Zwei Wasagara-Männer, mit Speeren bewaffnet
JUNGE WASAGARA.

Es folgen nun auf unserer Marschlinie die Wagogo, ein mächtiger Stamm, der die Gegend westlich von Usagara nach Uyanzi zu bewohnt, die ungefähr 80 Meilen breit und 100 Meilen lang ist. Der Reisende muss bei seinem Verkehr mit ihnen sehr klug und kritisch verfahren. Hier hört er zuerst das Wort „Honga“, welches jetzt, nachdem er Simbamwenni passirt, Tribut, vorher ein Geschenk an einen Freund bedeutet. Da dasselbe unter Androhung von Krieg, falls man nicht freiwillig bezahlt, abgefordert wird, so ist die beste Deutung des Wortes „mit Gewalt erpresster Tribut oder Zoll“.

Unter nachfolgenden drei Routen durch Ugogo, mit Angabe der Summe des Tributs, die eine Karavane von 150 Mann zu zahlen hat, steht dem Reisenden die Wahl frei:

Nördlicher
Weg.
Tribut.
Mittlerer
Weg.
Tribut.
Südlicher
Weg.
Tribut.
 
Tücher.
 
Tücher.
 
Tücher.
Mvumi
 35
Mvumi
 35
Kifukuru
 25
Matamburu
 24
Muhalata
 25
Kisewah
 30
Bihawana
 10
Mafanya
 15
Kanyeni
 40
Kididimo
 26
Kanyenyi
 40
Sanza
 15
Pembera Pereh
 30
Sanza
 15
Usekke
 21
Mizanza
 22
Khonse
 20
Khonko
 20
Mukondoku
 32
Khonko
 20
Kiwyeh
 27
 
179
Kiwyeh
 27
 
178
     
197
   

Diese Stoffe werden nur von den Binnenland-Karavanen bezahlt; den nach der Küste zurückkehrenden werden dagegen gewöhnlich Hacken und Elfenbein abverlangt.

Es versteht sich von selbst, dass, wenn der Reisende wünscht, um noch grössere Summen gestraft zu werden, er die Wagogo stets bereit findet, jeden Fetzen Stoff, den er ihnen gibt, anzunehmen. Mvumi verlangt z. B. 60 Zeuge und wundert sich über seine eigene Grossmuth, eine so kleine Zahl von einem grossen Musungu (Weissen) zu fordern. Der Reisende jedoch wird klug daran thun, die Unterhandlungen seinen tüchtigsten Leuten zu überlassen, nachdem er ihnen eingeschärft, sich in Acht zu nehmen und nicht zu rasch auf eine bestimmte Zahl einzugehen.

Die Wagogo sind in physischer und intellectueller Beziehung die beste Rasse zwischen Unyamwezi und dem Meere. Ihre Farbe ist ein kräftiges braunschwarz. Von vorn gesehen haben sie etwas löwenartiges an sich. Ihre Gesichter sind breit und intelligent, die Augen gross und rund, die Nase platt und der Mund sehr gross, die Lippen jedoch sind zwar dick, indess nicht in so ungeheuerlichem Grade, wie wir sie uns in unserer Caricatur eines Negerideals vorstellen. Bei alledem ist der Mgogo, wennschon ein wilder Mann, der bei der geringsten Versuchung vor keiner Unthat zurückschreckt, doch für den Weissen eine anziehende Figur. Er ist stolz auf seinen Häuptling und auf sein Land, obwol dieses unfruchtbar und reizlos ist; stolz auf sich selbst, seine Macht, seine Waffen, seine Habe; eitel, sehr egoistisch, ein Renommist und Tyrann, aber auch zur Freundschaft und zu Opfern für einen Freund fähig. Ein grosser Fehler in seinem Charakter, der ihn den Reisenden gegenüber in ein schlechtes Licht setzt, ist seine ausserordentliche Habgier; wenn dieser unter derselben zu leiden hat, so stimmt ihn das eben nicht besonders freundlich gegen den Bewohner von Ugogo.

