Ruderboot auf dem Tanganika-See
AM TANGANIKA-SEE.

DREIZEHNTES KAPITEL.
UNSERE FAHRT AUF DEM TANGANIKA.

Unser Fahrzeug ein schwanker Nachen. — Sehr grosser hundeähnlicher Affe. — Die Fischer des Tanganika. — Fluss und Dorf Zassi. — Sondirungen des Sees. — Die Insel Nyabigma. — Störung beim Abendessen. — Feindseligkeit der Eingeborenen. — Krieg zwischen Mukamba und Warumaschanya. — Ein Mgwana behauptet, der Rusizi fliesse aus dem See. — Ich werde vom Fieber aufs Lager geworfen und vom Doctor gepflegt. — Mukamba widerspricht dem Bericht des Mgwana. — Massen von Krokodilen. — Ruhinga’s Kunde. — Das Ende des Sees und die Mündung des Rusizi. — Die Frage, ob der Rusizi in den See oder aus demselben fliesst, ist auf immer gelöst. — Der Doctor glaubt noch immer an einen Abfluss des Sees. — Burton’s und Speke’s weitester Punkt. — Zeichen von Unruhe in Mruta’s Dorfe. — Die New York-Herald-Inseln. — Cap Luvumba. — Ein Gefecht in Vorbereitung. — Der Sultan wird beruhigt. — Eine tragikomische Scene. — Rückkehr nach Udschidschi.

„Ich leugne es aufs bestimmteste, dass ich mich durch irgendwelche Instruction der Königl. Geographischen Gesellschaft in Bezug auf die Lage des Weissen Nils habe verleiten lassen, die grosse Bedeutung der Richtung des Rusizi-Flusses ausser Acht zu lassen. Es ist eine Thatsache, dass wir unser Bestes thaten, ihn zu erreichen, dass es uns aber nicht gelang.“

BURTONS Zanzibar.

„Das einstimmige Zeugniss der Eingeborenen, dass der Rusizi-Fluss ein Zufluss sei, ist der zwingendste Beweis dafür, dass er aus dem See herausfliesst.“

SPEKE.

„Ich beanspruche daher für den See Tanganika solange die Ehre, das südlichste Reservoir des Nils zu sein, bis ein positiverer, auf factische Beobachtungen gestützter Beweis es anders bestimmen wird.“

FINDLAY.

Hätten Livingstone und ich, nachdem wir uns entschlossen, das nördliche Ende des Sees Tanganika zu besuchen, uns durch die abgeschmackten Forderungen und Befürchtungen einer Schar Wadschidschi zwingen lassen, nach Unyanyembé zurückzukehren, ohne das Problem des Rusizi-Flusses gelöst zu haben, so hätten wir es gewiss verdient, in der Heimat mit allgemeinem Hohngelächter aufgenommen zu werden. Burton’s Miserfolge jedoch, der die Frage nicht erledigt hat, weil er Wadschidschi in seine Dienste genommen, und das damalige lächerliche Verhalten des wilden Häuptlings Kannena, dienten uns zur Warnung, von solchen Leuten für die Lösung eines geographischen Problems eine Unterstützung zu erwarten. Auch hatten wir ja eine hinreichende Zahl guter Matrosen bei uns, die ganz unter unsern Befehlen standen. Konnten wir uns daher nur ein Canoe verschaffen, so liess sich unseres Erachtens die Sache gut ausführen.

Nachdem wir uns also an Sayd bin Madschid gewandt, gestattete er uns in freigebiger Weise sofort den Gebrauch seines Bootes zu jedem beliebigen Zweck. Wir mietheten daher zwei Wadschidschiführer zu je zwei Doti und trafen unsere Vorbereitungen, etwa eine Woche nach meiner Ankunft, aus dem Hafen von Udschidschi abzureisen.

Ich habe schon mitgetheilt, weshalb Livingstone und ich die Untersuchung der nördlichen Hälfte des Tanganika und des Flusses Rusizi, über den so viel geschrieben und gesagt worden ist, unternahmen.

Ehe wir uns einschifften, hatte sich Livingstone noch nicht definitiv entschlossen, was er in seiner traurigen Lage thun solle. Seine Dienerschaft bestand aus Susi, Dschumah, Hamoydah, Gardner und Halimah, der Köchin, die mit Hamoydah verheirathet war. Zu diesen kam noch Kaif-Halek, der Mensch, den ich gezwungen hatte, mich mit Livingstone’s Briefen von Unyanyembé aus zu begleiten.

Wohin konnte sich Dr. Livingstone begeben mit diesen wenigen Leuten und dem geringen Rest von Zeugen und Perlen, der ihm noch von dem vom schwachköpfigen Scherif verschwendeten Vorrath übrig geblieben? Das war eine schwer zu lösende Frage. Wäre Dr. Livingstone bei guter Gesundheit gewesen, so hätte sie die ihm eigene Kühnheit und sein unbezwinglicher Muth kurz beantwortet. Er hätte sich einiges Zeug von Sayd bin Madschid, wenn auch zu einem enormen Preise, leihen können, das ausgereicht hätte, ihn nach Unyanyembé und der Seeküste zu bringen. Wie lange aber wäre er wol genöthigt gewesen, in Udschidschi zu bleiben und auf die Waaren zu warten, die für ihn in Unyanyembé liegen sollten? Wie lange wäre er von Erwartungen gefoltert worden, hätte er in der täglichen Hoffnung auf das Ende des Krieges und die Ankunft seiner Güter dort weilen müssen? Wer weiss, wie lange seine geschwächte Gesundheit gegen die zahlreichen Enttäuschungen, die ihm bevorstanden, Widerstand hätte leisten können?

Ich war so kühn, bei aller Dr. Livingstone’s grossen Erfahrungen als Reisender gebührenden Hochachtung, ihm folgende Wege vorzuschlagen, von denen er einen oder den andern annehmen konnte:

Erstens, nach Hause zu gehen und sich die so wohl verdiente Rast, der er damals sehr zu bedürfen schien, zu gönnen.

Zweitens, nach Unyanyembé zu ziehen, dort seine Güter in Empfang zu nehmen und hinreichend viel Pagazi zu miethen, um nach Manyuema oder Rua zu reisen und das Nil-Problem, das seiner Meinung nach der Lösung so nahe sei, zu erledigen.

Drittens, nach Unyanyembé zu gehen, dort seine Karavane in Empfang zu nehmen, Leute zu miethen und sich mit Sir Samuel Baker zu vereinigen, indem er nach Muanza marschirte und durch Ukerewe oder den Victoria-Nyanza in meinen Booten bis nach Mtesa’s Palast in Uganda segelte. Hierdurch würde er Mirambo und Swaruru von Usui vermeiden, die ihn sonst auf dem gewöhnlichen Karavanenwege nach Uganda berauben würden. Von Mtesa könnte er sich zu Kamrasi, dem König von Unyoro, begeben, wo er jedenfalls etwas über den grossen Weissen erfahren würde, der mit einer zahlreichen Mannschaft in Gondokoro sein sollte.

