In der Dämmerung des nächsten Tages setzten wir uns in unser Boot und ruderten über den See, nachdem Mukamba uns Lebewohl gesagt und gebeten hatte, sobald wir seinen Bruder Ruhinga, dessen Gebiet am Ende des Sees liege, erreicht hätten, ihm unsere Nachen zuzuschicken und mittlerweile zwei unserer Leute mit ihren Flinten bei ihm zu lassen, um seine Vertheidigung zu unterstützen, im Fall dass Warumaschanya ihn sofort nach unserer Abreise angriffe. In neun Stunden waren wir am Ende des Sees in Mugihewa, dem Lande Ruhinga’s, des ältern Bruders Mukamba’s, angekommen. Als wir dahin zurückblickten, wo wir hergekommen, bemerkten wir, dass wir, anstatt einen directen, ostwestlichen Curs einzuhalten, in der Diagonale von Südwesten nach Nordwesten gefahren seien. Mit andern Worten, wir waren von Mugere, welches wenigstens zehn Meilen vom nordöstlichsten Punkt der Ostküste entfernt ist, nach Mugihewa, das am nördlichsten Punkt der westlichen Küste liegt, gekommen. Wären wir längs der Ostküste um das nördliche Ufer des Sees gefahren, so wären wir bei Mukanigi, dem Lande des Warumaschanya, und Usumbura, dem des Simveh, seines Freundes und Verbündeten, vorbeigekommen. Durch unsere eben beschriebene diagonale Richtung hatten wir das äusserste Ende des Sees ohne irgendwelche Schwierigkeiten erreicht.
Das Land Mugihewa, in dem wir uns jetzt befanden, liegt im Delta des Rusizi-Flusses. Es ist ein sehr flaches Land, dessen höchster Punkt nicht zehn Fuss über dem See liegt, und hat zahlreiche Senkungen, die vom üppigsten Mateterohr und hochgeschossenen Papyrus bewachsen sind, sowie teichartige Vertiefungen, die, von stehenden Wassern erfüllt, massenweise Malaria-Ausdünstungen verbreiten. Grosse Viehheerden werden hier gezogen, denn wo der Boden nicht von Sumpfpflanzen bedeckt ist, erzeugt er gutes, kräftiges Gras. Die Schafe und Ziegen, namentlich erstere, sind immer in gutem Zustande und obgleich man sie nicht mit englischen oder amerikanischen vergleichen kann, so sind sie doch die schönsten, die ich in Afrika gesehen habe. Auf diesem Boden sieht man zahlreiche Dörfer, weil der dazwischen liegende Raum nicht von den üppigen wuchernden Dschungels, die in andern Theilen Afrikas gewöhnlich sind, besetzt ist. Nur die abessinische Euphorbia Kolquall, welche ein Häuptling hier zur Vertheidigung um die Dorfschaften hat anpflanzen lassen, hindert daran, von einem Ende von Mugihewa bis ans andere zu sehen. Das Wasser am Ende des Sees vom westlichen bis zum östlichen Ufer wimmelt von Krokodilen. Vom Ufer aus zählte ich zehn Krokodilköpfe und der Rusizi soll auch ganz voll davon sein.
Ruhinga, der uns bald nachdem wir in seinem Dorfe Quartier aufgeschlagen, besuchte, war ein sehr liebenswürdiger Mann, dem es stets gelang, irgendetwas zu sehen, das seine Lachlust reizte. Obgleich er etwa 5–6 Jahre älter als Mukamba war, — er selbst sagte, er sei 100 Jahre alt — hatte er nicht halb so viel Würde und wurde auch von seinem Volke nicht so sehr verehrt, wie sein jüngerer Bruder. Ruhinga kannte jedoch das Land besser, als Mukamba, hatte ein vorzügliches Gedächtniss und war im Stande, uns in intelligenter Weise Auskunft über dasselbe zu geben. Nachdem er uns als Häuptling die Honneurs gemacht und mit einem Ochsen und einem Schaf, nebst Milch und Honig beschenkt hatte, versuchten wir eifrig, so viel Kunde wie möglich von ihm zu bekommen.
