Die Expedition lagert am Fuß eines Steilhanges
UNSER LAGER IN URIMBA.

FUNFZEHNTES KAPITEL.
UNSERE REISE VON UDSCHIDSCHI NACH UNYANYEMBÉ.

Plaudereien mit Livingstone über die Ereignisse unseres „Pickenicks“. — Der Doctor will durchaus nicht in seine Heimat zurückkehren, ehe er seine Aufgabe gelöst. — Er tadelt Dr. Kirk, dass ihm dieser Sklaven zugeschickt, denen er befohlen, Livingstone nach Hause zu bringen. — Er bekommt seine gezogenen Enfield-Gewehre wieder. — Er entschliesst sich, mich nach Unyanyembé zu begleiten. — Ein Anfall von remittirendem Fieber. — Unser Christfest. — Abreise von Udschidschi. — Unsere Reise auf dem Tanganika. — Ankunft am Liutsché und Fahrt über denselben. — Fahrt über den Malagarazi. — Im Tanganika existirt keine Strömung. — Ankunft in Urimba. — Zebrajagd. — Das Thal des Loadscheri. — Erlegung einer Büffelkuh. — Zusammentreffen mit einem Elefanten. — Erzählungen Reisender. — Rothbärtige Affen. — Anblick von Magdala. — Das Thal Imrera. — Der Doctor ist fussleidend. — Heerden von Wild in der Mpokwa-Ebene. — Erlegung zweier Zebras. — Eine Heerde Giraffen. — Eine Giraffe wird verwundet. — Ibrahim’s Sklave Ulimengo läuft fort. — Breite von Mpokwa. — Umschmelzen von Zink-Feldflaschen zu Kugeln. — Mit diesen wird eine Giraffe erlegt. — Aufbruch nach Misonghi. — Der Doctor wird entsetzlich zerstochen von wilden Bienen. — Mirambo ist durch Hunger vernichtet. — Shaw’s Tod. — Ereignisse aus dem Leben und Tod Robert Livingstone’s. — Ein Löwe im Grase. — Drei Löwen. — Ankunft in Ugunda. — Einfangen des Deserteurs Hamdallah. — Ankunft in Unyanyembé.

Wir fühlten uns ganz zu Hause, als wir uns auf unsere schwarze Bärenhaut, den bunten persischen Teppich und die reinen neuen Matten setzten, den Rücken an die Wand lehnten, unsern Thee behaglich schlürften und uns über die Einzelheiten des „Picknicks“ unterhielten, wie Livingstone durchaus unsere Reise an den Rusizi zu nennen beliebte. Es schien, als ob alte Zeiten, die wir so gern ins Gedächtniss riefen, wieder zurückgekehrt seien, obgleich unser Haus äusserlich sehr einfach aussah und unsere Diener nur nackte Barbaren waren. In der Nähe dieses Hauses aber hatte ich Livingstone nach dem ereignissvollen Marsch aus Unyanyembé zuerst gesehen; auf dieser selben Veranda hatte ich seine wunderbare Schilderung der weiten bezaubernden Gegenden im Westen des Sees Tanganika gehört; hier hatte ich ihn zuerst kennen gelernt, und von dem Augenblicke an ist meine Bewunderung für ihn stets im Wachsen und ich fühle mich erhoben, wie er mir zum ersten male mittheilt, er müsse unter meiner Begleitung und auf meine Kosten nach Unyanyembé gehen. Die alten Lehmmauern, die kahlen Balken, das alte Strohdach und diese eigenthümlich aussehende alte Veranda werden für mich ein historisches Interesse mein Leben lang behalten. Daher habe ich mir die Mühe gegeben, das einfache alte Haus durch eine Zeichnung unsterblich zu machen.

Ich habe eben gesagt, dass meine Bewunderung für Livingstone zugenommen hat. Das ist wahr; denn der Mann, den ich mir so ruhig wie einen andern bedeutenden Menschen hatte ansehen wollen, um seinen Charakter und seine Ansichten genau zu schildern, hat mich besiegt. Soll ich hier aussprechen, was meine ursprüngliche Absicht gewesen? Es ist wahr wie das Evangelium. Ich wollte ihn mir ansehen, genau berichten, was er mir gesagt, sein Leben und Aussehen schildern, ihm darauf ein „Auf Wiedersehen!“ zurufen und zurückreisen. Dass er in seiner Manier besonders unangenehm und barsch sei, weshalb ich sofort in Streit mit ihm gerathen müsse, war meine bestimmte Ueberzeugung gewesen. Ausserdem war er ein Engländer, — vielleicht ein Mann, der sich eines Lorgnons bediente, durch das er mich mit wüthendem oder eiskaltem Blicke messen würde (was beides dasselbe besagen will), oder mich, wie der junge Fähnrich des Scinde’schen Cavallerie-Regiments in Abessinien, nachdem er einige Schritte zurückgetreten, gelassen fragen könnte: „Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?“ Oder er konnte mich wol gar, wie der alte General in Senafe, Sir — —, anschnauzen: „Nun, Herr! Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?“ Allerdings waren meine Bekanntschaften mit Engländern derartig, dass ich nicht erstaunt gewesen wäre, wenn er gesagt hätte: „Darf ich Sie wol fragen, mein Herr, ob Sie einen Einführungsbrief an mich haben?“ Was wäre das aber für eine Frage an den Ufern des Tanganika gewesen? Ich hätte mich auf einen Berg bei Udschidschi zurückziehen, dort zwei Tage bleiben und dann zurückkehren müssen, um der Welt mitzutheilen, wie ich angelaufen sei. Der edle, wahrhaft christliche, offenherzige Livingstone hingegen handelte wie ein Held, lud mich in sein Haus ein, drückte seine Freude darüber aus, mich zu sehen und wurde, um die Wahrheit dieser Aussage zu bestätigen, auch gleich gesund. „Sie haben mir neues Leben gebracht!“ Als ich am Wechselfieber erkrankt zwischen Leben und Tod schwebte, hat er mich wie ein Vater gepflegt, und jetzt sind wir über einen Monat zusammen gewesen. Kann man sich wundern, dass ich einen Mann liebe, dessen Gesicht seine ganze Natur widerspiegelt, dessen Herz die Güte selbst, dessen Ziele die höchsten sind, bisweilen aber doch heftig in die Worte ausbreche: „Aber, Herr Doctor, Ihre Familie würde Sie doch so gern, so sehr gern sehen. Kommen Sie doch mit mir. Ich verspreche Ihnen, Sie bis an die Küste zu geleiten. Sie sollen den schönsten Esel zum Reiten haben, den man in Unyanyembé bekommen kann. Ihre Bedürfnisse sollen, sowie Sie dieselben nur andeuten, befriedigt werden. Lassen Sie doch die Quellen des Nils und kommen Sie nach Hause, um auszuruhen. Dann können Sie ja, nachdem Sie das ein Jahr gethan und Ihre Gesundheit wiederhergestellt haben, zurückkehren und Ihre Aufgabe beendigen.“

