Wer hätte da nicht mittun wollen? Sie hatten sich gut vorgesehen, weil sie wußten, was ihnen bis Chikago bevorstand! Ich aber hatte übersehen, daß zwar unser „China and Japan fast mail“ „the best dining-car-service of the world“ besaß, aber dafür auch keine Frühstücks- und Lunchstationen innehielt wie der Santa Fé- und Los Angeles-Expreß. Und da nun der „beste Speisewagendienst der Welt“ auch offenbar die „besten Preise der Welt“ hatte — z. B. ein Beefsteak einen Dollar! — so war ich diesmal ziemlich aufs Hungern angewiesen, denn meine Reisekasse schmolz und mein Speisevorrat bestand aus — drei Apfelsinen, von denen ich alle drei Stunden eine zu verzehren beschloß, dann würde es gerade noch bis zur Mormonenstadt reichen, wo man wieder zivilen Boden und menschliche Preise unter die Füße bekam. Nachts brauchte man ja glücklicherweise keine Nahrung. So mußte ich mich also diesen Tag mit dem Anschauen der interessanten Gegenden „sättigen“ und mein Getränk dem unentgeltlichen Eiswasserfaß am Wagenende entnehmen. Das tat ich ebenso oft wie jene Kinder, die ein paar Sitze weiter plötzlich in unverfälschtem Dialekt ihren Vater laut fragten: „Du, Pape, ist do’ Wasser in de’ Pump?“, was der Vater mit einem beifälligen lauten Gähnen quittierte. Man war also nie allein, immer wieder unter „Landsleuten“, auch wo man es gar nicht vermutete. Auf der Straßenbahn in Buffalo ebenso wie auf dem Bahnsteig in Flagstaff am Fuße der schneebedeckten himmelaufragenden San Franziskoberge, in Oakland so gut wie in dem Expreß auf 2000 m Höhe in der Sierra Nevada. Also war man nicht nur unter Japanern, die jetzt mir gegenüber in einem blaueingebundenen Buch mit wunderlichen Schriftzeichen lasen — war das eine buddhistische oder taoistische Morgenandacht? — und nicht nur unter Chinesen, die sichtlich als nicht ganz vollwertig von den übrigen Mitreisenden gemieden wurden (Neger wagten sich schon gar nicht in den Wagen) und den breitgesichtigen, stets wohlrasierten Amerikanern. Leid tat mir eine Lady, die in der Nacht, wie ich vor Syrakuse mein Scheckbuch, so jetzt ihr meterlanges Zettelbillett bis Neuyork eingebüßt hatte! Ich kann auch nicht sagen, ob sie es wiedergefunden hat oder noch an ihr Ziel gekommen ist. Helfen konnte ich ihr auch nicht — als allein mit innigem Mitgefühl.

Im Waschraum schwamm es indes förmlich bei so ausgiebiger Benutzung und so völliger Besetzung des Wagens! Es war auch nicht ohne Interesse, daselbst die verschiedenen Rassen und Nationalitäten bei der Eigenart ihrer Morgentoilette und halb im Naturzustande zu beobachten ...! Aber ich hätte einen Dollar geopfert, wenn ich dafür den nachtdurchschlafenen Wagen, der sich nun wieder in einen fahrenden „Salon“ verwandelte, gründlich hätte durchlüften können, eher als für ein Dollarbeefsteak im Speisewagen ...

Es war wieder ein ganz wundervoller Morgen geworden. Warm und freundlich grüßend schien die helle Sonne vom blauen Himmel auf den frischen weißen Schnee herab. Rauschend brausten in der Tiefe der Täler die Gebirgsbäche und schäumten donnernd über die Felsbänke. Die Szenerie glich durchaus der von Göschenen vor dem Gotthardtunnel. Dann und wann schauten Hochgipfel aus den Seitentälern. In unzählig vielen Windungen ging es rollend und bremsend im ganzen etwa 800 m Gefälle abwärts, also ungefähr so viel wie vom Gotthardtunnel hinab zum Vierwaldstätter See, durch zahllose Tunnels mit ihren langen Holzdächern bis zur „Hauptstadt“ des Staates Nevada, Reno, mit seinen 5000 Einwohnern!

Reno liegt ganz an der Grenze des Wüstenstaates Nevada, der bei 300 000 qkm (Größe Preußens!) nur 50 000 Einwohner zählt, also erst auf 6 qkm einen Menschen! Reno hat zwei Merkwürdigkeiten. Erstens ist es Sitz einer „Staatsuniversität“, die aber so geringwertig ist, daß man nach ihrer Absolvierung kaum fähig wird, in Harvard ins Kollege aufgenommen zu werden, d. h. von vorne zu studieren! Die zweite noch größere Merkwürdigkeit ist, daß man in Reno in zwei Minuten geschieden werden kann, so daß von 20 Ehepaaren im Staat Nevada etwa 13 (!) wieder auseinanderlaufen. Günstiger liegt das Verhältnis sonst in der ganzen Union, wo erst (!) auf 10 Ehen eine Scheidung kommt. Das liegt an der gesetzlichen Leichtigkeit der Scheidungen. Schon beiderseitige gänzliche Abneigung genügt zur Trennung. Meist dringen mehr die amerikanischen Frauen auf Scheidung als die Männer. Und doch haben die Frauen es drüben viel leichter im häuslichen Leben als bei uns. Keiner Frau mutet man in Amerika schwere körperliche Arbeit zu. Kein weißes Dienstmädchen braucht drüben Kohlen zu tragen, Teppiche zu klopfen, Stiefel zu putzen u. dgl., erst recht nicht die Hausfrau. Selbst den Kinderwagen schiebt stets der Mann, ebenso trägt und hebt der Mann stets das Kind. Der Mann ist der Frau Knecht. Und sie ist drüben mehr sein Gespiele, seine schöngekleidete und wohlgepuderte Puppe als seine harte Mitarbeiterin. Sie gebietet, und der Mann führt vielfach nur ihren Willen aus. Sie redet, predigt, organisiert, lenkt auch das Automobil! Fast der gesamte Unterricht der Jugend liegt in Händen von Frauen! Im öffentlichen Vereinsleben geistiger und wohltätiger Art spielt sie die durchaus tonangebende Rolle. Die Prohibition war auch wesentlich ein Sieg der Frauen. Sehr groß ist daher auch die öffentliche Rücksichtnahme auf die Frau überall. Ihr wird es nie drüben begegnen, daß sie z. B. je in einem Straßenbahnwagen stehen muß. Auch der älteste Herr macht ohne weiteres der jüngsten Dame Platz! Anders und eigenartig sind auch die Grußverhältnisse. Männer untereinander nehmen nie Hut oder Mütze ab, auch nicht Schüler vor dem Lehrer, denn auch er ist nur ein älterer „boy“. Aber im Gruß zwischen Herr und Dame grüßt der Herr nicht zuerst die Dame, sondern hat zu warten, ob sie ihm mit ihrem Gruß ihre Gunst bezeigt! Eine Dame zuerst zu grüßen würde als so unschicklich gelten, als wenn man bei uns eine fremde Dame ohne weiteres anspräche. Stets geht auch der Herr auf der Außenseite des Fußsteigs, so der Dame die geschütztere Innenseite überlassend. Ja manche reden schon von einem fast femininen Einschlag in der amerikanischen Kultur, deren äußeres Kennzeichen auch das sehr große Wertlegen der Herren auf „style“ (Mode) und ihre Vorliebe für — Süßigkeiten ist. In diesem Licht sind die vielen Ehescheidungen begreiflich. Sie sind nicht Zeichen sittlichen Verfalls, sondern nur der Ausdruck der hohen Ansprüche der Frauen an Leben und Wertschätzung und eines hochgespannten Idealismus, der sofort Verbindungen löst, die dem Ideal nicht mehr entsprechen. Bedenklicher ist schon der Rückgang der Geburten in stockamerikanischen Ehen, so daß sich fortgesetzt das Ursprungsverhältnis der Bevölkerung zugunsten der erst kürzlich eingewanderten ungebildeten Schichten aus Osteuropa verschiebt ...

Wir fuhren indessen in der warmen hügeligen Nevadawüste, die an Einsamkeit, Verlassenheit und Grenzenlosigkeit mit Arizona wetteifern kann. Stationsnamen, wenn der Zug einmal hielt, fand ich selten angeschrieben. Ohne den Ruf: „All aboard!“ setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Man mußte dabei zusehen, daß man noch rechtzeitig auf das Trittbrett kam. Auf einer der verlassenen Stationen erstand ich mir eine Tafel Schokolade, die ich mir in die Tasche steckte. Als ich sie aber nach qualvoller längerer Zeit der Selbstverleugnung wieder hervorzog, war sie unter Nevadas Wüstensonne in braunes Wohlgefallen zerflossen und hatte das Rockfutter hübsch braun gefärbt und durchsalbt ... Es war um Mittag heiß geworden. Der Gang zum Eiswasserfaß wurde zur Polonäse!

Immer eintöniger wurde die Landschaft. An einem einfachen Fluß stehen ein paar Kinder und schauen stumm dem Zug nach. Wo ein bißchen Gras sprießt, weiden ein paar Pferde. Sonst sieht man nur Sand und wieder Sand, und zwar so grell und weißleuchtend, daß er im Wagen einen richtigen Widerschein an die Decke wirft und in der Ferne sich spiegelnd gar wie lockende Seen erscheint. Am Horizont prangen in der Ferne blaue Randgebirge. Näherbei sieht man nur Föhrengestrüpp und Wermutgesträuch ...

