Zwei Männer mahlen Mehl, während die anderen warten
EIN HALTEPLATZ.

SECHZEHNTES KAPITEL.
DIE HEIMREISE.

Livingstone’s Vorräthe werden aufgemacht. — Sie erweisen sich als eine Täuschung. — Asmani wird als schuldig erfunden. — Weisse Ameisen haben den Branntwein ausgetrunken und die Flaschen wieder zugekorkt! — Die Güter werden Livingstone übergeben. — Er schreibt Briefe nach Hause. — Sein Brief an James G. Bennett. — Gesang der Eingeborenen. — Der letzte Abend mit Livingstone. — Sein Tagebuch wird versiegelt. — Unsere endliche Abreise. — Lebewohl! — Halt in Tura. — Briefe vom Doctor. — Ankunft in Kiwyeh. — Ueberall erschallen Schlachthörner der Wagogo. — Vollständiges Kampfkostüm. — Ein falscher Alarm. — Der Häuptling Khonze leistet unserm Weiterziehen Widerstand. — Vorbereitung zum Kampf. — Ein Mnyamwezi wird an der Kehle gepackt und der Frieden wiederhergestellt. — Ankunft in Kanyenyi. — Besuch des Sultans. — Das Dorf Mapanga. — Plötzliches Zusammenlaufen bewaffneter Eingeborenen. — Vierzig Speere gegen vierzig Flinten. — Tribut wird verlangt und bezahlt. — Leucole’s Bericht über Farquhar’s Tod. — Das Thal des Mukondokwa. — Durch die Masikazeit verursachte Noth. — Furchtbare Fluten. — Kampf gegen Moskito-Schwärme. — Des Doctors Depeschen-Kasten in Gefahr. — Er wird mit Seilen durch den Fluss gezogen. — Ankunft in Simbamwenni. — Die Stadtmauer ist fortgeschwemmt. — Furchtbarer Sturm. — Zerstörung von hundert Dörfern. — Die Msunva-Dschungels. — Schrecken derselben. — „Heiss Wasser“ Ameisen. — Nachrichten aus Zanzibar. — Ankunft in Bagamoyo. — Zusammenkunft mit der Expedition zur Aufsuchung und Unterstützung Livingstone’s.

Jetzt erschien mir Unyanyembé als ein irdisches Paradies. Livingstone war nicht weniger glücklich, denn er befand sich in einem bequemen Quartiere, das im Vergleich zu seiner Hütte in Udschidschi ein Palast war. Unsere Vorrathsräume waren von Leckerbissen angefüllt und enthielten ausserdem noch Tuch, Perlen, Draht und tausenderlei zu einer Reise gehöriger und beschwerlicher Dinge, mit denen ich mehr als 150 Leute in Bagamoyo bepackt hatte. Ich besass 74 Lasten verschiedener Sachen, von denen jetzt die werthvollsten Livingstone für seinen Marsch an die Quellen des Nils überliefert werden sollten.

Wir erlebten einen grossen Tag, als ich mit Hammer und Meisel Livingstone’s Kisten aufbrach, damit wir unsern ausgehungerten Magen an den Leckerbissen ergötzen könnten, die uns von den Wirkungen der schlechtnährenden Dourra- und Maisnahrung, der wir in der Wildniss ausgesetzt gewesen, erlösen sollten. Ich glaubte bestimmt, dass eine aus eingemachten Schinken, Schiffszwieback und Fruchtsäften bestehende Diät mich unbesiegbar, wie Talus, machen und dass ich dann nur eines starken Flegels bedürfen würde, um im Stande zu sein, die mächtigen Wagogo in die Regionen des Nichts zu schicken, wenn sie es wagen sollten, auch nur eine Miene zu machen, die ich nicht billigte.

MEIN HAUS IN KWIHARA IN UNYANYEMBÉ.

Die erste von mir geöffnete Kiste enthielt drei Zinnbüchsen mit Biscuit, sechs Zinnbüchsen eingemachten Schinken, kleine Dinger, die nicht viel grösser als Fingerhüte waren und als man sie aufmachte, nur einen Esslöffel voll reichlich gepfefferten gehackten Fleisches enthielten. Die Vorräthe des Doctors sanken dadurch 500 Grad unter Null in meiner Achtung. Darauf kamen fünf Töpfe mit eingemachten Fruchtsäften, von denen wir einen öffneten. Auch dies erwies sich als eine Täuschung; denn die Steinkruken wogen 1 Pfund und in jeder befand sich nur wenig mehr als ein Theelöffel voll Saft. Ja, wir fingen wirklich an zu glauben, dass unsere Hoffnungen und Erwartungen zu hoch geschraubt gewesen seien. Darauf kamen drei Flaschen Curry; aber wer macht sich etwas aus Curry? Noch ein Kasten wurde aufgemacht und es fiel ein kurzer dicker holländischer Käse heraus, der so hart wie ein Ziegel, aber sonst gut und unversehrt war; in Unyamwezi ist er freilich weniger tauglich. Dann kam noch ein Käse zum Vorschein, doch war er ganz verzehrt, nämlich hohl und blosser Schein. Der dritte Kasten enthielt nur zwei Zuckerhüte; der vierte Lichte; der fünfte Flaschen mit Salz, verschiedenen Saucen, Anchovisessenz, Pfeffer und Senf. Um Gottes willen! was war das für eine Nahrung, um einen Sterbenden, wie mich, wieder ins Leben zu rufen! Der sechste Kasten enthielt vier Hemden, zwei paar starke Schuhe, einige Strümpfe und Schuhbänder, welche den Doctor so entzückten, dass er, als er sie anprobirte, ausrief: „Nun bin ich wieder ich selbst!“ „Wer Ihnen das geschickt hat, ist wirklich Ihr Freund!“ meinte ich. „Ja“, sagte er, „das hat mein Freund Waller gethan.“

Die fünf andern Kisten enthielten eingemachtes Fleisch und Suppen; die zwölfte aber, die ein Dutzend Flaschen medicinischen Branntwein enthalten sollte, war fort und durch ein genaues Verhör Asmani’s, des Führers der Livingstone-Karavane, kam es heraus, dass nicht nur diese eine Kiste mit Branntwein fehlte, sondern auch zwei Ballen Tuch und vier Säcke von in Afrika höchst werthvollen Perlen, von Sami-Sami nämlich, die von den Eingeborenen so viel wie Gold geschätzt werden.

Nachdem die Vorräthe untersucht waren, fühlte ich mich sehr enttäuscht. Alles erschien mir bei meiner Verstimmung als Täuschung. Unter den Zinnkasten, die Zwieback enthielten, erwies sich bei der Oeffnung nur einer als gut und der ganze Inhalt desselben reichte noch nicht zu einer vollständigen Mahlzeit. Und die Suppen — wer macht sich etwas aus Suppen in Afrika? Gibt es dort nicht genug junge Ochsen, Schafe und Ziegen, aus denen sich eine weit bessere Suppe, als eine solche eingemachte, bereiten lässt? Erbsen- oder irgendeine andere Pflanzensuppe wäre prächtig gewesen; aber Hühner- und Wildsuppen! Was war das für ein Unsinn!