Folgendes kann als der Hauptinhalt der von Ruhinga erhaltenen Nachrichten gelten:
Das an das Ende des Sees, im Osten an das eigentliche Urundi, im Westen an Uvira grenzende Land zerfällt in folgende Districte: erstens das von Mukamba beherrschte Mugere, durch welches sich die kleinen Flüsse Mugere und Mpanda in den See ergiessen. Zweitens das von Warumaschanya regierte Mukanigi, welches das ganze nordöstliche Ende des Sees einnimmt und durch das die kleinen Flüsse Karindwa und Mugera wa Kanigi in den See fliessen. Drittens liegt auf der östlichen Hälfte des am Ende des Sees befindlichen Gebietes das von Simveh, dem Freunde und Bundesgenossen Warumaschanya’s beherrschte Usumbura und erstreckt sich bis zum östlichen Ufer des Rusizi. Viertens zieht sich vom westlichen Ufer des Rusizi bis an das äusserste nordwestliche Ende des Sees Mugihewa, das Land Ruhinga’s. Fünftens liegt westlich von Uvira Ruwenga, welches sich nördlich an Mugihewa vorbeizieht, dasselbe bis an die Berge von Tschamati hin überragt und gleichfalls von Mukamba beherrscht wird. Jenseits Ruwenga, von den Bergen von Tschamati bis zum Fluss Ruanda, liegt das Land Tschamati. Westlich von Ruwenga liegt Uaschi, welches alle die Berge, die auf einem zweitägigen Marsch in jener Richtung liegen, einschliesst. Das sind die kleinern Unterabtheilungen des Gebiets, welches als Ruwenga und Usige bekannt ist. Ruwenga umfasst die Länder Ruwenga und Mugihewa; Usige die Länder Usumbura, Mukanigi und Mugere. Doch bilden alle diese Länder nur einen Theil von Urundi, welches alles Land in sich schliesst, das vom Mschala-Fluss im Osten bis nach Uvira im Westen den See begrenzt und sich zehn Tagereisen direct nördlich von dem Ende des Sees und einen Monat in nordöstlicher Richtung bis nach Murukuko, der Hauptstadt Mwezi’s, des Sultans von ganz Urundi, erstreckt. Gerade im Norden von Urundi befindet sich Ruanda, ebenfalls ein sehr grosses Land.
Der Rusizi-Fluss entsteht nach dem Berichte Ruhinga’s in der Nähe eines Kivo genannten Sees, der nach seiner Aussage so lang, wie von Mugihewa bis Mugere, und so breit wie von Mugihewa bis nach dem Lande Warumaschanya’s oder etwa 18 Meilen lang und 8 Meilen breit ist. Dieser See wird an seinen westlichen und nördlichen Ufern von Bergen umgeben. An der südwestlichen Seite eines dieser Berge entspringt der Rusizi, der zuerst ein kleiner rascher Bach ist. In seinem weitern Verlauf zum See nimmt er folgende Flüsse auf: Kagunissi, Kaburan, Mohira, Nyamagana, Nyakagunda, Ruviro, Rofubu, Kavimvira, Myove, Ruhuha, Mukindu, Sange, Rubirizi, Kiriba und schliesslich den Ruanda-Fluss, welcher der grösste von allen zu sein scheint. Der See Kivo führt seinen Namen von dem Lande, in dem er liegt. Auf der einen Seite befindet sich Mutumbi (wol das Utumbi von Speke und Baker); im Westen Ruanda; im Osten Urundi. Der Name des Häuptlings von Kivo ist Kwansibura.
