„Lieber Farquhar!
Auf die Bitte des Herrn Stanley schreibe ich Ihnen, um mir zu vergewissern über alle Ihre Unglücksfälle und was vor eine Quantertät Tuch Sie ausgegeben haben und wie viel Sie ibrig haben, wie viel Esel toht sein und überhaupt alle Einzelheiten. Wie viel Pagazis haben Sie entlassen und wie viel haben Sie bei sich. Was haben Sie mit alle die Bagage gemacht, was die Esel hatten und wer ist Ihr Parangozery. Was fehlt Ihnen. Was fehlt Dschacko und was fehlte die Esel, welche starben. Was vor Bagage haben Sie in Ihrem Lager gelassen. Schicken Sie Sarmean morgen zurick mit Willimingo und Barickca und ausreichende Antwort auf die ibrigen Fragen. In zwei Tagen werden wir bei Sie sein.“
Wie ungrammatikalisch und unorthographisch auch der obige Brief sein mag, so war er mir doch verständlicher, und wird es wol auch dem Leser sein, als die Antwort, welche von dem Führer der dritten Karavane erfolgte und also lautete:
„Lieber Herr Stanley!
Alles ist in Ordnung, aber ich habe ein gut Theil Tuch zur Bezahlung der Pagazis verbraucht. Ein Ballen ist vollständig zu Ende, der Kirangozi war ein verdammter Schuft. Ich habe ihm sein Tuch abgenommen und ihn aus dem Lager gejagt. Er sagte, er würde zu Ihnen gehen. Ich habe Kiranga zum Kirangozi gemacht und ihm 10 Doti gegeben. Die Lebensmittel sind hier sehr theuer; man erhält nur 2 Küchlein für ein Schukka und eine Ziege kostet 5 Doti, und ich kann von hier nicht fort.
Ich habe gestern 6 Pagazis gemiethet und sie mit Uledi weiter geschickt. Dschuma sagte, er sterbe vor Hunger, daher gab ich ihm 2 Ballen Merikani. Er sagt, er wird auf Sie in Ugogo warten. Dschacko ist krank gewesen, ich weiss nicht woran und er kann nichts für mich thun. Wellymingoe ist jetzt mein Koch. Können Sie mir etwas Zucker schicken? Wenn Sie irgend welcher Hülfe bedürfen, so werde ich Ihnen meine Pagazis schicken, denn zwischen der Stelle, wo Sie sich befinden, und diesem Ort starben mir 9 Esel und ich habe nur noch einen übrig. Das Kaniki ist vollständig zu Ende, aber ich habe noch etwas Merikani. Empfehlen Sie mich Herrn Shaw und Selim.
Ihr treuer
W. L. Farquhar.“
Dies war die köstliche Antwort, welche ich auf eine besorgte Anfrage in Bezug auf seinen und seiner Karavane Zustand erhielt. Wenn der Mensch vollständig verrückt gewesen wäre, so hätte er kaum etwas Verwirrteres hervorbringen können.
In der ersten Zeile sagt er, dass alles in Ordnung ist, während doch nach den unmittelbar darauf folgenden Worten alles in übelstem Zustande zu sein scheint. Er schickt den Kirangozi wegen einer persönlichen Beleidigung weg und gibt einem meiner Mgwana-Soldaten, der abgesandt war, um die fünfte Karavane zu begleiten, namens Dschumah, auf seine blossen Bitten hin zwei Ballen Merikani, die 150 Dollars in Gold werth sind und 150 Doti enthalten, welche ausreichen, um eine Karavane von 50 Mann von Bagamoyo nach Unyanyembé zu unterhalten. Auch ist all sein Kaniki verbraucht, was für eine grosse Nachlässigkeit spricht. Kurz dieser Brief ist mir vollständig unbegreiflich, wenn Farquhar nicht toll geworden, was festzustellen ich mich eiligst bemühte, als ich in die Umhegung von Kiora trat und sein Zelt auf einem Haufen Ziegenmist erblickte.
Als er meine Stimme hörte, wankte Farquhar aus dem Zelt. Er hatte sich seit der Zeit, wo er als mein schmucker Gefährte aus Bagamoyo abreiste, so verändert, als ob er express von den Wabembe des Tanganika gemästet worden wäre, wie wir es mit Gänsen und Truthühnern zum Weihnachtsfeste zu thun pflegen, und er war so aufgeschwemmt, wie Barnum’s feistes Weib. Mit nicht geringem Erstaunen betrachtete ich die aufgedunsenen Wangen und den angeschwollenen Hals meines Dieners Farquhar. Seine Beine waren auch wuchtig und elefantenartig, denn seine Krankheit war entweder Elephantiasis oder Wassersucht. Das Gesicht war todtenbleich, was sich leicht erklärte, da die Leute mir mittheilten, dass er zwei Wochen lang nicht aus seinem Zelt herausgekommen sei. Er hatte sich ungenirt der Soldaten und Pagazi bedient, da er ihre Dienste für alle Bedürfnisse, bis zum geringsten herab, brauchte. Dafür bezahlte er sie mit einer Ziege pro Tag, wo doch eine Ziege 5 Doti kostete, oder schenkte ihnen an deren Stelle Hühner.
Ich wählte einen luftigen Hügel, der das Dorf Kiora überblickte, als Lagerplatz, und liess, sobald die Zelte aufgestellt, die Thiere besorgt und ein Boma aus Dornbüschen gemacht war, Farquhar durch vier Leute in mein Zelt tragen. Als ich ihn fragte, was die Ursache seiner Krankheit sei, sagte er, er kenne sie nicht und meinte, er habe nirgends Schmerzen. Ich fragte: „Fühlen Sie nicht bisweilen Schmerzen auf der rechten Seite?“ „Ja, ich glaube es, aber ich weiss es nicht.“ „Oder hin und wieder ein rasches Klopfen an der linken Brust und vielleicht Athemnoth?“ „Ja, das kann wol sein. Ich weiss sogar, dass ich bisweilen rasch athme.“ An Verstopfung litt er nicht, sondern gab nur an, dass seine zu einer ungeheuren Grösse angeschwollenen Beine ihm Beschwerden machten, und obgleich er einen wahren Pferdeappetit hatte, fühlte er sich doch schwach auf denselben. Nach den spärlichen Nachrichten über die Krankheit und ihre Eigenthümlichkeiten, wie sie mir Farquhar gab, konnte ich nur durch das Studium eines kleinen medizinischen Buchs, das ich in meiner Bibliothek mit mir führte, herausbekommen, dass „eine Anschwellung der Beine und mitunter des ganzen Körpers entweder von Herz-, Leber- oder Nierenkrankheiten herkommen könne“. Da aber die Darmfunctionen durchaus nicht träge waren, wusste ich nicht, was ich aus der Krankheit machen sollte, wenn es nicht die in Zanzibar so sehr häufig vorkommende Elephantiasis war. Auch wusste ich nicht, wie ich jemand behandeln sollte, der mir nicht sagen konnte, ob er Schmerzen im Kopf, Rücken, Fuss oder in der Brust habe.