Dann untersuchte ich meine eigenen Vorräthe. Da fand ich noch etwas schönen, alten Branntwein und eine Flasche Champagner. Als ich jedoch die Tuchballen ansah, ward es mir offenbar, dass die Unehrlichkeit auch hier ihre Hand im Spiel gehabt habe und es wurde Asmani, dem von Dr. Kirk die Livingstone’schen Güter anvertraut worden waren, als der Schuldige bezeichnet. Als ich seine Habseligkeiten untersuchen liess, fand ich 8–10 bunte Tücher mit dem Zeichen meines Agenten in Zanzibar. Da er ausser Stande war, darüber Rechenschaft zu geben, wie sie in seinen Kasten gekommen seien, confiscirte ich sie sofort und vertheilte sie unter die verdienstvollsten Leute des Doctors. Einige der Wächter schuldigten ihn auch an, in meinen Vorrathsraum gegangen zu sein und 2–3 Gorah amerikanischer Baumwollenzeuge aus meinen Ballen gestohlen und einige Tage später einem meiner Leute die Schlüssel entrissen und zerbrochen zu haben, damit nicht andere Leute hineinkommen und seine Schuld beweisen könnten. Da Asmani sich gleichfalls als einer von den „moralischen Idioten“ auswies, so entliess ihn Livingstone sofort. Wären wir nicht so bald in Unyanyembé angekommen, so wäre wol der ganze von Zanzibar hergeschickte Vorrath verschwunden gewesen.

Da Unyanyembé reich an Früchten, Korn und Rindvieh ist, beschlossen wir, uns noch einmal ein Weihnachtsessen, diesmal aber ein ordentliches, bereiten zu lassen, und da ich bei ziemlich guter Gesundheit war, konnte ich die Vorbereitungen dazu selbst beaufsichtigen. Nie hat man wol in einem Tembé von Unyamwezi eine so grosse Verschwendung wie im unsrigen gesehen und nie hat es da so viel Delikatessen gegeben.

Als wir in Unyanyembé ankamen, waren wenig Araber anwesend, da sie alle die Veste Mirambo’s belagerten. Etwa eine Woche nach unserer Heimkehr kam das kleine Herrchen Scheikh Sayd bin Salim — El Wali —, welcher der Oberbefehlshaber dieser Truppen war, von seinem Heere nach Kwihara. Der kleine Scheikh hatte es aber nicht so sehr eilig, den Mann zu begrüssen, dem er so grosses Unrecht gethan. Sobald wir von seiner Ankunft hörten, ergriffen wir die Gelegenheit, sofort Leute zu ihm zu schicken wegen der Waaren, die nach Livingstone’s Abreise an die Mikindany-Bucht an den Wali zur Weiterbeförderung gesandt worden waren. Als unsere Leute zum ersten mal zu ihm kamen, erklärte sich der Herr für zu krank, um sich mit dergleichen abgeben zu können; am zweiten Tage aber wurden sie uns ausgeliefert und die Bitte hinzugefügt, der Doctor möge über den Zustand derselben nicht zu böse sein, da die weissen Ameisen alles zerstört hätten.

Die Vorräthe, die dieser Mensch in Unyanyembé zurückbehalten hatte, befanden sich in sehr traurigem Zustande. Die Kosten ihrer Fracht nach Udschidschi waren vorher bezahlt; die Güter waren aber seit 1867 absichtlich von Sayd bin Salim hier aufgehalten worden, damit er seine Liebhaberei für Spirituosa befriedigen und zwei werthvolle Gewehre, die sich darunter befanden, erben könne. Die weissen Ameisen hatten aber nicht nur factisch den Kasten, in dem die Gewehre verpackt waren, sondern auch die Flintenkolben aufgefressen. Die. Läufe waren oxydirt und die Schlösser ganz zerstört. Auch die Branntweinflaschen waren merkwürdigerweise diesen gefrässigen, unwiderstehlichen Zerstörern zum Opfer gefallen, den weissen Ameisen, welche auf irgendeine unerklärliche Weise den starken Henessy’sehen Branntwein ausgetrunken und die Korken durch Kornstöpsel ersetzt hatten. Auch die Arzeneien waren verschwunden, und die Zinktöpfe, in denen sie gut verpackt waren, durch Zernagung zerstört. Zwei Branntweinflaschen und eine kleine Zinkschachtel voll Medizin waren das Einzige, was von allen vernichteten Gütern übrig geblieben war.

Ich bat Livingstone, den Scheikh Sayd auch fragen zu lassen, ob er die beiden Briefe erhalten, die der Doctor bei seiner ersten Ankunft in Udschidschi an Dr. Kirk und Lord Clarendon abgeschickt hatte, und ob er sie dem Befehle gemäss weiter an die Küste befördert habe. Die Antwort, die er dem Boten gab, lautete bejahend und später erhielt ich dieselbe Antwort in Livingstone’s Gegenwart.

Am 22. Februar hörten die Regengüsse auf, die uns auf der ganzen Strecke von Udschidschi hartnäckig verfolgt hatten, und wir bekamen schönes Wetter. Während ich mich auf meine Heimreise vorbereitete, schrieb der Doctor fleissig an seinen Briefen und trug Notizen in das Tagebuch, welches ich seiner Familie mitnehmen sollte. Wenn wir nicht damit beschäftigt waren, besuchten wir die Araber in Tabora, die uns beide mit der grossartigen Gastfreundschaft aufnahmen, wegen der sie berühmt sind.

Unter den Waaren, die ich Dr. Livingstone übergab, als ich die Tuche sortirte, die ich auf meine Heimreise mitnehmen wollte, befanden sich:

 
Doti.
 
Yards.
Beste amerikanische Leinewand
285
=
1140
Beste Kaniki (blau)
 16
=
  64
Mittel Kaniki (blau)
 60
=
 240
Mittlere Dabwani-Tuche
 41
=
 164
Barsati-Tuche
 28
=
 112
Gedruckte Taschentücher
 70
=
 280
Mittleres Rehani-Tuch
127
=
 508
Mittleres Ismahili-Tuch
 20
=
  80
Mittleres Sohari-Tuch
 20
=
  80
Vier Stücke schönes Kunguru (roth)
 22
=
  88
Vier Gorah Rehani
  8
=
  32
Gesammtsumme
697
=
2788.

Ausserdem:

Dies machte eine Gesammtsumme von ungefähr 40 Lasten. Manche der in dieser Liste enthaltenen Dinge, namentlich die Karabiner und die Munition, die Säge, Zimmermannswerkzeuge, Perlen und der Draht würden in Unyanyembé zu beliebig hohen Preisen zu verkaufen gewesen sein. Von den 33 Lasten, welche für Livingstone in meinem Tembé aufgespeichert lagen (den Vorräthen nämlich, die ihm am 1. November 1870 zugeschickt worden), waren nur wenige für seine Rückkehr nach Rua und Manyuema zu brauchen. Die 697 Doti Tuch, die ich ihm überliess, bildeten die einzigen verkäuflichen Werthgegenstände, die er besass, und in Manyuema, wo die Eingeborenen ihr eigenes Tuch fabriciren, wären sie völlig unverkäuflich gewesen; meine Perlen und der Draht dagegen konnten, ökonomisch gehandhabt, ausreichen, ihn und seine Leute mehr als zwei Jahre in jenen Gegenden zu erhalten. Sein eigenes Tuch und das, was ich ihm gab, machte zusammen 1393 Doti aus; rechnet man den Lebensunterhalt für den Tag zu zwei Doti, so genügte dies, ihn und sechzig Leute 696 Tage zu erhalten. So hatte er Vorräthe für vier Jahre und die einzigen Gegenstände, die ihm fehlten, um wieder eine vollständig ausgerüstete Expedition zu haben, waren die, welche er und ich in folgender Liste verzeichnet haben:

Einige
Zinnbüchsen
mit
amerikanischem Weizenmehl.
Schiffszwieback.
eingemachten Früchten.
Sardinen.
Lachs.
10 Pfd. Hyson-Thee.
Etwas Zwirn und Nähnadeln.
Ein Dutzend officielle Couverts.
Ein Nautical-Almanach für 1872 und 1873.
Ein neues Tagebuch.
Ein Chronometer.
Eine Kette für widerspenstige Leute.