Nach so vielen genauen Einzelheiten über den Fluss Rusizi erübrigte uns nur noch, ihn selbst zu sehen. Am zweiten Morgen nach unserer Ankunft in Mugihewa wählten wir zehn starke Ruderer aus und machten uns daran, das Ende des Sees und die Mündung des Rusizi zu erforschen. Wir fanden, dass das nördliche Ende des Sees von sieben breiten Buchten ausgezackt ist, von denen eine jede 1½–3 Meilen breit ist. Lange und breite Sandvorsprünge, die von Matete überwachsen sind, trennten jede Bai von der andern. Die erste, von Westen nach Osten anfangend, war im breitesten Theile, bis an den äussersten südlichen Punkt Mugihewa ungefähr drei Meilen breit und dient als Demarcationslinie zwischen dem Bezirke Mukamba’s Ruwenga und Ruhinga’s Mugihewa; die Länge derselben beträgt zwei Meilen. Die zweite Bucht war eine Meile von dem südlichen Ende von Mugihewa bis nach Ruhinga’s am Kopfe der Bucht belegenem Dorfe und nur noch eine Meile bis zu einer andern Sandzunge, an deren Spitze eine kleine Insel lag. Die dritte Bucht erstreckte sich fast eine Meile lang nach einer langen Düne, an deren Ende wiederum eine 1¼ Meile lange Insel lag, welche die westliche Seite der vierten Bucht bildet, an deren Spitze sich das Delta des Rusizi befindet. Diese vierte Bucht war an ihrer Basis ungefähr drei Meilen tief und zog sich eine halbe Meile weiter ins Land hinein als die übrigen. Sondirungen ergaben eine Tiefe von sechs Fuss, die sich einige hundert Schritt von der Hauptmündung des Rusizi gleichblieb. Der Strom war sehr trägfliessend und lief nicht mehr als eine engl. Meile in der Stunde. Obwol wir beständig unser Glas brauchten, um den Fluss aufzufinden, konnten wir den Hauptkanal desselben nicht eher sehen, als bis wir uns ihm auf 200 Schritt genähert hatten und ihn dann nur daran erkennen, dass wir beobachteten, aus welcher Mündung die Fischerboote herauskamen. Die Bucht hatte sich an diesem Punkte von zwei Meilen auf etwa 200 Meter Breite verengert. Wir forderten ein Boot auf, uns den Weg zu zeigen und aus blosser Neugier der Besitzer fuhr uns eine ganze Flottille von Canoes voran. Wir folgten und fuhren in einigen Minuten den Strom hinauf, der sehr rasch, aber nur ungefähr zehn Meter breit und ungemein seicht, nicht mehr als zwei Fuss tief war. Ungefähr eine halbe Meile ruderten wir hinauf, wo der Strom sehr stark war, 6–8 Meilen in der Stunde floss, und kamen weit genug, um die Natur desselben bei seiner Mündung beobachten zu können. Hier konnten wir sehen, dass er weiter wurde und sich in unzählige Kanäle spaltete, die an einzelnen Gruppen von Binsen und Matetegras vorüberströmten, und dass er wie ein Morast aussah. Wir waren den mittleren oder Hauptkanal hinaufgefahren. Der westliche Kanal war ungefähr acht Meter breit. Nachdem wir zur Bucht zurückgekehrt waren, bemerkten wir, dass der östlichste Kanal ungefähr sechs Meter breit und zehn Fuss tief, aber sehr träge sei. So hatten wir jede der drei Mündungen untersucht und unsern Zweifel über den Charakter des Rusizi als Aus- oder Zufluss erledigt. Jetzt war es nicht mehr nöthig, weiter hinaufzufahren, da sich im Flusse selbst nichts Erforschenswerthes befand.
Die Frage, ob der Rusizi ein Aus- oder Einfluss sei, ist auf immer beantwortet. In dieser Beziehung herrscht jetzt kein Zweifel mehr. An Grösse ist er mit dem Malagarazi-Flusse nicht zu vergleichen, auch kann er nur für die allerkleinsten Boote schiffbar gemacht werden. Das einzige Merkwürdige an ihm ist, dass er von Krokodilen wimmelt, wogegen kein einziges Flusspferd sich sehen liess. Dies kann gleichfalls als ein Beweis seiner Seichtheit gelten. Die Buchten im Osten des Rusizi sind ebenso gebildet wie die im Westen. Wenn man die Breite der verschiedenen Buchten von einer Spitze zur andern und der sie trennenden Dünen genau in Rechnung bringt, so kann der See ungefähr 12–14 Meilen breit sein. Hätten wir uns einfach daran genügen lassen, einen Blick auf seine Gestaltung und den Zusammenstoss der östlichen und westlichen Hügelkette zu werfen, so hätten wir behauptet, der See ende in einem Punkte, wie Kapitän Speke ihn auf seiner Karte gezeichnet hat. Die genauere Erforschung desselben hat aber diese Idee zu Schanden gemacht. Der Tschamati-Berg ist der äusserste nördliche Endpunkt der westlichen Kette und scheint bei oberflächlicher Untersuchung an die Ramata-Berge der östlichen Kette, die dem Tschamati gegenüberliegen, zu stossen; doch trennt ein etwa eine Meile breites Thal die beiden Höhenzüge und durch dieses fliesst der Rusizi dem See zu. Der Tschamati bildet zwar das Ende der westlichen Hügelkette, die östliche dehnt sich aber Meilen lang weiter nach Nordwesten hin. Nachdem der Rusizi aus dieser breiten Oeffnung herausgetreten, läuft er scheinbar als breiter, mächtiger Strom in hundert Kanälen durch eine weite, von ihm selbst gebildete Alluvialebene, bis er in der Nähe des Sees, wie oben beschrieben, nur durch drei Kanäle in denselben hineinfliesst.
