Die zu üblen Zwecken angewandte Zauberkunst wird mit dem Tode bestraft. Auch ist die unter den Wagogo gebräuchliche Ceremonie, um Bösewichter zu entdecken und zu überführen, ähnlich der in Unyamwezi angewandten. Verbrechen gegen den Staat und die Gemeinde werden auch mit dem Tode bestraft. Ein entdeckter Dieb, der seiner Schuld überführt ist, kann entweder sofort getödtet oder je nach dem Urtheil des Königs (Mtemi) zum Sklaven des Besitzers des Gutes werden, das er zu stehlen versucht hat.
Nach dem Tode tragen die Wanyamwezi die Leichen entweder ins Gestrüpp oder begraben die Vornehmeren in sitzender Stellung oder seitwärts liegend, wie die Wagogo. Auf dem Marsch wird eine Leiche einfach bei Seite geworfen und der Hyäne zur Beute überlassen, welche am besten für die Reinigung des Waldes sorgt. Der Sultan wird innerhalb des Dorfes begraben.
Die nördlichen Wanyamwezi sind ein sehr fleissiges Volk. Sie schmelzen sich das Eisen selbst und fabriziren fast alle vom Tanganika bis Usagara gebrauchten Hacken. Keine Karavane kehrt von Unyanyembé zurück, ohne sich Hacken zu kaufen, mit welchen sie den Wagogo den Tribut für die Rückreise bezahlen. Das in dieser Weise eingeführte Eisen wird von den östlichen und westlichen Stämmen zu verschiedenen Instrumenten verwendet. Aus demselben verfertigen sie sich Speere, Pfeilspitzen, Sicheln und Kriegsbeile. In Unyanyembé sieht man oft den eingebornen Handwerker mit diesen Mordinstrumenten einen Hausirhandel gegen Tuch treiben. Für zwei Meter kann man einen neuen Speer oder ein Dutzend Pfeile kaufen. Vier Meter Leinwand gibt man für einen Bogen bester Art, der mit Messing- und Kupferdraht verziert ist; zwei Meter für ein furchtbar aussehendes Beil. Diese letztere Waffe ist, wie man aus den beigegebenen Abbildungen ersehen kann, derjenigen ähnlich, welcher sich die Picten im Steinalter und die Römer und Aegypter in ihren frühesten historischen Perioden bedient haben, und es ist genau dieselbe, wie sie von Bagomoyo bis San Salvador, von Nubien bis zum Kaffernlande benutzt wird.
Auf Kinyamwezi heisst die Gottheit Miringu, auf Kigogo Mulungu, auf Kiswahili Mienzi Mungu. Die Wanyamwezi betrachten Gott als den Schöpfer und Austheiler aller Reichthümer. Er wird fast nur angebetet, um ihn um weltliche Reichthümer anzuflehen. Wenn der Tod ein Mitglied einer Familie in Unyamwezi geraubt hat, so sagen die Verwandten vom Todten, dass „Miringu ihn genommen hat“, oder dass „er verloren gegangen ist;“ „es ist Gottes Werk.“ Der ehrfurchtsvolle Ton, in welchem sie davon sprechen, zeigt auch, dass die Thatsache in ihren Augen wunderbar ist.
„Kann ein Mädchen seinen Schmuck vergessen oder eine Braut ihre Zierrathen?“ Bei den Wanyamwezi scheint es nicht der Fall zu sein. Von der Stunde an, dass sie Mama zu rufen beginnt, sind ihre Zierrathen der beständige Gegenstand ihrer Besorgnisse. Sie liebt es, die hübschen aus rothen, gelben, weissen und grünen Perlen bestehenden Armbänder zu betrachten, die in solchem Contrast zu ihrer dunklen Hautfarbe stehen; ihre Finger durch die langen aus bunten Perlen bestehenden Halsbänder, die an ihrem Halse herabhängen, gleiten zu lassen; oder mit dem Perlengürtel zu spielen, der ihre Taille umgibt; sie steckt sie sich sogar ins Haar und hört es gern, wenn man ihr sagt, dass sie ihr gut stehen. Sie freut sich, einen spiralförmigen Drahtgürtel zu besitzen, selbst wenn sie kein Kleidungsstück besitzt, das ihn nöthig macht. Mit Ungeduld erwartet sie den Tag, wo sie sich verheirathen und ein Tuch besitzen kann, um es um ihren Leib zu falten, und wo sie das Recht hat, über ihre Hühner zu verfügen und sie gegen das billige von arabischen Kaufleuten verkaufte Flitterwerk auszutauschen.