Nachdem ich herausgefunden, dass Farquhar’s Krankheit nicht augenblicklich und vorherrschend meine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen habe, machte ich mich daran, über den Inhalt jenes dunkeln Zettels, den er mir nach Rehenneko geschickt und der mich seitdem so sehr beunruhigt hatte, klar zu werden. War aber schon sein Zettel unverständlich, so war Farquhar’s mündliche Mittheilung in Bezug auf den Zustand der ihm anvertrauten Güter noch zehnmal verwickelter und räthselhafter. Seine Erzählung war so verworren, dass sich durchaus gar keine Ordnung hineinbringen liess. Was er gethan oder nicht gethan, was er an Tuch oder Perlen ausgegeben oder nicht, war so unentwirrbar zusammengeworfen, dass ich bei dem Versuch, Ordnung in diesen chaotischen Wortschwall zu bringen, bemerkte, dass ich zu absolutem Blödsinn kam. Die einzige Art, diese Schwierigkeit zu überwinden, bestand darin, persönlich jeden Zeugballen und jede Last Perlen zu untersuchen und durch Vergleichung meiner auf die dritte Karavane bezüglichen Liste festzustellen, was fehlte.
Der Leser wird sich vielleicht erinnern, dass jede Karavane, ehe sie aus Bagamoyo oder einem andern Küstenort ins Innere abgeht, mit ausreichend viel Zeug und Perlen für den Unterhalt von vier Monaten versehen sein muss, ganz abgesehen von dem Tuch, das als Tribut in Ugogo zuzahlen ist, und von den Ballen, für deren Transport der Eigenthümer mit den Pagazi contrahirt hat.
Farquhar’s Karavane bildete keine Ausnahme von dieser Regel, sondern war, da sie von einem Weissen geführt wurde, um seinetwillen ganz besonders begünstigt. Sie bestand aus 23 Mann und 10 Eseln, war mit 120 Doti Merikani und Kaniki und 35 Pfund verschiedener Perlen für den Lebensunterhalt versehen. Da 120 Doti 240 Schukka enthalten und man für 1 Schukka durchschnittlich 25 Kubaba Korn kaufen kann, ein Kubaba aber die Normalration für den einzelnen Mann ist, so ist es ganz selbstverständlich, dass 240 Schukka ausreichten, um die Karavane acht Monate lang mit Korn zu unterhalten. Da man jedoch zur Reise nach Unyanyembé noch keine 120 Tage braucht, so blieben noch 120 Doti Schukka gutes verkäufliches Tuch und 35 Pfund Perlen übrig, mit denen sich der Weisse kleine Leckerbissen, wie z. B. Hühner, Eier und hin und wieder eine Ziege verschaffen konnte.
Als ich nun die Waaren untersuchte, war ich begierig zu wissen, ob sie mit meiner vor der Abreise der Karavane von Bagamoyo geschriebenen Liste übereinstimmten. Das Wiegen, Aus- und Wiedereinpacken derselben nahm eine Stunde in Anspruch, nach deren Ablauf ich den genauen Umfang der Verluste kannte, welche die Expedition durch die Gefrässigkeit und leichtsinnige Sorglosigkeit dieses schwachköpfigen Weissen erlitten hatte. Im Verlauf von 73 Tagen hatte er 240 der für die Provision gegebenen Schukka und 12 Doti farbige Tuche verbraucht, darauf die Ballen angegriffen, aus denen er 82 Doti oder 164 Schukka entnommen und sämmtlich zur Befriedigung seiner Gier nach Ziegenfleisch, Eiern und Federvieh verausgabt hatte. Von allen ihm zum Transport nach Unyanyembé anvertrauten Tuchballen blieben nur zwei unversehrt, alle andern waren für Ziegen oder als Lohn für die Pagazi verbraucht. Neun von seinen Eseln waren schon todt und der letzte war dem Sterben nahe.
Als ich die Ausgaben der aus 43 Seelen und 17 Eseln bestehenden fünften Karavane, welche ich selbst 50 Tage lang geführt, berechnet hatte, stellte sich heraus, dass sie nur 43 Doti oder 86 Schukka betrugen, woraus ich ersah, dass Farquhar’s Verschwendung von so viel werthvollem Tuch nicht zu entschuldigen war. „Man setze einen Bettler auf ein Pferd und er wird zum Teufel reiten,“ dies ist ein Sprichwort, dessen Richtigkeit sich in diesem Falle erwies. Ich hatte ihm einen prachtvollen Zanzibarer Reitesel gegeben, den er zu Tode geritten. Von dem Augenblick an, wo er ein Lager verliess, bis zu dem, wo er im andern ankam, hatte er sich nie dazu verstanden, vom Esel zu steigen, und da er nicht zu reiten verstand, auf dem Rücken des armen Thieres so geschaukelt, dass dasselbe fürchterlich geschunden war und bald danach starb. Hätte er seine Reise nach Unyanyembé — auf welche Weise weiss ich freilich nicht — bei seiner Verschwendung fortgesetzt, so wäre kein einziges Schukka Tuch und kein Pfund Perlen übriggeblieben. Es war daher noch ein Glück, dass ich ihn in Kiora einholte, obwol er mir sehr zur Last fiel; denn er war nicht im Stande zu gehen, und nach den traurigen Erfahrungen im Makata-Thal fehlte es an der Möglichkeit, ihn zu Esel zu transportiren. Unmöglich konnte ich ihn in Kiora lassen, wo ihn der Tod bald ereilt hätte, aber wie lange ich einen in solchem Zustande befindlichen Menschen durch ein Land, wo der Transport so schwierig ist, mit mir schleppen könnte, war eine Frage, deren Beantwortung von Umständen abhing.
Am 11. Mai zogen die dritte und fünfte, jetzt vereinigten Karavanen das rechte Ufer des Mukondokwa durch Holcusfelder hinauf. Je weiter wir auf unserm Marsche nach Westen kamen, desto höher wurden die grossen Mukondokwa-Gebirgszüge und sie umgaben uns ringsum in einem engen Flussthal. Wir liessen Muniyi Usagara zur Rechten und stiessen alsbald auf quer über unsern Weg ziehende Ausläufer der Berge, über die wir hinauf und dann wieder hinab steigen mussten.
Ein Marsch von acht Meilen von der Furt von Misonghi brachte uns zu einer andern Furt des Mukondokwa, wo wir dem von Burton benutzten Wege, der den Gomapass und die tiefen Abhänge von Rubeho hinaufführte, auf lange Zeit Lebewohl sagten. Unser Weg verliess das rechte Ufer und folgte dem linken durch ein Land, welches das directe Gegentheil des zwischen Gebirgszügen eingeschlossenen Mukondokwa-Thales ist. Wir hatten einen fruchtbaren Boden und eine üppige Vegetation, die von Miasmen dampfte und durch ihre Gerüche überwältigte, mit einer dürren Wildniss voll Aloe und Cactuspflanzen vertauscht, wo vor allem auch der Kolkwall und verschiedene Dornbüsche gediehen.