Viertens, nach Unyanyembé zu gehen, seine Karavane in Empfang zu nehmen, Leute zu miethen und nach Udschidschi, sowie über Uguhha nach Manyuema zurückzukehren.

Fünftens, über den Rusizi durch Ruanda und weiter nach Itara und Unyoro zu Baker zu gehen.

Auf jeder dieser Touren, welche ihm auch als die zweckmässigste erschiene, wollten ich und meine Leute ihm als Eskorte und Lastträger nach besten Kräften beistehen. Wenn er die Heimfahrt wählte, so würde ich stolz darauf sein, ihn zu begleiten und mich seinen Befehlen in Bezug auf Marsch- und Rasttage vollständig zu unterwerfen.

Sechstens schlug ich ihm als letzten Ausweg vor, sich von mir bis Unyanyembé begleiten zu lassen, wo er seine Waaren in Empfang nehmen, von mir grosse Vorräthe des allerbesten Tuches, vorzüglicher Perlen, Gewehre und Munition, Kochgeräthe, Kleider, Boote und Zelte erhalten und sich in einem bequemen Hause ausruhen könne, während ich an die Küste eilte, eine neue aus 50–60 treuen, gutbewaffneten Leuten bestehende Expedition organisirte und ihm durch dieselbe neue Vorräthe von erwünschten Genüssen in Gestalt von Naturalien zuschickte.

Nach langer Ueberlegung entschloss er sich, den letzten Weg einzuschlagen, da dieser ihm der beste, am leichtesten auszuführende zu sein schien, obwol er es nicht unterliess, sich über die unverantwortliche Apathie seines Agenten in Zanzibar zu beklagen, die ihm so viel Mühe, Verlegenheit und aufreibende Märsche von Hunderten von Meilen verursacht hatte.

Unser Schiff, ein zwar nur schwankes, aus dem edeln Mvule-Baum Ugomas ausgehöhltes Canoe, war eine afrikanische Argo, die auf eine edlere Unternehmung als ihr berühmtes griechisches Vorbild ausging, denn wir zogen nicht für schnöden Lohn nach einem goldenen Vlies aus, sondern um womöglich eine Heerstrasse für den Handel zu entdecken, welche die Schiffe vom Nil bis Udschidschi, Usowa und nach dem fernen Marungu führen könne. Wir konnten nicht wissen, was wir alles auf der Reise ans Nordende des Tanganika entdecken könnten, denn wir meinten, der Rusizi sei ein Ausfluss des Tanganika, der nach dem Albert- oder Victoria-Nyanza fliesse, da Eingeborene wie Araber uns sagten, der Rusizi fliesse aus dem See heraus.

Sayd bin Madschid hatte behauptet, sein Nachen könne 25 Mann und 3500 Pfd. Elfenbein tragen. Auf diese Kunde hin schifften wir 25 Leute ein, von denen mehrere sich Beutel mit Salz für den Handel mit den Eingeborenen eingepackt hatten. Als wir aber vom Ufer bei Udschidschi abstiessen, entdeckten wir, dass das Boot zu schwer beladen sei und bis an den Hauptbalken einsank. Wir kehrten daher ans Ufer zurück, luden sechs Leute und die Salzbeutel aus und behielten somit 16 Ruderer, den jungen Araber Selim, den Koch Feradschi und zwei Wadschidschiführer bei uns.

Nachdem wir so unser Boot in Ordnung gebracht, stiessen wir ab und steuerten auf die Bangwe-Insel zu, die 4–5 Meilen von dem Bunder von Udschidschi entfernt ist. Als wir dieselbe passirten, theilten uns unsere Führer mit, die Araber und Wadschidschi hätten während eines vor einigen Jahren stattgehabten Einfalls der Watuta, bei welchem diese eine Menge Einwohner in Udschidschi massacrirten, auf dieser Insel Schutz gesucht. Nur diejenigen, welche hierher geflohen waren, entkamen dem Feuer und Schwert, mit dem die Watuta Udschidschi heimgesucht hatten.

Nachdem wir an der Insel vorbeigefahren und den verschiedenen Biegungen und Einschnitten des Ufers gefolgt waren, kamen wir in Sicht der herrlichen Bai von Kigoma, die sofort als ausgezeichneter Hafen gegen die auf dem Tanganika herrschenden sehr veränderlichen Winde sich darstellt. Etwa um 10 Uhr vormittags fuhren wir ins Dorf Kigoma, da der Ostwind sich gerade erhob und uns in den See zu treiben drohte. Von Udschidschi nach Norden fahrende Reisende, die nicht sehr eilig sind, benutzen stets Kigoma als ersten Hafen für ihre Boote.

Mit dem nächsten Morgengrauen brachen wir unser Zelt ab, legten das Gepäck im Boot zurecht, kochten, tranken Kaffee und fuhren wieder weiter nach Norden.

Der See war ganz ruhig, sein dunkelgrünes Wasser spiegelte den heitern blauen Himmel wider. Flusspferde kamen in beunruhigende Nähe unseres Nachens, um Luft zu schöpfen und tauchten die Köpfe wieder unter, als ob sie mit uns Verstecken spielten. Als wir den hohen Waldhügeln von Bemba gegenüber und eine Meile vom Ufer entfernt waren, hielten wir die Gelegenheit für günstig, das Wasser zu sondiren, da die Farbe desselben auf eine bedeutende Tiefe schliessen liess. Hier fanden wir, dass sie 35 Faden betrug.

An diesem Tage fuhren wir dicht am Ufer entlang, an welchem eine schön bewaldete und von grünem Gras bekleidete Bergreihe sich sehr steil, fast jählings in die Tiefe des Sees herabsenkte, sich unmittelbar über uns thürmend und, als wir um die verschiedenen Vorgebirge und Vorsprünge fuhren, grosse Erwartungen neuer, wunderbarer Bilder erweckend, die sich unsern Blicken eröffnen würden, sobald die tiefen Einschnitte vor uns lagen. Auch wurden wir nicht enttäuscht, denn die Waldhügel mit ihren reichen schönbelaubten Bäumen, von denen viele aus ihrem Blütenschmuck unbeschreiblich süsse Düfte entsandten, erhoben ihre Häupter in mannichfaltigen Umrissen, hier als Pyramiden oder abgestumpfte Kegel, dort tafelförmig oder in kirchendachähnlichen Formen, dort wiederum als eine herrliche Masse mit glatten Umrissen oder wilden gezackten Contouren und alles dies bildete einen höchst interessanten Anblick. Die ausnehmend schönen Bilder am Ende der verschiedenen Buchten entlockten uns manchen Ausruf der Bewunderung. Bei mir war es sehr natürlich, dass ich die höchste Bewunderung für diese Reihenfolge herrlicher Naturgemälde empfand; nicht minder aber war dies auch bei Livingstone der Fall, obgleich man hätte annehmen können, dass er, von viel schönern, wunderbarem derart gesättigt, längst seinen Sinn für Naturschönheiten abgestumpft haben müsste.

