Unser nächster Halteplatz war das nur elf Meilen von Msuwa entfernte Kisemo, ein in einem volkreichen Bezirk belegenes Dorf, das in seiner Umgebung nicht weniger als fünf andere Dörfer zählt, welche sämmtlich mit Pfählen und Dornenverhauen befestigt sind und einen ebenso trotzigen Unabhängigkeitssinn an den Tag legen, als ob ihre kleinen Gebieter lauter Percy und Douglas wären. Jedes Dorf lag oben auf einem Bergkamm oder niedrigem Hügel und sah so herausfordernd aus, wie ein Hahn auf seinem eigenen Misthaufen. Zwischen diesen unbedeutenden Anhöhen und niedrigen Höhenzügen winden sich enge Thäler, in denen Matama und Mais gebaut wird. Hinter dem Dorf fliesst der Ungerengeri-Fluss, welcher in der Masikazeit ein ungestümer Gebirgsstrom und im Stande ist, seine steilen Ufer zu überfluten, in der trockenen Jahreszeit dagegen in seinem gewöhnlichen Zustande verharrt und als kleiner, sehr klares, süsses Wasser enthaltender Bach erscheint. Von Kisemo läuft er erst südwestlich, dann östlich, und er bildet den Hauptzufluss des Kingani.

Die Schönen von Kisemo, welche riesige Posteriora haben, sind durch ihre Liebhaberei für Schmuck von Messingdraht, der sich in Spiralen um ihre Hand- und Fussgelenke windet, sowie durch die verschiedenartigen Frisuren ihrer mit dicken Haaren besetzten Köpfe bekannt. Dagegen beweisen ihre armen Gebieter, die sich mit schmutzigen zerrissenen Fetzen und gespaltenen Ohren begnügen müssen, welch ausgedehnte Herrschaft Asmodeus über diese Erdensphäre ausübt; denn es muss eine unglückliche Zeit gewesen sein, wo die schwer belagerten Ehemänner ihren drängenden Gemahlinnen schliesslich nachgaben. Ausser diesen Messingverzierungen an den Extremitäten und den verschiedenen Frisuren tragen die Weiber von Kisemo häufig lange Halsbänder, welche in den verschiedenartigsten Farben an ihrem schwarzen Körper herabwallen.

Es gibt ein belebtes Bild, wenn ein solches Frauenzimmer von der bereits erwähnten gewaltigen körperlichen Entwickelung, in vollem Staat, bei der nothwendigen Hausarbeit ist und für sich und die Familie Korn mahlt. Der Mahlapparat besteht aus zwei Theilen, einer dicken ungefähr sechs Fuss langen Stange aus hartem Holze, die als Stössel dient, und einem geräumigen hölzernen Mörser von drei Fuss Höhe.

Als Shaw dabei war, sein Zelt aufzuschlagen, war er genöthigt, einen kleinen flachen Stein wegzurücken, um einen Pflock in den Boden treiben zu können. Als der Dorfhäuptling dies sah, stürzte derselbe sofort athemlos auf ihn zu, legte den Stein wieder an seine Stelle und stellte sich dann in nachdrücklicher Weise, welche die grosse Bedeutung andeutete, die dem Stein und seiner Lage beigelegt wurde, auf denselben. Als Bombay bemerkte, dass Shaw in stummer Verwunderung über diese Handlungsweise stehen blieb, erbot er sich, den Häuptling zu fragen, was das zu bedeuten habe. Der Scheikh antwortete feierlich mit einem Finger nach unten weisend: „Uganga!“ Darauf bat ich ihn dringend, mir zu zeigen, was unter dem Steine eigentlich wäre. Mit einer ganz rührenden Liebenswürdigkeit willfahrte er meinen Bitten und meine Neugier wurde durch den Anblick eines geschnitzten Stäbchens befriedigt, das ein Insekt fest an den Boden heftete, welches einem jungen Frauenzimmer im Dorfe einen Abortus verursacht haben sollte.

FRAU BEIM KORNMAHLEN.