Dagegen ist dieser kräftige Eingeborene mit der dunkeln Hautfarbe, der Löwenstirn, dem drohenden Aussehen und bramarbasirenden Charakter, dieser stolze, hochmüthige und zanksüchtige Mensch ein blosses Kind einem andern gegenüber, der sich die Mühe nicht verdriessen lässt, seinen Charakter zu studiren und seine Eitelkeit zu schonen. Er ist leicht zu amüsiren, da seine Neugierde leicht angeregt wird. Ein Reisender von schroffem Charakter wird bestimmt mit ihm Streit bekommen; in Gegenwart dieses rohen Kindes der Natur jedoch, zumal wenn es die Macht hat, gereicht es dem Reisenden zu Vortheil und eigener Sicherheit, seine Schroffheiten abzulegen. Der Mgogo Räuberheld befindet sich auf seinem eigenen Grund und Boden und hat einen entschiedenen Vortheil vor dem weissen Fremdling. Jener ist zwar nicht tapfer, kennt aber doch die Schwäche des Reisenden und ist geneigt, davon Vortheil zu ziehen, wird aber durch das Interesse, das er am Frieden hat, daran verhindert, irgendein Verbrechen zu begehen. Denn jede gegen einen Reisenden verübte Gewaltthat würde den Weg sperren, die Karavanen veranlassen, sich andere Wege aufzusuchen und somit den Häuptlingen grosse Einbussen an ihren Einnahmen verursachen.

Der Mgogo-Krieger trägt als Waffen einen Bogen und einen Köcher voll mörderisch aussehender spitzer, mit Zinken und Widerhaken versehener Pfeile, ein paar leichte, schön gearbeitete Assegais, einen breiten, schwertartigen Speer mit einer mehr als zwei Fuss langen Klinge, eine Streitaxt und ein Rungu oder mit einem Knauf versehenen Knüttel. Auch hat er einen ovalen Schild aus Rhinoceros-, Elefanten- oder Stierhaut, der mit schwarzen und weissen Figuren bemalt ist. Seit seiner frühesten Kindheit ist er mit diesen Waffen vertraut und vom 15. Jahre an weiss er sie vortrefflich zu gebrauchen.

In sehr kurzer Zeit ist er für die Schlacht gerüstet; der Bote des Häuptlings eilt von Dorf zu Dorf und bläst sein Ochsenhorn als Signal zum Kriege. Der Krieger hört es, wirft seine Hacke über die Schulter, tritt in sein Haus und kommt nach einigen Secunden wieder in Kriegsfarben und vollem Kampfkostüm heraus. Ueber seinem Haupte wallen Strauss-, Adler- oder Geierfedern; hinter ihm her flattert sein langes, scharlachrothes Gewand; auf dem linken Arme befindet sich sein Schild; in der linken Hand sein schnellender Assegaispeer und in der rechten hält er sein wuchtiges Beil, das zweischneidig und spitz auf einem starken Griffe steckt. Um Knöchel und Knie sind klingende Ketten gebunden; mit den seine Arme zierenden elfenbeinernen Armbändern zeigt er seine Ankunft an. Mit der Hacke des arbeitsamen Bauers hat er auch das Aeussere desselben abgelegt und ist jetzt der stolze, eitle, übermüthige Krieger, der wie ein Athlet aufspringt und begierig nach dem Schlachtfelde schnaubt.

Die Stärke und Macht der Wagogo kommt von ihrer Zahl her. Denn obwol man bisweilen Wagogokaravanen auf dem Wege nach Unyamwezi hin und zurück trifft, so werden sie doch nicht so sehr wie die Wanyamwezi im Handel beschäftigt. Daher sind ihre Dörfer stets voll von Kriegern. Schwache Stämme oder Reste anderer Stämme freuen sich sehr, unter ihren Schutz aufgenommen zu werden. Auch einzelne Individuen von andern Stämmen, die wegen irgendeiner Gewaltthat gezwungen sind, dieselben zu meiden, finden sich oft in den Dörfern der Wagogo. Im Norden sind die Wahumba sehr zahlreich, im Süden die Wahehe und Wakimbu und im Osten finden sich manche Familien aus Usagara. Auch kommen Wanyamwezi häufig in diesem Lande vor. Diese letzteren sind wie die Schotten; man kann sie fast überall in Mittelafrika finden und sie verstehen es, sich eine hervorragende Stellung zu schaffen.

EIN TEMBÉ AUS DER VOGELSCHAU.

Wie in West-Usagara sind auch die Häuser der Wagogo viereckig und um die vier Seiten eines Hofes gereiht, nach welchem sich alle Thüren öffnen. Die Dächer sind alle flach und Korn, Kräuter, Taback und Kürbisse liegen auf denselben ausgebreitet. Die Rückseite jedes Gemachs ist von Löchern durchbohrt, welche zur Beobachtung und Vertheidigung dienen.

Das Tembé wird in Ugogo sehr leicht gebaut; es besteht nur aus einer Reihe dünner Stöcke, die mit Lehm beworfen sind. Drei bis vier starke Stangen werden in Zwischenräumen in der Erde befestigt, um die Längs- und Querbalken, auf welchen das flache Lehmdach ruht, zu stützen. Eine Musketenkugel kann die geflochtenen Wände eines Ugogotembé völlig durchbohren. In Uyanzi dagegen ist das Tembé stärker, weil sie dort sehr viele schöne Bäume haben, die heruntergeschlagen und in Bohlen von drei bis vier Zoll Dicke zerspalten werden.

