UNSER HAUS IN UDSCHIDSCHI.

ZWÖLFTES KAPITEL.
UMGANG MIT LIVINGSTONE IN UDSCHIDSCHI.

Auszug aus meinen Notizen über Livingstone’s Reisen.

„Wenn uns Liebe eint, so wird unser Verkehr unbeschreiblich schön und nutzbringend sein; wenn nicht, so ist die Zeit verloren und Ihr werdet mich nur peinigen. Ich werde Euch albern erscheinen und der Ruf, den ich habe, falsch. Alles Gute in mir ist magnetischer Natur und ich erziehe nicht durch Unterricht, sondern dadurch, dass ich meinem eigenen Berufe nachgehe.“

EMERSONS Representative Men.

Früh am nächsten Morgen fuhr ich plötzlich aus dem Schlaf empor. Das Zimmer kam mir fremd vor. Es war ein Haus und nicht mein Zelt. Ach ja! Jetzt erinnerte ich mich, dass ich Livingstone aufgefunden und mich in seinem Hause befände. Ich horchte, damit das in mir erwachende Bewusstsein durch den Ton seiner Stimme bestätigt werde, hörte aber nichts als das dumpfe Tosen der Wasser.

Ruhig lag ich im Bett; ja, in einem wirklichen Bett; wenn es auch nur ein sehr einfaches vierbeiniges Gestell war, worauf Palmblätter anstatt Daunen ausgebreitet lagen und Pferdehaar nebst meinem Bärenfell die Stelle von Linnen vertraten. Ich fing damit an, mich einer strengen Geistesprüfung zu unterziehen und mir meine Stellung klar zu machen. Wozu wurde ich ausgeschickt? Um Livingstone zu finden. Hast du ihn gefunden? Ja natürlich, bin ich nicht in seinem Hause? Wessen Kompass hängt dort an dem Holznagel, wessen Kleider, wessen Stiefeln sind das? Wer liest diese Zeitungen, diese Nummern der Saturday-Review und des Punch, welche hier auf der Diele liegen? Gut. Was willst du also jetzt thun? Ich werde ihm morgen mittheilen, wer mich abgesandt hat, was mich hergebracht hat. Dann werde ich ihn bitten, einen Brief an Herrn Bennett zu schreiben und ihm soviel neues über sich mitzutheilen, als er Lust hat. Ich bin ja nicht hierher gekommen, um ihn auszuhorchen, sondern es genügt mir, dass ich ihn aufgefunden habe. Insoweit ist mein Erfolg vollständig, doch würde er noch glänzender sein, wenn Livingstone mir Briefe für Herrn Bennett und eine Anerkenntniss darüber gibt, dass er mich gesehen hat. Ob er das thun wird? Warum nicht? Ich bin hergekommen, um ihm einen Dienst zu erweisen; er hat weder Waaren noch Leute mehr, wol aber ich. Wenn ich ihm eine Freundlichkeit erweise, wird er sie mir nicht erwidern? Was sagt der Dichter?

„Und hoffe nur, dass der ein Freund Dir werde,
Dem selber Du ein Freund geworden bist.
Dass man die Freundschaft liebt, doch Opfer scheut,
Macht’s, dass auf Erden Freunde selten sind.“

Ich habe mir seine freundschaftlichen Gesinnungen dadurch erkauft, dass ich soweit gekommen bin, um ihm zu dienen, und glaube nach dem, was ich gestern Abend von ihm gesehen, dass er durchaus nicht so ungünstig und misanthropisch gesinnt ist, wie mir jener Mann gesagt, der ihn zu kennen behauptete. Trotz seiner einsilbigen Begrüssung hat er, als er mir die Hand reichte, einen bedeutenden Grad von Gemüthsbewegung an den Tag gelegt; auch ist er ja gar nicht fortgelaufen, wie man es mir vorher verkündet; freilich vielleicht nur, weil er keine Zeit dazu hatte. Dennoch, wenn er seiner Natur nach sich dadurch belästigt gefühlt hätte, dass jemand gekommen, um ihn aufzusuchen, so würde er mich nicht so empfangen, wie er es gethan, oder gar ersucht haben, bei ihm zu wohnen, sondern mich griesgrämig meiner Wege geschickt haben. Auch hat er nichts gegen meine Nationalität, denn er hat gesagt: „Hier sind Amerikaner und Engländer ganz gleich, wir sprechen dieselbe Sprache und haben dieselben Ideen.“ „Gewiss, Doctor, da stimme ich mit Ihnen überein; hier wenigstens sollen Amerikaner und Engländer Brüder sein, und was ich für Sie thun kann, soll geschehen. Sie können also über mich so frei verfügen, als ob ich Fleisch von Ihrem Fleisch, Bein von Ihrem Bein wäre.“

Ich kleidete mich rasch an mit der Absicht, dem Tanganika entlang zu wandeln, ehe der Doctor aufgestanden sei, öffnete die Thüre, die schrecklich in ihren Angeln knarrte, und spazierte auf die Veranda.

„Ah, Herr Doctor, Sie sind schon auf? Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.“

„Guten Morgen, Herr Stanley. Es freut mich, Sie zu sehen; hoffentlich haben Sie gut geschlafen. Ich war gestern noch spät mit dem Lesen meiner Briefe beschäftigt. Sie haben mir gute und schlechte Nachrichten gebracht. Nehmen Sie aber doch Platz.“ Er machte mir an seiner Seite Platz. „Ja! Viele meiner Freunde sind todt. Meinen ältesten Sohn, d. h. meinen Sohn Thomas, hat ein schweres Unglück betroffen. Mein zweiter Sohn Oswald studirt auf der Universität Medicin und es geht ihm gut, wie ich höre. Meine älteste Tochter Agnes hat sich in einer Jacht mit «Sir Paraffine» Young und seiner Familie amüsirt. Sir Roderick ist auch wohl und drückt die Hoffnung aus, mich bald wiederzusehen. Sie haben mir einen ganzen Sack Briefe mitgebracht.“

Der Mann war also durchaus kein Gespenst und die Scenen des gestrigen Tages gehörten nicht der Traumwelt an. Ich blickte ihn aufmerksam an, denn dadurch versicherte ich mich, dass er nicht fortgelaufen sei, was ich auf dem ganzen Wege nach Udschidschi beständig fürchtete.

„Nun Herr Doctor“, sagte ich, „Sie wundern sich wol, warum ich hierher gekommen bin?“

„Freilich“, sagte er, „habe ich mich darüber gewundert. Ich glaubte zuerst, Sie seien ein Abgesandter der französischen Regierung an Stelle des Lieutenants Le Saint, der einige Meilen jenseits Gondokoro verstorben ist. Ich hörte, Sie hätten Boote, viele Leute und Vorräthe bei sich und glaubte wirklich, Sie seien ein französischer Officier, bis ich die amerikanische Flagge erblickte, und, Ihnen die Wahrheit zu sagen, es freut mich eigentlich, dass es so ist, denn ich hätte mich mit jenem auf Französisch nicht unterhalten können, und wenn er nicht Englisch verstand, so hätten wir ein schönes Paar Weisser in Udschidschi abgegeben. Gestern wollte ich Sie nicht danach fragen, weil es mich eigentlich nichts anging.“

„Ja“, sagte ich lachend, „um Ihretwillen freut es mich, dass ich ein Amerikaner und kein Franzose bin und dass wir einander vollständig ohne Dolmetscher verstehen können. Ich sehe, die Araber wundern sich, dass Sie, ein Engländer, und ich, ein Amerikaner, uns gegenseitig verstehen. Wir müssen uns hüten, ihnen mitzutheilen, dass die Engländer und Amerikaner sich bekämpft haben, dass es noch Alabama-Forderungen gibt und dass wir Leute wie die Fenier in Amerika haben, die Sie hassen. Doch im Ernst, Doctor, erschrecken Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, dass ich gekommen bin, um Sie zu suchen.“

„Um mich zu suchen?“

„Ja wohl.“

„Wie so?“

„Nun, Sie haben doch wol vom «New York Herald» gehört?“

„Oh gewiss. Wer hätte von dieser Zeitung nicht gehört!“

„St! Herr James Gordon Bennett, der Sohn von Herrn James Gordon Bennett, des Besitzers des «Herald», hat ohne seines Vaters Wissen und Genehmigung mich beauftragt, Sie aufzusuchen, mir so viele Nachrichten, als Sie mir über Ihre Entdeckungen geben wollen, von Ihnen zu verschaffen und Sie möglichst mit Mitteln zu unterstützen.“

„Wie? Der junge Herr Bennett hat Sie beauftragt, mir nachzureisen, mich aufzusuchen und mir zu helfen! — Dann ist es freilich kein Wunder, dass Sie Herrn Bennett gestern Abend so sehr gelobt haben.“

„Ja, ich kenne ihn und bin stolz darauf, sagen zu können, dass er durchaus so ist, wie ich ihn geschildert habe, nämlich ein eifriger, grossmüthiger, aufrichtiger Mann.“

„Nun, ich bin ihm in der That sehr zu Dank verpflichtet und es macht mich stolz, wenn ich daran denke, dass Ihr Amerikaner soviel auf mich haltet. Sie sind gerade zur rechten Zeit angekommen, denn ich fing schon an zu glauben, ich müsse die Araber anbetteln. Selbst diesen fehlt es an Zeug; auch gibt es nur wenig Perlen in Udschidschi. Dieser Kerl, der Scherif, hat mich vollständig ausgeplündert. Ich wünschte, ich könnte Herrn Bennett in passenden Worten meinen Dank ausdrücken; sollte mir das aber nicht gelingen, so bitte ich Sie, halten Sie mich darum nicht für weniger dankbar.“

„Und jetzt, Doctor, da wir diese kleine Angelegenheit abgemacht haben, soll uns Feradschi das Frühstück bringen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Sie haben mir Appetit gebracht,“ sagte er. „Halimah ist meine Köchin, aber sie kennt nicht einmal den Unterschied zwischen Thee und Kaffee.“

Der Koch Feradschi war, wie gewöhnlich, mit trefflichem Thee und einem Gericht dampfender Kuchen, welche der Doctor „Dampers“ nannte, zur Hand. Ich habe mir nie viel aus dieser Art Pfannkuchen gemacht, für Livingstone waren sie aber erwünscht, da er durch die harte Kost in Lunda fast alle Zähne verloren hatte. Dort war er genöthigt gewesen, von grünen Maisähren zu leben. Es gab nämlich in jenem District kein Fleisch und die Anstrengung, an den Kornähren zu nagen, hatte ihm sämmtliche Zähne gelockert. Ich meinerseits zog die harten virginischen, aus Korn gebackenen „Scones“ vor, die meiner Ansicht nach das schmackhafteste Brod abgeben, das man in Central-Afrika haben kann.