Statt auf baumbewachsene Höhenabhänge und Thäler, statt auf bebaute Felder blickten wir jetzt auf das Gebiet einer unbewohnten Wildniss. Die Bergkuppen waren ihrer Laubkronen beraubt und offenbarten ihre von Regen und Sonne gebleichte Felsennatur. Uns gerade zur Rechten stand der Pic Nguru, der höchste der Usagarakegel, als wir den langen Abhang über dunkelgrauem Boden hinaufstiegen, welcher sich jenseits des braunen Mukondokwa zur Linken erhob.
Zwei Meilen von der letzten Furt entfernt fanden wir ein nettes Khambi dicht am Fluss, wo derselbe zuerst eine tosende Stromschnelle bildet.
Als die Karavane sich am nächsten Morgen auf den Marsch vorbereitete, theilte man mir mit, der Bana Mdogo (kleine Herr) Shaw, sei noch nicht mit seinem Karren und den Leuten angekommen. Spät am Abend vorher hatte ich an Shaw, der mir hatte sagen lassen, er sei zu krank um zu Fuss gehen zu können, einen Esel abgeschickt, sowie einen zweiten für die auf dem Karren befindliche Last, und in der Ueberzeugung, dass er bald ankommen werde, mich zur Ruhe gelegt. Als ich am Morgen hörte, dass die Leute noch nicht da seien, schloss ich, dass Shaw nicht wisse, dass wir fünf Tage lang durch eine vollständig unbewohnte Wildniss zu marschiren haben würden. Deshalb schickte ich Tschaupereh, einen Mgwanasoldaten, mit folgendem Zettel an ihn: „Nach Empfang dieses Befehls werfen Sie den Karren und alle überflüssigen Packsättel in die nächste Schlucht und kommen Sie um Gottes Willen sofort, denn wir müssen hier verhungern!“
Mit äusserster Ungeduld wartete ich 1, 2, 3, 4 Stunden auf Shaw, aber umsonst. Da ich noch einen langen Marsch vor mir hatte, so konnte ich nicht länger warten, sondern ging der Gesellschaft entgegen. Ungefähr eine halbe Stunde von der Furt begegnete ich dem Vortrab der Saumseligen, dem starken, kräftigen Tschaupereh und — hört es ihr Karrenmacher! — er trug den ganzen Karren sammt Rädern, Gabel und Achse auf dem Kopfe, da er herausgefunden hatte, dass er viel leichter zu tragen, als zu ziehen sei. Der Anblick benahm mir so sehr die Lust, weitere Versuche mit demselben anzustellen, dass ich ihn sofort in die Tiefen des hohen Schilfrohrs schleudern und dort liegen liess. Die Hauptfigur der Gruppe bildete Shaw selbst, der in einer Haltung daher ritt, die es mir zweifelhaft erscheinen liess, ob er oder sein Thier schläfriger sei. Als ich ihn darüber zur Rede stellte, dass er die Karavane so lange habe warten lassen, wo uns doch ein Marsch bevorstände, erwiderte er mir in sehr eigenthümlichem Tone, den er, wenn er schlecht gelaunt war, stets annahm, er habe sein Möglichstes geleistet. Dies musste ich jedoch bezweifeln, da ich den langsamen Schritt, in dem er geritten, gesehen hatte. Ich bat ihn daher, wenn er sein Tempo nicht beschleunigen könne, abzusteigen und den Esel ins Lager vorausgehen zu lassen, damit derselbe für den Marsch beladen werden könne. Natürlich gab es eine kleine Scene; der junge europäische Mtongi einer ostafrikanischen Expedition muss aber natürlich mit den Leuten, die er sich ausgesucht hat, vorlieb nehmen.
Um 4 Uhr nachmittags kamen wir in Madete an, um zwei Esel ärmer, welche ihre müden Glieder im Todesschlaf ausgestreckt hatten. Wir hatten etwa 3 Uhr nachmittags den Mukondokwa überschritten und ich überzeugte mich, nachdem ich Richtung und Verlauf desselben aufgenommen, dass er in der Nähe einer Berggruppe entspringt, die sich ungefähr 40 Meilen nordwestlich vom Pic Nguru befindet. Unser Weg führte uns westnordwestlich und entfernte sich schliesslich an dieser Stelle von dem Flusse.
Nach einem Marsche von 7 Meilen über Berge, deren Sandstein- und Granitformation an verschiedenen Stellen zu Tage trat und deren steiniges, dürres Aeussere sich an jedem Busch und jeder Pflanze widerzuspiegeln schien, und nachdem wir eine Höhe von ungefähr 800 Fuss über dem Spiegel des Mukondokwa erreicht hatten, erblickten wir, am 14., den See Ugombo, eine graue Wasserfläche, die direct am Fuss des Berges lag, von dessen Gipfel wir auf die Landschaft schauten. Der Anblick war gerade nicht besonders schön, aber doch erquicklich. Er bot den vom Verweilen auf der dürren Umgegend ermüdeten Augen eine angenehme Abwechselung. Ausserdem war die unmittelbare Umgebung des Sees zu zahm, um zu Begeisterung anzuregen. Dort gab es keine grossartig anschwellenden Berge oder lachenden Landschaften, — nichts als einen dunkelbraunen Pic, der sich etwa tausend Fuss hoch über dem Spiegel des Sees an seinem westlichen Ende erhebt. Von diesem entlehnt der See seinen Namen Ugombo. Wir erblickten daselbst nur eine niedrige, dunkelbraune, unregelmässige Bergkette, welche parallel mit seinem nördlichen Ufer in der Entfernung von einer Meile verläuft und eine ebene Fläche, die sich von seinem westlichen Ufer weit nach den Mpwapwa-Bergen und dem Marenga Mkali erstreckt, welche uns aus unserer vorspringenden Ecke sichtbar wurden. Von dieser eintönig dunkelbraunen Landschaft liessen wir gern die Augen auf dem ruhigen, grauen Wasser zu unsern Füssen ausruhen.
Die Contouren des Sees ähneln, nach meiner Ansicht, einer Karte von England ohne Wales. Northumberland liesse sich hierbei mit Recht mit dem westlichen Ende des Sees vergleichen, wo zahlreiche Flusspferde sich vergnügten; die Nordseeküste mit ihren kühnen Bogen und Buchten wäre im kleinen durch die nördlichen Ufer des Sees vertreten, während die östliche, sehr lange Seite desselben fast eine genaue Copie der englischen Küste ist, wie sie von Kent nach Cornwall verläuft.
Vom Gipfel der Bergkette, die den See östlich in einer Länge von etwa 400 Fuss begränzt, herabsteigend, zogen wir am nördlichen Ufer entlang und brauchten dazu von dem östlichen nach dem westlichen Ende genau 1 Stunde 30 Minuten.