Die in angelsächsischen Ländern vorkommenden Theegesellschaften haben ein hohes Alter. Als die Aegypter das erste Culturvolk waren, waren sie oder wenigstens ihnen ähnliche Versammlungen Mode. Wer hat nicht auf den Bildern des alten Aegyptens, die sich auf den Mauern des wieder aufgefundenen Memphis befinden, Damengesellschaften erblickt? Ich habe diese Gastmäler in Abessinien, diesem so conservativen Lande, gesehen. In Unyamwezi kann man auch Damengesellschaften sehen und selten habe ich etwas erblickt, das sich der Glückseligkeit und vollständigen Zufriedenheit so nähert, wie die Gesichter der alten und jungen Frauen eines Kinyamwezi-Tembé, wenn sie sich gegen Sonnenuntergang aus den verschiedenen Häusern versammelt haben und die Ereignisse des Tages oder die trivialen Interessen besprechen, über die sich ein geselliger Kreis von Wanyamwezi zu unterhalten pflegt. Jedes Frauenzimmer hat ihren kleinen Schemel und ihre heranwachsende Tochter an der Seite, die, während die Mutter mit vor Zufriedenheit glänzendem Gesichte schwatzt und raucht, ihre flinken Hände dazu verwendet, die wolligen Locken der Mutter in eine Anzahl Flechten und Löckchen zu verwandeln. Die ältern Frauenzimmer sitzen mit untergeschlagenen Beinen im Kreise herum und erzählen, wie Schwalben schwatzend, ihre Erfahrungen. Die Eine spricht davon, wie ihre Kuh aufgehört hat, Milch zu geben; die Andere, wie gut sie ihre Milch an den Weissen verkauft hat; eine Dritte von ihren Erlebnissen im Felde, während sie daselbst mit der Hacke beschäftigt war; eine Vierte berichtet, wie ihr Gatte noch nicht aus der Kinyamwezi-Hauptstadt zurückgekehrt, wohin er gezogen, um Korn zu verkaufen.
Während die Dorfmatronen sich ihrer harmlosen Unterhaltung hingeben, findet man den Pater familias auf der Börse, dem Etablissement, wo die jungen Leute ihre Gespräche führen, wo die Preise der Artikel und die Politik ihres Districts vielleicht mit ebenso viel Scharfsinn und Verstand besprochen wird, wie an ähnlichen Orten civilisirterer Länder. Dieser öffentliche Versammlungsort eines Kinyamwezidorfes heisst in der Volkssprache „Wanza“ oder „Uwanza“ und befindet sich meist auf einer Seite eines quadratischen innerhalb des Dorfes liegenden Platzes. Wenn es nicht viel zu thun gibt — und es ist selten, dass hier viel zu thun ist — rauchen die Männer hier und unterhalten sich, auf den Hacken sitzend, vielleicht gerade über dieselben Gegenstände, die eben bei den Weibern verhandelt werden. Am wahrscheinlichsten bildet wol der Weisse, der eben angekommen ist, den Gegenstand ihrer Unterhaltung, denn dieser bietet ihnen unzweifelhaft das interessanteste Thema, obgleich sie trotz des Interesses und der Neugierde, die sich an ihn heftet, nie so unverschämt sind, die Thatsache zu bezweifeln, dass er ein Weisser ist, oder seine Aussagen zu bestreiten, wie es gewissen Leuten die sich civilisirt nennen, zu thun beliebt. Wenn jemand einen Speer zu schleifen, ein Schwert zu verzieren, einen Axtstiel zu machen, eine Pfeife zu rauchen oder Neuigkeiten mitzutheilen hat, so geht er in die Wanza. Wenn niemand da ist, so macht er seine Arbeit rasch ab und sucht sich die Gruppe unter dem grossen Baum auf, der sich stets in dem Dorfe befindet, unter dessen Schatten er seiner Liebhaberei für intelligente Unterhaltung nachgehen kann. Was die Agora für Athen und die Börse für die modernen Hauptstädte ist, das ist die Wanza für ein Dorf in Unyamwezi.