Livingstone sagte, er habe mich schon für einen sehr üppigen reichen Mann gehalten, als er meine grosse Badewanne erblickte, die mir einer meiner Leute nachtrug; heute aber halte er mich für noch üppiger, als meine Gabeln, Messer, Schüsseln und Tassen, silberne Löffel und silberne Theekanne herrlich glänzend auf dem reichen persischen Teppich ausgebreitet wurden und ich, wie er sah, durch meine gelben und schwarzen Mercure gut bedient wurde.

Das war der Anfang meines Lebens in Udschidschi. Ich hatte Livingstone vor meiner Ankunft nicht persönlich gekannt; früher war er mir nur ein Gegenstand, ein grosser Artikel für eine Tageszeitung, wie die meisten Dinge, an welchen das nach Neuigkeiten gierige Publikum Freude hat. Ich hatte Schlachtfelder besucht; Revolutionen, Bürgerkriege, Aufstände, Emeuten und Metzeleien mit angesehen; ich hatte nahe bei dem verurtheilten Mörder gestanden, um über seine letzten Kämpfe und Seufzer Bericht zu erstatten; niemals aber war es meine Aufgabe gewesen, über irgendetwas Bericht zu erstatten, das mich so sehr bewegt hätte wie die grossen Leiden, Entbehrungen und Widerwärtigkeiten dieses Mannes, die ich jetzt in ihrem ganzen Umfange erfuhr. Ich fing wahrhaftig an einzusehen, dass „die Götter oben die Angelegenheiten der Menschen mit gerechten Augen überwachen“ und die Hand einer alles beherrschenden gütigen Vorsehung zu erkennen.

Das Folgende sind Thatsachen, die wohl überlegt sein wollen. Ich hatte an einem Tage des October 1869 den Auftrag bekommen, Livingstone aufzusuchen. Herr Bennett hatte das Geld bereit liegen und ich war reisefertig. Doch möge der Leser wohl darauf achten, dass ich nicht sofort meine Expedition antrat. Ich hatte noch viele Aufgaben zu erfüllen und viele tausend Meilen zu reisen, ehe ich dazu kam. Gesetzt nun, ich wäre von Paris direct nach Zanzibar gegangen, so hätte ich mich sieben bis acht Monate nach meiner Ankunft daselbst zwar in Udschidschi befunden, Livingstone wäre aber dort nicht aufgefunden worden; denn er war damals auf dem Lualaba und ich hätte ihm durch die Urwälder von Manyuema, auf unwegsamen Pfaden und längs des krummen Laufs des Lualaba Hunderte von Meilen folgen müssen. Die Zeit, die ich dazu brauchte, um den Nil hinauf, nach Jerusalem, Konstantinopel, Süd-Russland, dem Kaukasus und Persien zu reisen, benutzte Livingstone zu fruchtbaren Entdeckungen im Westen des Tanganika. Man bedenke ferner, dass ich in der letzten Hälfte des Juni in Unyanyembé ankam und daselbst drei Monate lang durch einen Krieg aufgehalten, ein unzufriedenes, ungeduldiges, ärgerliches Leben führte. Während ich mich aber so abärgerte und durch eine Reihe von Zufälligkeiten aufgehalten wurde, war Livingstone in demselben Monat gezwungen, nach Udschidschi zurückzukehren. Er brauchte die Zeit vom Juni bis zum October, um nach Udschidschi zu gelangen. Und im September befreite ich mich von der Knechtschaft, in welche mich der Zufall gebannt hatte, und eilte südlich nach Ukonongo, dann westlich nach Kawendi, darauf nördlich nach Uvinza und schliesslich wieder westlich nach Udschidschi, wo ich ungefähr drei Wochen nach Livingstone ankam, um ihn hier unter der Veranda seines Hauses ruhend und sehnsüchtig nach Osten blickend zu finden, nach der Weltgegend, wo ich herkam. Wäre ich direct von Paris abgegangen, um ihn aufzusuchen, so hätte ich ihn vielleicht nicht aufgefunden und dasselbe hätte leicht der Fall sein können, wenn ich im Stande gewesen wäre, direct von Unyanyembé nach Udschidschi zu ziehen.

Unter den Palmen von Udschidschi kamen und gingen die Tage friedlich und glücklich. Mein Gefährte nahm an Gesundheit und guter Laune zu. Ihm war das Leben wiedergegeben, die schwindende Lebenskraft wiederhergestellt worden; der Enthusiasmus für seine Aufgabe erreichte allmählich wieder die Höhe, die ihn zu dem Wunsche zwang, wieder im Stande zu sein, etwas zu leisten. Was konnte er aber mit fünf Menschen und 15 bis 20 Stück Zeug thun?

„Haben Sie das nördliche Ende des Tanganika gesehen?“ fragte ich ihn eines Tages.

„Nein. Ich habe es versucht dahin zu gehen, doch thaten die Wadschidschi alles mögliche, um mich auszuziehen, wie sie es mit Burton und Speke gethan, und ich hatte nicht viel Zeug. Wäre ich an das Ende des Tanganika gegangen, so hätte ich nicht nach Manyuema ziehen können, und das mittlere Wassersystem ist das wichtigste, und das ist der Lualaba. Dem gegenüber ist die Frage, ob es eine Verbindung zwischen dem Tanganika und dem Albert-Nyanza gibt, höchst unbedeutend. Das grosse Flusssystem ist der Fluss, welcher vom elften Grad südlicher Breite abfliesst, den ich sieben Grad nach Norden hin verfolgt habe. Der Chambezi, wie er an seinem südlichen Ende heisst, entwässert einen grossen Landstrich, der südlich von der südlichsten Quelle des Tanganika liegt; deshalb muss er der wichtigste sein. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass dieser See der obere Tanganika, und der Albert-Nyanza Baker’s der untere Tanganika ist, welche durch einen Fluss verbunden werden, der vom obern in den untern läuft. Das ist meine Meinung, welche sich auf arabische Berichte und einen Versuch gründet, den ich mit Wasserpflanzen über seinen Verlauf angestellt habe. Doch habe ich eigentlich nie viel darüber nachgedacht.“

„Nun, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Doctor, so würde ich, ehe ich Udschidschi verliess, das untersuchen und die Zweifel über diesen Gegenstand lösen für den Fall, dass Sie, nachdem Sie hier fortgezogen, nicht wieder auf demselben Wege zurückkehren. Die Geographische Gesellschaft legt viel Gewicht auf diese vermeintliche Verbindung und erklärt, Sie wären der einzige Mann, der die Frage lösen kann. Wenn ich Ihnen dabei von Nutzen sein kann, so haben Sie über mich zu befehlen. Obgleich ich nicht als Forscher nach Afrika gekommen, so bin ich doch in Bezug hierauf ziemlich wissbegierig und würde Sie sehr gern begleiten. Ich habe ungefähr zwanzig Leute bei mir, die zu rudern verstehen; auch haben wir hinreichend viel Gewehre, Zeuge und Perlen. Wenn wir also von den Arabern ein Boot bekommen können, so lässt sich die Sache leicht machen.“

„O ja, wir können ein Canoe von Sayd bin Madschid bekommen. Dieser Mann ist sehr freundlich gegen mich gewesen und wenn es einen arabischen Gentleman gibt, so ist er es.“

„Dann ist es also abgemacht, dass wir gehen?“

„Ja! ich bin dazu bereit, sobald Sie es sind.“

„Ich stehe zu Ihren Befehlen. Hören Sie denn nicht, dass meine Leute Sie den “grossen Herrn„ und mich den “kleinen Herrn„ nennen? Es würde sich doch nicht passen, dass der kleine Herr befiehlt.“

Jetzt fing ich an Livingstone zu kennen. Ich behaupte, dass niemand in seiner Gesellschaft sein kann, ohne ihn vollständig zu ergründen, denn es ist kein Falsch in ihm und wie er äusserlich erscheint, so ist auch sein Inneres beschaffen. Ich hoffe, dass ich in meiner Skizze seines Charakters und seiner Entdeckungen niemand beleidige; denn ich gebe einfach meine Meinung über den Mann, wie ich ihn gesehen und erkannt habe, nicht wie er sich selbst darstellt oder wie man ihn mir geschildert hat. Ich habe vom 10. November 1871 bis zum 14. März 1872 mit ihm zusammen gelebt, sein Leben im Lager und auf dem Marsche beobachtet und empfinde für ihn unbedingte Bewunderung. Das Lager ist der beste Ort, um die Schwächen eines Menschen an den Tag zu bringen, denn hier entwickelt er bestimmt, wenn er launig oder querköpfig ist, seine Sonderbarkeiten und schwachen Seiten. Ich halte es jedoch für möglich, dass Livingstone die Gesellschaft eines nicht passenden Genossen lästig geworden wäre. Ich weiss wenigstens, dass mir das sehr leicht widerfahren kann, wenn jemand einen so schroffen Charakter hat, dass es unmöglich ist, mit ihm zu reisen. Ich habe Leute gesehen, in deren Gesellschaft ich mich so geknechtet fühlte, dass es eine Pflicht der Selbstachtung war, mich sobald wie möglich von ihnen zu befreien, wo ich es empfand, dass wir durchaus nicht zueinanderpassten und dass meine Natur sich der ihrigen nie assimiliren könnte. Livingstone’s Charakter hingegen ist so, dass ich ihn verehren muss. Er hat meine ganze Begeisterung und nichts als die aufrichtigste Bewunderung hervorgerufen.

Dr. Livingstone ist ungefähr 60 Jahre alt, erschien jedoch, nachdem er völlig wiederhergestellt war, mehr wie ein Mann, der sein funfzigstes Jahr noch nicht überschritten hat. Sein Haar ist noch von bräunlicher Farbe, hier und da jedoch an den Schläfen mit etwas grau gemischt. Backen- und Schnurrbart sind sehr grau; die Augen nussbraun und ausserordentlich klar; er sieht so scharf wie ein Habicht. Nur die Zähne zeigen die Schwäche des Alters an, denn die harte Kost in Lunda hat in ihren Reihen Verheerungen angerichtet. Seine Gestalt, die bald etwas an Corpulenz gewann, ist ein wenig mehr als mittelgross und etwas gekrümmt. Wenn er geht hat er einen festen, aber schweren Tritt, der dem eines überangestrengten oder ermüdeten Mannes gleicht. Gewöhnlich trägt er eine Matrosenmütze mit grossem runden Schirm, an dem man ihn in ganz Afrika wiedererkannt hat. Seine Kleidung zeigte, als ich ihn zuerst sah, Spuren von Flickereien und Ausbesserungen, war aber pedantisch reinlich.