Da diese Seite die grösste Länge des Sees darstellt, so schloss ich, dass er drei Meilen lang ist und zwei Meilen im grössten Breitendurchmesser hat. Seine unmittelbaren Ufer bilden auf allen Seiten, in einer Breite von mindestens 50 Fuss von dem Wasserrande, einen unpassirbaren Morast, der üppiges Rohr und Binsen nährt, wo das wuchtige Hippopotamus auf seinen nächtlichen Zügen vom See aus seine wassergefüllten Spuren in den weichen Moorboden hineingearbeitet hat. Auch die kleinern Thiere, wie z. B. der Mbogo (Büffel), die Punda-Terra (Zebra), die Twiga (Giraffe), der Eber, der Kudu, der Hyrax (Kaninchen) und die Antilope kommen hierher, um bei Nacht ihren Durst zu löschen. Die Oberfläche des Sees wimmelt von einer erstaunlichen Menge verschiedener Wasservögel, wie z. B. schwarzen Schwänen, Enten, heiligen Ibissen, Kranichen, Pelikanen; darüber schweben, auf Beute lauernd, Fischadler und Habichte, während die Umgegend von dem lauten Gezwitscher der nach ihren Jungen rufenden Perlhühner, dem widrigen Geschrei des Tukan, dem Girren der Tauben und dem Gekreisch der Eulen widertönt. Aus dem langen Gras der Umgegend erschallt auch das knarrende, laute Geschrei des Florikans, der Waldschnepfe und des Waldhuhns.
Da wir zwei Tage Halt machen mussten, weil der indische Küfer Dschako mit einem meiner besten Karabiner desertirt war, so benutzte ich die Gelegenheit, die nördlichen und südlichen Ufer des Sees zu untersuchen. Am felsigen Fusse eines niedrigen auf der Nordseite belegenen Bergbuckels, der ungefähr 15 Fuss über dem gegenwärtigen Wasserspiegel liegt, entdeckte ich in deutlichen sehr bestimmten Linien die Wirkung der Wellen. Von seiner Basis nämlich konnte man bis an den Rand des Morastes feine Linien zermalmter Schalen so deutlich hervortreten sehen, wie die kleinen Theilchen, welche reihenweis nach dem Rücktritt der Flut am Meeresufer liegen bleiben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Wellenspuren sich von einem gewandten Geologen auf dem Sandstein noch viel höher hinauf hätten verfolgen lassen; mir jedoch offenbarten sie sich nur in ihren gröbsten Umrissen. Auch bezweifle ich durchaus nicht, nach einer zweitägigen Erforschung der Umgegend und namentlich der niedrigen Ebene am westlichen Ende, dass dieser See Ugombo nur das Schwanzstück eines grossen Wasserkörpers ist, der früher ebenso gross wie der Tanganika war. Nachdem ich die halbe Höhe des Ugombo-Pics erstiegen hatte, bestätigte sich diese Ansicht, als ich die weite gesenkte Ebene erblickte, die sich an seinem Fuss nach den 30 Meilen entfernten Mpwapwa-Bergen hinstreckt und von dort um Marenga Mkali herum die ganze ausgedehnte, 40 Meilen breite Oberfläche, deren Länge unbekannt ist, bedeckt. Wenn der See um 12 Fuss höher wäre, so dachte ich, als ich denselben überblickte, würde er eine Länge von 30 Meilen und eine Breite von 10 Meilen haben. Wäre er aber gar um 30 Fuss höher, so würde sich seine Länge auf 100 Meilen, seine Breite auf 50 vermehren, denn so eben war die Fläche, welche sich westlich von Ugombo und nördlich von Marenga Mkali hinzieht. Das Wasser hatte übrigens etwas von dem bittern Charakter des Matamombo-Flüsschens, das 15 Meilen entfernt liegt, und in etwas geringerm Grade von dem des 40 Meilen abgelegenen Marenga Mkali.
Gegen Ende des ersten Tages unseres Aufenthalts kam unser Hindu Dschako im Lager an und entschuldigte sich damit, dass er vor Müdigkeit in einem wenige Schritte vom Wege entfernten Gebüsch eingeschlafen sei. Da er die Ursache unseres Aufenthalts in der armseligen Wüste von Ugombo war, so befand ich mich nicht in einer Gemüthsstimmung, ihm zu verzeihen. Um ihn also daran zu hindern, uns in Zukunft wieder derartige Streiche durch Weglaufen zu spielen, sah ich mich gezwungen, ihn in die gefesselte Bande der Deserteure einzuschliessen.
Es fielen noch zwei von unsern Eseln; der eine davon war von Farquhar durch seine Körperlast und schaukelnde Reitmethode zu Tode geritten. Um es zu verhindern, dass das werthvolle Gepäck zurückbleibe, sah ich mich genöthigt, Farquhar auf meinem eignen Reitesel in das 30 Meilen entfernte Dorf Mpwapwa unter Aufsicht von Mabruki-Burton zu schicken. Farquhar war durch seine vollständige Unfähigkeit, etwas für sich selbst zu thun, zum Spott der Karavane geworden. Er schrie beständig wie ein krankes Kind nach einem halben Dutzend Menschen, die ihm aufwarten sollten, und wenn sie die englische Sprache, in der er sie anredete, nicht verstanden, so erging er sich in einem Strom der gemeinsten Schimpfworte, wie sie nur je das Ohr eines anständigen Christenmenschen beleidigt haben. Dschako, den ich ihm als Koch beigegeben, als er mit der dritten Karavane abgegangen war, hatte er so furchtbar geprügelt, dass er fast blödsinnig geworden war, und die Wangwanasoldaten fürchteten seine unsinnige Heftigkeit so, dass sie ihm nicht nahekommen wollten. Infolge dessen hörte man Farquhar’s Stimme, die zu keiner Zeit sehr harmonisch war, Tag und Nacht in den schrillsten Tönen zanken.
Sechs Tage lang ertrug ich diese Plage und wenn meine Esel am Leben geblieben wären, hätte ich sie vielleicht noch länger ausgehalten; da sie aber alle sehr schwach waren, und ein Reiter wie Farquhar sie der Reihe nach ruinirt haben würde, war ich wider Willen gezwungen, um die Expedition vom Untergange zu retten, den Schluss zu ziehen, dass es für mich, für ihn und alle Theile besser sei, ihn bei einem freundlichen Dorfhäuptling mit Vorräthen an Tuch und Perlen auf sechs Monate zu lassen, bis er wieder wohler würde, als dass er mich zu Grunde richte und seine eigene Wiederherstellung unmöglich mache.
Am 15., um die Frühstückstunde, wurden Farquhar und Shaw wie gewöhnlich zum Frühstück eingeladen. Aus ihrer mürrischen Begrüssung ging es mir deutlich hervor, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei, oder dass etwas passiren würde. Auf den Gesichtern beider Männer lag ein düsterer Ausdruck, welcher mich nichts Gutes ahnen liess. Sie erwiderten mir meinen „Guten Morgen“ nicht, sondern wandten, als ich sie genau ansah, ihre Gesichter ab. Es fiel mir auch ein, dass ihre lebhafte Unterhaltung, von der ich einzelne Laute gehört hatte, sich um mich gedreht haben müsse.
Ich bat sie darauf, Platz zu nehmen.
„Selim“, sagte ich, „bringe das Frühstück.“
Das Frühstück, das aus einem gebratenen Ziegenviertel, geschmorter Leber, einem halben Dutzend guter Kartoffeln, einigen heissen Pfannkuchen und Kaffee bestand, wurde aufgetragen.