Während des Nachmittags kehrten Uledi und Feradschi, die dem weggelaufenen Khamisi nachgeschickt worden waren, mit ihm und allen fehlenden Gegenständen zurück. Dem Khamisi waren bald nachdem er den Weg verlassen und sich in das Dickicht gestürzt hatte, wo er sich im Geiste über seine Beute freute, einige plündernde Waschensi begegnet, die Nachzüglern fast immer auflauern; sie hatten ihn ohne Umschweife in den Wald in ihr Dorf geschleppt und an einen Baum gebunden, um ihn zu tödten. Khamisi hatte, wie er uns sagte, sie gefragt, warum sie ihn anbänden, worauf sie ihm antworteten, sie ständen im Begriff, ihn zu tödten, weil er ein Mgwana sei, und diese pflegten sie sofort nach der Gefangennahme zu tödten. Diesen Debatten über Khamisi’s Schicksal machten jedoch Uledi und Feradschi, welche bald darauf gut bewaffnet an den Ort kamen, ein Ende, indem sie ihn als einen aus dem Lager des Musungu weggelaufenen Pagazi, sowie alle Gegenstände, die er zur Zeit seiner Gefangennahme bei sich hatte, für sich in Anspruch nahmen. Die Räuber machten ihnen auch das Recht auf den Pagazi, die Ziege, das Zelt und alle andern Werthsachen, die bei jenem gefunden worden, gar nicht streitig, sondern meinten nur, sie verdienten eine Belohnung dafür, dass sie ihn gefangen genommen. Da dies Verlangen als gerechtfertigt anerkannt wurde, wurde ihnen eine Belohnung von zwei Doti und einem Fundo oder zehn Schnüren Perlen gewährt.

Es war unmöglich, Khamisi seine Desertion und den Raubversuch zu verzeihen, ohne dass er erst bestraft worden wäre. In Bagamoyo hatte er, ehe er in meinen Dienst genommen wurde, einen Vorschuss von 5 Dollars an Geld verlangt und erhalten; und die Last von Bubuperlen, die er zu tragen gehabt, war nicht schwerer, als jede andere Pagazilast; es gab also gar keine Entschuldigung für seine Desertion. Um jedoch bei seiner Bestrafung keine Unklugheit zu begehen, liess ich acht Pagazi und vier Soldaten als Richter zusammentreten und bat sie, darüber zu entscheiden, was zu geschehen habe. Ihr einmüthiger Urtheilspruch lautete, dass er eines unter den Wanyamwezi’schen Pagazi sonst unbekannten Verbrechens schuldig sei, und da dasselbe geeignet sei, den letzteren einen schlechten Ruf zu schaffen, so verurtheilten sie ihn dazu, mit des „grossen Herrn“ Eselspeitsche geprügelt zu werden. Darauf liess ich ihn binden und in Erwägung, dass infolge seiner Handlungsweise die Pagazi an ihrem guten Ruf, die Soldaten an der Werthschätzung ihres Herrn als ausreichende Wachen Schaden gelitten hatten und Shaw von mir dafür getadelt worden war, dass er nicht besser nach den Nachzüglern gesehen, ertheilte ich den Befehl, dass jeder Pagazi und Soldat sowie Shaw ihn mit je einem Hiebe bestrafen sollten. Dies wurde auch unter des armen Khamisi lautem Wehklagen ausgeführt.

Ehe die Nacht anbrach, kam eine kleine Karavane von Wangwana an, die mir einen langen Brief von dem liebenswürdigen amerikanischen Consul in Zanzibar, sowie eine Reihe neuer Zeitungsnummern des „New York Herald“, die bis zum 4. Februar reichten, brachte. Unter andern erfreulichen Nachrichten, wie z. B. den Verhandlungen des Congresses und der New-Yorker gesetzgebenden Versammlung oder Berichten über schreckliche in Amerika begangene Verbrechen, die ich in ihnen las, befand sich auch eine Schilderung des zweiten Levers des Präsidenten Grant, in welchem Herr Jenkins mit studirtem Wortschwall die Toiletten der Damen beschrieb, die bei diesem bemerkenswerthen Empfange zugegen waren. Da las ich denn wie eine lavendelfarbene Straussfeder unter den lieblichen grauen Locken von Frau X. gewogt; wie Diamanten der grossartigen Toilette von Frau Y., dieser imposanten Erscheinung, die Krone aufgesetzt; wie Frau Z. einen mit Rüschen von scharlachrothem Atlas besetzten Ueberwurf getragen; wie Frau V. aus ihren Diamanten ein Lichtmeer habe strahlen lassen, wenn sie in ihrem herrlichen, purpurnen Atlasgewande dahingerauscht sei; wie sich der Präsident mit seiner tiefen männlichen Stimme und seinem forschenden grauen Augenpaar bei Gelegenheit seines zweiten Levers für das souveräne Volk aufgeopfert habe; und noch mehr derartige Schmeicheleien.