Im Zug schliefen sie jetzt wie die Fliegen an warmer Wand ihren Nachmittagsschlaf. Ich bin der einzige, der noch krampfhaft und interessiert hinaus ins Land schaut. Auch der Japaner hat längst sein blaugebundenes Buch mit den seltsamen Runen zugeklappt. Die weißhaarigen Damen haben längst den Rest ihrer opulenten Mahlzeiten in ihre Körbe versteckt und die Rotweinflaschen wieder zugekorkt. Auch die Chinesen lehnen gedrückt und müde in einer Ecke. Die Lady, die ihr Billett verloren, hat resigniert die Augenlider heruntergelassen wie müde Fensterläden, hinter denen Lebensverdrossenheit wohnt. Die deutschen Buben, die nach dem „Wasser in de’ Pump’“ frugen, spielen auch schon lange nicht mehr. Alles schläft. Es ist ja auch nichts zu versäumen. Es steigt niemand weder aus noch ein. Der Zug schlingert so durch die Sandwüste wie ein Schiff bei Windstille über das Meer. Man weiß es eben wieder nicht mehr anders, als daß man fährt und fährt und immer wieder fährt. Jeder hat sich in seiner Weise in sein Eisenbahnschicksal ergeben ...

Es ist Goldgräberland, das wir jetzt durchfahren. Verlassene Minen und Bergwerke wechseln mit neuaufblühenden. Manchmal ist eine Siedlung schon auf den Sand hingestellt, aber es sind noch keine Menschen da, drin zu wohnen! Alles sieht aus, wie aus einer Holzbaukastenschachtel putzig, schematisch aufgebaut bis auf die kleine weiße Holzkirche, die nicht fehlen darf. Im ganzen wohnt hier ein robustes und skrupelloses Geschlecht, die Nachkommen echter Abenteurer, wilder Spekulanten, denen Spiel um Geld Sport war und noch ist und der Revolver oft gar leicht und lose im Gürtel sitzt ...

Wer hier zu Fuß gehen wollte! Er könnte wie durch die Sahara waten und verdursten. Den einzigen Schatten wirft weite Strecken nur der Zug. Rötlich schimmern die Felsengipfel. Dann wieder einmal ein paar armselige Hütten mit Menschen darin. Station Paran. Auf dem „Bahnsteig“ am Zug spielen hemdärmlig einige Burschen Fußball! Er ist der einzige planierte Platz. Der Bahn entlang reitet durch den Sand ein Herr und eine Dame im Tropenhelm! Die Sonne steht hoch, die Berge werden immer höher und steiler. Immer neue Berge und Wüsten tauchen im Vorblick auf. Kein Europäer hat ja eine Ahnung, wieviel Tagefahrten breit „das Felsengebirge“ ist, welche riesigen Hochebenen zwischen den drei Hauptgebirgszügen desselben liegen, deren Streifen scheinbar schmalfurchig von Norden nach Süden ziehen! Wieviel Schweiß muß es hier einst gekostet haben, diese Bahn durch die Einöden zu bauen!

So kommt wieder der Abend heran. Wir fahren unentwegt. Wir haben längst schon wieder „Mountain-time“ und die Uhr eine Stunde vorgerückt. Der erste Abend bricht an, da uns die Sonne nicht mehr im Rücken, sondern wieder im Angesicht aufgeht — eine Weissagung auf Heimkehr! Die sandige Wüste färbt sich abendlich graugrün. Die Chinesen sind in ihrer Ecke erwacht und kauderwelschen laut miteinander in der stolzen Sicherheit, daß sie niemand versteht. Mein Japaner liest seinem Kind aus dem blauen Buch vor. Die ältlichen Damen breiten zum Abendessen wieder ihre saubere Serviette aus und entkorken wieder die Rotweinflaschen. Unentwegte Raucher suchen für eine Weile das kleine Rauchabteil auf. Wem es nicht aufs Geld ankommt, der folgt jetzt dem „last call for dinner[28] des Kellners in den Speisewagen. Die Kinder balgen sich wieder im Mittelgang. Mit dem Abend erwacht alles Leben ...

Wir halten an einer Bahnkreuzung. Eine Reihe immer dünner werdender Telegraphenstangen weist durch die Wüste gegen die Berge ins Wegelose ... Der Lehmboden rings ist trocken und rissig. Jeder Zentimeter Regen und Schnee bedeutet hier Brot. Allmählich bricht Dunkelheit an. Wir fahren immer noch in einer Höhe von 1000 bis 1500 m. In der Dämmerung sehe ich noch durstiges Rindvieh in einem trockenen „creek“ stehen. Niedrige Büsche werfen lange dunkle Schatten. Einige weiße Zelte leuchten im grellen Mondschein. Sind es Bahnarbeiter, Hirten, Goldgräber?

Dann klettere ich — zum wievielten Male? — wieder einmal in meine „upper berth“. Der Salonwagen hat sich wieder in einen Schlafsaal schnarchender Nasen verwandelt.


Am zweiten Morgen wieder eine völlige Verwandlung! Als ich erwacht bin und aus dem Fenster sehe, ist es lichter Morgen. Vom blauen Himmel scheint helle Morgensonne, die noch nicht lange aufgegangen sein kann, und — ist es Traum, Vision oder Wirklichkeit? — wir fahren, obwohl noch immer im Eisenbahnzug, mitten durch einen herrlich weiten glänzendblau schimmernden See, der sich bis an die schneebedeckten Berge der Wasatch Mountains verliert. Rechts und links spülen die Wasser an den mäßig über dem Wasserspiegel erhöhten Bahndamm. Er scheint künstlich aufgeworfen, auf Pfählen und Holzbrücken errichtet. Stundenlang rollen wir so im glitzernden Morgensonnenschein mitten über den großen Salzsee! Vor einigen Jahren hat nämlich die Southern Pacific-Eisenbahn, um die Route nach Kalifornien um 70 km abzukürzen, den Schienenweg auf 37 km langer Holzbrücke mitten durch den an seinen tiefsten Stellen nur 11 m tiefen, aber 6000 qkm großen[29], etwa 100 km langen und 60 km breiten Salzsee (Great Salt Lake) gelegt. Sein Wasserspiegel liegt immer noch 1280 m über dem Meere! Wir befinden uns also wiederum auf einer der riesigen Hochebenen zwischen den Hauptgebirgszügen des Felsengebirges, dem Zentrum des Mormonenstaates „Utah“, eines Staates, der selbst halb so groß wie Kalifornien ist. Als wir den See überquert haben, eilt der Zug durch die lachendsten und wohlangebautesten Fluren und Felder, die den denkbar stärksten Gegensatz zu den unfruchtbaren Wüsten Nevadas bilden.

Ein wahres Kulturparadies breitete sich auf einmal um uns aus, das einem wie einst das „gelobte Land“ den Israeliten erschien, als sie aus der Sinaiwüste heranzogen. Der Schöpfer dieses Paradieses, das vor dreiviertel Jahrhunderten genau so trostlose Wüste wie der größte Teil Nevadas war, ist die eigenartige Sekte der „Mormonen“ oder, wie sie sich selbst nennen, der „Heiligen Jesu Christi der letzten Tage“. Wir hielten zuerst in der ein wenig vom See landeinwärts gelegenen mittelgroßen Mormonenstadt Ogden. Hinter uns lag der schimmernde Salzsee, vor uns wie ein Schweizer Bild die schneebedeckten Wasatch Mountains. In Ogden verließ ich die Hauptroute nach Chikago, um nach der Hauptstadt der Mormonen, der Großen Salzseestadt umzusteigen. Auf sie war ich allerdings schon lange sehr gespannt. Da ich eine Stunde Aufenthalt in Ogden hatte, ging ich etwas in das Städtchen hinein. Nichts Sonderliches war außer einer Mormonenkirche zu bemerken. Überall ruhige Sauberkeit und breite Straßen.

Nach einer weiteren Stunde südlicher Fahrt war Salt Lake City erreicht. Auch zwischen Ogden und Salt Lake City liegen prächtige Feldfluren zwischen wohlgepflegten Pappelreihen, unter denen wohlgebaute gerade Landstraßen hinführen. Allen Reisenden, die einstiegen, und denen, die man draußen erblickte, schaute ich immer mit der stillen Frage ins Gesicht: „Bist du ein Mormone oder nicht? Sehen so die Mormonen aus?“ Ich meinte immer, man müßte es ihnen von außen schon an einer Art sonderbaren Wesens ansehen. Aber das war keineswegs der Fall.

So war es morgens acht Uhr geworden. Klopfenden Herzens steige ich in Salt Lake City aus. Mir war es, als käme ich jetzt in die Stadt des Dalai Lama. Die Lage ist ja derselben nicht so ganz unähnlich. Ich empfand so, wie wir uns in Rom aufmachten, um über den Tiber in das Trastevere zu gehen und in das heilige Viertel des Vatikans und der Peterskirche einzudringen. Mußte nicht dort, so dachte ich, jeder Stein im Pflaster von besonderer Heiligkeit reden und die Luft rings gleichsam geschwängert sein von Andacht? Mit ähnlichen Spannungsgefühlen trat ich aus dem Bahnhof in Salt Lake City auf die sehr breite Hauptstraße und hatte sofort nach wenigen Minuten nach Durchschreitung einiger Bahnhofsquartiere den Eindruck, zum ersten Male in einer peinlich sauberen und trotz ihrer 100 000 Einwohner stillen und ruhigen amerikanischen Stadt zu sein, dazu in malerischster Umgebung. Von gesteigerter Heiligkeit war noch nichts zu bemerken! Die Menschen kauften und verkauften, gingen, fuhren, redeten genau wie in anderen Städten der Weltkinder. Heilig schienen mir die schneebedeckten Berge, die hier wie in Innsbruck die Schneehäupter zur Maria-Theresienstraße hereinschauen. So endet auch in dieser Stadt der Blick meist an den schneebedeckten Wasatch, die südlich bis zum Grand Cañon reichen! Schon in Ogden hatte mir ein eifriger Postkartenverkäufer auf der Straße seine Karten von den Wasatch Mountains mit den Worten angepriesen: „The finest mountain-view in the world!“ Selbstverständlich!