Ich darf es nicht unterlassen, hier zu sagen, dass, obwol Livingstone und ich gegen den starken Strom des Rusizi, der rasch in den Tanganika fliesst, zu kämpfen gehabt haben, der Doctor doch der Ueberzeugung lebt, dass, welche Rolle auch der Rusizi spielen möge, der Tanganika doch irgendwo einen Ausfluss haben müsse, weil alle Süsswasserseen Ausflüsse haben. Livingstone kann seine Ansichten und Gründe hierfür viel besser als ich auseinandersetzen, und um nicht über den Gegenstand falsch zu berichten, will ich ihn ruhen lassen, bis Livingstone selbst Gelegenheit hat, sich darüber auszusprechen, was er vermöge seiner grossen Kenntniss Afrikas sachkundiger zu thun vermag.
Mir und, wie ich glaube, auch dem Doctor ist jetzt eins klar, dass nämlich Sir Samuel Baker den Albert Nyanza um einen, wenn nicht zwei Breitengrade wird verkürzen müssen. Dieser berühmte Reisende hat seinen See weit in das Gebiet der Warundi hineingezeichnet und Ruanda an sein östliches Ufer verlegt; während ein grosser Theil desselben, wenn nicht das ganze, nördlich von dem Theil gezeichnet werden müsste, den er auf seiner Karte als Usigé bezeichnet. Die Aussage eines so intelligenten Mannes wie Ruhinga ist nicht zu verachten; denn wenn der Albert-See bis auf hundert Meilen in die Nähe des Tanganika käme, so würde jener gewiss von seinem Dasein gehört haben, sogar wenn er ihn nicht selbst gesehen hätte. Ruhinga ist ursprünglich von Mutumbi gekommen und von diesem Lande nach Mugihewa, dem Bezirk, den er jetzt beherrscht, gereist. Er hat Mwezi, den grossen König von Urundi, gesehen und beschreibt ihn als einen etwa vierzigjährigen, sehr guten Mann.
Unsere Aufgabe war jetzt beendigt; es gab nichts mehr, was uns in Mugihewa zurückhalten konnte. Ruhinga war sehr freundlich gegen uns gewesen und hatte uns einen Ochsen nach dem andern zum Schlachten und Essen geschenkt. Dasselbe hatte Mukamba gethan. Ihre Frauen versahen uns reichlich mit Milch und Butter und wir hatten jetzt bedeutende Vorräthe davon.
Livingstone hatte eine Reihe von Breiten- und Längenbeobachtungen angestellt, nach denen Mugihewa auf 3° 19′ südl. Breite liegt.
Früh am Morgen des 7. December verliessen wir Mugihewa und kamen an dem südlichen Ende der Katangara-Inseln vorüber in die Nähe der Hochlande von Uaschi, dicht an die Grenzlinie zwischen dem Gebiete Mukamba’s und Uvira. Diese soll von einer weiten Schlucht gebildet werden, in deren Tiefen sich ein Hain schöner geradstämmiger Bäume befindet, aus denen die Eingeborenen Canoes verfertigen.
Am Kanyamabengu-Flusse vorbei, welcher dicht an dem Markt von Kirabula in den See fliesst, dem äussersten Punkte, wo Burton und Speke den Tanganika untersucht haben, steuerten wir südlich dem westlichen Ufer des Flusses entlang noch eine halbe Stunde weiter nach Kavimba, wo wir halt machten, um unser Frühstück zu bereiten.
Das Dorf, wo Mruta, König von Uvira, lebt, war von unserm Lager aus zu sehen, und da wir Leute die Berge häufiger auf- und absteigen sahen, als für uns von guter Vorbedeutung zu sein schien, beschlossen wir, unsere Fahrt nach Süden fortzusetzen. Ausserdem trafen wir eine trostlos aussehende Anzahl Wadschidschi, die einige Tage vor unserer Ankunft deshalb geplündert worden waren, weil sie, wie die Wavira glaubten, es versucht hatten, Hongazahlungen auszuweichen. Dergleichen Thatsachen und unsere Kenntniss von der allgemeinen im Lande herrschenden Unsicherheit, die von vielen in den Bezirken des Tanganika wüthenden Kriegen herrührten, bestimmte uns, nicht in Kavimba anzuhalten.