Als ich von dieser erquicklichen Lectüre aufsah, erblickte ich in meiner Zeltthüre die schwarzhäutigen Leiber von Kisemo’s Töchtern in dichten Schaaren, die sich vergeblich abgemüht hatten, das Geheimniss zu durchdringen, das in diesen enormen Papierbogen lag, in die ich mich so lange Zeit vertieft hatte. So plötzlich und gewaltig war der Contrast zwischen dem, was mein Freund Jenkins beschrieben, und diesem so ausserordentlich realistischen Anblicke, der sich meinen leibhaftigen Augen darbot, dass es einer starken Anstrengung des Geistes und Gedächtnisses bedurfte, um es mir klar zu machen, wie solche grossartig gekleidete Damen aussehen und wo eigentlich der Unterschied liege zwischen einer „blonden Schönheit mit einer Masse goldig schimmernden Haares und Augen, deren Glanz mit dem der Diamanten wetteifert“, und einem dieser runden, dreizehn- bis vierzehnjährigen, eben heranreifenden schwarzen Mädchen, die mit ihrem Hahnenkamm wolligen Haupthaares, ihren üppig entwickelten, nur von ein wenig alter Leinwand verhüllten Körperformen, ihren drei Pfund schweren Messingdraht-Zierrathen an Kopf und Fuss und massenhaften Perlenschnüren um den Hals, in der natürlichen Pracht und Schönheit der Nacktheit zahlreich meinem Lever beiwohnten. Aber freilich gibt es einen grossen Unterschied zwischen meinem Hof und dem des Präsidenten, der nämlich, dass letzterer einen so tüchtigen Mann wie Jenkins zum Reporter hat!

Am 12. erreichte die Karavane Mussundi am Ungerengeri-Fluss. Zum Glück für unsere geduldigen Esel war dieser Marsch von all den lästigen durch die Dschungels veranlassten Störungen frei; zum Glück für uns selbst hatten wir keine Sorgen mehr um die Packete und keine Angst, dass wir vor Anbruch der Nacht nicht ins Lager kämen. Nachdem die Packereien fest auf die Rücken unserer guten Esel geschnallt waren, marschirten sie auf dem vortrefflichen Wege ohne eine einzige Verschiebung oder Veranlassung zur Ungeduld bis wir ins Lager kamen. Wenn der Weg nach Unyanyembé überall so wäre wie dieser, so würde ich ihn für ebenso angenehm halten, wie eine Ueberfahrt von New-York nach Staten-Island zu einem Sonntagsvergnügen oder eine Fahrt in der Pferdeeisenbahn nach dem Centralpark. Wenn man die Kiespfade, Seen und Teiche, Museen, Gitterlauben, den Kiosk, die uniformirten Polizisten und wohlgekleideten Besucher, kurz alle Einzelheiten und Anzeichen einer alten Civilisation abzieht, so würde der alles dessen beraubte Centralpark, mit seinen erquickenden freien Plätzen, lieblichen Senkungen und mit Alleen bewachsenen Hügeln denen, die sich denselben in diesem Zustande vorstellen könnten, ein ziemlich treues Bild des Landes geben, welches sich, bald nachdem wir Kisemo verlassen hatten, unsern Blicken darbot. Diese herrliche uncultivirte Gegend mit ihren zahlreichen Blumen und mannichfaltigen süssduftenden Sträuchern, unter denen ich den wilden Salbei, die Indigopflanze und andere erkannte, hörte am Fusse des Pic Kira und seiner Nachbarkegel auf, welche die Grenze zwischen Udoe und dem noch 20 Meilen entfernten Ukami bezeichneten. Diese fernen Berge bildeten einen nicht unpassenden Hintergrund für das herrliche Bild der offenen Ebene, der kleinen Waldungen und sich senkenden freien Plätze. In den blauen Bergen lag hinreichend viel malerisches und erhabenes, um das Bild zu einem Ganzen zu vervollständigen.