Darauf lautete seine Antwort stets: „Nein. Ich sehne mich allerdings sehr danach, meine Familie zu sehen. Die Briefe meiner Kinder rühren mich sehr; ich darf aber noch nicht nach Hause gehen, sondern muss erst meine Aufgabe lösen. Ich bin ja nur durch Mangel an Vorräthen aufgehalten worden und würde jetzt schon die Entdeckung des Nils vollendet haben, wenn ich ihn bis an seine Verbindung mit dem Baker’schen See oder dem Petherick’schen Arm des Nils verfolgt hätte. Wäre ich nur noch einen Monat weiter gereist, so hätte ich sagen können: “die Arbeit ist vollendet„. Dr. Kirk hat mir aber immer wieder von neuem Sklaven geschickt und er sollte doch wissen, wie diese beschaffen sind. Ich kann es nicht begreifen, warum er sich nur an Banyanen gewandt hat, um mir Leute zu besorgen.“

Noch waren einige der Leute, welche Livingstone daran verhindert hatten, seine interessanten Entdeckungen fortzusetzen, in Udschidschi und hatten die der Regierung gehörigen gezogenen Enfield-Gewehre in ihren Händen, welche sie zurückbehalten wollten, bis sie ihren Lohn bekommen hätten. Da sie aber je 60 Dollars vom englischen Consul in Zanzibar unter der contractlichen Bedingung erhalten hatten, dass sie ihrem Herrn überall hin folgen sollten, dagegen nicht nur seinen Befehlen ungehorsam gewesen, sondern ihm sogar überall in den Weg getreten waren, so war es abgeschmackt, dass ein paar Leute die Oberhand über den Doctor behalten und ihm die Rückgabe der von der Regierung in Bombay geschenkten Gewehre verweigern sollten. Ich hatte gehört, wie die dem Doctor freundlich gesinnten arabischen Scheikhs den Leuten in milder Weise zugeredet hatten, die Waffen auszuliefern; war Zeuge von der Hartnäckigkeit der Meuterer gewesen, und da nahm ich denn auf dem Burzani von Sayd bin Madschid’s Hause Gelegenheit, meine Ansicht nicht nur zum Besten der eigensinnigen Sklaven, sondern auch zu dem der Araber auszusprechen und ihnen zu sagen, wie gut es sei, dass ich Livingstone am Leben gefunden, denn wenn sie ihm auch nur ein Haar gekrümmt hätten, so wäre ich an die Küste zurückgegangen, um mit einer Rache-Expedition wiederzukehren. Ich hätte jetzt jeden Tag darauf gewartet, dass Livingstone’s Flinten ihm zurückgegeben würden und gehofft, ohne Gewalt auszukommen; da nun aber mehr als ein Monat verstrichen und die Waffen noch nicht abgeliefert seien, so bäte ich mir die Erlaubniss aus, sie mit Gewalt zu nehmen, und diese wurde mir gewährt. Sofort wurde Susi, der tapfere Diener Livingstone’s (der werth gewesen wäre, mit Silber aufgewogen zu werden, wäre er nicht ein unverbesserlicher Dieb gewesen), mit ungefähr einem Dutzend Bewaffneter abgeschickt, um die Waffen abzuholen, und in wenigen Minuten waren wir ohne weitere Belästigung im Besitz derselben.

Livingstone war entschlossen, mich nach Unyanyembé zu begleiten, um dort seine am 1. November 1870 durch den britischen Consul von Zanzibar abgesandten Vorräthe in Empfang zu nehmen. Da mir die Leitung der Escorte anvertraut worden, so war es meine Pflicht, die verschiedenen Routen von Udschidschi nach Unyanyembé zu studiren. Ich war mir der grossen Verantwortlichkeit sehr wohl bewusst, die die Begleitung eines solchen Mannes mit sich bringt; auch waren meine eigenen Empfindungen bei dem Fall im Spiel. Wenn nämlich Livingstone durch meine Unvorsichtigkeit, solange er bei mir war, ein Schaden geschähe, so würde man gleich sagen: „Ja! wäre er nur nicht mit dem Stanley gereist, so wäre er jetzt noch am Leben!“

Ich nahm also meine von mir selbst angefertigte Karte vor, auf die ich volles Vertrauen setzte, und entwarf eine Route, die uns nach Unyanyembé führen sollte, ohne dass wir auch nur ein Tuch als Tribut zu zahlen hätten, und der uns schlimmstenfalls durch Dschungels führte, wodurch wir alle die Wavinza und plündernden Wahha vermeiden könnten. Dieser friedliche, sichere Weg führte zu Wasser nach Süden die Küste von Ukaranga und Ukawendi entlang bis zum Cap Tongwe. Hier würden wir uns gegenüber dem im Ukawendi-Districte Rusawa belegenen Dorfe Itaga, dessen Sultan Imrera ist, befinden und dann könnten wir den alten Weg wieder einschlagen, den ich von Unyanyembé nach Udschidschi gereist war. Dies setzte ich dem Doctor auseinander und er erkannte sofort die Ausführbarkeit und Sicherheit dieser Route an. Wenn ich dabei wirklich, wie ich wünschte, zu Imrera käme, so würde das den besten Beweis dafür geben, dass meine Karte richtig sei.

Am 13. December kehrten wir von unserer nördlichen Expedition auf dem Tanganika zurück. Von diesem Tage an begann Livingstone Briefe an seine zahlreichen Freunde zu schreiben und die werthvollen Kenntnisse, die er während seiner Reisejahre im Süden und Westen des Tanganika gesammelt, aus seinen Tagebüchern in sein umfangreiches Notizbuch einzutragen. Während er in Hemdärmeln, das grosse Notizbuch auf den Knien, auf der Veranda sass, habe ich ihn gezeichnet und die Aehnlichkeit des nebenstehenden Bildes ist vortrefflich, weil der mich unterstützende Künstler mit angeborenem Talent die Fehler meiner Skizze entdeckt hat. Dadurch bin ich im Stande, Livingstone dem Leser genau so vorzuführen, wie ich ihn gesehen habe, über die Erlebnisse auf seinen langen Märschen nachdenkend.

Bald nach meiner Ankunft in Udschidschi hatte er sich daran gemacht, einen Brief an James Gordon Bennett zu schreiben, worin er ihm dankte. Nachdem er ihn beendet, bat ich ihn, nur noch das Wort junior hinzuzufügen, da er nur dem jüngeren Bennett Dank schuldig sei. Ich hielt den Brief für vortrefflich und bat den Doctor, auch nicht ein Wort hinzuzufügen. Die Empfindungen seines Herzens hatten ihren Ausdruck in so dankbaren Worten gefunden; und wenn ich Herrn Bennett richtig beurtheilte, so wusste ich, dass er damit zufrieden sein würde. Denn er war ja nicht so sehr dabei interessirt, geographische Neuigkeiten, als vielmehr die grosse Thatsache zu erfahren, dass Livingstone selbst am Leben sei.