Mit den eben aufgezählten Artikeln würde er alles in allem 70 Lasten gehabt haben, die ihm jedoch ohne Lastträger nur beschwerlich gewesen wären, denn er konnte mit den neun Leuten, die er jetzt nur hatte, mit einem so prächtigen Sortiment von Waaren nirgends hingehen. Deshalb erhielt ich den Auftrag, sobald ich Zanzibar erreicht hätte, 50 Freie anzuwerben, jeden von ihnen mit einem Gewehr, einem Beil und sonstigem Zubehör auszurüsten, sowie 2000 Kugeln, 1000 Feuersteine und 10 Fässchen Pulver zu kaufen. Die Leute sollten Livingstone als Lastträger überall hin begleiten, wo er es verlangte. Denn ohne solche Begleiter dienten ihm die auf seine reichlichen Mittel basirten Hoffnungen nur zur Qual, da die Sachen ohne Lastträger sich gar nicht verwerthen liessen. Alle Reichthümer Londons und New Yorks wären ihm vollständig unnütz gewesen, wenn er nicht die Mittel zur Beförderung hatte. Nun vermiethet sich aber kein Mnyamwezi während der Kriegszeit als Träger. Wer mein Tagebuch über das Leben in Unyanyembé gelesen hat, weiss, wie hartnäckig conservativ die Wanyamwezi sind. Mir lag also, meinem berühmten Gefährten gegenüber, noch die Pflicht ob, mich mit der grössten Eile, als ob es sich um Leben und Tod handle, an die Küste zu begeben, dort für ihn Leute anzuwerben, als ob er selbst da sei, für ihn mit ebenso grossem Eifer wie für mich selbst zu arbeiten und nicht zu ruhen, bis seine Wünsche erfüllt seien. Dieses gelobte ich mir zu thun; aber freilich war das der Todesstreich für mein Project, den Nil hinunterzugehen und Nachrichten über Sir S. Baker einzuziehen.

Livingstone’s Briefe waren beendet. Er übergab mir zwanzig nach Grossbritannien, sechs nach Bombay, zwei nach New York und einen nach Zanzibar. Die beiden nach New York gerichteten waren für James Gordon Bennett jun.; nur dieser und nicht sein Vater hatte meine Expedition veranlasst. Ich bitte den Leser um Entschuldigung, dass ich einen dieser Briefe hier wieder veröffentliche, da er nach Inhalt und Stil den Mann charakterisirt, für den es sich lohnte, eine kostbare Expedition auszurüsten, um sichere Nachrichten über sein Leben oder seinen Tod zu erhalten.

Udschidschi am Tanganika, Ostafrika. November 1871.

Herrn James Gordon Bennett jun.

Verehrter Herr! Für gewöhnlich ist es etwas schwer, an jemand zu schreiben, den man nie gesehen hat. Es ist fast so, als ob man sich an eine Abstraction wendet; doch benimmt mir die Anwesenheit Ihres Repräsentanten, des Herrn H. M. Stanley, in diesen fernen Gegenden das Gefühl des Fremdseins, das ich sonst empfinden würde, und ich fühle mich ganz heimisch, wenn ich Ihnen schreibe, um Ihnen für die grosse Güte zu danken, die Sie dazu veranlasst hat, ihn herzusenden.

Wenn ich Ihnen den verzweifelten Zustand darstelle, in welchem er mich aufgefunden hat, so werden Sie leicht einsehen, dass ich allen Grund habe, mich sehr starker Ausdrücke der Dankbarkeit zu bedienen. Ich erreichte Udschidschi nach einer Fussreise von 400–500 Meilen Länge, die ich unter einer glühenden Sonne zurückgelegt hatte, enttäuscht, abgemattet und, fast am Ende des geographischen Theils meiner Mission, zur Rückkehr gezwungen durch eine Anzahl mohammedanischer Halbblutsklaven, die mir statt freier Männer aus Zanzibar zugeschickt waren. Die Leiden meines Gemüths wurden durch den traurigen Anblick der Inhumanität der Menschen gegeneinander noch gesteigert und hatten einen höchst nachtheiligen Einfluss auf meine Constitution ausgeübt und sie über alle Massen geschwächt. Ich glaubte, an Ort und Stelle sterben zu müssen. Es ist nicht zu viel gesagt, dass fast jeder Schritt auf dem peinigenden, durchglühten Wege mir schmerzhaft wurde und ich in Udschidschi als ein blosses Knochenskelet anlangte.

Hier fand ich, dass Waaren im Werthe von etwa 500 Pfd. Sterling, die ich aus Zanzibar herbestellt hatte, unverantwortlicherweise einem Trunkenbold, einem Schneider, mohammedanisches Halbblut, anvertraut worden waren, der, nachdem er sie theilweise 16 Monate lang auf dem Wege nach Udschidschi verschwendet, damit endete, den Rest zu seinen eigenen Gunsten gegen Sklaven und Elfenbein zu verkaufen. Er hatte aus dem Koran prophezeit und gefunden, dass ich todt sei; hatte auch dem Gouverneur von Unyanyembé geschrieben, dass er mir Sklaven nach Manyuema nachgeschickt habe, die bei ihrer Rückkehr mich für todt ausgegeben, und um die Erlaubniss nachgesucht, die wenigen Waaren, die seine Trunksucht noch übrig gelassen hatte, zu verkaufen.

Er wusste jedoch ganz genau von Leuten, die mich gesehen hatten, dass ich am Leben sei und auf meine Güter und Leute warte; er ist aber, was die Moralität betrifft, offenbar ein Idiot, und da es hier kein Gesetz als das des Dolches und der Muskete gibt, musste ich hier äusserst entkräftet und von allem entblösst, ausser ein paar Tauschtuchen und Perlen, die ich vorsichtigerweise für den Fall der äussersten Noth hier gelassen, sitzen bleiben.

Die nahe Aussicht auf Bettlerarmuth unter den Udschidschianern machte mich ganz elend.

Zwar konnte ich nicht verzweifeln, da ich einmal so sehr über einen Freund gelacht, welcher bei seiner Ankunft an der Mündung des Zambezi behauptete, er fühle sich versucht zu verzweifeln, weil er die Photographie seiner Frau zerbrochen hatte, denn hiernach könnten wir durchaus kein Glück mehr haben. Seit der Zeit hat der Gedanke an Verzweiflung für mich einen so starken Beigeschmack des Lächerlichen bekommen, dass bei mir daran nicht mehr zu denken ist.

Als ich nun ungefähr auf die niedrigste Stufe herabgesunken war, verbreiteten sich unbestimmte Gerüchte, dass ein Engländer mich besuchen werde. Zwar hatte ich mich in Gedanken mit dem Manne verglichen, der von Jerusalem nach Jericho ging, doch konnte wol kaum weder ein Priester, noch Levite, noch Samariter auf meinen Weg gerathen. Dennoch war der gute Samariter nahe bei der Hand und einer meiner Leute stürzte in grösster Eile auf mich zu und rief in grosser Aufregung: „Da kommt ein Engländer, ich sehe ihn!“ worauf er fortschnellte, um ihm entgegenzugehen.