Als wir uns dem Ungerengeri-Thal näherten, erhoben Granitblöcke und glänzende Quarzvorsprünge ihr Haupt über dem röthlichen Boden. Nachdem wir den Bergrücken hinabgestiegen, wo diese Felsen hervorragten, befanden wir uns in dem schwarzen Lehmboden des Ungerengeri und inmitten üppiger Felder von Zuckerrohr und Matama, Mais, Muhogo und Gärten von Curry, Eier- und Gurkenpflanzen. An den Ufern des Ungerengeri blühte die Banane und über diese schoss, sie um 70 Fuss und mehr überragend, die stattliche Mparamusi empor, welche es an Schönheit mit der persischen Chenar und der abessinischen Platane aufnimmt. Ihr Stamm ist gerade und stattlich genug, um als Hauptmast einer Fregatte erster Klasse dienen zu können, während ihre ausgedehnte Laubkrone sich vor allen andern durch Dichtigkeit und lebhaftes Grün unterscheidet. Dort befinden sich etwa 20 verschiedene Arten der grösseren Baumgattungen, deren weit ausgebreitete Aeste sich über den schmalen, aber raschen Fluss hinweg umarmen. Die Thalsenkungen und die unmittelbare Nachbarschaft des Flusses wurde von jungen Waldungen von Tigergras und steifen Binsen überwuchert.

Mussoudi ist wesentlich höher gelegen als die meisten anderen Dörfer und sieht daher auf seine Nachbardörfer, deren Zahl mehr als hundert beträgt, hinab. Es bildet die westliche Grenze von Ukwere. Auf dem westlichen Ufer des Ungerengeri beginnt das Gebiet der Wakami. Wir mussten einen Tag in Mussoudi halten, weil wir bei der Armuth des Volkes uns nicht die nöthige Quantität Korn zu verschaffen vermochten. Die Ursache dieses Mangels in einem so fruchtbaren und kornreichen Thale war, dass sich die zahlreichen Karavanen, welche uns vorausgezogen waren, hier mit grossen Vorräthen für ihre Reisen ins Innere versehen hatten.

Am 14. passirten wir den Ungerengeri, welcher hier in südlicher Richtung bis an die südliche Grenze des Thales fliesst, wo er sich bis Kisemo hin nach Osten wendet. Nachdem wir hier über den Fluss gesetzt waren, der zu allen Zeiten passirbar und nur 18 Meter breit ist, hatten wir das Thal, welches einen sehr feuchten Boden und üppigen Graswuchs hat, noch eine Meile lang zu durchziehen. Dann erhob es sich und führte durch einen Wald von Mparamusi, Tamarinden, Tamarisken, Akazien und blühenden Mimosen. So stiegen wir zwei Stunden lang aufwärts und befanden uns dann auf dem Rücken des grössten Bergkammes, von wo wir freie Aussichten über die unten liegende bewaldete Ebene und die fernen Höhenzüge von Kisemo, die wir vor kurzem verlassen hatten, geniessen. Nachdem wir ein paar hundert Fuss hinabgestiegen waren, kamen wir in ein tiefes, aber trockenes Mtoni mit sandigem Bett, auf dessen anderer Seite wir wieder die gleiche Höhe zu ersteigen hatten, wo sich ein ähnliches Land unsern Blicken eröffnete, bis wir eine neu errichtete Boma mit wohlgebauten Grashütten nahe an einer Wasserpfütze fanden, die wir sofort als Halteplatz für die Nacht in Beschlag nahmen. Der Karren machte uns bedeutende Mühe; selbst unser stärkster Esel, der mit Bequemlichkeit 196 Pfund auf dem Rücken tragen konnte, vermochte ihn mit einer nur aus 225 Pfund bestehenden Belastung nicht fortzuziehen.

Früh am Morgen des 15. brachen wir unser Lager ab und begaben uns nach Mikeseh. Um ½9 Uhr morgens stiegen wir den südlichen Abhang des Kira-Pic hinauf. Als wir die Höhe von 200 Fuss über dem Niveau der umliegenden Landschaft erreicht hatten, wurden wir durch einen herrlichen Blick auf ein Land erfreut, dessen Boden keinen Sabbath kennt, und wenn Prof. Malthus dies gesehen hätte, so würde derselbe nie sein albernes Pamphlet geschrieben und wie der „Unglücks-Hume“ über die Uebervölkerung und den sichern Untergang Englands Unsinn geredet haben. Wenn es irgendwo zu viel englischredende Menschen gibt, so setze ich in sie dasselbe Vertrauen, wie der weitsehende Verfasser der „Noctes Ambrosianae“ in den „Bruder Jonathan“ und weiss, dass ihre starken Ellenbogen sich irgendwo unbekümmert um das Wohl und Wehe derer, die ihnen Widerstand leisten, Platz schaffen werden. Es gibt viele Hengists und Horsas, Captain John Smiths und Pilgerväter in der angelsächsischen Rasse, und wenn Amerika von ihren Nachkommen gefüllt ist, warum soll dann nicht Afrika und namentlich dieser prachtvolle Theil desselben ihnen zu einer neuen Heimat werden?

