Dieses Schriftstück hat in seinen Konsequenzen wohl mehr Kummer und Not über die Christenheit gebracht, als irgend ein Krieg oder die schlimmste Seuche.

Deutlich geht aus ihm hervor, daß man mit der Inquisition mancherorts keineswegs einverstanden war, daß sich also bereits im Volke Kräfte regten, die diesen Unsinn abschütteln wollten und daß der Papst es war, der mit seiner ungeheuren Autorität für diese Dummheit eintreten mußte um zu verhüten, daß die Vernunft damals schon siegte.

Übrigens war die Erfindung des Mann-Teufels und Weib-Teufels schon dem grüblerischen Geiste des gefeierten und für seine Zeit auch gewiß feiernswerten Thomas von Aquino gelungen. Daß das Papsttum für diese Ausgeburt einer verderbten mönchischen Phantasie die volle Verantwortung übernahm, geht klar aus obiger Bulle hervor.

Doch fortzeugend sollte sie Böses stiften, praktisch und theoretisch. Wir können auf eine Schilderung der Greuel des Hexenprozesses, der unermeßlichen Leiden, die dieser Wahn über die Menschheit brachte, umso eher hier verzichten, als wir an anderer Stelle[3] die Materie eingehend behandelten. Zudem war die Art der Verfolgung nichts weniger als dumm, sondern im Gegenteil sehr raffiniert. Dumm waren die Voraussetzungen, die zur Hexenverfolgung führten, brutal und jeder Menschlichkeit Hohn sprechend aber die Art der Durchführung.

Wenden wir uns nunmehr der theoretischen Ausbildung zu, die diese Lehre unter dem mächtigen Schutz des Papsttums finden sollte.

Institoris und Sprenger, »unsere geliebten Söhne«, wie sie der Papst nennt, die fluchwürdigsten Scheusale und wahnwitzigsten Narren, wie wir sie heißen möchten, haben ihre Namen für ewige Zeiten mit der Teufels- und Hexenlehre unlöslich verbunden. Gegen sie müssen ein Dschingis Chan, ein Timur, ein Alba und Caligula geradezu harmlos genannt werden, hörte doch mit deren Tode auch ihr Treiben auf, während dem »Hexenhammer« der Hydra gleich stets neue Köpfe wuchsen.

Die beiden Dominikanermönche könnten selbst uns zum Teufelsglauben bekehren. Denn die Hochachtung vor der Menschheit sträubt sich gegen die Annahme, daß ohne höllische Einflüsse ein Werk wie ihr »Hexenhammer« (Malleus maleficarum) das Licht des Tages erblicken konnte. Fast alles, was seit Erscheinen dieses wahrhaft teuflischen Buches über die Materie geäußert wurde, geht direkt oder indirekt auf diese Quelle zurück. Seiner verpestenden Wirkung können sich selbst Geister wie Pico della Mirandola, der in seiner Rede von der Würde des Menschen so wundervolle Gedanken entwickelt[4], nicht entziehen. Der Dichter Fischart, ein Protestant, gibt das Buch neu heraus, Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien widmen ihre unsterbliche Kunst diesem Vorstellungskreise. Noch auf den bayerischen Kodex Maximilianeus von 1751 erstreckt sich die unheilvolle Wirkung dieses grausigen Werkes.

Betrachten wir den Inhalt, wie ihn Hoensbroech in bisher nicht erreichter Vollständigkeit übermittelt[5].

Das Buch bejaht die Frage, daß es eine Schwarzkunst gibt, und der Teufel mit dem Schwarzkünstler zusammen wirke. Daß es sich nicht um Einbildung handelt, beweist nach der Ansicht der Verfasser die Bulle Summis desiderantes. Hier ist also mit wünschenswerter Deutlichkeit der Papst, der ja auch das Werk selbst approbierte, als Quelle und Eideshelfer angeführt.

Die dritte Frage lautet: Können durch Inkubi und Sukkubi Menschen erzeugt werden? Hierbei ist erklärend zu bemerken, daß die Daemones incubi in der bis heute gültigen katholischen Terminologie jene Teufel sind, die sich in menschlicher Gestalt mit anderen Menschen fleischlich vergehen, indem sie als Männer mit Frauen (»Drauflieger«) Unzucht treiben, während die succubi beim Geschlechtsakt die weibliche Rolle spielen.

Natürlich wird die Frage bejaht. »Die Behauptung, durch Inkubi und Sukkubi können Menschen erzeugt werden, ist so katholisch, daß ihre Leugnung den Aussprüchen der Heiligen, der Überlieferung und der hl. Schrift widerstreitet«. Und zwar übt der Teufel nicht um der fleischlichen Ergötzung willen die Unzucht aus, sondern um dadurch die menschliche Natur in ihren beiden Bestandteilen, Mann und Weib, am schwersten zu schädigen. Der hl. Thomas lehrt, daß der männliche Teufel (incubus) unter Gottes Zulassung den nötigen Samen von einem Manne entnehmen kann, um ihn im Beischlaf zu übertragen! Gewisse Teufel schrecken wegen der Vornehmheit ihrer Natur vor gewissen unzüchtigen Handlungen zurück! Vielmehr werden diese von den untersten Teufeln ausgeführt. Genealogisch gehen diese Teufel auf die untersten Engel zurück. Der oberste Teufel heißt Asmodeus.

In der sechsten Frage, warum die Schwarzkunst bei den Frauen verbreiteter sei als bei den Männern, wozu bemerkt wird, daß sich dieser Gegenstand gut für Predigten an die Frauen eignet, wird über die Frauen folgendes Urteil gefällt: »Was ist denn auch das Weib anders, als eine Vernichtung der Freundschaft, eine unentfliehbare Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, ein begehrenswertes Unheil, eine häusliche Gefahr, ein reizvoller Schädling, ein Naturübel mit schöner Farbe bestrichen?«

Wurde je niedriger über das Weib geurteilt, als hier von einer durch die höchste kirchliche Autorität sowie die Approbation der theologischen Fakultät in Köln gestützten Stelle?

Auf den Blödsinn, der hier über die Minderwertigkeit der Frauen vorgebracht wird, näher einzugehen, verlohnt sich nicht. Um aber das Niveau der Beweisführung zu kennzeichnen, sei nur folgender ethymologischer Scherz angeführt: Das Wort Femina (Frau) ist aus fe (fides, Glaube, Treue) und minus (weniger) zusammengesetzt, denn das Weib hat stets weniger Glauben und wahrt weniger die Treue, als der Mann! Solche Ethymologien finden sich im »Hexenhammer« noch mehrere. So versichern die Verfasser an anderer Stelle (p. 65), daß maleficiendo aus male de fide sentiendo herzuleiten sei. Das beweist natürlich die Synonymik bzw. Idendität des Mannes, der über den Glauben schlecht urteilt, des Ketzers, mit dem Übeltäter schlechthin!

Es wird dann weiter gefragt und bejaht, daß die Schwarzkünstler Menschen zu Liebe oder Haß bewegen können, daß sie den ehelichen Akt verhindern, die Kriterien werden untersucht, aus denen zu entnehmen ist, ob das geschlechtliche Unvermögen auf Schwarzkunst oder natürlichen Mangel zurückzuführen ist.

Die neunte Frage: Können Hexen das männliche Glied durch Zauberei so behandeln, als sei es vom Leibe getrennt? sei auch als Schulbeispiel der Dummheit in ihrer Beantwortung mitgeteilt: Die Hexen können in Wirklichkeit und Wahrheit das männliche Glied vom Körper trennen. Dafür lautet ein Beweis: Die Verwandlung der Frau des Loth in eine Salzsäule ist mehr, als die Trennung des männlichen Gliedes vom Körper. Nun ist aber jene wirklich geschehen, also kann auch diese geschehen. Aber diese wirkliche Trennung ist doch nur subjektiv wirklich, nicht objektiv, d. h. das Glied bleibt am Körper, aber für die Sinne (Auge, Hände) ist es nicht mehr vorhanden. Durch Zauberei kann ein flacher, fleischfarbener Körper vorgeschoben werden, der für Hand und Auge nur mehr eine Fläche darstellt, ohne Unterbrechung durch das männliche Glied.

Ferner wird konstatiert, daß die Hexen Menschen in Tierleiber verwandeln können, daß schwarzkünstlerische Hebammen häufig die Kinder im Mutterleibe töten, Fehlgeburten verursachen und neugeborene Kinder dem Teufel opfern.

Ein päpstlicher Inquisitor von Como hat aus diesem Grunde — in einer nächtlichen Hexenversammlung soll ein Kind aufgegessen worden sein — im Jahre 1487 einundvierzig Hexen verbrennen lassen.

Diese Proben des theoretischen Teiles dürften wohl genügen. Nunmehr wollen wir noch einige Beispiele aus dem zweiten Teil des Werkes, in dem die Äußerungen der Hexerei niedergelegt sind, anführen.

Zunächst wird die Frage beantwortet, wem der Zauberer nicht schaden kann, und dabei auf Weihwasser, geweihte Kerzen und geweihte Kräuter, die man verbrennt, als Abwehrmittel verwiesen. Als jemand in Ravensburg von einem Teufel in Weibsgestalt zur Unzucht angereizt wurde, fiel ihm ein, in der Predigt gehört zu haben, daß geweihtes Salz ein gutes Mittel dagegen sei. So nahm er denn beim Eintritt in die Kammer von dem Salz; das vermeintliche Weib verzerrte das Gesicht und verschwand plötzlich. Ferner werden die Worte der Kreuzesaufschrift Christi an den vier Wänden in Form eines Kreuzes angebracht, empfohlen. Äußerst wirksam ist der Schutz himmlischer Geister, die den Gestirnen die Bewegung verleihen. Das bewährt sich besonders bei Behexung der Zeugungsfähigkeit. So kam einst ein Engel zum hl. Serenus, öffnete ihm den Leib und entfernte aus seinen Eingeweiden ein feuriges Stück Fleisch. Dadurch erlangte der Heilige eine solche Keuschheit, daß er niemals mehr irgendwelche sinnliche Regungen, wie sie selbst bei Kindern und Säuglingen vorkommen, verspürte.