„Shaw“, sagte ich, „seien Sie so gut, schneiden Sie das Fleisch und reichen Sie es Farquhar.“
„Was für ein Hundefrass ist das?“ fragte Shaw in der unverschämtesten Art, die man sich vorstellen kann.
„Was meinen Sie?“ fragte ich.
„Ich meine, dass die Art, wie Sie uns behandeln, eine Schande ist,“ sagte er unverschämt, das Gesicht zu mir gewandt. „Ich meine, was mich betrifft, dass Sie mich viel zu viel zu Fuss gehen lassen. Ich dachte, wir würden alle Tage Esel zum Reiten und Leute zu unserer Bedienung haben. Statt dessen muss ich jetzt jeden Tag in der heissen Sonne zu Fuss gehen, bis ich fühle, dass ich lieber in der Hölle sein möchte als in dieser verfluchten Expedition. Ich wünsche, dass jede Seele dieser verdammten Gesellschaft sofort zum Teufel gehen möge! Das wünsche ich wahrhaftig!“
„Hören Sie mich an, Shaw und Farquhar. Vom Augenblick an, wo Sie die Küste verlassen, haben Sie stets Esel zum Reiten und Leute zu Ihren Diensten gehabt. Man hat Ihnen Ihre Zelte aufgestellt, Ihre Mahlzeiten gekocht. Sie haben dasselbe Essen, dieselbe Behandlung wie ich gehabt, aber jetzt sind sämmtliche Farquhar’sche Esel und sieben meiner eigenen todt und ich habe einige Sachen fortwerfen müssen, um nur den Transport der wichtigsten Waaren zu ermöglichen. Farquhar ist zu krank, um zu gehen und muss daher einen Esel zum Reiten haben. Nach Verlauf einiger weniger Tage werden sie aber sämmtlich todt sein; dann muss ich entweder mehr als 20 neue Pagazi für die Waaren haben oder Wochen lang auf den Transport warten. Und angesichts einer solchen Lage können Sie noch murren und an meinem eigenen Tische Verwünschungen gegen mich ausstossen? Haben Sie Ihre Stellung wohl überlegt? Wissen Sie, wo Sie sind? Wissen Sie, dass Sie mein Diener und nicht mein Kamerad sind?“
„Verflucht sei so ein Diener“ — sagte er.
Aber ehe noch Herr Shaw seinen Satz zu Ende bringen konnte, lag er lang auf den Boden hingestreckt.
„Ist es nöthig, dass ich noch weiter gehen muss, um Sie zu lehren?“ fragte ich.
„Ich will Ihnen sagen, wie die Sache steht“, erwiderte er aufstehend. „Ich denke, ich thäte besser daran, umzukehren. Ich habe genug gehabt und beabsichtige, Sie nicht weiter zu begleiten. Ich bitte Sie also um meine Entlassung aus Ihrem Dienst.“
„Gewiss. Heda, wer ist da? Bombay, komm her!“
Bombay erschien in der Zeltthür und ich sagte ihm: „Brecht das Zelt dieses Menschen ab (auf Shaw weisend). Er will umkehren. Bringt seine Flinte und Pistole in mein Zelt und begleitet ihn und sein Gepäck 500 Schritt zum Lager hinaus und lasst ihn dort.“
In wenig Augenblicken war sein Zelt auseinandergenommen, seine Flinte und Pistolen in meinem Zelt und Bombay kehrte mit vier Bewaffneten zurück, um mir Bericht abzustatten. „Nun gehen Sie, Sie haben volle Freiheit. Diese Leute werden Sie zum Lager hinausbegleiten und Sie und Ihr Gepäck dort allein lassen.“
Er ging also ab in Begleitung der Leute, die ihm sein Gepäck trugen.
Nach dem Frühstück fing ich an, Farquhar auseinanderzusetzen, wie nothwendig es für mich sei, weiterzugehen; wie viele Sorgen ich ohnedies habe, ohne noch an Leute denken zu müssen, die ich angenommen, damit sie an mich und ihre Pflicht dächten; da er krank sei und eine Zeit lang wol nicht im Stande sein werde, zu marschiren, wäre es besser, wenn ich ihn an einem ruhigen Ort unter der Sorgfalt eines guten Häuptlings liesse, der für ihn gegen Entgelt bis zu seiner Wiederherstellung sorgen könne. Auf alles dies ging Farquhar ein.
Kaum hatte ich aufgehört zu sprechen, als Bombay an die Zeltthür kam und sagte: „Herr Shaw möchte Sie gern sprechen.“
Ich ging ans Lagerthor und traf daselbst Shaw, der sehr reuig und beschämt aussah und mich um Verzeihung und die Erlaubniss bat, zurückkehren zu dürfen, wobei er versprach, dass ich an ihm nie wieder etwas auszusetzen haben solle.
Ich streckte ihm die Hand entgegen und sagte: „Sprechen wir nicht mehr davon, mein lieber Junge. Streit kommt in den besten Familien vor. Da Sie um Entschuldigung bitten, so hat es damit sein Ende.“
Als ich an demselben Abend im Begriff war einzuschlafen, hörte ich einen Schuss und eine Kugel flog ein paar Zoll über meinem Körper durch mein Zelt. Ich griff rasch nach meinen Revolvern, stürzte zum Zelt hinaus und fragte die Leute, die um das Wachtfeuer versammelt waren, wer geschossen habe. Sie waren alle über den plötzlichen Schuss erschreckt aufgesprungen.
„Wer hat jenen Schuss abgefeuert?“
Einer von ihnen sagte: „Der Bana mdogo“ (kleiner Herr).
Ich zündete ein Licht an und ging damit in Shaw’s Zelt. „Shaw, haben Sie geschossen?“
Keine Antwort, — er schien zu schlafen, da er sehr tief athmete.
„Shaw, Shaw, haben Sie den Schuss abgefeuert?“
„Was?“ sagte er, plötzlich aufspringend; „ich? ich feuern? Ich habe geschlafen.“
Ich sah seine Flinte bei ihm liegen, ergriff dieselbe, fühlte daran herum und steckte meinen kleinen Finger in den Lauf. Die Flinte war warm, mein Finger vom verbrannten Pulver schwarz.
„Was ist das?“ fragte ich meinen Finger zeigend. „Die Flinte ist warm. Die Leute sagen mir, dass Sie gefeuert haben!“
„Ach ja“, antwortete er, „jetzt erinnere ich mich. Im Traume sah ich einen Dieb an meiner Thür vorübergehen. Ach ja, ich habe es vergessen. Ich habe wirklich geschossen. Nun, was ist denn dabei?“
„Gar nichts“, sagte ich. „Ich rathe Ihnen aber, in Zukunft, um allen Verdacht zu vermeiden, nicht in mein Zelt oder so sehr in meine Nähe zu schiessen. Ich könnte doch verletzt werden und in dem Falle würden sich üble Gerüchte verbreiten, was unangenehm sein dürfte, wie Sie wol einsehen. Gute Nacht!“
Ueber diese Geschichte machten wir uns alle unsere Gedanken, aber ich habe niemand ein Wort darüber gesagt, bis ich Livingstone traf. Der Doctor lieh meinem Verdacht Worte, indem er sagte: „Er beabsichtigte Sie zu ermorden.“
Was für eine plumpe Art zu morden war das aber! Wenn er es wirklich gethan hätte, so würden meine eigenen Leute ihn so bestraft haben, wie es das Verbrechen verdiente. Im Laufe eines Marsches von Monatsdauer hätten sich ihm tausend bessere Gelegenheiten als diese dazu dargeboten. Ich kann es mir eigentlich doch nur dadurch erklären, dass ich annehme, er sei für den Augenblick geisteskrank gewesen.