Nachdem wir am Rücken eines gegen den südlichen Abhang des Kira zu liegenden Berges entlang gereist waren, mussten wir wieder in das kleine Thal von Kiwrima hinabsteigen, der ersten in Udoe gelegenen Ansiedlung, wo es immer reichlichen Vorrath an Wasser gibt. Zwei Meilen westlich von Kiwrima liegt Mikiseh.

Am 16. erreichten wir nach kurzem Marsch Ulagalla. Dies ist der Name eines Bezirks oder eines Theils eines Bezirks, der zwischen den Bergen von Uruguru, die ihn südlich begrenzen, und denen von Udoe liegt, welche nördlich und parallel mit jenen und nur zehn Meilen davon entfernt verlaufen. Der Haupttheil des so gebildeten Beckens heisst Ulagalla.

Muhalleh ist die nächste Ansiedlung und hier befanden wir uns auf dem Gebiet der Waseguhha. Auf diesem Marsch waren wir von Bergen eingeschlossen, links von denen von Uruguru, rechts von denen von Udoe und Useguhha, was uns eine sehr angenehme und willkommene Abwechslung bot nach den vielen Meilen eintöniger Ebene, die wir bisher gesehen hatten. Wenn wir es müde waren, in die Tiefen des Waldes zu schauen, der noch auf beiden Seiten des Weges dahinlief, brauchten wir blos unsere Blicke auf das Gebirge zu richten, um die merkwürdigen Bäume, Pflanzen und bunten Blumen desselben zu betrachten, oder unsere Köpfe zu erheben, um in diese angenehme Beschäftigung dadurch eine Abwechslung zu bringen, dass wir den langen wellenförmigen Rücken der Gebirge anschauten und uns im Geiste mit ihren Conturen, Ausläufern, Vorsprüngen und Schluchten, ihren hervortretenden Felsen und tiefen Abgründen und den vom Gipfel bis zum Fuss sich überall hin erstreckenden grünen Wäldern beschäftigten. Wenn unsere Aufmerksamkeit nicht für die profane Aufgabe beansprucht wurde, nach dem Gepäck der Esel oder den Tritten der vorsichtig wandelnden Pagazi zu sehen, so war es angenehm, die um die Berggipfel spielenden Nebel zu beobachten, welche sich in wolkige Kronen und phantastische Häufchen zusammenballten, dann wieder auflösten, um sich wieder zu einer dunklen Masse zu sammeln, welche Regen drohte, und sich dann vor der erglänzenden Sonne zu zerstreuen.

In Muhalleh befand sich die vierte Karavane unter Maganga mit drei neuen Kranken, welche sich bei meiner Annäherung mit gierigen Blicken zu mir, dem Medicinspender, wandten. Kleingewehrsalven begrüssten mich und ein Geschenk von Reis- und Maisähren zum Rösten wartete nur darauf, dass ich es annähme. Aber es wäre mir lieber gewesen, dass Maganga und seine Leute acht oder zehn Märsche weiter vorwärts wären, was ich ihm auch sagte. In diesem Lager kamen wir auch mit Salim bin Raschid zusammen, welcher eine mit 300 Elfenbeinzähnen beladene Karavane nach Osten führte. Ausser der in einem Geschenk von Reis bestehenden Bewillkommnung dieses guten Arabers gab er mir noch Nachrichten von Livingstone. Er war dem alten Reisenden in Udschidschi begegnet, hatte zwei Wochen in einer Hütte neben ihm gewohnt und beschrieb ihn als sehr alt aussehend mit langem grauem Bart und Schnurrbart, eben von schwerer Krankheit genesen und noch sehr angegriffen aussehend. Livingstone hatte die Absicht, nach erfolgter völliger Genesung ein Land, das Manyema heisst, über Marungu zu besuchen.

Das Thal des Ungerengeri, in dem Muhalleh liegt, bietet eine wunderbare Fruchtbarkeit dar. Hier ist das Matamakorn am höchsten und der Mais könnte sich dem besten, der je in den Gründen von Arkansas zu sehen ist, zur Seite stellen. Die zahlreichen Bergströme hatten die tiefen Lehmschichten sehr aufgeweicht, und infolge davon kamen verschiedene Unfälle vor, ehe wir das Lager erreichten. So wurde z. B. das Tuch nass, der Thee schimmelte, der Zucker hatte Wasser angezogen und die Werkzeuge waren verrostet, und nur durch sofortige auf diese nothwendigen Artikel verwandte Aufmerksamkeit gelang es uns bedeutende Verluste zu vermeiden.

