Ich citirte die beiden Sklaven Thani bin Abdullah’s, nachdem das Honga zu jedermanns Zufriedenheit abgemacht war — obgleich die grössten Spitzfindigkeiten und diplomatischen Raisonnements ausser Stande waren, es auf weniger als 26 Doti herabzubringen —, und fragte sie über die Möglichkeit aus, den noch vor uns liegenden, Tribut verlangenden Wahha auszuweichen.

Dies setzte sie anfänglich in Erstaunen und sie erklärten es für unmöglich; schliesslich jedoch, nachdem ich in sie gedrungen, meinten sie, einer von ihnen könne uns um Mitternacht oder etwas später in das Dickicht, das sich an der Grenze von Uhha und Uvinza befände, führen. Hielten wir eine direct westliche Richtung durch diese Dschungels ein, so könnten wir, wie sie sagten, durch Uhha ohne weitere Beschwerden reisen. Wenn ich dem Führer 12 Doti bezahlen und meinen Leuten, wenn sie durch das schlafende Dorf zögen, völliges Stillschweigen auferlegen wolle, so sei der Führer überzeugt, ich könne Udschidschi erreichen, ohne ein einziges Doti weiter zu bezahlen. Es ist überflüssig hinzuzufügen, dass ich die dargebotene Hülfe zu diesem Preise freudig annahm.

Doch gab es da noch viel zu thun. Wir mussten uns Vorräthe für den Durchzug durch das Dickicht auf wenigstens vier Tage kaufen und ich schickte sofort Leute aus, um Korn zu jedem Preise herbeizuschaffen. Das Glück begünstigte uns, denn vor 8 Uhr abends hatten wir Vorräthe für sechs Tage.

7. November. — In der vorigen Nacht ging ich gar nicht zu Bett, denn meine Leute stahlen sich bald nach Mitternacht, als der Mond sich zu zeigen anfing, in Abtheilungen von vier Mann, aus dem Dorfe heraus und um 3 Uhr morgens befand sich die ganze Expedition ausserhalb des Boma, ohne dass der geringste Lärm gemacht worden wäre. Nachdem ich dem neuen Führer zugepfiffen hatte, fing die Expedition an, in südlicher Richtung dem rechten Ufer des Kanengi-Flusses entlang sich zu bewegen. Nach einstündigem Marsch schlugen wir uns nach Westen über die Grasebene und blieben auf derselben trotz der sich uns darbietenden für die nackten Leute sehr schlimmen Hindernisse. Hell beleuchtete der Mond unsern Pfad; doch warfen dunkle Wolken hier und da lange Schatten über die verlassenen einsamen Flächen, sodass die Mondstrahlen fast verdunkelt wurden. Zu solcher Zeit schien unsere Lage schlimm, bis sich der Mond wieder zeigte und über das Dunkel sein silbernes Licht leuchten liess.

Tapfer mühten sich die Leute ab, ohne zu murren, obwol ihre Beine von dem scharfen Grase bluteten. Endlich erschien der ambrosische Morgen mit seinen schönen, lieblichen Zügen. Der Himmel wurde uns neu geboren und brachte uns Trost und Hoffnung. Als der Tag angebrochen, eilten die Leute mit rascheren Schritten vorwärts, obwol sie durch die ungewohnte Reise angegriffen waren, bis wir um 8 Uhr morgens den raschen Rusugi-Fluss erblickten, wo in einem nahe gelegenen Gehölz halt gemacht wurde, um zu frühstücken und zu ruhen. Beide Ufer des Flusses wimmelten von Büffeln, Elenn und Antilopen; obwol uns aber der Anblick sehr lockte, wagten wir es doch nicht zu feuern, da ein Flintenschuss das ganze Land alarmirt haben würde. Ich zog daher blosses Zusehen und die Befriedigung, die ich über unser Glück empfand, vor.

Nachdem wir eine Stunde geruht, sahen wir einige Eingeborene, die Salz vom Malagarazi brachten, das rechte Ufer des Flusses hinaufkommen. Als sie sich unserm Versteck gegenüber befanden, entdeckten sie uns, legten ihre Salzbeutel nieder und liefen sofort laut schreiend davon, um einige ungefähr vier Meilen nördlich von uns belegene Dörfer zu allarmiren. Sofort befahl ich meinen Leuten, ihre Lasten wieder aufzunehmen und in wenigen Augenblicken waren wir über den Rusugi, und eilten direct auf ein vor uns liegendes Bambusdickicht zu. Kaum waren wir darin, als ein albernes Weib laut zu schreien anfing. Meine Leute waren sehr erschreckt über diese lärmende Demonstration, welche die Rache der Wahha auf unser Haupt herabziehen musste, da wir den ihnen gebührenden Tribut umgingen. In einer halben Stunde dürften uns Hunderte von heulenden Wilden in den Dschungels umringen und eine allgemeine Metzelei entstehen. Das Weib schrie immer wieder von neuem ohne Ursache furchtbar auf. Sofort legten einige meiner Leute in dem Instinkt der Selbsterhaltung ihre Ballen und Lasten nieder und verschwanden im Dickicht und der Führer kam mit der Bitte auf mich zugestürzt, den Lärm zum Stillstand zu bringen. Der Mann dieser Frau zog nun in äusserster Wuth und Furcht sein Schwert und bat mich, ihr sofort den Kopf abzuschlagen. Hätte ich nur ein Zeichen gegeben, so hätte das Weib ihr Leben für ihre Thorheit gelassen. Ich versuchte es, ihr Geschrei dadurch zu ersticken, dass ich meine Hand ihr über den Mund hielt, aber sie entzog sich ihr mit Gewalt und fuhr fort, schlimmer als je zu schreien. Mir blieb nichts übrig, als die Macht meiner Peitsche an ihren Schultern zu erproben. Nach dem ersten Schlage bat ich sie aufzuhören. „Nein!“ Sie schrie immer lauter, wie eine Unsinnige. Wiederum fiel meine Peitsche auf ihre Schultern herab. „Nein, nein, nein!“ Noch ein Schlag. „Willst Du wol still sein?“ „Nein, nein, nein!“ Lauter und immer lauter schrie sie, und rascher und immer rascher fielen die Schläge, um diese Widerspenstige zu zähmen. Als sie aber einsah, ich sei ebenso entschlossen zuzuschlagen, wie sie, zu schreien, gab sie es vor dem zehnten Schlage auf und wurde ruhig. Ein Tuch wurde ihr über den Mund und die Arme über den Rücken gebunden, und nach einigen Augenblicken, nachdem die Deserteure zu ihrer Pflicht zurückgekehrt, begab sich die Expedition mit verdoppelter Schnelligkeit vorwärts. Bis 1 Uhr mittags schritten wir standhaft weiter, bis wir den kleinen See Musunya erblickten; der neunstündige Marsch hatte uns sehr ermüdet.