Am 16. Mai zogen wir über die Ebene, die zwischen Ugombo und Mpwapwa liegt und sich hin und wieder dicht an einer niedrigen Trappfelsenkette hinzieht, aus der durch irgendwelche heftige Gewalt verschiedene grosse Felsblöcke herausgerissen worden. Auf ihren Abhängen erreicht der Kolquall eine Grösse, wie ich sie nie in Abessinien gesehen habe. Auf der Ebene wachsen Baobab, ungeheure Tamarinden und verschiedenartige Dornsträucher.
Fünf Stunden von Ugombo wand sich der Bergzug nach Nordosten. Wir hingegen verfolgten eine nordwestliche Richtung weiter und gingen auf den erhabenen Gebirgszug von Mpwapwa zu. Zu unserer Linken thürmte sich der gigantische Rubeho in die blauen Wolken. Jetzt wurde es klar, warum wir diesen neuen Weg nach Unyanyembé eingeschlagen hatten, denn dadurch konnten wir die Pässe und steilen Anhöhen des Rubeho vermeiden und hatten nichts schlimmeres zu gewärtigen, als eine breite glatte Ebene, welche sanft nach Ugogo hinabging.
Nach einem Marsch von 15 Meilen lagerten wir in einem trockenen Mtoni, der Matamombo heisst und wegen seiner Pfützen ockerfarbigen Bitterwassers berühmt ist. Affen und Rhinozeros, Kudus, Steinböcke und Antilopen fanden sich zahlreich in seiner Umgegend vor. In diesem Lager starb mein Hündchen Omar an Unterleibsentzündung, fast an der Schwelle des Landes Ugogo, wo seine Treue und Wachsamkeit mir unschätzbar gewesen wären.
Der Marsch des nächsten Tages war gleichfalls 15 Meilen lang. Er ging durch ein unendliches Gewirr von Dornbüschen. Innerhalb zwei Meilen vom Lager führte der Weg über ein kleines Flussbett von der Breite einer Allee direct ins Khambi von Mpwapwa, das dicht bei einigen Bächen reinsten Wassers lag.
Der nächste Morgen fand uns sehr ermüdet nach dem langen Marsch von Ugombo und im allgemeinen geneigt, von den herrlichen Genüssen, die Mpwapwa den direct aus den fliegengeplagten Ländern der Waseguhha und Wadoe kommenden Karavanen bietet, Gebrauch zu machen. Scheikh Thani, der gescheite, arglos redende alte Araber, kampirte hier unter dem angenehmen Schatten einer Mtamba-Sycamore und hatte sich seit seiner vor zwei Tagen erfolgten Ankunft an frischer Milch, prächtigem Hammelfleisch und kräftigem Rinderrücken delectirt. Wie er mir mittheilte, hegte er nicht die Absicht, dieses glückliche, reiche Land sobald mit dem salzigen, salpeterhaltigen Wasser von Marenga Mkali, mit seinen verschiedenen Terekezas und vielfachen Unannehmlichkeiten zu vertauschen. „Nein“, sagte er mir mit Nachdruck, „bleiben Sie lieber zwei oder drei Tage hier; gönnen Sie Ihren ermatteten Thieren Ruhe; sammeln Sie so viel Pagazi, als Sie können. Füllen Sie sich voll mit frischer Milch, süssen Kartoffeln, Rindfleisch, Hammelfleisch, geklärter Butter, Honig, Bohnen, Matama, Maweri und Nüssen; — dann, Inschallah! wollen wir zusammen ohne Aufenthalt nach Ugogo gehen!“ Da der Rath vollständig mit meinen eigenen Wünschen und meinem grossen Appetit nach den guten Dingen, die er nannte, übereinstimmte, so hatte er nicht lange auf meine Zustimmung zu warten. „Ugogo“, fuhr er fort, „ist reich an Milch und Honig, — reich an Mehl, Bohnen und fast allen Esswaaren; und, Inschallah! ehe noch eine Woche verstreicht, werden wir in Ugogo sein!“
Ich hatte von durchziehenden Karavanen so viel ungemein günstige Berichte über Ugogo und seine Produkte gehört, dass es mir geradezu als gelobtes Land erschien, und war sehr begierig, meinen angegriffenen Magen mit einigen der in Ugogo erzeugten köstlichen Nahrungsmittel zu erquicken. Als ich aber hörte, dass Mpwapwa gleichfalls leckere Esswaaren darbot, verbrachte ich den grössten Theil der Morgenstunden damit, die geistesträgen Bewohner dazu zu bringen, sich von ihnen zu trennen; und als schliesslich Eier, Milch, Honig, Hammel, Thee, Matamagrütze und Bohnen in hinreichenden Quantitäten, um ein anständiges Mahl zu bereiten, gesammelt waren, wandte ich meine volle Aufmerksamkeit und alle Kochtalente einige Stunden lang dazu an, diese rohen Vorräthe in ein Frühstück zu verwandeln, welches meinem sowol wählerischen als ausgehungerten Magen annehmbar und wohlthuend sein sollte. Die spätere gesunde Verdauung desselben bewies, dass meine Anstrengungen vollständig von Erfolg gekrönt waren. Am Ende dieses ereignissvollen Tages schrieb ich folgende Bemerkung in mein Tagebuch: „Gott sei Dank, nach 57 Tagen, wo ich von Matamabrei und zähem Ziegenfleisch gelebt, habe ich mit salbungsvoller Genugthuung ein wirkliches Frühstück und Mittagessen genossen!“
In einem der vielen kleinen Dörfer, die auf den Abhängen des Mpwapwa liegen, fand ich einen Zufluchtsort für Farquhar, wo er eine Heimat finden konnte, bis er im Stande sein werde, nach Wiederherstellung seiner Gesundheit uns nach Unyanyembé nachzukommen.