Ehe die Wavira sich versammelt hatten, begaben wir uns rasch in unser Boot und wandten uns nach Süden einem starken Winde entgegen, der gerade von Südwesten hertrieb. Nachdem wir etwa zwei Stunden, dem sich rasch erhebenden Sturm entgegen, anstrengend gerudert hatten, wandten wir unser Boot in eine kleine, ruhige, unter hohen Buchen fast verborgene Bucht und begaben uns für die Nacht ans Land.
Mit den uns umgebenden Gefahren vertraut und wohl wissend, dass der unversöhnliche Wilde unser schlimmster Feind sei, verwandten wir unsere ganze Kraft auf die Errichtung eines starken Zaunes von Dornbüschen, setzten uns darauf zum Abendessen und legten uns nieder. Vorher hatten wir jedoch Wachen für unser Boot ausgestellt, damit die kühnen Diebe von Uvira es nicht stehlen könnten, in welchem Falle wir in eine böse Lage gekommen wären.
Bei Tagesanbruch verliessen wir nach unserm einfachen, aus Kaffee, Käse und Dourra-Gebäck bestehenden Frühstück die Spitze Kukumba und steuerten noch einmal nach Süden. Obwol unsere Feuer die Aufmerksamkeit der scharfsichtigen, argwöhnischen Fischer von Kukumba auf sich gezogen, hatten sich unsere Vorsichtsmassregeln sowie die von uns ausgestellte Wache als wirksam gegen die Diebe von Uvira bewährt.
Auf unserer Weiterfahrt zeigten sich die westlichen Ufer des Sees als höher und kühner, wie die Waldhöhen von Urundi und die struppigen Erhebungen von Udschidschi. Zwischen den gekerbten Spitzen der vordern Berglinie zeigte sich ein dahinter liegender Höhenzug, der Vortrab der Berge, die sich weiter ins Land erheben, der eine Höhe von 2500–3000 Fuss über dem See erreichte. In den Einschnitten der vordern Gebirgsreihe streben einzelne Berge von bedeutender Höhe plötzlich steil empor und sind in landschaftlicher Beziehung höchst malerisch. Die meisten dieser Berge haben abgerundete, glatte oder auch tafelförmige Gipfel. Der Bergrücken, den sie bilden, lässt hie und da Vorsprünge von mehr allmählich absteigenden Contouren als Vorgebirge in den See treten. So oft wir um diese Punkte herumfuhren, nahmen wir mit dem Compass die Lage der Gegend auf und beobachteten die Richtung aller interessanten, hervorragenden Gegenstände. Oft werden diese Caps von Alluvialebenen gebildet, durch welche bestimmt ein Fluss fliesst. Diese hübschen Alluvialebenen, die von Süden, Westen und Norden von einem grossartigen Bergbogen umgeben werden, bieten eine üppige, bezaubernde Landschaft dar. Die Vegetation scheint hier von selbst zu wachsen. Gruppen der Palme Elaeis Guinensis hüllen ein dunkelbraunes Dorf ein; eine Reihe majestätischer, herrlich gewachsener Mvule-Bäume, eine weite von lebhaft grünen Sorghumstauden bedeckte Fläche, fallschirmartig belaubte Mimosen, ein schmaler Streifen weissen Sandes, auf welchen Boote der Eingeborenen weit ausserhalb des Bereiches der wogenden, unruhigen Brandung hinaufgezogen sind; Fischer, die träge im Schatten eines Baumes liegen: das sind die Scenen, welche sich uns auf der Fahrt in unserm Canoe auf dem Tanganika darboten. So oft wir von der Romantik solcher wilden Tropenlandschaft ermüdet waren, brauchten wir nur das Auge zu den grossen Gebirgsgipfeln zu erheben, die in düsterer Majestät rechts aus der Ferne herüberschauen; die leichten Zeichnungen der Federwolke zu beobachten, die ihre Gipfel streift und durch den Wind nach Norden getrieben wird; oder die Verwandlungen zu betrachten, welche die Wolken annehmen, wie sie aus diesen leichten Flocken in die dichtem, finstern Haufenwolken übergehen, den Vorläufer von Sturm und Regen, die sich bald in eine unheilschwangere Gruppe aufeinandergethürmter Alpen verwandeln und uns mahnen, dass der bisher brauende Sturm da und es Zeit sei, ein Unterkommen zu suchen.