Der See Musunya ist eins der kleinen kreisförmigen Becken, die in diesem Theil von Uhha vorkommen. Es gibt ihrer eine ganze Gruppe. Eigentlich könnte man sie nur grosse Pfützen nennen. In der Masikajahreszeit muss sich der See Musunya drei bis vier Meilen in die Länge und zwei in die Breite ziehen. Zahlreiche Flusspferde hausen in ihm und an seinen Ufern kommen viele Jagdthiere vor.

In unserm Bivouak verhielten wir uns, wie man sich denken kann, sehr ruhig; wir richteten weder Zelt noch Hütte auf, noch zündeten wir Feuer an, um im Fall einer Verfolgung ohne Aufenthalt weiter ziehen zu können. Ich hatte die Kammer meines gezogenen Winchestergewehrs (des in einer solchen Krisis ausserordentlich werthvollen Geschenks meines Freundes Morris) voll gefüllt und 200 Patronen in einem über meinen Schultern hängenden Beutel gesteckt. Auch waren die Flinten aller Soldaten fertig geladen, und wir zogen uns zurück, um unsere Strapazen im Gefühl vollkommener Sicherheit zu verschlafen.

8. November. Lange vor dem Morgengrauen waren wir auf dem Marsch und als der Tag anbrach, kamen wir aus dem Bambusdickicht heraus — an mehreren grossen, am Wege gelegenen Pfützen vorbei — auf die nackte Fläche von Uhha, welche weite Aussichten auf welliges Land darbietet, in dessen Eintönigkeit hier und da charakteristische Baumgruppen Abwechslung bringen. Stundenlang mussten wir uns über das wellenförmige Land hinschleppen, während die Sonne mit afrikanischer Glut brannte, diesmal jedoch ein wenig durch angenehme Lüftchen gemässigt, welche uns den Duft frischen Grases und fremdartiger bunter Blumen zuwehten, die auf der weiten, im übrigen blassgrünen Fläche wuchsen.

Wir kamen an den Rugufu-Fluss, nicht an den Rugufu von Ukawendi, sondern den nördlichen Strom dieses Namens, der ein Zufluss des Malagarazi ist. Es ist ein breiter, seichter, träger Fluss, der sich fast unmerklich nach Südwesten zieht. Während wir im tiefen Schatten, den uns eine dichte Dschungelgruppe gewährte, in unmittelbarer Nähe des rechten Ufers halt machten, um etwas zu ruhen, ehe wir die Reise fortsetzten, hörte ich deutlich im Westen einen Lärm wie von fernem Donner. Als ich fragte, ob dies Donner sei, erhielt ich zur Antwort, es sei der Kabogo.

„Kabogo? Was ist das?“

„Das ist ein grosser Berg auf der andern Seite des Tanganika, der voll tiefer Löcher ist, in welche das Wasser stürzt, und wenn es auf dem Tanganika windig ist, so gibt es einen Schall, wie Mvuha (Donner). Da dort viele Boote zu Grunde gegangen sind, so ist es Sitte bei Arabern und Eingeborenen, Tuch, Merikani und Kaniki, sowie namentlich weisse (Merikani-)Perlen hineinzuwerfen, um den Mulungu (Gott) des Sees zu besänftigen. Wer Perlen hineinwirft, kommt gewöhnlich ohne Fährlichkeit davon, aber wer das nicht thut, geht zu Grunde und ertrinkt im See. Es ist ein schrecklicher Ort.“ Diese Geschichte erzählte mir der stets lächelnde Führer Asmani und sie wurde von einigen meiner Begleiter, die früher den See beschifft hatten, bestätigt.

Dieser Ort, wo wir an den Ufern des Rugufu-Flusses zu Mittag halt machten, ist wenigstens 18½ Stunden oder 46 Meilen von Udschidschi entfernt und da der Kabogo nahe bei Uguhha sein soll, so muss er mehr als 60 Meilen von Udschidschi fern sein. Es wurde also der Lärm des donnernden Wassers, das sich in die Höhlen von Kabogo stürzen soll, von uns in einer Entfernung von mehr als hundert Meilen gehört.

Nach drei Stunden setzten wir unsere Reise durch dünne Wälder, über ausgedehnte Strecken von Urfelsen und dicht mit grossem Geröll bestreute Felder fort, an zahlreichen Büffel-, Giraffen- und Zebraheerden vorbei, und kamen über einen schwankenden, einem Torfmoor ähnlichen Morast an den kleinen Bach Sunuzzi und an einen Lagerplatz, der nur eine Meile von einer grossen Colonie der Wahha entfernt ist. Da wir aber in den Tiefen eines grossen Waldes begraben waren, in dessen Nähe sich kein Weg befand, und da wir keinen Lärm machten oder Feuer anzündeten, sondern tiefes Schweigen beobachteten, so konnten wir ruhig sein und bestimmt darauf rechnen, nicht gestört zu werden. Am Morgen — das hatte uns der Kirangozi zugesichert — sollten wir aus Uhha heraus sein, und wenn wir dann am selben Tage nach Niamtaga, in Ukaranga, reisten, so würden wir am nächsten in Udschidschi sein. Sei geduldig, liebe Seele! Noch einige Stunden und du wirst das Ende aller dieser Mühen kennen! Dann werde ich mich dem weissen Manne gegenüber befinden, der weisse Haare auf dem Gesicht hat, wer es auch sein mag!

