Ich hatte ihn erreicht. Auf hohem Felsen thronte ein Holztempelchen. Ich trat ein. Die Aussicht von oben war in der Tat glänzend und „groß“. Unten zu meinen Füßen lag Manitou wie aus einer Spielzeugschachtel aufgebaut, weiter hinaus Kolorado-Springs, und dann ergoß sich die endlose Ebene wie ein Meer bis an den weitesten Horizont; ringsum aber die immer gewaltiger ansteigenden Berge. Über allem das noch immer unbezwingliche Schneehaupt des Pikes Peak! Ich stand wohl jetzt etwa noch knapp 1000 m unter seinem Gipfel. Es war Mittag. Der Hunger meldete sich. Und der Weg abwärts und zurück war auch noch ein gutes Stück Arbeit. So entschloß ich mich schließlich doch schweren Herzens, die weitere Besteigung des Berges nicht zu versuchen. Aber es hat mich einen Kampf gekostet ...!
An den Felsen des grand-view-rock waren sehr merkwürdige Inschriften, die zur religiösen Bekehrung riefen, angeschrieben, z. B.:
„God will save us. The wicked go to the hell. Where will you spend
eternity? He that believes, shall be saved.
He, that does not, shall be
damned.“[34]
Also Heilsarmeefrömmigkeit bis auf den Pikes Peak hinauf! Ob das hier gerade sehr geschmackvoll wirkte? Ob nicht die grandiose Bergwelt allein dem Menschen mehr wirkliche Gotteserkenntnis predigte als solche Inschrift? Das Holzgeländer des Tempelchens, das vor der Tiefe schützen sollte, war recht morsch. Im Winter mag hier manch schöner Sturm und Frost wüten! Nachdem die letzte Kost verzehrt und der letzte Blick hinauf auf das göttergleiche Haupt des Pikes Peak und hinab in die endlosen Prärien getan war, begann ich innerlich traurig den nicht mühelosen Abstieg nach Manitou ...
In Manitou wieder angekommen, mache ich, ehe ich nach Kolorado-Springs zurückkehre, noch einen weiten Umweg in die „gardens of the gods“, d. h. in jenes Gebiet der merkwürdigsten Sandsteinbildungen, noch vielmal absonderlicher als etwa die unserer sächsischen Schweiz, besonders eigenartig durch ihre rotglühende Färbung. So wandle ich am Nachmittag — die Schneeregion ist wieder verlassen — zwischen dem „Turm von Babel“, einem mächtigen mehrgipfligen spitzen Fels, den „drei Grazien“, drei steilspitzen Nadelfelsen, den „siamesischen Zwillingen“, zwei eigenartig fast in gleicher Höhe nebeneinander aufragenden und durch ein Felsstück verbundenen Gesteinstürmen, so daß sie wie zusammengewachsen erscheinen, am „Wackelstein“, einem mächtigen auf einer Ecke balanzierenden Felsblock, und dem „Gateway“, einem mächtigen Felsentor, vorbei zu den Höhlen der Felsenbewohner (cliff-dwellers) aus vorgeschichtlicher Zeit und den „Titanen“felsen, die fast den Eindruck assyrischer Götterfratzen machen. Und zwischen all diesen seltsam bizarren roten und weißen Sandsteinbildungen blickt immer wieder das majestätische Haupt des Pikes Peak aus der Ferne hindurch wie der schneeige Libanon durch die grandiosen Tempelruinen von Baalbek in Syrien ...
Gegen Abend bin ich wieder in Kolorado-Springs und kann mich auch hier nicht satt sehen an dem dominierenden Schneegipfel.