Aus den vorhergehenden Bemerkungen kann man sehen, dass die Wanyamwezi gern rauchen. Wenn man sich die Darstellungen der verschiedenen Pfeifenarten ansieht, bemerkt man, dass sie eine bedeutende Geschicklichkeit in der Fabrikation an den Tag legen. Auch sieht man, dass dieselben denen der nordamerikanischen Indianer sehr ähnlich sind. Während aber die Indianer rothen Seifenstein für ihre Pfeifen verwenden, bedienen sich die Wanyamwezi des schwarzen, wie er sich im westlichen Usukuma findet. Da dieser weiche Stein jedoch nicht ganz leicht zu bekommen ist, so fabriciren sie sich die Pfeifen auch aus schwarzem Lehm, der mit fein gehacktem Stroh gemischt wird. Der Taback ist in Unyamwezi nicht besonders gut. Man fabricirt ihn in derselben Gestalt wie die Laiber in Abessynien. Für ein Doti oder vier Meter Tuch kauft man einen Laib von drei Pfund; ebenso viel kostet eine aus schwarzem Seifenstein fabricirte Pfeife, deren Rohr reichlich mit schönem Messing- oder Kupferdraht verziert ist.
Die Eingeborenen lieben es auch sehr, indischen Hanf mit ihrem Taback zu mischen. Ihre Nargileh ist aber ein sehr einfacher Apparat, der aus einem Kürbis und einem hohlen Stock besteht. Schon ein paar Züge aus demselben genügen, schreckliche Hustenanfälle hervorzurufen, welche den ganzen Körper zu martern scheinen. Das macht ihnen aber Vergnügen, denn sie greifen oft dazu, obwol ihr lärmender, rauher Husten unbeschreiblich widerlich ist.
Die Wanyamwezi von Unyanyembé besitzen viele Viehheerden. Von jedem Lande, wo man Vieh sieht, lässt sich mit Bestimmtheit annehmen, dass es selten von Krieg überzogen wird. Zwischen der Küste und Udschidschi fanden wir Vieh nur in Usagara, Ugogo, Unyanyembé und Uhha; alle übrigen Länder züchteten nur Ziegen, Schafe und Hühner. Einige der reicheren Araber von Unyanyembé besitzen grosse Viehheerden und haben 40–50 Milchkühe; doch gibt es nur wenige Wanyamwezi, die deren mehr als 30 besitzen. Eine Milchkuh ist 20–30 Doti oder 75–110 Meter Leinwand werth. In Usukuma hingegen kann man eine Kuh für zwei bis vier Doti kaufen. 2½ Liter Milch gilt als reichliches Maass für eine Kuh. Das ist aber nicht das Gewöhnliche; vielmehr bringt meines Erachtens eine Kuh durchschnittlich nur 1¾ Liter. Ich liess mir zehn Tage lang täglich 4½ Liter Milch für vier Meter Tuch (Kitambi, ein farbiges Zeug) geben. Hieraus machte ich mir selbst Butter und Käse, was in Unyanyembé der grösste materielle Genuss ist, den ein Weisser haben kann.
