„Geben Sie mir etwas davon“, sagte einer der Häuptlinge, dem die andern der Reihe nach folgten.
Darauf holte ich eine Flasche concentrirtes Ammoniak, von dem ich ihnen erklärte, dass es gut gegen Schlangenbisse und Kopfschmerzen sei. Sofort klagte der Sultan über Kopfschmerzen und wünschte etwas davon zu haben. Indem ich ihm befahl, seine Augen zu schliessen, entkorkte ich plötzlich die Flasche und hielt sie Seiner Majestät unter die Nase. Der Effect war magisch, denn er fiel rückwärts um, als ob er angeschossen sei, und die Verzerrungen seiner Gesichtszüge lassen sich nicht beschreiben. Seine Häuptlinge brüllten vor Lachen, klatschten die Hände zusammen, kniffen einander, schlugen Schnippchen mit ihren Fingern und betrugen sich sonst noch höchst lächerlich. Ich glaube bestimmt, dass, wenn eine solche Scene auf irgendeiner Bühne aufgeführt würde, die Wirkung auf das Publikum sofort wahrzunehmen wäre, dass dasselbe sich an meiner Stelle fast toll gelacht haben würde. Schliesslich erholte sich der Sultan; grosse Thränen rollten ihm die Wangen herab, seine Gesichtszüge bebten vor Lachen und er sprach langsam das Wort „Kali“, d. h. heisse, starke, rasche, brennende Medicin. Er wünschte nichts mehr davon; die andern Häuptlinge aber drängten sich danach, ein wenig daran zu riechen, und verfielen, sobald sie das gethan, in unbezwingliches Gelächter. Der ganze Morgen verging mit dieser Staatsvisite, von der alle Betheiligten ausserordentlich befriedigt waren.
„Ach“, sagte der Sultan beim Weggehen, „diese Weissen wissen alles, mit ihnen verglichen sind die Araber gar nichts!“
In dieser Nacht desertirte einer der Führer, Hamdallah, mit seinem aus 27 Doti bestehenden Lohn und einem Gewehr. Es wäre unnütz gewesen, ihm am Morgen zu folgen, da es mich viel länger als ich konnte aufgehalten haben würde; doch gelobte ich mir innerlich, dass Herr Hamdallah diese 27 Doti abarbeiten solle, ehe ich die Küste erreichte.
Der 4. October, Mittwoch, sah uns nach dem Gombéfluss reisen, der 4¼ Stunden von Manyara entfernt ist.
Kaum hatten wir die wogenden Kornfelder meines Freundes Mamanyara verlassen, als wir eine Heerde schöner Zebras erblickten. Zwei Stunden später waren wir in ein prächtiges weites Parkland getreten, das mit seiner weiten, grossartigen Aussicht, dem sich ausbreitenden grünen Teppich, der hier und dort mit kleinen Gruppen von dichtem Gebüsch und schattigen Bäumen besetzt war, ohne Zweifel eine der schönsten Landschaften Afrikas ist. Hierzu kommt noch, dass, als ich einen der zahlreichen kleinen Hügel bestieg, ich eine Menge Heerden Büffel, Zebras, Giraffen und Antilopen erblickte, was mir ebenso wie bei meiner ersten Landung auf dem Boden Afrikas einiges Herzklopfen vor Erregung machte. Wir krochen geräuschlos die Ebene hinauf bis zu dem Lager, das wir uns an den Ufern des trägen Gombé aufschlagen wollten.
Hier war denn endlich das Paradies des Jägers! Wie klein und unbedeutend erschienen meine Jagden nach kleinen Antilopen und wilden Ebern; welche thörichte Kraftverschwendung lag in den langen Spaziergängen durch feuchte Gräser und dornige Dickichte! Wie lebhaft erinnerte ich mich meiner ersten bittern Erfahrung in den afrikanischen Dschungels der Seegegend! Aber hier, welches Edelmanns Park hätte sich mit diesem Schauspiel vergleichen können? Hier hat man eine weiche, sammetartige Rasenfläche vor sich, dort angenehmen Schatten unter jenen ausgedehnten Baumgruppen, und in bequemer Schussweite weiden Heerden verschiedener grosser Wildarten. Jetzt, wo sich eine solche Aussicht meinen Blicken eröffnet, fühle ich mich vollständig für meinen langen Umweg nach Süden entschädigt. Hier gibt es keine dornigen Dickichte und durchdringend riechende Moore, die den Jäger erschrecken und seine Sehnsucht nach echtem Sport abschwächen. Kein Jäger könnte sich ein schöneres Feld für seine Thätigkeit ersehnen.
Nachdem ich die Oertlichheit des Lagers festgestellt, das eine der Pfützen, die in der Richtung des Gombéflusses liegen, überblickte, nahm ich meine doppelläufige glatte Flinte und schlenderte fort in das Parkland. Aus einer Baumgruppe hervortretend, sah ich drei schöne feiste Springböcke auf dem frischen Grase gerade hundert Schritt von mir entfernt weiden. Ich kniete nieder und feuerte; eine unglückliche Antilope sprang instinktiv in die Höhe und fiel todt nieder. Ihre Gefährten schnellten gleichfalls in die Luft und machten dabei Sprünge von ungefähr 12 Fuss Weite, gleich als ob diese Vierfüssler gymnastische Uebungen machen wollten, und eilten darauf fort, wie Gummibälle in die Höhe prallend, bis ein Hügel sie meinen Blicken entzog. Die Soldaten begrüssten mein Glück mit lautem Freudengeschrei und kamen sofort aus dem Lager gelaufen, als sie das Knallen meiner Flinte hörten. Mein Flintenträger zückte sein Messer gegen den Hals des Thieres und rief ein inniges „Bismillah“, als er den Kopf fast vollständig vom Körper trennte.
Jetzt sandte ich Jäger nach Osten und Norden aus, um uns Fleisch zu verschaffen, denn in jeder Karavane finden sich sogenannte Fundi, deren eigentliches Handwerk darin besteht, das Fleisch für das Lager zu erjagen. Einige von ihnen sind im Stellen des Wildes sehr gewandt, befinden sich aber oft in gefährlicher Lage wegen der nothwendigen Annäherung, da sie ihre sehr unzuverlässigen Gewehre nur in der Nähe mit einiger Sicherheit gebrauchen können.