Auf dem Wege von Bagamoyo nach Udschidschi hatte ich nichts gesehen, was sich dem vergleichen liesse, nichts von diesen Fischeransiedlungen unter dem Schatten von Palmen-, Platanen-, Bananen- und Mimosen-Hainen, oder Cassavagärten rechts und links von Palmenwäldern oder Plätzchen voll üppigen Korns, welche auf die ruhige Bucht niederschauten, deren stille Wasser am frühen Morgen die Schönheit der Berge widerspiegelten, die sie vor den tobenden, draussen wüthenden Stürmen schützten.

Offenbar glauben die Fischer sich in einer angenehmen Lage zu befinden. Der See bietet ihnen so viele Fische, wie sie wollen, mehr, als sie zu verzehren im Stande sind, sodass die Fleissigen viel verkaufen können. Die steilen Abhänge der Hügel, welche die Frauen bearbeiten, erzeugen viel Korn, z. B. Dourra und Mais neben Cassava, Erd- oder Erbsennüssen und süssen Kartoffeln. Die Palmen geben Oel und die Platanen herrliches Obst in reicher Menge. Die Schluchten und tiefen Gründe versehen sie mit hohen stattlichen Bäumen, aus denen sie ihre Canoes schnitzen. Die Natur hat sie mit allem aufs reichlichste versehen, was sich der Mensch für Herz und Magen nur wünschen kann. Wenn man sich diese Scenen, die sowol innerlich als äusserlich vollständig glücklich machen können, ansieht, überfällt den Beschauer wol der Gedanke, wie diese Leute nach der Heimat seufzen müssen, wenn sie, von den Arabern für ein paar Doti erkauft, durch die traurige, zwischen diesem Lande und der Seeküste liegende Wüste, nach Zanzibar gebracht werden, um dort Gewürznelken zu lesen oder als Lastträger zu arbeiten!

Als wir in die Nähe von Niasanga, unserm zweiten Lagerort, kamen, trat uns die Aehnlichkeit zwischen der Reihe malerischer Berge und Buchten mit ihrer Weide- und Ackerbau-Landschaft und den Küsten des alten Pontus lebhaft vor Augen. Wenige Minuten, ehe wir unser Boot ans Ufer zogen, ereigneten sich zwei kleine Zwischenfälle. Ich schoss nämlich einen sehr grossen Affen mit hundeähnlichem Gesicht, der von der Schnauze bis zum Ende des Schwanzes 4 Fuss 9 Zoll mass. Sein Gesicht war 8½ Zoll lang und er wog ungefähr 100 Pfund. Er hatte weder eine Mähne noch einen Büschel am Ende seines Schwanzes, sein Körper aber war von langem, borstigem Haar bedeckt. Wir sahen zahlreiche Exemplare dieser Gattung, wie auch kleinere mit Katzenköpfen und langen Schwänzen. Der zweite Vorfall war der Anblick einer grossen Eidechse von etwa 2½ Fuss Länge, die in ihren Schlupfwinkel forthuschte, ehe wir sie genau sehen konnten. Dr. Livingstone hielt sie für den Monitor terrestris.

Unter einem Bananenbaume schlugen wir unser Lager auf. Unsere Umgebung bestand aus dem jetzt dunkelgrauen Wasser des Tanganika, einem amphitheatralischen Bergzuge und dem Dorfe Niasanga, das an der Mündung des Flüsschens Niasanga liegt und von Palmenhainen, Platanendickichten und kleinen Korn- und Cassavafeldern eingeschlossen ist. In der Nähe unseres Zeltes befanden sich ungefähr ein halbes Dutzend grösserer und kleinerer den Dorfbewohnern gehöriger Canoes. Unser Zelt blickte auf die herrliche, von Lüftchen gefächelte Wasserebene, und in der Ferne auf Ugoma, Ukaramba und die Insel Muzimu, deren Berge und Höhenzüge tiefblau aussahen. Zu unsern Füssen befanden sich reine, in kleine Reihen und Haufen angeschwemmte Kieselsteine. Eine Untersuchung derselben offenbarte uns das Material der Berge, die sich hinter uns zur Rechten und Linken erhoben. Es war Thonschiefer und Conglomerat-Sandstein, harter weisser Lehm, ockerartiger Lehm, der viel Eisen enthielt, glatter Quarz u. s. w. Wenn wir zu unserm Zelt hinausblickten, konnten wir zu unsern beiden Seiten eine Reihe dicker hoher Binsen sehen, die gleichsam eine Hecke zwischen dem Ufer und dem Niasanga umgebenden bebauten Lande bildeten. Unter den hier vorkommenden Vögeln waren am bemerkenswerthesten die muntern Bachstelzen, die von den Eingeborenen als Friedensboten und von guter Vorbedeutung angesehen werden, daher jeder Schade, den man ihnen zufügt, sofort mit einer Strafe geahndet wird; sie bieten ja auch nur Böswilligen eine Verlockung zur Gewaltthätigkeit dar. Bei unserer Landung kamen sie uns entgegengeflogen und schwebten in der Luft vor uns her, sodass wir sie leicht mit den Händen hätten ergreifen können. Im übrigen kamen Krähen, Turteltauben, Fischhabichte, Königsfischer, Ibis nigra und Ibis religiosa, Reiher, Gänse, Stossvögel, Reisvögel, Meisen und Adler vor.

An diesem Ort litt Dr. Livingstone an Diarrhoe, was, wie er selbst sagte, sein einziger schwacher Punkt ist; später fand ich, dass er sehr häufig daran zu leiden hat. Jede Gemüthsbewegung oder Unregelmässigkeit beim Essen zeigte sich bei ihm in dieser Weise. Bei mir fand gerade das Umgekehrte statt. Wenn ich mich der Malaria aussetzte, in der Nähe eines schädlichen Sumpfes campirte oder Gemüthsbewegungen hatte, so bekam ich sofort sehr starke Verstopfung und bisweilen einen Wechselfieberanfall.

Der dritte Tag unserer Reise auf dem Tanganika brachte uns nach dem Fluss und Dorf Zassi, nachdem wir vier Stunden gerudert waren. An unserm Wege erhoben sich die Berge 2000–2500 Fuss über dem Wasser des Sees. Mir kam es vor, als ob die Landschaft bei jedem Schritt malerischer und belebter würde, und ich hielt sie für viel lieblicher als die Umgebung von Lake George oder am Hudson. Die traulichen Plätzchen am Ende der Bucht mit ihren stets schönen Federpalmen und breiten grünen Platanen geben wunderhübsche Bilder ab; sie sind alle von Fischern in Besitz genommen, deren conische, bienenkorbförmige Hütten aus dem Laube hervorblicken. Die Gestade sind sehr bevölkert und jede Terrasse, jedes kleine Plateau und Stückchen ebenen Bodens ist besetzt.