9. November. Zwei Stunden vor dem Morgengrauen verliessen wir unser Lager am Sunuzzi-Fluss und schlugen uns durch den Wald in nordwestlicher Richtung, nachdem wir vorher unsere Ziegen geknebelt hatten, damit sie uns nicht durch ihr Meckern verriethen. Dies war ein Irrthum, der ein tragisches Ende hätte nehmen können, denn gerade als der östliche Himmel eine bleichgraue Färbung annahm, kamen wir aus dem Dickicht auf die Heerstrasse. Der Führer glaubte nämlich, wir hätten Uhha hinter uns und hob ein Freudengeschrei an, in das alle Mitglieder der Karavane einstimmten und alles zog mit erhöhter Energie vorwärts, als wir plötzlich auf die Ausläufer eines Dorfes kamen, dessen Bewohner im Begriff waren aufzustehen. Sofort wurde Stille geboten und die Expedition zum Halten gebracht. Ich trat vor, um mich mit dem Führer zu besprechen; er wusste aber nicht, was geschehen solle. Da keine Zeit zur Ueberlegung war, liess ich die Ziegen schlachten und auf dem Wege liegen und den Führer kühn durch das Dorf ziehen. Auch die Hühner wurden abgethan und darauf nahm die Expedition, unter Leitung des Führers, ihren Marsch rasch und schweigend wieder auf, nachdem ich den Befehl ertheilt, schleunigst in das südlich vom Wege belegene Dickicht zu ziehen. Ich blieb, bis der letzte Mann verschwunden war, dann bildete ich, nachdem ich mein Winchestergewehr in Bereitschaft gesetzt, mit meinen Flintenträgern und ihrer Munition den Nachtrab. Als wir im Begriff waren, an der letzten Hütte vorbeizuziehen, sprang ein Mann aus derselben und stiess einen Allarmruf aus, auch hörten wir laute Stimmen wie von Streitenden. In kurzer Zeit jedoch waren wir in den Tiefen der Dschungels und eilten vom Wege in südlicher leicht nach Westen sich ziehender Richtung. Einmal glaubte ich, dass wir verfolgt würden, und hielt hinter einem Baume, um unsere Feinde, wenn sie auf der Verfolgung beständen, daran zu hindern; nach wenigen Minuten aber stellte es sich heraus, dass niemand hinter uns her sei. Nach einem Marsch von einer halben Stunde wandten wir uns wieder nach Westen. Jetzt war es heller Tag und unsere Augen erfreuten sich an den malerischen, engen, kleinen Thälern, wo wilde Obstbäume wuchsen, seltene Blumen blühten und kleine Bäche über glatte Kiesel dahinflossen, wo alles herrlich und schön war, bis wir schliesslich durch einen hübschen kleinen Bach watend, dessen sanftes Gemurmel wir als liebliches Willkommen deuteten, die Grenzen des bösen Uhha überschritten und in Ukaranga eintraten, was mit jauchzendem Freudengeschrei begrüsst wurde.

Sofort fanden wir den ebenen Weg und gingen munter mit elastischen Schritten, in beschleunigtem Tempo weiter, da wir wussten, dass der Marsch sich seinem Ende nähere. Was kümmerten uns jetzt die Beschwerden, die wir überstanden, die unebenen, schwierigen Wälder, die dornigen Dickichte und schneidenden Gräser und das Geschrei der Wilden, das uns so beunruhigt hatte? Morgen! Ja, der grosse Tag nähert sich, und wir können in dieser triumphirenden Stimmung wol lachen und singen. Wir haben schwere Prüfungen erduldet; sind im Ungemach gegeneinander böse geworden, doch ist alles das jetzt vergessen und jedes Gesicht strahlt von der Glückseligkeit, die wir alle verdient haben.

Zu Mittag machten wir einen kurzen Halt, um uns auszuruhen und zu erfrischen. Man zeigte mir die Berge, von denen der Tanganika zu sehen sei, welche das Thal des Liutsché im Westen begrenzen. Bei ihrem Anblick konnte ich mich nicht länger halten; selbst dieser kurze Halt machte mich unruhig und unzufrieden. Wir nahmen den Marsch wieder auf; ich spornte meine Leute mit dem Versprechen an, dass sie morgen ihren Lohn empfangen und so viel Fisch und Bier bekommen sollten, als sie verzehren könnten.

Wir befanden uns in Sicht der Wakaranga-Dörfer. Als die Bewohner uns erblickten, zeigten sie bedeutende Erregung. Ich schickte Leute voran, um sie zu beruhigen, und sie kamen auch heraus, um uns zu begrüssen. Dies war uns so neu und willkommen, so anders als das Verfahren der unruhigen Wavinza und der Räuber von Uhha, dass wir gerührt waren. Doch hatten wir keine Zeit, uns auf dem Wege aufzuhalten und uns der Freude hinzugeben, denn ich wurde durch fast unbezwingliche Empfindungen vorwärts getrieben und wünschte meinen Zweifeln und Befürchtungen ein Ende zu machen. War Er noch da? Hatte Er von meiner Annäherung gehört? Würde Er die Flucht ergreifen?

Wie schön sieht Ukaranga aus! Die grünen Hügel sind von Gruppen strohgedeckter Kegel gekrönt; die Berge erheben und senken sich, theils nackt, theils bebaut, hier als Weideland, dort als Holzschläge, dort wiederum von Hütten belebt. Das Land hat etwas Aehnlichkeit mit Maryland.

Wir überschreiten den Mkuti, einen herrlichen kleinen Fluss, besteigen das andere Ufer und schreiten durch den Wald, wie Leute, die eine That vollbracht haben, auf die sie stolz sein können. Schon sind wir neun Stunden gereist und die Sonne sinkt rasch gen Westen; trotzdem scheinen wir nicht ermüdet zu sein.

Wir erreichen die Ausläufer von Niamtaga und hören Trommeln schlagen. Die Leute fliehen in die Wälder und verlassen ihre Dörfer, denn sie halten uns für Ruga-Ruga, die Waldräuber Mirambo’s, die, nachdem sie die Araber von Unyanyembé besiegt, die von Udschidschi bekämpfen wollen. Selbst der König flieht aus seinem Dorf und jedermann folgt ihm angsterfüllt. Wir ziehen in das Dorf, ergreifen ruhig Besitz davon, und mein Zelt wird daselbst aufgeschlagen. Schliesslich verbreitet sich das Gerücht, dass wir Wangwana aus Unyanyembé seien.

„Nun, ist Mirambo denn todt?“ fragen sie.

„Nein,“ erwidern wir.