An der zum ersten male in diesem Theile der Welt gesehenen amerikanischen Flagge, welche sich an der Spitze der Karavane befand, erkannte ich die Nationalität des Fremden.

Ich bin kalt und zugeknöpft, wie wir Insulaner es gewöhnlich sein sollen; aber Ihre Güte drang mir durch Mark und Bein. Sie überwältigte mich geradezu und ich rief in meinem Innern: „Möge der Höchste Ihnen und den Ihrigen seinen reichsten Segen zutheil werden lassen!“

Auch die Nachrichten, die mir Herr Stanley mitzutheilen hatte, waren erschütternd. Die mächtigen politischen Veränderungen auf dem Continent; der Erfolg der atlantischen Kabel; die Wahl des General Grant und viele andere Dinge fesselten meine Aufmerksamkeit tagelang und hatten einen unmittelbaren und höchst wohlthätigen Einfluss auf meine Gesundheit. Ich war jahrelang völlig ohne Nachrichten von Hause gewesen, ausser den spärlichen, die ich aus einigen Nummern der „Saturday Review“ und des „Punch“ vom Jahre 1868 erhalten hatte. Mein Appetit kam wieder und in einer Woche fühlte ich mich sehr gekräftigt.

Herr Stanley brachte mir auch eine sehr gütige, ermuthigende Depesche von Lord Clarendon (dessen Tod ich aufrichtig betrauere), welche die erste ist, die ich seit dem Jahre 1866 vom Auswärtigen Amte erhalten, und zugleich die Nachricht, dass die britische Regierung gütigerweise 1000 Pfd. Sterling zu meinem Beistande abgeschickt habe. Bis Herr Stanley zu mir kam, wusste ich gar nichts von dieser Geldunterstützung. Ich bin ohne Besoldung hergekommen; jetzt ist aber dieser Mangel glücklich gehoben und ich wünsche dringend, dass Sie und alle meine Freunde es erfahren, dass ich, obwol nicht durch Briefe ermuthigt, doch mit der John Bull eigenen Zähigkeit und immer im Glauben an ein glückliches Ende der Aufgabe treu nachgegangen bin, die mir mein Freund Sir Roderick Murchison gesetzt hat.

Die Wasserscheide des südlichen Central-Afrika ist mehr als 700 Meilen lang. Die daselbst befindlichen Quellen sind fast unzählbar, d. h. es würde ein Menschenleben dazu gehören, sie zu zählen. Von der Wasserscheide aus laufen sie in vier grosse Flüsse zusammen und diese vereinigen sich wiederum zu zwei mächtigen Strömen im grossen Nilthal, welches zwischen 10 und 12° südl. Br. anfängt. Es dauerte lange, ehe mir ein Licht über dieses alte Problem zu dämmern anfing und bis ich einen klaren Begriff von dem Wassersystem erhielt. Ich musste mir selbst den Weg Schritt für Schritt erkunden und tappte meist im Dunkeln, denn wer kümmerte sich darum, wie die Flüsse verliefen? „Wir tranken unser Theil und liessen das Uebrige weiter laufen.“

Die Portugiesen, welche Cazembe besucht haben, fragten nur nach Sklaven und Elfenbein und nach weiter nichts. Ich hingegen erkundigte mich nach den Gewässern in Kreuz- und Querfragen, bis ich beinahe fürchten musste, dass man mich selbst für einen Wasserkopf halten werde.

Meine letzte Aufgabe, in der ich aus Mangel an geeigneter Begleitung so behindert worden bin, bestand darin, das centrale Wassersystem, durch das Manyuema oder kürzer Manyema genannte Land der Kannibalen zu verfolgen. Dieses Wassersystem enthält vier grosse Seen. Dem vierten war ich nahe, als ich zur Rückkehr gezwungen wurde. Derselbe ist 1–3 Meilen breit und an allen Punkten und zu jeder Jahreszeit unzugänglich. Zwei nach Westen ziehende Wasserläufe, der Lufira oder Bartle Frere’s-Fluss fliessen in denselben beim See Kamolondo. Ferner fliesst auch der grosse Fluss Lomame durch den Lincoln-See in denselben und scheint den westlichen Arm des Nils, auf dem Petherick Handel getrieben hat, zu bilden.

Nun habe ich zwar 600 Meilen der Wasserscheide kennen gelernt, aber leider ist gerade das nächste hundert Meilen das Interessanteste von allem, denn in demselben entstehen, wenn ich nicht irre, vier Quellen aus einem Erdhügel, von denen die letztere in nicht sehr grosser Entfernung zu einem grossen Flusse wird.

Zwei derselben, der Lufira und Lomame, laufen nördlich nach Aegypten, und zwei, der Leambaye oder Obere Zambezi und der Kaful fliessen südlich ins innere Aethiopien.

Sind das nicht die Quellen des Nils, deren der Schreiber der „Minerva“ in der Stadt Saïs Herodot gegenüber Erwähnung gethan?

So häufig und an so entfernten Orten habe ich von denselben gehört, dass ich ihr Dasein nicht bezweifeln kann, und trotz des schweren Heimwehs, das mich jedes mal ergreift, wenn ich an meine Familie denke, wünsche ich doch meine Aufgabe durch ihre Wiederentdeckung zu Ende zu führen.

Abermals sind Waaren im Werthe von 500 Pfd. Sterl. in unverantwortlicher Weise Sklaven anvertraut worden und, anstatt vier Monate, mehr als ein Jahr unterwegs gewesen. Auf Ihre Kosten muss ich an den Ort gehen, wo sie sich befinden, ehe ich meine Arbeiten naturgemäss vollenden kann.

Wenn meine Enthüllungen in Bezug auf die schreckliche Sklaverei von Udschidschi dazu führen sollten, dass der Sklavenhandel auf der Ostküste unterdrückt würde, so werde ich das als einen noch grössern Erfolg ansehen als die Entdeckung der sämmtlichen Nilquellen. Jetzt, wo Sie die Sklaverei zu Hause abgethan haben, leihen Sie uns doch Ihre mächtige Beihülfe zu diesem grossen Zwecke. Das herrliche Land hier ist wie von einem Fluch des Himmels heimgesucht, damit die sklavenhändlerischen Privilegien des kleinen Sultans von Zanzibar nur nicht beeinträchtigt werden und die Krone Portugal sich eine Anwartschaft auf Rechte, die mythisch sind, bis auf eine spätere Zeit bewahre, wo Afrika für die portugiesischen Sklavenhändler zu einem zweiten Indien werden soll.

Ich schliesse, indem ich Ihnen noch einmal für Ihren grossen Edelmuth danke und bin dankbarlich

Ihr
DAVID LIVINGSTONE.