Zwischen dem Betragen der Waseguhha und dem der Wadoe, Wakami und Wakwere, die wir bisher gesehen hatten, liess sich ein kleiner Unterschied bemerken. Wir fanden hier durchaus nicht die Höflichkeit, die wir bisher mit Vergnügen beobachtet hatten. Ihr ausgesprochener Wunsch, mit uns Handel zu treiben, war von unverschämten Andeutungen begleitet, dass wir ihre Erzeugnisse zu den von ihnen festgestellten Preisen kaufen müssten. Wenn wir Einwendungen erhoben, so wurden sie böse, antworteten heftig, ohne Widerrede zu vertragen, wurden leidenschaftlich und waren rasch mit Drohungen bei der Hand. Dieses sonderbare, dem der ruhigen und sanften Wakwere so entgegengesetzte Betragen lässt sich vortrefflich durch einen Vergleich erläutern, den man etwa zwischen dem Verhalten des heissblütigen Griechen und des kühlen und gesetzten Deutschen anstellt. Wir waren durch die Nothwendigkeit gezwungen, ihnen Esswaaren abzukaufen, und zum Ruhm des Landes und seiner Erzeugnisse sei es gesagt, dass der Honig hier von vorzüglichem Wohlgeschmack war.

SIMBAMWENNI, DIE „LÖWENSTADT“.

Dem Seitenthal des Ungerengeri folgend, brachte uns ein Marsch von zwei Stunden am nächsten Morgen dicht an der Hauptstadt von Useguhha, Simbamwenni, vorüber. Die erste Ansicht der ummauerten, am westlichen Fuss des Uruguru-Gebirge gelegenen Stadt mit ihrem schönen üppigen Thal, das von zwei Flüssen und mehreren durchsichtigen Bächen, die von den thau- und wolkenreichen Höhen herabrieseln, bewässert wird, war derartig, wie wir sie nicht im östlichen Afrika zu finden gedacht hatten. In Mazanderan in Persien würde eine solche Landschaft unsern Erwartungen entsprochen haben, aber hier war sie ganz unerwartet. Die Stadt kann eine Bevölkerung von etwa 3000 Menschen zählen, da sie ungefähr tausend Häuser hat; bei der grossen Dichtigkeit der Einwohner könnte sogar die Zahl 5000 der Wahrheit noch näher kommen. Die Häuser in der Stadt sind charakteristisch afrikanisch, aber nach dem besten Stil gebaut. Die Befestigungen sind nach arabisch-persischem Muster angelegt und vereinigen arabische Zierlichkeit mit persischer Planmässigkeit. Bei einem 950 Meilen langen Ritt in Persien habe ich keine Stadt, ausser den ganz grossen, besser als Simbamwenni befestigt gesehen. In Persien bestanden die Befestigungswerke, sogar die von Kasvin, Teheran, Ispahan und Schiras aus Lehm; die von Simbamwenni sind aus Stein, der von zwei Reihen Schiessscharten für Musketen durchlöchert ist. Der Flächeninhalt der Stadt beträgt ungefähr eine halbe Quadratmeile und bildet ein Viereck. Jede Ecke wird von wohlgebauten Steinthürmen geschützt; vier Thore, von denen je eins einer Himmelsrichtung entspricht und sich in der Mitte zwischen zwei Thürmen befindet, vermitteln die Communication mit der Umgegend. Diese Thore werden von festen quadratischen Thüren verschlossen, welche aus afrikanischem Thekholz bestehen und mit Schnitzwerk nach unendlich feinen complicirten arabischen Mustern geschmückt sind, woraus ich schliesse, dass sie entweder in Zanzibar oder an der Küste gefertigt und Bret für Bret nach Simbamwenni gebracht worden sind. Da jedoch viel Verkehr zwischen Bagamoyo und Simbamwenni stattfindet, so ist es auch möglich, dass Eingeborne die Verfertiger dieser künstlichen Arbeiten sind, zumal ich an den grössten Häusern mehrere ähnlich obgleich nicht ganz so mühevoll geschnitzte und ciselirte Thüren erblickte. Der Palast des Sultans ist nach dem Stil der an der Küste befindlichen gebaut, hat ein langes, sanft absteigendes, stark vorspringendes Dach und eine Veranda an der Front.