Nach dem Frühstück, das aus gerösteten Springbockschnitten, heissen Kornkuchen und einer Tasse herrlichen Mokkakaffees bestand, wanderte ich gemeinschaftlich mit Kalulu und Madschwara, zwei jungen Flintenträgern, nach Südwesten. Die kleinen Perpusilla-Antilopen sprangen wie Kaninchen vor mir her, als ich mich durch das Unterholz dahinschlich; der Honigvogel hüpfte zirpend von Baum zu Baum, als ob er glaubte, dass ich den süssen Schatz, dessen Versteck er allein kannte, aufsuchte; doch wünschte ich weder Perpusillas noch Honig zu haben, denn ich suchte mir an diesem Tage etwas Grosses. Scharfsichtige Fischadler und Bussarde, die auf Bäumen an den Krümmungen des Gombé sassen, dachten und wol mit gutem Recht, dass ich ihnen nachstelle, wenn man nach dem raschen Fluge urtheilen darf, mit dem diese Vögel verschwanden, als sie mich ankommen sahen. Doch nein, heute will ich nichts als Hartebeests, Zebras, Giraffen, Elenn und Büffel! Nachdem ich dem Lauf des Gombé ungefähr eine Meile gefolgt war und meine Augen lange an den breiten, langen Wasserflächen erfreut hatte, die ich so lange nicht mehr gesehen, bot sich mir ein Schauspiel, das meine Seele im Innersten entzückte. Da befanden sich, ungefähr 150 Schritt von mir, zehn Zebras, mit den Schweifen die schönen gestreiften Körper peitschend und sich gegenseitig beissend. Der Anblick war so hübsch, so romantisch; nie hatte ich es mir vorher so klar gemacht, dass ich in Central-Afrika sei. Ich fühlte mich im Augenblick stolz darauf, ein so ungeheueres, von so edlem Gethier bewohntes Gebiet zu besitzen. Hier hatte ich im Bereich einer Bleikugel ein jedes der schönen Thiere, des Stolzes der afrikanischen Wälder, das ich zu haben wünschte. Ich konnte sie nach Belieben schiessen. Mir gehörten sie an, ohne dass ich Geld dafür zu zahlen hätte; dennoch liess ich meine Flinte zweimal sinken, da ich die herrlichen Thiere nicht verwunden wollte, aber Paff! — und eins derselben lag auf seinem Rücken und kämpfte mit den Beinen in der Luft. O, wie schade war es! Doch rasch heraus mit dem scharfen Messer über die schönen Streifen, die sich um den Hals ziehen. Was für ein hässlicher Schnitt! Es ist geschehen, ich habe ein herrliches Thier zu meinen Füssen. Hurrah, heute Abend werde ich Ukonongo-Zebrabraten essen!
Ich hielt einen Springbock und ein Zebra ausreichend für das Jagdvergnügen eines Tages, namentlich nach einem langen Marsch. Der Gombé, ein sich lang hinstreckendes tiefes Gewässer, das sich still durch grüne Haine windet und Lotusblätter auf seiner Oberfläche leicht wiegt, sah hübsch, romantisch, friedlich wie ein Sommertraum aus und lud sehr zum Bade ein. Ich suchte mir den schattigsten Ort unter einer breiten Mimose aus, von wo der Boden sich platt wie eine Wiese an das steile Wasser hinabzog. Ich wagte es, mich zu entkleiden, war schon bis an die Knöchel ins Wasser gegangen und hatte beide Hände zum raschen Tauchersprunge zusammengelegt, als plötzlich meine Aufmerksamkeit durch einen furchtbar langen Körper angezogen wurde, der in Sicht schoss und gerade den Ort unter der Oberfläche einnahm, den ich mit einem Kopfsprung hatte untersuchen wollen. Gerechter Himmel, es war ein Krokodil! Instinktmässig sprang ich zurück, und das war meine Rettung, denn das Ungethüm wandte sich mit enttäuschtem Blick ab und ich konnte mir Glück wünschen, dass ich soeben seinen Kinnladen entkommen war und gelobte mir, mich nie wieder durch die verrätherische Ruhe eines afrikanischen Flusses verlocken zu lassen.
Sobald ich angekleidet war, wandte ich mich von dem jetzt abstossend erscheinenden Anblick des Stromes ab. Als ich durch das Dickicht meinem Lager zuschlenderte, entdeckte ich die Gestalten zweier Eingeborenen, die scharf um sich blickten. Ich gebot meinen jungen Begleitern vollkommene Ruhe, schlich mich an sie heran und wusste es mit Hülfe einer dichten Gruppe von Unterholz so einzurichten, mich ihnen unentdeckt bis auf ein paar Schritt Entfernung zu nähern. Ihre blose unerklärte Anwesenheit in dem grossen Walde bildete bei dem damaligen unruhigen Zustande des Landes eine Quelle der Besorgniss, und ich beabsichtigte, mich ihnen plötzlich zu zeigen, die Wirkung hiervon zu beobachten, und wenn diese irgendetwas meiner Expedition Feindseliges kundgab, die Sache sofort mit Hülfe meines doppelläufigen glatten Gewehrs zu erledigen.
Als ich auf der einen Seite des Busches ankam, erschienen beide verdächtig aussehende Eingeborene auf der andern, und wir waren nur ein paar Schritt auseinander. Ich that einen Sprung und wir standen uns dicht gegenüber. Die Eingeborenen warfen einen Blick auf die plötzliche Erscheinung eines weissen Mannes und schienen einen Augenblick wie versteinert, dann aber erholten sie sich und riefen aus: „Bana, Bana, Sie kennen uns nicht. Wir sind ja Wakonongo, die in Ihr Lager gekommen, Sie nach Mrera zu begleiten, und wir suchen Honig.“ „Ja, wahrhaftig, Ihr seid die Wakonongo. Gut, dann ist alles in Ordnung. Ich dachte, Ihr könntet Ruga-Ruga sein.“
Wir fingen nun beiderseits an laut zu lachen, statt uns feindlich entgegenzutreten. Die Wakonongo freuten sich sehr über den Zufall und lachten herzlich, als sie ihren Weg fortsetzten, um wilden Honig zu suchen. Auf einem Stückchen Rinde trugen sie etwas Feuer, mit dem sie die Bienen aus ihren in den grossen Mtundu-Bäumen gelegenen Nestern ausräucherten.
Die Abenteuer des Tages waren vorüber; das Blau des Himmels hatte sich in ein todtes Grau verwandelt; der Mond erschien gerade über den Bäumen; das Wasser des Gombé war wie ein silberner Gürtel; heisere Frösche quakten laut an dem Rande des Flusses; die Fischadler liessen aus den Wipfeln der höchsten Bäume ihr grabliedähnliches Geschrei ertönen; Elennthiere warnten ihre im Walde befindlichen Heerden durch ihr Wiehern, und leise schlichen sich verschiedene Raubthiere ausserhalb unseres Lagers durch die dunkeln Wälder. In dem hohen Gehege von Busch und Dorn, das wir um das Lager errichtet hatten, war alles heiter, lachend, fröhlich und wahrhaft gemüthlich. Um jedes Lagerfeuer sah man dunkle Männergestalten hocken, der eine nagte an einem saftigen Knochen; der andere sog das fette Mark aus dem Bein eines Zebras; ein dritter drehte einen mit ungeheuern Kabobs garnirten Stock an einem hellen Feuer; ein vierter hielt eine grosse Rippe über eine Flamme. Noch andere rührten fleissig in grossen schwarzen Töpfen voll Ugali herum und beobachteten sorgfältig das brodelnde Fleisch und das Aufwallen der Suppe, während das Feuer tüchtig flackerte und hüpfte, einen hellen Schein auf die nackten Gestalten der Männer warf und dem hohen Zelt, das in der Mitte des Lagers wie ein einem mysteriösen Gotte geweihter Tempel dastand, eine röthliche Färbung gab. Die Flammen warfen ihren Schein auf die massigen Zweige der Bäume, die sich über unser Lager ausdehnten, und im Dunkel ihres Laubes wurden die phantastischsten Schatten sichtbar. Es war eine wilde, romantische, ausdrucksvolle Scene. Doch kümmerten sich meine Leute wenig um Schatten und Mondlicht, Scharlachfärbung und tempelartige Zelte, vielmehr waren sie alle eifrig dabei beschäftigt, ihre verschiedenen Erlebnisse zu erzählen und sich mit den kräftigen Fleischspeisen, die unsere Flinten uns verschafft hatten, vollzustopfen. Der eine erzählte, wie er einen wilden Eber gestellt und wie er infolge des wüthenden Angriffs, den das verwundete Thier auf ihn gemacht, die Flinte habe wegwerfen und einen Baum hinaufklettern müssen. Er erinnerte sich noch des schrecklichen Grunzens des Thieres, und das ganze Firmament erdröhnte von dem Gelächter, das seine mimischen Darstellungen hervorrief. Ein anderer hatte ein Büffelkalb erschossen, ein dritter ein Hartebeest erlegt. Die Wakonongo erzählten ihre spasshafte Zusammenkunft mit mir im Walde und gaben weitläufige Beschreibungen von Honigvorräthen, die sich in den Wäldern befänden. Die ganze Zeit über versuchten Selim und seine jungen Untergebenen ihre scharfen Zähne an dem Fleisch eines Ferkels, das einer der Jäger erlegt, sonst aber niemand essen wollte, wegen der mohammedanischen Abneigung gegen Schweinefleisch, welche sich die Leute bei ihrer Umwandlung aus wilden Negern in brauchbare, gelehrige Zanzibarer Freie mit angeeignet hatten.