Ich schritt indessen in das Stadtinnere bis zu dem gebietenden Denkmal Brigham Youngs, des kraftvollen Nachfolgers des „Propheten“ Joseph Smith, des Gründers des Mormonismus. Dann stehe ich in dem heiligen Bezirk der Mormonen, dem „Tempelblock“ selbst, der von einer langen quadratischen Mauer umgeben ist. Aus ihrem Innern erhebt sich mächtig der vieltürmige Tempel und das riesenschildkrötenartig gewölbte Dach des sogenannten „tabernacle“. So stehe ich jetzt an der Stelle, die den Mormonen so heilig und zentral ist wie Rom den Katholiken, wie die Kaaba den Mohammedanern, der Tempelplatz in Jerusalem den Juden und Olympia den Griechen. Aus dem nahegelegenen Mormonenkollege aber strömen gerade die Schüler aus der Morgenandacht.

Echt amerikanisch begibt man sich zur Besichtigung des Tempelbezirks zunächst in das „information-bureau“, wo die Einlaßkarten und Führer zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten zu haben sind. Geld und Geschäft hat bis jetzt keine heilige Stätte der Welt verschont, auch die der Mormonen nicht. Christus schwingt noch immer seine Geißel umsonst.

Unter einem Stimmengeschwirr von Menschen werden wir dann in das „Tabernakel“ geleitet. Wir treten durch die niedrigen Backsteinpfeiler ein; treppauf geht es auf die Galerie in das Innere. Es öffnet sich ein kahler Riesenraum, den eine einzige Deckenwölbung überspannt und der an 10 000 Sitzplätze faßt! Den einzigen Schmuck des Raumes bildet eine mächtige Orgel, an der ein großer Stern mit der Umschrift „Utah 1896“ angebracht ist. Denn in diesem Jahr wurde das bis dahin mehr oder weniger unabhängige Mormonenterritorium als Staat in die Union aufgenommen. Von der Orgel reichen etwa 500 Personen fassende Sitzreihen die Orgelbühne herab, die nur Sitze für Priester und mormonische geistliche Würdenträger enthalten. Denn unter den Mormonen hat fast jeder zehnte Mann irgendeine priesterliche Würde. Das Tabernakel dient zu Gottesdiensten und auch für große Konzert- und Vortragsveranstaltungen. Die Akustik ist trotz des riesigen Raums dank seiner ovalen Anlage und seiner ungestützten hölzernen Wölbung vorzüglich. Man hört auch nur leise gesprochene Worte bis in entfernte Ecken! Das Tabernakel wurde bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut, ein Zeugnis des Selbstbewußtseins der Mormonen, deren Stadt damals kaum soviel Einwohner zählte als der Raum Sitze! Am Tempel selbst aber baute man von 1873 an Jahrzehnte hindurch.

Wir treten wieder unter den 44 Backsteinpfeilern, den kurzen Füßen der hölzernen Riesenschildkröte, hervor und begeben uns zum „Tempel“, den wir aber von innen nicht besichtigen dürfen! Kein profaner Blick von „Heiden“ (d. h. Nichtmormonen) darf ihn beschauen, ja selbst nicht einmal jeder Mormone kommt in sein Inneres! Als mächtiger sechstürmiger Bau, dessen höchsten Mittelturm eine große Bronzestatue des Engels „Moroni“ krönt, erhebt er sich — freilich ohne erkennbaren Stil — aus dem Grün des schön angelegten Tempelblocks und überragt weithin die Stadt. Er ist keine eigentlich allgemein gottesdienstliche Stätte, sondern dazu bestimmt, der Tempel „des neuen Zion“ zu sein, wo Christus, wenn er in Bälde zum Weltgericht wiederkommt, seinen Thron aufschlagen und das Gericht über die sündige Welt abhalten wird. Etwa vierzig Jahre wurde am „Tempel“ gebaut; vier Millionen Dollar hat er gekostet! Er soll innen aufs prächtigste mit kostbarstem Marmor und edlen Steinen geschmückt sein, erzählte man mir. Je schwieriger es ist, ihn zu betreten, desto geheimnisvoller erscheint das gewöhnlichen Sterblichen verschlossene Bauwerk. Nur Mormonen höheren Grades kommen in ihn anläßlich mormonischer „Versiegelungen“ für die Ewigkeit und „Taufen für Verstorbene“ hinein. Ich hatte vor, — auch amerikanisch! — geradewegs dem Präsidenten der Mormonenkirche, also gewissermaßen dem Papst von Salt Lake City einen Besuch zu machen und ihn angesichts meiner weiten Reise um einen Blick in das Tempelinnere zu bitten, aber wahrscheinlich hätte auch das mir nichts geholfen. Aber vielleicht hätte er mich an seine Tafel geladen? Schade, daß ich es nicht versuchte! Da hätte ich alles leicht aus erster und bester Quelle erfahren, was ich zu wissen wünschte.

Unsere gesprächige Führerin, die uns auch noch eine kleinere Mormonenkirche, die sogenannte „assembly hall“ aufschloß, die immerhin auch 3000 Personen faßte, und zuletzt uns noch einmal zu einem imponierenden Orgelkonzert ins „Tabernakel“ einließ, hatte natürlich auf recht viele Fragen der Besucher zu antworten. Alles bestürmte sie förmlich um Auskunft über das Wesen und die Lehren des Mormonismus. Ihre Auskünfte waren natürlich nur sehr bruchstückartig und unzusammenhängend, ebenso wie die an sie gestellten Fragen. Aber sie blieb unermüdlich und unerschütterlich: „Der Mormonismus ist wahr! Er ist nicht von Menschen gemacht. Er stammt aus direkter göttlicher Offenbarung. Die christlichen Kirchen sind vom wahren Christentum abgefallen. Die ganze Geschichte der christlichen Kirche ist nichts als ein großer Abfall. J. Smith bekam von Gott durch seinen Engel Autorität, die wahre Religion der Bibel wiederherzustellen und das echte aaronitische Priestertum zu erneuern. Auch die ‚Ordnungen‘ der Ämter hat die Kirche unrechterweise geändert. Die Taufe darf z. B. nicht an kleine Kinder nach mormonischer Meinung erteilt werden! Die Mormonenkirche tauft erst achtjährige Kinder. Es gibt auch eine Taufe für ungetauft Verstorbene. Die Handlung der Buße hat sie erneuert. Die Trauung ist gültig auch für das ewige Leben. Eine Mehrehe — der große Streitpunkt — habe auch Jesus nicht ausdrücklich verboten, im Alten Testament wurde sie sogar von den Erzvätern geübt! Seit 1896 ist freilich die Mehrehe durch Aufnahme in die amerikanische Union öffentlich verboten; geübt wurde sie bis dahin auch nur von zwei bis fünf Prozent der Mormonen. Und Salomo hatte doch auch sogar — darauf wies die Sprecherin nachdrücklich hin — 1000 Weiber! Jeder Mormone hat an seine Kirche den ‚Zehnten‘ abzuliefern. Gott offenbart sich fort und fort durch Propheten, so war auch Joseph Smith beauftragt, neue Offenbarungen zu geben.“ Das ist einiges von den bruchstückartigen Darlegungen der Führerin auf die an sie gestellten Fragen.

Mir genügte das freilich nicht. Im information-bureau kaufte ich mir daher zunächst eine Mormonenbibel „the book of Mormon“, in dem ich auf meiner Weiterfahrt sehr eifrig las, ein kleines schwarzeingebundenes Buch ungefähr im halben Umfang unserer Bibel. Außerdem eine Darlegung der mormonischen Lehre von einem mormonischen Theologen. Und endlich schenkte mir in demselben Bureau ein alter Mecklenburger, als er mein intensives Interesse wahrnahm und mich als Deutschen erkannte, noch eine Schrift „the great apostasy“, in der die Geschichte der Kirche als „der große Abfall“ von dem wahren Evangelium dargestellt wird. Der Mecklenburger schüttelte mir bewegt die Hand, ich möchte auch noch zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, und schloß mit dem Bekenntnis: „My heart feels satisfied“. Neuerdings hat Professor Eduard Meyer anläßlich seines Aufenthalts in der Union eingehende Studien über den Mormonismus angestellt und veröffentlicht. Danach ergibt sich geschichtlich das Folgende, das sowohl für die Geschichte und Zustände der Union als auch die religiöse Mentalität drüben im Ganzen äußerst charakteristisch ist:

Der Gründer der Mormonensekte, Joseph Smith, ist am 23. Dezember 1805 als vierter von neun Geschwistern in dem Dorf Sharan im Staate Vermont geboren. Sein Vater war — echt amerikanisch — bald Handelsmann, bald auch Schullehrer. Ruhelos zog er von Ort zu Ort und ist nie zu beständigen Verhältnissen gelangt. 1815 siedelte er nach Palmyra im Staate Neuyork über, darauf nach Manchester, N. Y. Die Mutter des Propheten, Lucy Smith, war ebenfalls die Tochter eines Abenteurers namens Salomon Mack, der erst bei einem Bauern arbeitete, dann Soldat und Marketender in den Indianerkämpfen und Religionskriegen des ausgehenden 18. Jahrhunderts war, später als Matrose diente und zuletzt um 1810 als fast Achtzigjähriger in höchst fehlerhafter und unorthographischer Sprache eine Erzählung seines Lebens mit mancherlei Träumen und Visionen herausgab! Dieses Erbteil ging auf die Mutter des Propheten über, die zeitlebens an Visionen litt und ihren Sohn überlebte († 1856). Auch sie gab von ihren inneren Erlebnissen in einer Selbstbiographie Kunde. Religiöse Fragen haben das Elternpaar stets beschäftigt; auch Vater Smith erlebte allein sieben Visionen. Der Eltern äußere Lebensumstände können gar nicht armselig genug gedacht werden, und doch waren in ihrer Hütte wie in den meisten amerikanischen vor über 100 Jahren die Axt und die Bibel die am meisten gebrauchten Gegenstände. Von diesen Eltern, von beiden Seiten her also aufs stärkste visionär erblich belastet, stammte der „Prophet“. Schulbildung hat er bei dem ständigen Umherziehen seines Vaters nur vorübergehend genossen; Lesen und Schreiben konnte er Zeit seines Lebens nur dürftig; an Träume und Visionen glaubte er seit frühester Jugend. Und schon früh bedrückte sein religiöses Gemüt die Frage, welche von den vielen Sekten wohl die rechte sei oder ob sie nicht alle von der Wahrheit abgefallen seien und die rechte Religion erst wieder entdeckt werden müßte ...

An einem schönen Frühjahrsmorgen 1820 — so heißt es in seiner Lebensbeschreibung — sei er fünfzehnjährig in den Wald gegangen und habe Gott um Erleuchtung über die Wahrheit angefleht. Da habe ihn zuerst dichte Finsternis umgeben und seine Zunge sei wie gefesselt gewesen, aber dann habe sich eine Lichtsäule auf ihn herabgesenkt, in der zwei verklärte Gestalten sichtbar wurden. Die eine sagte ihm, alle Sekten seien im Irrtum, keiner solte er sich anschließen, vielmehr sei er berufen, die rechte Kirche erst zu gründen. Erwacht fand er sich allein auf dem Boden liegend, die Augen gen Himmel gerichtet ...

Mit 18 Jahren (1823) folgte eine neue wichtige Vision, in der ihm lichtumflossen der Engel „Moroni“, der heute als Bronzefigur den Tempel krönt, erschien und anwies, nach dem Hügel Cumorah bei Manchester, N. Y., zu gehen. Dort werde er beim Graben zwei goldene Platten finden, die mit geheimnisvoller Schrift bedeckt seien. Dreimal erschien ihm der Engel Moroni bei der Nacht, und noch ein viertes Mal am Tage bei der Feldarbeit, wo er neben seinem Vater ohnmächtig wurde. Noch an demselben Tage habe Smith den Hügel aufgesucht, die Platten gefunden, aber der Engel habe ihm verboten, jetzt schon die Platten zu heben!

In den folgenden Jahren verdingte sich Smith zur Feldarbeit wie sein Vater, wird aber als schmutzig, scheu und träge, ja dem Trunk ergeben geschildert. Er benutzt seine visionären Kräfte, um nach Schätzen zu graben, verlorene oder gestohlene Sachen wieder herbeizuschaffen. Dabei diente ihm ein durchsichtiger Kristall („peek-stone“), den er in seinen vor die Augen gehaltenen Hut legte, worauf er die gesuchten Dinge in dem Kristall sah[30]. Mit 21 Jahren verheiratete sich Smith und erhielt nun von dem Engel die Erlaubnis, den Schatz zu heben.

Im nächsten Jahr, Februar 1828, beginnt J. Smith mit einigen Freunden, Farmern wie er, Martin Harris, dem Schullehrer Oliver Cowdery und David Whitmer, selber hinter einem Vorhang sitzend (!), das Mormonenbuch, die goldenen Tafeln mit Hilfe seines „Gucksteins“ übersetzend, zu diktieren. 1829 war das Buch fertig und wurde 1830 veröffentlicht. M. Harris, obgleich gewarnt, hatte das Geld zum Druck dazu hergegeben.

Was ist’s nun mit diesen geheimnisvollen Tafeln? Niemand hat sie je mit irdischen Augen gesehen. J. Smith behauptet, daß sie in einer Kiste in seinem Hause gelegen haben. Der Engel aber hatte dem Propheten verboten, sie jemand zu zeigen! Nachdem die „Übersetzung“ fertig war, wurden die Tafeln dem Engel Moroni „zurückgegeben“! Aber die Freunde bestanden darauf, sie zu sehen. So hat J. Smith eines Tages in einer Vision ihren Anblick vermittelt. Das bezeugen sie schriftlich auf der ersten Seite des Mormonenbuches. Aus all dem folgt, daß die Offenbarungstafeln wohl nie existiert haben, daß aber der „Prophet“ visionär sie gesehen und an ihr Vorhandensein geglaubt hat.

Und was ist der Inhalt dieser „Mormonenbibel“? Ich habe mich nach der Abfahrt von der Salzseestadt viele Stunden im Eisenbahnwagen redlich bemüht, ihren Inhalt in mich aufzunehmen, aber über 30, 40 Seiten habe ich es nicht hinaus gebracht, so langweilig, inhaltslos und grotesk und geschichtlich unmöglich ist der Inhalt. Das Mormonenbuch ist wie die Bibel in Bücher, Kapitel und Verse eingeteilt. Sein Stil erinnert stark an das Alte Testament. Im ganzen will es ein Bericht über die Schicksale der bei der Eroberung Samarias 722 v. Chr. verschollenen zehn Nordstämme des Volkes Israel sein, die nach den mannigfachsten Irrfahrten und Kriegszügen nach Nordamerika gekommen seien und deren Nachkommen niemand anders als — die Indianer geworden wären! Man denke sich, die Indianer Nachkommen der alten Juden!! Das bestätigt gewiß auch die gegenseitige Rasseähnlichkeit!? Auch Christus ist, wie Smith glaubte, nach Ostern auf dem amerikanischen Kontinent erschienen und hatte ihm die Offenbarung der wahren Religion gegeben. Nur sind seine rechtgläubigen Anhänger in Amerika aufgerieben worden, und seine Offenbarung wäre verschollen, wenn nicht der letzte Prophet „Mormon“ und sein Sohn, der Engel Moroni sie auf jene Tafeln aufgezeichnet und vergraben hätten, bis sie J. Smith wieder fände. Diese Bibel des Propheten Mormon, von J. Smith erneuert, sei die Bibel für Amerika, ja für die Welt. Eine ganz abstruse und unmögliche Sache!

Woher aber stammt dieser Inhalt des Mormonenbuches? Das schlechte und fehlerhafte Englisch und die absurden geschichtlichen Ideen lassen niemand anders als J. Smith selbst als Verfasser erwarten. Das Buch ist der Spiegel seines ererbten visionären Fabuliertalents und seiner vollständigen Unkenntnis der wirklichen Geschichte des amerikanischen Kontinents und der Welt. Aber wie ist es möglich, wird man fragen, daß ein solches Buch überhaupt Glauben fand? Nun im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts unter den ungebildeten und schwärmerischen Abenteurern ist es für Amerika nicht unbegreiflich, zugleich in einer Zeit der stürmischsten und die Menschen wie eine Psychose ergreifenden Erweckungsversammlungen (camp-meetings, revivals); ebensowenig angesichts der ungeschichtlichen naiven Gläubigkeit des Amerikaners allem gegenüber, was sich als alt und uralt ausgibt, weil man ja selbst in einem fast vollkommen geschichtslosen neuen Lande lebt. Es ist also nicht nötig, zu der Vermutung zu greifen, die man lange geteilt hat, Smiths Buch sei ein Abklatsch eines Romans eines puritanischen Predigers Spaulding, dessen Manuskript wiederum ein Buchdrucker Rigdon dem Propheten in die Hände gespielt habe. Das seit 1885 bekannte Manuskript Spauldings zeigt nur äußere Ähnlichkeiten in Stil und Herkunft, aber gar nicht im religiösen Inhalt.