Man hatte mich zu dem Glauben verleitet, dass Livingstone einen menschenfeindlichen, griesgrämigen Charakter habe. Einige haben behauptet, er sei geschwätzig; andere, er sei geistig gestört und ganz anders geworden als der David Livingstone, den man als Missionär verehrt habe; er zeichne nur Notizen und Beobachtungen auf, die kein anderer als er selbst lesen könne; und ehe ich nach Central-Afrika kam, hiess es, er sei mit einer afrikanischen Prinzessin verheirathet.

Alle diese Behauptungen muss ich entschieden in Abrede stellen. Ich gebe zu, dass er kein Engel ist, doch nähert er sich einem solchen Wesen so sehr, als die Natur eines lebenden Menschen es gestattet. Nie habe ich eine Spur von Menschenfeindlichkeit oder Hypochondrie an ihm bemerkt, und was die Geschwätzigkeit betrifft, so ist Dr. Livingstone gerade das Gegentheil; er ist im höchsten Grade reservirt, und demjenigen, welcher behauptet, Dr. Livingstone habe sich verändert, kann ich nur erwidern, dass er ihn nie gekannt, denn es ist notorisch, dass Livingstone einen Fond von ruhigem Humor besitzt, den er zu jeder Zeit in Gesellschaft von Freunden an den Tag legt. Auch muss ich mir die Freiheit nehmen den Herrn zu rectificiren, der mir gesagt, Livingstone schreibe sich weder Notizen noch Beobachtungen auf. Das grosse Tagebuch, das ich seiner Tochter mitbrachte, ist voll von Bemerkungen und enthält nicht weniger als zwanzig Bogen voll Beobachtungen, die er blos während seiner letzten Reise nach Manyuema gemacht hat. In der Mitte des Buches ist ein Bogen nach dem andern, eine Spalte nach der andern sorgfältig nur mit Zahlen beschrieben. Auch enthält ein grosser Brief, den ich von ihm zur Beförderung an Sir Thomas MacLear erhalten habe, nichts als Beobachtungen. Während der vier Monate, die ich mit ihm zusammen war, habe ich es jeden Abend gesehen, wie er sorgfältig Aufzeichnungen machte. Ein grosser Blechkasten, den er mit sich führt, enthält zahllose Notizbücher, deren Inhalt, wie ich glaube, noch einmal an das Tageslicht kommen wird. Auch seine Karten bekunden viel Sorgfalt und Fleiss. Was das Gerücht über seine afrikanische Heirath betrifft, so ist es überflüssig mehr darüber zu sagen, als dass es unwahr ist, da es ganz unter der Würde eines Gentleman ist, so etwas in Verbindung mit dem Namen Livingstone auch nur anzudeuten.

Man kann jeden Zug in Dr. Livingstone’s Charakter sorgfältig analysiren und es wird kein Mensch daran etwas auszusetzen finden. Er ist, wie ich weiss, empfindlich, doch ist das mancher Mann von grossem Geist und edlem Charakter. Namentlich ist er darüber empfindlich, wenn man an ihm zweifelt oder kritisirt. Wer bezweifelt ihn aber auch? Das thun nur stubenhockende Geographen, nicht aber die angestrengt thätigen Reisenden, die zu hunderten auf der Liste der Königl. Geographischen Gesellschaft stehen. Ich habe nicht gefunden, dass ein Richard Burton oder Winwood Reade ihn kritisiren, und es kann einem Manne, der soviel Mühe und Fleiss daran gewandt hat, nicht angenehm sein, wenn seine Karten und Beobachtungen nach den Launen unverantwortlicher Leute abgeändert werden. Livingstone kann in seinen Schlüssen in Bezug auf manche Dinge im Irrthum sein, doch kann ihn ein Geograph, der zu Hause bleibt, nur corrigiren, wenn er Daten von Leuten erhalten hat, welche dieselbe Gegend erforscht haben. Weder Francis Galton noch Dr. Beke können durch gelehrte Ueberzeugungen die Nichtexistenz des Tanganika-Sees beweisen, denn vier Reisende haben ihn gesehen und darüber Bericht erstattet. Weder Francis Galton noch Dr. Beke können dem Oberst Grant beweisen, dass ein Strom wie der Victoria-Nil nicht existirt. Und doch, wieviel hat der Oberst Grant von diesem Fluss, diesem Strom gesehen? Noch keine funfzig Meilen. Da er ihn aber nach Norden und Nordwesten hat fliessen sehen, glaubte er aufrichtig und ehrlich, dass es derselbe Fluss ist, den er an Gondokoro hat vorbeifliessen sehen. So ist auch Livingstone der Meinung, nachdem er den Chambezi, Luapula und Lualaba über sieben Breitengrade verfolgt und ihn immer noch nach Norden hat fliessen sehen, auch von den Eingeborenen gehört hat, dass ein grosser See sich nördlich von dem Punkt befindet, auf dem er auf seinem gewaltigen Marsche nach Norden halt machte, als er dem Lauf des mächtigen Lualaba folgte — dass dieser Lualaba nichts anders als der Nil ist. Hat er denn nicht ein Recht dazu, sich dadurch gekränkt zu fühlen, dass stubenhockerische Geographen eine grosse, über drei Breitengrade sich erstreckende Gebirgskette hinzeichnen, nur um durch diese schwarze, düster aussehende Linie zu beweisen, „dass er die Zeit über mit dem Kopfe gegen eine Steinmauer gerannt sei?“ Livingstone versteht es trotz all seiner Kenntniss des geheimnissvollen Afrika noch nicht, ein Gebirge zu fabriciren; er ist zu einfach, um es zu unternehmen, das Aussehen der Natur nach einer beliebigen Methode, die nur gemüthlich zu Hause bleibenden Geographen bekannt ist, umzuwandeln.[4]

Ich habe viele liebenswürdige Züge an Livingstone gefunden. Seine Sanftmuth verlässt ihn niemals; ebenso wenig wie sein hoffnungsvolles Wesen. Weder aufreibende Sorten, noch Beunruhigungen des Geistes, noch lange Trennung von Haus und Familie kann ihn zum Klagen bringen. Er glaubt, alles wird schliesslich doch gut, denn er hat einen festen Glauben an die Güte der Vorsehung. Er ist, als Spielball unglücklicher Verhältnisse und der elenden Menschen, die ihm von Zanzibar zugeschickt worden, getäuscht und fast bis zu Tode gequält worden; dennoch will er die Aufgabe, die ihm sein Freund Sir Roderick Murchison gestellt hat, nicht im Stiche lassen. Den strengen Vorschriften der Pflicht allein hat er Heimat und Bequemlichkeit, Vergnügungen und Genüsse des civilisirten Lebens geopfert und hat mit dem Heldenmuthe des Spartaners, der Unbeugsamkeit des Römers, der ausdauernden Entschlossenheit des Angelsachsen niemals seine Aufgabe hintangesetzt, wenn sich auch sein Herz nach Hause sehnt, sondern er will seinen Obliegenheiten nachkommen, bis er Finis unter sein Werk setzen kann.

Livingstone hat eine liebenswürdige Ungezwungenheit, die ich zu würdigen verstand. So oft er zu lachen anfing war das so ansteckend, dass ich es ihm nachthun musste. Es war ein Lachen wie das des „Herrn Teufelsdröck“, das den ganzen Menschen vom Kopf bis zur Zehe erschüttert. Wenn er eine Geschichte erzählte, so geschah das in einer Weise, dass man von der Wahrheit derselben überzeugt wurde. Dabei war sein Gesicht von der überraschenden Komik der Geschichte so verklärt, dass ich bestimmt wusste, sie sei erzählens- und hörenswerth.

Die hagern Züge, welche mich bei unserer ersten Zusammenkunft erschreckt hatten, der schwere Tritt, der von Alter und anstrengenden Reisen sprach, der graue Bart und die leichte Beugung seines Körpers gaben ein ganz falsches Bild von dem Manne. Unter diesem abstrapazirten Aeussern lag ein unendlicher Fond von Lustigkeit und unerschöpflichem Humor; sein rauhes Aeussere schloss ein jugendliches, übersprudelndes Gemüth in sich. Jeden Tag bekam ich unzählige Scherze, reizende Anekdoten und interessante Jagdgeschichten zu hören, in denen seine Freunde Oswell, Webb, Vardon und Gordon Cumming immer die Haupthelden waren. Im Anfang wusste ich nicht bestimmt, ob nicht diese Jovialität, dieser Humor und übersprudelnde Witz das Resultat einer nervösen Aufgeregtheit sei; da ich aber fand, dass sie solange vorhielten als ich bei ihm war, so muss ich sie für normal halten.

Noch ein Punkt, der meine Aufmerksamkeit besonders auf sich zog, war sein wunderbares Gedächtniss. Wenn man an die vielen Jahre denkt, die er in Afrika ohne Bücher zugebracht hat, so kann man es wol als ein ungewöhnliches Gedächtniss betrachten, dass er ganze Gedichte aus Byron, Burns, Tennyson, Longfellow, Whittier und Lowell hersagen kann. Der Grund hierzu liegt wol in der Thatsache, dass er ein fast ausschliesslich innerliches Leben geführt hat. Zimmermann, der die Natur des Menschen gründlich studirt hat, sagt in dieser Beziehung: „So erinnert man sich auch leicht an alles, was man gelesen, gehört, gethan, erfahren und gedacht hat. Jeder Blick ins Stille erzeugt dann neue Gedanken und gewährt dem Geiste die reinsten Vergnügungen. Man schaut zurück auf das Vergangene, schaut vor sich hin auf die Zukunft und vergisst auch wol Vergangenheit und Zukunft bei dem Genüsse seines gegenwärtigen Glücks.“ (J. G. Zimmermann, Ueber die Einsamkeit. Leipzig, 1785.) Er hat ganz in einer innerlichen Welt gelebt, aus der er selten erwachte, ausser um sich dem zuzuwenden, was für ihn und seine Leute unmittelbar praktisch nothwendig war. Dann verfiel er wieder in dieselbe glückliche innere Welt, die er mit seinen eigenen Freunden, Verwandten, Bekannten, mit ihm vertrauter Lektüre, Gedanken und Ideenassociationen so bevölkert hat, dass seine eigene Welt überall, wie seine Umgebung auch beschaffen sein mochte, für seinen gebildeten Geist mehr Anziehendes als die äussere Umgebung besass.