Zassi lässt sich leicht erkennen durch eine Gruppe kegelförmiger Hügel, welche sich in der Nähe desselben erheben und Kirassi heissen. Ihnen gegenüber, in einer Entfernung von ungefähr einer Meile vom Ufer, sondirten wir und fanden eine Tiefe von 35 Faden wie am Tage vorher. Eine Meile weiter konnte ich mit meinem 115 Faden langen Senkblei keinen Grund finden. Als ich es zurückzog, riss die Leine und ich verlor drei Viertel derselben mit dem Blei. Bei dieser Gelegenheit erzählte mir Livingstone, er habe eine Stelle, dem hohen im Süden von Udschidschi belegenen Kabogo gegenüber, sondirt und die grosse Tiefe von 300 Faden erreicht. Auch er verlor dabei sein Blei und 100 Faden Leine, hatte aber noch ziemlich 900 Faden übrig, welche sich im Boot befanden. Diese lange Lothleine hofften wir auf unserm Wege vom östlichen nach dem westlichen Ufer des Sees benutzen zu können.

Am vierten Tage kamen wir in Nyabigma an, einer sandigen Insel in Urundi. Wir hatten die Grenze zwischen Udschidschi und Urundi eine halbe Stunde vor Nyabigma passirt. Der Mschala-Fluss wird von beiden Nationen als die eigentliche Grenze angesehen, obgleich es einige Warundi gibt, die über die Grenze hinaus in Udschidschi eingewandert sind, z. B. der Mutware und die Dorfbewohner des volkreichen Kagunga, das eine Stunde nördlich von Zassi liegt. Auch gibt es kleine Abtheilungen von Wadschidschi, die das schöne Land in den Deltas der Flüsse Kasokwe, Namusinga und Luaba benutzt haben, von denen die beiden ersten in dieser Bucht, an deren Ende Nyabigma liegt, in den Tanganika fliessen.

Aus Nyabigma kann man eine recht schöne Aussicht geniessen auf die tiefe Bogenlinie der grossen Gebirgskette, die vom Cap Kazinga bis an das Cap Kasofu, 20 bis 25 Meilen weit läuft. Diese grosse, theils höckrige, theils kammartige, unregelmässige Gebirgslinie gibt eine höchst imposante Scene ab. Tiefe Schluchten und Klüfte bieten den zahlreichen, im Hintergrunde entspringenden Bächen und Flüssen Abfluss; weisse Wölkchen umhüllen fast immer den Gipfel des Gebirgs. Vom Fusse desselben erstreckt sich eine weite Alluvialebene, die über alle Beschreibung reich an Palmen, Platanen und schotenreichen Bäumen ist. Ueberall sieht man Dörfer in Gruppen. In diese Alluvialebene mündet der Luaba- oder Ruaba-Fluss, nördlich vom Cap Kitunda, sowie die Flüsse Kasokwe, Namusinga und Mschala auf der Südseite desselben. Die sämmtlichen Deltas der Flüsse, die sich in den Tanganika ergiessen, werden von allen Seiten von einem aus Matete, einer riesigen Grasart, und Papyrus gebildeten Dickicht eingehegt. In einigen derselben, wie z. B. denen des Luaba und Kasokwe, haben sich Moräste gebildet, in denen das Matete- und Papyrusdickicht undurchdringlich ist. In ihrem Innern befinden sich stille, tiefe Pfützen, die von verschiedenen Wasservögeln, wie z. B. Gänsen, Enten, Schnepfen, Speckenten, Königsfischern, Ibissen, Kranichen, Störchen und Pelikanen bewohnt sind. Ihren Aufenthaltsort zu erreichen ist jedoch für den auf Wild ausgehenden Jäger sehr schwer und oft sowol wegen der verrätherischen Natur dieser Moräste mit grosser Gefahr verbunden, als auch wegen der schrecklichen Fieberanfälle, die in diesen Gegenden immer auf Durchnässung der Füsse und Kleider erfolgen, bedenklich.

In Nyabigma bereiteten wir uns durch Austheilung von zehn Patronen an jeden unserer Leute auf einen Kampf mit den zwei Stationen weiter wohnenden Warundi für den Fall vor, dass sie uns durch ein zu naseweises Zurschautragen ihres Vorurtheils gegen Fremde dazu veranlassen sollten.

Mit dem Morgengrauen des fünften Tages verliessen wir den Hafen der Insel Nyabigma und befanden uns in nicht ganz einer Stunde auf der Höhe von Cap Kitunda. Dies ist eine ebene Platte von Conglomerat-Sandstein, die sich etwa acht Meilen vom Fusse der grossen Gebirgscurve erhebt, die dem Luaba und seinen Nachbarströmen den Ursprung gibt. Wir setzten über die tiefe Bai, an deren Ende das Delta des Luaba liegt und gelangten an das Vorgebirge Kasofu. In seiner Umgegend liegen zahlreiche Dörfer. Von hier aus erblickten wir eine Reihe von Vorgebirgen oder Spitzen, nämlich Kigongo, Katunga und Buguluka, die wir alle passirten, ehe wir in der schönen Gegend von Mukungu halt machten.

In Mukungu, wo wir am fünften Tage weilten, wurde uns Honga oder Tribut abverlangt. Das Tuch und die Perlen, von denen wir während unserer Fahrt auf dem See lebten, gehörte mir; da Dr. Livingstone aber der ältere, erfahrenere und wichtigste Mann unserer Gesellschaft war, lag es ihm ob, alle solche Anforderungen zu erledigen. Wie oft hatte ich mich nicht dieser langwierigen, peinvollen Aufgabe des Tributzahlens unterziehen müssen! Ich war daher sehr neugierig zu sehen, wie der grosse Reisende dies Geschäft abmachen würde.