Die beiden folgenden Tage lagerten wir und machten häufige Streifzüge gegen die Heerden dieses schönen Landes. Am ersten Tage war ich wieder sehr glücklich bei meiner Jagd; denn ich erbeutete ein paar Antilopen, eine Kudu (Antilope strepsiceros) mit schönen gewundenen Hörnern und einen Pallah-Bock (Antilope melampus), ein röthlich braunes Thier, das ungefähr 3½ Fuss misst und breite Hinterbacken hat. Es wäre mir wol gelungen, Thiere zu Dutzenden zu schiessen, hätte ich nur ein genaues, schweres Gewehr gehabt, wie sie von Lancaster, Reilly oder Blissett fabricirt werden, bei denen nie ein Schuss versagt. Meine Gewehre waren aber, mit Ausnahme meiner leichten glatten Flinte, nicht für afrikanisches Wild, sondern mehr für Menschen geeignet. Mit dem gezogenen Winchestergewehr und dem Starr’schen Karabiner war ich zwar im Stande, alles zu treffen, was 200 Meter von mir entfernt war, aber die Thiere wussten, obwol verwundet, sich stets dem Messer zu entziehen, sodass ich die Erbsenkugeln satt bekam. Hier zu Lande braucht man ein grosses Kaliber; Nr. 10 oder 12 ist der eigentliche Knochenzerschmetterer, der jedes angeschossene Thier sofort zu Falle bringt, wodurch man alle Strapazen und Enttäuschungen vermeidet. Mehrere male wurde ich während dieser beiden Tage, nachdem ich mühevoll das Thier gestellt hatte und auf dem Boden herangekrochen war, enttäuscht. Einmal stiess ich plötzlich auf ein Elenn, während ich das gezogene Winchestergewehr in der Hand hatte; das Elenn sowie ich waren beide höchst erstaunt, da wir uns nur 25 Schritt voneinander befanden. Ich feuerte ihm auf die Brust, die Kugel ging richtig weit in die innern Theile hinein und das Blut quoll aus der Wunde hervor. In wenigen Minuten jedoch war das Thier weit fort und ich zu sehr enttäuscht, um ihm nachsetzen zu können. Alle Liebe zur Jagd schien vor diesen verschiedenen Misgeschicken zu verschwinden. Was waren denn zwei Antilopen für die Jagd eines Tages im Verhältniss zu den Tausenden, die auf der Ebene weideten?
Die Thiere, die während der Jagd von drei Tagen in unser Lager gebracht wurden, waren zwei Büffel, zwei wilde Eber, drei Hartebeest, ein Zebra und ein Pallah. Ausserdem wurden acht Perlhühner, drei Florikans, zwei Fischadler, ein Pelikan geschossen, und einer meiner Leute fing ein paar grosse Welse. Mittlerweile hatten die Leute diese reichlichen Vorräthe in Stücke geschnitten und getrocknet, damit sie uns bei unserm Durchzug durch die vor uns befindliche lange Wüstenei dienten.
Am Sonnabend den 7. October brachen wir unser Lager zum grossen Bedauern der fleischliebenden und gefrässigen Wangwana ab. Sie schickten Bombay früh am Morgen zu mir, um mich zu bitten, noch einen Tag länger da zu verweilen. Das war immer der Fall, sie hatten stets eine unüberwindliche Abneigung gegen die Arbeit, wenn sie Fleisch zu sehen bekamen. Ich schalt Bombay gründlich aus, dass er mir eine solche Bitte vortrug, nachdem wir eine Rast von zwei Tagen gehabt, während welcher Zeit sie sich mit Fleisch vollgestopft hätten. Bombay war daher keineswegs in bester Laune; denn gefüllte Fleischtöpfe waren mehr nach seinem Geschmack, als beständiges Marschiren und die damit verbundenen Strapazen. Ich sah, wie sich sein Gesicht in hässliche verdriessliche Falten zog und seine grossen Unterlippen herabhingen, was so viel bedeutete wie: „Bringen Sie die Leute selbst in Bewegung, Sie böser, grausamer Mann! Ich werde Ihnen dabei nicht behülflich sein.“
Eine unheilverkündende Stille folgte meinem dem Kirangozi ertheilten Befehl, das Horn ertönen zu lassen, und der gewöhnliche Singsang liess sich nicht vernehmen. Die Leute kehrten sich verdriesslich ihren Ballen zu, und ich hörte, wie Asmani, der gigantische Führer, unser Fundi, murrend sagte, er bedauere es, sich als Führer nach dem Tanganika vermiethet zu haben. Dennoch brachen sie, wenn auch widerwillig, auf. Ich blieb mit meinen Flintenträgern zurück, um die Nachzügler anzutreiben. Nach einer halben Stunde etwa sah ich aber, wie die Karavane vollständig stillhielt, die Ballen auf den Boden warf, wie die Leute in Gruppen herumstanden und sich ärgerlich und aufgeregt unterhielten.
Indem ich meine doppelläufige Flinte von Selim’s Schultern nahm, suchte ich mir ein Dutzend Ladungen Rehposten aus und ging, nachdem ich zwei davon in die Läufe gethan und meine Revolver bereit gemacht hatte, auf sie zu. Ich bemerkte, wie die Leute zu ihren Flinten griffen, als ich näher kam. Als ich 30 Schritt von den Gruppen entfernt war, sah ich die Köpfe von zwei Leuten über einem Ameisenhaufen zu meiner Linken erscheinen, ihre Flintenläufe nachlässig auf den Weg gerichtet.
Ich hielt an, warf den Lauf meiner Flinte in die Höhlung der linken Hand, zielte kaltblütig auf sie und drohte ihnen die Köpfe zu zerschmettern, falls sie nicht vorträten, um mit mir zu sprechen. Diese beiden waren der riesenhafte Asmani und sein getreuer Freund Mabruki, die Führer Scheikh bin Nasib’s. Da es gefährlich war, einem solchen Befehl nicht nachzukommen, so kamen sie sogleich; ich sah aber, als ich Asmani im Auge behielt, dass er seine Finger am Drücker seiner Flinte bewegte und dieselbe in Bereitschaft hielt. Wiederum erhob ich meine Flinte und drohte, ihn sofort zu erschiessen, wenn er nicht seine Flinte fortwerfe.