Das Tembé ist in Gemächer getheilt, die durch eine geflochtene Wand voneinander getrennt werden. Jedes Gemach enthält eine Familie von erwachsenen jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die sich ihre Betten aus gegerbten Häuten auf dem Boden machen. Nur der Vater der Familie hat eine Kitanda oder feste Schlafstelle, die aus einem mit Ochsenhaut bespannten Gestell oder aus der Rinde des Myombobaumes hergestellt ist. Der Boden besteht aus glatt verstrichenem Lehm, ist sehr schmutzig und riecht stark nach den abscheulichsten Dingen. In den Winkeln befinden sich an den Balken die schönen luftigen Wohnungen der schwarzen, gewaltig grossen Spinnen und anderer Ungeheuer von Insekten.

Eine besonders langköpfige, dunkelfarbige Gattung Ratten sucht jedes Tembé heim. Kühe, Ziegen und Schafe sind die einzigen Hausthiere, denen es gestattet wird, im Tembé zu wohnen. Hunde von der Pariah-Rasse hausen draussen bei dem Vieh.

Die Wagogo glauben an das Dasein eines Gottes oder Himmelsgeistes, den sie Mulungu nennen. Sie beten gewöhnlich zu ihm, wenn ihre Eltern sterben. Nachdem ein Mgogo seinen Vater dem Grabe übergeben hat, bringt er dessen Habe, sein Tuch, Elfenbein, Messer, Dschembe (Hacke), Bogen und Pfeile, Speere und Vieh an einen Ort zusammen, kniet davor nieder und spricht einen Wunsch aus, Mulungu möge seine weltlichen Reichthümer vermehren, seine Arbeit segnen und ihm im Handel Glück bescheeren.

Folgende Unterredung fand zwischen mir und einem Mgogohändler statt:

„Wer hat nach Eurem Glauben Eure Eltern erschaffen?“

„Das hat Mulungu gethan, Weisser!“

„Gut. Wer hat denn Dich erschaffen?“

„Wenn Gott meinen Vater erschaffen, so hat er auch mich erschaffen, nicht wahr?“

„Sehr wohl. Wo meinst Du wol, dass Dein Vater jetzt hingegangen ist, da er todt ist?“ —

„Die Todten sterben“, sagte er feierlich, „sie sind nicht mehr. Der Sultan stirbt, dann wird er zu nichts, dann ist er nicht besser als ein todter Hund; er ist zu Ende, seine Worte sind zu Ende; es gibt keine Worte mehr von ihm. Es ist wahr“, sagte er, da er ein Lächeln auf meinem Gesicht erblickte, „der Sultan wird zu nichts. Wer etwas anderes sagt ist ein Lügner. Das steht fest!“

„Er ist aber doch ein sehr grosser Mann, nicht wahr?“

„Nur solange er lebt; nach dem Tode fährt er in die Grube und da kann man von ihm nicht mehr sagen als von einem andern.“

„Wie begrabt Ihr einen Mgogo?“

„Man bindet ihm die Beine zusammen, den rechten Arm an den Körper und legt den linken unter den Kopf. Dann rollt man ihn auf seine linke Seite ins Grab. Das Zeug, das er während seines Lebens getragen, wird über ihn ausgebreitet. Darauf legen wir Erde auf ihn und Dornbüsche darüber, damit die Fizi (Hyänen) nicht an ihn heran können. Ein Weib wird auf ihre rechte Seite in ein vom Manne gesondertes Grab gelegt.“

„Was macht Ihr mit dem Sultan, wenn er gestorben ist?“

„Wir begraben ihn auch. Nur wird er in der Mitte des Dorfes begraben und wir bauen ein Haus über ihn. Jedesmal, wenn ein Ochse geschlachtet wird, so geschieht das vor seinem Grabe. Wenn der alte Sultan stirbt, so verlangt der neue einen Ochsen und schlachtet ihn vor jenem Grabe unter Anrufung von Mulungu als Zeugen, dass er der legitime Sultan sei. Dann vertheilt er das Fleisch in seines Vaters Namen.“

„Wer folgt dem Sultan? Etwa der älteste Sohn?“

„Ja, wenn er einen Sohn hat. Wenn er aber kinderlos ist, so folgt der ihm an Rang zunächst stehende grosse Häuptling. Der Msagira ist der nächste nach dem Sultan; sein Geschäft besteht darin, die Beschwerden anzuhören und dem Sultan vorzutragen. Auch übt er die Gerechtigkeit im Namen des letztern, empfängt das Honga, bringt es dem Mtemi (Sultan), stellt es vor ihn hin und behält soviel davon, als der Sultan nicht für sich beansprucht. Die Häuptlinge heissen Manya-Para und der Msagira ist der oberste Manya-Para.“