In diesem letzten Theil des December schrieb er auch Briefe an seine Kinder, an Sir Roderick Murchison und an Lord Granville. Auch wollte er an den Grafen Clarendon schreiben und mir fiel die schwere Aufgabe zu, ihm mitzutheilen, dass dieser ausgezeichnete Mann gestorben sei.

DR. LIVINGSTONE MIT SEINEM TAGEBUCH BESCHÄFTIGT.

Mittlerweile bereitete ich die Expedition auf den Rückweg nach Unyanyembé vor und vertheilte Ballen und Gepäck, sowol des Doctors grosse Blechkasten als auch meine eigenen unter meine Leute; denn ich hatte den Entschluss gefasst, Livingstone’s Leute als Passagiere mit marschiren zu lassen, da sie ihre Pflicht gegen ihren Herrn so vorzüglich erfüllt hatten.

Sayd bin Madschid hatte am 12. December Udschidschi verlassen, um gegen Mirambo zu ziehen und diesen schwarzen Bonaparte wegen der Ermordung seines Sohnes in den Wäldern von Wilyankuru mit Krieg zu überziehen. Er hatte 300 kräftige, mit Gewehren bewaffnete Burschen von Udschidschi mitgenommen. Der tapfere alte Häuptling brannte vor Rache und Wuth und erschien mit seinem 7 Fuss langen Gewehr als ganz stattlicher Krieger. Ehe wir nach dem Rusizi gegangen, hatte ich ihm eine gute Reise gewünscht und die Hoffnung ausgedrückt, dass er Central-Afrika von dem Tyrannen Mirambo befreien möge.

Am 20. December wurde die Regenzeit durch einen heftigen Regen, Donner, Blitz und Hagel eingeleitet, wobei das Thermometer auf 27° R. fiel. Am Abend dieses Tages bekam ich zum dritten male in Afrika Urticaria (Nesselausschlag) und war sehr leidend. Es war nur der Vorläufer eines Anfalls von remittirendem Fieber, das sieben Tage anhielt. Es ist dies die bösartige Form, die schon vielen Afrika-Reisenden auf dem Zambezi, Weissen Nil, Congo und Niger tödlich geworden ist. Man hat dabei Congestionen nach dem Kopfe, einen raschen Puls, starkes Herzklopfen und böse Phantasien. Seit ich mit Livingstone zusammengekommen, war dies mein vierter Fieberanfall. Die Aufregung des Marsches und die mich beständig erfüllende Hoffnung hatte auf dem Wege nach Udschidschi auch meinen Körper gegen Fieberanfälle gestählt; zwei Wochen aber, nachdem das grosse Ereigniss sich vollzogen hatte, liessen meine Kräfte nach; ich war völlig ruhigen Geistes geworden und erkrankte infolge dessen. Da ich mich jedoch niemals der Unmässigkeit oder andern ausschweifenden Gewohnheiten, die so manche Constitution ruiniren, hingegeben hatte, so unterlag ich zum Glück den wiederholten Anfällen dieser heimtückischen Krankheit nicht.

Weihnachten kam heran und der Doctor und ich hatten den Beschluss gefasst, diese herrliche, von alters her gefeierte Zeit hier so wie in angelsächsischen Ländern, nämlich mit einem Festmahl, wie es Udschidschi uns bieten konnte, zu feiern. Am Abend vorher hatte mich das Fieber ganz und gar verlassen und am Weihnachtsmorgen stand ich, obgleich noch sehr schwach, völlig angekleidet auf, belehrte den Koch Feradschi über die Wichtigkeit dieses Tages für uns Weisse und versuchte es, diesem wohlgenährten Wilden einige Finessen der Kochkunst beizubringen. Wir verschafften uns vom Markt zu Udschidschi und dem guten alten Muini Kheri fette breitschwänzige Schafe, Ziegen, Zogga und Pombé, Eier, frische Milch, Platanenfrüchte, Singwe, gutes Kornmehl, Fische, Zwiebeln, süsse Kartoffeln u. dgl. Leider jedoch war meine Schwäche uns hier hinderlich; denn Feradschi verdarb den Braten, verbrannte uns unsere Eierkuchen und das Mittagessen misglückte total. Dass der dickköpfige Schelm nicht Prügel erhielt kam nur daher, dass ich unfähig war, meine Hände zu seiner Bestrafung zu rühren; ich sah ihn aber mit einem so schrecklichen Blick an, dass jeder andere als Feradschi dadurch vernichtet worden wäre. Der dumme, hartköpfige Koch hingegen kicherte nur und hat wol, wie ich glaube, nachher mit vielem Vergnügen die Pasteten, Eierspeisen und Braten, die durch seine Nachlässigkeit für den Gaumen von Europäern verdorben waren, selbst verzehrt.

Vor seiner Abreise hatte Sayd bin Madschid Befehl hinterlassen, dass wir sein Boot auf unserer Heimreise gebrauchen könnten und freundlicherweise lieh uns auch Muini Kheri sein grosses Fahrzeug für denselben Zweck. Denn die Expedition, die jetzt um den Doctor und seine fünf Leute nebst Gepäck vermehrt war, erheischte noch ein Boot. Für die Dschungels von Ukawendi, welche wir durchziehen wollten, hatten wir uns mit Milch, Ziegen und Vorräthen an fetten Schafen versehen. Die gute Halimah, Livingstone’s Köchin, hatte einen Sack voll schönes Mehl bereitet, wie sie es nur in ihrer grossen Verehrung für ihren Herrn herzustellen im Stande war. Auch ihr Gatte Hamoydah hatte freiwillig aufs aufmerksamste bei der Herstellung dieses wichtigen Nahrungsmittels geholfen. Ich kaufte einen Esel für Livingstone und zwar den einzigen, den man in Udschidschi erlangen konnte, für den Fall, dass er auf dem langen Marsche von seinem alten Uebel heimgesucht werde. Kurz, wir hatten reichlich Nahrungsmittel, Schafe, Ziegen, Käse, Tuch, Esel und Boote, womit wir eine lange Strecke weit vorwärts kommen konnten; es fehlte uns also an nichts.

Der 27. December, der Tag unserer Abreise von Udschidschi, ist da. Ich war wol im Begriff, dem Hafen, dessen Name meinem Angedenken stets heilig sein wird, auf immer Lebewohl zu sagen. Die Boote, grosse, schwerfällige, hohle Baumstämme, sind mit Vorräthen schwer beladen; die Ruderer sind zur Stelle; die englische Flagge weht am Spiegel von Livingstone’s Boot, die amerikanische über dem meinigen und ich kann sie nicht ansehen ohne einen gewissen Stolz, dass die beiden angelsächsischen Nationen heute auf diesem grossen Binnenmeer angesichts der wilden Natur und der Barbaren vertreten sind.