Die Charakteristik von Dr. Livingstone würde nicht vollständig sein, wenn wir nicht auch die religiöse Seite seines Charakters in Rücksicht ziehen. Seine Religion ist nicht theoretischer Natur, sondern eine beständige ernste, aufrichtige Praxis; sie ist weder demonstrativ noch laut, sondern zeigt sich in ruhiger, praktischer Weise und ist beständig thätig; sie ist nie aggressiv, was bisweilen sehr lästig, wenn nicht gar ungebührlich ist. In ihm zeigt die Religion ihre lieblichsten Züge; sie beherrscht sein Betragen nicht nur gegen seine Dienstleute, sondern auch gegen die Eingeborenen, die bigotten Mohammedaner und alle, die mit ihm in Berührung kommen. Ohne dieselbe wäre Livingstone mit seinem hitzigen Temperament, seiner Begeisterung, seinem Muth und strebsamem Geist ein sehr unumgänglicher Mensch und harter Herr geworden. Die Religion hat ihn gezähmt und ihn zu einem christlichen Gentleman gemacht; alles Rohe und Eigenwillige ist dadurch veredelt und unterdrückt worden. Die Religion hat ihn zu dem umgänglichsten Menschen und nachsichtigsten Herrn gemacht, zu einem Manne, dessen Gesellschaft im höchsten Grade angenehm ist.

Ich habe oft zugehört, wie unsere Diener unsere verschiedenen Eigenschaften besprachen. „Euer Herr“, sagten meine Diener zu denen von Livingstone, „ist ein guter Mann, ein sehr guter Mann; er schlägt euch nicht, denn er hat ein gutes Herz; aber der unserige — ach, der ist scharf und heiss wie Feuer «mkali sana, kana moto».“ Während er im Anfange bei seiner Ankunft in Udschidschi von den Arabern und Mischlingen gehasst und in jeder möglichen Weise chicanirt worden ist, hat er sich durch seine stets gleichbleibende Güte und sein mildes, angenehmes Temperament Aller Herzen gewonnen. Ich habe es gesehen, dass ihm allgemeine Achtung gezollt wurde. Selbst die Mohammedaner gingen nie an seinem Hause vorüber, ohne anzusprechen und ihn zu begrüssen und ihm ein: «der Segen Gottes ruhe auf Euch!» zuzurufen. Jeden Sonntag-Morgen versammelte er seine kleine Gemeinde um sich und las ihnen Gebete und ein Kapitel aus der Bibel in einem natürlichen, ungezierten und aufrichtigen Tone vor. Darauf hielt er eine kurze Anrede in der Kiswahili-Sprache über den verlesenen Gegenstand, dem seine Zuhörer mit offenbarem Interesse und grosser Aufmerksamkeit folgten.

Es gibt noch einen Punkt in Livingstone’s Charakter, über den diejenigen, welche seine Bücher lesen und seine Reisen studiren, Auskunft haben möchten, und das ist seine Fähigkeit, dem schrecklichen Klima Central-Afrikas Widerstand zu leisten, die consequente Energie, mit der er seine Forschungen verfolgt. Diese letztere ist ihm und seiner Rasse angeboren. Er bietet ein schönes Beispiel der Ausdauer, Standhaftigkeit und Zähigkeit, welche den Angelsachsen auszeichnen; doch ist seine Fähigkeit, dem Klima Widerstand zu leisten, nicht nur der glücklichen Constitution, die ihm angeboren ist, sondern auch dem streng mässigen Leben, das er stets geführt hat, zuzuschreiben. Ein Trunkenbold oder ein Mann von lasterhaften Angewohnheiten könnte niemals das Klima von Central-Afrika vertragen.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft in Udschidschi fragte ich Livingstone, ob er sich nicht bisweilen danach sehne, seine Heimat wiederzusehen und sich nach sechsjährigen Forschungen etwas auszuruhen. Die Antwort, die er mir darauf gab, kennzeichnet den ganzen Mann. Er sagte nämlich:

„Sehr gern würde ich nach Hause gehen und meine Kinder noch einmal sehen; ich kann es aber nicht über mich gewinnen, die Aufgabe, die ich mir gesetzt, jetzt im Stiche zu lassen, wo sie fast vollendet ist. Es gehören nur noch sechs bis sieben Monate dazu, um die wirkliche Quelle, die ich entdeckt habe, in Zusammenhang zu bringen mit dem Petherick’schen Arm des Weissen Nils oder mit Sir Samuel Baker’s Albert-Nyanza, welches der See ist, den die Eingeborenen “Tschowambe„ nennen. Warum sollte ich nach Hause gehen, ehe meine Aufgabe beendet ist, um wieder zurückkehren zu müssen und dann erst etwas zu leisten, was ich jetzt gut zu Stande bringen kann?“

„Und warum“, fragte ich, „sind Sie soweit zurückgekehrt, ohne die Aufgabe, von der Sie sagen, dass sie geleistet werden müsse, zu beendigen?“

„Einfach, weil ich dazu gezwungen war. Meine Leute wollten nicht einen Schritt weitergehen. Sie empörten sich und beschlossen heimlich, wenn ich darauf bestände, weiterzugehen, Unruhen im Lande zu erregen, und nachdem sie das zu Stande gebracht, mich im Stich zu lassen. In diesem Falle wäre ich ermordet worden. Es war gefährlich vorwärts zu gehen. Ich hatte 600 Meilen der Wasserscheide erforscht und die hauptsächlichsten Flüsse, die ihr Wasser in das Central-Wassersystem ergiessen, untersucht; als ich aber die letzten 100 Meilen untersuchen wollte, verloren meine Leute den Muth und machten sich daran, meine Absicht in jeder möglichen Weise zu vereiteln. Jetzt, wo ich 700 Meilen zurückgelegt habe, um mir neue Vorräthe und eine neue Begleitung zu verschaffen, finde ich mich selbst von den Mitteln verlassen, um nur ein paar Wochen zu leben, und bin krank an Geist und Körper.“

Hier frage ich den Leser, wie er sich wol in einer solchen Krisis unter einer solchen Last von Schwierigkeiten benommen haben würde. Viele wären gewiss in grosser Eile gewesen, nach Hause zu kommen, um die neuen Entdeckungen, die aus den fortgesetzten Forschungen hervorgegangen, zu veröffentlichen und die Angst der trauernden, auf seine Rückkehr wartenden Familie und Freunde zu beschwichtigen. Es war doch sicherlich hinreichend viel für die Lösung des Problems, das den Geist seiner wissenschaftlichen Genossen in der Königl. Geographischen Gesellschaft bewegte, geleistet worden. Das war ja keine unfruchtbare Forschung, sondern schwere, ernste, jahrelange Arbeit voll Selbstverleugnung, ausdauernder Geduld und erhabener Tapferkeit, wie sie gewöhnliche Menschen nicht aufzuweisen haben.

Wenn nun Livingstone der Sitte anderer Reisender gefolgt und an die Küste geeilt wäre, nachdem er den See Bangweolo entdeckt, um der geographischen Welt darüber Mittheilung zu machen? Wenn er dann wieder zurückgekehrt wäre, um den Moero zu entdecken und über diesen Bericht erstattet, und dann dasselbe Verfahren bei der Entdeckung des Kamolondo abermals eingeschlagen hätte? Er hingegen entdeckt nicht nur den Chambezi, den See Bangweolo, den Fluss Luapula, den See Moero, den Fluss Lualaba und den See Kamolondo, sondern dringt noch weiter vorwärts, um das grossartige See- und Flusssystem in seinem Zusammenhang vollständig zu erforschen. Wäre er dem Beispiel gewöhnlicher Reisender gefolgt, so hätte er viel Zeit auf Hin- und Herreisen verwandt, um Mittheilungen zu machen, statt zu forschen, und wäre im Stande gewesen, ein Buch über die Entdeckung eines jeden einzelnen Sees zu schreiben und dadurch viel Geld zu verdienen. Der Inhalt seiner Bücher besteht aber nicht in den Forschungen weniger Monate. Seine „Missions-Reisen“ umfassen eine Periode von sechzehn Jahren; sein Buch über den Zambezi fünf Jahre, und wenn der grosse Reisende solange lebt um heimzukehren, so wird sein drittes Werk, das grossartigste von allen, die Berichte von acht bis neun Jahren enthalten.

Bei Livingstone ist es Princip, was er unternimmt gut durchzuführen, und im Bewusstsein, dass er dies thut, findet er trotz seiner Sehnsucht nach der Heimat, die bisweilen überwältigend ist, einen gewissen Grad von Zufriedenheit, wenn nicht Glückseligkeit. Während anders geartete Leute einen langen Aufenthalt unter den Wilden Afrikas mit Schrecken betrachten würden, so findet Livingstone’s Geist Freude und Nahrung für seine wissenschaftlichen Studien darin. Die Wunder der Urwelt, die grossen Wälder und hohen Gebirge, die unversieglichen Ströme und Quellen der grossen Seen, die Wunder der Erde, die Herrlichkeiten des tropischen Himmels bei Tag und Nacht, kurz alle Erd- und Himmelserscheinungen sind Manna für einen Mann von solcher Selbstverleugnung und einem so hingebenden philantropischen Geiste. Der urwüchsigen Einfachheit der dunkeln Kinder Aethiopiens, unter denen er so viele Jahre seines Lebens zugebracht hat, kann er Reize abgewinnen. Er hat einen festen Glauben an ihre Fähigkeiten; sieht Tugend in ihnen, wo andere nur Barbarei erblicken, und wo er bei ihnen gewesen ist, hat er versucht das Volk zu heben, das anscheinend von Gott und der Christenheit vergessen worden ist.

Eines Abends nahm ich mein Notizbuch zur Hand und schrieb ihm die Worte vom Munde ab, die er mir über seine Reisen mitzutheilen hatte. Ohne Zaudern erzählte er mir seine Erlebnisse, von denen das Folgende ein kurzer Abriss ist.

Dr. David Livingstone hat die Insel Zanzibar im März 1866 verlassen. Am 7. April reiste er von der Mikindiny-Bai mit einer Expedition ins Innere ab, die aus zwölf Sepoys aus Bombay, neun Johannesen von den Komoro-Inseln, sieben freigelassenen Sklaven und zwei Leuten aus Zambezi, die er versuchsweise mitgenommen, nebst sechs Kamelen, drei Büffeln, zwei Mauleseln und drei Eseln bestand. So hatte er alles in allem dreissig Leute bei sich, von denen zwölf, nämlich die Sepoys, als Wächter bei der Expedition dienen sollten. Sie waren meist mit gezogenen Enfield-Gewehren bewaffnet, welche er von der Regierung in Bombay geschenkt bekommen hatte. Das Gepäck der Expedition bestand aus zehn Ballen Zeug und zwei Säcken Perlen, die als Circulationsmittel zum Einkauf der Lebensbedürfnisse in den Ländern, welche Livingstone zu besuchen beabsichtigte, verwerthet werden sollten. Ausser diesen schwerfälligen Tauschmitteln führten sie noch mehrere Kasten voll Instrumente, wie z. B. Chronometer, Luftthermometer, Sextanten, künstliche Horizonte, nebst Kisten voll Kleider, Medicin und persönliche Bedürfnisse mit sich. Die Expedition reiste das linke Ufer des Rovuma-Flusses hinauf, eine Strasse, die ungemein beschwerlich ist. Meilenlang mussten Livingstone und seine Begleiter sich den Weg mit Aexten durch den dichten, fast undurchdringlichen Schilfmoor, der sich an den Ufern des Flusses hinzieht, bahnen. Der Weg war ein blosser Fusspfad, der in planlosester Weise in das Dickicht hinein- und wieder hinausführte, wobei er ohne Rücksicht auf den weitern Verlauf sich den bequemsten Ausweg suchte. Die Pagazi konnten wol ziemlich bequem fortkommen, aber die Kamele waren wegen ihrer Grösse nicht im Stande, einen Schritt vorwärts zu machen, ohne dass ihnen die Aexte der Leute erst den Weg bahnten. Dieses Instrument war fast überall nothwendig und das Vorwärtsschreiten der Expedition wurde ausserdem vielfach aufgehalten durch die bei den Sepoys und Johannesen sich zeigende Unlust zur Arbeit.