Asmani kam seitwärts mit grinsendem Gesicht heran, aus seinen schurkischen Augen jedoch blickte die unheimliche Absicht zum Morde so klar wie möglich hervor. Mabruki schlich sich hinter mich und legte bedächtig Pulver auf die Pfanne seiner Muskete; ich fuhr aber mit der Flinte scharf in die Runde, hielt die Mündung derselben ihm ungefähr zwei Fuss vor das boshafte Gesicht und befahl ihm, sein Gewehr sofort wegzuwerfen. Rasch liess er es aus der Hand fallen und ich gab ihm mit meiner Flinte einen kräftigen Stoss vor die Brust, der ihn taumelnd einige Fuss von mir niederstreckte. Hierauf wandte ich mich zu Asmani und befahl ihm, sein Gewehr niederzulegen, wobei ich eine kräftige Bewegung mit meiner Flinte machte und deren Stecher gleichzeitig leise andrückte. Nie war ein Mensch dem Tode näher als Asmani während dieser kurzen Augenblicke. Doch wollte ich nicht gern Blut vergiessen, sondern alle möglichen Mittel versuchen, es zu vermeiden; gelang es mir aber nicht, diesen Schurken einzuschüchtern, so war meine Autorität zu Ende. In Wahrheit fürchteten sich alle, weiter zu ziehen, und die einzige Möglichkeit, sie dazu zu bewegen, war durch Gewalt und die Ausübung meiner ganzen Willenskraft in diesem Falle, selbst wenn ein einzelner seinen Ungehorsam mit dem Tode zu büssen hätte. Als ich mir eben klar machte, dass Asmani seinen letzten Augenblick auf Erden verlebt habe, da er seine Flinte an die Schulter hob, trat eine Gestalt hinter ihm hervor, fegte sein Gewehr mit einer ungeduldigen kräftigen Bewegung zur Seite, und ich hörte, wie Mabruki-Speke in erschrecktem Tone sagte:
„Mensch, wie wagst Du es, Deine Flinte gegen den Herrn zu richten?“ Darauf warf sich Mabruki mir zu Füssen, versuchte sie zu küssen und bat mich, ihn nicht zu bestrafen. „Jetzt sei alles vorüber“, sagte er, „es würde keine Zänkerei mehr vorkommen, sie würden alle mit mir ohne irgendwelchen Streit nach dem Tanganika gehen und Inschallah! wir werden den alten Musungu in Udschidschi finden. Sprecht, Männer, freie Männer, wird das nicht geschehen? Werden wir nicht an den Tanganika gehen, ohne irgend weitere Unruhe? Sagt das dem Herrn einstimmig.“
Alle riefen laut: „Ay Wallah! ay Wallah! Bana yango! Hamuna manneno mgini!“ Buchstäblich übersetzt: „Ja, bei Gott! ja, bei Gott, mein Herr! Es gibt keine andern Worte!“
„Bitte den Herrn um Verzeihung, oder mach, dass Du fortkommst!“ sagte Mabruki gebieterisch zu Asmani, und dieser that es zu unser aller Freude.
Es blieb mir nur noch übrig, einen allgemeinen Pardon an alle zu ertheilen, mit Ausnahme von Bombay und Ambari, welche die jetzt glücklich unterdrückte Meuterei angestiftet hatten. Denn Bombay als Hauptmann hätte, wenn er gewollt, durch ein Wort jede Aeusserung übler Laune im Keime ersticken können. Bombay war aber dem Marschiren noch abgeneigter als der feigste seiner Kameraden, nicht weil er feig, sondern weil er faul war und seinen Bauch zu seinem Gott machte. Ich ergriff also einen Speer und schlug ihn damit tüchtig auf die Schultern, sprang darauf auf Ambari, dessen höhnisches Gesicht bald eine merkliche Verwandlung erlitt. Darauf liess ich sie alle beide in Ketten legen und drohte ihnen, dass sie geschlossen bleiben sollten, bis sie wüssten, wie sie um Verzeihung zu bitten hätten. Asmani und Mabruki wurden verwarnt, ihren bösen Stimmungen nicht mehr nachzugeben, wenn sie nicht den Tod, dem sie jetzt glücklich entronnen, schmecken wollten.
Wiederum wurde der Befehl zum Marsch ertheilt und alle nahmen ihre Lasten mit erstaunlicher Munterkeit auf und entschwanden alsbald den Blicken, Bombay und Ambari in Ketten, zusammen mit den Deserteuren Kingaru und Asmani, mit den schwersten Lasten beladen, hinter uns her.
Kaum waren wir eine Stunde von dem Gombé entfernt, als Bombay und Ambari mit zitternder Stimme mich um Verzeihung baten; ich liess sie noch eine halbe Stunde bitten, dann gab ich schliesslich nach, befreite sie von ihren Ketten und setzte den erstern wieder vollständig in seine Würde als Hauptmann ein.
Da ich über Persönlichkeiten spreche, will ich hier eine kurze Charakterskizze eines jeden der wichtigsten Männer, deren Namen in den folgenden Kapiteln häufig erscheinen werden, einschalten. Dies sind ihrem Range nach Bombay, Mabruki-Speke, der Führer Asmani, Tschaupereh, Ulimengo, Khamisi, Ambari, Dschumah, der Koch Feradschi, der Mnyamwezi Maganga, der arabische Knabe Selim und der jugendliche Gewehrträger Kalulu.
Bombay ist von Burton, Speke und Grant sehr gelobt worden; es thut mir aber leid, dass ich nicht im Stande bin, dies ganz zu bestätigen. Burton bezeichnet ihn überschwenglich als die „Personification der Ehrlichkeit“. In Wahrheit war aber Bombay weder sehr ehrlich, noch sehr unehrlich, d. h. er wagte es nicht, viel zu stehlen. Wenn er das Fleisch vertheilte, wusste er es bisweilen schlau einzurichten, einen grossen Theil für sich zu verstecken, doch hat mich diese kleine Sünde nicht sehr gestört; als Hauptmann verdiente er eine grössere Portion als die übrigen. Man musste ihn aber genau bewachen, und wenn er wusste, dass dies geschah, so wagte er es selten, sich mehr Tuch anzueignen, als ich ihm aus freien Stücken gegeben hätte, wenn er darum gebeten. Als Kammerdiener wäre er tadellos gewesen, als Hauptmann oder Dschemadar über seine Genossen befand er sich jedoch nicht im richtigen Wirkungskreise. Man musste zu viel daran denken und sich zu viele Sorgen machen, um ihn in Ordnung zu halten. Bisweilen war er so dumm in seinen Bewegungen, dass ihm nicht zu helfen war; oft vergass er den Befehl im Augenblick, wo er ihm ertheilt worden, zerbrach oder verlor beständig irgendeinen werthvollen Gegenstand und liebte es, zu räsonniren; auch war er zum Aufbrausen geneigt. Bombay hält Hadschi Abdullah für einen der bösesten Weissen, die existiren, weil er es mit angesehen, wie dieser die Schädel von Menschen sammelte und sie in seine Beutel that, als ob er im Begriff sei, eine fürchterliche Medizin daraus zu bereiten. Er wollte wissen, ob sein früherer Herr alles niedergeschrieben habe, was er gethan, und als ich ihm sagte, dass Burton nichts darüber in seinem Buche mitgetheilt, dass er in Kilwa Schädel gesammelt, meinte er, ich würde ein gutes Werk thun, wenn ich diese wichtige Thatsache mittheilte[7]. Bombay beabsichtigt, einst noch an das Grab von Speke zu wallfahrten.