Hinter Muikamba sahen wir verschiedene Gruppen von hohen Mvule-Bäumen. Bis nach Bemba hin werden die Berggipfel von den Wabembe bewohnt, wogegen die Wavira die Alluvialebenen längs des Flusses und der niedrigern Abhänge des Gebirges bebauen. In Bemba hielten wir an, um Stückchen von Pfeifenthon mitzunehmen in Uebereinstimmung mit dem Aberglauben der Wadschidschi, welche meinen, dass man eine gute, glückliche Ueberfahrt hat, wenn man nach dieser alten Sitte verfährt.
Hinter Ngovi kamen wir an eine tiefe Bucht, welche sich im Bogen bis zu dem zehn Meilen entfernten Cap Kabogi hinzieht. Nachdem wir etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt, gelangten wir an eine Gruppe von drei sehr steilen Felsinselchen, von denen die grösste etwa 300 Fuss Länge und 200 Fuss Breite an ihrer Basis hatte. Hier machten wir Vorbereitungen, um die Nacht zu bleiben. Die Inseln wurden von einem buntgefiederten alten Hahn, der als Sühnopfer für den Geist der Insel gehalten wurde, von einer kränklichen, gelb aussehenden Drossel, einem hammerköpfigen Storch und zwei Fischhabichten bewohnt, welche, als sie entdeckten, dass wir von dem Orte Besitz genommen, der ihnen nach frommer Sitte vorbehalten war, auf die westlichste Insel fortflogen, von wo aus sie uns feierlich von ihren Horsten weiter beobachteten.
Da wir den Namen dieser Inseln Kavunvweh nur mit Mühe aussprechen konnten, nannte sie Livingstone, da er glaubte, dass sie die einzige von uns zu machende Entdeckung sein würden, die „New York-Herald-Inseln“ und bekräftigte mir diesen neuen Namen durch einen Händedruck. Durch sorgfältigen Ueberschlag wurde ihre Lage als auf 3° 41′ südl. Breite befindlich festgestellt.
Der Gipfel der grössten Insel war sehr geeignet zur Aufnahme der Gegend, und wir benutzten diese Gelegenheit, da wir einen sehr ausgedehnten Rundblick auf den breiten, länglichen See und die denselben umgebenden hohen Gebirgszüge genossen. Die Ramata-Berge zeigten sich deutlich und lagen nordnordöstlich davon; Cap Katanga Südost zu Süd; Sentakeyi ostsüdöstlich; Magala Ost zu Nord; der südwestliche Punkt der Muzimu-Insel zeigte nach Süden, der nördliche nach Südsüdost.
Mit dem Morgengrauen des 9. December bereiteten wir uns auf unsere Weiterreise vor. In der Nacht waren wir einigemal von Fischern besucht worden, die jedoch durch unsere ängstliche Wachsamkeit am Raube verhindert worden waren. Es schien mir aber, dass die Bewohner des andern Ufers, die uns besuchten, eifrig auf eine Gelegenheit warteten, über unser Boot herzufallen oder uns persönlich als Beute fortzuschleppen. Durch diesen Gedanken wurden unsere Leute bedeutend beunruhigt, wenn man nach der Energie, mit der sie von unserm letzten Lagerplatze fortruderten, urtheilen darf.
Am Cap Kabogi kamen wir in das Gebiet der Wasansi. Dass wir einem andern Stamm uns gegenüberbefanden, erfuhren wir durch die Begrüssungsformel „Moholo“, die uns eine Gruppe Fischer zurief. Die Begrüssung der Wavira heisst nämlich „Wake“, ebenso wie auch in Urundi, Usige und Uhha.
Bald darauf kamen wir in Sicht von Cap Luvumba, einem absteigenden Vorsprung eines Gebirgsrückens, der weit in den See hineinragt. Da ein Sturm im Anzuge war, steuerten wir in eine gemüthliche, kleine Bucht, die vor einem Dorfe lag, zogen unsern Nachen aus dem Wasser, schlugen das Zelt auf und bereiteten uns für die Nacht vor.