SALT LAKE CITY
Der California-Expreß quer durch den Salzsee
SALT LAKE CITY
Salt Lake City mit dem Wasatch-Gebirge

Wie ist es danach zu einer eigenen Mormonenkirche gekommen? Unmittelbar nach Fertigstellung des Mormonenbuches begann eine Propaganda für den neuen Glauben im Staate Neuyork. J. Smith war überzeugt, daß seine Anhängerschaft zur Weltherrschaft berufen sei! Ein solch phantastischer Traum ist auf dem amerikanischen Kontinent und auf dem Gesinnungsboden eines „auserwählten Volkes“ durchaus begreiflich. J. Smith verkündete bald die Nähe des „1000jährigen Reiches“ und setzte seine Mission im Staate Ohio fort. Immer neue Orakel verkündete er. Seinen Anhängern wurden auch wunderbare Heilungen nachgesagt. Von Ohio ging ein Teil der Gläubigen bis nach Kansas und Missouri. Aber 1832 begannen auch schon die ersten Verfolgungen der „Heiligen“ durch „die Heiden“. Smith und sein Freund Rigdon wurden in einer Nacht aus dem Bett gerissen, auf die Straße geschleift — einer der nicht wenigen Fälle von amerikanischer Lynchjustiz — mit Teer beschmiert und zum Spott mit Federn ausstaffiert! Den Mormonen in Missouri warf man die Fenster ein, zündete ihr Heu an und schoß in ihre Häuser! Die Staatsregierung unternahm zunächst nichts. Aber je mehr die Mormonen verfolgt wurden, desto mehr breiteten sie sich aus. Auch J. Smith machten die Verfolgungen in seiner Überzeugung nicht irre. Im Gegenteil. 1834 forderte der „Prophet“ seine Anhänger zum Abzug auf, er selbst organisierte sie militärisch als ihr „General“! Die Mormonen verschanzten sich gegen anrückende Regierungstruppen in einem festen Lager in Missouri, wurden jedoch umzingelt und mußten sich der amerikanischen Miliz ergeben. Smith wanderte ins Gefängnis. Das Todesurteil wurde über ihn 1838 verkündet, aber nicht vollstreckt! Smith entfloh, seine Anhänger sammelten sich in Nauvoo in Illinois, das damals noch ganz unkultiviert war. Nauvoo sollte nun der Sitz des neuen Zion und des Tempels werden. Aber auch hier war ihres Bleibens nicht lange. Zu großem Anstoß führte die jetzt schon eifrig geübte Polygamie! Seit 1843 rechtfertigte sie der Prophet und übte sie selbst. Die „mit Heiligen versiegelten“ Frauen würden bestimmt des ewigen Lebens teilhaftig! So sollen sich nach Smiths Tod 27 Frauen gerühmt haben, dem Propheten „angesiegelt“ gewesen zu sein! 1844 wurde J. Smith von seinen Anhängern sogar ernsthaft als Kandidat für die Präsidentschaft der Union aufgestellt!! Smith stand auf der Höhe seiner Erfolge. Eine Druckerei, die ihn schmähende Artikel und Zeitungen erscheinen ließ, ließ er zerstören und erklärte der Union den Krieg, die ihn zur Verantwortung ziehen wollte! Dann aber nahm er eingeschüchtert die Kriegserklärung wieder zurück und entfloh ins Felsengebirge. Seine Anhänger verlangten aber von ihm, daß er sich freiwillig den amerikanischen Gerichten stelle! Er tat es und ahnte sein Endschicksal voraus. Er wurde des Hochverrats für schuldig erklärt und eingekerkert. Obwohl das Gefängnis von amerikanischer Miliz bewacht wurde, drangen am 27. 6. 44. nachmittags fünf Uhr 200 abenteuerliche Gesellen mit geschwärzten Gesichtern ein und erschossen den Propheten in seiner Zelle, in der er sich vergebens zur Wehr setzte. Er wurde in Nauvoo begraben und war so, 39 Jahre alt, für seine Überzeugung den Märtyrertod gestorben.

Aber damit ging der Mormonismus nicht unter. Im Gegenteil, er blühte erst recht auf. In Brigham Young, dessen Denkmal mit Recht im Mittelpunkt der Salzseestadt steht, erhielt das Mormonentum einen äußerst tatkräftigen und zielbewußten und vor allem organisatorisch hervorragend begabten Führer, der die Mormonen aus Nauvoo hinweg unter viel Mühsalen und Beschwerden bis in die damals noch völlig unbewohnten Einöden am Großen Salzsee führte. Hier entstand bald mit Hilfe künstlicher Bewässerung ein Kranz blühender und fleißiger Dörfer. Merkwürdigerweise trennte sich Smiths Frau und Mutter mit den Kindern von des „Propheten“ Gemeinde und gründeten eine reformierte Mormonenkirche! Einer der Brüder Smiths wurde sogar aus der Kirche der „Heiligen“ ausgestoßen! Young, vier Jahre älter als der Prophet, leitete die Mormonenkirche bis 1877. Von Hause aus war er Tischler und Glaser. Unter ihm erst wurde das anstößige Dogma von der Polygamie öffentlich verkündet (1852).

Man begnügte sich bald nicht mehr nur mit den Siedlungen am Salzsee, deren Fruchtbarkeit von allen Seiten Landsucher anlockte, sondern schickte auch Sendboten nach Europa! Young verschönte und vergrößerte auch die Hauptstadt, er baute das „Tabernakel“ und legte den Grundstein zum „Tempel“. Mit den umwohnenden Indianern, in denen man ja die Nachkommen des auserwählten Volkes Israel sah, verbündete sich Young und hielt mit ihnen zusammen lange Zeit die amerikanischen Regierungstruppen in Schach. Utah war selbständiges Territorium. Young übte die Rechte eines Gouverneurs aus. Er war zugleich Präsident des Staates und der Kirche. Die Gerichte urteilten nach seinen Weisungen und zuweilen mußten Verbrechen durch freiwilligen Tod gesühnt werden! Von den nach Kalifornien strömenden Goldsuchern erhob man hohe Durchgangszölle. Die Landsuchenden hielt man in Abhängigkeit, indem die Kirche selbst das Land verpachtete. Aber die Einöde um den Salzsee verwandelte sich bald in ein Kulturparadies, das ich selbst mit Augen sah. So wurde Salt Lake City eine der saubersten und schönsten Städte der Union. Die Industrie blieb hier noch lange ganz fern.

Young hielt auch auf straffe sittliche Zucht. Die Stadt wurde in Bezirke eingeteilt, denen Bischöfe und Priester vorstanden. Sie hatten das Leben sämtlicher Familien streng zu kontrollieren. Völlerei, Diebstahl, Betrug, Meineid, Fluchen und Würfelspiel — sonst vielgeübt — waren hier Seltenheiten. Als 1867 die Bahn nach dem Stillen Ozean gebaut wurde, hörte Utah auf, von der Welt abgeschnitten zu sein. Der Durchgangsverkehr stieg gewaltig. 1890 erteilte der amerikanische Staat Amnestie an alle Polygamisten. 1896 wurde Utah als Staat der Union eingegliedert. Der Traum eines mormonischen Weltstaates mit Salt Lake City als Mittelpunkt war damit ausgeträumt. Übrig blieb nun der religiöse Mormonismus als Sekte wie der religiöse Katholizismus nach Aufhebung des selbständigen römischen Kirchenstaats. Heute mögen die Anhänger des Mormonismus in aller Welt eine halbe Million betragen. In Salt Lake City selbst haben sie dank der Einwanderung nicht mehr die Majorität. Eine ganze Reihe Kirchen anderer Sekten wie der Presbyterianer, der Methodisten usw. erheben sich auch jetzt daselbst. Aber etwa 2000 mormonische Missionare durchziehen die Welt und werben für J. Smiths Lehre und Sendung. In Deutschland und der Schweiz soll es etwa 5000 Mormonen geben, deren heißeste Sehnsucht es ist, einmal nach Salt Lake City zu kommen und im Schatten des Tempels zu sterben ...


Ich hatte die Stadt durchschritten und stand am sogenannten „Eagle-Gate“ (Adler-Tor), das sich aus vier eisernen Bogen bestehend, vom Unionsadler gekrönt, angeblich über „die längste Straße der Welt“ spannt dicht beim Grab des mächtigen Brigham Young. Salt Lake City ist so modern geworden, daß sich auch schon ein paar stattliche Wolkenkratzer erheben, wenn auch nicht von der Höhe derjenigen Neuyorks. Die Innenstadt ist umkreist von einem Kranz höchst gefälliger und geschmackvoller Landhäuser. Alle Straßen, deren ein großer Teil mit hohen Pappeln bepflanzt ist, machen einen äußerst sauberen und gepflegten Eindruck. Um die Stadt leuchten Schneeberge. In der Tat, eine prächtige Lage für das mormonische Zion! In einigen kleineren Straßen entdeckte ich auch noch recht alte Häuser, darunter ein aus rohen Balken gezimmertes Blockhaus, das erste in Salt Lake! — —

Wolken hatten sich zusammengezogen. Es fing an zu regnen. Ich flüchtete in die neue stattliche, gotische katholische Marienkathedrale und empfand wieder einmal, daß es doch etwas Schönes um die offenen katholischen Kirchen ist; sie bieten den Fremden und Reisenden stets einen unentgeltlichen Ruhesitz, wo man dem Lärm des Straßenverkehrs und der Nervenanspannung der Besichtigungen auf eine Weile ungehindert entfliehen kann. Ich suche sie daher in fremden Städten immer gern auf und saß auch jetzt eine Weile in Salt Lake so gut in der katholischen Kirche wie in München in der Theatiner Hofkirche, in Venedig in S. Marco oder in Rom in Maria Maggiore. Es ist auch gewiß etwas Großes um das Weltumspannende der katholischen Kirche, die dieselbe in Köln oder in Sevilla, in Dresden oder in St. Marys Kathedrale in Salt Lake ist. Der Katholik kann sich darum überall in der Welt in seiner Kirche sofort daheim fühlen und zurechtfinden ...


Wieder verließ ich wie im Staat Neumexiko in Santa Fé und San Franzisko im Schlafwagen auch das Zion der Mormonen des Abends. Fort ging’s in das Zauberbergland Kolorados. Bei der Abfahrt leuchtete mir noch ein strahlendes Alpenglühen auf den Wasatchbergen den Abschiedsgruß ... Ein letzter wundervoller Eindruck!