Die Sultanin ist die älteste Tochter des berühmten Kisabengo, eines in den Nachbarländern Udoe, Ukami, Ukwere, Kingaru, Ukwenni und Kiranga-Wanna wegen seiner Liebhaberei für den Menschenraub berüchtigten Mannes. Kisabengo war ein zweiter Theodor im kleinen Massstabe. Von niedriger Abkunft, zeichnete er sich auch durch seine persönliche Körperkraft aus, seine Redebegabung, seine kurzweilige und gewandte Sprache, durch die er sich einen grossen Einfluss auf flüchtige Sklaven zu verschaffen wusste und infolge dessen er von ihnen zum Führer erwählt wurde. Vor gerechten Strafen, die er von dem Sultan von Zanzibar zu erwarten hatte, fliehend, kam er in Ukami an, welches damals von Ukwere bis Usagara reichte, und hier begann er die Laufbahn eines Eroberers, deren Resultat darin bestand, dass die Wakami ihm einen grossen Strich fruchtbaren Landes in dem Thal des Ungerengeri abtraten. An dem festen Punkte, wo der Fluss dicht unter den Mauern hinfliesst, baute er seine Hauptstadt und nannte sie Simbamwenni, was „der Löwe“ oder die stärkste Stadt bedeutet. Im Greisenalter gab der glückliche Räuber und Sklavenfänger seinen Namen Kisabengo auf, durch den er so berüchtigt geworden war, und nannte sich Simbamwenni, nach seiner Stadt. Auf seinem Todtenbette befahl er, dass seine älteste Tochter ihm folgen solle und gab ihr auch den Namen der Stadt, welchen die Sultanin noch heute führt.

Als wir über den reissenden Fluss setzten, welcher, wie ich schon vorher sagte, dicht unter den Mauern dahinfliesst, hatten die Bewohner von Simbamwenni eine gute Gelegenheit, ihre Neugier an dem „grossen Musungu“ zu befriedigen, dessen verschiedene Karavanen ihm vorangezogen waren und unverzeihlicher, weil ungerechtfertigter Weise ihm einen Ruf grossen Reichthums und bedeutender Macht verschafft hatten. So wurde ich von allen Seiten angegafft. Es befanden sich plötzlich weit über tausend Eingeborne am Ufer, welche das Verbum „anstarren“ in seinen verschiedenen Zeiten und Formen durchconjugirten, d. h. also, mich hartnäckig, unverschämt, schlau, verschmitzt, bescheiden oder verstohlen ansahen. Die Krieger der Sultanin, welche in der einen Hand Speer, Bogen und Pfeilbündel oder Muskete hielten, umfassten mit der andern je einen Freund, dem sie vertraulich ihre verschiedenen Ansichten über meine Kleidung und Farbe mittheilten, sodass sie wie Modelle von Nisos und Euryalus, Theseus und Pirithoos, Damon und Phintias oder Achilles und Patroklus aussahen. Die Worte: „Musungu Kuba“ hatten für diese Leute ebenso viel Reiz, wie die Musik des buntbefiederten Pfeifers für die Ratten von Hameln, da sie einen so grossen Theil der Bevölkerung aus ihren Mauern über den Strom lockten, und als ich meine Reise bis an den vier Meilen entfernten Ungerengeri fortsetzte, befürchtete ich, dass die Katastrophe von Hameln sich wiederholen müsse, ehe ich die Leute loswerden könne. Aber zum Glück für meine Gemüthsruhe unterlagen sie schliesslich der heissen Sonne und der bedeutenden Entfernung, die wir bis an unser Lager zurückzulegen hatten.

Da wir genöthigt waren, das Gepäck genau zu untersuchen, die Sättel auszubessern, sowie einige der Thiere, deren Rücken sehr wund geworden waren, zu curiren, so beschloss ich, hier zwei Tage Halt zu machen. In Simbamwenni gab es hinreichende, obwol verhältnissmässig theure Lebensmittel.