Nach einer nach diesen Anstrengungen wohldurchschlafenen Nacht entführte mich der Zug in die „Königin des Westens“ Denver. Mein lieber Freund Moore in Harvard, Dolmetsch und Cookführer in Konstantinopel und Griechenland, hatte es mir geradezu auf die Seele gebunden, daß ich seine Heimatstadt Denver besuchen müßte. Die Entfernung von Kolorado-Springs betrug 75 Meilen, also nur ein Katzensprung für amerikanische Begriffe. Während der ganzen Fahrt dorthin hatte man links eine Prachtaussicht auf die Kette des Felsengebirges. Und je weiter wir uns vom Pikes Peak entfernten, desto höher erschien er. Es war wieder ein feiner Frühlingsmorgen. Der Zug hatte mit Tuten öfters Vieh und Spaziergänger vom Bahndamm zu jagen, der auch hier als bequemster Verbindungsweg galt! Rechts dehnte sich der Blick in die endlose Prärie. Die Büffel in ihr sind freilich verschwunden. Die sieht man bloß noch im Golden-Gate-Park in San Franzisko oder in zoologischen Gärten. Auf 2000 m Höhe, auf der wir hinfuhren, waren die Bäume hier noch unbelaubt, während es in Kalifornien schon wie Sommer gewesen war!
Denver liegt wie München auf einer Hochfläche vor den Alpen. Rings ist wohlangebautes Farmland. Aber nirgends entdeckte man in ihm so etwas wie Volkstracht. In der Stadt selbst, die sauber, aber mir auch recht windig vorkam, empfangen mich wieder endlose Straßenzeilen. Nachdem ich einen Lunch eingenommen habe, gehe ich zu dem erhöht liegenden Staatskapitol der Stadt, um von oben recht die Aussicht über die Stadt und auf das Felsengebirge zu genießen. Aber es ist Sonnabendnachmittag, und ich werde nicht mehr zur Kuppel heraufgelassen, es sei schon „für Sonntag gekehrt“! Das tut man also auch in Amerika! So konnte ich die schöne Aussicht, die das Felsengebirge hier in einer Ausdehnung von 270 km zeigt, nicht bewundern und mußte mich mit Streifen durch die Stadt begnügen. So ging ich unter anderem in den Stadtpark und treffe auf ein Denkmal des Dichters Burns mitten zwischen Kanonen! Geschmackvoll! Die Zeitungsbureaus sehe ich umlagert von Massen, die auf die neuesten Nachrichten über den Ausgang der Sonnabendnachmittags-Fußball- und -Baseballkämpfe warten! So war auch Denver typisch amerikanisch. Das amerikanische „Gesicht“ ist überall gleich ...
Denver ist Hauptstadt des Staates Kolorado und dank der reichen Goldfunde und Minen äußerst schnell gewachsen. Erst 1858 wurde es von Goldgräbern gegründet, 1870 war es noch eine unbedeutende Stadt, heute zählt es schon 300 000 Einwohner!
Abends sitze ich schon wieder in meinem Schlafwagen, um in einer Nacht, einer Tagesfahrt und einer Nacht über Kansas City und den Mississippi wieder Chikago zu erreichen. Dann wird mein verbilligtes meterlanges Auswandererzettelbillett abgefahren und die große Schleifen-Westreise vorläufig vollendet sein. Stiller Mondschein liegt über den unendlichen Gefilden der Prärie. Ich war froh, in zwei Nächten sie zu durchfahren. Denn sie noch einmal ganz bei Tageslicht in ihrer grenzenlosen Einförmigkeit zu durchleben, wäre fast eine zu große Nervenbelastung gewesen. Die Seele war nun aus Neu-Mexiko, Arizona, Kalifornien, Nevada, Utah, Kolorado zu sehr mit immer wechselvollen und romantisch-anziehenden Bildern gesättigt, um jetzt noch für die monotone Öde der Mississippi-Ebene empfänglich zu sein und sie etwa 36 Bahnstunden lang hintereinander in sich aufzunehmen. Die Abspannung war aber auch sowieso noch groß genug. Ich fuhr also die Nacht zum Sonntag, den ganzen Sonntag und die Nacht zum Montag ohne Unterbrechung! Am Sonntag war der Zug sehr leer. Denn vielen Amerikanern ist es einfach Sünde, am Sonntag zu reisen. Die Zahl der Züge ist auch beschränkt.