Da die Eingeborenen ruhig und höflich zu sein schienen, hatten wir keinen Grund, anzunehmen, dass sie gegen Araber und Wangwana feindselig gesinnt seien. Wir liessen also unser Frühstück kochen und legten uns darauf, wie gewöhnlich, zu einem Nachmittagsschläfchen hin. Bald schlief ich ein und träumte in meinem Zelt, ohne von dem Streit und Zank, der, seitdem ich mich gelegt, entstanden war, etwas zu ahnen, als ich eine Stimme mir zurufen hörte: „Herr, Herr! stehen Sie rasch auf, soeben fängt ein Kampf an!“ Ich sprang auf und spazierte, nachdem ich meinen Revolvergürtel rasch vom Flintenständer genommen, hinaus. Wirklich schien eine erhebliche Feindseligkeit zwischen den beiden Parteien, nämlich einer lärmenden, rachsüchtig aussehenden Anzahl Eingeborener und unsern Leuten zu bestehen. Sieben oder acht der Unsrigen hatten sich hinter dem Boot versteckt und ihre geladenen Gewehre halb auf die leidenschaftlich erregte Masse gerichtet, die jeden Augenblick sehr an Anzahl zunahm; den Doctor aber konnte ich nirgends sehen.
„Wo ist der Doctor?“ fragte ich.
„Er ist mit seinem Compass über jenen Berg gegangen“, sagte Selim.
„Ist jemand bei ihm?“
„Susi und Dschumah.“
„Bombay, schicke sofort zwei Leute an den Doctor, damit er hierher eile.“
Doch gerade in diesem Augenblick erschien er und seine beiden Leute auf dem Abhang eines Berges und blickte in ruhiger Weise auf die tragikomische Scene, die das kleine Becken, in welchem wir lagerten, darbot. Denn trotz des ernstlichen Aussehens derselben mischte sich wirklich manches Komische hinein, da ein nackter, vollständig betrunkener Jüngling, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, den Boden mit seinem einzigen Lendentuche schlug und wie ein Toller schrie und wüthete. In seiner eigenen vorzüglichen Sprache schwor er hoch und theuer, kein Mgwana oder Araber dürfe sich auch nur einen Augenblick auf dem geheiligten Boden von Usansi aufhalten. Auch sein Vater, der Sultan, war ebenso betrunken wie er, aber nicht ganz so heftig in seinem Betragen.
Mittlerweile kam Livingstone herab und Selim hatte mein gezogenes Winchestergewehr gefüllt mit Patronen in meine Hand gesteckt. Ruhig erkundigte sich der Doctor, was vorläge, und erhielt von den Wadschidschiführern die Antwort, die Leute wünschten, dass wir fortzögen, da sie Feinde der Araber seien, weil der älteste Sohn des Sultans von Muzimu, der grossen fast gegenüberliegenden Insel, von einem Belutsch namens Khamis in Udschidschi zu Tode geprügelt worden sei, als der junge Mensch es gewagt, in den Harem des andern hineinzusehen. Seit der Zeit sei der Friede zwischen den Wasansi und Arabern gebrochen.
Nach Berathschlagung mit den Führern kamen wir zu dem Schluss, dass es besser sei, den Versuch zu machen, den Sultan durch ein Geschenk zu beruhigen, als sich durch die überspannte Laune eines betrunkenen Jungen beleidigt zu fühlen. Dieser hatte in seiner unsinnigen Wuth den Versuch gemacht, einen meiner Leute mit einer Sichel, die er bei sich trug, zu verletzen. Dies galt als Kriegserklärung und die Soldaten waren zum Kampf bereit; es lag jedoch keine Nothwendigkeit vor, sich mit dem betrunkenen Pöbel in einen Kampf einzulassen, der, wenn wir es gewünscht, mit unsern blossen Revolvern von der Stelle hätte verscheucht werden können.
Der Doctor entblösste seinen Arm und sagte, er sei weder Mgwana noch Araber, sondern ein Weisser; die Araber und Wangwana unterschieden sich von uns durch die Farbe. Wir Weissen seien in jeder Beziehung andere Menschen, als die, welche sie zu sehen gewohnt seien. Kein Schwarzer habe je von einem Weissen etwas zu leiden gehabt. Diese Rede schien eine grosse Wirkung hervorzubringen, denn es bedurfte nicht vieler Worte, um den betrunkenen Jüngling und seinen ebenso berauschten Vater zu bewegen, Platz zu nehmen und ruhig zu sprechen. In ihrer Unterhaltung mit uns bezogen sie sich häufig auf Mombo, den Sohn Kisesa’s, des Sultans von Muzimu, der in brutaler Weise ermordet worden sei. „Ja, brutal ermordet!“ riefen sie wiederholt in ihrer eigenen Sprache aus, indem sie durch eine ausdrucksvolle Pantomime andeuteten, wie der unglückliche Jüngling gestorben sei.