Die grossen arabischen Kaufleute, die staunenden Kinder von Unyamwezi, Freigelassene aus Zanzibar, verwunderte Waguhhu und Wadschidschi, wilde Warundi begleiten uns an die Boote; alle sind am heutigen Tage still, ja sogar traurig, dass die Weissen, sie wissen nicht wohin, fortziehen.

Um 8 Uhr morgens fahren wir ab, überall hin die mit den Händen winkenden Araber und Neugierigen grüssend. Einige derselben versuchten uns etwas Gefühlvolles beim Abschied zu sagen; namentlich der überführte Sünder Mohammed bin Sali. Obwol ich aber äusserlich keine Misbilligung seiner Worte oder der herzlichen Weise zeigte, mit der er mir die Hand drückte, so bedauerte ich es doch nicht wegen seines an Livingstone im Jahre 1869 verübten Verrathes, ihn zum letzten mal gesehen zu haben. Er bat mich sehr, „Mengi Salaams“ an jedermann in Unyanyembé zu bringen. Hätte ich das aber gethan, so wäre ich keineswegs darüber erstaunt gewesen, wenn mich alle für einen hoffnungslosen Narren gehalten hätten.

Wir stiessen von dem Lehmufer am Fusse des Marktplatzes ab, während die Landabtheilung unter der Führung des riesigen Asmani und Bombay’s ohne irgendwelches Gepäck ihre Reise nach Süden längs der Ufer des Sees antrat. Wir hatten abgemacht, mit ihnen an der Mündung eines jeden Flusses zusammenzutreffen und sie von einem Ufer ans andere überzusetzen.

Der Doctor fuhr in Sayd bin Madschid’s Boot, welches ungefähr ein Drittel kürzer als das unter meinem Befehl stehende war, voran und die britische Flagge, die an einem Bambusrohr befestigt war, flatterte hinter ihm her wie ein scharlachrother Meteor. Mein mit Wadschidschi-Matrosen bemanntes Boot, die ich gemiethet hatte, um die Boote vom Cap Tongwe wieder nach Udschidschi Bunder zurückzubringen, folgte und hatte eine viel höhere Flaggenstange, auf der das immer schöne amerikanische Sternenbanner flatterte. Die bedeutende Höhe meiner Stange entlockte dem Doctor, dessen loyaler Patriotismus dadurch erregt wurde, die Bemerkung, er werde sich die höchste Palmyrapalme als Flaggenstange abschneiden, da es sich nicht gezieme, dass die britische Flagge soviel niedriger als die der Vereinigten Staaten sei.

Unsere Soldaten waren über den Gedanken, nach Unyanyembé zu gehen, durchaus nicht weniger freudig erregt als wir. Sie stimmten den Freudengesang der Zanzibarer Bootsleute an, welcher mit dem begeisterten Chorgesang endigt: „Kinan de re re Kitunga“. So ruderten sie dann wie Tolle daher, bis sie vor reiner Erschöpfung genöthigt waren auszuruhen, während der Schweiss stromweise an ihnen herabfloss. Sowie sie ausgeruht hatten, machten sie sich wieder an ihre Ruder und stimmten den Gesang der Mrima an: „O Mama, re de mi Ky“, der sie bald wieder zu grossen Anstrengungen anspornte. Durch diese energischen ruckweisen Anstrengungen, sowie durch Gesang und Gelächter, Gestöhne und Geschrei, gaben unsere schwitzenden und keuchenden Leute ihrem freudigen Gefühl über den Gedanken Ausdruck, dass wir heimkehrten und dass auf der Route, die ich nach Unyanyembé erwählt, durchaus keine Gefahr zu fürchten sei.

„Wir sind den Wahha entgangen, ha, ha!
Die Wavinza werden uns nicht mehr plagen! oh, oh!
Mionvu bekommt kein Tuch mehr von uns! hy, hy!
Und Kiala wird nimmer uns wiedersehen! he, he!“

schrien sie mit wildem Gelächter und führten dabei wuchtige Streiche mit den Rudern, welche die alten ungelenken Boote vom Vorsteven bis zum Spiegel erbeben liessen.

Zwei große Ruderboote mit britischer und amerikanischer Flagge
FAHRT AUF DEM TANGANIKA-SEE.

Die Abtheilung am Ufer schien an unserer Aufregung theilzunehmen und sang den wilden Refrain des tollen afrikanischen Liedes mit. Wir sahen, wie sie vorwärts eilten, um mit uns gleichen Schritt zu halten, wenn wir um die Caps und Vorsprünge und an den Buchten vorbeifuhren, deren Ufer mit Riedgras, Schilfrohr und Binsen bedeckt waren. Wir sahen den winzigen, beweglichen Kalulu, den kleinen Bilali und Madschwara die der Karavane gehörigen Heerden von Ziegen, Schafen und Eseln treiben und auch diese Thiere schienen sich an der allgemeinen Freude zu betheiligen.

Auch die stolze, wilde Natur, der hehre, blaue, unendliche Himmelsdom, die weite, lebhaft grüne Ebene zur Linken, die ausgedehnte, glänzende Wasserfläche schien in feierlicher Heiterkeit an unserer Freude theilzunehmen und sie zu vermehren.

Um 10 Uhr morgens kamen wir an der Wohnstätte Kirindo’s, eines alten Häuptlings, an, der wegen seiner grossen Freundlichkeit gegen Dr. Livingstone und Feindseligkeit gegen die Araber merkwürdig ist. Diese konnten sich das nicht erklären, wogegen der Doctor den Grund wohl wusste; denn er hatte nur freundliche, aufrichtige Worte mit Kirindo gewechselt, während alle Araber mit ihm verkehrten, als ob er gar kein Mensch, viel weniger ein Häuptling sei.

Kirindo’s Wohnsitz liegt an der Mündung des Liutsché, die sehr breit ist. Der Fluss schleicht hier langsam durch einen Wald von Aeschinomenen (Markbäumen) in den See. Diesen Ort hatten wir als Sammelplatz für die See- und Landabtheilung bestimmt, damit die Boote alle ans andere, anderthalb Meilen entfernte Ufer hinüberbrächten. Die Mündung des Liutsché bildet die Bai von Ukaranga, welche ihren Namen vom gleichnamigen, am andern Ufer, einige hundert Schritt vom See entfernt liegenden Dorf Ukaranga führt, wohin wir übersetzen sollten. Aus dem grössern Boote wurde alles Gepäck entfernt und sorgfältig ins kleinere gepackt; einige ausgesucht gute Ruderer fuhren nun mit dem Doctor ab, welcher das Aufschlagen des Lagers in Ukaranga überwachen sollte, während ich zurückblieb, um die widerspenstigen, eigensinnigen Esel zu binden und sie in das grosse Boot zu schleppen, damit dasselbe nicht Gefahr laufe, umgeworfen und von hungrigen Krokodilen verzehrt zu werden, die ringsumher auf Beute lauerten. Dann wurde die Ziegenheerde eingeschifft und daneben so viele von unsern Leuten als möglich. Etwa 30 blieben noch mit mir zurück und für diese sollte das Boot noch einmal zurückkehren.