Schon bald nach der Abreise der Expedition von der Küste fing das Murren und Klagen dieser Leute an, und bei jeder Gelegenheit legten sie eine entschiedene Abneigung gegen den Weitermarsch an den Tag. Um die Reise des Doctors zu verhindern und in der Hoffnung, dass sie ihn zur Rückkehr an die Küste zwingen könnten, behandelten sie die Thiere so grausam, dass in kürzester Zeit kein einziges mehr am Leben war. Da aber dieser Plan ihnen mislang, so machten sie sich daran, die Eingeborenen gegen den Weissen aufzustacheln, den sie frevelhafterweise ganz eigenthümlicher Dinge beschuldigten. Da ihnen dies wol gelungen wäre und es gefährlich war, solche Leute in seiner Umgebung zu haben, so kam der Doctor zu dem Schluss, dass es am besten sei, sie zu entlassen, und er schickte daher die Sepoys an die Küste zurück, nachdem er sie mit Lebensmitteln für die Heimreise versehen hatte. Diese Leute hatten sich in so üblen Ruf gebracht, dass die Eingeborenen sie als des Doctors Sklaven bezeichneten. Einer ihrer schlimmsten Fehler war der, dass sie gewohnt waren, ihre Flinten und Munition dem ersten besten Weib oder Knaben, dem sie begegneten, zum Tragen zu geben, und diese zu dem Zweck mit Drohungen und Versprechungen bestürmten, zu deren Verwirklichung sie weder die Macht noch das Recht hatten. Schon nach einstündigem Marsche waren sie müde und legten sich dann am Wege hin, um ihr schweres Schicksal zu bejammern und neue Pläne zu schmieden, wie sie ihres Führers Absichten vereiteln könnten. Gegen Abend erschienen sie gewöhnlich auf dem Lagergrunde wie halbtodte Menschen. Derartige Leute waren natürlich eine armselige Begleitung, denn wäre die Expedition von einem irgendwie erheblichen Stamme wandernder Eingeborener angegriffen worden, so hätte Livingstone sich nicht vertheidigen können und es wäre ihm nichts übrig geblieben, als sich ihnen zu ergeben und unterzugehen.

Am 18. Juli 1866 kam Livingstone und seine kleine Expedition in einem Dorfe an, das einem Häuptling der Wahiyou gehörte, acht Tagereisen vom Rovuma entfernt, von wo man die Wasserscheide des Nyassa-Sees überblickte. Das Gebiet, das zwischen dem Rovuma-Flusse und diesem Dorfe des Wahiyou-Häuptlings lag, war eine unbewohnte Wildniss, und Livingstone, sowie seine Expedition, hatte während des Durchschreitens derselben bedeutend von Hunger und Desertion der Leute zu leiden.

In den ersten Tagen des August 1866 kam der Reisende nach dem Lande Mponda’s, eines Häuptlings, der in der Nähe des Nyassa-Sees lebt. Auf dem Wege dahin desertirten ihm zwei Freigelassene. Hier bestand auch Wekotani — nicht Wakotani —, ein Schützling des Doctors, auf seiner Entlassung, angeblich weil er seinen Bruder gefunden habe; die Unwahrheit dieses Vorwandes stellte sich später heraus. Er behauptete zugleich, seine Familie lebe auf dem östlichen Ufer des Nyassa-Sees und Mponda’s Lieblingsfrau sei seine Schwester. Da Livingstone einsah, dass Wekotani ihn nicht weiter begleiten wolle, brachte er diesen zu Mponda, der ihn früher weder gesehen, noch je von ihm gehört hatte. Trotzdem liess er ihn bei diesem Häuptling, nachdem er den undankbaren Jungen noch mit soviel Zeug und Perlen versehen, dass er davon leben könne, bis sein „grosser Bruder“ ihn abholen würde, und ausserdem überzeugte er sich davon, dass Mponda ihn ehrenhaft behandeln werde. Wekotani konnte lesen und schreiben, was er in der Schule in Bombay gelernt hatte; Livingstone übergab ihm daher auch Schreibpapier, damit er, wenn er je dazu Neigung fühlte, Herrn Horace Waller oder ihm selbst schreiben könne. Ferner schärfte ihm der Doctor ein, sich nicht auf Sklavenzüge einzulassen, die von seinen Landsleuten, den Nyassanern, gewöhnlich gegen ihre Nachbarn ausgeführt werden. Als Wekotani fand, dass sein Entlassungsgesuch Erfolg hatte, versuchte er es, einen andern Schützling Livingstone’s, den Dschumah, der des Wekotani’s specieller Gefährte war, gleichfalls dazu zu bewegen, den Dienst zu verlassen und mit sich fortzunehmen, wobei er ihm als Lohn eine Frau und viel Pombé von seinem grossen Bruder versprach. Als Dschumah dies dem Doctor mittheilte, wurde ihm von diesem davon abgerathen, da er den Wekotani sehr im Verdacht hatte, er wolle Dschumah zum Sklaven machen. Letzterer zog sich darauf klugerweise von seinem Versucher zurück. Aus dem Gebiete Mponda’s ging die Reise weiter an das Südende des Nyassa in das Dorf eines Babisa-Häuptlings, der Arznei gegen eine Hautkrankheit zu haben wünschte. Mit seiner gewöhnlichen Güte blieb er im Dorf dieses Häuptlings, um dessen Krankheit zu behandeln.

Während er hier war, kam ein Mann von halb arabischer Abkunft vom westlichen Ufer des Sees her und berichtete, er sei von einer Bande Mazitu ausgeplündert worden, an einem Orte, von dem der Doctor und Musa, der Führer der Johannesen, wohl wussten, dass er wenigstens 150 Meilen nord-nordwestlich von ihrem Aufenthaltsorte entfernt sei. Musa hörte trotzdem aus Gründen, die wir sofort berichten werden, mit Eifer der Erzählung des Arabers zu und schenkte ihm vollen Glauben. Nachdem er sich die schauderhaften Einzelheiten vollständig angeeignet, kam er zu Livingstone, um ihm das zu berichten, was er selbst so gern gehört hatte. Der Reisende hörte die Erzählung geduldig an, die durch Musa’s Bericht nichts von ihrer furchtbaren Bedeutung verlor, und fragte den letzteren darauf, ob er sie glaube. „Ja“, sagte Musa rasch in gebrochenem Englisch, „er hat mir die Wahrheit gesagt; ich habe ihn gut ausgefragt und er sagte mir die Wahrheit.“ Livingstone erwiderte jedoch, er glaube das nicht, denn die Mazitu würden sich nicht damit begnügt haben, den Mann blos zu prügeln, sondern hätten ihn bestimmt ermordet; doch schlug er vor, sie beide möchten sich, um die Befürchtungen seines muselmännischen Untergebenen zu beschwichtigen, an den Häuptling, bei dem sie sich aufhielten, wenden, der als ein verständiger Mann im Stande sein werde, ihnen über die Wahrscheinlichkeit dieser Erzählung Auskunft zu geben. Sie gingen also zusammen zum Babisa-Häuptling, der, als er die Geschichte des Arabers hörte, denselben ohne Zaudern für einen Lügner und seine Geschichte für vollständig unbegründet erklärte, was er daraus schloss, dass er sicherlich zeitig von der Anwesenheit der Mazitu gehört hätte, falls sie vor kurzem in der Gegend gewesen wären.

Musa jedoch brach in die Worte aus: „Nein, nein, Doctor, nein, nein, nein! Ich wünsche nicht, zu den Mazitu zu gehen. Ich wünsche nicht, von den Mazitu getödtet zu werden, sondern will Vater, Mutter und Kind in Johanna wiedersehen. Ich wünsche mir keine Mazitu!“ Das waren Musa’s eigene Worte.

Livingstone erwiderte hierauf: „Auch ich wünsche nicht von den Mazitu getödtet zu werden, da Ihr sie aber fürchtet, so verspreche ich Euch, direct nach Westen zu gehen, bis wir weit aus dem Bereich der Mazitu heraus sind.“

Musa war jedoch dadurch nicht befriedigt, sondern seufzte und härmte sich weiter und meinte: „Wenn wir zweihundert Gewehre bei uns hätten, so würde ich gehen; unsere kleine Expedition wird aber über Nacht überfallen und getödtet werden.“

Livingstone wiederholte hierauf sein Versprechen, dass er nicht in ihre Nähe, sondern nach Westen ziehen werde.

Sobald er sich aber nach Westen wandte, liefen Musa und die Johannesen insgesammt fort.

Als der Doctor sich über Musa’s Betragen ausliess, sagte er, er habe sich sehr stark versucht gefühlt, Musa und einen andern Rädelsführer zu erschiessen, sei aber trotzdem froh darüber, seine Hände nicht mit dem Blute dieser Spitzbuben besudelt zu haben. Ein paar Tage später kam noch ein anderer von Livingstone’s Leuten, namens Simeon Price, mit derselben Erzählung über die Mazitu zu ihm; da dieser aber durch die kleine Zahl seiner Leute gezwungen war, alle derartige Neigungen zur Desertion und Schwachmüthigkeit zu unterdrücken, so brachte er jenen sofort zum Schweigen und verbot ihm auf das strengste, noch einmal den Namen der Mazitu auszusprechen.

Hätten ihm die Eingeborenen nicht beigestanden, so hätte er daran verzweifeln müssen, je in das wilde, unerforschte Innere, das er jetzt zu betreten im Begriff stand, zu gelangen. „Zum Glück“, sagte er mit Salbung, „befand ich mich jetzt, nachdem ich die Ufer des Nyassa verlassen, in einem Lande, in welches noch nie ein Sklavenhändler den Fuss gesetzt. Es war ein neues, jungfräuliches Land und infolge dessen sind, wie ich es stets gefunden habe, die Eingeborenen gut und gastfrei und sie trugen mir mein Gepäck gegen eine sehr geringe Gabe an Zeug von Dorf zu Dorf.“ Noch in vielen andern Beziehungen wurde der Reisende in seiner Noth von diesen noch unverdorbenen, unschuldigen Eingeborenen freundlich behandelt.