„Wie seid Ihr denn durch Ukaranga gekommen?“

„Ueber Ukonongo, Ukawendi und Uhha.“

„Oh — hi-le!“ Darauf lachen sie herzlich über ihre Angst und fangen an, sich zu entschuldigen. Der König wird mir vorgestellt und sagt, er sei nur in die Wälder gegangen, um uns anzugreifen, das heisst, er habe die Absicht gehabt, uns alle todtzuschlagen, wenn wir Ruga-Ruga gewesen. Wir wissen ja aber, wie sehr der arme König erschrocken war und dass er bestimmt nie gewagt hätte zurückzukehren, wären wir Ruga-Ruga gewesen. Doch wir sind nicht in der Stimmung, uns mit ihm über seine eigenthümliche Ausdrucksweise zu streiten, sondern schütteln ihm lieber die Hand und sagen ihm, wie wir uns freuen, ihn zu sehen. Er nimmt auch an unserer Freude theil und lässt uns sofort drei der fettesten Schafe, Töpfe mit Bier, Mehl und Honig zum Geschenk bringen und ich beglücke ihn noch mehr mit zwei der schönsten Tücher, die ich in meinen Ballen habe. Auf diese Weise kommt ein freundschaftlicher Vertrag zwischen uns zu Stande.

Während ich mein Tagebuch über die Erlebnisse dieses Tages führe, lasse ich Selim meinen neuen Flanellanzug auspacken, meine Stiefeln mit Oel schmieren, meine Kopfbedeckung mit Kreide reinigen und mit einem neuen Puggaree versehen, damit ich so anständig wie möglich vor dem weissen Mann mit dem grauen Bart und den Arabern von Udschidschi erscheinen könne, denn die Kleider, die ich im Dickicht und Walde getragen, sind in Fetzen. Gute Nacht! Nur noch einen Tag und wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Freitag, 10. November. Der 236. Tag seit Bagamoyo und der 51. seit Unyanyembé. Allgemeine Richtung nach Udschidschi, West zu Süd. Marschzeit sechs Stunden.

Es ist ein herrlicher, beseligender Morgen. Die Luft ist frisch und kühl. Der Himmel lächelt liebevoll auf die Erde und ihre Kinder. Die dichten Wälder sind von herrlichem, grünem Laub gekrönt; das Wasser des Mkuti rauscht unter dem Smaragdschatten, den seine bewachsenen Ufer darbieten, und scheint uns durch sein beständiges Rauschen zum Wettlauf nach Udschidschi aufzufordern.

Wir befinden uns alle ausserhalb des Rohrzaunes des Dorfes; ein jeder von uns sieht so nett und sauber und glücklich aus, wie damals, wo wir uns in den Dhows in Zanzibar einschifften, was Ewigkeiten her zu sein scheint; so viel haben wir gesehen und erfahren.

„Vorwärts!“

„Ay Wallah, ay Wallah, Bana yango!“ und die Braven schreiten leichten Herzens davon in einem Tempo, das uns bald in Sicht von Udschidschi bringen muss. Wir steigen einen mit Bambus bewachsenen Berg hinan, in eine Schlucht hinab, durch welche ein wüthender kleiner Giessbach stürzt, besteigen noch einen niedrigen Hügel, gehen dann einen ebenen Fusspfad entlang, welcher in dem Abhang einer langen Bergkette verläuft, und ziehen so eifrig weiter, wie es nur Leute mit leichtem Herzen thun können.

Man hat mich darauf vorbereitet, dass ich in zwei Stunden den Tanganika erblicken soll, denn der Kirangozi sagt, man sehe ihn von der Spitze eines steilen Berges. Ich fange vor Erregung fast an zu weinen; doch Geduld, wir müssen ihn doch erst sehen. Wir stürzen vorwärts, den Berg athemlos hinauf, damit die grosse Scene nicht etwa davoneile. Endlich sind wir auf dem Gipfel; aber ach, noch ist er nicht zu sehen. Noch ein Endchen weiter, gerade dort; ja, dort ist er, ein Silberstreifen. Ich erblicke ihn kaum zwischen den Bäumen, — hier aber ist er endlich wirklich, der Tanganika, und das sind die blauschwarzen Berge von Ugoma und Ukaramba. Eine ungeheure, weite Fläche, ein glänzendes Silberbett — darüber ein leuchtender, blauer Baldachin — hohe Berge als Faltensaum, Palmenwälder seine Fransen! Der Tanganika! Hurrah! und die Leute erwidern das Jubelgeschrei des Angelsachsen mit Stentorstimmen, die grossen Wälder und Berge scheinen sich an unserm Triumph zu betheiligen. „War dies der Ort, Bombay, wo Burton und Speke standen, als sie zuerst den See erblickten?“

„Ich weiss das nicht mehr genau, Herr, glaube aber, es war irgendwo hier in dieser Gegend.“

„Die armen Kerle! Der eine halb gelähmt, der andere halb blind,“ sagte Sir Roderick Murchison, als er Burton und Speke’s Ankunft am Tanganika beschrieb.

Und ich? Nun, ich bin so glücklich, dass ich, wenn ich ganz gelähmt und blind wäre, doch glaube, ich könnte in diesem herrlichen Augenblick mein Bett auf mich nehmen und wandeln und alle Blindheit hätte sofort aufgehört. Zum Glück bin ich jedoch ganz wohl und keinen Tag krank gewesen, seitdem ich Unyanyembé verlassen. Wie viel würde Shaw darum geben, um jetzt an meiner Stelle zu sein? Wer ist glücklicher, er, der in den Freuden Unyanyembés schwelgt, oder ich, der ich auf dem Gipfel dieses Berges mit frohen Augen und stolzem Herzen auf den Tanganika hinabblicke?

Wir steigen den westlichen Abhang des Berges hinab, das Thal des Liutsché vor uns. Ungefähr eine Stunde vor Mittag haben wir das dichte Matetegestrüpp erreicht, welches an beiden Ufern des Flusses wächst, waten durch den klaren Strom, kommen auf der andern Seite an, treten aus dem Dickicht hervor und die Gärten der Wadschidschi liegen vor uns, ein Wunder von Pflanzenreichthum. Einzelheiten entziehen sich meiner raschen, oberflächlichen Beobachtung. Ich bin von meinen eigenen Gemüthsbewegungen fast überwältigt, wie ich die anmuthigen Palmen, die netten grünen Gemüseplätze und kleinen, von schwarzen Mateterohr-Zäunen umgebenen Dörfer erblickte.