Wir kamen alle gut in Ukaranga an, obwol wir in die gefährliche Nähe einer Heerde Flusspferde geriethen, und setzten über die weite Mündung des damals in Flut befindlichen Liutsché in etwa vier Stunden.

Am nächsten Tage nahmen wir unsern Weg in derselben Weise, wie wir von Udschidschi abgereist waren, wieder nach Süden auf, so zwar, dass die Seeabtheilung sich so nahe als möglich am Ufer hielt, jedoch, wo es sich thun liess und Wind und Wetter es gestatteten, kühn über die zahlreichen kleinen Buchten, welche die Ufer des Tanganika einkerben, wegsetzte. Die Ufer waren wunderschön grün infolge der kurz vorher stattgehabten Regengüsse; das Wasser des Sees spiegelte das blaue Firmament treulich wieder. Es gab zahlreiche Flusspferde; die an diesem Tage gesehenen hatten rothe Ringe rund um den untern Theil des Ohrs und am Halse. Eins dieser Ungeheuer, das etwas spät auftauchte, wurde durch unser Boot, welches direct auf dasselbe zusteuerte, so erschreckt, dass es jählings untertauchte und dabei seine ganze Körperlänge zeigte. Auf halbem Wege zwischen der Mündung des Malagarazi und der des Liutsché sahen wir ein Lager am Ufer, nämlich Mohammed bin Gharib, einen Mswahili, der oft in Livingstone’s mir mündlich mitgetheilten Erzählungen seiner Abenteuer und Reisen als einer der freundlichsten und besten Muselmänner Central-Afrikas vorgekommen war. Er erschien mir als ein freundlich gesinnter Mann mit einem Gesichtsausdruck, den man hier selten antrifft, dem der Offenherzigkeit nämlich.

Die Vegetation der Ufer war, als wir weiter kamen, wahrhaft tropisch; jede Biegung des Sees zeigte uns neue Schönheiten. Den weichen Kreidefelsen, aus welchen die steilen Ufer des Sees in der Nähe des Malagarazi meist bestehen, hat die Brandung eigenthümlich mitgespielt.

An der Mündung dieses Flusses langten wir ungefähr um 2 Uhr nachmittags an, nachdem wir 18 Meilen von Ukaranga gerudert waren. Die Landabtheilung stiess sehr ermüdet ungefähr um 5 Uhr nachmittags zu uns.

Der nächste Tag wurde dazu verwandt, die Karavane über die breite Mündung des Malagarazi in unser einige Meilen nördlich vom Flusse belegenes Lager überzusetzen. Diesen Fluss würde eine civilisirte Gemeinde sehr vortheilhaft finden, um die Entfernung zwischen dem Tanganika und der Küste zu verkürzen. Man könnte nämlich fast 100 Meilen auf diesem Flusse fahren, der zu allen Jahreszeiten tief genug ist, um bis Kiala in Uvinza schiffbar zu sein, von wo aus sich ein gerader Weg leicht nach Unyanyembé führen liesse. Auch Missionäre könnten auf ihren Reisen nach Uvinza, Uhha und Ugala davon Vortheil ziehen.

Am 30. kamen wir, indem wir die malerischen Caps Kagongo, Mviga und Kivoe umschifften, nach ungefähr dreistündigem Rudern in Sicht der an der Mündung des raschfliessenden aber trüben Rugufu belegenen Dorfschaften. Hier hatten wir wieder die Karavane über die von Krokodilen heimgesuchte Flussmündung überzusetzen.

Am Morgen des 31. schickten wir ein Boot mit Leuten aus, um uns Nahrungsmittel in einigen Dörfern, die man auf der andern Seite erblickte, zu besorgen. Für 4 Doti kauften wir genug, um die aus 48 Personen bestehende Karavane vier Tage lang zu erhalten. Dann lichteten wir die Anker, theilten dem Kirangozi mit, dass wir nach Urimba wollten und gaben ihm den Befehl, sich so nahe wie möglich am Ufer des Sees zu halten, wo es thunlich wäre, sonst aber so zu verfahren, wie es am besten ginge. Von der Mündung des Rugufu, dessen Quellen wir auf unserer pfadlosen Herreise nach Udschidschi passirt hatten, bis nach dem sechs Tagereisen zu Wasser entfernten Urimba gibt es keine Dörfer und also auch keine Nahrungsmittel. Da jedoch die Landabtheilung, ehe sie Udschidschi verlassen, Rationen für acht Tage mitbekommen und an diesem Morgen für vier Tage ausgetheilt erhalten hatte, befand sie sich in keiner Gefahr zu verhungern, falls die Gebirgsspitzen, welche sich jetzt steil und abschüssig hintereinander entfalteten, sie daran verhindern sollten, mit uns im Verkehr zu bleiben. Man darf nämlich nicht vergessen, dass eine Reise wie diese bisher noch nie von einem Araber oder Mswahili versucht worden war und daher jeder Schritt, den die Leute thaten, in ein Land hinein geschah, von dem sie nicht wussten, an welchem Theil des Ufers der Weg sie hinführe. Wir segelten um das steile Vorgebirge von Kivoe, dessen waldbewachsene Höhe und zackiger Abhang, der bis an den Rand des Ufers von Holz bewachsen war und dessen herrliche Buchten und ruhige Schlupfwinkel wol jedermann hätten poetisch stimmen können; boten den wilden Wogen der Bucht von Kivoe Trotz und fuhren direct auf das nächste Cap Mizohazy zu, wo wir infolge von Wind und Wellen genöthigt waren, zur Nacht halt zu machen.

Hinter Mizohazy liegt das schroffe Cap Kabogo, nicht das furchtbare Kabogo, dessen Namen die abergläubischen Eingeborenen in geheimnissvolle Schrecken gehüllt haben und dessen gewaltiges Donnergebrüll wir auf unserer Flucht vor den Wahha beim Uebersetzen über den Rugufu vernommen, sondern eine Landspitze in Ukaranga, an deren harten, unwirthlichen Felsen so manches Boot schon zerschellt worden; wir fuhren dicht an seinen unheildrohenden Felsmassen vorbei, voll Dank für die Ruhe des Tanganika. In der Nähe dieses Kabogo befinden sich einige sehr schöne Mvulebäume, die sich sehr zum Bootbau eignen, es gibt aber keine lärmenden Eingeborene, die sich um das Privilegium sie abzuholzen streiten.

