Wenn wir im Kometenjahre 1910 soundsooft in den Zeitungen von Leuten lesen mußten, die aus Furcht vor dem Weltuntergang selbst Hand an sich legten, so waren das ja alles gewiß keine Beweise von hoher Intelligenz. Immerhin ist der Gedanke, durch Zusammenstoß mit einem Himmelskörper vernichtet zu werden, vielleicht falsch, aber an sich keineswegs dumm. Der Halleysche Komet stand ja am Himmel, er näherte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit; daß die Erde in seine Nähe kommen würde, war gewiß; also war doch zweifellos eine Ursache der Furcht vorhanden, wenn auch nicht für Naturkundige. Zudem handelte es sich wohl ausnahmslos um Landleute, die ein sicheres Ende einem möglichen vorzogen, und ferner betreffen die Fälle meist Ungarn und weniger zivilisierte Länder.

Was aber sagen wir dazu, wenn im aufgeklärten Deutschland im Jahre 1912 sich in Bad Godesberg, in nächster Nachbarschaft der Universitätsstadt Bonn eine Sekte bildet, die den Weltuntergang prophezeit und zwar ausgerechnet auf den 21. März 1912 und wenn diese Sekte Gläubige in gebildeten Kreisen findet?

Ein wahnwitziger Schwärmer hatte aus der Bibel den untrüglichen Beweis für seine Prophezeiung erbracht. Seine Weisheit hatte er in einem Schauertraktätchen unter die Leute verteilt. Natürlich fand er Gläubige, die sich auf diesen großen Tag entsprechend vorbereiten wollten. Unter ihnen befand sich auch eine Dame besten Standes, die »um ganz rein vor dem Heiland zu erscheinen«, sich einer radikalen Leibesreinigung unterzog. Ein einfaches Bad genügte ihr nicht in ihrem frommen Sinne und so schüttete sie denn in das Badewasser ein großes Quantum Salzsäure. Die Folge blieb nicht aus: beim Verlassen des Wassers löste sich die Haut vom ganzen Körper ab, so daß die Unglückliche in die Klinik verbracht werden mußte, wo sie wohl inzwischen ihren Leiden erlegen ist[26].


Wir sind am Ende!

Wer bezweifelt noch, daß es ausnahmslos die Autoritäten und zwar fast ausschließlich die religiösen Autoritäten waren und sind, die durch törichte Lehren der Dummheit oft in ihren furchtbarsten Formen Anregung boten und Vorschub leisteten, ja noch leisten? Die Dummheit aber gehört zum kostbar gehüteten, unverlierbaren Besitz der Menschheit.

Literaturnachweis

I. Kapitel

1 Vorstehende Beispiele nach Carl Julius Weber, Demokritos, Ausg. bei C. H. Otto, Berlin, III. Bd., S. 216 f.

2 Vgl. Emil Schürer, Gesch. d. jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, 2. Bd., 4. Aufl., Leipzig 1907, S. 553 ff. Die Reinlichkeitsgesetze ebenda, S. 560 ff.

3 Hermann Reuter, Gesch. d. religiösen Aufklärung im Mittelalter, I, S. 41 ff.

4 Über Agobards Schriften vgl. W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen, I. Bd., 6. Aufl., S. 211, Anm. 3.

5 Karl Goedeke, Dichtungen von Hans Sachs, I. Teil (Deutsche Dichter des XVI. Jahrhunderts, IV, 1), Leipzig 1870, S. XXII der Vorrede.

6 Vgl. Das Merckwürdige aus den kleinen deutschen theologischen, philosophischen und philologischen Schriften, welche vor kurtzen an das Licht getreten, II. Bd., Leipzig 1756, S. 469 ff., 519 ff. und 529 ff.