Der Mateko (der Rangstufe nach weniger als ein Mutware) von Mukungu forderte uns 2½ Doti ab. So viel betrug die an uns bald nach Eintritt der Dunkelheit gestellte Forderung. Der Doctor fragte darauf, ob für uns nichts mitgebracht worden sei und erhielt zur Antwort: Nein, es sei jetzt zu spät, um irgendetwas zu bekommen; wenn wir aber den Tribut bezahlten, so sei der Mateko bereit, uns bei unserer Rückreise etwas zu geben. Hierüber lächelte Livingstone und sagte dem ihm gegenüberstehenden Mateko: „Wenn Ihr uns jetzt nichts geben könnt und so lange warten wollt, bis wir zurückkehren, so werden auch wir mit dem Honga bis dahin warten.“ Hierüber war der Mateko überrascht und protestirte gegen diesen Vorschlag. Wir bemerkten nun, dass er verdriesslich geworden und drangen in ihn, uns ein Schaf, ein einziges, kleines Schaf zu bringen, da unser Magen fast leer sei und wir mehr als einen halben Tag darauf gewartet hätten. Dieses Ersuchen ward auch von Erfolg gekrönt, denn der alte Mann eilte fort und brachte uns ein Lamm sowie einen Topf von zwölf Liter süsses, aber starkes Zogga (Palmweinpunsch), und dafür zahlte ihm Livingstone 2½ Doti Tuch. Das Lamm wurde geschlachtet und da wir bei guter Verdauung waren, bekam uns sein Fleisch sehr gut, doch hatten wir die Wirkungen des Zogga zu bedauern. Susi nämlich, der unschätzbare Diener Dr. Livingstone’s, und Bombay, der Führer meiner Karavane, waren mit der Bewachung unseres Canoes betraut; da sie aber zu viel von diesem berauschenden Punsch getrunken, schliefen sie sehr fest, und am Morgen hatten wir den Verlust mehrer werthvoller, unentbehrlicher Gegenstände zu bedauern, unter denen ich Livingstone’s 900 Faden lange Senkleine, 500 Stück Nadel-, Reifen- und Hohl-Patronen für meine Gewehre und 90 mir gleichfalls gehörige Musketenkugeln nenne. Ausser diesen uns gegen die feindlichen Warundi unentbehrlichen Dingen war ein grosser Sack Mehl und des Doctors ganzer Vorrath an weissem Zucker gestohlen. Dies war das dritte mal, dass mein Verlass auf Bombay mir einen bedeutenden Verlust verursachte und zum neunundneunzigsten mal hatte ich es bitter zu bereuen, so unbedingtes Vertrauen auf das ihm von Speke und Grant gezollte grosse Lob gesetzt zu haben. Nur die unwissenden Dieben eigene Furcht hatte die Wilden daran verhindert, das ganze Boot mit allem Inhalt zu nehmen und Bombay sowie Susi zu Sklaven zu machen. Ich kann mir lebhaft die freudige Ueberraschung der Wilden vorstellen beim Anblick und vortrefflichen Geschmack des Livingstone’schen Zuckers, sowie die Verwunderung, mit der sie die merkwürdige Munition der Wasungu betrachtet haben müssen. Hoffentlich haben sie sich nicht mit den explodirenden Kugeln und gereiften Patronen aus Unwissenheit über ihren tödlichen Inhalt Schaden gethan, sonst wäre der Kasten und sein Inhalt eine wirkliche Pandorabüchse für sie geworden.

Ueber unsern Verlust sehr misgelaunt setzten wir am sechsten Tage zur gewohnten Stunde unsere Wasserreise fort. Wir fuhren dicht an den niedrigen Landspitzen, die von den Flüssen Kigwena, Kikumu und Kisunwe gebildet werden, vorüber und steuerten, sobald eine Bucht interessant aussah, ihren Einschnitten nach. Während unserer Wasserreise brachte uns jeder Tag ähnliche Bilder. Zur Rechten erhoben sich die Gebirge von Urundi, die uns hin und wieder die Schluchten zeigten, durch welche die verschiedenen Flüsse und Bäche in den See traten. Am Fusse derselben lagen die Alluvialebenen, wo die Oelpalme und liebliche Platane blühten, unter deren Schatten Dutzende von Dörfern gruppirt waren. Hin und wieder kamen wir an langen, schmalen Streifen von kiesigem oder sandigem Uferlande vorbei, auf denen Marktplätze für den Fischverkauf und die Stapelproducte der verschiedenen Gemeinden improvisirt waren. Dann zogen wir an breiten Morästen vorüber, die durch die zahlreichen, aus den Bergen kommenden Bäche gebildet werden und auf denen Matete und Papyrus wuchert. Bald reichten die Berge mit ihren steilen Wänden dicht ans Wasser, bald traten sie in tiefen Einschnitten zurück, an deren Fuss eine Alluvialebene von einer Breite von 1–8 Meilen bestimmt zu sehen war. Fortwährend erblickte man Canoes, die dicht an der Brandung herfuhren und furchtlos der Möglichkeit einer Katastrophe Trotz boten, wie sie z. B. durch Umschlagen der Boote und Verspeisen der Bemannung von gefrässigen Krokodilen herbeigeführt werden könnte. Bisweilen zeigte sich uns ein Boot in geringer Entfernung vor uns, worauf unsere Leute, vom Chorgesang ermuntert, sich aufs äusserste anstrengten, es einzuholen. Wenn die Eingeborenen unsere Anstrengungen sahen, so verdoppelten auch sie die ihrigen und gaben zugleich, indem sie beim Rudern ganz nackt dastanden, reiche Gelegenheit, vergleichende Anatomie zu treiben. Dann wiederum sahen wir eine Gruppe Fischer, die in puris naturalibus faul dalagen und mit neugierigen Blicken die an ihnen vorbeifahrenden Nachen verfolgten. Ein anderes mal fuhren wir an einer Canoeflottille vorbei, deren Besitzer ruhig in ihren Hütten sassen und fleissig Haken und Ruthen anwandten oder ihre Netze auswarfen, oder an Leuten, die ihre langen Schleppnetze dicht am Ufer für einen Zug vorbereiteten. An einem andern Orte befanden sich furchtlos im Wasser spielende Kinder, deren Mütter unter dem Schatten eines Baumes mit Vergnügen zuschauten, woraus ich den Schluss zog, dass es in dem See, ausser in der Nachbarschaft der grossen Flüsse, nicht viel Krokodile gibt.

Nachdem wir die niedrige Landspitze von Kisunwe, die durch den Kisunwe-Fluss gebildet wird, umfahren hatten, kamen wir in Sicht des ungefähr 4–5 Meilen entfernten Cap Murembwe. Das dazwischen liegende Land ist ein flaches, sandiges, kieshaltiges Ufer. In der unmittelbaren Nähe desselben befinden sich Dörfer zu Dutzenden und das belebte Ufer zeigt die dichte Bevölkerung dieser Gegend an.