An wie vielen kleinen Städten, einsamen Farmen, kleinen Kirchen fuhren wir in den 36 Stunden vorüber! Und dazwischen Land, Land und immer wieder unendliches Land. In Kansas und Illinois fing es auch erst ganz schüchtern an, Frühling zu werden. Es ist die Gegend der furchtbaren Frühlingsorkane, der gefürchteten Tornados, die sich bilden, wenn die südlich warmen und nördlich kalten Luftströme ungehindert aufeinanderstoßen. Die Natur war noch keinen Schritt weiter wie vor zweieinhalb Wochen.
Nachdem man viele Stunden lang nichts Besonderes gesehen hatte, zeigten sich einmal drei Jäger zu Pferde mit Flinten in der Steppe — welch ein Ereignis! Ein andermal standen ein paar Männer an einem kleinen Bahnhof und sahen dem Zug nach — ein Ereignis! Im Zuge selbst wurde es beim langen Fahren einer Dame übel. Bleich sank sie auf ihrem Stuhl zusammen — ein Ereignis! Ich wundere mich überhaupt, daß es bei dem endlos langen Bahnfahren nicht noch mehr Menschen übel und ohnmächtig wird. Aber sie haben offenbar hier von Jugend an andere Eisenbahnnerven als wir! Ich wunderte mich auch manchmal über mich selbst, daß ich die 12 000-km-Bahnfahrt so gut überstanden habe! Aber nun kommt angesichts der ohnmächtigen Lady ratlos der Neger-Wagenhilfsschaffner auf mich zu — was hat er nur mit mir vor? Erfolgt etwa ein neuer Angriff auf mein Scheckbuch? Er fragt mich, ob ich vielleicht ein „physician“[35] sei, und ob ich der bleichen Dame beistehen könne. Beschämt muß ich meine vollständige medizinische Unkenntnis eingestehen. Wie kam er auf mich? Hat er mir mit hellseherischen Augen die Verwandtschaft mit meinem Onkel, dem Doktor in Boston, angesehen? Immerhin riet ich, die Dame sanft zu lagern, ihr ein Kopfkissen unterzuschieben und etwas Wasser zu holen und dann sie sich selbst zu überlassen, bis sie wieder zu sich käme. Das geschah auch bald, genau nach meinem medizinischen Rat! Und ich war zum Glück weiterer medizinischer Künste enthoben. Für was man mich drüben alles gehalten hat! Bald war ich Landaufkäufer, Reisender, Zeitungsschreiber, Stundengeber, Student, Arzt, nur nicht das, was ich wirklich war ...
Am Arkansasriver entlang ging es stracks gen Osten. Farmer stiegen ein, die nach Chikago wollten oder nach Neuyork zum Einkaufen! Welcher pommersche Bauer fährt bei uns nach Frankfurt am Main, Basel oder Mailand zum Einkaufen? Alle waren hier in der gleichen einförmigen städtischen amerikanischen Kleidung, auch die Farmer. Bauerntracht gibt es nicht. Man unterscheidet am Rock drüben niemand, keinen Kaufmann, Beamten, Farmer, Schreiber oder was sonst. Sie sind alle „citizens“, sitzen in derselben Eisenbahnklasse und treten gleich als „Bürger“ auf ...
In Kansas City hatte ich umzusteigen. Wie primitiv sind die Wartesäle selbst in einer so großen Stadt! Bloß Bänke in einer großen Vorhalle! Ich habe Zeit, gegenüber dem Bahnhof auf eine Felsenterrasse zu steigen. Rauchig und düster kommt mir an diesem Abend die Stadt vor.