7 Ebenda, II. Bd., S. 170 ff.

8 Ebenda, II. Bd., S. 1049 ff.

9 Ebenda, I, Leipzig 1753, S. 65 ff.

10 Bayle, Dictionnaire historique et critique, Rotterdam 1698, I. Bd., p. 21, Artikel Abel.

11 Das Merckwürdige etc., I, S. 445 f.

12 Ebenda, I, S. 143 ff.

13 O. Zöckler, Geschichte der Beziehungen zwischen Theologie und Naturwissenschaft, I. Bd., S. 628.

14 Ebenda, I, S. 629.

15 Ebenda, I, S. 689.

16 Vgl. W. E. Hartpole Lecky, Geschichte des Ursprung und Einflusses der Aufklärung in Europa. Übers. von H. Jolowicz, Leipzig und Heidelberg 1868. I. Bd., S. 209 ff. und Zöckler, Theologie und Naturwissenschaft, I, S. 338 ff.

17 Vgl. W. E. Hartpole Lecky, Geschichte des Ursprung und Einflusses der Aufklärung in Europa. Übers. von H. Jolowicz, Leipzig und Heidelberg 1868. I. Bd., S. 209 ff. und Zöckler, Theologie und Naturwissenschaft, I, S. 338 ff.

18 Lecky, Gesch. d. Aufklärung, I, S. 230, Anm. 2.

19 Das Merckwürdige etc., I, S. 614 f.

20 Zöckler, Theologie und Naturwissenschaft, II, S. 47.

21 Ebenda, II, S. 44 f., 351 und 471 ff.

22 Vgl. C. Fr. Keil, Die biblische Schöpfungsgeschichte und die geologischen Erdbildungstheorien in Kliefoths Kirchlicher Zeitschrift, 1860, S. 479 ff. (nach Zöckler).

23 Zöckler, II. Bd., S. 471-475, S. 558, Anm. 41 und S. 353.

24 Ebenda, II. Bd., S. 703.

II. Kapitel

1 O. Zöckler, Askese und Mönchtum, I. Bd., 2. Aufl., 1897, S. 237 f.

2 Ebenda, I. Bd., S. 171 ff. und 177 ff.

3 Lecky, Gesch. d. Aufklärung, I, S. 241, Anm.

4 Zöckler, Askese und Mönchtum, I, S. 300, Anm. 2 und S. 302 f.

5 Ebenda, I, S. 238 f.

6 Gioja, Philosophia della Statistica tom, II, p. 389 zitiert nach Lecky, Gesch. d. Aufklärung, II, S. 34.

7 Lecky, Sittengeschichte Europas, II. Bd., S. 121.

8 Ebenda, II, S. 107.

9 Ebenda, II, S. 99 und 103.

10 Ebenda, II. Bd., S. 100.

11 Zitiert nach Lecky.

12 O. Zöckler, Askese und Mönchtum, S. 529, Anm.

13 Ebenda, I, S. 265 und 267.

14 Ebenda, I, S. 279 f.

15 Lecky, Sittengeschichte Europas, II. Bd., S. 99.

16 Rieß, P. Canisius, S. 514, zitiert nach S. Riezler, Gesch. Baierns, VI, S. 252. Die Puritaner Schottlands forderten dasselbe. Vgl. H. Th. Buckle, Gesch. der Civilisation in England, übers. von A. Ruge, 7. Aufl., Leipzig 1901, II. Bd., S. 376 ff.

17 (Lipowsky) Gemälde aus dem Nonnenleben, München 1808, S. 65-77.