Ich hatte wieder eine weite Fahrt vor mir, wieder eine ganze Nacht und einen ganzen Tag durch einen großen Teil des Staates Utah über die Kette des Wasatchgebirges hinein in das größte Gebirgs- und Alpenland Amerikas Kolorado bis nach „Kolorado-Springs“ an den Fuß des 4300 m hohen Pikes Peak, den Eckpfeiler des Felsengebirges am Rande der unendlichen Mississippiebene. War ich wieder soweit, dann hatte ich die ganze mächtige Breite des Felsengebirges wieder hinter mir.

Ich las auf meinem Bett sitzend noch eine Weile in der Mormonenbibel, dann entschlummerte ich in meiner „upper berth“, die ich mir wieder rechtzeitig gesichert hatte. Ich war jetzt schon so sehr an das Schlafwagenfahren gewöhnt, daß ich so ruhig und gut wie im schönsten Hotelbett schlief. Dazu hielt der Zug in dieser Nacht wohl gar nicht, und ich wurde so wieder 700 Meilen, also etwa eine Strecke von Königsberg-Basel mühelos weitergerollt. Am „Jordan“ entlang ging es vom Salzsee zum viel kleineren Utahsee und dann keuchend hinauf über die Paßhöhe des Wasatchgebirges (2300 m) und wieder hinab durch das sogenannte „Castle Gate“, an dessen Eingang drohend zwei riesige 150 m hohe aufragende Sandsteinfelsen stehen und kaum den eingleisigen Schienenweg hindurchlassen, zum Green River, einem Quellfluß des Koloradostromes. Von all dem sah ich freilich wenig, sondern verschlief es; aber am nächsten Tage sah ich dergleichen genug, was den stolzen Namen der Bahnlinie als der „most scenic line of the world“ rechtfertigte, denn sie geht mitten durch das wildzerklüftete Alpen- und Goldland Kolorado, die „Schweiz“ der Vereinigten Staaten, hindurch.

Ich erwachte am Morgen, als wir schon die Koloradowüste hinter uns und den Green River überschritten hatten und im felsigen Cañon des Grand River, des anderen Quellflusses des Kolorado, fuhren. Aus dem lieblichen Kulturparadies am Salzsee war ich in die wilden Bergschluchten Kolorados, wie aus dem Italien und Spanien Kaliforniens in die Schneewelt der Sierra Nevada und aus dieser wieder in die sengende Wüste Nevadas versetzt. Was für Verwandlungen! So war ich wieder am Koloradofluß, in dessen wilden Großcañon ich vor etwa einer Woche von 2000 m Höhe geschaut hatte — freilich mehrere hundert Meilen von hier südlich — und den wir bei Needles an der Grenze Kaliforniens bei herrlichstem Sonnenuntergang breit wie einen Meeresarm gekreuzt hatten. Jetzt dampften wir seinen Oberlauf aufwärts. Wir hielten in Grand-Junction, wo eine Nebenlinie nördlich durch das Bergland auch nach Kolorado Springs führt. Ich blieb auf der kürzeren Hauptlinie, die ein Umsteigen ersparte. Aber jedem Leser rate ich, im entsprechenden Fall doch lieber die noch viel interessantere Nebenlinie zu benutzen.

Die Farmen in den Hochtälern wie auf Alpenweiden und -matten erwachten! Hunde spielten vor den schweizähnlichen Blockhäusern. Hühner gackerten heimatlich. Hemdärmelig standen in hohen Stiefeln und wollenen Jacken stämmige Menschen vor ihren Blockhäusern, die mich sehr an die am Fuß der San Franziskoberge in Flagstaff erinnerten, und schauten dem Tagesereignis, dem Zug, nach ...

Es ist herrlicher Morgensonnenschein. Aus einem Cañon geht es ohne Unterlaß in den anderen. Meist läßt der Felsabsturz gerade nur noch den Platz für die Bahnlinie frei. Ein Zugzusammenstoß muß hier leicht möglich, aber nicht gerade ungefährlich sein! Bergwerkstollen sieht man bis hoch an die Felswände hinauf. Im Wagen sitzen allerlei — amerikanisch! — bibellesende Menschen, darunter auch wieder ein Heilsarmeesoldat. Mit einer ihre Morgenandacht im Wagen haltenden jungen Dame komme ich ins Gespräch. Sie stammt von deutschen Eltern und bekennt sich als eifrige Sonntagsschullehrerin. Sonntags besucht sie zwei- bis dreimal ihre Kirche. Sie liest fast nur in der Bibel, sagt sie. Andere Bücher bedeuten nichts! Meine Morgenandacht bestand im Augenblick im Hinausschauen in die großartige Natur- und Gebirgswelt. Redete nicht auch hier Gott zu mir? Ich brauchte jetzt kein Buch über Gott. Meine Bibel waren im Augenblick die grandiosen Felsabstürze und Schneehäupter und rauschenden Ströme, an denen ich mich nie müde sehen konnte. Und etwa zur Mormonenbibel zu greifen, hatte ich jetzt, obwohl wir kaum aus Utah heraus waren, immer weniger Neigung. Was ging mich jetzt die abstruse und unmögliche Geschichte der Juden auf dem amerikanischen Kontinent vor ein paar tausend Jahren an? Sollten wirklich Juden durch diese Kañons gezogen sein oder auf diesen Almen ihr Vieh geweidet oder an diesen rauschenden Strömen gekämpft und sich ausgerottet haben? Ich bin kein Judenfresser — aber das auch nur einmal auszudenken, wäre mehr als grotesk. Ärgerlich packte ich diese Art „Bibel“ zu unterst in meinen Handkoffer ... Die junge Dame war auf Deutschland nicht gut zu sprechen, obwohl sie es selbst nie gesehen hatte ...! „Aber es muß doch dort nicht schön sein“, so philosophierte sie zu mir flötend und selbstbewußt, sonst wären doch meine Eltern nicht hierher in die „States“ ausgewandert! Ihr Vater kam aus Elbing in Westpreußen, wo er ein kleines Bauerngütchen besessen hatte, und hier war er allerdings bald Großfarmer geworden. Ich sagte ihr — und es sollte keine bloße Höflichkeit sein — daß ich hier am liebsten jetzt ausstiege und durch die Wälder ginge und über die Felsen dem Schnee entgegenstiege! Da sah sie mich ganz entgeistert an und bekam fast einen kleinen Ohnmachtsanfall: „Aber hier gibt es ja nirgends Wege! In diesem Lande geht man nicht spazieren!“ Mehr als mitleidig sah sie mich dabei an, und ich entgegnete ihr ebenso mitleidig in Gedanken: „Armes Land, das zum Wandern zu ungeheuer ist, das man nur im Expreß oder mit dem Auto durchrasen kann. Und selbst das nicht, denn auch dazu fehlen noch die Straßen durch die Rockies. Ihr Amerikaner, dachte ich, müßt doch eine ganz andere Seele haben als wir Deutschen. Bei euch ist alles aufs Riesige, Große, Ungemessene gestellt. Ihr kennt nicht die Kleinszenerie eines deutschen Mühlentälchens oder den lauschigen Sitz an der Quelle und den wohldurchwegten Buchenwald.“ —

Wir waren inzwischen immer höher gekommen und fuhren wieder einmal auf 2000 m Höhe. Die kleinen Bahnhöfe, die wir zuweilen passierten, an denen manchmal ein einziges Fräulein den ganzen Bahndienst versieht oder ein Bursche mit einer Flagge winkt — NB die ganze bahnamtliche Verständigung! — erinnerten mich lebhaft an Hochtäler in Tirol und ihre grasigen einsamen Weiden. Kühe weideten hier oben wie in den Alpen. Und ringsum grenzten Schneeberge den Horizont.

Ja, jetzt schneite es gar. Wie lustig! Wie warm aber mochte es gleichzeitig auf dem Asphalt des Broadway in Neuyork sein! Nur die Gletscher fehlten hier zur Vervollständigung des alpinen Bildes. Von der Bahn aus wenigstens sah ich keinen. So tief wie in unseren Alpen reicht hier der Schnee nicht in die Täler. Sonst war alles wie in unseren Alpen. Auch wenn ich mir die Menschen hier oben betrachtete, so schienen mir die Bewegungen der Koloradoleute, an Sturm und Schnee gewöhnt, viel stämmiger, gemessener und gewichtiger als der typischen überbeweglichen Yankees. Die Koloradoleute kommen einem recht unamerikanisch vor, so wie etwa bei uns der Schwarzwälder oder Partenkirchener mit dem Berliner auf dem Asphalt der Friedrichstraße auch wenig gemein hat.