Ungefähr auf halbem Wege zwischen dem Cap Kisunwe und Murembwe befindet sich ein Haufen von Dörfern, der Bikari heisst und einen Mutware hat, der gewohnt ist, Honga zu nehmen. Da es uns unmöglich gemacht war, es auf längere Zeit mit einer feindlich gesinnten Gemeinde aufzunehmen, so vermieden wir alle Ortschaften, welche bei den Wadschidschi in bösem Rufe stehen. Doch selbst unsere Wadschidschiführer befanden sich bisweilen im Irrthum und führten uns mehr als einmal an gefährliche Orte. Offenbar hatten sie nichts dagegen, in Bikari halt zu machen, da es der zweite Lagerplatz von Mukungu ist; denn ihnen war das Halten im kühlen Schatten von Platanen dem Holzpuppen gleichen Sitzen in einem schwanken Canoe unendlich lieber. Ehe sie uns aber ihre Gründe auseinandersetzten, rief uns das Volk von Bikari mit lauter Stimme ans Ufer und bedrohte uns mit der Rache des grossen Wami, wenn wir nicht halt machten. Da diese Stimmen durchaus nicht sirenenhaft klangen, so verweigerten wir es hartnäckig, ihrer Aufforderung nachzukommen. Als jene ihre Drohungen als erfolglos erkannten, nahmen sie ihre Zuflucht zu Steinen und bewarfen uns mit denselben in eindringlichster Weise. Da ein Stein nur ein Fuss weit von meinem Arme vorbeiflog, so schlug ich vor, dass man ihnen dafür eine Kugel in die unmittelbare Nähe ihrer Füsse entsenden solle; Livingstone sagte zwar nichts dagegen, zeigte jedoch deutlich, dass er dies nicht ganz billige. Da uns diese Feindseligkeiten durchaus nicht angenehm waren und wir Zeichen derselben fast bei jedem Dorfe, an dem wir vorüberkamen, erblickten, so reisten wir weiter, bis wir nach der Spitze von Murembwe kamen, welches als Delta des gleichnamigen Flusses durch breites Dornendickicht, stachliges Rohr und dichte Buchen- und Papyrusbüsche so gut geschützt war, dass der kühnste Mrundi wol vor einem Angriffe zurückschrecken musste, namentlich wenn er daran dachte, dass sich jenseits dieses unwirthbaren Morastes die Gewehre von Fremdlingen befanden, die seine Leute in so roher Weise herausgefordert hatten. Wir zogen unsere Canoes ans Ufer und unser stets bereiter Koch Feradschi zündete auf einem kleinen Fleck reinen Sandes ein Feuer an und kochte uns einen prächtigen Mokkakaffee. Trotz der uns noch drohenden Gefahr waren wir sehr glücklich und würzten unser Mahl mit etwas Moralphilosophie, die uns unbewusst zu höhern Wesen machte, als die uns umgebenden Heiden, auf die wir jetzt, unter dem Einfluss des Mokka und der Philosophie, mit ruhiger Verachtung, die nicht ohne einen gewissen Grad von Mitleid war, hinabblickten. Der Doctor erzählte einiges aus seinem Leben unter ähnlich gesinnten Völkerschaften, unterliess es aber nicht, mit der Weisheit eines erfahrenen Mannes, solche Vorkommnisse dem unklugen Verhalten der Araber und Mischlinge zuzuschreiben. In dieser Ansicht stimmte ich rückhaltlos mit ihm überein.

Von der Murembwe-Spitze setzten wir nach Beendigung unseres Kaffeegenusses und des Gesprächs über Moral unsere Reise fort und steuerten auf Cap Sentakeyi los, welches wir, obwol es 8–10 Meilen entfernt ist, doch bis zur Dunkelheit zu erreichen hofften. Die Wangwana ruderten mit Macht; doch schon waren zehn Stunden verflossen und die Nacht kam heran und wir befanden uns noch immer sehr weit von Sentakeyi. Da es eine schöne Mondnacht und wir uns unserer gefährlichen Lage sehr wohl bewusst waren, so gingen sie darauf ein, noch ein paar Stunden weiter zu rudern. Ungefähr um 8 Uhr abends ruderten wir an einen verlassenen Fleck am Ufer, auf eine reine Sandbank, die etwa 30 Fuss lang und 10 Fuss breit war, von der sich eine Lehmwand 10–12 Fuss in die Höhe hob, während auf jeder Seite verwitterte Felsenmassen herumlagen. Hier konnten wir uns unseres Erachtens durch stilles Verhalten der Beobachtung und darausfolgenden Belästigungen auf einige Stunden entziehen und darauf, nachdem wir ausgeruht, unsere Reise fortsetzen. Unser Theekessel kochte und die Leute hatten sich ein kleines Feuer angezündet und ihre irdenen Töpfe mit Wasser zum Grützekochen gefüllt, als unsere Späher dunkle Gestalten unserm Bivouak zukriechen sahen. Nachdem wir sie angerufen, kamen sie sofort hervor und begrüssten uns mit der Formel der Eingeborenen „Wake“. Unsere Führer erklärten ihnen, dass wir Wangwana seien, bis zum Morgen dort zu campiren gedächten und, wenn sie etwas zu verkaufen hätten, uns freuen würden, mit ihnen am folgenden Tage in Handelsbeziehungen zu treten. Nach ihren Aeusserungen waren sie hierüber hocherfreut und entfernten sich, nachdem sie noch ein paar Worte gewechselt und versprochen hatten, am nächsten Morgen mit Nahrungsmitteln wiederzukehren und Freundschaft mit uns zu schliessen; wir hatten wohl bemerkt, wie sie genaue Beobachtungen in Bezug auf unser Lager machten. Als wir den Thee tranken, liessen uns unsere Späher wissen, dass sich wieder ein Trupp uns nähere, der in derselben Weise wie der erste uns begrüsste und aufmerksam beobachtete. Auch dieser entfernte sich in äusserst freudiger Stimmung, wie mir schien, und nach kurzer Zeit kam noch eine dritte Partie, welche es wie die frühern machte. Aus alle dem schlossen wir, dass die Neuigkeit sich rasch durch das Dorf verbreite. Auch hatten wir bemerkt, wie zwei Canoes mit mehr als gewöhnlicher und nöthiger Eile hin und zurück fuhren. Wir hatten guten Grund, argwöhnisch zu sein, denn es ist nicht gewöhnlich, dass sich die Bewohner der Länder zwischen Udschidschi und Zanzibar nach Eintritt der Dunkelheit unter irgendeinem Vorwand besuchen oder begrüssen. Nach Eintritt der Dunkelheit ist es niemand gestattet, um das Lager herumzuschleichen, ohne dass man auf ihn schiesst; und dieses Hin- und Hergehen, diese demonstrativen Freudenbezeugungen bei der Ankunft einiger Wangwana, einem Ereigniss, das in vielen Theilen von Urundi als etwas ganz gewöhnliches angesehen worden wäre, war sehr verdächtig. Während Livingstone und ich zu dem Schlusse kamen, dass diese Bewegungen doch wol Feindseligkeiten bedeuteten, kam eine vierte sehr laute und lärmende Abtheilung an und besuchte uns. Jetzt war unser Abendessen beendet und wir hielten es nun für hohe Zeit, zu handeln. Nachdem der vierte Besuch sich unter übermässigen Freudenbezeugungen entfernt hatte, schickten wir unsere Leute rasch ins Boot und nachdem wir alle, mit Einschluss der Wachen, Platz genommen, stiessen wir vom Lande ab, aber auch nicht einen Augenblick zu früh. Als nämlich das Canoe in dem herrschenden Zwielicht vorwärtsglitt, machte ich den Doctor auf mehrere dunkle Gestalten aufmerksam, von denen sich einige hinter zur Rechten liegenden Felsen verbargen, andere darüber hinwegkrochen, um bessere Positionen zu gewinnen. Gleichzeitig kamen von der Linken Leute in derselben verdächtigen Weise heran und alsbald rief uns eine Stimme von der Höhe der Lehmbank an, die über unsern eben verlassenen Ruheplatz hinüberragte. „Das war nett gemacht!“ rief Livingstone, als wir durchs Wasser schossen und die getäuschten Räuber hinter uns liessen. Hier wurde ich wiederum durch die blosse Anwesenheit des Doctors daran verhindert, ein paar gutgezielte Schüsse in die Menge hineinzusenden, um sie davor zu warnen, in Zukunft Fremde zu belästigen, weil ich dachte, dieser werde, wenn es nothwendig sei, nicht zögern, den Befehl dazu zu ertheilen.