18 Ebenda, S. 89 f.

19 O. Zöckler, Askese und Mönchtum, I. Bd., S. 579 f.

III. Kapitel

1 Graf von Hoensbroech, Das Papsttum in seiner sozialkulturellen Wirksamkeit, I. Bd., 5. Aufl., 1905, S. 215-220.

2 Ebenda, I. Bd., S. 384 ff.

3 Kemmerich, Kultur-Kuriosa I, 10. Tausend, S. 242 ff. Teilweise einschlägig auch S. 53 ff.

4 Jakob Burckhardt, Die Cultur der Renaissance in Italien, 7. Aufl., II. Bd., S. 73 und Exkurs LXXVII.

5 Hoensbroech, Das Papsttum, I. Bd., S. 387 ff.

6 Lecky, Gesch. der Aufklärung in Europa, I. Bd., S. 61, Anm. 3.

7 Hoensbroech, 1. Bd., S. 428 ff.

8 Ebenda, I, S. 442 ff.

IV. Kapitel

1 Lecky, Gesch. der Aufklärung in Europa, I, S. 66 ff.

2 Garinet, Histoire de la magie en France, p. 280, zitiert nach Lecky.

3 Lecky, Gesch. d. Aufklärung, I, S. 79-82.

4 Lecky, I, S. 83-95.

5 Ebenda, I, S. 98 f., 101 ff., 105 und 36. Über die Zustände in Schottland vgl. ferner Buckle, Gesch. der Civilisation in England, II. Bd., 5. Kapitel.

6 Keyßlers »Reisen«, Hannover 1776, S. 150.

7 Gustav Roskoff, Geschichte des Teufels, 2. Bd., S. 480 ff.

8 Max Frh. v. Freyberg, Pragmatische Geschichte der bayerischen Gesetzgebung, II. Bd., Augsburg 1836, S. 194-196.

9 Ebenda, III. Bd., S. 290 f.

10 Ebenda, III. Bd., S. 126 f.

11 Karl Prantl, Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität, München 1872, S. 299 f. und 303.

12 Andreas Zaupser, Über den falschen Religionseifer eines Ungenannten, München 1780, S. 13 f.

13 August Kluckhohn, Der Freiherr von Ickstatt und das Unterrichtswesen in Bayern unter dem Churfürsten Maximilian Joseph. Festreden der bayr. Akad. d. Wiss., München 1869, S. 13-20.

14 S. Riezler, Geschichte Baierns, VI. Bd., S. 302.

15 Fr. A. W. Schreiber, Max Joseph III., der Gute, München 1863, S. 230 f.

16 Hermann von Sicherer, Staat und Kirche in Bayern, München 1874, S. 7. Die von 1766-1775 zur Verteidigung oder Bekämpfung des Hexenglaubens erschienenen Schriften sind zusammengestellt in den Annalen der Baierischen Literatur vom Jahre 1781, Nürnberg 1782, II. Bd., S. 130-134.

17 F. A. von Besnard, Repertorium für katholisches Leben, Wirken und Wissen, III. Bd., Landshut 1843, S. 52.

18 Sicherer, Staat und Kirche, S. 65.

19 Prantl, Gesch. der Ludwig-Maximilians-Universität, S. 264, 354 und 358 ff.

20 Freyberg, Pragmatische Gesch., III. Bd., S. 326.

21 Kluckhohn, Frh. v. Ickstatt, S. 27 f. und S. 15.

22 Prantl, S. 645 und Schreiber, Max III. Joseph, S. 239.

23 Besnard, Repertorium, III. Bd., »Denkwürdigkeiten aus der Gesch. Süddeutschlands im 19. Jahrh.«, S. 57.

24 Allerneueste Nachrichten, S. 657 f.

25 Schreiber, Max III. Joseph, S. 211.

26 Sicherer, Staat und Kirche, S. 101 f.

27 »Reisen«, 21. Brief, S. 147.