Dem obigen Briefe habe ich nichts hinzuzufügen; er spricht für sich selber; damals aber war ich der Ansicht, dass er den besten Beweis für den Erfolg meiner Expedition abgebe. Was mich betraf, kümmerte ich mich durchaus nicht um seine Entdeckungen, ausser insoweit sie die Zeitung, die mir den Auftrag gegeben hatte, ihn aufzusuchen, betrafen. Freilich empfand ich eine gewisse Neugier in Bezug auf das Resultat seiner Reisen, aber da er mir gesagt, dass er seine Aufgabe noch nicht vollendet habe, so hielt ich es für unzart, ihn nach mehr zu fragen, als er freiwillig gab. Denn seine Entdeckungen sind die Früchte seiner eigenen Arbeit und gehörten ihm. Durch ihre Veröffentlichung hoffte er seinen Lohn zu empfangen, den er auf seine Kinder vererben wollte. Doch hatte Livingstone einen höhern und edlern Ehrgeiz als den blossen Geldlohn, den er zu erhalten hofft; denn er folgt den Geboten der Pflicht. Nie hat es jemand gegeben, der sich so völlig dieser abstracten Tugend hingegeben hat. Seine Neigungen trieben ihn zur Heimkehr an und es gehörten die ernstesten Entschlüsse dazu, diesen Lockungen Widerstand zu leisten. Dagegen schmiedete er mit jedem neuen Schritt, den er zurücklegte, eine Kette der Sympathie, welche später die christlichen Nationen mit den Heiden des tropischen Afrika durch Nächstenliebe verbinden soll. Wenn es ihm gelänge, diese Liebeskette durch Entdeckung und genaue Beschreibung von Völkerschaften, die noch im Dunkel leben, zu vollenden, sodass er die Guten und Menschenfreundlichen unter seinen Landsleuten dazu veranlasst, sich für ihr Heil und ihre Erlösung zu interessiren, so sieht Livingstone darin eine reichliche Belohnung. Einige werden dies zwar für das Unternehmen eines Wahnsinnigen, den Plan eines Don Quixote erklären. So steht es aber doch nicht, meine Freunde; denn so sicher wie die Sonne über Christen und Ungläubige, civilisirte Menschen und Heiden scheint, wird der Tag der Erleuchtung kommen. Und wenn auch weder der Apostel Afrikas, noch wir jüngern Leute und vielleicht auch nicht einmal unsere Kinder ihn erblicken mögen, so wird eine spätere Zukunft es doch erleben und dem kühnen Pionnier der Civilisation ihre Anerkennung zollen. —

Das Folgende entnehme ich meinem Tagebuche:

12. März. Die Araber haben mir nicht weniger als 45 Briefe an die Küste mitgegeben. In den letzten Tagen bin ich Kurier geworden. Der Grund hiervon ist, dass regelrecht organisirte Karavanen Unyanyembé wegen des Krieges mit Mirambo nicht verlassen können. Wenn ich nun auch diese ganze Zeit über in Unyanyembé geblieben wäre, um das Ende des Krieges abzuwarten! Ich glaube nämlich, dass die Araber vor Ablauf von neun Monaten von jetzt ab noch nicht im Stande sein werden, den Mirambo zu besiegen.

Heute haben sich die Eingeborenen versammelt, um mir zu Ehren vor meinem Hause einen Abschiedstanz aufzuführen. Es sind, wie ich sehe, die Pagazi von Singiri, des Führers von Mtesa’s Karavane. Meine Leute betheiligten sich gleichfalls, und durch die Musik mir selbst zum Trotz gefesselt, nahm ich auch daran theil und tanzte zur grossen Bewunderung meiner Tapfern mit, welche darüber sehr erfreut waren, ihren Herrn von seiner gewöhnlichen Steifheit ablassen zu sehen.

Es ist ein wilder Tanz. Die Musik ist lebhaft und entsteht durch den sonoren Ton von vier Trommeln, welche vier in der Mitte des Zauberkreises stehende Leute umgehängt haben. Der stets komische Bombay, der sich beim Tanz der Mrima am gemüthlichsten fühlt, hat meinen Wassereimer auf dem Kopfe; der kräftige, flinke, festauftretende Tschaupereh eine Axt in der Hand und ein Ziegenfell auf dem Haupt. Baraka hat meine Bärenhaut und hantiert mit einem Speer herum. Der stierköpfige Mabruki ist auf den Geist der Sache eingegangen und schreitet feierlich auf und ab, wie ein Elefant. Ulimengo hat eine Flinte und geberdet sich wie ein wüthender Bramarbas, sodass man meinen sollte, er wolle sich auf eine Schlacht mit Hunderttausenden einlassen. Khamisi und Kamna stehen, Rücken an Rücken, vor den Trommlern und werfen um die Wette die Füsse in die Luft. Auch Asmani, die personificirte Riesenkraft, ein wirklicher Titane, hat ein Gewehr, mit dem er in der Luft herumfuchtelt, als ob er Thor sei, der mit seinem Hammer Tausende erschlägt. Unser aller Skrupel und Leidenschaften ruhen; wir sind Dämonen, die sich unter dem himmlischen Licht der Sterne bekämpfen und theilnehmen an einem Zauberdrama, in welchem wir durch den furchtbaren Donner der Trommeln zur thätigen Bewegung angeregt werden.

Die Kriegsmusik ist beendet und eine neue beginnt. Der Chorführer ist auf die Knie gesunken und taucht mit dem Kopf zwei- bis dreimal in eine Aushöhlung des Bodens. Ein Chor, der auch auf den Knien ruht, wiederholt in klagenden Tönen die letzten Worte eines feierlichen langsamen Refrains. Wörtlich übersetzt lautet der Gesang so:

Chorführer.
Oh, oh, oh! der weisse Mann geht nach Hause!
Chor.
Oh, oh, oh! er geht nach Hause!
Er geht nach Hause, oh, oh, oh!
Chorführer.
In das glückliche Eiland auf dem Meere,
Wo es Perlen gibt in Menge. Oh, oh, oh!
Chor.
Oh, oh, oh! Wo es Perlen gibt in Menge.
Oh, oh, oh!
Chorführer.
Während Singiri uns zurückgehalten hat, oh, so lange
Von unserer Heimat, so lange; oh, oh, oh!
Chor.
Von unserer Heimat, oh, oh, oh!
Oh, oh, oh!
Chorführer.
Und wir hatten gar kein Essen so sehr lange Zeit.
Wir sind halb verhungert, oh, sehr lange Zeit!
Bana Singiri!
Chor.
Sehr lange Zeit, oh, oh, oh!
Bana Singiri-Singiri!
Singiri! oh, Singiri!
Chorführer.
Mirambo ist in den Krieg gezogen
Zu kämpfen gegen die Araber;
Die Araber und Wangwana
Sind fort, Mirambo zu bekämpfen!
Chor.
Oh, oh, oh! Mirambo zu bekämpfen!
Oh, Mirambo! Mirambo!
Oh, Mirambo zu bekämpfen!
Chorführer.
Aber der weisse Mann wird uns erfreuen,
Er geht nach Hause! Denn er geht nach Hause,
Und er wird uns erfreuen! Sch-sch-sch!
Chor.
Der weisse Mann wird uns erfreuen. Sch-sch-sch!
Sch — sch-h-h — sch-h-h-h-h-h!
Um-m — mu — um-m-m — sch!

Dies war der eigenthümliche Abschied, der mir von den Wanyamwezi Singiri’s zutheil wurde. Ich habe denselben wegen seiner merkwürdigen epischen Schönheit, rhythmischen Vortrefflichkeit und gewaltigen Leidenschaft als eins der wunderbarsten Erzeugnisse der chorliebenden Kinder Unyamwezis durch diese Blätter unsterblich machen wollen.