Nachdem wir noch sechs Stunden gerudert und in der Zeit um Cap Sentakeyi gekommen waren, hielten wir an dem kleinen Fischerdorf Mugeyo, wo man uns unbelästigt schlafen liess. Mit dem Morgengrauen setzten wir unsere Reise fort und kamen ungefähr 8 Uhr morgens im Dorfe des freundlichen Mutware von Magala an. Wir hatten 18 Stunden nacheinander gerudert, was im Verhältniss von 2½ Meilen in der Stunde 45 engl. Meilen ausmachte. Bei der Aufnahme, die wir vom Lager am Cap Magala, einem der hervorragendsten Punkte im Norden von Udschidschi, von der Gegend machten, fanden wir, dass die grosse Insel Muzimu, die wir immer seit unserer Umfahrt um Cap Bangwe, unweit Udschidschi-Bunder, gesehen hatten, eine südsüdwestliche Richtung habe und dass das westliche Ufer sich bedeutend dem östlichen nähere. Die Breite des Sees betrug an diesem Punkte etwa 8–10 Meilen. Wir hatten einen schönen Blick auf die westlichen Hochlande, welche durchschnittlich 3000 Fuss über dem See zu liegen schienen. Der etwas nach Norden und Westen von Magala sich erhebende Luhanga-Pic konnte etwa 500 Fuss höher und der nördlich vom Luhanga liegende Sumburizi, wo Mruta, der Sultan von Uvira, dem Lande, das diesem Theile von Urundi gegenüberliegt, lebt, etwa 300 Fuss höher als die benachbarten Höhen sein. Nördlich vom Cap Magala zieht sich der See zwischen zwei Gebirgsketten hin, die beide an einem ungefähr 30 Meilen nördlich von uns belegenen Punkte zusammenstossen.

Die Warundi von Magala waren sehr höflich und gafften uns gründlich an. Sie sammelten sich um die Zeltthür und beobachteten uns hartnäckig, als ob wir Gegenstände des höchsten Interesses seien, die jedoch leicht auf immer plötzlich verschwinden könnten. Der Mutware kam in grossem Staat, spät am Nachmittag, um uns zu besuchen. Es war ein junger Mensch, der mir in der Menge der Gaffer durch sein stattliches Aussehen und seine schönen Zähne, die er, weil er das Lachen sehr liebte, beständig zeigte, aufgefallen war. Man konnte ihn nicht verkennen, obwol er jetzt mit vielen Elfenbeinzierathen, Halsbändern und schweren Messingringen um Hand- und Fussgelenk geschmückt war. Die Werthschätzung, die wir für ihn an den Tag legten, erwiderte er und gab uns für zwei Doti Tuch und ein Fundo Samsam ein schönes fettes breitschwänziges Schaf und einen Topf Milch. Beides war in unserer Lage ausserordentlich annehmbar.

Rast am Ufer des Tanganika-Sees
HALT IN MAGALA IN URUNDI.

In Magala hörten wir, dass ein Krieg zwischen Mukamba, nach dessen Land wir reisten, und Warumaschanya, dem Sultan eines Nachbarbezirks, wüthe, und man rieth uns, lieber zurückzukehren, wenn wir nicht beabsichtigten, einem dieser Häuptlinge gegen den andern beizustehen. Da wir aber ausgezogen waren, um das Problem des Rusizi-Flusses zu lösen, so hatten derartige Rücksichten kein Gewicht für uns.

Am achten Morgen nach unserer Abfahrt von Udschidschi sagten wir dem gastfreien Volke von Magala Lebewohl und begaben uns auf die Reise nach dem Lande Mukamba’s, welches in Sicht war. Bald nachdem wir die Grenze zwischen dem eigentlichen Urundi und dem Theile, der als Usige bekannt ist, überschritten hatten, erhob sich ein Sturm aus Südwesten. Das furchtbare Schwanken unseres Bootes in den Wogenthälern warnte uns, weiter zu fahren und wir wandten den Nachen nach dem ungefähr vier Meilen weiter nördlich gelegenem Dorfe Kisuka zu, wo das in Usige belegene Mugere anfängt. In Kisuka besuchte uns ein bei Mukamba lebender Mgwana und erzählte uns Einzelheiten über den zwischen Mukamba und Warumaschanya ausgebrochenen Krieg, aus denen hervorging, dass diese beiden Häuptlinge sich beständig in den Haaren lagen. Uebrigens ist es doch eigentlich eine nicht sehr blutige Art Krieg. Ein Häuptling nämlich macht einen Raubzug in das Land des andern, wobei es ihm glückt, mit einer Heerde Vieh abzuziehen und ein paar Leute, die er überrascht hat, zu tödten. Wochen oder auch Monate können vergehen, ehe der andere sich rächt und einen ähnlichen Fang thut, wodurch das Gleichgewicht wieder hergestellt wird, sodass keiner etwas gewonnen hat. Nur selten greifen sie sich mit Muth und Energie an, da der Afrikaner seiner Natur nach sehr gegen eine energische Kriegführung ist.

Dieser Mgwana gab uns auch auf unser Befragen weit interessantere Nachrichten, nämlich über den Rusizi. Denn er versicherte uns mit Kennermiene, die zu bezweifeln ein Zeichen grosser Dummheit sei, dass der Rusizi-Fluss aus dem See nach Suna’s (Mtesa’s) Lande fliesse. „Wo könnte er auch sonst hinfliessen?“ fragte er. Livingstone war geneigt, dieses zu glauben oder wollte wol mehr diese Behauptung auf sich beruhen lassen, bis sie durch Augenschein bestätigt sei. Ich hatte, wie ich dem Doctor sagte, mehr Neigung es zu bezweifeln. Erstens war die Nachricht zu gut, um wahr sein zu können, und zweitens erging sich der Mensch zu begeistert über diesen Gegenstand, der für ihn doch gar kein Interesse haben konnte. Seine „Barikallahs“ und „Inschallahs“ waren mir viel zu warm und seine Antworten stimmten viel zu sehr mit unsern Wünschen überein. Der Doctor legte aber grosses Gewicht auf den Bericht eines Mgwana, mit dem er im fernen Süden zusammengetroffen und der ihm mitgetheilt, der Grossvater oder Vater Rumanika’s, des jetzigen Königs von Karagweh, habe daran gedacht, das Bett des Kitangule-Flusses zu verbreitern, damit seine Nachen nach Udschidschi fahren könnten, um dort Handelsverbindungen anzuknüpfen. Aus diesem Umstande, der mit seinem oft ausgesprochenen und auch jetzt festgehaltenen Glauben, dass das Wasser des Tanganika irgendwo einen Abfluss habe, übereinstimmte, glaube ich, dass Livingstone dem Bericht des Mgwana zugethan war. Im weitern Verlauf jedoch werden wir sehen, zu welchem Ziele dies führte.

