ANGRIFF AUF MIRAMBO.

„Worte, Worte, Worte! Hört, Ihr Söhne von Mkasiwa, Ihr Kinder von Unyamwezi! Der Marsch liegt vor Euch, die Diebe des Waldes erwarten Euch. Ja, sie sind Diebe, denn sie plündern Euere Karavanen, sie stehlen Euer Elfenbein, sie morden Euere Frauen. Sieh da, die Araber sind bei Euch, die El Wali des arabischen Sultans, und der weisse Mann sind bei Euch. Geht hin, der Sohn von Mkasiwa ist bei Euch! Kämpft, tödtet, macht Sklaven, nehmt Tuch, nehmt Vieh, tödtet es, esst es und macht Euch satt. Geht!“

Lautes, wildes Geschrei folgte dieser kühnen Anrede. Die Thore des Dorfes wurden geöffnet und blau, roth und weiss gekleidete Soldaten stürzten hinaus wie Gymnasten und feuerten ihre Flinten beständig ab, um sich durch den Lärm zu ermuthigen oder Schrecken in das Herz derer zu jagen, die uns in dem stark umhegten Zimbizo, der Ortschaft des Sultans Kolongo, erwarteten.

Da Zimbizo nur fünf Stunden von Umanda entfernt ist, kamen wir um 11 Uhr in Sicht desselben. Wir hielten am Rande des bebauten Landes, welches dasselbe sammt seinen Nachbardörfern umgibt, im Schatten des Waldes. Strenger Befehl war von den verschiedenen Häuptlingen ertheilt worden, nicht eher zu feuern, als bis sie in Schussweite von der Boma entfernt seien.

Khamis bin Abdullah schlich durch den Wald nach dem Westen des Dorfes. Die Wanyamwezi nahmen ihre Stellung vor dem Hauptthore und wurden von den Truppen von Soud, dem Sohn Sayd’s, auf der Rechten und dem Sohn von Habib auf der Linken unterstützt. Abdullah, Mussud, ich selbst und andere trafen Vorbereitungen, die Ostpforte anzugreifen, wodurch das ganze Dorf, mit einziger Ausnahme der Nordseite, wirksam eingeschlossen war.

Plötzlich wurde ein Gewehrfeuer auf uns eröffnet, während wir aus dem längs des Weges nach Unyanyembé sich hinziehenden Walde herauskamen, in der Richtung, wo man den Anblick des Feindes erwartet hatte, und sofort begannen die Angriffstruppen in prächtigster Weise darauf loszufeuern. Es kamen zwar einige lächerliche Scenen vor, wo Leute sich anstellten, als ob sie feuerten, dann aber mit der Behendigkeit hüpfender Frösche auf die Seite, vor- oder rückwärts sprangen. Die Schlacht wurde jedoch darum nicht weniger im Ernst geliefert. Die Hinterlader meiner Leute verschlangen meine Metallpatronen viel schneller, als ich es gern sah; zum Glück jedoch liess das Feuern nach und lustig stürzten wir vom Westen, Süden, Norden ins Dorf, durch Thore und über hohe Umzäumungen, die es umgaben. Die armen Bewohner flohen aus dem Gehege durch die nördliche Pforte ins Gebirge, von den raschesten Läufern unserer Truppe verfolgt und von hinten mit Kugeln aus den Hinterladern und Jagdflinten beschossen.

Das Dorf war stark vertheidigt, und es fanden sich nicht mehr als 20 Leichname darin, da die feste, dicke Holzumzäumung eine vortreffliche Schutzwehr gegen unsere Kugeln gebildet hatte.

Von Zimbizo zogen wir, nachdem wir eine hinreichende Truppenmacht daselbst zurückgelassen, weiter und hatten in einer Stunde die Umgebung vom Feinde gesäubert und noch zwei Dörfer genommen, die geplündert und den Flammen übergeben wurden. Einige Elfenbeinzähne und etwa 50 Sklaven, sowie eine Masse Korn bildete die Beute, welche den Arabern zufiel.

Am 5. durchstreifte eine Abtheilung Araber und Sklaven, in Stärke von 700 Mann, die Umgegend und trug Feuer und Verwüstung bis in das Boma von Wilyankuru hin.

Am 6. führte Soud bin Sayd und etwa zwanzig junge Araber eine Truppe von 500 Mann gegen Wilyankuru selbst, wo man annahm, dass Mirambo sich aufhalte. Eine andere Abtheilung zog in die niedrigen von Wald bestandenen Berge, die etwas nördlich von Zimbizo liegen, wo sie einen jungen Walddieb im Schlaf überraschten, dem sie den Kopf vollständig umdrehten und darauf abschnitten. Eine dritte Abtheilung machte sich nach Süden auf und brachte einem Theil von Mirambo’s Buschräubern eine Niederlage bei, wie wir gegen Mittag erfuhren.

Am Morgen war ich nach Sayd bin Salim’s Tembé gegangen, um ihm vorzustellen, wie nöthig es sei, das lange Gras im Walde von Zimbizo niederzubrennen, da es doch vielleicht Feinde verbergen könne. Bald darauf jedoch bekam ich einen Anfall von Wechselfieber, der mich niederwarf und nöthigte, mich in mein Lager zu begeben und in wollene Decken zu hüllen, um zu schwitzen, was ich aber nicht eher that, als bis ich Shaw und Bombay verboten, irgendeinen meiner Leute aus dem Lager zu lassen. Ich hörte jedoch bald darauf von Selim, dass mehr als die Hälfte derselben ausgezogen war, um mit Soud bin Sayd Wilyankuru anzugreifen.

Etwa um 6 Uhr abends wurde das ganze Lager von Zimbizo von der Nachricht erschreckt, dass alle Araber, die Soud bin Sayd begleitet, getödtet und mehr als die Hälfte seiner Mannschaft erschlagen worden seien. Einige meiner Leute kehrten zurück, und von ihnen erfuhr ich, dass Uledi, der frühere Diener Grant’s, Mabruki Khatálabu (der Vatermörder), Mabruki (der Kleine), Baruti von Useguhha und Ferahan gefallen seien. Auch erzählten sie mir, es sei ihnen gelungen, Wilyankuru in kurzer Zeit zu nehmen; Mirambo und sein Sohn seien dagewesen; ersterer habe aber, nachdem sie eingezogen, seine Leute versammelt und das Dorf verlassen. Hierauf habe er sich in das Gras zu beiden Seiten des Weges zwischen Wilyankuru und Zimbizo in den Hinterhalt gelegt und die Angreifer, als sie mit mehr denn 100 Elfenbeinzähnen, 60 Ballen Zeug und 2 bis 300 Sklaven auf dem Heimwege gewesen, plötzlich auf beiden Seiten angegriffen und mit den Speeren niedergemacht. Der tapfere Soud habe seine doppelläufige Flinte abgeschossen und damit zwei Leute getödtet; wie er aber eben im Begriff gewesen, abermals zu laden, habe ihn ein Speer getroffen und durchbohrt. Alle übrigen Araber hätten dasselbe Schicksal erlitten. Dieser plötzliche Angriff eines Feindes, den man für besiegt gehalten, hatte die Mannschaft so demoralisirt, dass sie ihre Beute im Stich liess und insgesammt davonlief. Erst nachdem die Leute einen weiten Umweg durch die Wälder gemacht, kehrten sie nach Zimbizo zurück, um ihre traurige Geschichte zu erzählen.

Die Wirkung dieser Niederlage ist gar nicht zu beschreiben. Es war unmöglich, vor dem Geschrei der Weiber, deren Männer gefallen waren, zu schlafen. Die ganze Nacht heulten und wehklagten sie, und dazwischen hörte man das Stöhnen der Verwundeten, denen es gelungen war, vom Feinde unbemerkt durch das Gras davon zu schleichen. Neue Flüchtlinge kamen während der ganzen Nacht beständig an; von keinem meiner Leute aber, die todt gesagt waren, wurde je wieder etwas gehört.

Am 7. zogen wir uns traurig und mistrauisch zurück; die Araber beschuldigten sich gegenseitig, dass sie den Krieg angefangen, ohne vorher alle friedlichen Mittel erschöpft zu haben. Stürmische Kriegsversammlungen fanden statt, worin einige den Vorschlag machten, sofort nach Unyanyembé zurückzukehren und in den Häusern zu bleiben. Khamis bin Abdullah tobte als beschimpfter Fürst gegen die elende Feigheit seiner Landsleute los. Diese stürmischen Versammlungen und Vorschläge zum Rückzug wurden alsbald im ganzen Lager bekannt und trugen mehr als irgendetwas anderes dazu bei, die verbündeten Truppen der Wanyamwezi und Sklaven vollständig zu demoralisiren. Ich sandte Bombay zu Sayd bin Salim mit dem Rath, nicht an einen Rückzug zu denken, da dies nur Mirambo ermuthigen würde, den Kriegsschauplatz nach Unyanyembé zu verlegen.

Nachdem ich Bombay mit dieser Botschaft abgeschickt, schlief ich ein, wurde aber ungefähr um ½2 Uhr nachmittags von Selim mit den Worten aufgeweckt: „Herr, stehen Sie auf; alles läuft fort und Khamis bin Abdullah zieht selbst auch davon.“

Mit Hülfe von Selim kleidete ich mich an und wankte zur Thür. Mein erster Anblick war der, wie Thani bin Abdullah fortgeschleppt wurde. Als er mich erblickte, rief er: „Bana, rasch, Mirambo kommt!“ Dann machte er sich ans Laufen und zog sich seine Jacke an, während ihm die Augen vor Schrecken fast aus den Augenhöhlen zu treten schienen. Khamis bin Abdullah war auch im Begriff, als letzter Araber abzuziehen. Zwei meiner Leute wollten ihm eben folgen; doch gab ich Selim den Befehl, diese mit einem Revolver zum Bleiben zu zwingen. Shaw sattelte seinen Esel mit meinem Sattel, in der Absicht, mich zu verlassen und der Barmherzigkeit Mirambo’s anheimzugeben. Es blieben mir nur Bombay, Mabruki-Speke und Dschanda, welcher sein Mittagessen mit Gemüthsruhe verzehrte, Mabruk Unyanyembé, Mtamani, Dschuma und Sarmian, also nur sieben von fünfzig. Alle andern waren weggelaufen und jetzt schon über alle Berge, ausser Uledi (Manwa Sera) und Zaidi, welche Selim mit dem geladenen Revolver zurückgebracht hatte. Selim erhielt nun den Befehl, meinen Esel zu satteln, und Bombay musste Shaw beim Satteln des seinigen behülflich sein. In wenigen Augenblicken befanden wir uns auf dem Wege, wobei die Leute sich immer nach dem verfolgenden Feinde umsahen und die Esel mit Erfolg tüchtig antrieben, denn diese gingen im scharfen Trabe, was mir grosse Schmerzen verursachte. Gern hätte ich mich hingelegt, um zu sterben, das Leben hatte aber doch noch Reiz für mich und ich hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, meine Mission glücklich zu Ende führen zu können. Mein Geist war lebhaft mit allerlei Plänen beschäftigt während der langen, einsamen Nachtstunden, die wir dazu brauchten, um Mfuto zu erreichen, wohin die Araber sich zurückgezogen. In dieser Nacht fiel Shaw von seinem Esel und wollte nicht aufstehen, obgleich wir ihn dringend darum baten. Da ich selbst nicht verzweifelte, so wünschte ich auch nicht, dass Shaw alle Hoffnung aufgeben solle. Er wurde also wieder auf sein Thier gehoben und je ein Mann ihm zur Seite gestellt, um ihn zu unterstützen. So ritten wir durch die Dunkelheit. Um Mitternacht erreichten wir Mfuto sicher und wurden sofort in das Dorf hineingelassen, aus dem wir so tapfer hinausgezogen und in das wir so schmachbeladen zurückkehrten.

Ich fand, dass alle meine Leute vor Eintritt der Dunkelheit hier angekommen waren. Ulimengo, der kühne Führer, der über seine Waffen und unsere Streitmacht so sehr gefrohlockt hatte und des Sieges so gewiss gewesen war, hatte den elfstündigen Marsch in sechs Stunden zurückgelegt. Der stämmige Tschaupereh, den ich als den getreuesten meiner Leute betrachtete, war nur eine halbe Stunde nach Ulimengo angekommen, und der muntere Khamisi, der Geck, Redner und wilde Demagoge, war als dritter dagewesen. Speke’s „Getreue“ hatten sich ebenso feige bewiesen, wie irgendein anderer armer Neger. Nur Selim, der junge Araber aus Jerusalem, war tapfer und treu gewesen. Denn Shaw, obwol geborener Europäer, hatte sich als eine mindestens ebenso niedrige, gemeine Seele wie irgendein Neger, wenn nicht noch schlimmer gezeigt.

Ich fragte Selim: „Warum bist Du nicht auch fortgelaufen und hast Deinen Herrn dem Tode überlassen?“

„O“, sagte der junge Araber naiv, „ich fürchtete, dass Sie mich peitschen würden.“

[6] Es gibt keinen Ort, der Kazeh heisst.