13. März. Endlich ist der letzte Tag meines Zusammenseins mit Livingstone vorüber; der letzte Abend, den wir gemeinsam zu verleben haben, ist da und ich kann dem Morgen nicht ausweichen. Es ist mir zu Muthe, als ob ich gegen das Schicksal rebelliren möchte, das mich von ihm trennt. Rasch folgen sich die Minuten und werden zu Stunden. Unsere Thüre ist verschlossen und jeder von uns ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Wie die seinigen beschaffen sind, weiss ich nicht; die meinigen sind traurig. Es scheint mir, als ob ich meine Tage in einem elyseischen Felde verlebt habe. Warum sollte ich sonst die nahe Abschiedstunde so schwer empfinden? Haben mich nicht in letzter Zeit eine Reihe von Fieberanfällen Tag für Tag kraftlos auf ein schmerzhaftes Lager geworfen? Habe ich nicht in furchtbaren Phantasien gerast? nicht im Delirium die Fäuste wüthend geballt und mit der wilden Kraft der Verzweiflung um mich geschlagen? Dennoch bedauere ich es, das Vergnügen aufgeben zu müssen, das ich in der so theuer erkauften Gesellschaft dieses Mannes empfunden, und kann doch nicht den sichern Fortschritt der Zeit hemmen, welche heute Abend dahin fliegt, als ob sie meiner spotte und sich an meinem Elende weide. So mag es denn sein! Wie oft habe ich nicht schon im Leben den Schmerz der Trennung von Freunden empfunden, wie oft noch länger zu bleiben gewünscht, wo das Unvermeidliche doch geschehen, das Schicksal uns trennen musste. Dieses mal ist es dieselbe traurige Empfindung, nur dass sie tiefer schmerzt; dass der Abschied auf immer stattfinden kann! Auf immer? Ja, auf immer! so hallte ein wehmüthiger Seufzer wieder.

Ich habe mir alles niedergeschrieben, was er heute Abend gesagt hat; der Leser soll das aber nicht mit mir theilen; es gehöre mir allein.

Ich bin ebenso eifersüchtig auf sein Tagebuch wie er selbst und habe in grossen gothischen Buchstaben und deutlicher Schrift auf jede Seite des wasserdichten Segeltuchdeckels desselben geschrieben: „Auf keinen Fall zu öffnen!“ was er mit seinem Namen unterschrieben hat. Jedes Wort habe ich stenographirt, das er mir gesagt hat in Bezug auf die gleichförmige Vertheilung einiger Seltenheiten an seine Freunde und Kinder, und den letzten Wunsch betreffs „seines theuern alten Freundes Sir Roderick Murchison“, wegen dessen er sich geängstigt hat, seitdem wir in Uganda die Zeitung erhalten, aus der wir ersahen, dass der alte Herr einen Schlaganfall gehabt. Sobald ich nach Aden komme, soll ich ihm bestimmt Nachrichten über ihn schicken; und ich habe es ihm versprochen, dass er sie von mir rascher erhalten soll, als es je früher in Central-Afrika geschehen ist.

„Morgen Abend werden Sie allein sein, Herr Doctor.“

„Ja; das Haus wird so aussehen, als ob ein Todesfall darin stattgefunden hat. Sie würden doch besser daran thun, hier zu bleiben, bis der Regen, der jetzt nahe bevorsteht, vorüber ist.“

„Ich wünschte zu Gott, ich könnte das, lieber Herr Doctor; doch jeder Tag, den ich jetzt noch hier verweile, wo keine Nothwendigkeit mehr vorliegt, hält Sie von Ihrer Arbeit und Ihrer Heimat zurück.“

„Das weiss ich; aber denken Sie doch an Ihre Gesundheit. Sie sind nicht im Stande zu reisen. Was haben ein paar Wochen mehr oder weniger zu bedeuten? Sie werden ebenso rasch an die Küste gelangen, wenn der Regen vorüber ist, als wenn Sie jetzt fortziehen. Zwischen hier und der Küste werden die Ebenen überschwemmt sein.“

„Meinen Sie das? Ich will aber die Küste in 40, allerhöchstens 50 Tagen erreichen. Der Gedanke, dass ich Ihnen dadurch einen wesentlichen Dienst leiste, wird mich anspornen.“

14. März. Mit dem Morgengrauen waren wir aufgestanden; die Ballen und das Gepäck wurden zum Hause hinausgetragen und die Leute bereiteten sich auf den ersten Marsch nach Hause vor.

Wir nahmen ein trauriges Frühstück zusammen ein. Ich konnte nicht essen, das Herz war mir so voll; auch mein Gefährte schien keinen Appetit zu haben. Wir fanden noch etwas zu thun, was uns etwas länger zusammenhielt. Um 8 Uhr war ich noch nicht fort und hatte doch die Absicht gehabt, um 5 Uhr morgens abzuziehen.

„Doctor“, sagte ich, „ich werde zwei Leute bei Ihnen lassen, die heute und morgen hier bleiben können, denn es kann doch sein, dass Sie bei der Eile meiner Abreise etwas vergessen haben. Einen Tag bleibe ich in Tura an der Grenze von Unyamwezi, um ein letztes Wort, einen letzten Wunsch von Ihnen in Empfang zu nehmen. Jetzt müssen wir scheiden, es hilft doch nichts. Leben Sie wohl!“

„Nun, ich werde Sie noch ein Stückchen begleiten. Ich muss sehen, wie Sie sich auf den Weg machen.“

„Vielen Dank. Nun, Leute, nach Hause! Kirangozi, erhebe die Fahne, und Marsch!“

Das Haus sah verödet aus, es entschwand unsern Blicken. Die Vergangenheit, die Gedanken an meine Bestrebungen und Hoffnungen überwältigten mich. An die alten Berge, die mir früher interesselos und unbedeutend erschienen waren, hatten sich geschichtliche Erinnerungen geknüpft. Auf jener Burzani hatte ich Stunden lang gesessen, geträumt, gehofft, geseufzt. Auf jenem Hügel hatte ich gestanden und die Schlacht und Zerstörung von Tabora beobachtet. Unter jenem Dache war ich krank gewesen, hatte ich delirirt und wie ein Kind über das Geschick geweint, das meiner Mission drohte. Unter jenen Bananenbäumen lag mein todter Kamerad, der arme Shaw! Ich hätte ein Vermögen darum gegeben, wenn ich ihn jetzt an meiner Seite gehabt hätte. Aus diesem Hause war ich nach Udschidschi gezogen; mit einem neuen, theuern Gefährten war ich in dasselbe wie zu einem alten Bekannten zurückgekehrt, und jetzt musste ich alles verlassen. Schon jetzt erscheint mir alles wie ein sonderbarer Traum.

Wir gingen Seite an Seite; die Leute stimmten einen Gesang an. Ich blickte Livingstone lange an, um mir seine Züge recht genau ins Gedächtniss zu prägen.