Im I. Hauptstück wird von den Arten erzählt, durch welche die Teufel Unvorsichtige mittels Behexungen zur Gottlosigkeit verleiten, im II. von der Hexerei als Beruf. Es gibt drei Arten von Hexen: einige erregen Hagel, Gewitter, Stürme; bewirken Unfruchtbarkeit bei Menschen und Tieren; verzehren Kinder und opfern sie dem Teufel; machen Pferde scheu; fliegen körperlich durch die Luft; töten durch bloßen Blick. Allen drei Arten von Hexen ist gemeinsam, daß sie mit dem Teufel Unzucht treiben.

Die Hexen weihen sich entweder auf feierliche Art dem Teufel, indem sie ihm, der in Menschengestalt erscheint, Treue in die Hand geloben, oder auf unfeierliche Art. Sie sehen es besonders auf ungetaufte Kinder ab, aus deren Fleisch und Knochen sie eine Salbe bereiten, aus den flüssigeren Bestandteilen aber ein Getränk. Wer es trinkt, ist sofort ein Meister in der teuflischen Kunst. Bei dieser Gelegenheit verraten die Herren Inquisitoren so ganz nebenbei, daß alle, die sie einäschern ließen, in bezug auf die Schwarzkunst unfreiwillig waren! Da die »Hexen« unter der Folter natürlich aussagten, was man ihnen in den Mund legte, so gibt es keine Zeile dieses Buches, die nicht durch eidliche Aussagen der armen Opfer erhärtet wäre. Z. B. gestand eine Hexe, die dann natürlich, wie alle ohne Ausnahme, eingeäschert wurde, sie habe sechs Jahre mit dem Teufel Unzucht getrieben und zwar im Bett und an der Seite ihres Mannes.

Das III. Hauptstück führt aus, wie die Hexen von Ort zu Ort geführt werden. Bald tut das der Teufel in eigener Person, jedoch in Pferdegestalt. Auch das wurde natürlich gesehen. Bald geschieht es auf einem Stück Holz, das mit der aus Kindern gewonnenen Salbe bestrichen wird.

Das IV. Hauptstück handelt von der Art, in der sich die Hexen den Teufeln in Mannsgestalt hingeben. Die Teufel bedienen sich dabei eines Leibes aus Luft, den sie durch Dämpfe verdichten. Mit diesem Körper können sie sprechen, sehen, hören, essen und zeugen. Die durch den Beischlaf mit dem Teufel Gezeugten sind sehr stark und kräftig. Die Sache geht so vor sich: Ein Teufel in Weibsgestalt (succubus), der sich mit einem Manne abgegeben hat, nimmt den Samen von diesem Manne auf, er macht sich dann mit diesem Samen einem Weibe gegenüber zu einem Teufel in Mannsgestalt (incubus). Die Hexe ist entweder alt und unfruchtbar oder nicht. Im ersteren Falle gibt sich der Teufel mit ihr ohne männlichen Samen ab; denn auch der Teufel vermeidet Überflüssigkeiten. Ist sie aber der Schwangerschaft fähig, dann vermischt er sich mit ihr, wenn er irgendwoher männlichen Samen erhalten kann, zum Zwecke der Kindererzeugung. Gewiß ist, daß eine Ehefrau, wenn sie Hexe ist, und durch ihren Mann schwanger wird, ihre Schwangerschaft verstärken kann durch anderen Samen, den sie im Beischlaf mit dem Teufel erhält. Bei solchen Vermischungsakten sind die Hexen zwar immer sichtbar, die Erfahrung der Verfasser hat aber ergeben, daß die Teufel es nicht immer sind.

Das V. Hauptstück handelt von der Art, wie die Hexen ihre Künste durch die Sakramente der Kirche ausüben, das VI. von der Art, wie sie die Zeugungsfähigkeit hindern, das VII. wie die Hexen das männliche Glied entfernen.

Wo gibt es eine gleich höllische Ausgeburt von haarsträubendstem Blödsinn und abstoßendster ekelhaftester Schweinerei?

Ein Jüngling hatte sein Glied durch Zauberei verloren, »da ich es nicht glauben wollte, entblößte er sich, so daß ich die Wahrheit seiner Aussage sah. Er hatte eine Hexe in Worms in Verdacht. Ich trug ihm auf, zu ihr zu gehen. Nach einigen Tagen kam er wieder zurück, und ich überzeugte mich durch den Augenschein, daß er sein Glied wieder hatte. Die Glieder werden übrigens nicht ausgerissen, sondern nur verborgen.« Was ist aber darüber zu sagen, daß einige Hexen solche männliche Glieder in großer Zahl, bis zu zwanzig und dreißig, in einem Schranke aufbewahren, und daß die Glieder dort lebendig zu sein scheinen, wie dies viele gesehen haben? Es ist zu sagen, daß dies durch teuflische Vorspiegelungen geschieht. Es hat uns jemand erzählt, daß er, um sein verlorenes Glied wieder zu gewinnen, sich an eine Hexe gewandt habe. Sie hieß ihn einen Baum besteigen, auf dem er ein Nest fand, in dem mehrere männliche Glieder waren. Als er ein großes nehmen wollte, rief die Hexe: nein, das nicht, denn das gehört einem Geistlichen

An der Tatsächlichkeit dieses von den Hexen begangenen Verbrechens bzw. daran zu zweifeln, daß sie mit Impotenz schlagen können, ist völlig ausgeschlossen. Haben doch die Provinzialsynoden oder gar Konzilien von Troyes, Lyon, Mailand, Tours, Bourgos, Narbonne, Ferrara, St. Malo, Monte Cassino, Orleans und Grenoble, sowie die Rituale von Autun, Chartres, Perigueux, Evreux, Paris, Angers, Arras, Chalons, Bologna, Troyes, Bourges, Alet, Beauvais, Meaux, Reims usw., sowie die Dekrete unzähliger Bischöfe, die Hexen eben wegen dieses Deliktes in Bann taten. Wer würde es wagen der Autorität aller dieser Instanzen zu widersprechen[6]?!

Das VIII. Hauptstück setzt auseinander, wie Menschen in Tiere verwandelt werden, das IX. wie sich die Teufel in menschlichen Leibern aufhalten können. Dazu wird folgende erbauliche Geschichte u. a. berichtet: »Ein heiliger Mann erkannte einst durch den Geist Gottes, daß ein in einer Kirche sehr gut und fromm predigender Priester der Teufel sei. Nach der Predigt frug er ihn, warum er predige und erhielt zur Antwort: weil ich weiß, daß die Leute die Predigt nur hören, aber nicht befolgen, so wird Gott nur noch mehr beleidigt.«

Das X. Hauptstück führt aus, wie die Teufel mit Hilfe der Hexen in den Menschen wohnen, das XI. wie die Teufel Krankheiten, besonders schwere, verursachen können. Das geschieht z. B. durch verzauberte Wachs- oder Bleibilder. Durch Verwünschung oder Anhauchen kann die Hexe aussätzig machen.

Die fallende Krankheit rufen Hexen hervor durch Eier, die sie in Gräbern vergruben. Auch das XII. Hauptstück behandelt diese Materie. Das XIII. Hauptstück beantwortet die Frage, wie Hebammen als Hexen schweren Schaden zufügen, indem sie Kinder töten oder dem Teufel opfern. So hexte eine Person einer frommen Frau alle möglichen Dinge in den Leib, die furchtbare Schmerzen verursachten. Als sie ein natürliches Bedürfnis befriedigen mußte, kamen alle zum Vorschein: Holz, Knochen und handgroße Dornen. Einige Hebammen, die eingeäschert wurden, haben noch schlimmere Sachen gestanden. Der theologische Grund, weshalb die Hexen auf Anstiften des Teufels so viele ungetaufte Kinder töten, ist: Der Teufel weiß, daß die ungetauften Kinder nicht in den Himmel eingelassen werden. Das Reich Gottes aber, nach dessen Beginn er mit noch größerer Pein gestraft wird, bricht erst an, wenn eine ganz bestimmte Zahl von Menschen in den Himmel eingelassen ist. Die Erreichung dieser Zahl wird nun durch die Tötung von ungetauften Kindern hinausgeschoben. Deshalb werden sie vom Teufel besonders aufs Korn genommen. Kinder von acht Jahren, die dem Teufel geweiht worden sind, können schon Gewitter und Hagelschlag erzeugen.

Das XIV. Hauptstück behandelt die Frage, wie Hexen den Tieren schaden können. Am häufigsten werden die Kühe durch die Hexen der Milch beraubt und zwar folgendermaßen: Die Hexe stößt ein Messer in die Wand, ruft ihren Teufel und trägt ihm auf, diese oder jene Kuh trocken zu machen. Dann fängt sie an dem Messer zu melken an, worauf die Milch der betreffenden Kuh aus ihm herausfließt. Solches soll gepredigt werden, um Abscheu zu erregen. Man kann durch zauberische Künste auch vorzügliche Maibutter und Wein machen. Doch begnügen sich die Hexen oft nicht mit solchem Schabernack, sondern töten auch Tiere, wie zwei Hexen, die in Ravensburg eingeäschert wurden, von sich bekannten.