Wieder geht es hinein in den „sleeper“ nach Chikago, und ich schlafe dem Lake Michigan entgegen. Nächtlich prasselt beim Fahren tüchtig die Asche aus der Lokomotive auf das Dach. Der Zug fährt schlecht, ruckt, zieht an, stöhnt, pfeift, steht und fährt wieder. Ist etwas nicht im Lote? Ich denke an die dreimal mehr Eisenbahnunfälle in Amerika als in Deutschland, und es ist mir etwas ungemütlich. Aber wohlbehalten rollen wir früh in Chikago ein. Gott sei dank, einmal wieder auf festem Erdboden! Mein Billett ist abgefahren! — —
Diesmal langte ich in der Morgenfrühe in Chikago an, das war besser. Zwei Tage vorher hatte ein von Kanada einbrechender Schneesturm auch Chikagos Asphalt in Schnee gehüllt und weithin in Illinois, Wiskonsin, Michigan die Baumblüte „vernichtet“. So beuteten die Zeitungen schnell das unerwünschte Ereignis aus und kabelten, was für ein nationales Desastre führende Männer über Illinois prophezeiten! So daß man als naiver Mensch wirklich zuerst glaubte, die Union stehe am Vorabend des Hungertodes! Aber das diente wohl nur im voraus dazu, die amerikanische Menschheit auf höhere Obstpreise gefaßt zu machen, so daß der „Blizzard“ den Obstmagnaten nicht ganz ungelegen kam.
In Wolken, Regen, Schnee und Nebel wirkten die Wolkenkratzerschluchten diesmal noch düsterer und grandioser als sonst. In den unteren Stockwerken brannte den ganzen Tag Licht. Bei Marshall, Field & Co. sah ich das alte wahnsinnige Getriebe und Gewimmel im Ein- und Ausgehen. In den Straßen wie immer die policemen und Negerfuhrleute. Zum Brechen voll waren die moving pictures, Theater, Zirkusse. Man will Geld machen und sich vergnügen. Sonst will man in Chikago nichts ...
Luft bekam ich erst am stürmisch erregten Michigansee mit seiner weiten, meerähnlichen Wasserfläche. Von ihr aus kann man durch die anderen Seen und den Lorenzstrom zu Wasser bis nach London fahren! Die „stockyards“ widerten mich an. Die Clowns und Akrobaten bei Barnum und Bailey lockten mich nicht mehr. Das Geschrei an der Börse hielt mich keine Minute. Auch nicht das römische Wagenrennen der Cowboys noch die Todesspringer aus der Kuppel des Zirkus scheuchten mich aus dem Schaukelstuhl meiner Verwandten, aus dem ich der lieben Kusine meine gesamte Rundreise nach Kalifornien zu schildern suchte. Mein Vetter wollte es gar nicht glauben, daß man in verhältnismäßig so kurzer Zeit solche Entfernungen durchmessen und soviel sehen könne und dabei noch Nerven behalten und gesund bleiben, ja gesünder wiederkommen könne als man fortfuhr. Ich freute mich, als German selbst den Yankees zu imponieren! Und das ist nicht immer ganz leicht.
So nach einem zweiten Aufenthalt in der drittgrößten Stadt der Welt dampfte ich eines Morgens wieder im Pullman davon, aber nicht geradeswegs über den Niagara nach Boston zurück, wie ich gekommen war — das wäre ja nichts Neues gewesen — sondern nach einem neuen leuchtenden Stern in meinem Reiseprogramm, nach Washington. Hatte ich soviel in der Union gesehen von Osten bis zum äußersten Westen, so wäre es schon ein Akt internationaler Unhöflichkeit gewesen, wenn ich nicht auch der Hauptstadt meinen respektvollen Besuch gemacht hätte. Freilich von Chikago nach Washington fahren, das bedeutete noch einmal tief nach Süden ausbiegen und dann wieder weit hinauf nach Norden. Also auf nach Washington!
[28] Letzter Ruf zum Abendessen.
[29] Also etwa zwölfmal so groß wie der Genfer See!
[30] Solche Dinge sind psychologisch möglich durch Zurücktreten des Wachbewußtseins und Hervortreten des Unterbewußtseins, das sich Dinge erinnert, die das Wachbewußtsein „vergessen“ hat.
[31] „Blut Christi“-Berge von ihrer rötlichen Sandsteinfarbe.
[32] Morgenzeitungen.
[33] Königliche Schlucht.
[34] Gott will uns retten. Die Bösen gehen zur Hölle. Wo willst du die Ewigkeit zubringen? Wer glaubt, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.
[35] Ein Arzt.