„Soweit ich es verstehen kann, liegt also die Sache so, Herr Doctor, dass Sie nicht beabsichtigen heimzukehren, bis Sie sich über die Quellen des Nils vergewissert haben. Wenn Sie sich darüber aber zufrieden gestellt haben, so werden Sie nach Hause kommen und auch andere zufrieden stellen, nicht wahr?“

„Ja wohl! Sobald Ihre Leute zurückkommen, werde ich sofort nach Ufipa aufbrechen, dann über den Rungwa-Fluss nach Süden und um das Ende des Tanganika gehen. Darauf werde ich in südöstlicher Richtung nach Tschicumbi’s Wohnsitz am Luapula gehen, mich über den Luapula direct nach den Kupferminen von Katanga begeben, und acht Tagereisen südlich von Katanga sollen, nach den Angaben der Eingeborenen, die Quellen sich befinden. Wenn ich sie gefunden, kehre ich über Katanga zu den unterirdischen Behausungen von Rua zurück. Von diesen Höhlen werde ich in zehn Tagen in nordöstlicher Richtung nach dem See Kamolondo ziehen. In Ihrem Boote werde ich im Stande sein, von dem See den Lufira-Fluss hinauf nach dem See Lincoln zu reisen; dann kann ich auf meinem Rückwege nach Norden über den Lualaba an den vierten See gehen, von dem ich meine, dass er das ganze Problem lösen wird, und da werde ich wol finden, dass es entweder der Tschauambe (Baker’s See) oder Piaggia’s See ist.“

„Wie viel Zeit aber meinen Sie, dass diese kleine Reise beanspruchen wird?“

„Höchstens anderthalb Jahr von dem Tage an, wo ich Unyanyembé verlasse.“

„Nehmen wir zwei Jahre an; es könnten ja doch unvorhergesehene Verhältnisse eintreten. Es wird doch gut sein, wenn ich die Leute auf zwei Jahre miethe und zwar von dem Tage an, wo dieselben in Unyanyembé ankommen.“

„Ja, das wird gut sein.“

„Nun aber, mein lieber Doctor, auch die besten Freunde müssen sich trennen. Sie haben mich weit genug begleitet; daher bitte ich Sie, umzukehren.“

„Ich kann Ihnen nur Folgendes sagen: Sie haben das geleistet, was nur wenige zu thun im Stande sind, und zwar viel besser als verschiedene grosse Reisende, die ich kenne. Ich bin Ihnen dankbar für das, was Sie an mir gethan. Gott geleite Sie sicher nach Hause und segne Sie, mein Freund!“

„Und möge Gott auch Sie uns allen glücklich heimführen, mein theurer Freund! Leben Sie wohl!“

„Leben Sie wohl!“

Wir schüttelten uns die Hände und ich musste mich von ihm losreissen, um nicht zu weich zu werden. Doch auch Susi, Dschumah und Hamoydah, die getreuen Genossen des Doctors, mussten mir die Hand drücken und küssen, ehe ich ganz fortkam. Daher verrieth ich meine Empfindungen!

„Adieu, Doctor, theurer Freund!“

„Adieu!“

Marsch! Was haltet Ihr? Vorwärts! Geht Ihr nicht nach Hause?“ So trieb ich meine Leute vor mir her. Jetzt keine Schwäche mehr. Ich werde sie marschiren lassen, dass sie an mich denken sollen. Von heute in vierzig Tagen werde ich das abmachen, was mich früher drei Monate gekostet hat. —

Freundlicher Leser! Ich habe die vorstehenden Tagebuchblätter am Abend eines jeden Tages geschrieben. Ich sehe sie jetzt nach sechs Monaten wieder an, schäme mich ihrer aber nicht. Noch jetzt werden meine Augen trübe, wenn ich an die Trennung denke. Ich durfte das nicht ausstreichen oder abändern, was ich niedergeschrieben, als meine Gefühle so lebhaft waren. Gebe Dir Gott, dass Du, wenn Du Dich jemals auf eine Reise nach Afrika begibst, einen ebenso edeln, treuen Mann wie David Livingstone zum Gefährten haben mögest! Vier Monate und vier Tage habe ich mit ihm unter einem Dache, auf demselben Boote oder in demselben Zelte zugebracht und habe nie einen Fehler an ihm entdeckt. Ich selbst bin ein hitziger Mensch und habe schon oft wol ohne ausreichende Ursache Bande der Freundschaft zerrissen, aber bei Livingstone habe ich nie eine Ursache gehabt, mich gekränkt zu fühlen. Ein jeder Tag, den ich mit ihm zubrachte, hat meine Bewunderung für ihn nur erhöht.

Ich habe nicht die Absicht, meine Leser mit einer genauen Schilderung unseres Rückmarsches zu belästigen und werde ihnen nur einige Ereignisse, die uns auf der Reise nach der Küste passirten, erzählen.

17. März. Wir kamen an den Kwalah-Fluss, welchen ein Eingeborener von Rubuga Nyahuba, ein anderer Unyahuha nannte. Am heutigen Tage fiel der erste Regen der Masikazeit. Ehe ich zur Küste komme, werde ich angeschimmelt sein. Im vorigen Jahre begann die Masikazeit in Bagamoyo am 23. März und hörte am 30. April auf.

Am nächsten Tage hielt die Expedition in West-Tura, auf der Grenze von Unyamwezi, und am 20. kamen wir in Ost-Tura an. Bald darauf hörten wir ein lautes Schiessen, und Susi und Hamoydah, Livingstone’s Diener, erschienen mit Uredi und einem andern von meinen Leuten nebst einem Brief für Sir Thomas MacLear auf der Sternwarte des Cap der Guten Hoffnung, sowie einem Brief für mich, welcher folgendermassen lautete:

„Kwihara, 15. März 1872.

Lieber Stanley!

Wenn Sie bei Ihrer Ankunft in London telegraphiren können, so berichten Sie mir genau, wie sich Sir Roderick befindet. Sie haben gestern die Sache genau präcisirt, als Sie sagten, dass ich über die Quellen mit mir noch nicht im Reinen sei, sowie ich aber eine Ueberzeugung darüber gewonnen hätte, zurückkehren und andern genügende Auskunft über dieselben geben werde. Gerade so steht die Sache.

Ich wünschte, ich könnte Ihnen ein besseres Wort als das schottische zurufen: «Mit starkem Muth den steilen Berg hinan!» Denn das werden Sie thun und ich freue mich, dass Ihr Fieber vor Ihrem Abgange die gefahrlosere Form der Intermittens angenommen hat. Ich hätte Sie nur mit sehr grosser Sorge abziehen lassen, wenn Sie noch mit dem continuirlichen Fieber behaftet gewesen wären. Es ist mir ein Trost, Sie der Fürsorge des gütigen Herrn und Vaters aller Wesen zu empfehlen.

Dankbarlich

Ihr

DAVID LIVINGSTONE.“

„Ich habe, so sehr ich konnte, daran gearbeitet, Beobachtungen abzuschreiben, die ich auf einer Marschroute von Kabuire zurück nach Cazembe und weiter an den See Bangweolo angestellt hatte und bin ganz müde davon. Meine grossen Zahlen füllen sechs Bogen Papier von grösstem Format und mancher Tag wird wol vergehen, ehe ich mich wieder ans Abschreiben mache. Als ich im Jahre 1869 in Udschidschi krank war, habe ich meine Pflicht gethan und bin nicht zu tadeln, obwol man sich zu Hause darüber etwas im Dunkeln befindet. Einige arabische Briefe sind angekommen und ich übersende sie Ihnen.

D. L.“

16. März 1872.

„Nachschrift. Heute Morgen habe ich ein Billet an meinen Verleger Murray, 50, Albemarle Street, geschrieben, damit er Ihnen womöglich behülflich sei, das Tagebuch durch die Post oder sonstwie an Agnes zu schicken. Wenn Sie ihn aufsuchen, werden Sie in ihm einen biedern Gentleman kennen lernen. Glückliche Reise!

DAVID LIVINGSTONE.“

An Herrn HENRY M. STANLEY. — Aufenthalt unbekannt.“

Einige Wangwana kamen nach Tura, um sich unserer heimkehrenden Expedition anzuschliessen, da sie sich fürchteten, allein durch Ugogo zu ziehen; andere sollten nachkommen; da man ihnen aber in Unyanyembé ganz bestimmt gesagt hatte, dass die Karavane jedenfalls am 14. abgehen werde, so wollte ich nicht länger warten.