Am Rande des Wassers, ungefähr drei Fuss über demselben, erblickte man deutlich an der glatten Fläche der Felsabhänge von Kabogo den höchsten Wasserstand des Sees. Dies bewies uns, dass der Tanganika während der Regenzeit ungefähr drei Fuss über sein Niveau in der trockenen Jahreszeit steigt und während der letztern durch Verdunstung auf sein normales Niveau zurückgeführt wird. Durch die Menge Flüsse, die wir auf dieser Reise passirten, war ich im Stande zu beobachten, ob, wie man mir gesagt, eine Strömung nach Norden vorhanden sei. Ich sah es deutlich, dass, wenn der Wind aus Südwesten, Süden oder Südosten blies, die braune Flut der Flüsse nach Norden strömte; doch kam es auch etliche mal vor, dass, wenn wir bei Nordwest- und Nordwinden an den Flussmündungen vorbeikamen, die trüben Fluten von den Mündungen aus nach Süden getrieben wurden, woraus ich den Schluss ziehe, dass im Tanganika keine andere Strömung existirt, als die vom veränderlichen Winde bedingte.

In einer gemüthlichen, bei einem Sigunga benannten Orte gelegenen Bucht legten wir an, um unser zweites Frühstück einzunehmen. Eine an der Mündung der Bai befindliche Insel machte ganz den Eindruck, dass dies ein sehr schöner Ort für eine Missionsstation sein würde. Die grossen Bergabhänge im Hintergrunde, ein wellenförmiges, gut bewaldetes Land zwischen denselben und der Bucht vermehrten noch die Reize dieses Ortes. Die Insel, die Platz für ein grosses, wohlzuvertheidigendes Dorf hat, könnte aus Klugheitsrücksichten die eigentliche Mission und Gemeinde aufnehmen. Die von Land umschlossene Bucht würde ihre Fischerei und Handelsfahrzeuge beschützen und der fruchtbare Boden zwischen den Bergen und der Bai die Bevölkerung der Insel aufs allerreichlichste zu ernähren im Stande sein. Holz, um Boote und Häuser zu bauen, ist dicht bei der Hand; das umgebende Land hat viele Jagdthiere, und das gelehrige, höfliche Volk von Ukaranga wartet nur auf Seelenhirten.

Nach einem kurzen Aufenthalt in dem schönen Sigunga stiessen wir vom Lande und kamen nach drei Stunden an der Mündung des Flusses Uwelasia an. Wir amüsirten uns damit, auf die zahlreichen Flusspferde und Krokodile zu schiessen, wodurch wir auch hofften, die Aufmerksamkeit unserer Landabtheilung auf uns zu ziehen, deren Flinten wir seit dem Rugufu nicht mehr hatten knallen hören.

Am 3. Januar verliessen wir Uwelasia und kamen am Cap Herembe vorüber in der Bai von Tongwe an. Diese Bucht ist ungefähr 25 Meilen breit und erstreckt sich vom Cap Herembe bis zum Cap Tongwe. Da wir uns so nahe an unserm Bestimmungsort befanden, Urimba ist nämlich blos sechs Meilen von der Herembe-Spitze entfernt, machten sich die Mannschaften beider Boote eifrig an ihre Ruder und ermuthigten sich mit Geschrei, Gelächter und Gesang zu den äussersten Anstrengungen. Die Flaggen der beiden grossen angelsächsischen Völker spielten in den milden Lüften, näherten sich bisweilen und entfernten sich dann wieder wie zwei schüchterne Liebhaber. Das schmale, kleine Boot Livingstone’s blieb voran und die rothe Kreuzfahne Englands, die vor mir herflatterte, schien dem schönen nachfolgenden Boote zu sagen: „Folge mir, England führt Dich.“ Und gebührte hier nicht wirklich England der erste Platz? Es hat ja ein Recht dazu, indem es den Tanganika entdeckt hat; Amerika ist erst als zweites hinzugekommen.

Urimba, ein grosser Bezirk von Kawendi, hat ein Dorf gleiches Namens, das von Flüchtlingen aus Yombeh bewohnt wird, welche das Delta des Loadscheri, obgleich es, wie das des Rusizi, ein äusserst ungesunder Ort ist, doch der Nachbarschaft Pumburu’s, des Sultans des südlichen Kawendi, sehr vorziehen. Sie scheinen von den nachhaltigen Verfolgungen ihrer Unterdrücker so eingeschüchtert und mistrauisch gegen Fremde geworden zu sein, dass sie uns durchaus nicht in ihr Dorf lassen wollten, worüber ich, aufrichtig gesagt, sehr erfreut war, nachdem ich mir die pesthauchende Fäulniss ihrer Umgebung angesehen hatte. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, ja sogar in einer Entfernung von einigen Meilen nach beiden Seiten, könnte meines Erachtens ein Weisser auch nicht eine einzige Nacht schlafen, ohne sich den Tod zu holen. Südlich vom Dorfe, am äussersten südöstlichen Winkel der Tongwe-Bai, etwa 1½ Meile westlich vom hohen Pic Kivanga oder Kakungu, fand ich einen geeigneten Lagerplatz. Nach einer vom Doctor angestellten Beobachtung befanden wir uns auf 5° 54′ südl. Breite.

Die Eingeborenen hatten nichts von unserer Landabtheilung gehört und da das Delta des Loadscheri und Mogambazi sich 15 Meilen lang hinzieht und eine ganz unpassirbare Gegend bildete, die vollständig flach, von hohem Matete, Aeschinomenen und Dornbüschen bewachsen und von Wasser überflutet ist, so war es unnütz, unsere Leute dadurch abzustrapaziren, dass sie in diesem unwirthlichen Lande nach unserer Landabtheilung suchten. Auch konnten wir uns keine Lebensmittel verschaffen; denn die Dörfer waren halbverhungert, sodass die Einwohner aus der Hand in den Mund lebten von dem, was ein widerwilliges Geschick ihnen in die Netze trieb.

Am zweiten Tage nach unserer Ankunft in Urimba begab ich mich mit meinem Flintenträger Kalulu, der Livingstone’s vorzügliches doppelläufiges Gewehr (ein Reilly Nr. 12) trug, auf die Suche nach Wild. Nachdem ich ungefähr eine Meile gegangen, stiess ich auf eine Heerde Zebras. Ich wusste es dadurch, dass ich auf Hand und Füssen vorwärtskroch, so einzurichten, dass ich auf etwa 100 Schritt in ihre Nähe kam; es war aber ein schlimmer Ort, denn niedrige Sträucher stachen mich; die Tsetse-Fliegen liessen sich auf das Visir meiner Flinte nieder, zerstachen mir die Nase, flogen mir in die Augen, kurz brachten mich vollständig ausser Fassung; und um meine Unzufriedenheit noch zu vermehren, beunruhigten meine Anstrengungen, mich von den Dornen freizumachen, die Zebras, welche sich den verdächtigen Gegenstand im Busch ansahen. Ich feuerte zwar auf die Brust eines derselben, verfehlte es aber, wie zu erwarten war. Darauf galopirten die Zebras ungefähr 300 Schritt weit fort; ich stürzte ins Freie, spannte rasch den Drücker des linken Laufs, zielte nach einem herrlichen Thier, das seinen Gefährten vorantrabte, und schickte ihm auf gut Glück eine Kugel durchs Herz. Auch brachte mir ein anderer glücklicher Schuss eine grosse Gans mit scharfen Hornsporen am vordem Theile des Flügels. Dieser Fleischvorrath trug wesentlich dazu bei, unsere Gesellschaft zu verproviantiren für die uns bevorstehende Reise durch das unbekannte Land, das sich zwischen uns und Mrera in Rusawa in Kawendi befand.