Livingstone setzte seine Unterhaltung mit ihnen in milder, väterlicher Weise fort und eben liessen ihre lauten Proteste gegen die Grausamkeit der Araber nach, als der alte Sultan plötzlich aufstand, in sehr aufgeregter Weise hin und herlief, sein Bein auf dieser Wanderung absichtlich mit der scharfen Spitze seines Speeres verletzte und dann ausrief, die Wangwana hätten ihn verwundet!
Bei diesem Ausruf ergriff die Hälfte der versammelten Menge schleunigst die Flucht; ein altes Weib jedoch, das einen starken Stab trug, auf dessen Spitze das Bild einer Eidechse eingeschnitzt war, begann den Häuptling mit der ganzen Macht ihrer beweglichen Zunge zu schimpfen und ihm vorzuwerfen, er wünsche, dass sie alle getödtet würden. Andere Weiber kamen dazu und riethen ihm gleichfalls, ruhig zu sein und das Geschenk anzunehmen, das wir ihm gern geben wollten.
Offenbar gehörte nicht viel dazu, um alle in dem kleinen Thal anwesenden Leute zu einem blutigen Streit zu veranlassen. Das milde, geduldige Betragen Livingstone’s bewirkte jedoch vor allen Dingen, dass Blutvergiessen verhindert wurde, solange noch die geringste Aussicht für eine freundschaftliche Beilegung des Streites bestand, und schliesslich siegte es ob und es gelang, sowol den Sultan als seinen Sohn in froher Stimmung fortzuschicken.
Während der Doctor sich mit ihnen unterhielt und ihre wilden Leidenschaften zu beschwichtigen versuchte, liess ich das Zelt abbrechen, die Boote ins Wasser bringen und das Gepäck besorgen; und als die Verhandlungen freundschaftlich geschlossen waren, bat ich den Doctor ins Boot zu springen, da dieser Friede anscheinend nur eine Ruhe vor dem Sturm bedeute. „Ausserdem,“ sagte ich, „befinden sich etliche Feiglinge in unserm Boot, die im Fall einer abermaligen Störung sich nicht besinnen würden, uns beide hier zu lassen.“
Von Cap Luvumba fingen wir ungefähr um ½5 Uhr nachmittags an, quer über den See zu rudern; um 8 Uhr befanden wir uns gegenüber Cap Panza, dem nördlichen Ende der Insel Muzimu; um 6 Uhr morgens waren wir südlich von Bikari und ruderten auf Mukungu in Urundi los, wo wir um 10 Uhr morgens, nach einer 17½stündigen Ueberfahrt über den See ankamen, der, wenn man die Stunde zu 2 Meilen rechnet, in directer Entfernung etwa 35 engl. Meilen breit sein und dessen Länge vom Cap Luvumba bis hierher etwas mehr als 43 Meilen betragen kann.
Am 11. December kamen wir nach siebenstündigem Rudern wieder im malerischen Zassi an; am 12. in der südlichen Bucht von Niasanga, und um 11 Uhr vormittags waren wir um Bangwe gefahren und Udschidschi lag vor uns.
Still, ohne wie gewöhnlich Flinten abzuschiessen, da wir wenig Pulver und Kugeln hatten, fuhren wir in den Hafen. Bei unserer Landung kamen unsere Soldaten und die arabischen Grossen an den Rand des Wassers, um uns zu begrüssen.
Mabruki hatte viel zu erzählen, was in unserer Abwesenheit geschehen war. Dieser treue Mensch, der als Wache für Livingstone’s Haus zurückgelassen worden war, hatte sich vorzüglich aufgeführt. Kalulu hatte sich verbrüht und zeigte infolge dessen eine schrecklich aussehende Brandwunde auf seiner Brust. Mabruki hatte Marora in Ketten gelegt, weil er einen der Esel verwundet; der stotternde Feigling Bilali, ein Kerl, der stets den Weibern etwas vorrenommirte, hatte einen Tumult auf dem Marktplatz erregt und war von Mabruki tüchtig mit dem Stock bearbeitet worden. Vor allem willkommen war mir ein Brief des amerikanischen Consuls in Zanzibar vom 11. Juni, welcher Telegramme aus Paris vom 22. April desselben Jahres enthielt. Der arme Livingstone rief aus: „Und ich habe keine. Wie angenehm ist es, einen wirklich guten Freund zu besitzen!“
Unsere Reise auf dem Tanganika hatte 28 Tage gedauert, während welcher Zeit wir mehr als 300 Meilen zu Wasser zurückgelegt hatten.