Wie alle Neger liebt dieser Stamm die Musik sehr. Freilich ist sie barbarisch und wird bald monoton, aber ihre besten Musiker verstehen sie doch immer amüsant zu machen. Es gibt viele Improvisatoren unter ihnen. Die letzte Scandalgeschichte, politische Nachrichten oder persönlicher Klatsch wird bestimmt, wenn er hinreichend das öffentliche Interesse in Anspruch nimmt, auch in Musik gesetzt. Schon eine Woche, nachdem Mirambo den Krieg erklärt hatte, gab es in ganz Unyamwezi kein Dorf, das nicht Mirambo’s in irgend einer Weise des Abends in seinen Liedern Erwähnung gethan hätte; und da es lauter bekannte Melodien waren, so wurde nur der Name des jetzt berühmten Königs an die Stelle eines früher gebrauchten gesetzt. Auch der Musungu oder Muzungu, wie es bisweilen ausgesprochen wird, wurde bald nach seiner Ankunft ein beliebtes Thema, das aber in kurzer Zeit den Reiz der Neuheit verlor.
Die Nahrung dieser Eingeborenen, wie überhaupt aller Bewohner Central-Afrikas, besteht aus Matamamehl, dem Holcus sorghum (dem arabischen Dourra oder Dura), das in eine Art dicken Brei, ein einfach aufgebrühtes Gericht, verwandelt wird. Dazu werden Blätter von Gartenpflanzen, wie z. B. Bohnen und Gurkenpflanzen, gekocht und hineingerührt. Nur selten essen die Eingeborenen Fleisch, da es zu theuer sein würde, und es gibt viele Thiere, die sie nicht mögen. Mit wahrem Genuss verzehren sie aber Fötusse und Eingeweide und wenn sie Fleisch auf anderer Leute Kosten bekommen können, so stopfen sie sich gern damit voll. Wenn meine Jagden vom Glück begünstigt waren, so pflegten die zu meiner Karavane gehörigen Wanyamwezi die ganze Nacht aufzubleiben, um ihre Fleischportionen aufzuzehren, als ob dies eine heilige Pflicht sei. Der amerikanische, aus Mais verfertigte Mehlbrei ist in ganz Central-Afrika wohl bekannt. Wenn dieses einfache Gericht gekocht wird, versammeln sich die Männer der Familien um den Topf, holen sich eine grosse Handvoll heraus, tunken sie in eine Schüssel Grünkraut oder Ghee (geschmolzene Butter) und stopfen sich das Ganze in den Mund. Die Frauen essen für sich allein, da es der männlichen Würde nicht geziemt, zusammen mit den weiblichen Verwandten zu speisen.
In Central-Afrika wird selten ein sehr hohes Alter erreicht, obwol man in jedem Dorfe graues Haar und gekrümmte Rücken sieht. Die ältesten Leute habe ich in Ugogo und Unyanyembé gesehen, was sichere, wohlgeordnete Länder sind. Magombo, den Sohn von Kanyenyi, würde ich für fast 90 Jahre alt halten. Schon im Jahre 1858, also vor 14 Jahren, erwähnt ihn Kapitän Burton als alt und hochbetagt. Noch lebt er zwar, ist aber ausser Stande, ohne Beistand weit zu gehen. Sein ältester Sohn Kisewah muss bedeutend über 60 Jahre und sein jüngster Sohn Mtundu Ngondeh fast 50 Jahre alt sein. Der Sultan von Mizanza, welcher Sny bin Amer, den Freund Burton’s und Speke’s, erschlug, kann meiner Ansicht nach nicht weniger als 80 Jahre alt sein, und Pembera Pereh, der Häuptling von Nyambwa, muss ungefähr dasselbe Alter erreicht haben.