Als wir Tura am 21. verliessen, wurden Susi und Hamoyda zum Doctor zurückgeschickt, während wir unsern Marsch an den Nghwhalah-Fluss fortsetzten.

Zwei Tage später kamen wir vor dem Dorfe Ngaraiso an, in welches die Spitze der Karavane hineinzugehen versuchte, doch wurden sie von den bösen Wakimbu mit Gewalt vertrieben.

Am 24. schlugen wir unser Lager auf einer sogenannten Tongoni oder Lichtung auf. Es war ein sehr romantischer Ort, wie man aus der allerdings nur skizzenhaften Abbildung zu Anfang dieses Kapitels ersehen kann.

Einst befand sich diese Gegend in einem höchst blühenden Zustande. Der Boden ist ausgezeichnet fruchtbar, das üppige Bauholz würde in der Nähe der Küste sehr viel werth sein, und es gibt hier, was in Afrika sehr geschätzt wird, reichlich Wasser. Wir lagerten in der Nähe eines glatten, breiten Syenitblocks, an dessen einer Seite sich ein massiver viereckiger Fels hoch emporhob, die verschiedenen in der Nachbarschaft befindlichen Bäume überragend; auf dem andern Ende stand noch ein eigenthümlicher Felsblock aufrecht, der an seinem Fusse gelockert war.

Meine Leute benutzten die grosse Felsplatte, um sich ihr Korn selbst zu mahlen, was hier ja gewöhnlich geschieht, wenn Dörfer nicht in der Nähe sind oder das Volk feindlich gesinnt ist.

Am 27. März gelangten wir nach Kiwyeh. Als wir mit dem Morgengrauen den Mdaburu-Fluss verliessen, liess ich die Leute in aller Form warnend bedeuten, dass wir im Begriff wären, in Ugogo einzutreten. Unter lautem, trompetenartigen Blasen zogen wir aus dem Dorfe Kaniyaga und kamen durch ausgedehnte wogende Maisfelder. Da die Aehren reif genug zum Rösten und Dörren waren, wurden wir von einer Besorgniss befreit; denn sehr häufig leiden Karavanen zu Anfang März Hunger, der sowol die Eingeborenen als Fremden heimsucht.

Darauf kamen wir in die Districte der Gummibäume und wussten, dass wir in Ugogo seien; denn die Wälder dieses Landes bestehen hauptsächlich aus Gummi- und Dornbäumen, Mimosen und Tamarisken sowie verschiedenen wilden Fruchtbäumen. Es gab viel Trauben, die jedoch noch nicht reif waren; auch fanden wir eine runde röthliche Frucht von der Süsse der Sultanatraube mit stachelbeerähnlichen Blättern. Eine andere, etwa von der Grösse einer Aprikose, hatte sehr bittern Geschmack.

Als wir aus den dichten Dorndschungels heraustraten, erblickten wir die ausgedehnten Ansiedelungen von Kiwyeh und fanden östlich vom Dorfe des Häuptlings einen Lagerplatz unter dem Schatten einer Gruppe kolossaler Baobabs.

Die Bevölkerung von Kiwyeh besteht etwa zu gleichen Theilen aus Wakimbu und Wagogo. Der alte Kiwyeh, der in den Tagen Speke’s und Grant’s lebte, ist todt und jetzt regiert sein junger Sohn das Gebiet. Obgleich die Herrschaft dieses Jünglings äusserlich gut aussieht und seine loyalen Unterthanen ihr Vieh zu Hunderten zählen, so ist seine Lage doch eine misliche, denn seine grosse Jugend bietet den ihn umgebenden Wagogohäuptlingen viele Versuchungen.

Kaum waren wir im Lager, als wir überall Kriegshörner laut ertönen hörten und Boten erblickten, die nach allen Richtungen rasch dahinflogen, um Kriegsalarm zu schlagen. Zuerst als ich erfuhr, dass das Volk durch die Hörner zu den Waffen gerufen wurde, hatte ich halb und halb den Verdacht, dass ein Angriff auf unsere Expedition gemacht werden solle, doch erklärten mir die Worte „Urugu, Warugu“ (Dieb, Diebe), die allgemein im Umlauf waren, alsbald die Ursache. Mukondoku nämlich, der Häuptling des bevölkerten, zwei Tagemärsche nach Norden zu liegenden Bezirkes, wo wir auf unserm frühern Zuge nach Westen etwas in Angst gerathen waren, stand im Begriff, den jungen Mtemi, Kiwyeh, anzugreifen, und deshalb wurden die Soldaten von Kiwyeh zum Kampf zusammengerufen. Die Leute stürzten sich in ihre Dörfer und in kurzer Zeit sahen wir sie im vollem Kriegskostüm heraufziehen. Strauss- und Adlerfedern wogten auf der Stirn oder Zebra-Mähnen um den Kopf; Knie und Knöchel waren mit kleinen Schellen besetzt. Vom Nacken flatterten ihre Dschoho-Gewänder; Speere, Assegais, Knüttel und Bogen schwenkten sie über den Kopf oder hielten sie in der rechten Hand, als ob sie zum Wurf bereit seien. Zu beiden Seiten eines grossen Heereskörpers, der im gleichmässigen, raschen Doppelschritt aus dem Hauptdorfe herauskam, wobei die Schellen am Fuss- und Kniegelenk harmonisch erklangen, befanden sich Trupps von Plänklern, die ganz besonders begeistert zu sein schienen und sich auf dem Wege in Scheinkämpfen übten. Eine Colonne nach der andern, Compagnien und Gruppen passirten eilig aus jedem Dorfe an unserm Lager vorüber, bis etwa fast tausend Soldaten in den Krieg gezogen waren. Diese Scene gab mir die beste Vorstellung von der Schwäche selbst der grössten Karavanen, die zwischen Zanzibar und Unyanyembé reisen.

Gegen Abend kehrten die Krieger aus dem Walde zurück, da der Alarm sich als grundlos erwiesen hatte. Anfangs hiess es allgemein, die Eindringlinge seien Wahehe oder Wadirigo, unter welchem Spottnamen dieser Stamm wegen seiner Neigung zum Diebstahl bekannt ist. Die Wahehe machen oft Streifzüge nach dem fetten Vieh von Ugogo. Aus ihrem eigenen im Südwesten gelegenen Lande ziehen sie durch das Dickicht und bücken sich bei Annäherung an die Heerden, indem sie sich den Körper mit aus Ochsenhaut bestehenden Schilden bedecken. Wenn sie so zwischen das Vieh und die Hirten gekommen sind, erheben sie sich plötzlich, fangen an, das Vieh mit Gerten zu peitschen, treiben es in die Dschungels zu den zu diesem Behuf Zurückgebliebenen, kehren dann schnell um und pflanzen ihre Schilde vor sich hin, um mit den empörten Schäfern zu kämpfen.

Am 30. langten wir in Khonze an, das sich durch die grossen Laubkugeln auszeichnet, welche die riesigen Sykomoren und Baobabs über die Ebene ausbreiten. Der Häuptling von Khonze rühmt sich, vier Tembés zu besitzen, aus denen er 50 Bewaffnete um sich sammeln könnte. Von den Wanyamwezi-Bewohnern dazu angespornt, bereitete sich dieser Bursche darauf vor, sich unserer Weiterreise zu widersetzen, weil ich ihm nur 3 Doti (12 Meter Tuch) als Honga geschickt hatte.