Bald sind wir in vollendeter Schneelandschaft. Es schneit hier stark. Bahnrauch, Nebel und Schnee hüllen das Hochtal ein. Noch immer laufen die Gebirgsbäche zum Stillen Ozean. Wir sind in die romantische Schlucht des „eagle-cañon“ eingefahren. Die Schlucht ist nur noch wildrauschender Fluß und mehrere hundert Meter hoch aufsteigende Felswände. Die Bahn keucht in Windungen immer höher empor. Endlich in Höhe von 3184 m (!) — also z. B. noch 400 m über dem Stilfser Joch in Tirol, einem der höchsten Alpenstraßenpässe — erreicht die Bahn den „Tennesseepaß“, d. h. die Wasserscheide zwischen Stillem und Atlantischem Ozean! Der Zug hält, gleichsam stolz auf seine Leistung. Es ist auch eine. Die Lokomotive faßt Wasser und Kohlen und erholt sich von ihrem Rekord, einen D-Zug mit sechs Wagen auf solche Höhe hinaufgebracht zu haben. Für einen Augenblick springen wir Globetrotters von den hohen Trittbrettern aus unseren Pullmann-Wagen, die uns seit Salt Lake City schon wieder etwa 16 Stunden beherbergen. O diese wunderbare köstliche frische Hochgebirgsluft! Wir sind 200 m über der Höhe der Zugspitze!! So ist es auch draußen recht empfindlich kalt. Das Thermometer zeigt 0 Grad! Rings hüllt uns eine neblige Schneelandschaft völlig ein. Schneehäupter schauen über alle Seitentäler herüber, darunter die stolzen Gipfel der „Sangre de Christo“-Berge[31]. Ach könnte ich ein wenig hierbleiben und die Koloradoalpen ersteigen! Aber die unerbittliche Zeit, Fahrplan, Geld und Arbeitsfrohn treiben mich mit ihrer Geißel und dem Ruf unserer Fronvögte: „All aboard!“ in die dumpfen Wagen mit ihrer verbrauchten Stickluft aus Nacht- und Tagkampieren, Speiseresten, Abfällen, weggeworfenen Zigaretten, Zeitungen u. dgl. zurück.

In Station „Buena Vista“ ist da oben wirklich eine Prachtaussicht. Wir fahren eine Zeitlang auf einem Hochplateau in 3000 m Höhe. Um uns erheben sich die sogenannte „Collegiate Peaks“, die nach den großen Universitäten genannt sind: „Mount Yale, Mount Princeton und Mount Harvard“, jeder ein Montblank für sich, an 4300-4400 m hoch! Nicht weit von hier ist ein Tunnel, durch den die dortige Bahnlinie sogar in 3500 m (!) Höhe die Wasserscheide der Ozeane überschreitet. Draußen steht — wie ich beim Hinaussehen feststelle — wieder einmal bei ein paar Hütten eine kleine Holzbaukastenkirche. Einige weidende Esel zeigen sich uns als die einzigen Lebewesen hier oben, wie auch diese geduldigen Tiere allein bei uns nach den Alpenhütten emportraben. Fast heimatliche Gefühle stellen sich bei mir ein, je öfter ich daran denke, daß es wieder dem Atlantischen, „unserem“ Ozean zugeht! Werde ich noch einmal im Leben am Rande des Pazifik liegen, mich in seinem Sande in der Bucht von Montery wohlig wärmen oder nach der paradiesischen Insel Santa Catalina hinüberfahren oder die Seelöwen gegenüber dem Goldenen Tor der San Franzisko-Bucht brüllen hören? Das alles kam mir jetzt auf diesen hochalpinen Ebenen wie ein sonniges, aber verklungenes Märchen vor samt den Zinnen des Mormonentempels und den weiten glitzernden Fluten des Salzsees ...

Allmählich ging es von der alpinen Hochebene wieder herab in einen neuen schaurigen Cañon. Die Bahntrasse hatte sich beträchtlich gesenkt. Es war wohl der vierte große Cañon dieses Tages, der des „Arkansas-River“, der viele hundert Meilen lang bereits dem „Vater der Ströme“, dem Mississippi, zuströmt. Sein Wasser rauscht frisch und kalt, wie es aus den Bergen kommt. Mächtige Felsblöcke sperren seinen Weg. Immer enger wird der Bahnweg. Wie ein ständig sich krümmender Wurm windet sich der Zug durch die riesige Schlucht. Wirklich, diesmal war der Mund nicht zu voll genommen: Es war „the most scenic line of the world“, die ich fuhr. Der Arkansascañon übertraf alle Tiroler, Schweizer und oberbayrischen Klamms zusammen, die ich gesehen hatte. Welche Wildromantik ständig da draußen! Mich beseligte ein eigenartiges stilles Glücksgefühl, das alles einmal sehen zu dürfen. So hätte ich bis ans Ende der Welt fahren können! Nur zu schnell glitt alles vorüber ...

Morningpapers[32] wurden ausgeboten. Was scherten mich jetzt in dieser Alpenszenerie die Politik der Welt und die Börsenkurse, Theatergrößen und Sporthelden! Wie lächerlich klein, unwichtig und aufgebauscht erscheint all das Menschengetriebe der Kulturgroßstädte hier oben! Andere im Wagen studieren immer von neuem die Fahrpläne, die sie doch bald auswendig können müssen, um die Zeit totzuschlagen, die mir viel zu schnell vergeht. Auch Kartenspiel ist nicht jedermanns Sache und dünkte hier mich Sünde. Ich studiere derweilen immer aufs neue die majestätische Natur draußen und suche die großen Eindrücke recht fest und tief in mich einzusaugen ...

An den kleinen Stationen, wo es etwa alle ein bis zwei Stunden einmal hält, steigt niemand ein und aus. Aber zuletzt, ehe wir aus dem Felsengebirge austreten, kommt noch das Großartigste von allem, die sogenannte „Royal-Gorge“[33]. 800 m hohe Wände steigen hier fast senkrecht aus der Schlucht empor. Die Schlucht wird jetzt so schmal, daß die Spur für die Bahn zum Teil erst künstlich geschaffen werden mußte. Auf hängender Brücke (!), deren obere Eisenbänder in die Felswände eingelassen sind, überschreitet die Bahn die allerengste Stelle. 13 km lang ist dieser ganze unbeschreiblich romantische Engpaß. Unter uns oder dicht neben uns tost der Arkansas-River. Hier wächst kein Gräslein mehr in dieser Teufelsschlucht, kein Sonnenschein dringt in die Tiefe ... Der Zug hält einen Augenblick zur Bewunderung der grandiosen Gebirgsszenerie. Dann auf einmal tritt nach nicht allzulanger Weiterfahrt die Bahnlinie urplötzlich ins offene Gefilde hinaus. Wie aus einem Höllental geht es ins Himmelreich, wie aus der Teufelsschlucht des Gotthardpasses in das grüne „Andermatt“. Die Berge treten zurück. Die Baumblüte ist im Gange. Noch erscheinen keine zusammenhängenden Siedlungen, sondern erst nur Einzelfarmen. Berittene Hirten treiben mächtige Kuhherden in die Hürden, denn der Tag neigt sich wieder einmal zum Abend. Wir halten in Cañon-City, dann in Pueblo, das nicht mehr weit von La Junta ist, der Gegend, wo ich mein Scheckbuch verlor und wiederfand. Ich bin also eine riesige Schleife gefahren. Ich steige aus in dem amerikanischen Davos, in „Kolorado-Springs“ am Fuß des 4300 m hohen Pikes Peak. Der vielbesuchte Badeort liegt selbst 1800 m hoch, also auf Rigihöhe. Dicht vor sich hat man die Kette des Felsengebirges, das ich einst so sehnsüchtig erschaut und nun zweimal so ausgiebig seiner ganzen ungeheuren Breite nach durchfahren hatte; zur Rechten beginnen die ebenso ungeheuerlichen Mississippiebenen ...

Als ich aus dem Bahnhof trat, fiel schon die Nacht ein. In meinem Logis, das ich bald gewählt, freute es mich doch, nach der 24stündigen Fahrt seit Salt Lake wieder einmal ungerollt und ungewiegt schlafen zu dürfen. Wie in Kalifornien in Los Angeles, Monterey und San Franzisko wollte ich mich auch hier in dem vielgerühmten Klima ein bißchen erholen und es mir auf ein bis zwei Tage gemütlich machen, denn noch immer lagen ungeheure Entfernungen vor mir. Erst ein Drittel der Breite der Union war wieder von Westen nach Osten durchmessen ...

Von Kolorado-Springs, dem Davos oder Luzern Amerikas, kann man viele herrliche Touren machen, aber dazu braucht man Führer, Esel, weitere Bahnfahrten, so in die „Cheyenne Berge“, die Alpenfahrt nach der Goldgräberstadt „Cripple Creek“, vor allem aber zu dem nach dem Indianergott Manitou, dem „großen Geist“ genannten Gebirgsort am Fuß des Pikes Peak, zu dem „garden of the Gods“, dem Göttergarten mit seinen grotesken Felsbildungen, und vor allem auf den die ganze Gegend beherrschenden „Pikes Peak“ selbst.

Es war fast immer blendender Sonnenschein, wenn ich aufstand. In Kolorado-Springs regnet es von September bis April überhaupt nicht; selten fällt Schnee! Es ist noch trockener und sonniger als Davos und wird daher viel von Brustkranken, Tuberkulösen und Neurasthenikern in der Union aufgesucht. Von den endlosen Prärien der Mississippiebene weht der reine warme Wind herein. Die hohen Berge der Rockies schützen es gegen Stürme und Kälte. Es war also allein schon ein erhebendes Bewußtsein, an einem so gesunden und paradiesisch-klimatischen Ort zu weilen. Man lebte den ganzen Tag in dem Gefühl, wie von rosigen Engelslüften umgeben zu sein, und war von der fast fixen Idee besessen, daß man nur immer recht tief Atem zu holen brauche und die Lungen davon recht gefüllt mitzunehmen, um gesund zu sein. In der Tat, als ich wieder nach Chikago zu meinen Verwandten kam, waren sie erstaunt, mich trotz der inzwischen geleisteten Bahnfahrt von 5000 Meilen so frisch und rotbackig zu finden. Das hatte ohne Zweifel die Luft von Kolorado-Springs zusammen mit dem sonnigen Sand am Pazifik zuwege gebracht.