Das XV. Hauptstück beschreibt die Erzeugung von Gewitter und Hagel, das XVI., wie auf drei Arten Männer Schwarzkunst treiben. Besonders die schwarzkünstlerischen Pfeilschützen sind schlimm. Sie durchbohren am Karfreitag das Bild des Gekreuzigten mit ihren Pfeilen. Sie sind so sichere Schützen, daß sie einen Pfennig vom Kopf eines Menschen herabschießen können, ohne ihn zu verletzen. Der Herzog Eberhard mit dem Barte von Württemberg hatte einen solchen Schützen in seinem Gefolge. Er konnte täglich mit drei Pfeilschüssen jemand mit unfehlbarer Sicherheit töten, weil er täglich drei Pfeile in ein Kruzifix schoß. Auch der Tellschuß auf den Apfel geschah aus Zauberei.

Nunmehr geht das Buch auf die verschiedenen Arten, den Zauber zu beseitigen ein, um im dritten Teil ausführlich die richterliche Tätigkeit gegen Ketzer und Hexen zu behandeln.

Uns genügt das Mitgeteilte vollauf. Resümieren wir: Die Kirche — denn da die höchsten kirchlichen Autoritäten das Buch approbierten und jahrhundertelang als Leitfaden Kat' exochen für die Inquisition benutzten, so identifizierte sie sich mit den hier wiedergegebenen Ansichten — also: die Kirche bringt den haarsträubendsten Blödsinn, den je die Menschheit ersonnen hat, in ein System. Keiner der Fälle existiert in diesem teuflischen Buche, der nicht von »Hexen« unter der Folter bezeugt worden wäre, keiner, für den nicht so und so viele Unschuldige verbrannt wurden. Man stelle sich vor — nachdem doch überall der Unsinn gepredigt werden mußte, nachdem die Hinrichtungen in aller Öffentlichkeit stattfanden und jedermann ihren Grund kannte, nachdem ferner an allen Orten der Christenheit nach solchen Zauberern und Hexen gesucht wurde — welche furchtbare, mit nichts zu vergleichende Wirkung auf das Volk durch das alles hervorgerufen werden mußte. Verdummung und Verrohung mußte die Folge sein, zumal bei der ungeheuren Verbreitung dieses Schandbuches, das noch 1669 in neuer Auflage erscheinen konnte.

Wir werden in späteren Kapiteln sehen, wie dieser künstlich von der Kirche erzeugte Irrsinn Jahrhunderte im Volke fortwirkte und heute noch nicht erstorben ist. Wen wird das verwundern, da ja die Kirche bekanntlich unfehlbar ist, da sie sich gerade in dieser Frage, wenigstens im Kernpunkt, auf die unwiderlegliche Autorität des Neuen Testaments — vom Alten ganz zu schweigen — stützen kann?

Wann hat die Dummheit je größere Orgien gefeiert? Welchem Moloch sind mehr Hekatomben geschlachtet worden?

War der »Hexenhammer« auch das schlimmste Buch seiner Art, insofern es bei weitem die größte Autorität besaß, so war es keineswegs das einzige. Im Gegenteil ist die Literatur über diese blöde Materie erschreckend reich. Indem wir Interessenten auf die eingehende Untersuchung Hoensbroechs verweisen[7], begnügen wir uns, einige der wichtigsten Werke anzuführen.

Im Jahre 1522 veröffentlichte der Dominikaner Bartholomäus Spina eine »Abhandlung über die Hexen« (Quaestio de strigibus), in der er als Beweis für die Realität des Hexenglaubens die zahlreichen Bestrafungen und Todesurteile anführt. Gäbe es keine Zauberei, dann wären ja die Inquisitoren und die diese ernennende Kirche ungerecht, was ja unmöglich wäre. Um nur einige Perlen aus diesem Buche herauszufischen: Die Aussage der Hexen, daß sie vom Teufel durch die Luft entführt werden, ist durchaus glaubwürdig. Wenn trotzdem die gleiche Hexe von andern schlafend gesehen werde, so erklärt sich das daraus, daß ein Teufel ihre Gestalt angenommen hat.

Ein weiterer Beweis für die Wahrheit des Hexenglaubens ist seine allgemeine Verbreitung. Diese aber geht aus der großen Menge von Hexen hervor, die alljährlich von den Inquisitoren abgeurteilt werden!

Ein junges Mädchen, das in Bergamo wohnt, wurde — wenigstens berichtet Spina so — plötzlich eines Nachts nackt im Bett einer Verwandten in Venedig aufgefunden. Sie erzählte weinend folgendes: Als ich diese Nacht wach wurde, sah ich meine Mutter, die mich schlafend glaubte, aufstehen, ihr Hemd ausziehen und sich mit einer Salbe salben; dann ergriff sie einen Stock, setzte sich rittlings darauf und fuhr durch das Fenster. Ich stand auf, bestrich mich auch mit der Salbe und fuhr dann auch hinaus und kam hier in dies Zimmer, wo ich sah, daß meine Mutter ein Kind töten wollte. Als meine Mutter mich sah und ich den Namen Jesu und Maria aussprach, verschwand sie und ich blieb nackt zurück. Die Mutter hat dann auf der Folter dem Inquisitor von Bergamo alles gestanden.

Die Hexen töten unzählige Kinder und bereiten aus ihren Leichen eine Zaubersalbe. Gott läßt dies zur Strafe der Eltern zu, weil diese es vielleicht einige Male unterließen, die Kinder morgens und abends mit dem Zeichen des Kreuzes zu zeichnen!

Einer der berühmtesten Kanonisten des 16. Jahrhunderts, Paulus Grilandi, Auditor des päpstlichen Generalvikars für die Stadt Rom, ließ eine oft aufgelegte Schrift Tractatus de sortilegiis erscheinen. Natürlich trug sie die Druckerlaubnis und zwar hier des Magisters sacri apostolici Palatii, d. h. des unmittelbar unter dem Papste stehenden Bücherzensors. Er behandelt den gleichen Blödsinn wie die vorgenannten Bücher, führt aber als Novum an,. daß die Kirche die Lösung einer behexten Ehe, d. h. einer, in der Mann oder Weib verhindert sind, den Beischlaf auszuführen, gestatte und daß die Betreffenden eine andere Ehe eingehen können.

Folgende erbauliche Geschichte findet sich in diesem geistreichen Werke unter anderen ebenbürtigen. Mir hat ein geachteter und gebildeter Mann erzählt: kurz vor seiner Heirat wurde er von einer bekannten Hexe so behext, daß er in der Brautnacht und noch lange nachher die Ehe nicht vollziehen konnte, obwohl er den fleischlichen Akt früher sehr gut und mit größter Lust vollzogen hatte. Endlich ließ er einen berühmten Schwarzkünstler aus dem Sabinergebirge kommen, der gab ihm und seiner Frau einen Trank zu trinken. Auch befahl er ihnen, sich in der nächsten Nacht mit dem Zeichen des Kreuzes zu schützen, dann brauchten sie nicht zu fürchten, was auch geschehe. Gegen 10 Uhr nachts entstand um das Haus herum ein gewaltiges Unwetter mit Donner, Blitz und Erdbeben; dann drang eine ganze Schar von Hexen, darunter das Weib eines Nachbarn, in das Schlafzimmer und vollführte einen Höllenlärm. Der Bräutigam sah alles, seine Braut deckte er aber mit den Bettdecken zu. Eine halbe Stunde ungefähr dauerte der Lärm, dann trat plötzlich der Schwarzkünstler ein und die Hexen verschwanden. Der Schwarzkünstler rieb den Bräutigam an der Schulter und ging dann auch. Da fühlte der Bräutigam allmählich eine Wärme seinen Körper durchströmen und er konnte den ehelichen Akt vollziehen.

Im Jahre 1669 erschienen zu Lyon in der berühmten Druckerei von Bourgeat mit königlichem Privileg drei starke Quartbände, die sich ausschließlich mit Hexerei und Teufelei befassen. Der Gesamttitel dieses Sammelwerkes, das ausschließlich von bedeutenden Theologen und Kanonisten verfaßt ist, lautet: Daemonastrix seu adversus Daemones et Maleficos universi operis ad usum praesertim Exorcistarum. Es handelt sich also um ein Handbuch für Exorzisten. Eine dieser Abhandlungen von Pater Hieronymus Mengo »Strick für den Teufel« (Fustis Daemonorum) betitelt, behandelt die Besessenheit: Die Teufel verlassen den Menschen teils durch den Mund als Flamme, oder als kalter Wind, teils durch die Ohren als Ameisen, teils durch den After als Kot oder als Frösche oder Schlangen, teils als Blutstropfen aus der Nase.

»Als ich im Jahre 1575 in Reims war, geschah folgendes: eine Witwe war mit einer schweren Krankheit behext worden. Ich ging mit ihrem Arzt zu ihr und wir fanden in ihrem Bett ein aus Federn gefertigtes Bild in Menschengestalt; als das Bild verbrannt war, war die Frau geheilt.« Die teuflischen Zaubermittel werden meistens in den Betten versteckt. Ein gutes Mittel dagegen ist, in den vier Ecken des Bettes Weihrauch, Myrrhe, geweihtes Salz, geweihte Oliven und geweihtes Wachs niederzulegen.

Den Höhepunkt des Teufelwahns bilden neben dem »Hexenhammer« die Disquisitiones magicae des Jesuiten Delrio[8], eines Theologieprofessors an den Universitäten von Graz und Salamanca. Es umfaßt sechs Bücher auf über 1200 Druckseiten und trägt das Imprimatur des Jesuitenordens, sowie je eines päpstlichen und eines bischöflichen Zensors. Die Gutachten sind interessant genug, um wiedergegeben zu werden. Das des Oliverius Manaräus, eines der bedeutendsten Jesuiten des 16. und 17. Jahrhunderts vom 6. Juli 1598 betont ausdrücklich, daß die »sechs Bücher zauberischer Untersuchungen« durch das »Urteil gewichtiger und gelehrter Theologen« (des Jesuitenordens) gutgeheißen werden.