Als Livingstone diese gastfreie Gegend im Anfange des December 1866 verliess, kam er in ein Land, wo die Mazitu ihre gewohnten Räubereien ausgeführt hatten. Dasselbe war von allen Vorräthen und Vieh vollständig ausgeplündert worden und das Volk in andere Gegenden, die ausserhalb des Bereichs dieser wilden Räuber lagen, ausgewandert. Wiederum wurde die Reisegesellschaft von quälendem Hunger gepeinigt und musste zu wilden Früchten, die in einigen Theilen dieses Landes wachsen, ihre Zuflucht nehmen. Zu Zeiten wurde der Zustand dieser schwer heimgesuchten Expedition noch durch die herzlose Desertion einiger Mitglieder verschlimmert, die mehr als einmal mit Livingstone’s persönlichem Gepäck, seinen zum Wechseln bestimmten Kleidern und seiner Wäsche fortliefen. Unter grössern und kleinern Unglücksfällen, die ihn hartnäckig verfolgten, kam er doch sicher durch die Länder der Babisa, Bobemba, Barungu, Ba-ulunga und Lunda.

Im Lande Lunda lebt der berühmte Cazembe, der den Europäern zuerst durch den portugiesischen Reisenden Dr. Lacerda bekannt geworden ist. Cazembe ist ein sehr intelligenter Fürst; ein grosser, stämmiger Mann, der eine eigenthümliche, aus gedruckten rothen Stoffen bestehende Kleidung, in der Form eines grossen schottischen Männerunterrocks, trägt. In diesem Staatsanzuge empfing König Cazembe, von seinen Häuptlingen und Leibwachen umgeben, den Dr. Livingstone. Ein Häuptling, der vom König und den Aeltesten abgesandt worden, um alle Einzelheiten über den Weissen zu erfahren, erhob sich darauf vor der Versammlung und trug das Resultat seiner Untersuchungen mit lauter Stimme vor. Er hatte erfahren, der Weisse sei angekommen, um sich die Gewässer, Flüsse und Seen anzusehen und bezweifelte, obwol er nicht begreifen konnte, wozu der Weisse dies brauche, durchaus nicht, dass sein Zweck gut sei. Darauf fragte Cazembe den Doctor, was er vorhabe und wohin er gehen wolle. Dieser erwiderte ihm, er habe daran gedacht, nach Süden zu ziehen, da er von Seen und Flüssen gehört, die in jener Richtung lägen. Hierauf fragte Cazembe: „Wozu wollt Ihr dahin gehen? Das Wasser befindet sich hier ganz in der Nähe. Wir haben in dieser Umgegend viele grosse Gewässer.“ Ehe die Versammlung auseinanderging, erliess Cazembe den Befehl, den Weissen überall ungestört und unbelästigt durch sein Land ziehen zu lassen. Es sei der erste Engländer, den er gesehen, meinte er, und er habe ihn gern.

Bald nach dieser Einführung beim König kam die Königin in das grosse Haus, von einer mit Speeren bewaffneten Leibwache von Amazonen umgeben. Sie war eine schöne, schlanke, stattliche junge Frau und dachte offenbar, sie werde auf den bäurischen Weissen einen grossen Eindruck machen, denn sie hatte sich in höchst königlicher Weise angethan und war mit einem schweren Speer bewaffnet. Doch brachte ihre Erscheinung, die so ganz anders war, als Livingstone sich eingebildet, diesen zum Lachen und vereitelte dadurch die beabsichtigte Wirkung vollständig, denn das Gelächter des Doctors war so ansteckend, dass die Königin selbst es zuerst nachmachte und die Amazonen in höfischer Weise ihr folgten. Hierdurch ausser Fassung gebracht, lief die Königin, von ihren gehorsamen Dämchen begleitet, in höchst würdeloser und im Vergleich zu der majestätischen Art, in welcher sie aufgezogen war, ziemlich unköniglicher Weise zurück. Livingstone wird noch viel über seinen Empfang an diesem Hofe, sowie den interessanten König und seine Königin zu erzählen haben. Und wer kann wol so gut wie er selbst die von ihm persönlich erlebten Scenen beschreiben?

Bald nach seiner Ankunft im Lande Lunda oder Londa, noch ehe er den Bezirk, über den Cazembe herrscht, betreten hatte, war er über den Chambezi genannten Fluss gekommen, der ein ganz bedeutender Strom ist. Die Aehnlichkeit des Namens mit dem grossen, schönen, südlichen Fluss, der auf immer mit Livingstone’s Namen verbunden sein wird, führte diesen zu der Zeit irre und er zollte ihm daher nicht die Aufmerksamkeit, die ihm gebührte, sondern hielt den Chambezi nur für ein Wasser, aus dem der Zambezi entsteht, und glaubte daher, dass er keine Beziehung zu den Quellen des ägyptischen Flusses habe, die er aufsuchte. Sein Fehler bestand darin, dass er sich zu sehr auf die Genauigkeit der portugiesischen Nachrichten verliess und es hat ihm viele Monate langwieriger Mühen und Reisen gekostet, denselben wieder gut zu machen.

Seit dem Anfang des Jahres 1867, wo er im Reiche Cazembe’s ankam, bis Mitte März 1869, der Zeit seiner Ankunft in Udschidschi, war er meist damit beschäftigt, die Irrthümer und falschen Darstellungen portugiesischer Reisender zu berichtigen. Wenn die Portugiesen vom Flusse Chambezi sprechen, so nennen sie ihn immer „unsern eigenen Zambezi“, welcher nämlich durch die portugiesischen Besitzungen in Mozambique fliesst. Sie hatten Livingstone gesagt: „Wenn Sie vom Nyassa zu Cazembe ziehen, so werden Sie unsern eigenen Zambezi überschreiten“. Diese bestimmte, wiederholte, nicht nur mündlich abgegebene, sondern auch in ihren Büchern und Karten verzeichnete Nachricht wirkte natürlich verwirrend. Als Livingstone nun bemerkte, dass ihre Beschreibungen mit dem, was er selbst gesehen, nicht übereinstimmten, brach er — aus einem ernsten Wunsche, Richtiges zu geben und in Zweifel darüber, ob er sich nicht selbst geirrt habe — auf, um noch einmal das Stück Land zu bereisen, durch das er schon gekommen war. Immer aufs neue durchzog er, wie ein ruheloser Geist, die verschiedenen Länder, die von mehreren Flüssen des complicirten Wassersystems bewässert werden, und richtete die nämlichen Fragen an die verschiedenen Völkerschaften, die er besuchte, bis er damit aufhören musste, um nicht für verrückt zu gelten.

Doch haben seine Reisen und langwierigen Mühsale in Lunda und den umliegenden Gebieten folgendes über allen Zweifel festgestellt: erstens, dass der Chambezi ein ganz anderer Fluss als der Zambezi der Portugiesen ist; und zweitens, dass der Chambezi, der ungefähr am elften Grad südlicher Breite entspringt, nichts anderes als der südlichste Zufluss des grossen Nils ist und dadurch diesem berühmten Flusse eine Länge von mehr als 2000 Meilen, den Breitengraden nach, gibt, wodurch er zum zweiten Fluss nach dem Mississippi, dem längsten Strom der Erde, wird. Der wirkliche Name des Zambezi ist Dombazi. Als Lacerda und seine portugiesischen Nachfolger bei ihrem Besuch bei Cazembe den Chambezi überschritten und seinen Namen hörten, war es natürlich, dass sie ihn als „unsern eigenen Zambezi“ bezeichneten und ihn, ohne weitere Untersuchung, so darstellten, als ob er in der Richtung dieses Stromes fliesse.

Während seiner Untersuchungen in dieser Gegend, die so reich an Entdeckungen waren, kam Livingstone an einen See, der nordöstlich von Cazembe liegt und von den Eingeborenen Liemba genannt wird, nach dem gleichnamigen Lande, das im Osten und Süden an denselben grenzt. Als er diesen See nach Norden verfolgte fand er, dass es der Tanganika oder vielmehr sein südöstlichstes Ende sei, welches auf seiner Karte dem Umriss von Italien sehr ähnlich sieht. Der Breitengrad des südlichen Endes dieses grossen Wasserkörpers ist ungefähr 8° 42′ südlicher Breite, wodurch er eine Länge von 360 engl. geographischen Meilen von Norden nach Süden erhält. Vom südlichen Ende des Tanganika zog Livingstone nach Marungu und bekam den See Moero in Sicht. Als er diesen See, der ungefähr 60 Meilen lang ist, bis an sein südliches Ende verfolgte, entdeckte er einen Fluss, der Luapula heisst und aus jener Himmelsgegend in denselben eintritt. Dem Luapula nach Süden folgend fand er, dass derselbe aus dem grossen See Bangweolo entspringt, der in seinem Flächenumfang beinahe ebenso gross wie der Tanganika ist. Als er die Gewässer untersuchte, welche sich in diesen See ergiessen, stellte sich heraus, dass der Chambezi der bei weitem bedeutendste unter diesen Zuflüssen sei, sodass er den Chambezi von seiner Quelle bis zum See Bangweolo und den Ausfluss aus dessen nördlichem Ende, unter dem Namen Luapula, verfolgt und gefunden hat, dass er in den See Moero fliesst. Wiederum kehrte er nach dem Reiche Cazembe’s mit der vollen Ueberzeugung zurück, dass der durch drei Breitengrade nach Norden sich verlaufende Fluss nicht derselbe sein könne, wie der unter dem Namen Zambezi nach Süden fliessende, obgleich ihre Namen sehr ähnlich lauten.

In Cazembe’s Wohnsitz fand er ein altes, weissbärtiges, der Mischlingsrasse angehöriges Individuum, namens Mahommed bin Sali, der vom Könige, wegen gewisser verdächtiger Umstände bei seiner Ankunft und seinem Aufenthalte im Lande, als eine Art Staatsgefangener behandelt wurde. Durch Livingstone’s Einfluss wurde Mahommed bin Sali befreit. Auf seinem Wege nach Udschidschi hatte er Ursache es sehr zu bereuen, dass er sich für dieses Halbblutindividuum ins Mittel gelegt hatte. Er erwies sich nämlich als ein elender, undankbarer Wicht, der die wenigen Begleiter von Livingstone zu verführen suchte und sich bei ihnen dadurch beliebt machte, dass er ihnen die Gunstbezeugungen seiner Concubinen verkaufte, wodurch er sie gewissermassen zu knechten verstand. Hier wurde der Doctor von allen, mit Ausnahme zweier, verlassen; denn selbst der treue Susi und Dschumah verliessen ihn, um in Mahommed bin Sali’s Dienste zu treten. Diese aber trennten sich bald wieder und kehrten zu ihrem alten Herrn zurück. Von dem Tage an, wo er den gemeinen alten Kerl in seiner Gesellschaft hatte, verfolgte ihn schweres Misgeschick bis zu seiner Ankunft in Udschidschi im März 1869.