Rasch eilen wir weiter, damit nicht die Nachricht unserer Annäherung die Leute von Bunder-Udschidschi erreiche, ehe wir in Sicht und für sie bereit sind. Wir halten an einem kleinen Bach, dann steigen wir den langen Abhang einer nackten Hügelkette hinauf, die allerletzte der unzähligen, die wir überschritten haben. Diese allein hindert uns daran, den See in seiner ganzen gewaltigen Ausdehnung zu überblicken. Wir kommen auf dem Gipfel an, überschreiten denselben bis an seinen westlichen Rand und — halt ein, Leser! — der Hafen von Udschidschi liegt in Palmen gehüllt nur 500 Schritt von uns entfernt. In diesem grossen Augenblicke denken wir nicht mehr an die unzähligen Meilen, die wir marschirt, die zahllosen Berge, die wir erklettert, die vielen Wälder, die wir durchwandert haben; die Erinnerung an die Dickichte und Dschungels, die uns belästigt, die heissen Salzebenen, die uns die Füsse verbrannt, die glühende Sonne, die uns versengt hat, an alle Gefahren und Beschwerden, die jetzt glücklich hinter uns liegen, ist verschwunden! Endlich ist die grosse Stunde da! Unsere Träume, Hoffnungen und Ahnungen sind jetzt erfüllt! Unsere Herzen und Empfindungen liegen in den Augen, wie wir in die Palmen spähen und es versuchen zu errathen, in welcher Hütte, in welchem Hause der weisse Mann mit dem grauen Bart, von dem man uns am Malagarazi berichtet, wol wohnen mag.

„Entfaltet die Fahne und ladet die Gewehre!“

„Ay Wallah, ay Wallah, Bana!“ erwidern die Leute eifrig.

„Eins, zwei, drei, feuert!“

Ein Kleingewehrfeuer von fast funfzig Flinten brüllt wie ein Salutschuss von einer Artilleriebatterie. Wir werden die Wirkung desselben auf das friedlich aussehende Dorf da unten sofort sehen.

„Jetzt, Kirangozi, halte die Fahne des Weissen hoch und lass die Zanzibarer Flagge vor dem Nachtrab hergehen. Und Ihr, Leute, haltet Euch dicht aneinander und feuert weiter, bis wir auf dem Marktplatz oder vor dem Hause des Weissen stehen. Ihr habt mir oft gesagt, dass Ihr die Fische des Tanganika riechen könnt; ich kann es jetzt auch. Hier gibt es Fische und Bier und eine lange Rast für Euch. Marsch.“

Ehe wir 100 Schritt weiter gegangen waren, hatten unsere wiederholten Schüsse den gewünschten Erfolg. Wir hatten Udschidschi benachrichtigt, dass eine Karavane im Anzug sei, und man sah die Leute zu Hunderten uns entgegenströmen. Der blosse Anblick der Fahnen liess jedermann wissen, dass wir eine Karavane seien, doch erregte die von dem riesigen Asmani, der das Gesicht heute zu einem beständigen Lächeln verzog, hochgetragene amerikanische Flagge zuerst allgemeines Erstaunen. Viele der Leute aber, die sich jetzt uns näherten, erinnerten sich der Flagge, denn sie hatten sie über dem amerikanischen Consulat und vom Mast so manchen Schiffes im Hafen von Zanzibar wehen sehen und begrüssten sie alsbald mit den Rufen: „Bindera Kisungu!“ Die Flagge eines Weissen! „Bindera Merikani!“ Die amerikanische Flagge!

Dann umgaben sie uns, die Wadschidschi, Wanyamwezi, Wangwana, Warundi, Waguhha, Wamanyuema und Araber und machten uns fast taub mit ihrem Geschrei „Yambo, yambo, bana! yambo, bana! yambo, bana!“ da jeder einzelne meiner Leute in dieser Weise begrüsst wurde.

Noch befinden wir uns etwa 300 Schritt vom Dorfe Udschidschi und mich umgibt eine dichte Menge. Plötzlich höre ich eine Stimme zu meiner Rechten in englischer Sprache mir zurufen:

„Guten Morgen, mein Herr.“

Erstaunt darüber, diese Begrüssung inmitten einer solchen Menge Schwarzer zu hören, kehre ich mich rasch um, um den Mann zu betrachten und erblicke ihn an meiner Seite mit ganz schwarzem, aber belebtem, frohem Gesichte, in einem langen, weissen Hemd, einen Turban von amerikanischer Leinwand um das wollige Haupt gewunden, und frage ihn: „Ach wer sind Sie denn?“

„Ich bin Susi, der Diener von Dr. Livingstone,“ sagte er lachend und eine glänzende Reihe Zähne zeigend.

„Was? Ist Dr. Livingstone hier?“

„Ja wohl!“

„In diesem Dorfe?“

„Ja wohl!“

„Ganz bestimmt?“

„Ganz bestimmt. Ich habe ihn ja eben verlassen.“

„Guten Morgen, mein Herr!“ liess sich eine andere Stimme vernehmen.

„Halloh,“ sagte ich, „ist das noch einer?“

„Ja, mein Herr.“

„Wie heissen Sie denn?“

„Mein Name ist Dschumah.“

„Wie, sind Sie Dschumah, der Freund von Wekotani?“

„Ja wohl.“

„Und ist der Doctor gesund?“

„Nein. Er ist nicht sehr wohl.“

„Wo ist er so lange gewesen?“

„In Manyuema.“

„Nun, Susi, laufen Sie, um es dem Doctor mitzutheilen, dass ich komme.“

„Ja wohl, Herr!“ und wie ein Toller schnellte er davon.

Jetzt waren wir 200 Schritt von dem Dorfe entfernt. Die Menge wurde dichter und versperrte uns fast den Weg. Fahnen und Flaggen waren aufgehisst, Araber und Wangwana drängten sich durch die Eingeborenen, um uns zu begrüssen, denn nach ihrer Ansicht gehörten wir zu ihnen. Alle waren in höchstem Grade erstaunt und fragten: „Wie kommt Ihr von Unyanyembé?“

Bald kam Susi zurückgelaufen und fragte mich nach meinem Namen. Er hatte dem Doctor gesagt, dass ich im Anzuge sei, dieser aber war zu sehr erstaunt, um es zu glauben, und als er ihn um meinen Namen fragte, war Susi in Verlegenheit gerathen.