Am neunten Morgen nach unserer Abfahrt von Udschidschi passirten wir etwa zwei Stunden nach Sonnenaufgang das breite Delta des Mugere, eines Flusses, welcher seinen Namen auch der am östlichen Ufer belegenen Gegend gibt, über die Mukamba herrscht. Wir befanden uns gerade der südlichsten seiner drei Mündungen gegenüber, als wir einen grossen Unterschied in der Färbung des Wassers entdeckten, welche sich durch eine fast gerade östlich und westlich von der Mündung gezogene Linie gut markiren liess. Auf der Südseite befand sich reines, hellgrünes Wasser, auf der nördlichen war es schlammig und man konnte den Strom gerade nach Norden fliessen sehen. Bald nachdem wir die erste Mündung passirt, kamen wir an die zweite und dritte, von denen jede nur wenige Schritt breit ist, aber hinreichend viel Wasser entlässt, um uns zu gestatten, die Strömungen einige Ruthen nach Norden über ihre Mündungen hinaus zu verfolgen.

Ueber die dritte Mündung des Mugere hinaus zeigte sich eine Biegung, auf deren anderm Ufer sich eine Gruppe von Dörfern befand. Sie gehörten Mukamba und in einem derselben lebt dieser Häuptling selbst. Die Eingeborenen hatten noch nie einen Weissen gesehen und wir wurden natürlich bei unserer Landung von einer grossen Menge umgeben, sämmtlich mit langen Speeren bewaffnet. Dies sind ausser Knütteln und eines hin und wieder vorkommenden Beiles die einzigen Waffen, die man bei ihnen antrifft.

Man wies uns in eine Hütte, die Dr. Livingstone und ich gemeinsam einnahmen. Von dem, was sich an jenem Tage ereignete, habe ich nur eine dunkle Erinnerung, da ich zum ersten male, seitdem ich Unyanyembé verlassen, vom Fieber niedergeworfen wurde. Ich erinnere mich nur dunkel, dass ich den Versuch machte, Mukamba’s Alter zu bestimmen und bemerkte, dass er im ganzen stattlich aussehe und uns wohl geneigt sei. Während der Pausen der Qualen und Bewusstlosigkeit glaubte ich zu sehen, wie Livingstone sich auf mich zu bewegte, und zu fühlen, wie er mir den heissen Kopf und die brennenden Glieder liebevoll betastete. Ich hatte mehrere Fieberanfälle zwischen Bagamoyo und Unyanyembé erduldet, ohne dass irgend jemand mir Erleichterung von den langwierigen, marternden Kopfschmerzen gebracht, oder die trübe Aussicht, die nothwendig das Bett eines einsamen, kranken Reisenden umgibt, erhellt hätte. Obgleich aber das Fieber, von dem ich drei Monate lang frei gewesen, diesmal stärker als gewöhnlich auftrat, so war ich doch nicht sehr traurig darüber, da ich jetzt die liebevolle, väterliche Güte des vortrefflichen Mannes, dessen Kamerad ich war, genoss.

Am nächsten Morgen, nachdem ich vom Fieber etwas genesen und Mukamba mit einem aus einem Ochsen, einem Schaf und einer Ziege bestehenden Geschenk angekommen war, konnte ich den Antworten, welche er auf die Fragen über den Rusizi-Fluss und das Ende des Sees gab, meine Aufmerksamkeit schenken. Der stets muntere und enthusiastische Mgwana befand sich auch da und war durchaus nicht beschämt, als uns der Häuptling durch ihn sagen liess, dass der Rusizi, der sich in einer Entfernung von zwei Tagereisen zu Wasser, oder einer Tagereise zu Lande von der Spitze des Sees mit dem Ruanda oder Luanda verbinde, in den See fliesse.

So wurden unsere, durch die bestimmten und wiederholten Versicherungen, dass der Fluss aus dem See heraus nach Karagweh fliesse, erregten Hoffnungen ebenso schnell zu Schanden, wie sie erweckt worden waren.

Wir bezahlten Mukamba das aus 9 Doti und 9 Fundo Samsam, Lunghio und Muzurio N’zige bestehende Honga. Hier wären die gedruckten Taschentücher, deren ich in Unyanyembé so viele hatte, gut gegangen. Nachdem der Häuptling sein Geschenk erhalten, führte er seinen Sohn, einen hoch aufgeschossenen Jüngling von ungefähr 18 Jahren bei dem Doctor ein als einen Menschen, der gern von ihm adoptirt werden möchte. Dieser aber wies mit einem gutmüthigen Lachen alle solche Verwandtschaft von der Hand, da sie nur dazu bestimmt war, ihm noch etwas Tuch abzunehmen. Mukamba beruhigte sich dabei und bestand nicht darauf, mehr zu bekommen.

Am zweiten Abend unseres Aufenthalts bei Mukamba hatte sich Susi, der Diener Livingstone’s, infolge der freigebigen, reichlichen Gaben des Häuptlings an Pombé gründlich betrunken. Gerade beim Morgengrauen des nächsten Tages wurde ich durch ein scharfes, knallendes Geräusch erweckt. Ich horchte auf und bemerkte, dass der Lärm in unserer Hütte stattfand. Er rührte vom Doctor her, der um Mitternacht gefühlt hatte, wie sich jemand an seine Seite niedergelegt; da er glaubte, ich sei es, hatte er in freundlicher Weise Platz gemacht und sich auf den Rand seines Bettes gelegt. Als er aber am Morgen sich ziemlich kalt fühlte, wurde er ganz wach und entdeckte, als er sich auf seinen Ellenbogen stützte, um zu sehen, wer sein Bettkamerad sei, zu seiner grossen Verwunderung seinen schwarzen Diener Susi, der von seinen wollenen Decken Besitz ergriffen, sie in egoistischer Weise um sich gewickelt hatte und jetzt fast das ganze Bett einnahm. Der Doctor hatte mit der ihm eigenen Sanftmuth, statt sogleich einen Stock zu nehmen, sich daran genügen lassen, Susi auf den Rücken zu klopfen und ihm zu sagen: „Susi, steh auf, Du befindest Dich in meinem Bett. Wie kannst Du Dich in dieser Weise betrinken, nachdem ich es Dir schon so oft verboten? Steh doch auf! Du willst nicht? Da hast Du was!“ und damit gab er ihm einige Schläge mit der Hand. Susi aber schlief und schnarchte weiter. Daher fuhr der Doctor mit seinen Schlägen fort, bis selbst Susi’s dickes Fell sie zu fühlen anfing und er zu dem Bewusstsein erwachte, wie wenig liebevolle Hingabe für seinen Herrn darin liege, dass er dessen Bett usurpirt habe. Am nächsten Tage sah Susi wegen dieser Mittheilung seiner Schwäche an den „kleinen Herrn“, wie ich hiess, sehr niedergeschlagen aus.