Nun blieb er bis Ende Juni 1869 in Udschidschi, von wo er die Briefe schrieb, welche, obwol die Laienwelt es bezweifelte, dass er am Leben sei, doch der Königl. Geographischen Gesellschaft und seinen intimen Freunden die Ueberzeugung davon beibrachten, sodass diese Musa’s Bericht für die zwar scharfsinnige, aber lügenhafte Erfindung eines feigen Deserteurs hielten. Während dieser Zeit fasste er den Gedanken, um den Tanganika zu segeln; die Araber und Eingeborenen gingen aber so darauf aus, ihn zu betrügen, dass, falls er dies wirklich unternommen hätte, der Rest seiner Waaren ihn nicht in den Stand gesetzt haben würde, das mittlere Wassersystem zu erforschen, dessen Anfangspunkt er weit im Süden vom Wohnsitze Cazembe’s, ungefähr am elften Grad südlicher Breite, im Chambezi-Flusse gefunden hat.

In den Tagen, wo Kapitän Burton nach seinem Marsche von der Küste bei Zanzibar ermüdet in Udschidschi ausruhte, war das Land, in welches Livingstone bei seiner Abreise von Udschidschi seine Schritte lenkte, den Arabern nur durch ungenaue Berichte bekannt. Burton und Speke haben, wie es scheint, nie davon reden hören. Speke, der Geograph von Burton’s Expedition, hat zwar von einem Ort, der Urua hiess, gehört, dem er auf seiner Karte nach der allgemeinen, von den Arabern angegebenen Richtung eine Stelle gab; doch hatten die unternehmendsten Araber auf ihren Handelsreisen nach Elfenbein nur die Grenze von Rua berührt, wie die Eingeborenen und Livingstone es nennen; denn Rua ist ein ungeheures Land, das sechs Breitengrade lang ist und sich in einer bisher noch unbekannten Breite von Osten nach Westen erstreckt.

Ende Juni 1869 verliess Livingstone Udschidschi und begab sich über den See nach dem auf dem westlichen Ufer gelegenen Uguhha, um seine letzte und grösste Reihe von Erforschungen vorzunehmen. Das Resultat derselben bestand in einer abermaligen Entdeckung eines Sees von erheblicher Grösse, der mit dem Moero durch den grossen, Lualaba genannten Fluss in Verbindung steht und eine Fortsetzung der Kette von Seen bildet, die er vorher entdeckt hatte.

Vom Hafen von Uguhha ging er mit einer Gesellschaft von Händlern in fast direct westlicher Richtung nach dem Lande Urua ab. Ein funfzehntägiger Marsch brachte ihn nach Bambarre, dem ersten wichtigen Elfenbeindepot in Manyema, oder wie die Eingeborenen es aussprechen: Manyuema. Fast sechs Monate lang wurde er in Bambarre aufgehalten durch Geschwüre an den Füssen, aus denen Blutwasser floss, sobald er sie auf den Boden setzte. Als er sich erholt hatte reiste er in nördlicher Richtung ab und kam nach mehreren Tagen an einen breiten, seeartigen Fluss, welcher Lualaba heisst und nach Norden und Westen, an einigen Stellen nach Süden, in sehr verwirrender Weise dahinfliesst. Der Fluss war 1–3 engl. Meilen breit. Durch grosse Hartnäckigkeit gelang es Livingstone, dessen labyrinthischen Lauf zu verfolgen, bis er entdeckte, dass der Lualaba sich in den schmalen, langen See Kamolondo, ungefähr 6° 30′ südlicher Breite, ergiesst. Als er diesen nach Süden zu weiter verfolgte, kam er an den Punkt, wo er den Luapula in den See Moero eintreten sah.

Wenn man Livingstone’s Beschreibungen der Schönheiten der Landschaft am Moero anhört, so wird man ganz begeistert. Von allen Seiten von hohen Bergen eingepfercht, welche bis an den Rand von reicher tropischer Vegetation bekleidet sind, entlässt der Moero sein überflüssiges Wasser durch einen tiefen Spalt im Busen der Gebirge. Der ungestüme, grossartige Fluss donnert durch den Spalt wie ein Wasserfall, dehnt sich aber, nachdem er dieses enge und tiefe Bett verlassen hat, in den ruhigen, breiten, sich über Meilen erstreckenden Lualaba aus. Nachdem er grosse Biegungen nach Westen und Südwesten gemacht hat und sich darauf nach Norden wendet, tritt er in den Kamolondo. Von den Eingeborenen wird er Lualaba genannt, Livingstone aber hat, um ihn von andern Flüssen desselben Namens zu unterscheiden, ihm den Namen „Webb’s Fluss“ gegeben, nach Herrn Webb, dem reichen Besitzer von Newstead Abbey, den der Doctor als einen seiner ältesten und treuesten Freunde verehrt. Südwestlich vom Kamolondo befindet sich ein anderer grosser See, welcher sein Wasser durch den bedeutenden Fluss Loeki oder Lomami in den grossen Lualaba ergiesst. Diesem See, der den Eingeborenen als Tschebungo bekannt ist, hat Livingstone den Namen „Lincoln“ gegeben, damit er später in Büchern und Karten als Lincoln-See zum Gedächtniss des ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln bezeichnet werde. Livingstone that dies in Erinnerung an den lebhaften Eindruck, den es auf ihn machte, als er einen Theil von Lincoln’s Eröffnungsrede von einer englischen Kanzel hatte verlesen hören, worin die Ursachen dargelegt waren, die Lincoln dazu bewogen hatten, seine Emancipations-Proclamation zu erlassen, durch welche denkwürdige That vier Millionen Sklaven auf immer befreit wurden. Zum Gedächtniss dieses Mannes, dessen Wirken zu Gunsten der Negerrasse das Lob aller guten Menschen verdient, hat Livingstone ein Monument errichtet, das dauerhafter als Erz oder Stein ist.

In Webb’s Fluss tritt von Südsüdwest, etwas nördlich vom Kamolondo, ein grosser, Lufira genannter Fluss ein; doch sind die Bäche, welche sich aus der Wasserscheide in den Lualaba ergiessen, so zahlreich, dass des Doctors Karte sie nicht alle aufnehmen konnte und er sie, mit Ausnahme der bedeutendsten, ausgelassen hat. Indem er seinen Weg nach Norden fortsetzte und den Lualaba durch seine mannichfaltigen Curven bis zum vierten Grad südlicher Breite verfolgte, kam er an einen Ort, wo er von einem andern See im Norden hörte, in welchen jener fliesst. Hier kommen wir aber zu einem vollständigen Stillstand und können nur sagen: „Dies war der weitliegendste Punkt, von wo Livingstone gezwungen war, auf dem mühseligen 700 Meilen langen Weg nach Udschidschi zurückzukehren.“

Aus dieser kurzen Skizze von Dr. Livingstone’s wunderbaren Reisen wird hoffentlich selbst der oberflächlichste Leser sowol als der eigentliche Geograph dieses grosse System von Seen begreifen, die durch Webb’s Fluss miteinander verbunden werden, und erkennen, was Dr. Livingstone während dieser langen Jahre geleistet und wie sehr er unsere geographischen Kenntnisse von Afrika erweitert hat. Dass dieser unter verschiedenen Namen bekannte Fluss, der von einem See in einen andern nach Norden fliesst, trotz aller seiner Krümmungen und Windungen der Nil ist, darüber hegt Livingstone keinen Zweifel. Eine lange Zeit hindurch war er wirklich ganz unsicher darüber, wegen der grossen Biegungen und nach Westen, ja sogar nach Südwesten gerichteten Krümmungen; nachdem er ihn aber von seinem Ursprung, dem Chambezi, sieben Breitengrade hindurch, d. h. vom elften Grad bis zum vierten Grad südlicher Breite verfolgt hat, ist er zu dem Schluss gezwungen, dass es kein anderer als der Nil sein kann. Er hat ihn zuerst für den Congo gehalten, als Quellen des Congo aber den Kassai und Kwango erkannt, zwei Flüsse, welche auf der westlichen Seite der Wasserscheide des Nils, ungefähr in der Breite des Bangweolo, entspringen; auch hat er von einem andern Flusse, der Lubilasch heisst, gehört, welcher im Norden seinen Ursprung nimmt und nach Westen läuft. Der Lualaba kann dagegen nach Livingstone’s Ansicht, schon wegen seiner Grösse und Masse sowie seines beständigen, anhaltenden Laufes nach Norden durch ein breites, ausgedehntes Thal, das von hohen Bergen im Westen und Osten begrenzt wird, nicht der Congo sein. Die Höhe des nördlichsten Punktes, bis zu welchem er diesen wunderbaren Fluss verfolgt hat, betrug etwas mehr als 2000 Fuss; sodass, obgleich Baker behauptet, sein See sei 2700 Fuss über dem Meere, doch der Bahr Ghazal, durch welchen der Petherick’sche Arm des Weissen Nils sich in den Nil ergiesst, nur 2000 Fuss hoch liegt. In diesem Falle liegt die Möglichkeit vor, dass der Lualaba nichts anderes als der Petherick’sche Arm sein mag.[5]

Bekanntlich sind Elfenbein-Handelsstationen ungefähr 500 Meilen den Petherick’schen Arm hinauf gegründet. Diese Thatsache muss man im Gedächtniss behalten, wenn man hört, dass Gondokoro, auf dem vierten Grad nördlicher Breite, 2000 Fuss über dem Meere liegt und die Höhe auf dem vierten Grad südlicher Breite, wo halt gemacht wurde, nur etwas mehr als 2000 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Dass die beiden Flüsse, die sich 2000 Fuss über dem Meere befinden sollen und durch 8 Grad Breite voneinander getrennt sind, ein und derselbe Fluss sei, kann manchen Leuten als eine auffallende Behauptung erscheinen. Doch muss man mit blossen Ausdrücken der Verwunderung zurückhalten und in Betracht ziehen, dass dieser mächtige und breite Lualaba ein Seefluss von grösserer Breite als der Mississippi ist, dass sein Wasser zu Zeiten ausgedehnte Seen bildet, sich dann wieder in einen breiten Strom zusammenzieht und abermals einen See bildet u. s. w. bis zum vierten Breitengrade; und selbst jenseits dieses Punktes hat Livingstone von einem grossen nach Norden zu liegenden See gehört.