Erst am dritten Tage nach unserer Ankunft im Lager von Urimba langte unsere Landabtheilung an. Sie hatte unsere grosse Flagge auf einem zwanzig Fuss hohen Bambus über dem höchsten Baum in der Nähe unseres Lagers erblickt, als sie den scharfen, hohen Bergrücken hinter dem funfzehn Meilen entfernten Nerembe überschritten, und dieselbe zuerst für einen grossen Vogel gehalten; es gab aber scharfsichtige Leute unter ihnen, und geführt von ihnen erreichten sie unser Lager, wo sie so begrüsst wurden, wie es nur Leuten widerfährt, die für verloren gehalten sind.

In diesem Lager bekam ich einen neuen Fieberanfall, der durch die Nachbarschaft des fürchterlichen Deltas herbeigeführt wurde, dessen blosser Anblick mich schon krank machte.

Am 7. Januar brachen wir unser Lager ab und wandten uns nach Osten, was für mich soviel wie nach Hause hiess. Doch geschah dies nicht ohne Bedauern! Ich hatte viel Glück und Freude und angenehme Gesellschaft an den Ufern des Sees gefunden, hatte liebliche Landschaften gesehen, welche mich sirenenartig zur Ruhe einluden, wo es weder Tumult, noch Streit, noch Niederlagen, weder Hoffnung, noch Enttäuschung gab, sondern nur eine träumerische, träge, aber angenehme Ruhe, die nur einige Nachtheile mit sich führte. Denn hier gab es Fieber; und ich hatte keine Bücher oder Zeitungen, kein Weib unserer Rasse, kein Theater oder Hotel oder Restaurant, keine Austern oder Pfeffermünz-Pasteten oder Buchweizen-Kuchen oder sonst etwas, was ein gebildeter Gaumen liebt. Daher hatte ich den Muth, als ich dem friedlichen See und den grossen, blauen Bergen, welche je weiter sie zu beiden Seiten in die Ferne rückten, noch intensiver blau wurden, Lebewohl sagte, dieses schreckliche Wort ohne Thränen und Seufzer auszusprechen.

Ein großer Büffel wird über eine Schlucht hinweg erschossen
ERLEGUNG EINES BÜFFELS.

Unser Weg führte uns durch das Thal des Loadscheri, welches sich, nachdem wir sein Delta verlassen, immer mehr verengte, bis es zu einer Waldschlucht wurde, die von dem laut brüllenden Strom ganz erfüllt war, dessen überwältigender Sturz selbst die Luft, die wir athmeten, in Mitleidenschaft zu ziehen schien. In dieser engen Bergschlucht wurde es drückend und sehr zur Zeit führte der Weg auf eine Anhöhe, weiter auf eine Terrasse, dann auf einen Berg und zuletzt auf ein Gebirge, auf dem wir unser Lager aufschlugen. Als wir noch mit Vorbereitungen dazu beschäftigt waren, zeigte der Doctor schweigend auf etwas hin und sofort herrschte überall todtenähnliche Stille. Das Chinin, welches ich am Morgen genommen, schien jeden Theil meines Gehirns afficirt zu haben; dennoch blieb ein böses Uebel nach; obgleich ich aber unter der schweren Last der Reillyflinte bebte, so kroch ich doch dahin, wo er hinwies. Ich blickte eine tiefe Feldschlucht hinab, an deren anderer Seite ich eine schöne Büffelkuh hinaufklettern sah. Sie hatte eben den Gipfel erreicht und wandte sich um, um ihren Feind zu betrachten, als es mir gelang, ihr einen Schuss gerade hinter das Schulterblatt und dicht am Rückgrat hineinzujagen, was ihr ein dumpfes Schmerzgeschrei entlockte. „Sie ist erlegt“, rief der Doctor, „das ist ein sicheres Zeichen, dass Sie dieselbe getroffen haben“; und meine Leute erhoben sogar ein Freudengeschrei bei der Aussicht auf Fleisch. Ein zweiter Schuss in den Rücken brachte das Thier auf die Knie und ein dritter endete sein Leben. So hatten wir wieder Vorrath an Lebensmitteln, die uns, zerschnitten und über einem Feuer getrocknet, wie die Wangwana es zu thun pflegen, ein gut Stück durch die vor uns liegende, menschenleere Wildniss weiter bringen konnten. Für den Doctor und mich liessen wir die Zunge, den Höcker und einige besonders gute Stücke salzen und hatten so nach ein paar Tagen vorzügliches Pökelfleisch. Es ist nicht unangemessen, dass ich hier mittheile, dass die Wangwana das Gewehr mehr lobten als den Jäger.

Am nächsten Tage setzten wir unsern Marsch unter der Führung unseres Kirangozi nach Osten fort; aus dem Wege, den er uns führte, war aber zu ersehen, dass er nichts vom Lande wisse, obwol er uns durch seine Redseligkeit hatte glauben lassen, er kenne Ngondo, Yombeh und Pumburu’s Districte ganz genau. Als wir ihn von der Spitze der Karavane zurückriefen, waren wir im Begriff, in den reissenden Loadscheri hinabzusteigen, auf dessen anderer Seite sich drei unpassirbare Bergzüge ausdehnten, die wir in einer ganz von unserm Wege abliegenden Richtung nach Nord-Nordost hätten passiren müssen. Nachdem ich mich mit dem Doctor besprochen, trat ich selbst an die Spitze der Karavane, folgte dem Grat des Bergrückens und zog direct nach Osten, ohne auf den Weg weiter zu achten. Zuweilen kreuzte ein bereister Weg unsern Pfad und als wir demselben folgten, kamen wir an die Furt des Loadscheri. Dieser entspringt im Süden und Südosten des Pic Kakungu. Nach Ueberschreitung des Flusses benutzten wir den Weg so gut wir konnten, bis wir die von Karah nach Ngondo und Pumburu im südlichen Kawendi führende Hauptstrasse erreichten.

