Die Geographie des Landes, durch das wir eben gezogen sind, ist schon auf den vorhergehenden Blättern in verschiedenen Beziehungen beschrieben worden, wie wir sie theils aus den Berichten der Eingeborenen erfahren, theils selbst gesehen haben. Es wird aber wol gut sein, so klar wie möglich in einem Kapitel, das ausschliesslich der Geographie und Ethnographie des Landes gewidmet ist, die Summe davon zu ziehen, welche neuen Kenntnisse wir über das Innere Afrikas gewonnen haben.
Es gab drei Routen von Bagamoyo nach Unyanyembé, zwischen denen unsere Expedition zu wählen hatte; zwei derselben waren aber schon durch die genaue Beschreibung bekannt, die wir von meinen Vorgängern in diesem Theil Afrikas, den Herren Burton, Speke und Grant, erhalten haben. Es war aber noch ein nördlicherer und directerer Weg nach Unyanyembé, welcher durch das nördliche Uzaramo, Ukwere, Ukami, Udoe, Useguhha oder Usegura, Usagara, Ugogo, Uyanzi und von da nach Unyanyembé führen sollte, und dies war der Weg, den ich wählte.
Der Luftlinie nach beträgt die Entfernung von Bagamoyo nach Unyanyembé fast sechs Längengrade oder 360 engl. Meilen. Die Krümmungen des Weges, den die Karavanen einschlagen, der in Afrika der Lage des Landes angepasst ist und der leichtern, weniger gefährlichen, vortheilhaftern Richtung folgt, vergrössert die zurückzulegende Entfernung auf mehr als 520 Meilen. Hierbei rechne ich natürlich nach der Zeit, die zu den Märschen gebraucht worden, und nach unserm Marschtempo, das ich genau zu 2½ engl. Meilen pro Stunde abschätze.
Der Theil des Landes, der sich von Bagamoyo nach Kikoka hinzieht, heisst „Mrima“, der Berg; er kann auch Swahili oder Zanguebar genannt werden. Den letztern Namen finden wir auf unsern alten Karten mit Vorliebe als die Bezeichnung eines länglichen Seeküstenstrichs aufgeführt, der sich von der Mündung des Juba nach Cap Delgado oder vom Aequator nach 10° 41′ südl. Br. erstreckt. Swahili bedeutet die „Seeküste“, daher heisst das Volk, das auf der Seeküste von Zanguebar wohnt, die Waswahili und ihre Sprache Kiswahili. Hier erwähne ich zugleich, dass das Präfix U das Land, Wa die Bewohner im Plural, M den Singular der einzelnen Person bezeichnet. So bedeutet denn Uzaramo das Land Zaramo; Wazaramo die Leute von Zaramo; Mzaramo eine Person aus Zaramo; Kizaramo die Sprache von Zaramo.
Bagamoyo ist ein kleiner Hafen an der Mrima, Swahili- oder Zanguebarküste, der fast gegenüber dem Hafen von Zanzibar liegt, wo die nach Unyanyembé bestimmten Karavanen gewöhnlich landen. Einige Meilen höher nach Norden liegen die Häfen von Whinde und Sa’adani, welche beide je an einem Ufer des Flusses Wami liegen. Vier Meilen südlich von Bagamoyo befindet sich Kaole, ein kleines Dorf, das ein Gurayza oder Fort mit einer aus etwa einem Dutzend Belutschen bestehenden Garnison enthält. Südlich von Kaole liegt Kondutschi, und noch südlicher Dar Salaam, ein von dem verstorbenen Sultan neu gegründeter Hafen. Südlich von Dar Salaam befindet sich Mbuamadschi, ein ganz bedeutender Sammelplatz für nach dem Innern bestimmte Karavanen. Ungefähr 60 Meilen südlich von Mbuamadschi befindet sich die nördlichste Mündung des Rufidschiflusses gegenüber der Insel Mafia oder Monfia, und einen Grad weiter südlich kommen wir zu dem berühmten Hafen Kilwa, dem grossen Stapelplatz der Sklavenhändler.
Der als Mrima bekannte Strich Landes hat in den Augen der civilisirten Welt eine grosse Bedeutung, denn bei allen Verhandlungen über die Sklavenfrage muss sich unsere Aufmerksamkeit allen Ernstes auf diesen Punkt concentriren. Seine Bedeutung liegt für uns in der Thatsache, dass mit Hülfe der in demselben befindlichen Häfen Mombasah, Bueni, Sa’adani, Whinde, Bagamoyo, Kaole, Kondutschi, Dar Salaam, Mbuamadschi und Kilwa drei Viertel der gefangenen, geraubten oder im Innern gekauften Sklaven ins Ausland verschifft werden. Diese Thatsache darf man nicht vergessen.
Wenn wir einmal den Fluss Kingani auf unserm Wege nach Unyanyembé passirt haben, so kann man sagen, dass wir das Land der Wamrima verlassen haben und in den nördlichsten Theil von Uzaramo gelangt sind. Der Sultan von Zanzibar hat in Kikoka, vier Meilen westlich von Kingani, einen Posten etablirt und hierdurch seine Ansprüche auf den Besitz der zehn Meilen Land von Bagamoyo nach Kikoka geltend gemacht. Da es zwischen dem Fluss und Kikoka keine Einwohner gibt, so wird auch dieser Anspruch nicht in Frage gestellt.
Zur Rechten, d. h. nördlich von dem Wege nach Unyanyembé, erstreckt sich Ukwere, zwei Tagemärsche oder 25 Meilen lang. Nach Westen dehnt sich Ukwere von Rosako bis Kisemo 60 Meilen weit aus. Von Kisemo westlich, auf dem halben Wege nach Mikeseh, oder östlich von dem Kira-Pic liegt Ukami. Dieses Land dehnte sich früher bis nach Simbamwenni aus und schloss diese Hauptstadt der Waseguhha in sich; die Wadoe aber, ihre nördlichen Nachbarn, besiegten die Einwohner und eroberten das Land, wurden aber ihrerseits wieder von dem mächtigen Stamme der Waseguhha unterworfen. Unter dem Namen Udoe existirt noch ein grosses Land zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla, das sich im Norden über Ukami, im Osten noch über Ukwere hinaus nach der Mrima oder Küste zu hinzieht. Dieser Theil zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla ist das südwestlichste Ende des Gebiets der Wadoe.
Useguhha fängt bei Ulagalla an, und sein westliches Ende befindet sich am östlichen Ufer des Makata.
Dieses ganze Land, das die Districte von Ukwere, Ukami, Udoe und Useguhha umschliesst, wird vom Kingani und seinen Nebenflüssen durchzogen, oder ich sollte eigentlich sagen, von seinem Hauptnebenflusse, dem Ungerengeri. Indem ich diese nördliche Route einschlug, wurde ich in den Stand gesetzt, den Hauptnebenfluss des Kingani im Ungerengeri zu entdecken, der von den Eingeborenen da wo er sich in den Hauptfluss ergiesst, Rufu genannt wird. Speke und Grant haben den Mgeta, einen andern Zufluss, entdeckt, der westlich von dem Mkambaku-Gebirge kommend, nach Süden zu einen Bogen bildet und das ganze Ukutu und Uzaramo durchfliesst. Das Areal, welches vom Kingani und seinem Nebenflusse entwässert wird, lässt sich höchstens auf 12,000 engl. Quadratmeilen schätzen.
Wer die Geographie Afrikas studirt hat, wird es bemerken, dass Speke auf seiner Karte nahe bei 37° östl. L. einen Gebirgszug als Mkambaku-Kette verzeichnet hat, der sich mindestens einen Grad nach Norden hinzieht. Den Theil dieses Gebirgszugs, der „Mkambaku“ heisst, hat unsere Expedition gesehen; seine nördlichste Partie ist als Uruguru-Gebirge bekannt. Am Fusse seines nördlichsten Endes, wo es sich nach Osten umwendet, liegt die Hauptstadt des südlichen Useguhha, Simbamwenni.
Speke sagt: „Wo der Kingani selbst entspringt, konnte ich nie ausfindig machen; doch habe ich gehört, dass sein Ursprung in einer sprudelnden Quelle auf der östlichen Seite des Mkambaku zu finden sei, wonach der Mgeta der längere Arm wäre.“ Mit welchem Namen wir nun auch diesen Fluss bezeichnen, ob als Kingani oder Hamdallah, wie ihn die Wamrima nennen, oder als Rufu, wie er bei den Wakwere, Wakami, Wadoe und Waseguhha heisst, so kann seine Quelle jetzt nicht mehr zweifelhaft sein. Speke hat die Entdeckung gemacht, dass der Mgeta, einer der beiden Hauptzuflüsse, am westlichen Abhange des Mkambaku entspringt, und hat ihn um den Süden von Khutu dahinfliessen sehen. Ich habe entdeckt, dass der zweite Hauptzufluss, der Ungerengeri, westlich von dem Mkambaku oder eigentlich von den Uruguru-Bergen entspringt, und dass er nordwärts durch Useguhha und Udoe in das südliche Ukwere und Ukami und von dort in den Kingani fliesst. Dieser Fluss ist den Eingeborenen als Rufu von da ab bekannt, wo er in Ukwere eintritt, bis an den Punkt, wo er, drei Meilen nördlich von Bagamoyo, in den Ocean mündet. Bei den Arabern jedoch heisst derselbe von dem Punkt an, wo sich die verschiedenen Zuflüsse vereinigen, Kingani. Unter diesem Namen wird er Leuten, welche die Karten afrikanischer Reisenden studirt haben, am besten bekannt sein.
Die grösste Höhe, die unsere Expedition zwischen Bagamoyo und Simbamwenni in Useguhha erreicht hat, betrug nicht mehr als 1000 Fuss, und mit Ausnahme einiger hier und dort nördlich von Kingaru Hera und in der Umgegend von Mikeseh sichtbaren Kegel, die als Dilima-Pics bekannt sind, sieht man das Land sich allmählich in einer Reihe länglicher parallel verlaufender Hügelketten erheben, die stark bewaldet und mit Gestrüpp bewachsen sind, oder glatte, grasbestandene Bergrücken bilden, deren Abhänge nach Osten und Westen zu welligen Senkungen abfallen, durch welche die Wasserläufe sich nach Süden und Südwest in den Ungerengeri ergiessen.
Jenseits Simbamwenni und westlich vom Ungerengeri stehen wir plötzlich vereinzelten, hoch aufgethürmten Kegeln mit abgestumpften Spitzen gegenüber, die untereinander durch niedrige Sättel oder Bergfirsten zu einer isolirten Gebirgsgruppe verbunden sind, die sich wenigstens 2000 Fuss über den Ungerengeri erhebt. An ihrem Fusse, an der nördlichen Seite dieses Stromes, zieht sich östlich ein langer bewaldeter Bergrücken hin, der den Ungerengeri von dem Wami trennt.
Diese imposante Landschaft erfreut das Auge des Fremdlings sehr, der sich der Hoffnung hingibt, bald bedeutendere Höhen zu ersteigen und dadurch vor den Fiebern bewahrt zu bleiben, welche der der Natur des Innern von Afrika Unkundige nur den Dschungels und Mooren der Seegegend zuschreibt.
In einem Marsche von Simbamwenni kommt man jedoch durch einen Engpass der Berggruppe nach Simbo, wo man einen deutlichen Blick in das breite Thal des Grossen Makata gewinnt, das von der hohen, kühnen, rückwärts nach Osten zu liegenden Gruppe, und der herrlichen Bergkette von Usagara begrenzt wird, deren stolze Pics und hochstrebende Gipfel in den Wolken begraben sind.
Ich habe der Klarlegung des Unterschieds, der zwischen dem Kingani und dem Wami existirt, viel Zeit gewidmet. Erst nachdem ich mich selbst überzeugt, habe ich es gewagt festzustellen, dass der Unterschied zwischen diesen beiden Flüssen klar und bestimmt vorhanden ist. Die Araber, Wamrima und Eingeborenen und meine eigene persönliche Kenntniss des Landes und der Gestaltung seiner Oberfläche erheben es über allen Zweifel, dass der Kingani und Wami zwei völlig voneinander verschiedene Flüsse sind. Der erstere tritt drei Meilen nördlich von Bagamoyo ins Meer, wogegen der letztere sich ungefähr auf dem halben Wege zwischen den Häfen Whinde und Sa’adani in dasselbe ergiesst.
Der vorstehende Plan wird am besten das Flusssystem dieser Gegend klarlegen.
Es hat sich also herausgestellt, dass der Ungerengeri aus Südwesten in den Kingani fliesst. Von dem Punkte, wo wir uns befinden (Simbo), ist die Formation des Landes deutlich zu überblicken. Zur Rechten, das Gesicht nach Westen gewandt, befindet sich das Thal des Makata oder des Wami, der nach Norden und Osten fliesst; zur Linken haben wir das Thal des Ungerengeri, welcher, nachdem er eine kühne Schwenkung nach Norden gemacht hat, nach Südosten strömt. Unsere Marschlinie von Bagamoyo hierher ist ungefähr gleich weit von beiden Flüssen entfernt gewesen, wobei der Wami rechts und der Ungerengeri oder Kingani links liegen bleibt.
Sieht man sich die vorstehende Kartenskizze an, so wird man finden, wie ein und derselbe Fluss drei bis vier ganz verschiedene Namen trägt, wodurch Reisende bei Verfolgung ihrer geographischen Forschungen sich leicht täuschen lassen. Ebenso wie der Kingani eine Reihe verschiedener Namen führt, heisst auch der Fluss, welcher zwischen den mohammedanischen Häfen Whinde und Sa’adani ins Meer mündet, abwechselnd Wami, Rudewa, Makata und Mukondokwa.
Der erste bedeutende Fluss, auf den man stösst, wenn man in die weite Ebene, das Thal von Makata, tritt, ist der Kleine Makata, der, obwol zu allen Jahreszeiten passirbar, in der Höhe der Masikazeit ein reissender, für Reisende gefährlicher Strom wird. Hinter demselben kommt man an ein tiefes Nullah, das während der Regenzeit von Wasser überfliesst, und einige hundert Meter weiter an den Grossen Makata, den Wami oder Mukondokwa, einen Fluss, der im Stande ist, sich zu einem mächtigen Strom von 500–600 Meter Breite zu erweitern. Jenseits des Grossen Makata gelangt man an den Mbengerenga, einen Zufluss des Rudewa, welcher hier parallel mit unserer Marschroute fliesst und sich in den Wami, unmittelbar oder doch sehr nahe am Zusammenfluss des Grossen und Kleinen Makata, ergiesst. Nachdem man den Mbengerenga überschritten, kommt man sofort zu einem andern kleinen Zufluss des Rudewa und sieht den letztern selbst wie er sich der Strasse nähert und scharf nach Osten wendet. Weiter nach Süden gewandt kommt man an den Uronga, einen Fluss, der in Mundu, im nördlichen Usagara, entspringt und hinter dem Lager in Rehenneko, über eine vorspringende Gebirgskette hinweg, wieder zum Makata gelangt, der hier bei den Wasagara den Namen Mukondokwa führt. Verfolgt man den Weg den Mukondokwapass hinauf, dieselbe Strasse entlang, die Burton und Speke eingeschlagen, so gelangt man an einen Punkt in diesem Thal, wo unsere Wege auseinandergehen, indem der von Burton und Speke den Gipfel der Rubehokette hinauf und dieselbe entlang führt, während der unsrige sich bedeutend nach Norden wendet, jedoch so, dass er sich parallel mit der andern Route in einem Zwischenraume von 20–30 Meilen hinzieht.
Burton kam bald, nachdem er das Thal des Mukondokwa verlassen, auf ein Plateau, das mit steilen Abhängen über Berggefälle, Felsenstufen und Gerölle hinweg in dem Becken des Flusses Rumuma endet. Dies ist ein südlicher Zufluss oder eine Gabelung des Mukondokwa und leitet das Wasser von den Hügeln nach dem Südwesten des Rumuma-Districts, während der Hauptstrom, der in den Hochlanden von Wahumba oder Wamusai entspringt, das Wasser dieser Länder nach Westen führt.
Noch nicht elf Meilen von der Furt, wo Burton’s und Speke’s und mein Weg sich trennten, kam ich an einen See, den Ugombo-See, der, obgleich von beschränkten Dimensionen, eine gewisse Rolle in dem Wassersystem Ostafrikas spielt. Denn dieser kleine See, der kaum drei Meilen lang ist, nimmt den Rumuma auf und entlässt ihn durch einen engen Spalt in den Mukondokwa. Der Hauptstrom entspringt nicht in den Hochlanden der Wahumba oder Wamusai und führt das Wasser aus den westlichen Ländern nicht mit sich, sondern er entsteht wenigstens einen Grad nördlich von der Breite von Ugombo in den Gebirgen von Kema-Kaguru, in dem Lande, das in Kisagara als Mundu bekannt ist, welches auch die Ursprungsstätte des Stromes Uronga oder Ulonga bildet.
Unter den übrigen Zuflüssen dieses Mukondokwa-Flusses befinden sich ausser dem Rumuma die in Kivya entspringenden Flüsse Rufuta und Mdunku, sowie der Myombo und Mdunwi.
Die Länder im Westen von dem Längengrad von Rubeho wurden — wenigstens auf unserer Route — vermittelst Nullahs entwässert, die wegen der allgemeinen Dürre in dieser trockenen Region das Wasser nicht in einen Strom führen. Diese Nullahs oder trockenen Wasserläufe oder vertiefte Fiumaras, die man in Amerika Gulches (Wasserschluchten) nennen würde, absorbiren alles Wasser, das aus den unfruchtbaren, jenseits oder westlich von den Usagara-Bergen liegenden Gegenden in sie hineinfliesst. Der Mukondokwa-Fluss läuft von Norden nach Süden durch die Berge von Usagara, schlägt sich dann nach Osten und entsendet die ihm vom Rufuta, Rumuma, Myombo und Mdunwi zugeführten Wasser östlich in den Indischen Ocean.
Der Regen fällt westlich von Usagara so spärlich, dass die sandigen Fiumaras oder Wasserschluchten selten dem Rufidschi Wasser zuführen. Denn westlich von Ugogi bis nach Tura in Unyamwezi fällt das Wasser nach Süden in den Ruhwha oder Rufidschi.
Jene unfruchtbare Gegend, die das nördliche Marenga Mkali, das ganze Ugogo, südliche Uhumba oder Umasai, Ihange und Mbogwe umschliesst, hat keinen Wasserabfluss. Aller Regen, der hier fällt, wird von den seichten Pfuhlen oder Seen aufgefangen, die über das Innere dieser Gegend so dicht ausgestreut sind. Während der trockenen Jahreszeit findet Verdunstung statt, und das Wasser wird aus diesen Pfuhlen durch die beständigen, von Nordosten kommenden Monsuns in die grössern Behältnisse der Seen geführt, welche der Victoria-Nyanza einnimmt, und von dort in den Nil. Nachdem die Verdunstung stattgefunden, zeigt die Oberfläche dieser unfruchtbaren Gegend grosse Landstrecken, die von Salzen oder Salpeter inkrustirt sind. Die, welche man im Westen von Tschaga, im District Angaruka, sieht, die Salzlagunen von Balibali, westlich von Kikui, und die, welche ich selbst nördlich von Mizanza gesehen, dienen dazu, diese Theorie zu begründen.
Jenseits Ugogo sind die einzigen nennenswerthen Ströme der Mdaburu und der Mabunguru, die südlich in den Kisigo fliessen, dessen Lage einen Grad südlich von Kiwyeh angenommen wird. Er soll, nach den Berichten der Wagogo von Kiwyeh, ein bedeutender und raschfliessender, von zahlreichen Flusspferden und Krokodilen heimgesuchter Strom sein. Der Kisigo fliesst in den Rufidschi.
Von unserm Marsche nach Unyanyembé kann man in Kürze sagen, dass sein erster Theil über das Becken des Kingani, der zweite über das des Wami, der dritte über die Wasserscheide des Wami, der vierte über den nördlichsten Theil des Ruhwha-Beckens und die wasserlose Gegend, der fünfte in die Grenzen der Wasserscheide des Tanganika-Sees führte.
Nun kann der Leser und zwar mit Recht fragen: „Was nützen mir alle diese langweiligen Beschreibungen von Flüssen, die so sonderbare, unverständliche Namen haben?“
Geduld! lieber Leser, gerade auf diesen Punkt will ich jetzt kommen. Wenn man sich die Karte von Afrika näher ansieht, so wird man begreifen, worauf meine Beschreibung zweier besonderer Ströme hinweisen soll.
Erstens ist, wie mir scheint, der Fluss Wami für den Handel benutzbar. Ich weiss, dass man ihn durch leichte Dampfschiffe von einem niedrigen Tiefgang von 2–3 Fuss eine Strecke von 2° in gerader Linie oder fast 200 Meilen zu Wasser vom Hafenort Whinde nach Mbumi in Usagara befahren kann. Alle Hindernisse, die sich der Schifffahrt entgegenstellen, z. B. die Mangelbäume, die an einigen Stellen, namentlich in der Nähe des Dorfes in Kigongo’s District, an beiden Ufern ihre weitausgebreiteten Zweige miteinander verbinden, lassen sich leicht mit dem Beil entfernen.
Mbumi liegt nur ein paar Meilen vom Fusse der Usagara-Berge, dem gesundesten Theile Ostafrikas. Die Entfernung von Whinde nach Mbumi liesse sich mit einem Dampfer leicht in vier Tagen zurücklegen.
Wer Afrika zu civilisiren wünscht, wer direct mit Usagara, Useguhha, Ukutu, Uhehe Handel zu treiben wünscht, Elfenbein, Zucker, Baumwolle, Orseillewurzel, Indigo und Korn aus diesen Ländern beziehen will, dem eröffnet sich hier eine schöne Gelegenheit.
Vier Tage bringen den Missionär auf einem Dampfer in die Hochlande von Afrika, wo er unter den sanften Wasagara ohne Furcht und Unruhe leben und sich alle Genüsse des civilisirten Lebens gönnen kann, ohne Angst, ihrer beraubt zu werden, inmitten der schönsten, malerischsten Scenen, die eine poetische Phantasie auszumalen vermag! Hier gibt es das herrlichste Grün, das reinste Wasser; hier sind Thäler, die von Kornhalmen, von Wäldern von Tamarinden, Mimosen und Kopalbäumen strotzen. Hier findet sich der gigantische Mvule, der stattliche Mparamusi, die schöne Palme, kurz, eine Landschaft, wie sie nur ein tropischer Himmel bedecken kann. Gesundheit und reichliche Nahrungsmittel sind dem Missionär hier sicher; ein sanftes Volk lebt zu seinen Füssen, das ihn gern willkommen heisst. Mit einziger Ausnahme von civilisirter Gesellschaft fehlt hier nichts, was die Seele des Menschen sich wünschen kann.
Vom Dorfe Kadetamare lassen sich eine ganze Zahl prächtiger Plätze zu Missionsstationen benutzen, über welche heilsame Lüfte wehen, in denen Wasser reichlich dahinfliesst, die unvergleichliche Fruchtbarkeit umgibt und wo überall ein gelehriges, gutmüthiges Volk wohnt, das mit sich und allen Reisenden und Nachbarn in Frieden lebt.
Wie die Pässe des Olympos die Pforten des oströmischen Reiches den Horden Othman’s eröffneten, wie die Pässe von Kumaylé und Suru den Briten den Zutritt zu Abessinien verschafften, so können die Pässe des Mukondokwa das Evangelium und seinen wohlthätigen Einfluss ins Herz des wilden Afrika einführen.
Ich kann mir den alten Kadetamare vorstellen, wie er sich die Hände vor Vergnügen über den Anblick des Weissen reibt, der da kommt, um seinem Volke die Worte des Mulungu, des Himmelsgeistes, zu lehren, es zu unterweisen, wie es säen, ernten und Häuser bauen, wie es die Kranken curiren und sich ein angenehmes Dasein verschaffen kann, kurz, wie es civilisirt wird. Der Missionär muss jedoch, um Erfolg zu haben, seine Pflichten ebenso gründlich kennen, wie ein Matrose die seinigen. Es darf kein Mensch in Glacéhandschuhen, kein Weichling, kein Zeitungsschreiber, kein zanksüchtiger Polemiker oder nur auf Ceremonien bedachter Priester, sondern es muss ein ernster Arbeiter im Weinberge des Herrn sein, ein Mann wie David Livingstone oder Robert Moffatt.
Der andere Fluss, der Rufidschi oder Ruhwha, ist noch wichtiger als der Wami, denn er ist viel länger und entsendet zweimal so viel Wasser in den Indischen Ocean. Er entsteht in der Nähe einiger Berge, die ungefähr 100 Meilen südwestlich von Ubena liegen. Man nimmt vom Kisigo, dem nördlichsten und wichtigsten Zufluss des Ruhwha, an, dass er sich nahe beim 35. Grad östlicher Länge in diesen ergiesst. Von dem Zusammenfluss bis zum Meere hat der Ruhwha eine Länge von vier Längengraden in gerader Richtung. Diese Thatsache beweist an sich schon die Wichtigkeit und den Rang desselben unter den Flüssen Ostafrikas. Man weiss sehr wenig über ihn, als dass er für kleine Boote 96 Stunden oder ungefähr 60 Meilen hinauf schiffbar ist, denn Banyanen treiben auf dieser Strecke Handel den Fluss hinauf und sammeln Elfenbein ein von den an seinen Ufern wohnenden Stämmen.
Der Reisende bemerkt zwischen den niedrigeren und höheren, oder den See- und den unfruchtbaren Gegenden einen auffallenden Contrast in Bezug auf die Vegetation. In den Thälern des Ungerengeri und Wami ist die Productionskraft des Bodens merkwürdig. Der üppige schwarze Alluvialboden, der seit vielen Jahrhunderten von diesen Flüssen abgelagert ist, hat, was die Fruchtbarkeit betrifft, gar keine Grenze. Jede Art Pflanze schiesst hier in gigantischen Proportionen auf. Die Grashalme erreichen die Grösse eines gewöhnlichen Bambus, und die Bäume, wie z. B. der Mparamusi und der Mvulebaum, haben 100 Fuss hohe Stämme. Der in diesen Thälern wachsende Mais übertrifft den schönsten, der in den Gründen von Arkansas, Missouri und Mississippi wächst. Das Holcus sorghum oder Matama hat Stengel, die an Dicke das schönste Zuckerrohr übertreffen und von denen manche 12 Fuss hoch werden. Die Dichtigkeit der Dschungels ist geradezu schreckenerregend und die Verschiedenheit der Pflanzen- und Baumarten würde die Kenntnisse des gelehrtesten Botanikers auf die Probe stellen.
In meinen täglichen Berichten über unsere Märsche und Erlebnisse habe ich versucht, die Natur des Landes, wie es sich mir darstellte, während der Zeit unseres Durchzugs zu skizziren. Durch die Seegegend kamen wir in der Masikazeit und konnten auf derselben die Wirkung dieser Jahreszeit auf das Gras beobachten.
Wenn die Masikazeit anfängt, sind diese Gräser kaum kniehoch; gegen Ende derselben haben sie dagegen ihre volle Höhe erreicht. Einen Monat nach der Masikazeit, wo sie ganz verdorrt aussehen, zünden die Eingeborenen sie an und tagelang ertönt das Land noch von dem Toben der wüthenden Brände, über denen ein dicker schwarzer Rauch sich wie eine Wolke erhebt, die dem Himmel selbst eine trübe Färbung verleiht.
Wenn diese Feuer durch die Wälder gewüthet und das Gras verzehrt haben, dann tritt die beste Reisezeit ein. Man kommt leicht fort und kann fast doppelt soviel marschiren, als wenn das Gras durch seine Dichtigkeit und Höhe beständig Hindernisse in den Weg legt. Dann kann das Auge frei über die schwellenden Umrisse und niedrigen Hügel schweifen, ohne dass der Blick gehemmt würde durch einen jungen Wald dicker Gräser, der gerade zwischen dem Beschauer und der reizenden Aussicht liegt, über deren Spitzen nur ein Mann von 15 Fuss Höhe seine Liebe für Naturschönheiten befriedigen könnte.
Es wäre eine schwere Aufgabe, feine ethnische Unterschiede zwischen den Wamrima und den westlicheren Waschensi aufzustellen. Ich wundere mich immer, wie Kapitän Burton im Stande gewesen ist, solch feine Linien zu ziehen, die, wie ich den Leser versichern kann, von einem gewöhnlichen Menschen, wie ich es bin, nicht bemerkt werden.
Nach Zanzibar tritt man zuerst über Bagamoyo in Afrika ein. An diesem Orte kann man Wangindo, Waswahili, Warori, Wagogo, Wanyamwezi, Waseguhha und Wasagara sehen; dennoch würde es für jedermann eine schwierige Aufgabe sein, beim blossen Anblick ihrer Züge oder Kleidung Unterschiede zu erkennen. Man könnte nämlich nur an gewissen Gewohnheiten oder Unterscheidungsmerkmalen, wie z. B. am Tätowiren, Durchstechen der Ohrläppchen, an Zierathen oder der Haartracht, die im Anfange zu unbedeutend erscheinen, als dass man sie bemerkt, Unterschiede unter den verschiedenen Stämmen herausfinden. Gewiss gibt es deren; sie sind aber nicht so gross oder markirt, wie man sie angegeben hat.
Die Waswahili stellen uns eine Rasse vor, die natürlich durch den Verkehr mit halbcivilisirten Menschen beeinflusst und daher besser angezogen sind und vortheilhafter aussehen als ihre wilderen, weiter westlich wohnenden Brüder. Wie man sagt, dass in der Haut eines Russen der Tartare steckt, so lässt sich auch behaupten, dass man unter dem schneeweissen Dischdascheh oder Hemd des Mswahili den echten Barbaren finden wird. Auf der Strasse, im Bazar erscheint er halb arabisirt; seine freundlichen Manieren, sein demüthiges Fussfallen, seine Kniebeugungen, sein Jargon, alles beweist, dass er mit der herrschenden Rasse, der er unterworfen, in Berührung gekommen ist. Ist er jedoch aus den Seestädten hinaus in die Waschensidörfer gegangen, so wirft er das Hemd ab, das ihn halb civilisirt hat, und er erscheint in der ganzen tiefen Schwärze seiner Haut, mit hervorstehendem Unterkiefer und dicken Lippen als reiner Neger und Barbare. Selbst das schärfste Auge könnte einen Unterschied zwischen ihm und dem Mschensi nicht erkennen, wenn man nicht besonders darauf aufmerksam macht, dass die beiden Leute verschiedenen Stämmen angehören.
Der nächste Stamm, den wir kennen lernen, sind die Wakwere, die einen begrenzten Landstrich zwischen den Wazaramo und Wadoe einnehmen. Sie sind die ersten Repräsentanten des reinen Barbaren, auf welche der Reisende stösst, wenn er nur zwei Tagereisen von der Küste entfernt ist, — ein furchtsamer Stamm, die wol nie des Raubes wegen einen Angriff auf eine Anzahl zusammengehöriger Menschen machen wird. Unter den arabischen und waswahilischen Händlern haben sie keinen guten Ruf, sondern gelten für sehr unehrlich, was ich durchaus nicht bezweifle, denn sie haben auch mir guten Grund gegeben, an diese Berichte zu glauben, als ich in Kingaru-Hera und Imbiki lagerte. Die Häuptlinge des östlichem Theils von Ukwere sind nominell den Diwans der Mrima unterworfen. Sie haben sich die dichtesten Dschungels als Orte für ihre Dörfer ausgesucht. Jeder Zugang in eins ihrer Thäler wird aufs eifersüchtigste durch starke, enge Holzthüren geschützt, die selten mehr als 4½ Fuss hoch und bisweilen so eng sind, dass man nur seitlich hinein kann.
Diese Inselchen in den Dschungels, die besonders durch ganz Ukwere zahlreich sind, bieten einem nackten Feinde furchtbare Hindernisse. Die Pflanzen, Büsche und jungen Bäume, welche ihren natürlichen Schutz bilden, sind gewöhnlich Aloë- und Dorn-Arten, die so dicht wachsen und sich miteinander verflechten, dass der kühnste und verzweifeltste Räuber der furchtbaren Phalanx scharfer Dornen, von denen sie überall starren, kaum Trotz bieten dürfte.
Einige dieser Dschungel-Inselchen sind von Banditenbanden besetzt, die es selten verabsäumen, von der Schwäche eines einzelnen Wanderers Vortheil zu ziehen, besonders wenn es ein Mgwana, ein Freier von Zanzibar ist, wie ein jeder Neger, der auf Zanzibar wohnt, von den eingeborenen Waschensi des Innern bezeichnet wird.
Ich möchte die Bevölkerung von Ukwere, in dessen Gebiet (das nicht mehr als 30 engl. Meilen im Geviert hat und südlich vom Rufufluss, nördlich vom Wami begrenzt wird) ungefähr hundert Dörfer anzunehmen sind, zu nicht mehr als 5000 Seelen schätzen. Wären diese sämmtlich unter dem Befehle eines Häuptlings verbunden, so könnten die Wakwere immerhin ein mächtiger Stamm werden.
Nach den Wakwere kommt man zu den Wakami, den Resten eines einst grossen Volks, das die Länder vom Ungerengeri bis zum Grossen Makataflusse inne hatte. Häufige Kriege mit den Wadoe und Waseguhha haben sie auf einen engen Landgurt beschränkt, der in gerader Richtung zehn Meilen beträgt und von dem man sagen kann, dass er zwischen dem Kira-Pic und der steinigen Felsenkette liegt, die an das Thal des Ungerengeri im Osten, einige Meilen vom östlichen Ufer des Flusses, grenzt.
Im Ungerengeri-Thale sind sie so zahlreich wie Bienen. Die unübertroffene Fruchtbarkeit desselben ist für dieses Volk eine Hauptursache gewesen, ihren Stammesunterschied zu bewahren. Mit einem Fernrohr kann man, wenn man von dem steinigen Bergrücken hinab ins schöne Thal blickt, Haufen brauner Hütten inmitten von Gebüschgruppen wahrnehmen und ungefähr 100 Dorfschaften zählen, welche überall grossen Wohlstand zeigen.
Von Ukami kommt man ins südliche Udoe und findet ein kriegerisches, stattlich aussehendes Volk von viel intelligenteren Gesichtszügen und etwas hellerer Hautfarbe als die Wakami und Wakwere, — ein Volk, das voll von Rassentraditionen steckt, das sich kühn wegen der kleinsten Verletzung ihres Gebiets in den Kampf gestürzt und tapfer gegen die Waseguhha und Wakami, sowie gegen nomadische Räuber aus Ukumba vertheidigt hat.
Udoe gehört seinem Aeussern nach zu den malerischsten Ländern zwischen dem Meere und Unyanyembé. Grosse Kegel schiessen über die unendlichen Wälder in die Höhe und über ihnen schweben leichte flockige Wolken dahin, durch welche die heissglühende Sonne ihre Strahlen entsendet und das Ganze in Licht badet, welches diesen sich reihenweise bis an die Gipfel der Berge erstreckenden Laubkugeln Farbentöne entlockt, die den Nachbildungsversuchen des strebsamsten Malers Trotz bieten würden. Erst Udoe ruft des Reisenden Liebe zur Naturschönheit wieder wach, nachdem er das Meer verlassen. Hier führen ihn die Wege längs der scharfen Kanten von Bergketten, von denen er hinabsehen kann auf waldbewachsene Abhänge, die sich zu beiden Seiten in tiefe Thäler senken, um sich jenseits in hochstrebende Kegel zu erheben, welche den Himmel küssen, oder in eine hohe Bergkette mit tiefen, concentrischen Schluchten zu verwandeln, die durch ihr herausfordernd geheimnissvolles Aussehen fast in Versuchung führt, auf die Erforschung derselben viel Mühe zu verwenden. Wenn ein Byron diese Landschaft von Udoe erblickte, so würde er geneigt sein zu sagen:
Was könnte dieser Stamm uns nicht alles über die Thaten der Sklavenhändler erzählen! Von der verbündeten Macht der Waseguhha aus West und Nord und den Sklavenhändlern von Whinde und Sa’adani im Osten angegriffen, haben die Wadoe es wol hundertmal erlebt, dass ihre Weiber und Kinder fortgeschleppt, ein Bezirk nach dem andern von ihrem Lande fortgerissen und mit Useguhha verbunden worden ist. Denn das Volk von Useguhha wurde von den Sklavenhändlern in Whinde gemiethet und mit Waffen und Munition versehen, um ihre Nachbarn, die Wadoe, anzugreifen und sie wiederholt in grossen Massen zu Sklaven zu machen. Denn Individuen dieses Stammes, namentlich Weiber und Kinder, die so wol in physischer als geistiger Beziehung den knechtischen Rassen, die sie umgeben, so überlegen sind, waren bei den sinnlichen Mohammedanern als Concubinen und Diener sehr gesucht.
An diesem Stamme bemerkt man zuerst, dass er unterscheidende Stammesabzeichen hat, die in einer sich der Länge nach an beiden Seiten des Gesichts herabziehenden Linie von Punkten und in dem Abfeilen der innern Seiten der beiden Mittelzähne des Oberkiefers bestehen. Die Waffen dieses Stammes ähneln denen der Wakami und Wakwere und bestehen aus einem Bogen, einem Schilde, einigen leichten Speeren oder Assegais, einem langen Messer, einer kleinen handlichen Schlachtaxt und einem Knüttel, der an dem einen Ende einen grossen Knopf hat, welcher mit vielem Geschick um das Haupt eines Feindes geschwungen wird und diesem einen betäubenden, bisweilen sogar tödlichen Schlag versetzt.
Wenn man aus den Wäldern von Mikeseh heraustritt, kommt man in das Gebiet der Waseguhha oder Wasegura[4], wie die Araber dies Land fälschlich nennen. Useguhha erstreckt sich in der Länge über zwei Grade und seine grösste Breite ist 90 engl. geographische Meilen. Es hat zwei Hauptabtheilungen, Süd-Useguhha, von Uruguru bis zum Wami, und Nord-Useguhha, unter dem Häuptling Moto, vom Wami bis Umagassi und Usumbara.
An der Erhebung dieses Stammes zu bedeutender Macht haben wir ein Beispiel der Wechselfälle, welche die barbarischen Rassen im Verlaufe der Zeit erlebt haben. Vor 30 Jahren waren die Waseguhha auf einen engen Landgürtel zwischen den Wasambara und den Wadoe beschränkt. Die Wadoe waren der Hauptstamm im Osten der Usagara-Gebirge, aber die Sklavenhändler brachten ihnen Verderben, verriethen sie an organisirte Banditenbanden, die aus vagabondirenden Wamrima, fortgelaufenen Sklaven, Verbrechern aus Zanzibar und Menschenräubern bestanden und die Wälder zwischen Usagara und dem Meere unsicher machten. Diese Banden überzogen die den Wadoe unterworfenen Stämme mit Krieg, und da Sklaven dieses Stammes sehr gesucht und sowol wegen der Schönheit ihrer Gestalt, als ihrer physischen sowie sonstigen Vorzüge halber gern gekauft wurden, nahmen diese Raubzüge gegen den Stamm so zu, dass nach einigen Jahren die Wadoe fast gänzlich aus ihren schönen Thälern und dem herrlichen Lande am Ungerengeri vertrieben waren. Unter diesen Räubern war der berüchtigte Kisabengo einer der hervorragendsten, dessen schändliches Leben ich schon bis zu der Zeit gekennzeichnet habe, wo er seine Veste in Simbamwenni in der Nähe des Ungerengeri erbaute.
Fast alle Waseguhha-Krieger sind mit Musketen bewaffnet und die Araber versehen sie mit ausreichender Munition, wofür sie dann die Waruguru, Wadoe und Wakwenni angreifen, um Sklaven für den arabischen Markt zu bekommen. Es ist erst fünf Jahre her, dass die Waseguhha einen glücklichen Raubzug ins Herz der Wasagara-Berge ausführten, in welchem sie die bevölkerten Theile der Makataebene verwüsteten und mehr als 500 Sklaven erbeuteten. Früher wurden Kriege in diesem Lande durch Blutfehden zwischen den verschiedenen Häuptlingen verursacht; jetzt werden sie durch die Sklavenhändler der Mrima angezettelt, damit diese Menschenwaare auf den Markt nach Zanzibar gebracht werden könne.
Das ostafrikanische Geschwader hat die Macht, dieses Hornissennest zu vernichten und dem unmenschlichen Handel mit Sklaven, insoweit Useguhha im Stande ist, ihn aufrecht zu erhalten, ein Ende zu machen. Wenn ein langes Dampfboot mit 50 Mann an Bord zu diesem Zweck den Wamifluss bis an Kigongo’s Wohnsitz hinauffährt, so würde es bis 20 Meilen vor der Stadt Simbamwenni gelangen können. Diese Strecke liesse sich in einer Nacht zurücklegen und am Morgen könnte man den Ort angreifen und niederbrennen und somit diesen Kernpunkt des Sklavenhandels in Ostafrika auf immer zerstören. Die von den Sklavenhändlern unterstützten Waseguhha sind die eigentliche Pest dieses Theils von Ostafrika, und wenn einmal ihr fester Platz genommen und zerstört ist, würden sie ausser Stande sein, weiteres Unheil anzustiften.
Die Waseguhha sind wol die blindesten Anhänger der Zauberei; dennoch fahren die Jünger dieser dunkeln Kunst bei ihnen sehr schlecht. Sehr häufig sieht man Aschenhäufchen am Wege und Kleidungsstücke an Baumzweigen darüber schweben; dies bezeichnet das Schicksal der unglücklichen „Waganga“ oder Medicin-Männer. Solange ihre Vorhersagungen richtig sind und glücklich auslaufen, werden diese Sachverständigen der „Utschavi“ oder Zauberkunst günstig vom Volke angesehen. Wenn aber ein ungewöhnliches Unglück eine Familie trifft und diese beschwören kann, dass es die Folge der Kunst des Zauberers ist, so bildet sich alsbald ein unbarmherziges Richtercollegium und es erwartet jenen ein Schicksal, wie es die Hexen in den dunkelsten Tagen von Neu-England erfahren haben. In diesen afrikanischen Wäldern findet sich bald hinreichend viel dürres Holz und der Unglückliche stirbt den Flammentod. Sein Lendentuch wird als Warnung für alle falschen Jünger seiner Kunst über dem Ort, wo er von seinem Geschick ereilt worden, aufgehängt.
Die Wasagara sind Bergbewohner. Das Land, das sie bewohnen, ist die Gebirgskette und ihre unmittelbare Umgebung, die sich vom Makata-Flusse nach der Wüste von Marenga Mkali ausdehnt und 75 engl. geographische Meilen breit und fast 3 Breitengrade lang ist.
Die Gebirgskette liegt der Länge nach in einer nordöstlichen Richtung. Die höchste Spitze hat wol eine Höhe von 6000 Fuss über dem Meeresspiegel. Der Berg Kibwe muss ungefähr 2500 Fuss über dem Mukondokwathale bei Kadetamare und dieses letztere 2000 Fuss über dem Meere liegen. Es gibt aber Gipfel in der Ngurugruppe bei Ugombo, die ich wenigstens 1500 Fuss höher als den Berg Kibwe schätze. Wenn man sich der Kette vom Makata aus nähert, erheben sich die Berge im Norden zu einer viel bedeutenderen Höhe als diejenigen, die an dem Pass von Mukondokwa liegen. Auf den Gipfeln und Abhängen dieser Berge lassen die Dünste, welche von den Monsunwinden hierher getrieben werden, ihre Wasserlast fallen und werden zu Flüssen, die als Bäche die Bergabhänge hinabrieseln und sich in den Thälern am östlichen Abhange vereinigen.
Wie sehr auch Geographen von mir abweichen mögen, so geht doch meine Ansicht dahin, dass diese Gebirgskette für Ostafrika das ist, was die Rocky-Mountains für Central-Nordamerika sind. Ich betrachte sie als das Rückgrat von Ostafrika. Reisende verlegen Kilima-Ndscharo nach 37° 27′, den Berg Kenia nach 37° 35′ östl. Länge; ich stelle den Berg Kibwe nach 36° 50′, und Burton glaubt, dass dieselbe Gebirgskette von Usagara „ihren höchsten Punkt in Ndschesi-Uhiyou habe“. Wenn das Ruhwhathal, durch welches der Rufidschi von dem jenseits liegenden Hochlande ins Meer fliesst, nur eine Spalte in der Usagarakette ist, warum soll das Mukondokwathal dies nicht ebenfalls sein? Warum kann denn die niedrige Ebene von Uhumba oder Masai nicht auch ein Spalt sein? Warum sollen die Ngaserai-Berge, die Gebirgsgruppe des Kilima-Ndscharo, der Schneegipfel des Kenia, sein südlicher Nachbar, der Doeno Camwea, und sein nördlicher, der Berg Msarara, die sich sämmtlich auf demselben Längengrade erheben, nicht eben dieser Usagarakette angehören?
Derselbe Einfluss, den man auf den Ebenen östlich und westlich von den Rocky-Mountains wahrnimmt, wird auch zu beiden Seiten der Usagarakette sichtbar. Im westlichen Nordamerika besitzen bekanntlich die Ebenen von Colorado, Wyoming und ein grosser Theil von Nebraska im Osten und der am westlichen Fusse der Rocky-Mountains belegene Theil von Colorado und Utah nicht die merkwürdige Fruchtbarkeit, welche man in der Nähe des Missuriflusses und östlich oder westlich von Utah antrifft. Diese nackten Regionen Amerikas ziehen sich 5–800 Meilen breit zu beiden Seiten der Rocky-Mountains hin und haben eine Länge von fast 2000 Meilen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass dieses Felsengebirge eine Durchschnittshöhe von 11–12000 Fuss über dem Meeresspiegel hat. So gigantische Züge zeigt die Natur in Ostafrika nicht. Ich schätze die Durchschnittshöhe des östlichen Theils der Usagarakette zu 3500 Fuss über dem Meeresspiegel, während der westliche noch 1000 Fuss höher ist. Die Ebene oder das Thal des Makata, im Osten von Usagara, hat dasselbe kahle Aussehen, das unsere westlichen Ebenen darbieten, und ebenso lässt sich die Region im Westen von Usagara, welche das ganze Marenga Mkali und Ugogo umfasst, ihres nackten unfruchtbaren Aeussern und ihrer Salzablagerungen wegen mit Utah und dem westlichen Colorado vergleichen.
In Uyanzi aber, im Westen von Ugogo, erhebt sich das Land der Länge nach zu einer Höhe von ungefähr 1000 Fuss über der Ebene von Ugogo und erscheint infolge davon, dass es die von den Monsuns nach Westen getragenen Dämpfe auffängt, fruchtbarer, sodass es in dieser Beziehung gleich nach dem Thal des Mukondokwa kommt. Diese unfruchtbare Region, die das Marenga Mkali umfasst, hat zwar nur eine Breite von etwa 100–150 engl. geographischen Meilen, ist aber doch 600 Meilen lang oder vielleicht noch mehr.
Im südlichen Usagara ist das Volk sehr freundlich; im Norden aber, in den Districten, die an die Wahumba stossen, hat das Volk mehr den wilderen Charakter seiner Nachbarn. Wiederholte Angriffe von den menschenraubenden Waseguhha, den räuberischen Wadirigo oder Wahehe im Südwesten, den Wagogo im Westen und den Wahumba im Norden haben sie dazu gebracht, Fremde mit Argwohn anzusehen, nach kurzer Bekanntschaft jedoch erweisen sie sich als offene, freundliche und tapfere Leute. In der That haben sie ausreichende Ursache, den Arabern und Wangwana von Zanzibar zu mistrauen. Mbumi, in Ost-Usagara, ist zweimal innerhalb weniger Jahre von menschenraubenden Arabern und Waseguhha niedergebrannt worden; Rehenneko hat dasselbe Schicksal erfahren, und erst vor wenigen Jahren hat Abdullah bin Nasib das Land von Misonghi bis Mpwapwa mit Feuer und Schwert verheert. Kanyaparu, der Herr der Berge um Tschunyo oder Kunyo, welcher früher den vierten Theil von Marenga Mkali cultivirte, hat sich jetzt aus Furcht vor den Wadirigo-Räubern ganz in die hohen Berge zurückgezogen.
In Ost-Usagara sind die grossen Unterschiede zwischen reinen Wasagara und den Waseguhha nicht sichtbar. Man findet dieselben erst in den Dörfern der Mpwapwa. Hier erst erblickt man die langen, dünnen, mit Messing- und Kupferbehängseln, Kugeln und glänzenden Pice[5] aus Zanzibar geschmückten Löckchen, durch welche sich hier und da eine dünne Reihe kleiner Perlen zieht. Ein junger Msagara, der sich das stumpfe Schwarz seines Gesichts leicht mit Ocker gebräunt und vier oder fünf kupferne Münzen um die Stirn gebunden, der sich die Spitze eines kleinen Flaschenkürbis in jedes Ohrläppchen gesteckt und es dadurch ausgereckt hat, sowie tausende von gutgefetteten, mit kleinen Kupfer- und Messingstückchen verzierte Locken trägt, stellt mit seinem hocherhabenen Kopf, der vorragenden Brust, den muskulösen Armen und wohlproportionirten Gliedern das Ideal eines stattlichen, jungen afrikanischen Wilden dar.
Die Wasagara beider Geschlechter tätowiren sich Stirne, Brust und Arme. Ausser dem in jedes Ohr hineingesteckten Kürbishalse, in welchem sich ein kleiner Vorrath von „Tumbak“ oder Taback und aus dem Verbrennen von Landmuscheln gewonnener Kalk befindet, trägt ein jeder Msagara eine Anzahl primitiver Zierathe um den Hals, als da sind: ein paar schneeweisse Muschelschalen, geschnitzte Holzstückchen, ein kleines Ziegenhorn, eine von dem Medicinmanne des Stammes geweihte Arznei, ein Fundo weisser oder rother Perlen, zwei bis drei durchlöcherte Sungomazi-Eierperlen, eine Schnur Kupfermünzen und hin und wieder kleine Messingketten, die billigen Uhrketten ähneln. Diese Dinge haben sie sich entweder selbst gemacht oder von den arabischen Händlern gegen Hühner und Ziegen eingehandelt. Die Kinder gehen alle nackt; Jünglinge tragen ein Ziegen- oder Schaffell; erwachsene Männer und Frauen, die Kinder haben, entweder ein baumwollenes oder aus Kaniki oder Barsati, einem in Usagara besonders beliebten Zeuge, bestehendes Lendentuch. Häuptlinge haben Mützen, wie sie von den Wamrima-Diwans getragen werden, oder das arabische Tarbusch.