Während Susi’s Abwesenheit war dem Doctor jedoch die Nachricht zugekommen, dass es wirklich ein Weisser sei, dessen Flinten abgefeuert und dessen Fahnen zu sehen waren, und die grossen arabischen Magnaten von Udschidschi, Mohammed bin Sali, Sayd bin Madschid, Abid bin Suliman, Mohammed bin Gharib und andere hatten sich vor des Doctors Haus versammelt und dieser war aus seiner Veranda getreten, um die Sache zu besprechen und meine Ankunft zu erwarten.

Mittlerweile hatte die Spitze der Expedition halt gemacht; der Kirangozi war aus den Reihen ausgetreten, hielt seine Flagge hoch und Selim sagte mir: „Ich sehe den Doctor. Ach, was für ein alter Mann ist es! Er hat einen ganz weissen Bart.“ Und ich — was hätte ich nicht darum gegeben, einen Augenblick allein in der Wildniss sein zu können, um meiner Freude ungesehen in irgendeinem tollen Streiche Luft zu machen, um nur die Erregung, deren ich kaum Herr werden konnte, zu beschwichtigen. Rasch klopft mir das Herz; doch darf ich meine Empfindungen nicht durch einen Gesichtsausdruck verrathen, welcher der Würde Abbruch thun könnte, die ein Weisser unter solchen aussergewöhnlichen Umständen an den Tag legen muss.

Ich that also, was ich für das Würdigste hielt; stiess die Menge zurück und schritt, von hinten hervorkommend, durch eine lebendige Allee von Menschen, bis ich an den von Arabern gebildeten Halbkreis gelangte, an dem vorn der Weisse mit dem grauen Bart stand. Als ich langsam auf ihn zutrat, bemerkte ich, dass er blass und ermüdet aussah und einen grauen Bart hatte, eine bläuliche Mütze mit verschossenem goldenem Bande, eine Weste mit rothen Aermeln und ein paar graue Hosen trug. Ich wäre gern auf ihn zugelaufen; nur war ich in Gegenwart eines solchen Pöbelhaufens zu feig dazu. Ich wäre ihm gern um den Hals gefallen; nur wusste ich nicht, wie er, als Engländer, mich aufnehmen würde[3]. Ich that also, was Feigheit und falscher Stolz mir als das Beste anriethen, schritt bedächtig auf ihn zu, nahm meinen Hut ab und sagte:

„Dr. Livingstone, wie ich vermuthe.“

„Ja,“ sagte er mit freundlichem Lächeln, die Mütze leicht lüftend.

Ich setze meinen Hut wieder auf den Kopf, er seine Mütze, wir reichen uns herzlich die Hand und ich sage laut:

„Ich danke Gott, Doctor, dass es mir gestattet ist, Sie zu sehen.“

Er erwiderte: „Und ich bin dankbar, dass ich Sie hier begrüssen kann.“

Hierauf wende ich mich zu den Arabern, nehme als Antwort auf ihren Begrüssungs-Chorus von Yambos meine Kopfbedeckung ab und der Doctor stellt sie mir mit Namen vor. Dann kehren Livingstone und ich, die Menge und die Männer, die meine Gefahren mit mir getheilt haben, völlig vergessend zu seinem Tembé. Er weist auf die Veranda oder vielmehr den Lehm-Altan unter dem breiten überhängenden Dach hin und zeigt auf seinen eigenen Sitzplatz, dessen Construction ihm, wie ich sehe, sein Alter und die Kenntniss des Lebens in Afrika eingegeben hat, und der aus einer Strohmatte mit einem darüber gelegten Ziegenfell und noch einem andern Fell besteht, das an die Mauer genagelt ist, um seinen Rücken vor der Berührung mit dem kalten Lehm zu bewahren. Ich protestire dagegen, seinen Sitz einzunehmen, der ihm so sehr viel mehr ziemt als mir, der Doctor aber gibt nicht nach und ich muss ihn einnehmen.

Wir, der Doctor und ich, sitzen mit dem Rücken gegen die Wand. Die Araber setzen sich zur Linken. Mehr als tausend Eingeborene befinden sich vor uns und erfüllen dicht den ganzen Platz. Sie befriedigen ihre Neugierde und unterhalten sich über die Thatsache, dass zwei Weisse in Udschidschi zusammentreffen, der eine eben von Manyuema im Westen, der andere von Unyanyembé im Osten kommend.

Die Unterhaltung beginnt. Um was sie sich dreht, habe ich, offen gestanden, vergessen. Ach, wir richteten Fragen aneinander, wie folgende:

„Wie sind Sie hierhergekommen?“ und „Wo sind Sie die ganze lange Zeit über gewesen? Die Welt hat Sie für todt gehalten.“ Ja, so fing die Unterhaltung an; was der Doctor mir aber erzählt und was ich ihm gesagt, kann ich nicht genau wiedergeben, denn ich war damit beschäftigt, ihn anzublicken und den wunderbaren Mann, an dessen Seite ich jetzt in Central-Afrika sass, zu studiren. Jedes Haar seines Hauptes und Bartes, jede Runzel seines Gesichts, seine hagern Züge und etwas abgespanntes Aussehen brachte mir die Kunde, nach der ich mich immerwährend gesehnt, seitdem ich die Worte gehört: „Nehmen Sie, was Sie brauchen, aber — finden Sie Livingstone.“ Was ich da sah, war für mich eine Kunde von höchstem Interesse und ungeschminkte Wahrheit. Ich hörte und las zu gleicher Zeit. Was erzählten mir diese stummen Zeugen?

O Leser, wärest Du an dem Tage in Udschidschi an meiner Seite gewesen! Wie beredt hätte sich Dir das eigentliche Wesen der Mühen dieses Mannes offenbart! Wärest Du nur da gewesen, um ihn zu sehen und zu hören! Von seinen Lippen, die nie lügen, erfuhr ich die Einzelheiten derselben. Ich kann es nicht wiederholen, was er sagte, denn ich war zu sehr eingenommen, als dass ich mein Notizbuch hätte herausziehen und seine Erzählungen stenographiren können. Er hatte so viel zu erzählen, dass er mit dem Ende anfing und scheinbar die Thatsachen vergass, dass er über fünf bis sechs Jahre Rechenschaft abzulegen habe. Allmählich aber kam sein Bericht hervor, rasch nahm er grosse Verhältnisse an und wurde zu einer wunderbaren Geschichte von Thaten.