Die Wakonongo und Wakawendi haben, meines Erachtens, früher demselben Geschlecht, wie die Wanyamwezi angehört, denn ihre Sprache, Manieren und Gewohnheiten sind dieselben. Wenn man aber den Malagarazi überschreitet und nach Uvinza kommt, so befindet man sich unter einem anderen Volke. Bei der Beschreibung der Sitten und Gebräuche der Wavinza schliesse ich die Wadschidschi, Wakaranga, Warundi, Wavira, Watuta und Watusi mit ein.
Schon der Gruss, den man bei der Ankunft in Uvinza vernimmt, deutet auf neue Stämme und neue Gewohnheiten hin, die man im Begriff ist kennen zu lernen. Zwischen zwei Wavinza ist eine erste Einführung eine sehr langweilige Ceremonie. Wenn sie sich nähern, so strecken sie beide Hände gegen einander aus und sprechen die Worte „Wake, Wake“; dann fassen sie sich gegenseitig an die Ellenbogen, reiben einander die Arme und sagen rasch „Wake, Wake, Waky, Waky“, was mit den Grunztönen „Huh, Huh“, die gegenseitige Freude bedeuten, endet. Die Weiber begrüssen die Männer — ja selbst halberwachsene Jünglinge — indem sie sich soweit vorwärts beugen, bis ihre Fingerspitzen auf den Fusszehen ruhen oder indem sie ihre Körper seitlich beugen und die Hände zusammenschlagen mit dem Ausrufe: „Wake, Wake, Waky, Waky; Huh, Huh“. Dies erwidern die Männer, indem sie ihre Hände zusammenschlagen und mit denselben Worten antworten.
Die Kleidung aller dieser Menschen, wenn sie nicht reich genug sind, sich von durchziehenden Karavanen Tuch zu kaufen, oder geschickt genug, sich ihre eigenen Zeuge zu fabriciren wie die Wadschidschi und Warundi es thun, besteht aus einer Ziegenhaut, die durch einen Knoten über der Schulter befestigt ist und an einer Seite ihres Körpers herabfällt.
Als Zierrathen lieben sie solide Messingringe um Knöchel und Handgelenk oder das Kitindi, Messingdraht, der spiralförmig gedreht ist. Auch sind polirte Eberhauer oder ein polirtes Stück von dünnem, gebogenem Elfenbein Lieblingszierrathen für den Hals in ganz Uvinza, Uhha, Udschidschi und Urundi.
Die Wadschidschi fabriciren ihr eigenes Tuch aus der von ihnen erbauten Baumwolle sehr geschickt; das Gewebe desselben ist dem des mexikanischen Serape ähnlich. Wie die Wakaranga sind sie ein abergläubisches Geschlecht. In Niamtaga habe ich, nicht weit von der Dorfpforte, ihre Schutzgottheit gesehen, einen in Holz geschnitzten, bemalten, männlichen Kopf. Das Gesicht war weiss angestrichen und hatte schwarze starrende Augen; die Figur hatte viereckige, hochstehende Schultern und eine Art Kopfputz, der gelb angemalt war. Ein Jeder verbeugte sich bei seinem Eintritt in das Thor aufs tiefste vor dem Götzenbilde, wie Katholiken es vor dem Bilde der heiligen Jungfrau zu thun pflegen.