Nahrungsmittel gab es hier in Hülle und Fülle und von ausreichender Mannichfaltigkeit, um den Wählerischsten zu befriedigen. Auch waren sie billig, viel billiger, als wir sie an manchem Tag gehabt hatten. Leucole, der Häuptling des Dorfes, mit dem ich Anordnungen zu Gunsten von Farquhar’s Pflege und Bequemlichkeit traf, war ein kleiner alter Mann mit mildem Auge und sehr angenehmem Gesicht, und als ich ihm die Mittheilung machte, dass ich die Absicht habe, den Musungu ganz unter seiner Obhut zu lassen, schlug er mir vor, ich möge einen meiner Leute dazu anstellen, ihn zu bedienen und seine Wünsche den Leuten Leucole’s zu verdolmetschen. Ich hatte schon an diese abermalige Last, welche Farquhar’s Krankheit mir auferlegen könne, gedacht, aber gehofft, dass Leucole mich hiervon gegen eine Extrabezahlung befreien werde. In der Zeit jedoch, die zwischen Farquhar’s und unserer eigenen Ankunft vergangen war, hatte der Häuptling schon hinlänglich erkannt, dass er ganz unfähig sei, die Bedürfnisse eines Menschen wie Farquhar zu befriedigen, welcher darauf bestand, nach jeder Kleinigkeit auf englisch statt auf Kisagara oder Kiswahili zu rufen, und der, wenn er nicht verstanden worden, erst die Eingeborenen auf englisch gründlich verfluchte und, wenn er dies als nutzlos erkannt hatte, in ein hartnäckiges, mürrisches Schweigen zu verfallen pflegte. Keine Geldsumme war gross genug, um Leucole dazu zu bewegen, sich dieser Aufgabe ohne einen Dolmetscher zu unterziehen. Es war nutzlos, über meine Thorheit zu trauern, einen solchen Mann wie Farquhar auf die Expedition mitgenommen zu haben. Er war im Innern von Afrika und krank; mir lag es ob, danach zu sehen, dass er Pflege erhielt. Daher fragte ich Bombay, welchen von unsern Leuten man am besten entbehren könne, um ihn bei Farquhar zu lassen. Zu meinem Erstaunen sagte Bombay: „O Herr, haben Sie uns nach Afrika gebracht, um uns so etwas zuzumuthen? Wir haben unsern Contrakt nicht unterschrieben, um zurückzubleiben, sondern um Sie nach Udschidschi, Ukerewe oder Kairo zu begleiten. Wenn Sie einem der Soldaten befehlen, hier zu bleiben, so wird er nur so lange gehorchen, als Sie da sind, — nachher wird er weglaufen. Nein, nein, Herr, das geht nicht!“ — Trotz Bombay’s Versicherungen, die ich zwar keine Ursache hatte zu bezweifeln, fragte ich einen jeden meiner Leute persönlich, ob er bereit sei, zurückzubleiben und den kranken Musungu zu bedienen.
Von jedem erhielt ich eine verneinende Antwort, die sehr entschieden abgegeben wurde, und sie führten als Grund das heftige Betragen des Musungu gegen die drei Soldaten an, die seiner Karavane von Bagamoyo ab beigegeben worden. Sie fürchteten ihn, er verfluchte sie bei jeder Gelegenheit und Ulimengo kopirte ihn so getreu und komisch, dass es fast unmöglich war, sich des Lachens zu enthalten. Da jedoch der kranke Mann absolut eines Pflegers bedurfte, so war ich gezwungen, meine Autorität zu gebrauchen, und da Dschako der einzige ausser Bombay und meinem arabischen Dolmetscher Selim war, der englisch sprechen konnte, so wurde jener trotz seiner Einwendungen und Bitten dazu bestimmt und der Häuptling Leucole dadurch zufriedengestellt. Vorräthe an weissen Perlen, Merikani- und Kanikituchen auf sechs Monate und zwei Doti schönen Tuchs als Geschenk für Leucole nach Farquhar’s Wiederherstellung wurden dem letztern von Bombay gebracht und dazu noch ein Karabiner, 300 Patronen, ein Satz Kochgeschirr und 3 Pfund Thee.
Abdullah bin Nasib, den ich hier mit 500 Pagazi und einem Gefolge von arabischen und Waswahili-Satelliten, die sich um diese grosse Persönlichkeit drängten, vorfand, behandelte mich ungefähr in derselben Weise, wie Hamed bin Suleiman Speke in Kasenge behandelt hatte. Von seinen Satelliten gefolgt kam er, ein hochgewachsener, kräftig aussehender Mann von ungefähr 50 Jahren, mich in meinem Lager zu besuchen und fragte mich, ob ich Esel zu kaufen wünsche. Da alle meine Thiere entweder krank oder sterbend waren, so bejahte ich seine Frage bereitwilligst, worauf er mir gnädigst erwiderte, er werde mir so viele, wie ich wünsche, verkaufen und zwar gegen eine Bezahlung, die ich ihm in Wechseln auf Zanzibar geben könne. Ich hielt ihn für einen sehr verständigen und freundlichen Mann, der das Lob, welches ihm in Burton’s „Lake Regions of Central-Africa“ reichlich gespendet wird, vollständig rechtfertigte und behandelte ihn daher mit der Rücksicht, die einem so grossen und guten Manne gebührte. Der Morgen kam und mit ihm ging Abdullah bin Nasib oder „Kisesa“, wie er von den Wanyamwezi genannt wird, mit allen seinen Pagazi, seinem ganzen Gefolge und seinen Eseln nach Bagamoyo ab, ohne mir auch nur ein „Quahary“ oder Lebewohl gesagt zu haben.
An diesem Orte findet man gewöhnlich 10–30 Pagazi, die auf ins Innere ziehende Karavanen warten. Ich war glücklich genug, mir zwölf gute Leute zu verschaffen, die nach meiner Ankunft in Unyanyembé ohne Ausnahme freiwillig sich erboten, als Lastträger auch nach Udschidschi mitzugehen. Da ich die furchtbaren Märsche von Marenga Mkali vor mir hatte, so war ich für diesen glücklichen Zufall sehr dankbar, welcher die Schwierigkeiten, die ich vermuthet hatte, löste, denn ich hatte nur zehn Esel übrig, von denen vier so geschwächt waren, dass man sie als Lastthiere nicht mehr gebrauchen konnte.
Mpwapwa, wie es von den Arabern, die es fertig bekommen, jedes Wort der Eingeborenen zu verderben, genannt wird, heisst bei den Wasagara Mbambwa. Es ist ein Gebirgszug, der sich mehr als 6000 Fuss über dem Meere erhebt, im Norden die ausgedehnte Ebene, die beim See Ugombo anfängt, und im Osten den Theil derselben begränzt, der Marenga Mkali heisst und sich über die Grenze von Uhumba hinaus erstreckt. Mpwapwa gegenüber, in einer Entfernung von etwa 30 Meilen, erhebt sich der Anak-Pic von Rubeho mit mehreren andern hochstrebenden Genossen, welche die langen Züge geradliniger Abdachungen überragen, die von der Ebene von Ugombo und Marenga Mkali sich so regelmässig erheben, als ob sie von ganzen Generationen von Maurern und Steinmetzen ausgehauen wären.