Als wir das nach Makanda bestimmte Gepäck öffneten, fanden wir dasselbe in einem weit bessern Zustande, als wir gefürchtet hatten, in Anbetracht der vielen Male wo es gründlich durchnässt worden, denn wir befanden uns auf der Höhe der Masikazeit. Freilich hatten einige werthvolle Dinge, z. B. Munitions-, Gewehr- und Theekisten gelitten, was ich der Gedankenlosigkeit Shaw’s zuschrieb, der die Esel durch brusthoch mit Wasser gefüllte Gräben getrieben hatte, wo er aus Gründen der gemeinen Klugheit sie hätte abladen müssen. Als ich Shaw in mein Zelt rief, um ihm meine Verluste zu zeigen, wurde der Gute ausserordentlich heftig und warf mir vor, ich verlange von ihm zuviel Arbeit, sei zu eigen, man könne mir nichts recht machen und noch manches derartige. Seine stürmische Erwiderung schloss er damit, dass er seine Absicht kundgab, meinen Dienst zu verlassen und mit der ersten uns entgegenkommenden Karavane zurückzukehren. Hierauf erwiderte ich ihm, ich werde seiner Abreise kein Hinderniss entgegensetzen, da er sich als untüchtig und nachlässig erwiesen habe und seine Musse mehr als seine Arbeit liebe. Er könne sich also, wenn er wolle, augenblicklich entfernen, müsse aber sein persönliches Gepäck zurücklassen, welches ich statt des ihm in Zanzibar vorgeschossenen Geldes zurückbehalten wolle. Diese angemessene Ankündigung meiner Absicht brachte Shaw in das gehörige Gleichgewicht, das er in seinem Zorn einigermassen verloren hatte. Nach einigen Stunden war er mit grossem Eifer in meinen Angelegenheiten beschäftigt und der Friede wiederhergestellt.

Am zweiten Tage bemerkte ich zum ersten mal, dass meine Acclimatisation in den Wechselfieber erzeugenden Sümpfen von Arkansas gegen das Mukunguru von Ostafrika machtlos war. Die Vorläufer des afrikanischen Typhus fühlte ich in meinem Körper um 10 Uhr morgens. Zuerst stellte sich allgemeine Mattigkeit mit einer Neigung zum Schlaf ein; dann kam ein Rückenschmerz, welcher von den Lenden anfangend die Wirbel hinaufzog und sich über die Rippen erstreckte bis er die Schultern erreichte, wo er sich als lästiger Schmerz festsetzte; drittens zog ein Kältegefühl über den ganzen Körper, dem rasch Schwere im Kopfe, thränende Augen, pulsirende Schläfen und ein undeutliches Sehen, welches alle Gegenstände verzerrte und veränderte, folgte. Dies dauerte bis 10 Uhr abends, dann verliess mich das Mukunguru, hinterliess aber einen Zustand grosser Kraftlosigkeit.

Das Medicament, das ich drei Morgen nacheinander nach jedem Anfalle gebrauchte, war dasjenige, welches ich aus Erfahrung in Kansas als das beste kennen gelernt hatte, nämlich eine Quantität von 15 Gran Chinin, welche dreimal des Tages alle zwei Stunden vom Morgen bis zum Mittag zu 5 Gran zu nehmen ist, und zwar muss die erste Dosis unmittelbar nach den ersten Wirkungen eines am Abend vorher verabfolgten Abführmittels genommen werden. Ich füge noch hinzu, dass diese Behandlung in meinem und in allen andern Fällen, die in meinem Lager vorkamen, von vollkommenem Erfolg gekrönt war. Wenn das Mukunguru sich gezeigt hatte, brauchte man bei einer solchen Behandlung keinen zweiten Anfall zu fürchten, wenigstens nicht vor Verlauf mehrerer Tage.

Am dritten Tage wurde das Lager von den Gesandten Ihrer Hoheit der Sultanin von Simbamwenni besucht, die als ihre Repräsentanten erschienen, um den Tribut, den sie erzwingen zu können glaubt, in Empfang zu nehmen. Aber ich that ihnen sowol als Madame Simbamwenni zu wissen, dass es unbillig wäre, dass ich noch einmal zahlen sollte, da uns ihre Sitte bekannt wäre, den Besitzer von Karavanen nur einmal Tribut zahlen zu lassen, und dies habe, wie sie doch wisse, der Musungu (Farquhar) schon gethan. Die Gesandten antworteten mit einem „Ngema“ (sehr gut) und versprachen, meine Antwort ihrer Herrin zu überbringen. Uebrigens war dies keineswegs sehr gut, da, wie man in einem spätern Kapitel sehen wird, dieser weibliche Simbamwenni aus einem mir zustossenden Unglück Vortheil zog und sich bezahlt machte. Hiermit schliesse ich das Kapitel der Vorkommnisse während unseres Durchzuges durch die Seeregion.