Die Wadschidschi glauben Macht über Krokodile zu besitzen und mit diesen Reptilien auf so freundschaftlichem Fusse zu stehen, dass sie dieselben zu allem, was sie wünschen, zwingen können. In Udschidschi läuft das Gerücht um, dass es ein Krokodil gibt, das ebenso gelehrt ist, wie der im Barnum’schen Museum in New York befindliche Seehund, sodass es den Befehlen seiner Freunde unbedingt gehorcht und sogar auf Befehl einen Menschen aus seinem Hause in den See bringt oder auf einen gedrängten Marktplatz geht, um einen Dieb mitten in einer grossen Versammlung zu entdecken. Die am westlichen Ufer des Sees befindlichen Höhlen von Kabogo sind den Wadschidschi schrecklich, und so oft sie an diesem Ort vorüberziehen, vergessen sie nicht, die erzürnte Gottheit des Sees dadurch zu besänftigen, dass sie Perlen und Tuch ins Wasser werfen. Dies soll nach ihrer Aussage nothwendig sein und ebenso soll der Gott die weissen (Merikani-) Perlen allen andern vorziehen. Dieser hergebrachten Sitte müssen die Wangwana aus Zanzibar und die Araber nachkommen, bevor die Wadschidschi sie ans andere Ufer bringen. Auch muss jedes Boot, das an Bemba vorbeifährt, eine bestimmte Portion von dem dortigen Pfeifenthon abbrechen, ehe es mit Sicherheit auf eine gute Reise rechnen kann. Dass dies eine seit vielen Generationen bestehende und befolgte Sitte ist, geht aus den ungeheuern Aushöhlungen hervor, die in der Kreideklippe gemacht worden sind.
Nirgends habe ich eine grössere Verschiedenheit der Sitten in Bezug auf die Haartracht gesehen, als in Urundi und Udschidschi. Entweder wird das Haar völlig abrasirt oder man lässt es in Diagonalen oder horizontalen Linien stehen. Entweder bildet es Kämme, Büsche, Streifen, kleine Locken an den Schläfen und der Stirn; oder es wird in Stirnbändern und bisweilen in schmalen, welligen oder geraden Linien getragen. Hieraus kann man schliessen, dass die Kunst des Friseurs in barbarischen Ländern ebenso hoch steht, wie in civilisirten. Was die Schmückung ihrer Leiber durch Tätowiren betrifft, so stehen sie darin höher als andere Stämme. Man findet hier ein tätowirtes Rad um den Nabel und um jede Brust. Auf den Armen besteht das Tätowiren in wellenförmigen Linien oder in concentrischen Falten oder in Linien, die diagonal über die Brust zur Schulter laufen, ebenso in Armbändern um das Handgelenk oder in einem verwickelten System von wellenförmigen und horizontalen Linien, die sich von der linken Schulter zur rechten Hüfte oder von der rechten Schulter zur linken Hüfte über die Magengegend hinziehen. Auf dem Unterleib sieht man grosse Flecken, die gar keine Zeichnung haben. Uebrigens muss das Tätowiren schmerzhaft sein, wenn man nach den ungeheuren Blasen urtheilen darf, welche nach dem Punktiren entstehen.
Die Eitelkeit des Negers auf Zierrathen wird nur durch seine Armuth beschränkt. Wer im Stande ist, es zu bezahlen, trägt 30–40 Halsbänder von Sami-Sami, Merikani, Sofi oder Pfeifenrohrperlen, Kadunduguru und Rosaperlen. Hierbei spreche ich von den Wadschidschi und Warundi, besonders von den letzteren. Am Halse hängen ihnen dünne geschnitzte Stücke Elfenbein, Flusspferdzähne und Eberhauer herab und hinten vom Nacken schwere Stücke geschnitzten Elfenbeins. Einige tragen am Halse lange, schmale Glöckchen aus einheimischem Eisen, zusammengedrehten Eisendraht und Zaubermittel oder weisse, polirte Steine und Schalen als Amulets. Um die Handgelenke haben sie Armbänder von Sami-Sami oder blauen Mutunda, welch letztere besonders beliebt sind; auch umgeben Gürtel von diesen Perlen ihre Taille.
Ihre Kleidung besteht aus einem gegerbten Ziegen-, Kalb- oder Schaffell, das mit dem rothen porösen Lehm, der von den Bächen durch die Schluchten herabgetrieben wird, gefärbt ist. Auch werden diese Fellkleider mit schwarzen Linien, Flecken und Kreisen verziert nach Art der unter den amerikanischen Indianern herrschenden Sitte.