28 Lecky, Gesch. d. Aufklärung, II, S. 34.

29 Ebenda, I, S. 122-124.

V. Kapitel

1 Freyberg, Pragmatische Geschichte der bayerischen Gesetzgebung, III. Bd., S. 156-165.

2 Ebenda, III. Bd., S. 165-173.

3 Felix Lipowski, Baierns Kirchen und Sittenpolizei, München 1819, S. 12-14.

4 Freyberg, III. Bd., S. 162, 164, 166 und 230.

5 Karl Prantl, Gesch. d. Ludwig-Maximilians-Universität, S. 347 f.

6 Lipowski, S. 1-4.

7 Sicherer, Staat und Kirche in Bayern, S. 1-3.

8 Schreiber, Max III. Joseph, S. 205-209.

9 J. L. S. Bartholdy, Der Krieg der Tyroler Landleute im Jahre 1809, Berlin 1814.

10 F. A. v. Besnard, Repertorium für katholisches Leben etc., III. Bd., S. 90.

11 Beyträge zur Vaterlandskunde Bayerns, I. Heft, 1801, S. 8 f.

12 Schreiber, S. 202-207 und 211-215.

13 Christian Meyer, Wie Bayern ein moderner Staat wurde, München 1903, S. 41 f.

14 Sicherer, Staat und Kirche, S. 24.

15 Besnard, Repertorium, III. Bd., S. 68.

16 Ebenda, III, S. 69.

17 Beilage der Münchener Allgem. Zeitung, 1905, Nr. 34, S. 271.

18 Georg Längin, Der Wunder- und Dämonenglaube der Gegenwart, Leipzig 1887, S. 43-46.

19 Nach Schücking, Türmer XI. 2 (1909), S. 770.

20 Lecky, Gesch. d. Aufklärung, II. Bd., S. 31 ff.

VI. Kapitel

1 S. 146-187, zitiert nach Georg Längin, Der Wunder- und Dämonenglaube der Gegenwart, S. 53. Das Buch heißt »Zur neuesten Kulturgeschichte Deutschlands«.

2 Längin, S. 57 f.

3 Der Titel lautet »Dr. Martin Luthers Kleiner Katechismus mit Erklärung«, Hannover, Verlag der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft; ohne Jahreszahl.

4 Längin, S. 48-51.

5 Ebenda, S. 61-63.

6 Roskoff, Gesch. d. Teufels, II. Bd., S. 606 f.

7 Vgl. Längin, S. 89-91.

8 Ebenda, S. 92. Anm. und S. 91-93.

9 Berliner Tageblatt, 21. Dez. 1910, Nr. 647.

VII. Kapitel

1 Heinrich Reusch, Die deutschen Bischöfe und der Aberglaube, Bonn 1879, S. 33-39.

2 Ebenda, S. 39-42.

3 Ebenda, S. 48 f.

4 Ebenda, S. 61.

5 Ebenda, S. 62-66.

6 Ebenda, S. 95 f.

VIII. Kapitel

1 M. Kemmerich, Lebensdauer und Todesursachen innerhalb der deutschen Kaiser- und Königsfamilien, Wien 1909, S. 20.

2 O. Zöckler, Askese und Mönchtum, 2. Aufl., S. 530 ff. u. 535.

3 Ebenda, S. 611 f.

4 M. Friedmann, Über Wahnideen im Völkerleben, Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, Wiesbaden 1900, S. 289.

5 Ebenda, S. 249 f.

6 Ebenda, S. 290 f.

7 Lecky, Gesch. der Aufklärung in Europa, I. Bd., S. 18, Anm. 3.

8 Friedmann, S. 293-295.

9 Ebenda, S. 292 f.

10 Ebenda, S. 295-297.

11 O. Stoll, Suggestion und Hypnotismus, 2. Aufl., Leipzig 1904, S. 448 f. und 446.

12 Nach J. L. Meyer, Schwärmerische Gräuelszenen oder Kreuzigungsgeschichte einer religiösen Schwärmerin, 2. Aufl., Zürich 1824.

13 Meyer, S. 327 ff. und J. Salat, Versuche über Supernaturalismus und Mystizismus, Sulzbach 1823, vgl. Stoll, S. 462 f.

14 Friedmann, S. 276.

15 Ebenda, S. 266.

16 Moritz Busch, Wunderliche Heilige, Leipzig 1879, S. 81 ff.

17 L. Löwenfeld, Der Hypnotismus, Wiesbaden 1901, S. 480 f. und Dresbach, Die protestantischen Sekten der Gegenwart, Barmen 1888.