Mabruki, „Ras-bukra Mabruki“, der stierköpfige Mabruki, wie Burton ihn nennt, Mabruki-Speke, wie wir ihn zur Unterscheidung von den andern Mabrukis nannten, ist nach meiner Ansicht ein Mann, dem sehr grosses Unrecht geschehen ist. Der grosse Reisende pflegte ihn auf Arabisch zu rufen und in dem auserwählten Wörterverzeichniss von El Scham zu schimpfen. „Ji’ib el haleeb Bil-alek“, erzählte mir Mabruki, sei ihm oft zugerufen worden; d. h. „Bring mir die Milch, Du —“ Nun, ich muss gestehen, ich bin nicht hinreichend im Syrisch-Arabischen bewandert, um im Stande zu sein, das letzte Wort zu übersetzen. Es muss ohne Zweifel etwas schreckliches sein, denn es erregt noch heute Mabruki in hohem Grade. Mabruki sagt, er möchte gern mit seinem frühern Herrn kämpfen, ich glaube jedoch nicht, dass er ihm sehr viel Schaden thun würde. Mabruki ist aber, wenn auch dumm, doch treu; er ist als Kammerdiener durchaus nichts werth, ebenso gut könnte er Sekretär sein. Als Wache hingegen ist er unschätzbar und als zweiter Hauptmann oder Fundi, dessen Pflicht es ist, die Nachzügler wieder heranzubringen, ist er über alles Lob erhaben. Er ist hässlich und eitel, aber nicht feige.
Der Führer Asmani ist ein grosser Kerl, mehr als sechs Fuss hoch, mit dem Nacken und den Schultern eines Herkules. Neben seiner Function als Führer ist er ein Fundi, heisst auch bisweilen Fundi-Asmani, oder Jäger. Er ist ein sehr abergläubischer Mensch, der sein Gewehr und seinen als Talisman dienenden geflochtenen Riemen sehr in Acht nimmt, welchen letzteren er in das Blut aller Thiere, die er je geschossen, getaucht hat. Er fürchtet sich vor Löwen und wagt sich nie hinaus, wo er weiss, dass Löwen da sind. Alle andern Thiere betrachtet er als Jagdwild und ist unermüdlich beim Verfolgen derselben. Selten sieht man ihn ohne ein Lächeln auf dem Gesicht, das aber nicht freundlich, sondern mehr selbstentschuldigend, verrätherisch ist. Er könnte einem Menschen den Hals abschneiden und dabei lächeln.
Tschaupereh ist ein stämmiger, kleiner Mann von ungefähr dreissig Jahren, sehr gutmüthig und spassig. Wenn Tschaupereh in seinem trockenen Stile spricht, wie Mark Twain, so lacht das ganze Lager. Ich zanke mich nie mit Tschaupereh und habe es nie gethan. Ein freundliches Wort, das man an ihn richtet, wird bestimmt mit einer guten That vergolten. Er ist der Stärkste, Gesündeste, Liebenswürdigste und Treueste von allen, kurz, die Personification eines guten Trabanten.
Khamisi ist ein netter, reinlicher Junge von ungefähr zwanzig Jahren, thätig, laut, prahlerisch und der Feigste der Feigen. Er pflegt bei jeder Gelegenheit zu stehlen, hängt mit Vorliebe an seiner Flinte, ist immer sehr ängstlich, wenn eine Schraube losgeht oder ein Stein nicht Feuer geben will; doch bezweifle ich, dass er vor starkem Zittern im Stande sein würde, seine Flinte gegen einen Feind abzufeuern. Er würde sich wol eher auf seine Füsse verlassen, die klein und wohlgeformt sind.
Ambari ist ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, gehört zu Speke’s „Getreuen“ und auch zu den meinigen. Er würde nicht von mir weglaufen, ausser vor einem Feinde, und wenn er sich in grosser persönlicher Gefahr befinden sollte. In seiner Art ist er gescheit, aber nicht hinreichend, um als Hauptmann zu dienen; er könnte jedoch eine kleinere Abtheilung in seine Obhut nehmen und gewiss gut über dieselbe Bericht erstatten. Er ist faul, liebt das gute Leben und hasst das Marschiren, wenn er mehr als seine Flinte zu tragen hat.
Dschumah ist derjenige von den Leuten, auf den am meisten geschimpft wird, aber nicht von mir, denn ich streite mich selten mit ihm; er hat nämlich Alteweiber-Manieren und ist in seiner Weise geneigt, das beste für mich zu thun, obwol er nicht ein Pfund tragen kann, ohne über sein hartes Schicksal zu stöhnen. Mir gegenüber ist er sentimental und pathetisch; den unbedeutenderen Mitgliedern der Karavane gegenüber zeigt er sich streng und unnachgiebig. In Wahrheit hätte ich Dschumah sehr leicht entbehren können, er war unverbesserlich unbrauchbar und ass viel mehr, als er werth war. Im übrigen war er ein sehr streitsüchtiger und mürrischer Narr.
Ulimengo, ein starker, tapferer Bursche von dreissig Jahren, war der Tollste und Hirnverbrannteste meiner Gesellschaft. Obgleich ein Erzfeigling, renommirte er doch gewaltig; trotz seiner Liebe zum Spass und Vergnügen, war er nicht sehr gegen die Arbeit. Mit hundert Leuten seines Schlags hätte ich durch ganz Afrika reisen können, vorausgesetzt, dass man keine Gefechte zu bestehen hätte. Man wird sich wol erinnern, dass er der Kriegsheld war, der meine kleine Armee gegen Mirambo in den Krieg führte und den Schlachtgesang der Wangwana anstimmte, und dass ich erzählt habe, wie er, als der Rückzug beschlossen war, als erster von meiner Gesellschaft die Veste Mfuto erreichte. Er läuft rasch und schiesst gut. Ihm verdanke ich bei verschiedenen Gelegenheiten werthvolle Beiträge zu meiner Speisekammer.
Feradschi, ein früherer Tellerputzer von Speke, war mein Koch. Er wurde in dies Amt befördert, nachdem Bunder-Salaam ausgerissen war und Abdul Kader sich als völlig unbrauchbar erwiesen hatte. Feradschi’s Zwecken genügte es, wenn er kein Wischtuch hatte, die Schüsseln mit Kornähren, grünen Zweigen, einem Bündel Blätter oder Gras, was ihm gerade zur Hand war, zu reinigen. Wenn ich mir einen Teller bringen liess und ihm darauf eine schwarze, fettige, schmutzige Daumenspur zeigte, so hielt Feradschi ein Abreiben mit dem Finger für genügend, um alle Einwürfe zu erledigen. Wenn ich ihm andeutete, dass ein Löffel schmutzig sei, so glaubte er, der Peinlichste müsse damit zufriedengestellt sein, wenn er es mit etwas Speichel an seinem schmierigen Lendentuch abgerieben hatte. Jedes Pfund Fleisch und jeder dritte Löffel Schleim oder Grütze, den ich in Afrika gegessen, enthielt wenigstens zehn Gran Sand. Feradschi ärgerte sich ungemein, als ich ihm drohte, ich würde bei unserer Ankunft in Zanzibar mir den Magen vom grossen englischen Doctor öffnen und jedes in demselben gefundene Sandkorn zählen lassen, wo dann Feradschi für jedes derselben einen Dollar zahlen müsse. Das Bewusstsein, dass mein Magen eine grosse Anzahl Sandkörner enthalten müsse, wodurch er schweres Geld verwirkt habe, machte ihn zuweilen sehr traurig. Im übrigen war Feradschi ein guter, sehr fleissiger, wenn auch nicht perfekter Koch und konnte eine Tasse Thee sowie drei bis vier heisse Pfannkuchen innerhalb zehn Minuten, nachdem wir halt gemacht, fertig bringen, und dafür war ich ihm sehr dankbar, da ich nach einem langen Marsch gewöhnlich hungrig war. Feradschi hatte Baraka’s Partei gegen Bombay in Unyoro ergriffen, und da Speke sich für Bombay entschied, verliess Feradschi aus Liebe zu Baraka Speke’s Dienste und verwirkte so seinen Lohn.
Maganga war ein in Mkwenkwe geborener Mnyamwezi, ein starker, treuer Diener, ausgezeichneter Pagazi und von tadellosem Charakter. Er war es, der zu allen Zeiten auf dem Wege den lauten Gesang der Wanyamwezi-Träger anstimmte, der ohne Rücksicht darauf, wie heiss die Sonne brannte oder wie lang der Marsch war, mit Sicherheit unter den Leuten Munterkeit und Leben verbreitete. Zu solchen Zeiten sangen alle mit meilenweit zu hörenden Stimmen, dass die grossen Wälder laut erdröhnten und jedes Thier meilenweit in der Runde erschreckt aufgescheucht ward. Wenn wir uns einem Dorfe näherten, dessen Bewohner uns feindselig gesinnt sein konnten, so fing Maganga seinen Gesang an, alle andern stimmten im Chor ein und dadurch erfuhren wir, ob die Eingeborenen freundlich oder feindlich gegen uns seien. Waren sie feindlich oder verzagt, so pflegten sie ihre Pforten sofort zu schliessen und blickten uns finster von dem Innern aus an; waren sie dagegen freundlich, so stürzten sie aus den Pforten heraus, um uns zu begrüssen und einige freundliche Worte zu wechseln.
Das wichtigste Mitglied in der Expedition nach mir war Selim, der junge arabische Christ aus Jerusalem. Er war vom guten Bischof Gobat erzogen, und wenn alle arabischen Knaben aus seiner Schule so gut wie Selim einschlagen, so verdient der Bischof das höchste Lob für sein edles Wirken. Ohne Selim hätte ich in Mfuto zu Grunde gehen müssen; ohne ihn hätte ich mir nicht so leicht die Freundschaft der Hauptaraber des Innern erwerben oder mit ihnen so gut verkehren können, denn wenn ich auch Arabisch verstand, so konnte ich es doch nicht sprechen. Diesen Jungen habe ich im Januar 1870 in Dienst genommen; seit der Zeit ist er mit mir durch das südliche Russland, den Kaukasus und Persien gereist. Er war in meinem Dienste ehrlich und treu, selbst bis zum Tode, und ohne Furcht und Tadel. Während ich sein Lob hier verzeichne, fühle ich, dass es durchaus nicht hinreicht, um die Empfindungen auszudrücken, die ich für seine mir geleisteten Dienste hege.
Ich habe bereits erzählt, wie Kalulu in meinen Dienst und zu seinem jetzigen Namen kam. Bald fand ich heraus, wie gewandt und rasch er beim Lernen war, und deshalb wurde er zum Range meines Leibdieners erhoben. Selbst Selim konnte es Kalulu nicht an Raschheit und Bereitwilligkeit zuvorthun, wenn er meine Bedürfnisse bei Tisch errathen sollte. Seine kleinen schwarzen Augen schweiften immer über die Schüssel und waren bemüht, herauszufinden, was ich noch brauche und was nicht.
In ungefähr 4½ Stunden, nachdem wir den Ort verlassen, der beinahe zum Schauplatz eines blutigen Conflicts geworden wäre, kamen wir an dem Ziwani an. Der Ziwani oder der Pfuhl enthielt nicht einen Tropfen Wasser, sodass meine Leute, deren Zungen ganz vertrocknet waren, weiter gehen mussten, um danach zu graben. Diese Ausgrabung wurde mittels starker, harter, scharf zugespitzter Stöcke in dem trockenen, hart zusammengebackenen Boden bewirkt; nachdem sie sechs Fuss tief gegraben hatten, wurden ihre Mühen durch den Anblick von einigen Tropfen schlammiger Flüssigkeit belohnt, welche an den Seiten des Loches durchsickerte. Diese verschluckten sie gierig, um ihren wüthenden Durst zu löschen. Freiwillig gingen einige mit Eimern, Kürbisflaschen und Kannen südlich nach einer verlassenen Lichtung, welche in Ukamba der „Tongoni“ genannt wird, und kehrten nach drei Stunden mit einem für den unmittelbaren Gebrauch gehörigen Vorrath guten klaren Wassers zurück.
Nach 1½ Stunde kamen wir bei diesem Tongoni oder der verlassenen Lichtung der Wakamba an. Hier waren drei oder vier Dörfer niedergebrannt und ein grosser offener Platz lag infolge der Zerstörung der Wa-Ruga-Ruga Mirambo’s verwüstet da. Die übrigbleibenden Einwohner waren nach der Plünderung und völligen Zerstörung ihrer blühenden Ansiedlung gen Westen nach Ugara ausgewandert. Eine grosse Heerde Büffel löscht jetzt ihren Durst an der Pfütze, welche die Ukambadörfer mit Wasser versehen hat.
Grosse Massen von Eisenblutstein kamen an der Oberfläche in diesen Wäldern zum Vorschein. Wildes Obst war reichlich vorhanden; der Holzapfel, die Tamarinde und eine kleine pflaumenartige Frucht versahen uns mit einem angenehmen Mahl.
Der Honigvogel ist in diesen Wäldern von Ukonongo sehr häufig. Sein Geschrei ist ein lautes rasches Zirpen. Die Wakonongo verstehen sich seiner Leitung zu bedienen, um zu dem süssen Honigschatz zu kommen, den die wilden Bienen in dem Spalt irgendeines grossen Baumes aufgehäuft haben. Täglich brachten mir die Wakonongo, die sich unserer Karavane angeschlossen hatten, ungeheure Stücken Honigwaben, die schönen weissen und rothen Honig enthielten. Gewöhnlich enthalten die rothen Honigwaben eine grosse Anzahl todter Bienen, doch kümmerten sich unsere ungemein gefrässigen Leute wenig darum, sondern assen nicht nur die Honigbienen, sondern auch eine gute Portion Wachs.
Sobald der Honigvogel einen Menschen bemerkt, gibt er sofort eine Reihe wilder aufgeregter Schreie von sich, hüpft von Zweig zu Zweig, von Ast zu Ast und dann auf einen andern Baum, indem er fortwährend sein Zirpen wiederholt. Der Eingeborene, der den Charakter des kleinen Vogels kennt, folgt ihm ohne Zaudern; wenn seine Schritte zu langsam für den unruhigen Rufer sind, so fliegt dieser zurück und dringt mit noch lautern, ungeduldigern Tönen in ihn, sich zu beeilen. Dann schnellt er sich rasch vorwärts, als ob er ihm zeigen wolle, wie rasch er sich an den Honigvorrath begeben könne, bis schliesslich der Schatz erreicht ist, der Eingeborene das Bienennest ausgeräuchert und den Honig in Sicherheit gebracht hat. Dann putzt sich der kleine Vogel und zirpt in triumphirender Melodie, als ob er dem Zweifüssler die Mittheilung mache, dass dieser ohne seine Beihülfe niemals den Honig gefunden haben würde.
Büffelmücken und Tsetses waren auf diesem Marsch sehr beschwerlich infolge der zahlreichen in der Nähe sich aufhaltenden Heerden von Jagdthieren.
Am 9. October machten wir einen langen Marsch nach Süden und schlugen unser Lager in der Mitte eines prächtigen Haines auf. Wasser war auf dem Wege sehr selten. Die Wamrima und Wanyamwezi sind nicht im Stande, lange den Durst auszuhalten; wenn viel Wasser da ist, so löschen sie denselben bei jedem Bach oder jeder Pfütze; ist es nur sparsam vorhanden, wie hier und in den Wüsten von Marenga und Magunda Mkali, so werden, nachdem die Leute vorher ihre Kürbisflaschen gefüllt, lange Nachmittagsmärsche unternommen, sodass sie im Stande sind, das Wasser früh am nächsten Morgen zu erreichen. Selim vermochte nie den Durst auszuhalten; es kam gar nicht darauf an, wie viel von dem köstlichen Nass er bei sich führte, gewöhnlich trank er den ganzen Vorrath aus, ehe das Lager erreicht war, und litt infolge dessen während der Nacht am Durst. Ausserdem gefährdete er sein Leben, indem er aus jeder schmutzigen Lache trank und gerade jetzt begann er auch darüber zu klagen, dass er blutigen Stuhlgang habe, was ich für ein Anfangsstadium der Ruhr hielt.
Während dieser Märsche, seitdem wir Ugunda verlassen, bildeten die Wa-Ruga-Ruga, deren Frevelthaten und die Möglichkeit, dass wir mit diesen kühnen Waldräubern zusammentreffen könnten, einen beliebten Gesprächsstoff an den Lagerfeuern. Ich glaube wahrhaftig, die ganze Karavane wäre, falls ein halbes Dutzend von Mirambo’s Leuten uns plötzlich angefallen hätte, davongelaufen.
Wir erreichten Marefu am nächsten Tage, nach einem kurzen Marsche von drei Stunden. Dort fanden wir eine von den Unyanyembischen Arabern an die südlichen Watuta abgeschickte Gesandtschaft, die mehrere Ballen an Geschenken mit sich führte und unter der Leitung des Mseguhha Hassan stand. Dieser tapfere Führer und Diplomat hatte hier wegen der Kriege und Kriegsgerüchte in dem vor ihm liegenden Lande etwas mehr als zehn Tage halt gemacht. Es hiess, dass Mbogo, der Sultan von Mbogo in Ukonongo, mit dem Bruder von Manwa Sera Krieg führe und da Mbogo ein grosser District von Ukonongo ist, der nur zwei Tagereisen von Marefu entfernt ist, so hielt die Furcht, in den Krieg verwickelt zu werden, den alten Hassan vom Weitermarsch ab. Er rieth auch mir, nicht weiter zu gehen, da es unmöglich sei, das zu thun, ohne in den Kampf hineingezogen zu werden. Ich sagte ihm aber, ich habe die Absicht, meinen Weg fortzusetzen und es dem Zufall anheimzugeben, und erbot mich freundlich, ihn bis an die Grenze von Ufipa zu begleiten, von wo er leicht und sicher seinen Weg zu den Watuta fortsetzen könne; er schlug dies aber aus.
Wir waren jetzt vierzehn Tage in südwestlicher Richtung gereist und hatten nur wenig mehr als einen Breitengrad zurückgelegt. Ich hatte die Absicht, etwas weiter nach Süden zu gehen, weil der Weg so gut war und wir auch in dieser Richtung nicht zu fürchten brauchten, mit Mirambo zusammenzutreffen; doch zwangen mich die Gerüchte von diesem in dem nur zwei Tagereisen vor uns liegenden Lande wüthenden Kriege, im Interesse der Expedition mich seitlich, in der Richtung West zu Nord, dem Tanganika zu, durch den Wald zu schlagen und, wo es vortheilhaft war, Elefantenspuren und Fusspfaden zu folgen. Nachdem ich mich mit dem Führer Asmani berathschlagt, nahm ich diesen neuen Plan an. Jetzt befanden wir uns nach Ueberschreitung des Gombé in Ukonongo.
Am folgenden Tage nach unserer Ankunft in Marefu, wandten wir uns nach Westen angesichts der Dorfbewohner und des arabischen Gesandten, der bis zum letzten Augenblicke uns wiederholte, wir begäben uns bestimmt in Gefahr.
Wir marschirten acht Stunden lang durch einen Wald, in welchem die Waldpfirsich oder „Mbembu“ reichlich vorkommt. Der Baum, der diese Frucht trägt, ähnelt sehr einem Birnbaum und ist ungemein fruchtbar. Ich sah einen Baum, dessen Früchte ich zu etwa 2½ Hectoliter abschätzte. An diesem Tage ass ich sehr viel solcher Pfirsiche. Solange der Reisende sich dieselben verschaffen kann, braucht er sich in diesen Gegenden nicht vor dem Verhungern zu fürchten.
Am Fusse eines anmuthigen Bergkegels fanden wir ein Dorf, Utende genannt, dessen Einwohner in grosser Unruhe waren, als wir plötzlich auf ihrem Bergkamme erschienen. Die Klugheit veranlasste mich, dem Sultan ein Geschenk von einem Doti zu übersenden; er nahm dasselbe jedoch nicht an, da er gerade von Pombé betrunken und folglich zur Unverschämtheit geneigt war. Da er mir sagen liess, dass er jedes Geschenk ausschlagen werde, wenn er nicht noch vier Stück Zeug bekäme, so liess ich sofort eine starke Boma auf dem Gipfel eines kleinen Berges aufbauen, der sich in der Nähe eines reichlichen Wasservorraths befand, und packte das Geschenk ruhig wieder in meinen Ballen ein. So nahm ich eine strategisch gewählte Stellung ein, da ich die Front des Berges und den ganzen zwischen seinem Fuss und dem Dorf der Watende befindlichen Raum hätte bestreichen können. Die ganze Nacht über blieben Wachen ausgestellt, glücklicherweise jedoch wurden wir bis zum Morgen nicht beunruhigt. Dann erst erschien eine Deputation der wichtigsten Einwohner, um mich zu fragen, ob ich fortzuziehen beabsichtige, ohne ihrem Häuptling ein Geschenk zu machen. Ich erwiderte ihnen, dass es nicht meine Absicht sei, durch irgendein Land zu ziehen, ohne mich mit dem Häuptling zu befreunden und wenn der ihrige ein gutes Tuch von mir annehmen wolle, würde ich es ihm gern geben. Anfangs erhoben sie zwar Einwendungen gegen die Geringfügigkeit der Gabe, schliesslich aber wurde die Meinungsverschiedenheit geschlichtet durch ein Fundo rother Perlen — Sami-Sami — ich für die Frau des Häuptlings hinzufügte.