Die beiden anderen, nicht jesuitischen Zensoren schreiben: »Die zwei ersten Bücher der zauberischen Untersuchungen, verfaßt von Pater Martin Delrio, Theologen der Gesellschaft Jesu, halte ich, da sie vielseitige Gelehrsamkeit und nichts dem katholischen Glauben Widersprechendes enthalten, für wert, daß sie veröffentlicht werden. Gegeben zu Löwen, am 8. Februar 1599. Wilhelm Fabricius, Apostolischer und Königlicher Bücherzensor.«

Das andere lautet: »Die drei letzten Bücher der zauberischen Untersuchungen, verfaßt vom gelehrten Pater Martin Delrio, Priester der Gesellschaft Jesu halte ich wegen ihrer vielseitigen Gelehrsamkeit und wegen der Gediegenheit ihrer Lehre für sehr nützlich, besonders in unseren Zeiten. Ich halte dafür, daß sie zum großen Vorteil der Kirche veröffentlicht werden sollen. Gegeben zu Antwerpen, am 1. April 1599. Silvester Pardo, Licentiat der hl. Theologie, Domherr der Kathedralkirche und Bücherzensor.«

Das Buch tritt »wissenschaftlich« und »theologisch« im Namen Christi und seines »Statthalters« für das fernere Abschlachten der »Hexen« in einer Zeit ein, in der Denker und Forscher wie Kopernikus († 1543), Kepler (1631), Giordano Bruno († 1600), Montaigne († 1592) und andere teils schon gewirkt hatten, teils noch wirkten. Die profane Wissenschaft, das ist zu betonen sehr wichtig, war also keineswegs mehr im finsteren Aberglauben des Mittelalters befangen, vielmehr waren es die Theologen, die diese Dummheit künstlich aufrecht erhielten durch ihre »Wissenschaft« und das Beweismittel des Scheiterhaufens.

Delrio ist der Ansicht, daß die Schwarzkunst ständige Begleiterin und notwendige Folge der »Ketzerei« sei. In Deutschland sei ihr Bollwerk das Luthertum, in Frankreich, England, Schottland und Belgien aber sei die Hexerei durch den Kalvinismus rasch ausgebreitet worden. Die Gründe dafür liegen nach Delrio klar zutage: »Die Teufel haben in den Ketzern, wie einst in den Götzenbildern, ihre Wohnstätten; aus den Götzenbildern sind sie vertrieben worden, so haben sie sich in den Ketzern neue Wohnungen gesucht; auch die Teufel, die Christus austrieb, fuhren in die Schweine. Wie die Pest der Hungersnot folgt, so folgt die Hexerei der Ketzerei. Die Teufel bedienen sich der Ketzer ähnlich wie schöner Huren, um die Menschen zu betrügen.«

Während das I. Buch von der Zauberei im allgemeinen handelt, beleuchtet das zweite die teuflische Zauberei und ihre Wirksamkeit. Ihre Grundlage ist der Vertrag mit dem Teufel. Daß dieser in Wirklichkeit existiert, beweist Delrio aus der Übereinstimmung aller Theologen alter und neuer Zeit.

Wir machen hier wiederum die gleiche Erfahrung: weil eine Dummheit viele Verteidiger hat und sich Jahrhunderte in Kraft erhält, darum ist sie keine Dummheit. Sie wird aber zur höchsten Weisheit, wenn sich unter den für sie eintretenden Eideshelfern »Autoritäten« befinden, oder wenn sie gar durch Bibel und Dogma gestützt wird.

Die feierliche Zeremonie des Vertrages mit dem Teufel besteht, nach Verleugnung des Glaubens und der Jungfrau Maria, darin, daß der Teufel die Stirn der Vertragschließer mit seiner Kralle berührt und sie auf seine Art tauft. Sie erhalten andere Namen; innerhalb eines auf die Erde gezeichneten Kreises wird ein furchtbarer Eid geschworen; man verspricht dem Teufel monatlich durch Blutaussagen ein Kind zu töten; irgendeiner Stelle des Körpers, gewöhnlich einer geheimen, drückt der Teufel ein Zeichen auf, wodurch dieser Körperteil unempfindlich wird. Dann wird erzählt von Erregung von Unwettern, Vernichtung von Viehherden, Hervorrufung von Heuschreckenschwärmen durch ein teuflisches Pulver, das in die Luft gestreut wird usw. »Solche Geschehnisse sind alltäglich, ihre Wahrheit wird bezeugt durch das Ansehen der Päpste und ihre Bullen darüber; so die Bullen Innozenz VIII., Julius III., Hadrian VI.«

Auch Ungeheuer bringen die Teufel hervor. Es ist möglich, durch Vermischung zwischen Mensch und Tier solche Unholde zu erzeugen. Zehn Seiten widmet Delrio der Frage, ob sich die Teufel mit Menschen fleischlich vermischen. Die Tatsache bezweifelt er natürlich nicht: »Es ist dies die gemeinsame Ansicht der h. Väter, der Theologen und Philosophen, durch die Erfahrung vieler Jahrhunderte bestätigt. Von dieser Ansicht abzuweichen, ist ein Zeichen von Starrköpfigkeit und Verwegenheit

Aus dem geschlechtlichen Umgang zwischen Mensch und Teufel kann Nachkommenschaft entstehen. Die Schwierigkeit der Erklärung dieser Tatsache wird behoben, wenn man sich klar macht, daß der Teufel zwar keinen eigenen Samen hat, wohl aber ihn sich von einem Manne verschaffen kann. Weil er nun sehr rasch und geschickt ist, so kann er dem Samen die nötige Wärme erhalten und ihn im geeigneten Augenblick dem Weibe eingießen. Vater des entstehenden Kindes ist dann aber nicht der Teufel, sondern der Mann, der den Samen lieferte. Die Hexen gestehen, daß der Samen, den ihnen der Teufel eingießt, kalt sei und kein Lustgefühl hervorrufe.

Ketzer, wie Luther und Melanchthon behaupten, daß die Hexenfahrten nicht wirklich, sondern nur eingebildet seien. Die wahre Ansicht ist aber, daß die Hexen auf Ziegenböcken oder Besenstielen zu ihren Zusammenkünften reiten. Bei den Hexenzusammenkünften tanzt jeder Teufel mit dem ihm anvertrauten Weibe, und zwar lehnen die Tanzenden ihre Rücken gegeneinander. Nach dem Tanze wird Unzucht getrieben. »Wer behauptet, diese Dinge seien Träume und Phantasien, verfehlt sich zweifellos gegen die Ehrfurcht, die wir unserer Mutter, der Kirche, schulden. Denn die katholische Kirche bestraft keine Verbrechen, außer sie seien gewiß und offenbar, noch auch erklärt sie jemand für einen Ketzer, der nicht wirklich in Ketzerei verstrickt ist. Seit vielen Jahren hält aber die Kirche die Hexen für Ketzer und befiehlt, sie durch die Inquisitoren zu bestrafen und dem weltlichen Arm zu übergeben. Also entweder irrt die Kirche, oder ihre Gegner. Wer aber behaupten wollte, die Kirche irre in einer zum Glauben gehörigen Sache, der sei verflucht.«

Das zweite Buch behandelt dann weiterhin die Verwandlung der Hexen mit teuflischer Hilfe in Katzen, ob die Teufel bewirken können, daß die Seelen Abgestorbener den Lebenden erscheinen, über die Gespenster, von denen achtzehn verschiedene Arten unterschieden werden und führt endlich eine Fülle »Beweismaterial« an, eine Blütenlese von Blödsinn.

Das III. Buch, das u. a. ausführlich vom Liebeszauber handelt, enthält folgende schöne Geschichte, die sich »kürzlich« in Flandern, an einem Ort und in einem Orden, die Delrio bekannt sind, die er aber beide — wohl aus Schonung — verschweigt, zutrug: Drei Mönche eines Klosters lebten sehr ausschweifend. Eines Abends zechten sie lange, als sie nun endlich genug hatten, sagte der eine: Gott sei gedankt! Der andere aber sagte: Dem Teufel sei gedankt! Dann legten sie sich jeder mit einem Mädchen zu Bett. Plötzlich geht die Tür auf und ein Teufel in Gestalt eines Jägers von schrecklichem Äußeren kommt herein, begleitet von zwei anderen Teufeln in Gestalt von Köchen. Mit furchtbarer Stimme fragte er: wo ist der, der mir gedankt hat? Er zieht den zu Tode Erschrockenen aus dem Bett und befiehlt seinen Begleitern ihn am Feuer zu rösten. Das geschieht und das Zimmer wird mit dem Gestank des verbrannten Menschenfleisches erfüllt.

Während das IV. Buch über Wahrsagerei handelt, erörtert Delrio im V. die Obliegenheiten des Richters und das Prozeßverfahren den Hexen gegenüber.

Die brutale Grausamkeit des Verfahrens, das fast ausnahmslos mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen endete — die Bußfertigen wurden vorher erdrosselt — gehört nicht hierher, wohl aber die theoretische Begründung: Wer die Schandtaten der Hexen, besonders ihre nächtlichen Zusammenkünfte, leugnet, huldigt dem Atheismus und widersetzt sich der Kirche. Denn das Haupt der Kirche, ihre Zunge und ihr Mund ist der Papst. Viele römische Päpste haben aber die Inquisitoren ermahnt, eifrig und streng gegen die Hexen vorzugehen und diese Pest auszurotten. Offen bekennen die Päpste, daß sie die Verbrechen der Hexen nicht für Wahnvorstellungen, sondern für tatsächliche Schandtaten halten.

Das geht nach Delrio nicht nur aus den päpstlichen Bullen hervor, sondern auch aus dem übereinstimmenden Urteil aller kirchlichen Gerichtshöfe in Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland. Da die Kirche definiert hat, Hexen seien als wirkliche Verbrecherinnen zu bestrafen, so kann kein weltlicher Richter dieses Urteil aufheben und sagen, eine Hexe, die sich als solche bekannt habe, habe sich getäuscht, sondern er hat sie einfach zu verurteilen. Die Kirche, welche die Säule der Wahrheit ist, und der römische Papst, der die Zunge und der Mund der Kirche ist, und auf dem das Versprechen ruht: dein Glaube wird nicht wanken, erklären sich für die Tatsächlichkeit der von den Hexen begangenen Verbrechen.

Das VI. und letzte Buch handelt vom Amte und Pflichten des Beichtvaters bei den Hexenprozessen. Seine Aufgabe ist es, sich genau über den Teufelsvertrag zu erkundigen. Da kann er dann allerdings mancherlei erfahren: Ein junges Mädchen hat im Jahre 1594 in Südfrankreich ausgesagt: sie sei früh von einem Italiener verführt worden. Ihr Verführer habe sie am Vorabend des Festes Johannis des Täufers zur Mitternachtszeit auf das Feld geführt, dort habe er mit einem Stabe einen Kreis gezogen und gewisse Worte aus einem schwarzen Buche gelesen. Da sei plötzlich ein großer schwarzer Ziegenbock erschienen, der gefragt habe, was sie hier wolle. Ihr Verführer habe geantwortet, sie wolle sich seinen Getreuen anschließen. Darauf mußte sie den Ziegenbock unter den Schwanz küssen. Später führte sie der Bock in ein benachbartes Gebüsch und vermischte sich mit ihr geschlechtlich. Bei diesem Akt habe sie keine Lust, sondern nur Schrecken gefühlt; die Samenergießung des Bocks habe in ihr eine eisige Empfindung erregt. Auch eine Messe sei in Gegenwart des Bocks gelesen worden. Über solche Einzelheiten des Verkehrs mit dem Teufel sind die Hexen vom Beichtvater zu befragen!

Es erfordert schon eine alles Menschliche übersteigende Portion von Verblendung nicht einzusehen, daß die Antworten durch Suggestion und Folter aus den Hexen herausgeholt wurden, nachdem die frommen Glaubensrichter den in ihrem eigenen Gehirn brodelnden Blödsinn in die armen Opfer hineingelegt hatten. Aber jahrhundertelang wollten die Inquisitoren und mit ihnen ihre Auftraggeberin, die Kirche, das nicht einsehen, sondern nahmen alles, was den armen Opfern erpreßt wurde, für bare Münze. Widerriefen aber die »Hexen« in den kurzen Zwischenpausen der Folter, dann war ihnen das nur ein erneuter Beweis für ihre Halsstarrigkeit und ihre Verbindung mit dem Satan!

Als Mittel gegen gewisse Zaubereien werden empfohlen: das vierblätterige Kleeblatt, das Blut eines schwarzen Hundes, das rechte Auge eines Wolfes, das Herz eines Hasen. Der Magnetstein versöhnt Mann und Weib usw. Ein natürliches Mittel gegen das durch Zauberei bewirkte geschlechtliche Unvermögen der Ehegatten ist nach Delrio: sie sollen vor dem Schlafengehen im Schlafzimmer die Galle eines Fisches auf glühenden Kohlen verbrennen.

In der Abhandlung »von den kirchlichen Heilmitteln gegen Behexung« entwickelt Delrio, daß sie von Christus, den Aposteln und ihren Nachfolgern eingesetzt seien, den Teufel peinigten und häufig zum Bekenntnis der Wahrheit zwängen. In der Jesuitenmission von Peru wollte sich ein Indianer taufen lassen. Teufel in Gestalt von Vögeln und niederfallenden Steinen hinderten ihn daran, ja noch in der Kirche zeigten sich Teufel auf dem Kopfe stehend, die Beine in der Luft und schreckliche Huhurufe ausstoßend. Als aber die Messe anfing, hörte das alles auf und nach der Taufe war der Indianer von den teuflischen Anfechtungen ganz befreit. Solche »wahre« Geschichten werden in Fülle mitgeteilt.

Der Bischof von Brescia, Guido von Lacha, war im Rufe der Heiligkeit gestorben. Die päpstlichen Inquisitoren erkannten aber aus gewissen Anzeichen, daß er ein Ketzer gewesen sei. Daher ließen sie, überfließend vom Geiste wahren Christentums und treu den Gepflogenheiten ihrer Kirche, den Leichnam ausgraben, um ihn zu verbrennen. Aber vom Scheiterhaufen weg hoben die Teufel — die jedoch niemand sehen konnte — den Körper in die Luft, so daß das Volk dies als ein Zeichen der Heiligkeit des Verstorbenen auffaßte. Doch die Inquisitoren ließen sich nicht beirren. Man ließt die Messe zu Ehren der hl. Jungfrau. Bis zur Wandlung schwebt der Leichnam noch immer in der Luft, da rufen plötzlich die Teufel: O Guido von Lacha, solange haben wir dich verteidigen können, jetzt ist ein Stärkerer da als wir. Und sogleich fiel der Körper auf den Scheiterhaufen zurück und verbrannte ohne weitere Schwierigkeiten.

Zum Schlusse wollen wir noch eine dieser erbaulichen Geschichten anführen: Im Jesuitenkollegium zu Graz trug sich folgendes zu: Am 22. März 1600 kam dorthin ein 22jähriger Jüngling, um einem der Patres zu gestehen, er habe sich vertraglich dem Teufel ergeben. Da er aber den Vertrag nicht gehalten habe, sei es ihm schlecht ergangen. Der Teufel erschien ihm darauf in Breslau wieder und versprach ihm 12 Jahre des größten Genusses, wenn er sich nach Ablauf dieser Zeit ihm mit Leib und Seele ergeben wolle. Der Jüngling schrieb darauf den Vertrag mit seinem eigenen Blut, das der Teufel ihm aus den Fingerspitzen preßte. Später erneuerte er den Vertrag wieder. Der Teufel schärfte dem Jüngling ein, besonders nie zu den Jesuiten zu gehen und schalt ihn, als er es doch getan hatte. Er versprach ihm sogar ein Buch, in dem die Namen aller Teufel eingetragen seien und die Art, jeden einzelnen herbeizurufen. Vom April bis Mitte Juni dauert nun der schreckliche Kampf der Jesuiten gegen den Teufel um den Jüngling, ein Kampf, in dem Erscheinungen und greuliche Unwetter miteinander abwechselten. Schließlich siegen aber die Jesuiten doch. Auf Befehl des Erzherzogs Ferdinand, nachmaligen Kaiser Ferdinand II. und des Bischofs von Sekau, wird am 18. Juni über die ganze Geschichte eine Predigt gehalten und der mit Blut geschriebene Teufelsvertrag öffentlich in der Jesuitenkirche verbrannt.

Ein andermal zwingt Maria auf eindringliche Gebete des Bekehrten hin, dem Teufel einen solchen Vertrag wieder auszuliefern. Er erscheint in schrecklicher Gestalt und tut es unter Fluchen und Heulen.

Recht instruktiv ist das lange Kapitel, in dem Delrio gegen die Gegner des Hexen- und Teufelsglaubens vom Leder zieht. Wir erfahren daraus, daß es zumeist »anmaßende« Ärzte, Philologen und streitsüchtige Rechtsverdreher sind, die von Theologie keine Ahnung haben und lügen, wenn sie den Eifer der katholischen Kirche nach dieser Richtung hin bekritteln. Stützt sich doch dieser Eifer auf Gottes Gebot und auf das Wort des Apostels. Sie lügen, wenn sie die kirchlichen Exorzismen abergläubisch nennen.

Der Wert dieser Konstatierung liegt in der einwandfreien Feststellung, daß auch hier nicht etwa Fachkreise aus sich heraus eine verhängnisvolle Dummheit ablegten, sondern daß Outsider, Naturforscher und Denker, nötig waren, einen Irrwahn zu beseitigen, der sich ohne diese Hilfe von außen in alter Kraft bis heute erhalten hätte. Ist es doch eine Tatsache, daß Delrios Werk nicht minder als das von Institoris und Sprenger, das eine drei, das andere vier Jahrhunderte in Geltung sein konnten, in ungezählten Auf lagen neu gedruckt wurden — Delrio erlebte deren zwanzig — ohne daß die »heilige apostolische, katholische und römische Kirche« auch nur ein Wort des Tadels gefunden hätte.

IV. Kapitel
 
Der Kampf um die religiöse Dummheit

Es leuchtet ein, daß nur ein Volk, solange es auf recht primitiver kultureller Höhe steht, all den Blödsinn gläubig hinnimmt, den wir bisher kennen lernten. Gewiß wird das Beispiel der Theologen, in denen es die Intelligenz, die Männer verehrt, die die es in ihrer Hand haben, ewige Strafen oder ewigen Lohn zu verleihen, geraume Zeit alle Auflehnungsversuche des gesunden Menschenverstandes niederzuhalten wissen. Früher oder später wird aber zuerst bei einzelnen, dann bei breiteren Volksschichten der Augenblick eintreten, wo man die Ketten versuchen wird abzuschütteln.

Das war natürlich auch in unserer Geschichte der Fall. Wir meinen hier weniger die Reformation, die gewiß viel Gutes brachte, aber aus anderen Gründen entsprang und die schlimmsten Verstöße gegen den gesunden Menschenverstand zum guten Teile beließ. Wenn sie auch Dogmen und Priesterherrschaft verwarf, so richtete sie dafür doch desto höher das Regiment der Bibel auf. Da mag wohl die Frage erlaubt sein, ob es an sich als ein so großer Sieg der Vernunft zu begrüßen ist, wenn der Papst, der doch als höchste Glaubensinstanz die Möglichkeit hat — ob er im guten Sinne von ihr Gebrauch machte, ist eine andere Frage — die Glaubenslehren an die Zeitforderungen anzupassen, beseitigt wird, damit der kalte Buchstabe einer zwei Jahrtausende zurückliegenden Zeit unbeugsam herrscht.

Wir haben zunächst den Kampf der Vertreter des Fortschrittes gegen die überzeugten Verfechter der mittelalterlichen Anschauung im Auge und werden mit Staunen sehen, daß selbst Männer, die sonst verdienstlich wirkten und an deren Intelligenz kein Makel ist, für den kindischsten Aberglauben eintraten. Die suggestive Macht der altehrwürdigen Tradition, großer Namen, einer gewaltigen Organisation ist so ungeheuer, daß nur sie es begreiflich erscheinen läßt, wie der scharfe Verstand gelehrter Männer völlig stumpf wird in dieser Frage.

Als die fürchterliche Epidemie des Hexenwahnes, von Kirche und Papst gefördert und noch zu einer Zeit künstlich und mit den scheußlichsten Gewaltmitteln aufrecht erhalten, wo der Aberglaube, wie die im vorigen Kapitel angeführten Klagen darüber hinlänglich beweisen, im Volke längst im Schwinden begriffen war, ihren Höhepunkt erreicht hatte, ließ Johann Weier im Jahre 1563 sein Buch »De Praestigiis Daemonorum« erscheinen.

Dieser gelehrte Arzt aus Kleve hatte den Mut des gesunden Menschenverstandes, den seltensten und verdienstlichsten, den es gibt. Wenn er auch noch den Glauben an Hexerei mit der Mehrzahl seiner Zeitgenossen teilte, so betonte er doch, daß viele der Opfer kirchlicher Verfolgung lediglich Wahnsinnige seien, also unschuldig hingerichtet würden. Ferner erklärte er, daß alle Hexen vom Teufel getäuscht würden, wenn sie behaupteten, durch die Luft zu fahren, mit ihm geschlechtlich zu verkehren usw. Der Teufel rede ihnen nur ein, daß sie das alles getan hätten. Damit trat ganz von selbst der Begriff der Besessenheit an Stelle der Hexerei. Wenn Weier nun weiterhin behauptete, daß der Teufel die Besessenen direkt und nicht durch Vermittlung einer Hexe plage, vielmehr aus Bosheit nur ein armes altes Weib in diesen scheußlichen Verdacht bringe, sowie, daß besonders Kranke und durch Gemütsleiden Geschwächte den Verführungen des Teufels zugänglich seien, und mit einem Appell an die Fürsten Europas schloß, dem Vergießen unschuldigen Blutes Einhalt zu tun, so ist ohne weiteres klar, daß sein Werk höchsten Lobes würdig ist. Mag er auch theoretisch noch auf irrigem Standpunkte stehen, so macht er doch praktisch der Menschlichkeit und Vernunft solche Konzessionen, daß die notwendige Folge des Buches eine bedeutende Abnahme, wo nicht ein Aufhören der Hexenprozesse sein mußte.

Wenn wir an dem Werke irgend etwas auszusetzen haben, so ist es die naive Anschauung vom Wirken des Teufels. Schließlich ist das nur eine dem Kausalitätsbedürfnis gemachte Konzession. Wir registrieren eben die Phänomene der Hysterie und Besessenheit, deren Ursachen wir oft nicht kennen, ohne sie auf den Teufel oder Dämonen zurückzuführen, verzichten dafür aber auf eine kausale Begründung.

Auf alle Fälle tut Weier einen energischen Schritt auf der Bahn der natürlichen Erklärung und der Humanität nach vorwärts und es wäre sehr zweifelhaft, ob er klüger gehandelt und der Sache mehr genützt hätte, wenn er Dämonen und Teufel negiert hätte. Wahrscheinlich hätte dann das Buch, weil von den Zeitgenossen noch nicht verstanden, gar keine weitere Wirkung ausgeübt, als die, den Autor auf den Scheiterhaufen zu bringen.

Nun lebte damals in Frankreich Jean Bodin (c. 1530-1596), den seine Zeitgenossen für den bedeutendsten Mann seines Volkes hielten und der zweifellos ein ausgezeichneter Philosoph war. Sein Werk »De la république« (Paris 1577) legt dafür Zeugnis ab. Dieser kluge und tolerante Mann, der in seinem »Colloquium Heptaplomeres de rerum sublimium arcanis abditis« einen Standpunkt über den Religionen einnimmt und — damals etwas Unerhörtes — die Meinung äußert, daß jede ein Recht auf Anerkennung habe, wofern sie nicht gegen Staat, Sittlichkeit oder Gottesfurcht gerichtet sei, griff Weiers Buch heftig an! In seiner »Démonomanie des sorcières« beruft er sich auf die Autoritäten, die so einmütig und entscheidend über diesen Gegenstand seien, daß es keinem vernünftigen Menschen möglich wäre zu widerstehen. Er beruft sich ferner auf den Volksglauben aller Länder, aller Zeiten und aller Religionen, auf Aussprüche einer ungeheuren Anzahl von heidnischen Schriftstellern und Kirchenvätern, auf Gesetze gegen die Hexerei und auf Hunderte von Fällen, die französische und andere Gerichte untersucht hätten. War er doch selbst soundsooft als Richter Vorsitzender bei solchen Prozessen gewesen!

Er berichtet dann mit den kleinsten und umständlichsten Details und mit unerschütterlicher Zuversicht alle Vorgänge beim Hexensabbat, die von den Hexen zur Luftfahrt angewandten Methoden, ihre Verwandlungen, ihren fleischlichen Verkehr mit dem Teufel, ihre verschiedenen Mittel, den Feinden zu schaden, die Zeichen, die zu ihrer Entdeckung führen, ihre Geständnisse nach der Verurteilung und ihr Benehmen auf dem Scheiterhaufen.

Was nun Weiers Buch betrifft, so kann Bodin kaum Worte finden, um sein Erstaunen und Mißfallen darüber auszudrücken, daß ein unbedeutender Doktor es gewagt haben sollte, sich der Autorität aller Zeitalter zu widersetzen. Daß dieser Mann ein solch unbegrenztes Vertrauen auf seine eigenen Ansichten und eine so übermäßige Mißachtung für die weisesten Menschen gehabt haben sollte, um mit skeptischem Geist die Wirklichkeit einer der bekanntesten vorhandenen Tatsachen zu tadeln und zu bekritteln, das wäre in der Tat das Übermaß menschlicher Anmaßung, der Höhepunkt menschlicher Beschränktheit. Aber die Gottlosigkeit sei noch größer, wie diese Vermessenheit, Weier hätte »sich gegen Gott gerüstet«, sein Buch sei ein Gewebe »schrecklicher Gotteslästerungen«. »Keiner, der noch so wenig von der Ehre Gottes berührt ist, könnte ohne gerechten Zorn derartige Lästerungen lesen.«

Weier hätte es nicht nur gewagt die Urteile so vieler gewissenhafter Richter anzufechten, er hätte es versucht, jene, die die Heilige Schrift und die Stimme der Kirche als die schlimmsten Verbrecher brandmarkte, zu retten. Er hätte sich's sogar herausgenommen, die Zaubersprüche und Beschwörungsformeln, die er von einem berüchtigten Zauberer erlernt hatte, der Welt kundzumachen.

Mit diesem berüchtigten Zauberer meint Bodin den Cornelius Agrippa, Lehrer Weiers, der sich durch seine Bemühungen die Verfolgungen wegen Hexerei zu verhindern, sowie dadurch, daß er das Leben einer Bäuerin, die der Inquisitor Savon verbrennen wollte, rettete, ausgezeichnet hatte. Daher glaubte man allgemein, er sei mit dem Teufel im Bunde. Wegen Magie, die er mit dem Resultate studiert hatte, daß sie entweder auf Betrug oder einer höheren Kenntnis der Naturgesetze beruhe, war er ein Jahr eingesperrt gewesen. Agrippa hatte also dafür gebüßt, daß er in diesen Fragen seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war.

Doch kehren wir zu Bodins Entrüstung über Weier zurück!

Wer könnte — meinte er — nach solchen furchtbaren Enthüllungen, wie sie Weiers Buch enthalte, ohne Bestürzung an die Zukunft der Christenheit glauben? Wer könnte in Frage stellen, daß die derartig verbreitete Wissenschaft die Zahl der Hexen ungeheuer vermehre, die Gewalt des Satans unendlich steigere und den Unschuldigen zahllose Leiden bringen werde? Niemand könnte nun mit mehr Recht ob seiner Gesinnung beargwöhnt werden, wie Weier, der ein so gottloses Buch geschrieben habe und eine solche Vertrautheit mit den Geheimnissen eines so gottlosen Gewerbes gezeigt habe.

Denen zu verzeihen, die Gottes Gesetz zum Tode verdamme, läge außerhalb der Kompetenzen der Fürsten. Wer sich solcher Handlungen schuldig mache, hätte die Majestät des Himmels beleidigt. So sei der frühe Tod Karls IX. von Frankreich darauf zurückzuführen, daß er das Leben des berüchtigten Zauberers Trois-Echelles geschont habe unter der Bedingung, daß er seine Mitschuldigen nenne. »Denn das Wort Gottes lautet sehr bestimmt, daß derjenige, der einen des Todes Schuldigen entrinnen läßt, die Strafe auf sich selbst zieht, wie der Prophet zum König Ahab sagte, er müsse sterben, weil er einem Manne verziehen, der des Todes schuldig war. Denn niemand hätte jemals gehört, daß Zauberern Gnade widerfahren wäre[1]

Wie kam nun einer der gebildetsten Geister Europas gegen Ende des 16. Jahrhunderts — die »Démonomanie des Sorciers« erschien 1581 — dazu einen Irrwahn, den sämtliche Zeitgenossen, wenigstens so weit sie sich literarisch zu äußern wagten, teilten, noch durch das Gewicht seines Namens zu stützen?

Da ist zunächst zu berücksichtigen, daß die Kirche, wie wir sehen, eine bis in alle Einzelheiten ausgebaute Lehre von Hexerei und Zauberei besaß. Doch das allein genügt nicht. Bodin hatte als Richter ja selbst die Geständnisse der Angeschuldigten gehört. Der Irrtum, daß die Tortur die Wahrheit enthülle, statt der richtigen Ansicht, daß ihre Qualen fast jeden zu jeder gewollten Aussage bewogen, spielt weiter eine große Rolle. Dazu kommt, daß viele der sogenannten Hexen selbst fest davon überzeugt waren, daß sie der inkriminierten Handlungen sich schuldig gemacht hatten, weil der von der Kirche, wo nicht erzeugte, so doch sicherlich gepflegte Wahn allen ins Blut übergegangen war. Und endlich — und das ist die letzte Wurzel — weil die Autorität der Kirche immer noch unumstößlich feststand, selbst bei einem Manne, wie Bodin, der wegen seiner Toleranz gegen die Protestanten fast ein Opfer der Bartholomäusnacht geworden wäre.

Die Dummheit Bodins bestand im wesentlichen eben in seinem Autoritätsglauben. Autoritätsglauben in Fragen der Wissenschaft ist eine der verhängnisvollsten, den Fortschritt am meisten hemmenden Dummheiten.

Die Hexenverfolgungen nahmen in Frankreich unter dem Einflusse Voltaires und seines Spottes immer mehr ab, um schließlich ganz aufzuhören, nachdem noch im Jahre 1718 das Parlament von Bordeaux einen Mann als Zauberer verbrennen ließ. Daß trotzdem die Geister- und Teufelsbannformeln in der römisch-katholischen Kirche bis auf den heutigen Tag im Rituale blieben und das ganze 18. Jahrhundert hindurch angewandt wurden, ist allerdings richtig, ebenso, daß mancherlei Versuche von geistlicher Seite, die alte Praxis wieder einzuführen, gemacht wurden.

Als diese erfolglos blieben, da gab zu Anfang des 19. Jahrhunderts der Abbé Fiard ein diese beklagenswerte Tatsache erklärendes Werk heraus. Er wies darin nach, daß die Philosophen und die Revolutionäre des 18. Jahrhunderts die Repräsentanten der alten Zauberer wären, daß sie unter der unmittelbaren Eingebung des Satans handelten und daß ihr Erfolg ganz und gar der Satansgewalt zuzuschreiben sei. In gläubigen Kreisen hatte man sich nämlich gar nicht daran gewöhnen können, daß der Satan, der bisher eine solche Rolle gespielt hatte, daß man seine höllischen Komplizen, die Hexen und Zauberer, mit Feuer und Schwert, durch Kirchen- und Staatsgewalt kaum hatte unterdrücken können, so plötzlich seine Gewalt hätte verloren haben sollen.

Fiard bewies seine immerhin nicht alltägliche These durch den Hinweis, daß viele große und erschreckende Wunder die philosophische Bewegung begleitet und daß diese Wunder noch jetzt nicht aufgehört hätten. Die Kuren Mesmers so gut wie die Prophezeiungen Cagliostros müßten der übernatürlichen Wirksamkeit zugeschrieben werden. Das schrecklichste aber von allen Zeichen der teuflischen Gegenwart sei das immer mehr zunehmende Vorkommen der Bauchrednerei! Gottlob sind wir über diesen Gegenstand nicht auf unsere eigenen Vermutungen angewiesen, da ja einige der gelehrtesten Geistlichen des 14. Jahrhunderts feierlich erklärt hätten, daß der Mensch angewiesen sei mit dem Munde zu sprechen und daß, so oft er in irgendeiner anderen Weise spräche, er es mit Hilfe des Teufels täte[2].

Im protestantischen England stand es um diesen Wahnwitz nicht viel besser, als bei uns oder in Frankreich.

Während unter Heinrich VIII. von England nur sehr wenige Hinrichtungen von Hexen und Zauberern stattgefunden hatten und das Hexengesetz unter seinem Nachfolger überhaupt aufgehoben wurde, führte die »jungfräuliche Königin« Elisabeth es wieder ein und zwar schon bei ihrer Thronbesteigung. Als der Bischof Jewel vor der Königin predigte und auf die Vermehrung der Hexen zu sprechen kam, drückte er die Hoffnung aus, daß die Strafen noch mehr verschärft würden, wiewohl Elisabeth neue Gesetze, die mit Strenge vollzogen wurden, gemacht hatte.

Der Streiter Gottes sagte zur Königin: »Mögen Eure Gnaden geruhen, sich von der wunderbaren Vermehrung zu überzeugen, die Zauberer und Hexen in den letzten Jahren in Ihrem Königreiche genommen haben. Euer Gnaden Untertanen schwinden dahin bis zum Tode, ihre Farbe verbleicht, ihr Fleisch modert, ihre Sprache wird dumpf, ihr Sinn betäubt. Ich bitte Gott, daß die Zauberer ihre Kraft niemals weiter anwenden mögen, als an den Untertanen.«

Trotz dieser Scharfmacherei blieben die Gesetze weit milder, als auf dem Festlande, da die Hexen, denen man nicht nachweisen konnte jemandem durch ihre Zauberformeln geschadet zu haben, beim erstenmal nur mit Pranger oder Gefängnis bestraft wurden, während die zum Tode verurteilten am Galgen und nicht auf dem Scheiterhaufen sterben mußten. Ferner wurde gegen sie keine Tortur angewandt, sondern nur die Nadelprobe, bei der die Opfer über den ganzen Körper gestochen wurden, um das unempfindliche Mal (stigma diabolicum) zu finden — daß es sich hier um hysterische Anästhesie handelt, liegt auf der Hand! — oder man unterzog sie dem Hexenbad. Hier galt das Schwimmen auf dem Wasser als Zeichen von Schuld, da das reine Element eine Hexe nicht aufnahm, Untersinken aber war ein Beweis für die Unschuld. Endlich störte man mehrere Nächte hindurch den Schlaf der Angeklagten, um so ein Geständnis zu erpressen, ein heute noch in Amerika bei Strafverhören als »dritter Grad« übliches Verfahren, das allerdings wenig humaner ist, als die Folter.

Gegen diese grausamen oder einfältigen Methoden schrieb im Jahre 1584 ein Laie (natürlich!) namens Reginald Scott seine »Enthüllungen der Hexerei« (Discovery of Witchcraft) und bewies mit größter Geschicklichkeit die Grausamkeit und Torheit der Verfolgung und die Einfältigkeit des ganzen Hexenwahns. Wiewohl dieser Angriff der denkbar geschickteste war, im volkstümlichen Stile geschrieben, jeden Denkenden überzeugen mußte, verfehlte er seine Wirkung. Das wird den Kenner der menschlichen Dummheit in keiner Weise verwundern, denn was will Logik, gesunder Menschenverstand, Gelehrsamkeit oder gar Humanität ausrichten, wenn es sich um Dummheiten handelt, die die Religion als Mutter verehren!

Jakob I., weit entfernt sich überzeugen zu lassen, verfolgte nur desto heftiger, war er doch überzeugt, daß die stürmische Seefahrt bei seiner Rückkehr von Dänemark, ein Werk der Hexen gewesen sei, und daß der Teufel ihn für seinen fürchterlichsten Gegner ansehe. Er ließ hinfort die Hexen schon bei der ersten Übertretung töten, selbst wenn sie ihren Nächsten keinen Schaden zugefügt hätten. Dieses Gesetz trat in Kraft, als Coke Kronanwalt und Bacon Parlamentsmitglied war und zwölf Bischöfe in der Kommission saßen, der es überwiesen war. Die Verfolgungen wurden heftiger, zugleich drang der Aberglaube tiefer in die Literatur und in das Volk ein. Denn die Dummheiten, die oben gemacht werden, verbinden mit dem Zauber, der jeder Dummheit schon von Natur eigen ist, noch den Nymbus der Majestät.

Damals konnte Sir Thomas Browne erklären, daß diejenigen, die das Vorhandensein der Hexerei leugneten, nicht bloß Ungläubige, sondern mittelbar auch Gottesleugner wären. Übrigens glaubte er selbst weder an Incubi, noch an Lykanthropie.

Bacon konnte in einem seiner wichtigsten Werke als die drei »Abweichungen von der Religion« Ketzerei, Abgötterei und Hexerei bezeichnen. Daß Shakespeare an die Wirklichkeit der Hexerei glaubte, beweisen seine Hexen im Macbeth nicht minder, wie das entstellte Bild, das er von der Jungfrau von Orleans zeichnet.

So wirkte in einem protestantischen Lande — das ist zu beachten! — die obrigkeitliche Dummheit Tod und Verderben bringend fort! Aber es wurde noch schlimmer[3].

Die Puritaner, die mit Cromwell die Gewalt erlangten, waren geneigt in allem, was ihnen nicht paßte, satanischen Einfluß zu erblicken. Als Unruhen in der Grafschaft Suffolk entstanden, erklärte der berüchtigte Hexenfinder Matthew Hopkins sie von Hexen verpestet. Eine Kommission, begleitet von zwei vom Parlament ausgewählten ausgezeichneten presbyterianischen Geistlichen, leitete dort die Untersuchung, und in einem Jahre mußten in der einen Grafschaft 60 Personen als Zauberer für die Dummheit ihrer Zeitgenossen am Galgen büßen. Während der wenigen Jahre der Republik wurden mehr Personen wegen Hexerei und Zauberei zu Tode befördert, als in der ganzen Periode vor und nachher.

Doch von langer Dauer war der Wahn in dem so nüchternen und klugen England nicht und sein letztes Stündlein hätte noch eher geschlagen, würde er nicht in der Person des Joseph Glanvil einen eifrigen Verteidiger gefunden haben. Dieser zu seiner Zeit berühmte Geistliche, in dessen Händen siebzehn Jahre lang die Verteidigung des sterbenden Glaubens gelegen hatte, ein relativ aufgeklärter und sogar skeptischer Kopf, Freund der induktiven Methode, die in erster Linie dazu berufen war, der mittelalterlichen Spekulation den Todesstoß zu versetzen, sollte zum Hexenanwalt werden.

In seinem »Sadducismus Triumphatus« schrieb Glanvil eines der geschicktesten Bücher, die je zur Verteidigung des Aberglaubens verfaßt worden sind. Zunächst klagt er über den raschen Fortschritt des Skeptizismus in England, in dessen Folge es in den oberen Klassen Mode geworden sei, nicht mehr an Hexerei zu glauben. Wir machen hier wieder die interessante Beobachtung, daß, wie einst die katholische Kirche im 16. Jahrhundert über das rasche Schwinden des Hexenglaubens im Volke klagte und deshalb mit Gewalt die entweichende Dummheit festhalten wollte, so im protestantischen England ebenfalls die Geistlichkeit in sich den Beruf fühlte, sich gegen die Aufklärung des Volkes zu stemmen. Übrigens ist sie sich in diesem Punkte, dem Festhalten an alter Torheit, bis zur Stunde treu geblieben, wenn auch Verteidiger des Inkubus sich in der Regel nicht mehr ins dichteste Gewühl wagen.

Glanvil sucht vor allem zu beweisen, daß die Annahme, Hexerei sei abgeschmackt, lächerlich oder unwahrscheinlich sei. Mit Recht konstatiert er, daß es eine Leichtgläubigkeit des Unglaubens gäbe, er irrt eben nur in der Annahme, daß ein solcher Fall der Hexerei gegenüber vorliegt. Sein Buch, mit Logik und großem Wissen, mit einem Schein von Skeptizismus und viel Material aus der Bibel so gut wie aus der Praxis der Gerichtshöfe ausgestattet, hatte einen außerordentlichen Erfolg.

Der berühmte Philosoph Henry More schrieb eine Lobrede auf Glanvil und unterstützte seine Beweisführung durch neues Material. Die Gegner des Hexenglaubens nannte er »Gaukler, die lediglich von Unwissenheit, Eitelkeit und dummen Unglauben aufgeblasen seien«. Casaubonus, der gelehrte Dekan von Canterbury, schrieb im gleichen Sinne. Cudworth, wohl der tiefste Denker der englischen Kirche, meinte, der Skeptizismus gegen den Hexenglauben sei hauptsächlich eine Folge des Einflusses von Hobbes und fügte hinzu, daß diejenigen, die dem Skeptizismus huldigten, mit Recht des Atheismus verdächtigt werden könnten.

Die Gegner des Aberglaubens konnten dem allen keinen Autor von Namen, kein Buch von Erfolg entgegensetzen, was aber keineswegs hinderte, daß der Skeptizismus und damit die Vernunft ständig zunahmen.

Nun wird man mit vollem Rechte sagen können, daß Hexen und Teufel ebenso möglich sind, wie Gott und Engel. Denn wie können wir mit unserer geringen Kenntnis vom Weltganzen die Unmöglichkeit irgendeiner Erscheinung genügend beweisen? Um wie viel weniger konnten es frühere Jahrhunderte, die noch viel weniger Naturgesetze erkannt hatten und deshalb viel häufiger zu Hilfshypothesen, wie sie ihnen Engel und Teufel boten, greifen mußten? War aber die Möglichkeit eines solchen Glaubens gegeben, dann handelte es sich nur darum, die Wirklichkeit zu beweisen, und dafür standen Bibel und Autoritäten, Kirche und Gerichtsprotokolle, ja die Aussagen der Beschuldigten selbst zu Gebote. Die Dummheit eines Bodin, eines Glanvil und wie sie alle heißen, bestand also viel weniger in der Art der Beantwortung der Frage, sondern vielmehr in deren Stellung. Denn daß die Hexenverfolgungen nirgends Gutes gestiftet hatten, also praktisch wertlos waren, selbst wenn sie theoretisch berechtigt gewesen wären, müßte doch jedermann klar sein.

Auch die Neue Welt, die so mancher Auswanderer aus keinem anderen Grunde aufgesucht hatte, als um dort unter selbstgegebenen Gesetzen ledig jedes Glaubenszwanges zu leben, wurde von der Seuche ergriffen. Daß das gerade in eine Zeit der größten naturwissenschaftlichen Entdeckungen fällt, ist gewiß beachtenswert.

Einer von Cotton Mather geschriebenen Geschichte der ältesten Hexenprozesse und einem Werke des Richard Baxter über »Die Gewißheit der Geisterwelt«, das im Jahre 1691 erschien, war es zuzuschreiben, daß auch in Nordamerika die Hexenverfolgung durch die Geistlichkeit mit Eifer betrieben wurde. Die Grausamkeit, mit der sie auch hier vorging, erhellt daraus, daß ein achtzigjähriger Mann zu Tode gequetscht wurde, 27 Personen wurden in Massachusetts hingerichtet. Auch hier wurde von der Geistlichkeit, von gebildeten Männern, ein törichter und grausamer Aberglaube neuerdings erzeugt, nachdem der gesunde Menschenverstand der Laien ihn bereits abgelegt hatte.

Übrigens wurde in England, wo im Gegensatz zu Amerika der Skeptizismus sehr schnell die Oberhand bekam und wo die anglikanische Kirche im Gegensatz zum Katholizismus und zum Puritanismus nie viel Unheil angerichtet hatte, der letzte Prozeß dieser Art gegen Johanna Wenham in Herfordshire im Jahre 1712 geführt. Gegen den Willen des Richters verurteilte eine stumpfsinnige Geschworenenbank die Angeklagte zum Tode, doch war es dem Richter nicht schwer, das durch geistlichen Einfluß zustande gekommene Urteil zu mildern. Im Jahre 1736 wurden in England die Hexengesetze ohne Schwierigkeiten oder Agitation aufgehoben[4].

Wo der Puritanismus herrschte, da sah es allerdings schlimm um die Beseitigung des Aberglaubens aus. Das arme Schottland kann ein Lied singen von den Zuständen unter der Herrschaft einer Geistlichkeit, der kein gebildetes Laienpublikum ein Gegengewicht bietet. Die dort herrschenden Puritaner hielten das Volk in willenloser Sklaverei, verstanden es durch unerbittliche barbarische Tyrannei jeden Widerstand zu brechen, alles in Furcht zu erhalten, das ganze Volk durch ihre düstern und törichten Lehren zu verseuchen und jedermann zur unbedingten Vollstreckung ihrer kirchlichen Anordnungen zu zwingen. Von dem System religiösen Terrorismus, das die puritanische Geistlichkeit ausarbeitete, um sich den Volksgeist völlig untertan zu machen, können wir uns kaum mehr eine Vorstellung bilden.

Die schauderhaftesten Gestalten menschlichen Leidens wurden als schwache Abbilder der ewigen Verdammnis zusammengehäuft, nicht ohne liebevoll zu betonen, daß die Mehrzahl der Menschheit diesem Lose verfallen sei. Man erzählte zahllose schreckliche Wunder, die im Lande passiert sein sollten. Krankheit, Sturm, Hungersnot, jeder Unfall, der Menschen, Vieh oder Feldfrüchte traf, wurde der unmittelbaren Einwirkung der Geister zugeschrieben. Daß der Satan beständig in sichtbarer Gestalt auf Erden wandle, war eine ausgemachte Sache.

Nun mag es ja ganz klug von der Geistlichkeit gewesen sein, durch die spukhaftesten Schreckgestalten sich die Herrschaft über ein unwissendes Volk zu sichern und so im Trüben zu fischen. Aber wie unsagbar dumm von den Regierten, sich diesen blauen Dunst vormachen zu lassen! Ihm zuliebe auf Lebensfreude, auf Wissen, auf Freiheit zu verzichten!

Natürlich breitete sich unter diesen Seelenhirten der Hexenglaube in erschreckender Weise aus und nahm den düstersten Charakter an. Während er in andern Ländern wenigstens mit viel Betrug gemischt war, scheint er in Schottland ganz unverfälscht gewesen zu sein. Buckle weist wenigstens darauf hin, daß im Gegensatz zu andern Ländern in schottischen Hexenprozessen keine Fälle von Betrug entdeckt werden könnten. Die frommen Schotten nahmen also alles für bare Münze. Und doch gab es in Schottland vor 1563 überhaupt kein Gesetz gegen Hexerei. Die Hexenverfolgung und die Hexenprozesse sind also ausschließliches Verdienst des Puritanismus.