Wir müssen daher warten, bis die Höhe der beiden Flüsse, des Lualaba nämlich, wo Livingstone halt gemacht, und des südlichen Punktes auf dem Bahr Ghazal, wo Petherick gewesen ist, genau bekannt sind.

Nimmt man, um der Discussion willen, an, dass dieser namenlose See sechs Breitengrade einnimmt, da es derselbe sein kann, den der italienische Reisende Piaggia entdeckt hat, aus welchem der Petherick’sche Arm des Weissen Nils durch Binsenmoor in den Bahr Ghazal heraus und von dort, südlich von Gondokoro, in den Weissen Nil tritt, so könnte man die Flüsse für einen und denselben halten; denn wenn sich der See über soviel Breitengrade erstreckt, so wird die Schwierigkeit gehoben, dass man eine Verschiedenheit der Höhe zwischen zwei, 8 Grad auseinanderliegenden Punkten eines Flusses nothwendig annehmen muss.

Auch können Livingstone’s Beobachtungs- und Höhenmessungs-Instrumente falsch gewesen sein, und dies ist sehr wahrscheinlich, da sie fast sechs Jahre lang auf Reisen übel behandelt worden sind. Denn es gibt trotz der offenbaren Schwierigkeit, welche die Höhenlage zwischen beiden Punkten bereitet, noch einen andern triftigen Grund, um Webb’s Fluss oder den Lualaba für den Nil zu halten. Die Wasserscheide des Flusses nämlich, von der Livingstone 600 Meilen bereist hat, zieht sich durch ein Thal, das sich zwischen hohen östlichen und westlichen Gebirgszügen von Süden nach Norden erstreckt.

Dieses Thal oder Wassersystem nimmt nicht den Kassai oder Kwango auf, sondern Flüsse, die aus einer grossen Entfernung von Westen herfliessen, z. B. die bedeutenden Zuflüsse Lufira und Lomami, und grosse Flüsse aus dem Osten, wie den Lindi und Luamo; und während die intelligentesten portugiesischen Reisenden und Händler behaupten, dass der Kassai, Kwango und Lubilasch die Quellen des Congo sind, so hat noch niemand die Vermuthung aufgestellt, dass der grosse nach Norden fliessende Fluss, der den Eingeborenen als Lualaba bekannt ist, der Congo sei.

Dieser Fluss könnte aber doch der Congo oder vielleicht der Niger sein. Wenn der Lualaba nur 2000 Fuss und der Albert-Nyanza 2700 Fuss über dem Meere liegt, so kann der Lualaba nicht in diesen See fliessen. Und wenn der Bahr Ghazal sich nicht durch einen Arm acht Grad weit über Gondokoro hinzieht, dann kann der Lualaba nicht der Nil sein. Es ist aber voreilig, über diesen Gegenstand doctrinäre Ansichten auszusprechen. Denn Livingstone wird diesen Punkt selbst aufklären; und wenn er findet, dass es der Congo ist, so wird er der erste sein, der seinen Irrthum eingesteht.

Livingstone gibt zu, dass die Quellen des Nils noch nicht entdeckt sind, obgleich er den Lualaba durch sieben Breitengrade in seiner Richtung nach Norden verfolgte, und obschon er keinen Zweifel hat, dass dies der Nil ist, so kann man doch noch nicht behaupten, dass die Nilfrage ihre endgültige Lösung gefunden hat und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens hat er vom Vorhandensein von vier Quellen gehört, von denen zwei einem Fluss, der nach Norden fliesst, nämlich dem Webb’s Fluss oder Lualaba, und zwei einem andern, der nach Süden fliesst, nämlich dem Zambezi, als Ursprung dienen. Zu wiederholten malen hat er die Eingeborenen von diesen Quellen reden hören. Mehrmals ist er nur 100–200 Meilen von ihnen entfernt gewesen; doch immer kam etwas dazwischen, das ihn verhinderte sie selbst zu sehen. Nach dem Berichte derer, die sie gesehen haben, entstehen sie auf je einer Seite eines ebenen Walles, der keine Steine enthält. Einige haben ihn als einen Ameisenhügel bezeichnet. Eine dieser Quellen soll so gross sein, dass ein Mann, der auf der einen Seite steht, den gegenüberstehenden nicht sehen kann. Diese Quellen müssen entdeckt und ihre Lage genau bestimmt werden. Der Doctor nimmt an, dass sie nicht südlich von den Zuflüssen des Sees Bangweolo liegen. In seinem Briefe an den „Herald“ sagt er: „Diese vier ansehnlichen, wasserreichen Quellen, die so nahe beieinander entstehen und vier grossen Flüssen ihren Ursprung geben, entsprechen gewissermassen der Beschreibung Herodot’s, des Vaters aller Reisenden, die der Schreiber der Minerva in der Stadt Saïs in Aegypten von den unergründlichen Quellen des Nils gegeben hat.“

Für solche Leser, die das Original nicht zur Hand haben, füge ich hier die Uebersetzung[6] der Stelle aus Herodot bei:

Ueber die Quellen des Nils aber wollte keiner von denen, mit welchen ich darüber mich besprach, weder von den Aegyptiern, noch von den Libyern, noch von den Hellenen etwas sicheres wissen, ausser in Aegypten in der Stadt Saïs der Schreiber des heiligen Schatzes der Athene; dieser schien mir jedoch zu scherzen, wenn er behauptete, es genau zu wissen. Er sprach sich nämlich in folgender Weise darüber aus: es wären zwei Berge mit spitzauslaufenden Gipfeln, zwischen der Stadt Syene in der Thebais und zwischen Elephantine gelegen; der eine derselben hätte den Namen Krophi, der andere den Namen Mophi; mitten aus diesen Bergen strömten die Quellen des Nils in unergründlicher Tiefe; die eine Hälfte des Wassers fliesse in der Richtung nach Aegypten und gegen Norden zu, die andere aber nach Aethiopien hin und südwärts. Dass aber die Quellen unergründlich seien, das habe, so versicherte er, Psammetich, der König von Aegypten, zu versuchen unternommen; er habe nämlich ein Tau von vielen tausend Klaftern Länge flechten lassen und dasselbe dort hinabgelassen, ohne auf den Grund zu kommen. Ist dies nun wirklich der Fall gewesen, wie der Schreiber es erzählte, so liefert er nach meinem Ermessen damit den Beweis, dass dort gewaltige Wirbel und Gegenströmung sich befinden; weil nun das Wasser stets an den Bergen sich stösst, so konnte wol das hinabgeworfene Senkblei nicht auf den Grund kommen.

Von keinem andern konnte ich irgendetwas darüber erfahren, sondern nur soviel habe ich, soweit meine Forschung reichte, in Erfahrung gebracht, indem ich bis zur Stadt Elephantine selber als Augenzeuge gekommen bin, von da an aber nur vom Hörensagen berichten kann. Geht man von der Stadt Elephantine weiter aufwärts, so ist die Gegend steil; daher muss man hier an das Fahrzeug von beiden Seiten ein Tau anbinden, wie an einen Ochsen, und so die Reise machen; reisst es aber, so schiesst das Fahrzeug, von der Gewalt der Strömung getrieben, hinab; diese Gegend nimmt eine Fahrt von vier Tagen ein; der Nil hat hier viele Krümmungen, wie der Mäander; zwölf Schönen sind es, welche man auf diese Weise durchschiffen muss. Dann kommt man in eine ganz flache Gegend, in welcher der Nil um eine Insel herumfliesst, welche den Namen Tachompso führt; es bewohnen aber das Land von Elephantine aufwärts schon Aethiopier, sowie auch die Hälfte der Insel, die andere Hälfte bewohnen Aegyptier. An die Insel stösst ein grosser See, um welchen herum wandernde Aethiopier wohnen; hat man diesen See durchschifft, so kommt man in das Strombett des Nils, welcher in diesen See sich ergiesst; dann steigt man aus und nimmt den Weg längs des Flusses während vierzig Tagen; denn es ragen spitzige Felsen in dem Nil hervor und sind dort viele Klippen, durch welche die Schifffahrt unmöglich ist. Hat man nun dieses Land in den vierzig Tagen durchzogen, so besteigt man wieder ein anderes Fahrzeug und fährt auf demselben zwölf Tage lang; man gelangt sodann in eine grosse Stadt, welche den Namen Meroe führt. Diese Stadt wird für die Mutterstadt der übrigen Aethiopier ausgegeben; die darin Wohnenden verehren allein unter den Göttern den Zeus und Dionysos, und diese halten sie in grossen Ehren. Auch haben sie dort ein Orakel des Zeus: sie ziehen ins Feld, wenn der Gott durch einen Spruch es ihnen gebietet, und zwar dahin, wohin er gebietet.

Von dieser Stadt gelangt man zu den Automolen in der gleichen Zeit der Fahrt, in der man von Elephantine zu der Mutterstadt der Aethiopier gekommen ist. Diese Automolen (Ueberläufer) führen den Namen Asmah; es bedeutet aber dieses Wort nach der Sprache der Hellenen soviel als: die zur linken Hand dem Könige stehen. Es waren diese 24 Myriaden Aegyptier von der Kriegerkaste abgefallen zu den Aethiopiern aus folgender Ursache. Zur Zeit des Königs Psammetichus bestanden Wachen in der Stadt Elephantine nach der Seite Aethiopiens zu, und eine andere Wache in dem Pelusischen Daphnä nach der Seite Arabiens und Syriens und eine zu Marea nach Libyen zu. Noch zu meiner Zeit stehen an denselben Orten der Perser Wachen, wie sie zu Psammetichus’ Zeit standen; denn zu Elephantine wie zu Daphnä halten Perser Wache. Diese ägyptischen Krieger nun hielten drei Jahre lang Wache, ohne dass jemand sie ablöste; da beriethen sie sich miteinander, fassten dann den gemeinsamen Entschluss, von Psammetichus allesammt abzufallen, und zogen nach Aethiopien. Als Psammetich dies vernahm, verfolgte er sie, und als er sie eingeholt, bat er sie mit vielen Worten und forderte sie auf, doch nicht die vaterländischen Götter, sowie Weiber und Kinder im Stiche zu lassen. Da soll einer von ihnen auf seine Scham gezeigt und ausgerufen haben, wo nur diese sei, da würden sie schon Weiber und Kinder bekommen. Als sie nun nach Aethiopien gekommen waren, übergaben sie sich dem König der Aethiopier, der sie auf folgende Weise belohnte: er war gerade damals in Streit mit etlichen von den Aethiopiern gerathen, und nun forderte er sie auf, diese wegzujagen und ihr Land zu bewohnen. Nachdem sie auf diese Weise unter die Aethiopier eingebürgert worden waren, sind diese milder geworden, indem sie ägyptische Sitten angenommen.