So fuhr ich nach dem Frühstück sofort mit der Eisenbahn die nicht allzugroße Strecke über „Kolorado-City“ ins Gebirge hinein nach „Manitou“. Kolorado-Springs war schon still. Denn die großen Hotels waren noch geschlossen. Die Saison war noch nicht angegangen. Aber Manitou war geradezu noch wie ausgestorben. Vielleicht hätte ich hier jetzt noch nicht einmal ein Zimmer bekommen. Denn alle Pensionen und Gasthöfe schienen noch geschlossen zu sein. In Kolorado-Springs dominierte schon einzigartig schön das Montblanchaupt des Pikes Peak, aber in Manitou wirkte es geradezu erdrückend. Man war ihm hier jetzt näher wie in Lautersbrunn oder Wengen in der Schweiz der „Jungfrau“. Manitou liegt verstreut mit Villen und Pensionen in einem alpinen Kessel, etwa 2000 m hoch. Von hier aus wird die Besteigung des Pikes Peak meist unternommen. Und die hatte ich mir nun einmal schon lange in den Kopf gesetzt. Sie stand als unerschütterlicher Punkt auf meinem Reiseprogramm.

Es geht auf den Pikes Peak eine Zahnradbahn hinauf, die drei Stunden braucht. Aber die hätte ich verschmäht, auch wenn sie gegangen wäre. Gewiß war sie auch für meinen Geldbeutel zu teuer. Ebenso wie ich es für eine Entheiligung unserer Alpen halte, daß sich jetzt jede feiste Madame oder jeder Schieber auf die Jungfrau oder bald auf die Zugspitze hinauffahren lassen kann. Auch auf den Rigi und den Pilatus sind wir seinerzeit ganz zu Fuß hinauf- und wieder hinuntergestiegen. Das war redliche Touristenarbeit. Die Zahnradbahn war aber noch nicht wieder eröffnet! Außer der Zahnradbahn geht eine 27 km lange Fahrstraße auf den Gipfel! Die kann man hinauffahren. Aber sie war für mich zu weit. Ich wäre auch nie in der Kutsche hinaufgefahren. Zu Fuß wäre ich hinauf-, aber an einem Tage nicht wieder heruntergekommen! Endlich geht ein Fuß- und Reitweg durch den Englemans Cañon hinauf, zu dem man sechs Stunden braucht! Mit dem Fußweg wollte ich es tapfer versuchen. Ausgerüstet war ich zwar gar nicht dafür. Ich hatte weder Bergschuhe noch Alpenstock, auch keine langreichende Wegzehrung! Was hatte ich auf dem Frühlingspflaster in Boston und Chikago auch an Alpentouren im Felsengebirge in Schnee und Eis gedacht! Schon am Niagara war ich höchst überrascht, ihn Anfang April noch völlig vereist anzutreffen ...!

Ich wanderte also zunächst, als ich aus der Bahn stieg, durch den prächtigen Luftkurort Manitou, kam am Bahnhof der Zahnradbahn vorüber und stapfte tapfer, klirrend meinen Stock aufstützend, den Fahrweg zum Englemans Cañon hinauf. Es wurde immer stiller und einsamer um mich. Nur die Sonne schien und war meine treue Begleiterin. Der Fahrweg hörte bald ganz auf und wandte sich rechts ab. Der Fußweg hörte bald auch auf — nämlich im tiefen Schnee! Nun blieb nur noch die Trasse der Zahnradbahn als Pfad zu erkennen. Der folgte ich. Einige weidende Esel waren die letzten Lebewesen gewesen, die ich sah. Im Sommer trugen sie wohl unermüdlich die Touristen auf den Alpengipfel des Pikes Peak. Nun kam lange gar nichts mehr. Ich setzte immer Fuß vor Fuß, eine tüchtige tiefe Spur hinter mir lassend. Nach einiger Weile hüpfte mal ein graues Eichhörnchen über den Weg, das noch lange nicht daran dachte, sein Sommerkleid anzulegen. Hier und da löste sich im wärmenden Sonnenschein eine Schneelast von den dichtstehenden Tannen und huschte mit gespenstischem Laut zur Erde nieder. Eine reine Luft war rings zum Jauchzen. Ein Himmelblau spannte sich über mir, wie ich es so tief und klar kaum je gesehen hatte. Ich dehnte und weitete meine Brust und füllte die Lungen, als ob es bis ans Lebensende reichen müßte ... So war eine Stunde nach der anderen vergangen. Aber der Pikes Peak erschien mir immer höher und — ferner! Rings um mich war alles Schnee. Auch die Trasse der Zahnradbahn war jetzt so dicht mit Schnee zugedeckt, daß sie kaum noch zu erkennen war. Jeder Schritt wurde zu einer mächtigen Anstrengung. Lautlos still war alles ringsum. Leise Zweifel begannen in meiner Brust aufzustehen, ob ich wohl heute noch hinaufkäme. Oben sollte ein Gasthaus sein, aber es war gewiß jetzt noch geschlossen! Ein Herr und eine Dame waren mir entgegen abwärts geschritten, wohlausgerüstet wie Alpensteiger. In der Freude, in dieser Hochgebirgseinsamkeit einmal plötzlich Menschen zu sehen, griff ich auf gut deutsch an den Hut und sagte fröhlich, ganz vergessend, wo ich war: „Guten Morgen“! Die Lady sah mich groß an, offenbar sehr erstaunt und beleidigt zugleich, daß ich es wagte, als Mann eine Dame zu grüßen und anzusprechen, und grüßte nicht wieder! Ich hatte im Augenblick auch ganz vergessen, daß ich ja auf amerikanischem Boden eine Dame nicht zuerst grüßen darf! Und selbst auf dem Weg zum Pikes Peak muß man die Form wahren! Der Herr, offenbar, wie ich beim Näherkommen sah, ein Führer, murmelte lächelnd ein paar Worte. Ich rief ihm noch nach, wieweit es noch auf den Pikes Peak sei, da antwortete er: „Bis zum half-way-house noch eine gute halbe Stunde.“ So stapfe ich weiter, in der Hoffnung, beim „half-way-house“ wohl eine trockene und warme Stube zu finden. Dann überließen sie mich meinem Schicksal. Als ich endlich, vom ewigen Schneestapfen und Bis-ans-Knie-Einsinken recht müde geworden, das „half-way-house“ erreiche, ist es — verschlossen! Ich rüttele an allen Türen, es hilft nichts. Die Fensterläden sind zugeschlagen. Kein Lebewesen, weder Mensch noch Tier, regt sich in ihm. Mir wie zum Spott steht bloß groß da angeschrieben: „Half-way-house“ — und droben erhob der Pikes Peak sein Haupt, jedesmal höher, ferner und anscheinend unerreichbarer denn je zuvor!

Ich verzehrte meinen Mundvorrat an Gebäck und Orangen im Stehen. Meine Füße steckten naß in leichten Strümpfen und durchlässigen Schuhen wie in ständigem Schneewasserbad. Ich überlege. Zum Umkehren kann ich mich noch nicht entschließen; aber ob ich heute noch auf den Pikes Peak komme und auch wieder mit heiler Haut bei diesen unerwarteten Schneeverhältnissen herunter, ist mir nun höchst zweifelhaft geworden. Und wenn oben gar auch verschlossen ist wie hier das half-way-house, sollte ich dann die Nacht oben im Schnee zubringen? Das waren keine angenehmen Aussichten! Wie es nur wohl die nicht wiedergrüßende Lady gemacht hatte? Hatte sie vielleicht einen Schlüssel zu dem Unterkunftshaus mitgehabt? Meine Wirtin in Kolorado-Springs hatte es mir nicht sagen können, ob „oben“ offen sei und ob man jetzt schon hinauf könne. Ich müsse es versuchen. Ich las in meinem getreuen Bädeker nach, da fand ich den mir jetzt leider nur allzu wahr erscheinenden Satz: „Die Besteigung des Pikes Peak ist des Schnees wegen nicht vor Juni, nur im Sommer anzuraten!“ Er hatte recht, der treffliche Bädeker, wie immer. Aber da ich im tiefen Schnee so manchen Berg auch im deutschen Winter erstiegen hatte, dachte ich, ich könnte auch den Pikes Peak in Amerika im April zwingen ... Der Mensch denkt! ...

Ich stapfte weiter. Meine Stiefel waren außen Schnee und innen Wasser. Ich gab das Rennen noch nicht auf. Oder sollte ich etwa doch besiegt einen Kompromiß schließen? Kompromisse sind stets vom Übel. Aber manchmal geht es doch nicht anders. Rechts oben über einem steilen Hang schaute ein Aussichtstempel herab: „Grand-view-rock“ nannte er sich. Ein Wegweiser, aber jetzt ganz ohne Weg, wies hinauf. Sollte ich mich mit diesem kleinen Pikes Peak begnügen? Schmählich! Aber der Mensch versuche die Götter nicht! Sollte etwa nachher in den amerikanischen Zeitungen stehen: „Am Pikes Peak wurde ein deutscher Tourist erfroren und entkräftet aufgefunden. Aus seinen Papieren ergab sich, daß er usw. ...“ Nein, diese Sensation gönnte ich den so sehr sensationslüsternen „papers“ neben alle den anderen auf dem Asphalt Chikagos und Neuyorks denn doch nicht! Dazu war der sacro egoismo in mir zu lebendig. Also wandte ich mich rechts hinauf und stieg zunächst weg- und steglos durch den Wald und über vereiste Felsen zum „grand-view-rock“ hinauf, bis mir das Herz bei dem fast senkrechten Steigen bis zum Halse hinauf klopfte ...