Wie die Wagogo, und vielleicht noch mehr, lieben die Warundi den Ocker auf dem Körper. Ausser dass sie denselben mit dieser Lehmart einreihen, was seine Farbe bedeutend heller macht, schmieren sie sich auch das Gesicht, den Kopf, die Augenlider und Augenbrauen damit dunkelroth an.
Ihre Frauen haben die Sitte, sich die langen beutelförmigen Brüste mit einem um den Leib gebundenen Strick auf dem Brustkasten festzubinden. Zum Schutz oder aus Gewohnheit tragen sie lange Röcke, die bisweilen am obern Ende mit der Figur einer kleinen Eidechse oder eines Krokodils verziert sind.
Die am See wohnenden Stämme haben schwere Speere für den Nahekampf oder um einen Menschen zu viertheilen, und leichte Assegai, die sie mit grosser Genauigkeit 50–60 Meter schleudern können. Die hier benutzten Bogen sind kürzer als die der Wanyamwezi und Wakonongo, die Pfeile sind aber dieselben, nur dass sie mit grösserer Geschicklichkeit und bedeutenderem Geschmack gemacht sind.
Die Wabembe oder Wavembe (Kannibalen, welche die schroffen Felsenketten im Westen des Tanganika und gegenüber dem nordöstlichen Urundi bewohnen) sind ein Volk, das selten von den Reisenden auf dem See gesehen wird. Sie scheinen aus ihren eigenen Gewohnheiten den Schluss zu ziehen, dass auch andere Menschen Menschenfresser sind, und wenn sich Araber und Wangwana in ihrer Nähe zeigen, so bleiben sie in ihren eigenen Bergdörfern. Sie sollen, obgleich ich für die Wahrheit dieses Berichtes nicht einstehe, arabischen Kaufleuten, von denen sie wussten, dass sie einen kranken oder sterbenden Sklaven hatten, das Anerbieten gemacht haben, ihn für Korn und Vegetabilien zu kaufen, und wenn sie einen ungewöhnlich fetten Freigelassenen aus Zanzibar sehen, so sollen sie ihre Hände in den Mund stecken und verwundert ausrufen: „Tschukula, ngema sana, hapa! Tschumvi mengi!“ Futter, gut, in der That, hier! Salz in Menge!
Die Wasansi oder Basansi, wie Dr. Livingstone meint, dass sie heissen sollten, sind Nachbarn der Wabembe und gehören, wie ich fürchte, gleichfalls zur Klasse der Kannibalen. Es waren Wasansi, die uns, dem Doctor und mir, am Cap Luvumba wegen des Mordes des Sohnes des Sultans Kisesa durch den Belutsch Khamis den Skandal machten und uns erklärten, sie wollten nie wieder einen „Murungwana“ (Freigelassenen aus Zanzibar) sehen. Nie habe ich in meinem Leben eine solche Aufregung gesehen, wie sie diese Leute zeigten, als sie bemerkten, dass einer meiner Soldaten eine Ziege zerlegte, um sie zu vertheilen. Es schien, als ob sie beim Anblick des Fleisches von einer Art Wahnsinn ergriffen würden, wie man ihn etwa bei einem hungrigen fleischfressenden Thier erwarten könnte. Mit wilden Augen flehten sie um das kleinste Theilchen Fleisch und kämpften unter einander, als einer meiner Leute ein Stück unter sie warf. Eifrig sammelten sie sich die Blutgerinsel, die von der Ziege stammten, vom Boden auf und blickten mit heisshungriger Gier jeden Bissen Fleisch an, den einer meiner Leute ass. Was an dem Kannibalismus der Wabembe Wahres sein mag, weiss ich nicht, doch bin ich überzeugt, dass die Wasansi Menschenfresser sind.
Die Bewohner von Manyuema sind die geschicktesten Fabrikanten von Waffen, was man aus den hier abgebildeten Speerspitzen und Dolchen ersehen kann.