Die Araber erhoben sich mit einem Zartgefühl, das ich billigte, als ob sie instinctmässig wussten, dass wir uns selbst überlassen bleiben müssten. Ich schickte Bombay mit ihnen fort, damit er ihnen Nachrichten über den Stand der Angelegenheiten in Unyanyembé gebe, nach denen sie sich so sehr sehnten. Sayd bin Madschid war der Vater des tapfern jungen Mannes, den ich in Masange gesehen, der mit mir in Zimbizo gekämpft und von Mirambo’s Ruga-Ruga im Walde von Wilyankuru getödtet worden war; und da er wusste, dass ich dabei gewesen, wünschte er dringend die Geschichte des Kampfes zu hören; auch alle übrigen hatten Freunde in Unyanyembé, und natürlich erwarten sie sehnsüchtig Nachrichten über dieselben.

Nachdem ich Bombay und Asmani Befehl gegeben hatte, die Leute der Expedition mit Essen zu versehen, rief ich „Kaif-Halek“ oder „Wie geht es Ihnen?“ und stellte ihn Dr. Livingstone als einen der Soldaten vor, der die in Unyanyembé liegenden Güter zu hüten gehabt und den ich gezwungen hatte, mich nach Udschidschi zu begleiten, damit er persönlich seinem Herrn den Briefbeutel, den ihm Dr. Kirk anvertraut, übergeben könne. Dies war der berühmte mit dem Datum vom 1. November 1870 bezeichnete Beutel, der dem Doctor jetzt, 305 Tage, nachdem er Zanzibar verlassen, übergeben wurde. Wie lange wäre er wol noch in Unyanyembé geblieben, wenn ich nicht den grossen Reisenden in Central-Afrika aufgesucht hätte?

Der Doctor behielt seinen Briefbeutel auf den Knien, dann öffnete er ihn sofort, sah sich die Briefe, die in demselben enthalten waren, an und las ein paar von seinen Kindern, wobei sich sein Gesicht aufhellte.

Darauf bat er mich, ihm Nachrichten zu geben.

„Nein, Doctor,“ sagte ich, „lesen Sie erst Ihre Briefe, auf die Sie gewiss ungeduldig sind.“

„Ach,“ sagte er, „ich habe Jahre lang auf Briefe gewartet und habe Geduld gelernt. Da kann ich wirklich noch ein paar Stunden warten. Nein, erzählen Sie mir erst die allgemein interessanten Neuigkeiten. Was passirt in der Welt?“

„Vermuthlich wissen Sie schon, dass der Suezkanal zur Thatsache geworden, dass er eröffnet ist und jetzt ein regelmässiger Handel zwischen Europa und Indien durch denselben getrieben wird?“

„Ich habe von seiner Eröffnung nichts gehört. Das ist etwas Grossartiges. Nun, was noch?“

Bald darauf befand ich mich in der Rolle einer Jahreschronik ihm gegenüber. Ich brauchte nichts zu übertreiben oder ihm Sensationsnachrichten zu geben. Die Welt hatte in den letzten Jahren viel gesehen und erfahren. Die Pacific-Eisenbahn war vollendet worden; Grant war Präsident der Vereinigten Staaten geworden; Aegypten war von Gelehrten überflutet worden; die Revolution von Kreta war beendet; eine Revolution hatte Isabella vom spanischen Throne getrieben und einen Regenten an ihre Stelle gesetzt. General Prim war ermordet; Castelar hatte Europa mit seinen Fortschrittsideen über die Freiheit des Cultus electrisirt; Preussen hatte Dänemark gedemüthigt und Schleswig-Holstein annectirt und seine Armeen befanden sich jetzt um Paris. Der „Schicksalsmann“ war ein Gefangener in Wilhelmshöhe, die Königin der Mode und Kaiserin der Franzosen befand sich auf der Flucht und das im Purpur geborene Kind hatte auf immer die für sein Haupt bestimmte Kaiserkrone verloren. Die Napoleonische Dynastie war durch die Preussen, Bismarck und Moltke, vernichtet und das stolze Kaiserthum Frankreich in den Staub getreten.

Wozu hätte man diese Thatsachen noch zu übertreiben brauchen? Welch grosse Menge Nachrichten war das für jemand, der aus den Tiefen der Urwälder von Manyuema herauskam! Der Widerschein des glänzenden Lichtes der Civilisation strahlte auf Livingstone, als er sich verwundert eines der alleraufregendsten Blätter der Geschichte erzählen liess. Wie schwanden die kleinen Thaten der Barbaren vor diesen dahin. Wer konnte wissen, von welch neuen Sorgen und Unruhen Europa eben jetzt heimgesucht werde, wo wir, seine beiden vereinsamten Kinder, die Geschichte der letzten Ruhmesthaten und Leiden desselben besprachen. Würdiger hätte sie wol ein lyrischer Demodocus erzählt, doch spielte in Ermangelung des Dichters der Zeitungscorrespondent seine Rolle so gut und wahr als möglich.

Kurz nachdem die Araber fort waren, wurde uns von Sayd bin Madschid eine Schüssel heisser Fleischpasteten, von Mohammed bin Sali ein gewürztes Huhn, sowie von Muini Kheri eine Schüssel gekochtes Ziegenfleisch mit Reis zugeschickt. So kamen Geschenke von Nahrungsmitteln der Reihe nach an und wir machten uns ebenso rasch, wie sie gebracht wurden, an dieselben. Ich hatte eine gesunde, kräftige Verdauung und die Bewegung, die ich mir gemacht, hatte sie in guten Stand gesetzt; doch auch Livingstone, der sich darüber beklagt hatte, er habe keinen Appetit, sein Magen weise alles ausser einer Tasse Thee ab, ass wie ein kräftiger, hungriger Mann, und als er die Pfannkuchen mit mir um die Wette verzehrte, wiederholte er immer: „Sie haben mir neues Leben gebracht!“

„Wahrhaftig!“ sagte ich, „ich habe etwas vergessen. Rasch, Selim, bring uns die Flasche, Du weisst welche, und die silbernen Becher. Diese Flasche habe ich blos für diesen Fall mitgebracht, von dem ich hoffte, dass er eintreten werde, obgleich mir meine Hoffnung oft eitel erschienen ist.“

Selim wusste die Flasche Sillery-Champagner zu finden und kehrte bald damit zurück. Ich gab dem Doctor einen silbernen Becher, gefüllt mit dem erheiternden Weine und sagte, indem ich etwas davon in meinen Becher goss: „Dr. Livingstone, auf Ihr Wohl!“

„Auf das Ihrige!“ antwortete er, und der Champagner, den ich für dieses glückliche Zusammentreffen aufbewahrt, wurde mit herzlichsten gegenseitigen Segenswünschen getrunken.