Als ich auf die grünen, von vielen dichtbelaubten Bäumen beschatteten Abhänge von Mpwapwa und seine zahlreichen Bäche blickte, die anmuthig und klar dahinflossen und ausser dichten Gruppen von Gummi- und Dornbüschen riesige Sycamoren und Mimosen mit ihren fallschirmförmigen Laubdächern ernährten, liess ich mir von der Einbildungskraft liebliche Ansichten hinter den hohen Kegeln vormalen und mich in Versuchung führen, den Strapazen eines Ersteigens des Gipfels Trotz zu bieten. Mit einem Blick übersah mein Auge Ebene und Berg in einer Ausdehnung von Hunderten von Quadratmeilen vom Pic Ugombo ins ferne Ugogo hinaus und von Rubeho und Ugogo bis zu den dunkelpurpurnen Weideländern der wilden, unbezähmbaren Wahumba. Die Ebene von Ugombo und die benachbarte von Marenga Mkali, die dem Anschein nach so flach wie das Meer sind, waren hier und da von Hügeln besät, welche die Natur in nachlässiger Eile dahingestreut zu haben schien und die wie Inseln inmitten der braungrünen Fläche aussahen. Wo sich dichte Dschungels befanden, war die Farbe abwechselnd grün und dunkelbraun; wo die Ebene ohne Büsche und Farrnkräuter kahl dalag, hatte sie ein weissbraunes Aussehen, auf welches die vorüberziehenden Wolken hin und wieder ihre tiefen Schatten warfen. Ueberhaupt war diese Seite des Bildes durchaus nicht einladend; denn sie zeigte uns nur zu deutlich die Wüste in ihrem eigensten abschreckenden Charakter. Doch nahm mich vielleicht noch die Erkenntniss gegen dieselbe ein, dass in dieser ungeheuren vor mir liegenden Ebene es nur Wasser gibt, das bitter wie Salpeter und untrinkbar ist. Der Jäger hätte sie für ein Paradies ansehen können, denn in ihren Tiefen gab es allerlei Wild, das ihn mächtig reizen konnte; für den blosen Reisenden aber bot sie einen traurigen Anblick. Näher jedoch am Fusse des Mpwapwa ändert sich das Aussehen der Ebene. Zuerst werden die Dschungels dünner, es erscheinen Lichtungen im Walde, darauf weite kahle Strecken und weiter hin ausgedehnte Felder von kräftigem Holcus, Mais, Maweri oder Bajri, sowie hier und da ein viereckiges Tembé oder Dorf. Noch näher zu uns verliefen schmale Streifen von frischem, jungem Grase und es fanden sich grosse Bäume, die von kleinen Partien angeschwemmten Wiesenbodens umgeben waren. Ein breites Flussbett, das mehrere Wasserläufe enthält, zieht sich durch die durstigen Felder und führt das belebende Element mit sich, das in diesem Theile von Usagara so selten und kostbar ist. Hinab zum Flussbett neigt sich der Mpwapwa, der an einigen Stellen durch grosse Basaltblöcke oder Felsmassen, die von einem jähen Abhang herabgefallen sind, ein rauhes Ansehen gewinnt. Hier klammert sich der Kolquall mit sicherm Halte an und gewinnt seine Nahrung überall, wo es keiner andern Pflanze gelingt; dort zieht sich die kräftige Mimose als grüner, abfallender Wall fast bis zum Gipfel hinan und da weidet — ein beglückender Anblick für mich, der ihn so lange entbehrt — zahlreiches Vieh, das der Einsamkeit der tiefen Einschnitte des Gebirgszuges ein angenehmes Leben verleiht.
Den schönsten Anblick jedoch gewährt die nördlich gelegene dichte Gebirgsgruppe, welche, nach Rubeho zu, die vordere Bergreihe wie mit Strebepfeilern stützt. Das ist die Heimat der Winde, die hier entstehen, die jähen Abhänge und einzelnen Pics der Westseite, an Stärke zunehmend, hinabsausen, durch das prairieartige Marenga Mkali brausen und Ugogo und Unyamwezi mit der Gewalt des Sturmes durchtoben. Zugleich ist es die Heimat des Thaus, wo klare Quellen, die durch ihre Musik die bewaldeten Thäler erfreuen und den bevölkerten Bezirk von Mpwapwa bereichern, entspringen. Es wird jedem besser und stärker zu Muthe auf dieser luftigen Höhe, wenn er die reine Luft einsaugt und die Augen an der Mannichfaltigkeit der Landschaft weidet, die sich hier darbietet. Hier blickt man auf ausgedehnte, wiesengrüne Plateaus, glatt abgerundete Gipfel und Bergthäler, die Schlupfwinkel enthalten, welche die Seele eines Eremiten bezaubern können; dort auf tiefe, schreckliche Schluchten, wo ein düsteres Dunkel herrscht, auf zerrissene Abhänge, ungeheuere phantastisch gestaltete Blöcke, die über ihnen hervorragen, sowie auf malerische Landstriche, die alles in sich schliessen, was die Natur an Romantik und Poesie zu bieten hat.
Der Reisende wird Mpwapwa, obgleich er, von der Küste kommend, für die Milch, die es ihm bietet und die er so lange entbehrt hat, dankbar ist, doch stets als einen durch seine Ohrwürmer sehr merkwürdigen Ort im Gedächtniss behalten. In meinem Zelte konnte ich sie zu Tausenden zählen, in meiner Hängematte zu Hunderten, auf meinen Kleidern zu Fünfzigen, auf meinem Hals und Kopf zu Zwanzigen. Die sonstigen Plagen, als da sind Heuschrecken, Flöhe und anderes Ungeziefer, verlieren jede Bedeutung, wenn man sie mit diesen entsetzlichen Ohrwürmern vergleicht. Freilich beissen sie weder, noch reizen sie die Haut, ihre blosse Anwesenheit und Zahl rief jedoch so schreckliche Vorstellungen hervor, dass man dadurch fast toll werden konnte. Wer kommt wol nach Ostafrika, ohne die Erfahrungen von Burton und Speke gelesen zu haben? Wer wird wol, wenn er sie gelesen, sich nicht mit Schrecken der furchtbaren Schilderungen erinnern, die Speke von dieser Pest gibt? Nur meine angestrengte Wachsamkeit hat mich, wie ich glaube, vor ähnlichem Unglück bewahrt.
Nach den Ohrwürmern kommen, was Bedeutung und Zahl betrifft, die weissen Ameisen, deren Zerstörungsvermögen geradezu schrecklich ist. Matten, Tuch, Koffer, Kleider, kurz alles, was ich besass, schien sich am Abgrunde des Verderbens zu befinden, und wenn ich ihre Gefrässigkeit beobachtete, so ängstigte ich mich, dass sie mein Zelt, während ich schlief, auffressen könnten. Dieses war, seitdem ich die Küste verlassen, das erste Khambi, wo ihre Anwesenheit mir Angst verursachte. An allen andern Lagerstätten hatten bisher die rothen und schwarzen Ameisen unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen; in Mpwapwa aber liess sich die rothe Gattung gar nicht blicken und die schwarze war auch sehr selten.
Nachdem wir drei Tage in Mpwapwa gehalten, entschloss ich mich, ohne Aufenthalt nach Marenga Mkali zu marschiren, bis wir Mvumi in Ugogo erreichten, wo ich die Kunst, Tribut an die Wagogohäuptlinge zu bezahlen, erlernen sollte. Der erste Marsch nach Kisokweh wurde absichtlich kurz gemacht, da er nur vier Meilen betrug, um es Scheikh Thani, Scheikh Hamed und fünf bis sechs Waswahili-Karavanen zu ermöglichen, mich in Tschunyo, an der Grenze von Marenga Mkali, zu treffen.