„Wie heirathen die Wagogo?“

„Sie kaufen sich ihre Frauen.“

„Was kostet ein Weib?“

„Ein sehr armer Mann kann seine Frau schon für ein paar Ziegen von ihrem Vater kaufen.“

„Wieviel muss der Sultan dafür zahlen?“

„Er hat ungefähr 100 Ziegen oder ebenso viel Kühe, Schafe und Ziegen an den Vater seiner Braut zu zahlen. Natürlich ist der Vater ein Häuptling; der Sultan würde sich kein gemeines Weib kaufen. Des Vaters Einwilligung muss erlangt und ihm dann das Vieh übergeben werden. Viele Tage gehören dazu, um die Unterhandlungen hierüber zu beendigen. Die ganze Familie und alle Freunde der Braut müssen sich darüber unterhalten, ehe sie ihres Vaters Haus verlässt.“

„Was geschieht im Falle eines Mordes dem Manne, der einen andern getödtet hat?“

„Der Mörder muss 50 Kühe bezahlen. Ist er zu arm, um zu bezahlen, so gibt der Sultan den Verwandten des Ermordeten das Recht, ihn zu tödten. Wenn sie ihn fangen, so binden sie ihn an einen Baum und werfen Speere nach ihm und zwar zuerst immer einen auf einmal; dann springen sie auf ihn zu, schneiden ihm den Kopf ab und später die Arme und Gliedmassen und streuen dieselben im Lande umher.“

„Wie bestraft Ihr einen Dieb?“

„Wenn man ihn beim Stehlen ertappt, so wird er sofort todtgemacht und man spricht weiter nicht davon. Ist es nicht ein Dieb?“

„Aber im Falle, dass Ihr nicht wüsstet, wer der Dieb ist?“

„Wenn uns jemand vorgeführt wird, der des Diebstahls bezichtigt ist, tödten wir ein Huhn. Sind die Eingeweide desselben weiss, so ist er unschuldig, sind sie aber gelb, so ist er schuldig.“

„Glaubt Ihr an Zauberei?“

„Das versteht sich von selbst und wir bestrafen den Mann mit dem Tode, der Vieh verzaubert oder den Regenfall hindert.“

Zunächst an Ugogo liegt Uyanzi oder das „Magunda Mkali“ — das heisse Feld. In frühern Zeiten, ehe das Magunda Mkali von den Auswanderern aus Ukimbu bewohnt war, beklagten sich die Lastträger über die fürchterliche Hitze und den Durst, den sie auf der Reise durch dasselbe erleiden mussten. Wasser war auf dem Wege, den sie einschlugen, sehr spärlich und volle Tagemärsche häufig. Daher wurde es von den Wanyamwezi-Pagazi das „heisse Feld“ genannt.

Uyanzi oder Magunda Mkali ist jetzt sehr bevölkert; längs der nördlichen Strasse, die über Munieka führt, ist Wasser reichlich vorhanden, befinden sich zahlreiche Dörfer, und die Reisenden fangen an zu bemerken, dass der Name nicht mehr passt. Die Leute, die das Land bewohnen, sind Wakimbu aus dem Süden. Es sind gute Ackerbauer und ein sehr fleissiger Menschenschlag. Sie ähneln den Wasagara etwas im Aeussern, erfreuen sich aber nicht eines grossen Rufs in Bezug auf Tapferkeit. Ihre Waffen bestehen aus leichten Speeren, Bogen und Pfeilen und Schlachtbeilen. Ihre Tembés sind stark gebaut und sie zeigen bedeutende Gewandtheit in der Kunst, Vertheidigungswerke anzulegen. Die Bomas derselben sind so gut, dass man Kanonen nöthig hätte, um den Eingang zu erzwingen, wenn die Dörfer gehörig vertheidigt würden. Sie sind auch sehr geschickt in der Anfertigung von Fallen für Elefanten und Büffel; hin und wieder verfängt sich auch ein vereinzelter Löwe oder Leopard in denselben.

Nachdem man durch Magunda Mkali marschirt ist, kommt man nach Unyamwezi, dem Lande des Mondes; ich werde jedoch eine Beschreibung des Volkes, das diesen interessanten District bewohnt, einem spätern Kapitel überlassen.

[4] Alle Stämme des Innern kennen diese nur als Waseguhha. Burton aber nimmt den von den Arabern verdorbenen Namen Wasegura an. Krapf, New, Wakefield und ich haben die Aussprache der Eingeborenen, Waseguhha, angenommen.

[5] Kleine Kupfermünzen.