Wir plauderten und plauderten weiter; den ganzen Nachmittag wurden uns allerlei Speisen zugetragen. Jedesmal, wenn neue kamen, assen wir weiter, bis ich vollständig gesättigt und auch Livingstone genöthigt war einzugestehen, dass er ebenfalls genügend habe. Dabei befand sich Halimah, Livingstone’s Köchin, in einem Zustande grosser Aufregung. Sie hatte nämlich den Kopf wiederholt zur Küche herausgesteckt, um sich zu überzeugen, dass wirklich zwei Weisse dort auf der Veranda sässen, wo sonst gewöhnlich nur einer sich befand, der nichts essen wollte oder konnte. Sie hatte gefürchtet, ihr Herr wisse ihre Kochkunst nicht genügend zu schätzen, war aber jetzt über die ungeheure Menge verzehrter Speisen sehr verwundert und zugleich entzückt. Wir hörten, wie sie mit grosser Zungenfertigkeit die erstaunte Menge, die vor der Küche hielt, mit ihren Neuigkeiten erbaute. Die gute, treue Seele! Während wir ihr lautes Geschwätz mit anhörten, berichtete der Doctor über ihre treuen Dienste und die furchtbare Angst, die sie an den Tag gelegt, als unsere Flinten zuerst die Ankunft eines zweiten Weissen in Udschidschi ankündigten. Er erzählte mir, wie sie im Zustande höchster Aufregung aus der Küche zu ihm und dann wieder auf den freien Platz gelaufen sei, die verschiedensten Fragen aufwerfend; wie sie über die spärliche Einrichtung ihrer Speisekammer, ihre dürftigen Vorräthe in Verzweiflung gerathen und besorgt gewesen sei, ihre Armuth durch glänzendes Auftreten zu verdecken und den Weissen durch eine Art Barmekidenfest zu begrüssen. „Ist er denn nicht einer der unsern?“ sagte sie. „Bringt er uns nicht viel Tuch und Perlen? Sprecht mir nur nicht von den Arabern! Wie kann man Araber mit Weissen vergleichen?“

Wir, Livingstone und ich, unterhielten uns über gar vieles, namentlich über seine unmittelbaren Sorgen und die Enttäuschung, die er bei seiner Ankunft in Udschidschi erlebt, als man ihm mittheilte, dass alle seine Waaren verkauft und er dadurch zum armen Mann geworden sei. Es waren nur noch etwa zwanzig Tücher von dem ganzen Vorrath übrig, den er dem Trunkenbold Scherif, dem Halbblutschneider, welchem der britische Consul die Güter anvertraut, in Verwahrung gegeben hatte. Ausserdem war er von einem Ruhranfall heimgesucht worden und befand sich in einem sehr beklagenswerthen Zustande. Er war noch keineswegs hergestellt, obgleich er heute gut gegessen hatte und sich schon kräftiger und besser zu fühlen begann.

Auch dieser für mich so glückliche Tag neigte sich schliesslich, wie alle andern, seinem Ende zu. Wir sassen mit unsern Gesichtern gen Osten gewandt, wie Livingstone es Tage lang vor meiner Ankunft gethan, und beobachteten die dunkeln Schatten, welche über dem Palmenhain jenseits des Dorfes und dem Wall von Bergen, den wir an jenem Tage überstiegen, daherzogen und diese jetzt rasch in der Dunkelheit verschwinden liessen. Wir lauschten mit dankbarem Herzen gegen den grossen Geber alles Glücks und Segens, dem lauten Donner der Wasser des Tanganika und dem Chor der Nachtinsekten. So vergingen die Stunden und wir sassen noch immer mit den merkwürdigen Ereignissen des Tages beschäftigt, als es mir einfiel, dass der Reisende seine Briefe noch nicht gelesen habe.

„Doctor,“ sagte ich, „Sie würden wol besser daran thun, Ihre Briefe zu lesen. Ich will Sie nicht länger aufhalten.“

„Ja,“ erwiderte er, „es wird spät und ich will meine Briefe lesen. Gute Nacht! Gott segne Sie!“

„Gute Nacht, mein theurer Doctor, und lassen Sie mich hoffen, dass die Nachrichten, welche Sie bekommen, Ihnen recht erwünscht sein mögen.“

Und jetzt, theurer Leser, nachdem ich Dir in kurzem berichtet, „wie ich Livingstone fand“, sage ich auch Dir „Gute Nacht.“

[1] 4 Fundo = 40 Halsbänder, 1 Fundo = 10 Halsbänder.

[2] Halsbänder.

[3] „Dieser Engländer war, wie ich später fand, ein Militär, welcher aus Indien in seine Heimat zurückkehrte und die Wüste hier durchzog, um nach Palästina zu kommen. Ich meinerseits war ziemlich direct aus England gekommen und wir sahen uns hier in der Wüste ungefähr auf dem halben Wege von unsern Ausgangspunkten. Als wir uns einander näherten, entstand die Frage, ob wir uns anreden sollten. Ich hielt es für wahrscheinlich, dass der Fremde mich anreden könne und wenn er das thäte, war ich ganz bereit, so gemüthlich und gesprächig zu sein, als es meine Natur erlaubte. Trotzdem fiel mir nichts besonderes ein, was ich ihm zu sagen hätte. Natürlich entschuldigt unter civilisirten Leuten dieser Umstand das Schweigen nicht; ich war aber scheu und träge und hatte keine grosse Lust, anzuhalten und mitten in diesen weiten Einöden wie bei einer Visite Conversation zu machen. Der Reisende mochte wol ähnliche Empfindungen durchmachen, denn mit Ausnahme einer stummen Begrüssung, die im Heben der Hand an die Mütze und höflichem Armschwenken bestand, gingen wir aneinander vorbei, als ob wir uns mitten in London befänden.“

KINGLAKES Eothen.