Bald nachdem wir unser Lager verlassen, bogen wir von dem bereisten Wege ab und gingen auf eine in dem vor uns liegenden Bogen von Bergen befindliche Oeffnung los, da sich Pumburu mit dem Volke von Manya Msengé, einem District von Nord-Kawendi, im Kriege befand. Das Land besitzt eine Fülle von Jagdthieren, Büffeln und Zebras; unter den hervorragenden Bäumen befand sich die Hyphaene und Borassuspalme, ein Baum, welcher Früchte von der Grösse der Kanonenkugel eines 600-Pfünders trägt, welche die Eingeborenen nach Aussage des Doctors „Mabyah“[7] nennen und deren Samen sie rösten und essen. Als Nahrungsmittel sind sie dem Europäer nicht zu empfehlen.

Am 10. war ich, an der Spitze meiner Leute, den Kompass in der Hand, drei Stunden lang Führer. Ein schönes Parkland lag vor uns; das Gras war aber sehr hoch und die jetzt ernstlich eintretende Regenzeit machte mir meine Arbeit höchst unangenehm. Durch dieses hohe Gras, das mir immer bis an den Hals reichte, musste ich mir nämlich auf meinen Kompass bauend meinen Weg bahnen, um die Expedition zu führen, da keine Spur eines Weges vorlag und wir uns jetzt in einem völlig unbereisten Lande befanden. An einem schönen, nach Norden fliessenden kleinen Bach, einem der Zuflüsse des Rugufu, schlugen wir unser Lager auf.

Auch der 11. sah mich durch das Gras ziehen, welches bei jedem Schritt Regentropfen auf mich herabschauerte. Nach zwei Stunden überschritten wir wieder einen kleinen Bach, der in seinem Bett schlüpfrige, den Einfluss heftiger Giessbäche bekundende Felsen enthielt. Viele grosse Pilze gedeihen hier. Als wir den Bach passirten, rief ein alter Pagazi aus Unyamwezi in wehmüthigem Tone: „Mein Kibuyu ist todt!“ wodurch er sagen wollte, er sei ausgeglitten und habe beim Falle seinen auf Kiswahili „Kibuyu“ genannten Kürbis zerbrochen.

Am östlichen Ufer machten wir halt, um unser zweites Frühstück einzunehmen, und kamen nach einem Marsche von 1½ Stunde an einen weitern Bach, den ich zuerst wegen der Aehnlichkeit seiner Umgebung für den Mtambu hielt, obgleich meine Karte mir sagte, dass dies nicht möglich sei. Die umliegende Landschaft hatte jedoch viele Aehnlichkeit mit jener, und im Norden sahen wir einen dem Magdala ähnlichen, tafelförmigen Berg, den ich auf unserm Wege an den Malagarazi im Norden von Imrera entdeckt hatte. Obwol wir nur 3½ Stunden gereist waren, war der Doctor sehr matt, da das Land äusserst uneben ist.

Am nächsten Tage schritten wir über mehrere Bergrücken, wo uns herrliche Landschaften von überwältigender Schönheit überall umgaben, und erblickten einen mächtigen, raschfliessenden Strom, dessen Bett zwischen enorm hohen Sandsteinmauern eingesenkt war und dort wie ein kleiner Niagara lärmte und toste.

Nachdem wir unser Lager auf einer malerischen Anhöhe aufgeschlagen hatten, wollte ich den Versuch machen, uns Fleisch zu verschaffen, das in dieser interessanten Gegend doch jedenfalls vorhanden zu sein schien. Ich ging daher mit meinem kleinen Winchester-Gewehr die Ufer des Flusses entlang nach Osten. Etwa ein bis zwei Stunden zog ich so weiter durch eine Gegend, die immer malerischer und lieblicher wurde, und ging dann eine viel versprechende Schlucht hinauf. Ohne Erfolg an ihrem Rande entlang schreitend, befand ich mich alsbald zu meinem leicht begreiflichen Erstaunen direct einem Elefanten gegenüber, diesem furchtbaren Kolosse, der Personification der Macht in Afrika, der seine grossen, breiten Ohren wie schwellende Segel ausgebreitet hielt. Mich dünkte, als ich seinen gewaltigen Rüssel wie einen warnenden Finger vorwärts gestreckt sah, eine Stimme zu hören, die mir „Siste, Venator!“ zurief. Doch weiss ich nicht, ob dies nur in meiner Einbildung lag oder von Kalulu herkam, der, wie ich glaube, gerade rief: „Tembo, tembo! Bana yango!“ („ein Elefant, ein Elefant, Herr!“). Denn der junge Schelm war, sobald er den furchtbaren Koloss in solcher unmittelbaren Nähe erblickte, davongelaufen. Als ich mich von meinem Erstaunen erholt, hielt auch ich es für klüger, mich zurückzuziehen, zumal ich nur eine mit verrätherischen Sägespänepatronen geladene Erbsenflinte in der Hand hatte. Wie ich zurückblickte sah ich, wie er seinen Rüssel bewegte, und verstand, dass er sagen wollte: „Adieu, junger Mann! es ist ein Glück für Dich, dass Du Dich zu rechter Zeit entfernst, denn sonst hätte ich Dich zu Brei zerstampft.“

Als ich mir hierzu gratulirte, flog eine Wespe direct auf mich zu und pflanzte mir ihren Stachel in den Nacken, sodass für diesen Nachmittag mein in Aussicht genommenes Vergnügen vereitelt war. Bei meiner Rückkehr ins Lager fand ich meine Leute murrend; ihre Provision war zu Ende und für die nächsten drei Tage war keine Aussicht vorhanden, ihnen welche zu schaffen. Mit dem gefrässigen Individuen eigenen Mangel an Vorsicht hatten sie ihre Kornrationen und den ganzen Vorrath an Zebra- und Büffelfleisch möglichst rasch verzehrt und schrien jetzt, sie müssten verhungern.

Zahlreiche Spuren von Thieren waren zwar vorhanden; da aber die Regenzeit da war, hatte sich das Wild überall hin zerstreut; in der trockenen Jahreszeit hätten wir in diesen Wäldern unsere Speisekammer jeden Tag mit neuen Vorräthen versehen können.

Als der Doctor und ich ungefähr um 6 oder 7 Uhr morgens unsern Thee vor unserm Zelt einnahmen, ging eine aus zwölf Stück bestehende Heerde von Elefanten etwa 800 Schritt an uns vorüber. Unsere Fundi Asmani und Mabruki Kisesa wurden sofort abgesandt, um sie zu verfolgen. Ich wäre selbst mit meinem schweren Reilly-Gewehre ihnen gefolgt, wäre ich nicht so furchtbar ermüdet gewesen. Alsbald hörten wir das Knallen ihrer Flinten und hofften, dass sie Glück haben möchten, da sie dann einen tüchtigen Vorrath an Fleisch gehabt und wir beide uns an einem Elefantenfuss als zarten schönen Braten hätten erlaben können. Nach einer Stunde aber kehrten sie ohne jeglichen Erfolg zurück; sie hatten den Thieren nur etwas Blut entzogen, welches sie uns auf einem Blatte zeigten.