18 v. Bechterew, der Maljòwanni selbst untersuchte, in »Die Suggestion und ihre soziale Bedeutung«, Deutsch von Weinberg, Leipzig 1899, nach Löwenfeld, Hypnotismus, S. 481 f.

19 Stoll, Suggestion und Hypnotismus, 2. Aufl., S. 478-483, nach Barzellotti, David Lazaretti.

20 Löwenfeld, Hypnotismus, S. 480.

21 Stoll, Suggestion und Hypnotismus, S. 504 ff.

22 Ebenda, S. 509-514.

23 Friedmann, Wahnideen, S. 267 f.

24 Ebenda, S. 299.

25 E. Buchner, Beilage der Münchener Allgem. Ztg., 1907, Nr. 203, S. 228 ff.

26 Münchener Neueste Nachrichten, 1912, Nr. 157.

Seite 292Dr. Max Kemmerich

Kultur-Kuriosa

  Erster Band:   Zehntes Tausend  
Zweiter Band: Sechstes Tausend
Jeder Band geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark

Münchner Neueste Nachrichten: Wenn ich den Verfasser recht verstanden habe, so hat er mit dieser Veröffentlichung von Kulturdokumenten aller Zeiten und Völker das ethische Ziel verfolgt, im Spiegel der Vergangenheit das Bild der Gegenwart zu zeigen und dadurch auch seinerseits dazu beizutragen, daß Leben, Ehre, Freiheit und fremde Überzeugung jene Achtung genieße, die er mit vollem Recht als das wichtigste Kulturkriterium betrachtet, wichtiger als alle technischen und wissenschaftlichen Fortschritte und alle künstlerischen Großtaten.

Der Tag, Berlin: Ein ganz verflixtes Buch. Vom Standpunkt der Orthodoxie aus — hüben wie drüben — höchst verwerflich nach Tendenz und Inhalt. Und nun gar: wenn man sich »Töchterschülerinnen« als seine ungebetenen Leserinnen vorstellen wollte — einfach Pfui Deibel! Und dennoch: recht zum Nachdenken bewegend, zur Einkehr stimmend, zur Umschau anregend. Notabene: Für solche, die ihr bißchen Spiritus gewöhnt sind nicht nach einem irgendwie vorgeschriebenen Schema F einzustellen. Bei allem Pessimismus, der daraus spricht, eine sinnige Gabe für geborene Optimisten .... Der wahre Satiriker will nicht nur bloßstellen, sondern auch bessern; so will auch dies Buch bei aller Boshaftigkeit oder doch Ungeschminktheit den unserer »Bildung« durchaus nicht überall adäquaten Stand unserer sogenannten Kultur heben. Möchte es vor allen Dingen unter die Augen der Männer geraten, die es namentlich angeht.

(Dr. Hans F. Helmolt)

 

Generalanzeiger Mannheim: Solche Bücher sind selten. Denn zu gern verschließt sich der Mensch solch krassem Bekenntnis der Wahrheit. Aber sie haben eben dadurch doppelten Wert. Kemmerichs »Kultur-Kuriosa« sollte jeder besitzen, der Anteil nimmt an menschlicher Kultur, und es ist jedem von uns heilsam, mitunter in dem Buche zu blättern.

Neue Züricher Zeitung: Eine Sammlung drastischer Anekdoten aus dem weiten Reiche der Kulturgeschichte mit viel Geschick ausgewählt zum Behufe des Nachweises, »daß unsere Kultur, soweit sie auf Befreiung von Grausamkeit, Intoleranz und Borniertheit beruht, noch sehr jungen Datums ist«. In der Tat ist es unglaublich, von welcher Barbarei wir herkommen, und in welcher Barbarei wir vielfach heute noch stecken, auf dem Gebiete des Rechts, der Ehe, der Sittlichkeit, des Glaubenslebens usw. Manchmal traut man seinen Augen nicht; aber der Verfasser beruft sich in einem überaus reichen Literaturnachweis durchgängig auf die besten Quellen.