Von der Hügelkette von Utende zog sich ein Wald meilenweit nach Westen hinab, der in einer grossen First mit glattem Gipfel sein Ende fand, die sich 5–600 Fuss über der Ebene erhob.
Ein Marsch von vier Stunden brachte uns am 12. October an ein dem Gombé ähnliches Nullah, das während der nassen Jahreszeit in den Gombé und von dort in den Malagarazi fliesst.
Kurz ehe wir unser Lager aufschlugen, sahen wir eine Heerde Nimba oder Gallah; ich hatte das Glück, eins zu schiessen, was eine willkommene Zugabe zu unserm rasch sich vermindernden Vorrath an getrocknetem Fleisch bildete, den wir uns in unserm Lager am Gombé gesammelt hatten. Nach den vielen Spuren schlossen wir, dass hier zahlreiche Büffel wie auch Elefanten und Rhinozeros hausten. Auch das Federvieh war durch Ibisse, Fischadler, Pelikane, Störche, Kraniche, einige schneeweisse Löffelreiher und Flamingos gut vertreten.
Von dem Nullah oder Mtoni zogen wir nach Mwaru, dem Hauptdorf des Districts Mwaru, dessen Häuptling Ka-mirambo ist. Unser Marsch führte uns über verlassene freie Plätze, die einst von Ka-mirambo’s Leuten besetzt gewesen, welche jetzt aber vor etwa zehn Jahren von Mkasiwa während seiner Kriegführung gegen Manwa Sera vertrieben worden waren. Niongo, der Bruder des letztern, führte jetzt eben Krieg mit Mbogo und war durch Mwaru am Tage vor unserer Ankunft durchgezogen, nachdem er von seinem Feinde eine Niederlage erlitten hatte.
Die Hügelkette, welche sich am westlichen Horizont dahinzog und von Utende aus sichtbar gewesen war, überschritten wir an diesem Tage. Der westliche Abhang windet sich hier schräg nach Südwesten und wird vom Flusse Mrera, der sich in den Malagarazi ergiesst, entwässert. Schon hier nahmen wir den Einfluss des Tanganika wahr, obwol wir noch zwölf bis fünfzehn Märsche von dem See entfernt waren: das Gebüsch wurde dichter und das Gras ungemein hoch. Dies erinnerte mich an die Seedistricte von Ukwere und Ukami.
An diesem Orte hörten wir von einer Karavane, die direct von Ufipa angekommen war, dass ein Weisser, den ich für Livingstone hielt, in „Urua“ sein solle.
Nachdem wir Mwaru verlassen, kamen wir in das Gebiet Mrera’s, eines Häuptlings, der einst viel Macht und Einfluss in dieser Gegend besass. Kriege haben jedoch seine Besitzungen auf drei bis vier Dörfer beschränkt, die in einem Dickicht versteckt liegen, dessen äusserer Rand so dicht ist, dass er wie eine Steinmauer alle Eindringlinge fernhält. Neun gebleichte Schädel staken an Pfählen, die sich vor dem Haupteingang befanden, und erzählten von den zwischen den Wakonongo und Wazavira bestehenden Kämpfen. Dieser letztere Stamm wohnt in einem Lande, das einige Märsche westlich von uns liegt. Sein Gebiet mussten wir vermeiden, wenn wir nicht wieder eine Gelegenheit aufsuchen wollten, uns im Kriege mit den Eingeborenen auszuzeichnen. Die Wazavira sind nämlich, wie wir von den Wakonongo von Mrera erfuhren, allen Wangwana feindlich gesinnt.
Auf einem schmalen Sumpfstreifen zwischen Mwaru und Mrera sahen wir eine kleine Heerde wilder Elefanten. Zum ersten mal geschah es, dass ich diese Thiere in ihrer natürlichen Wildheit erblickte und ich werde nicht leicht den ersten Eindruck vergessen, den sie auf mich machten. Nach meinem Dafürhalten verdient eigentlich der Elefant den Titel eines Königs der Thiere; seine ungeheure Gestalt, die majestätische Art, in welcher er jemand, der in sein Gebiet eindringt, anschaut, und sein ganzes machtbewusstes Wesen geben gute Gründe für seine Ansprüche auf diesen Titel ab. Diese Heerde hielt, als wir in der Entfernung einer Meile an ihr vorbeizogen, an, um sich die Karavane anzusehen und begab sich, nach Befriedigung ihrer Neugierde, insgesammt in den nach Süden die Sumpfebene begrenzenden Wald, als ob ihnen Karavanen alltägliche Erscheinungen seien, wogegen sie, die freien und unbesieglichen Herren des Waldes und Sumpfes nichts mit den feigen Zweifüsslern gemein hätten, die nie muthig genug sind, um sich ihnen im ehrlichen Kampfe zu stellen. Die Zerstörung, die eine solche Heerde in einem Walde anrichtet, ist geradezu furchtbar. Wenn die Bäume noch jung sind, so kann man sie in dichten Reihen entwurzelt auf der Erde liegen sehen; sie bezeichnen die Spur der Elefanten, die sich ihren Weg durch Wald und Dickicht mit wuchtigem Tritt gebahnt haben.
An diesem Orte wurde der junge Selim so krank, dass ich genöthigt war, seinetwegen drei Tage mit der Karavane halt zu machen. Er schien an einer Krankheit in den Gelenken zu leiden; er krümmte sich vor Schmerzen und zitterte beständig. Ausserdem hatte er einen Anfall von acuter Ruhr. Beständige Pflege und Sorgfalt stellte ihn jedoch bald wieder her und am vierten Tage war er im Stande, die Strapazen des Reitens zu ertragen.
Während unseres Aufenthalts in Mrera hatte ich Gelegenheit, mehrere Thiere zu schiessen. Der an das cultivirte Land stossende Wald ist reich an edeln Thieren. Zebras, Giraffen, Elefanten und Rhinozeros sind hier sehr gewöhnlich; Ptarmigans und Perlhühner kommen gleichfalls zahlreich vor.
Die Krieger von Mrera sind fast alle mit Musketen, bewaffnet, die sie sehr sorgfältig behandeln. Sie verlangten dringend nach Flintensteinen, Kugeln und Pulver, was ich aber grundsätzlich stets verweigerte, damit sie nicht, falls einmal ein Zwiespalt entstände, die so erhaltene Munition zu meinem eigenen Nachtheil verwenden könnten. Die Männer dieses Dorfes sind Faullenzer, sie spielen wie grosse Kinder und thun nichts weiter als Jagen, Gaffen und Schwatzen.
Während der Zeit, wo ich mich in Mrera aufhielt, beschäftigte ich mich damit, meine Schuhe auszubessern und die grossen Risse in meinen Kleidern zu flicken, welche die Dornbüsche während der letzten Märsche fast gänzlich ruinirt hatten. Im Westen über Mrera hinaus lag eine Wildniss, von der man uns vorhersagte, dass wir neun Tage brauchen würden, um sie zu passiren.
Es trat daher an uns die Nothwendigkeit heran, uns mit einem grossen Vorrath von Korn zu versehen, welches, ehe wir die vor uns liegende grosse unbewohnte Wüste betraten, zu mahlen und zu sieben war; es gab demnach reichliche Arbeit.
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.