Liberales Wochenblatt Straßburg i. E.: So wirkt das Büchlein kulturkräftig, als eine Mahnung zur Offenheit und Freimütigkeit in dem Eintreten für ein wahrhaft humanes, sittliches Kulturideal.

Albert Langen, Verlag, München

Seite 293Dr. Max Kemmerich

Dinge, die man nicht sagt

Siebentes Tausend
Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark

Straßburger Post: Mit diesem Bande ist uns ein ganz köstliches Buch geschenkt worden. Es handelt von allem, was das Leben an Erscheinungen und Fragen bringt, von Schule und Universität und von Nationalgefühl und Moral, von Kunst und Humanität und von Kritik und Polemik. Es wird keinen einzigen Leser finden — außer den Kritiklosen, die dies Buch nicht wert sind —, der mit einem einzigen seiner Aufsätze ganz einverstanden wäre. Aber auch keinen, der nicht gerade dort, wo er nicht zustimmt, über die rücksichtslose Offenherzigkeit und das fröhliche Draufgängertum sich freute, mit dem der Verfasser seine Meinung sagt. Dieser Mut zur Wahrhaftigkeit macht das Buch anziehend. Allerdings ist aber die besondere Gabe des Verfassers auf ein enges Gebiet begrenzt. Er ist ein überaus glücklicher Beobachter des bunten Treibens unserer »Gesellschaft«, das man in den beteiligten Kreisen als »unsere Kultur« bezeichnet. Aber zum tieferen Eindringen in die Probleme zeigt er hier entweder keine Lust oder kein Geschick. Darum sind die Abschnitte, deren Gegenstände am meisten ein Einsetzen der Kritik nicht an den Zweigen, sondern an der Wurzel erheischten, die unbefriedigendsten. Aber man soll sich durch die Gegenstände, deren Wahl ein Fehlgreifen ist, nicht den Genuß an dem andern, glücklich gewählten, verderben lassen.

Die Propyläen: Die »Kultur-Kuriosa« sind mehr als eine bloße Raritätensammlung, sie wollen den Nachweis führen, daß auch unser herrliches 20. Jahrhundert das dunkle Mittelalter noch immer nicht überwunden hat, während die »Dinge, die man nicht sagt« in systematischem Kriegsplan gegen die Gebrechen unserer Zeit vorgehen. Beide Bücher, insbesondere das zweite, das ich vorziehen möchte, müssen und wollen auf Schritt und Tritt anstoßen, aber sie enthalten eben doch einen wahren Kern, wie jeder zugeben muß, der sich von den Fesseln der Voreingenommenheit und der Phrase freimacht.

Niederschlesische Zeitung, Görlitz: Vielleicht ist man mit der Behandlung des einen oder anderen Themas nicht völlig einverstanden, aber in sehr vielen Punkten, ja man kann sagen in den meisten, muß man den Verfasser als einen grundgescheiten Menschen, der sich unter allen Umständen bestrebt, die Dinge ohne alle Schönfärberei zu betrachten, oder einfacher gesagt, der den Mut hat, vernünftig zu sein, recht geben. Wenn man ihm beispielsweise zuhört, wie er über »Wissensdurst und Universität« urteilt, wie er das zopfige Gelehrtentum herunterputzt, das an Stelle einer universellen lebendigen Darstellung stundenlanges trockenes Aufzählen der Quellen, der Werke, die der Darstellung zugrunde liegen, für die richtige geistige Kost hält, dann spricht einem der Verfasser aus dem Herzen! Nach dieser Richtung hin bietet das Buch eine Summe von Beobachtung aus dem täglichen Leben, und wenn nur die Hälfte von dem, was er sagt, Nachachtung fände, so würde es um vieles besser stehen um unsere Kultur.

Albert Langen, Verlag, München

Seite 294Dr. Max Kemmerich

Prophezeiungen

Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?

Viertes Tausend

Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark 50 Pf.

Psychische Studien: Und doch wurde er unter dem Gewicht der Tatsachen von einem Saulus zu einem Paulus, dessen Buch zu den besten der ganzen metapsychischen Forschung gehört.... Das Buch gehört in die Bibliothek aller, denen das Rätsel der Menschenseele und ihrer Fähigkeiten am Herzen liegt. Es wird bahnbrechend wirken für die Seelenforschung.

Fränkische Volkszeitung: Das Buch wird manches Kopfschütteln erregen, manche Polemik hervorrufen. Aber an der Tatsache läßt sich nicht rütteln, daß uns sein Verfasser eines der interessantesten und zum Nachdenken anregendsten Werke der Gegenwart geschenkt hat.

Zentralblatt für Okkultismus: Bücher, wie das vorliegende, sind die wertvollsten Mithelfer und wir können es nur wärmstens allen Zweiflern empfehlen, allen »exakten Forschern«, die hier den geradezu mathematischen Beweis für das Vorhandensein der Kraft zeitlichen Fernsehens aus der Feder eines Nichtokkultisten erhalten ... sie können daraus vor allem lernen, wie man Fragen dieser Art mit wissenschaftlichem Rüstzeug Schritt für Schritt an den Leib rückt.

Albert Langen, Verlag, München

Seite 295Im Verlag von Klinkhardt & Biermann, Leipzig, erschienen folgende Bücher von

Dr. Max Kemmerich:

Die frühmittelalterliche Porträtplastik in Deutschland

bis zum Ende des XIII. Jahrhunderts.

IV, 253 Seiten mit 112 Abbildungen. Geh. M. 11.—, geb. M. 12.50.

Kunst für Alle: Sehr tüchtig hat Kemmerich alles, was vorher an Einzelarbeit auf diesem Gebiete geleistet worden ist, benützt, mit kritischem Auge hat er gesondert, zusammengeschlossen und aufgebaut. Kunstforscher und Historiker auf K.s Porträtwerk hinzuweisen, hieße wohl deren literarische Umsicht stark unterschätzen — aber wie vielen Künstlern und Sammlern, die schon immer nach einem derartigen Werke verlangten, das ihnen »Porträts« mittelalterlicher Persönlichkeiten zeigt, wird man das Werk immer als sicherste Quelle für neue künstlerische Werke oder als Quelle der Erinnerung und Vorstellung mit der Gewißheit des Dankes empfehlen können.

 

Die deutschen Kaiser und Könige im Bilde

Ein Ergänzungsbuch zum deutschen Geschichtsunterricht

4°. VIII u. 60 Seiten. M. 2.50 kart.

Mitteilungen zur Geschichte usw.: Das Studium dieses trefflichen Werkes wird nicht nur den Historikern von Fach, sondern auch allen für die Geschichte Interessierten viel Nutzen und Belehrung bringen. Besonders auch für die Schüler wird das Werk anregend wirken.

Anmerkungen zur Transkription:

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Bis auf offensichtliche Druckfehler wurde vom Haupttext abweichende Schreibweise innerhalb der Zitate beibehalten. Die Punktuation in Referenzen wurde weitestgehend egalisiert. Fußnote 17 zu Kapitel 1 fehlt (Seite 286), ich habe die vorherige Fußnote 16 kopiert, da die Richtung ähnlich ist und es sich sicher auch hier um Zitate aus Zöckler und evt. Hartpole Lecky handelt. Auf Seite 205 (Kapitel VI) wurde ein fehlender Fußnotenanker [7] gesetzt, der im Originaltext nicht erscheint. Die Stellung des Ankers wurde durch Korrelation des Originaltextes und des Zitates ungefähr ermittelt.

Übernommen wurden:

Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert: