Der tolerante Geist des Vorganges wirkte im Volke noch heftig beim Regierungsantritte Max IV. Josephs, der bekanntlich eine protestantische Prinzessin zur Gemahlin hatte, nach. Als sie guter Hoffnung war und nach altem Herkommen in landesherrlichen Bekanntmachungen das Volk aufgefordert wurde für eine glückliche Entbindung zu beten, stieß das christkatholische Volk Münchens laute Verwünschungen gegen die vortreffliche Frau aus, lediglich weil sie Protestantin war und die Geistlichkeit gegen sie hetzte. Es hätte damals auch fast eine Pöbelrevolte gegeben, als der Kurfürst für seine Gemahlin ein protestantisches Bethaus in Nymphenburg errichten ließ und hier ein protestantischer Geistlicher angestellt wurde. Man war desto empörter, als dieser ketzerische Prediger so ausgezeichnet sprach, daß selbst viele Katholiken seinen Predigten beiwohnten und sie gegenüber denen der Bettelmönche als Muster hinstellten.

Was die Geistlichkeit an Qualität vermissen ließ, ersetzte sie durch Quantität, und was an der Güte des in der Kirche Gebotenen fehlte, wurde reichlich wettgemacht durch die Zahl der Gotteshäuser.

Damals gab es nämlich in München acht Männerklöster und neun Nonnenklöster. Wundertätige Bilder wurden siebzehn gezählt, dank einer neuen Augenwendung eines dieser Gemälde in der St.-Peters-Pfarrkirche erhöhte sich diese Zahl im Jahre 1801 auf achtzehn. Aber in nächster Umgebung der Stadt gab es noch mehr. Die Reliquien und heiligen Leiber waren unzählbar. Kongregationen oder Brüderschaften zu gewissen Andachtsübungen gab es 27[11].

Unter Max III. Joseph erreichte der weltliche Klerus in Bayern eine Kopfzahl von 10800 Mann, Kirchen gab es 28709. Außerdem wohnten noch 5400 Ordensmönche in 180 Klöstern. Von der Staatsregierung, den Ständen und Städten wurden jährlich über hundert Freitische an die Theologen der Universitäten und Lyzeen, besonders an die Söhne der Bediensteten verteilt. Jeder Kandidat der Theologie, der über einen solchen Tischtitel verfügte, wurde vom Weihbischof zum Priester ordiniert ohne jede Rücksicht auf geistige und moralische Befähigung. Da Hunderte von Geistlichen überzählig waren und keine Anstellung fanden, so zogen sie von einem Pflegegericht bettelnd und schmutzig, mit zerrissenen Kleidern ins andere, von Dorf zu Dorf. Zur Osterzeit und an den Feiertagen von den Pfarrern gedungen, ergaben sie sich nachher wieder der Bettelei und dem Vagieren. Es war vorwiegend ein Klerus ohne Bildung, Gesittung und Unterhalt.

Da die Pfarrer auf dem Lande größtenteils in ihren Einkünften von der Landwirtschaft abhingen, so forderten sie Kooperatoren, die in der Landwirtschaft bewandert waren. Darauf mußten sie begreiflicherweise größeres Gewicht als auf wissenschaftliche Bildung legen. Viele Pfarrwohnungen wurden in schmutzige Bauernstuben umgewandelt, wo verschiedenerlei Haustieren ein warmes Winterquartier eingeräumt wurde. Die Einkünfte waren auch deshalb so dürftig, weil sich die Landbevölkerung ihre Messen um wenige Kreuzer in den Klöstern lesen ließ.

In den Städten ahmten die Geistlichen ihre Domherren nach und vertrieben sich die Zeit durch die Jagd. Im malerischen Gewande, mit aufgestülptem Hute, mit goldenen und silbernen Schnüren daran, mit gepudertem Haar, weithin flatternder Halsbinde, gefärbten Strümpfen und tressiertem Leibrock gingen sie zum Weidwerk. Da sie aber nicht jagdberechtigt waren, so machten sie mit den Wilddieben gemeinsame Sache. Diejenigen Geistlichen, die die Jagd nicht liebten, zogen in die Gasthäuser, wo sie sich mit Gesang, Spiel, Tanz und leichtfertigen Weibern ergötzten.

Der hohe Klerus, die bayerischen Bischöfe von Salzburg, Freising, Passau, Regensburg, Bamberg, Eichstädt und Augsburg, sämtlich Fürstenhäusern oder ersten Adelsfamilien entstammend, waren durch Staatsgeschäfte ihrem geistlichen Amt entzogen, verwalteten ihre Domänen und zogen von einer Villa zur anderen.

Von der Anmaßung der Domherren zeugt etwa das Verhalten der Freisinger gegen ihren Bischof, den bayerischen Herzog Johann Theodor, Onkel des Kurfürsten Max Joseph. Bei der Wahlkapitulation forderten sie außer anderem auch Jagd in den bischöflichen Waldungen, und an hohen Festtagen für jeden Domkapitular einen Hirsch. Nicht genug damit, daß diese Herren ihrem Bischof das schönste Wild abschossen, sie vergeudeten auch noch die Einkünfte und machten überdies jährlich für über 47000 Gulden Schulden. Allerdings konnte sich der Bischof wenig um Freising kümmern, denn er bekleidete noch nebenher die Würden eines Bischofs von Regensburg und Lüttich. Läßt sich denken, wie gewissenhaft er seiner seelenhirtlichen Tätigkeit obliegen konnte und wie viel die fromme Herde ihren Bischof zu sehen bekam! Übrigens hinderte das keineswegs, daß Papst Benedikt XIV. Johann Theodor zum Kardinal ernannte, »in Rücksicht auf die großen Verdienste, welche sich das bayerische Haus um die katholische Religion erworben«.

Die Armut des niederen Klerus stand überhaupt im schärfsten Gegensatz zu Üppigkeit und Reichtum des hohen. So war der Erzbischof von Salzburg und Fürstprimas von Deutschland, Reichsgraf Sigismund von Schrattenbach, ein gar prunkliebender Herr. Bei Konferenzen war er von seinen 8 Suffraganbischöfen umgeben, in seinem Domkapitel saßen 7 Reichsfürsten und 17 Reichsgrafen, ihn bedienten 73 Kammerdiener, 18 Hoflakaien und 7 Heiducken; 55 Hofmusiker verscheuchten ihm die Regierungssorgen und 21 Köche sorgten für des Leibes Wohlfahrt. 12 Edelknaben servierten ihm in prunkendem Gold.

Wie der Erzbischof, so besaßen seine Suffragane Erblandmarschalle, Erbkämmerer, Erbschenken, Erbtruchsessen, Universitäten mit theologischen, juristischen und philosophischen Fakultäten, einen Hofrat, Sanitätskommission, Oberhofmarschallamt, Oberjägermeisteramt. Die meisten Ämter waren unter die Domherren verteilt, unter denen ein jeder den vierten Grad adeliger Abkunft in väterlicher und mütterlicher Linie aus deutschem Geblüt nachzuweisen hatte. Schon in der Wiege wurde der adelige Knabe als Domherrnaspirant vorgemerkt, um mit 14 Jahren tonsuriert und mit dem geistlichen Violett bekleidet zu werden. Als niedersten Gehalt bezog der junge Domherr 1500 Gulden, wofür er von 12 Uhr nachts an im ersten Jahre innerhalb der Mauern der Bischofsstadt weilen mußte. Um später eventuell eine gute Partie machen zu können, ließen sich viele dieser Domherren nur die niedere Weihe erteilen.

Das Volk aber ließ sich in unergründlicher Dummheit solche Seelenhirten gefallen!

Was den Jesuitenorden betrifft, so hatte er es immer verstanden, über seine religiösen, ewigen Zwecke das zeitliche Wohl nicht zu vergessen. Die ersten Jesuiten waren im Jahre 1555 zu Fuß nach Ingolstadt gekommen. Sie waren so arm gewesen, daß Herzog Albrecht V. ihnen das Reisegeld nach Rom hatte schicken müssen. In ihrer Gründungsbulle von 1540 waren sie an das Gelübde der evangelischen Armut gebunden worden, doch hatten sie das Privileg zur Förderung der Wissenschaft und Studien Eigentum zu erwerben. Wie gut ihnen das gelungen war, lehrt ihr Besitzstand im Jahre der Aufhebung. Damals gab es in Bayern 546 Ordensangehörige. Deren Gesamtvermögen, das sich aus alten Klöstern, Kammergütern, Stiftungen, Erbschaften der Novizen, unbeweglichen Gütern, angelegten Kapitalien, Mobilien und vorhandener Barschaft zusammensetzte, belief sich auf die Höhe von 7382500 Gulden. Das war für die damalige Zeit eine ungeheure Summe, die an Kaufkraft etwas 40-50 Millionen Mark heute entsprechen dürfte[12].


Eine Folge des klerikalen Verdummungssystems in Bayern war ein fanatischer Haß alles Fremden, besonders alles Norddeutschen.

Die von Max I. Joseph nach München berufenen Gelehrten wurden als halbe Landstreicher betrachtet, denn die Bayern, die wenig reisten, konnten sich gar nicht vorstellen, daß einer seine Heimat freiwillig verließ, um zu ihnen zu kommen. Norddeutsch und protestantisch waren identisch. Die Württemberger wurden deshalb mit den Norddeutschen in einen Topf geworfen.

Man schilderte diese fremden Völkerschaften in den öffentlichen Blättern etwa so, wie man heute von den Patagoniern dem Volke erzählen würde. Der »Morgenbote«, Jahrgang 1809, S. 277, schreibt z. B.: »Der Grundzug des süddeutschen Charakters ist Kraft, der des norddeutschen Schwäche. Daher bei jenen Ausschweifung im Genuß der Liebe und anderer sinnlicher Vergnügungen, kriegerischer Geist, Herzensgüte, Offenheit. Bei diesen Hypochondrie, Falschheit, Feigheit, Ränkesucht. Schon im Wuchs und in der Sprache hat die Natur diese Charakterverschiedenheit klar ausgedrückt[13]

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts weigerte sich der Münchener Stadtmagistrat den ersten protestantischen Bürger aufzunehmen. Man unterbreitete die Frage dem landständischen Ausschuß. Dieser geriet aber in »durchdringende Bestürzung«, als der Kurfürst Maximilian IV. Joseph die Toleranz erzwang und wandte ein, daß die bayerischen Fürsten durch Hausvertrag von 1771 gehalten seien, keine andere Religion als die katholische selbst zu bekennen und in Bayern einzuführen. Die landesherrlichen Verordnungen vom 10. November 1800 und vom 26. August 1801, die erklärten, daß die katholische Religion weder nach der Reichsverfassung, noch nach der Landesverfassung als ein Erfordernis für die Ansässigmachung in Bayern zu betrachten und demnach andern Religionsangehörigen wegen dieser (akatholischen) Eigenschaft die Ansässigmachung nicht fernerhin in Bayern zu versagen sei, wurden vom landständischen Ausschuß in ihrer Rechtskraft bestritten. Dazu kommen folgende Vernunftgründe!!!

Die Religionseinheit ist das beste Mittel zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung. »Bayern genoß diese Einheit in Ruhe; mit der Vervielfältigung jetzt Trennung einzuführen, kann keine überwiegenden Vorteile gewähren. Diese uneingeschränkte Aufnahme fremder Religionsverwandten ist eine Quelle gefährlicher Spaltungen, die Grundursache einer fortwährenden Entstehung entgegengesetzter Parteien; Einheit der Religion hingegen ist ein geheiligtes Band, welches alle Staatsbürger am Fuße des nämlichen Altars vereinigt, welches in brüderlicher Eintracht alle an die nämlichen Pflichten hinweist, welches also durch die Identität der Gesinnungen und die Übereinstimmung der religiösen Handlungen mehr denn irgendein anderes Mittel die Ordnung und Ruhe im Staate befestigen kann.«

Der aufgeklärte Kurfürst und sein vortrefflicher Minister Graf Montgelas trat dieser Anschauung natürlich mit Nachdruck und Erfolg entgegen[14].

Die Meinung, daß der Staat sich nicht um die Kirche zu kümmern habe oder, richtiger ausgedrückt, nur insofern, als er für sie Schergendienste verrichte, ihr Ausführungsorgan sei, war und ist auch heute noch die der Kirche. Das kommt deutlich in der Stellungnahme gegen die Toleranzbewegung vom Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck.

An den letzten Reichstag, der im Jahre 1806 in Regensburg tagte, sandte der Bischof von Trient, Graf Thun, im Einverständnis mit den Bischöfen von Augsburg, Chur und Brixen, zu Händen des päpstlichen Nuntius Della Genza »Gravamina«, eine Beschwerdeschrift. Sie klagten über weltliche Willkür der Kirche gegenüber und »jenen unerträglichen Gewissenszwang, der unter dem Vorwande allgemeiner Toleranz und des jus circa sacra gegen diejenige Anstalt geübt wurde, die von dem Heilande selbst nicht zu passiver Duldung, sondern zur Leitung aller Völker, Fürsten und Staaten auf dem Wege des Heiles eingesetzt worden ist.«

In dieser Beschwerdeschrift findet sich auch folgender Passus: Durch das Toleranzedikt Kaiser Josephs II. sei in denjenigen Ländern, wo die Häresie sich festsetzte, durch öffentliche Verträge bewilligt worden, daß die Akatholiken geduldet würden und sich friedlich des Bürgerrechts erfreuen könnten. Durch das Toleranzedikt sei aber diese Duldung auch über diejenigen Länder ausgedehnt worden, welche sich bis dahin von aller Häresie rein erhalten hätten, so daß, wenn die Irrgläubigen in diesen Gegenden eine bestimmte Anzahl von Personen oder Familien bildeten, sie akatholische Pastoren, einen solchen Gottesdienst, solche Kirchen und Schulen haben könnten, woraus den Katholiken wegen des Umganges mit solchen große Gefahr der Verführung erwachse. Es wäre daher sehr zu wünschen, daß das Toleranzedikt in allen reinkatholischen Ländern zurückgenommen werde. Anstatt aber selbst die natürliche Toleranz zu üben und den Katholiken ihre Rechte zu lassen, mische sich der Staat in alle Verhältnisse ein. Vor allem müsse die Kantische Philosophie von ihrem Throne gestoßen werden, da deren Grundsätze folgerichtig eine allgemeine Anarchie hervorbringen müßten[15].

Zu welch völliger Verdrehung der Meinung und Verkennung der Tatsachen es infolge der Sklavendienste, die der Staat jahrhundertelang der Kirche erwiesen hatte, gekommen war, lehrt die Stellungnahme, die etwa Besnard der Denk- und Gewissensfreiheit gegenüber einnimmt. Er meint: Sie gewähre jeder Gesinnung genug Freiheit, nur nicht der christlichen!

»Mit dieser Freiheit hielt man es aber nicht für unvereinbar, Gesetze in Vorschlag zu bringen, die die Rechte und Freiheiten der Katholiken, älter als die Rechte aller Throne der Welt, im höchsten Grade gefährdeten, wie eine gemessene Regulierung des Aufwandes der Kirche und der Geistlichkeit nach dem Verhältnisse der Staatsrevenuen, Belebung toter Kirchenschätze durch willkürliche Verwendung von Stiftungen usw.«

Der Verfasser entrüstet sich auch über die Verminderung der Prozessionen, Feiertage und der Ehehindernisse. Er meint, man hätte lediglich deshalb auf eine Aufhebung des Zölibats verzichtet, weil dadurch die staatliche Witwenkasse mehr in Anspruch genommen worden wäre.

Man empörte sich darüber, daß Protestanten sich in der Hauptstadt München selbst ansässig machten, ja, daß es einer gewagt hatte, das aufgehobene Kloster der Karmeliterinnen »zum allgemeinen Ärgernisse der Katholiken« anzukaufen. »Wahrhaften Schrecken« aber bereitete es, als etwas später (als 1803) die Nachricht kam, daß Akatholiken zum Unterrichte der Katholiken in das Land gerufen, ihnen die Erziehung der Jugend anvertraut, selbst auf der katholischen Hochschule, einst das Bollwerk des wahren Glaubens in Süddeutschland, ihnen Katheder eingeräumt worden. »Man konnte sich das alles nicht im Einklang denken mit den Pflichten, die ein katholischer Fürst seinen katholischen Untertanen gegenüber übernommen hatte[16]

So weit hatte es kommen können nur deshalb, weil ursprünglich die Fürsten aus Angst für ihr Seelenheil sich verpflichtet gefühlt hatten, so gut wie alle kirchlichen Forderungen zu erfüllen. Das Beispiel Heinrichs IV. mag gar manchen davor gewarnt haben, sich gegen kirchliche Machtansprüche, so unbegründet sie waren, mit Energie aufzulehnen. Ein Brauch aber, der Jahrhunderte besteht, wird in den Augen der Urteilslosen geheiligt, und sei es der größte Mißbrauch. So war die Folge, daß man nicht etwa jeden Versuch des angeblichen Nachfolgers Petri sich um weltliche Angelegenheiten zu kümmern, als Anmaßung zurückwies, sondern daß man im Gegenteil die Bemühungen der weltlichen Gewalten um Rückerlangung der durch Dummheit ihrerseits und raffinierte Schlauheit auf der andern Seite verlorenen Rechte als Sakrileg betrachten konnte.

Man hatte es dank der menschlichen Dummheit dahin gebracht, daß das Monopol der kirchlichen Lehre, deren Beschaffenheit wir ja weiter oben zur Genüge kennen lernten, allseitig anerkannt wurde. Man hatte das Volk daran gewöhnt, den Staat nur als Ausführungsorgan der Kirche zu betrachten und hatte den gesunden Menschenverstand, jedes Billigkeitsgefühl so weit eingebüßt, daß man sich in diesem Pfuhle wohl fühlte und den angriff, der es wagte, das verblendete Volk daraus zu befreien, ja, der ihm die Möglichkeit gewährte, auch nur andere Meinungen kennen zu lernen.

Das war der Segen einer Zeit, die mit Staatsgewalt Frömmigkeit zu erzwingen versucht hatte.


Aus Billigkeitsgründen wollen wir nun auch auf protestantische Länder einen Blick werfen. Daß man hier im wesentlichen die gleichen Prinzipien hatte, leuchtet ein.

Die Zwickauer Ratsschulbibliothek verwahrt ein Exemplar der Originalausgabe des am 25. Juni 1580 in Dresden erschienenen Konkordienbuches. In diesem dicken Folioband sind Bekenntnisschriften, die drei ökumenischen Symbole, die Sondersymbole der evangelisch lutherischen Kirche und endlich die Konkordienformel von 1577 vereinigt. Vorbesitzer dieses Buches war der Pastor Wenzeslaus Altwasser aus Oels, der in Bergreichenstein wirkte, dann aber nach der Schlacht am Weißen Berge und den nunmehr einsetzenden Bekehrungsversuchen der Jesuiten und Mißhandlungen katholischerseits zum Wanderstabe griff.

Von seiner Hand befinden sich auf dem Vorsatzpapier folgende Eintragungen:

Anno Domini 1629. 20. Julij. Nach vollendeter fünffacher ordentlicher Außlegung mit den Summarien Herrn Viti Dieterichs der H. Bibel von Meinen zwayen Kindern alß Matthia Altwasser, von Prag auß Böhmen, eilf järgen vndt numehr inß zwölffte gehenden Knaben, vndt Anna Maria Altwasserin der Jungern, in das zehende Jahr gehenden Mägdlein, auch auß Böhmen, in der Königlich Freyen Berg Stadt Bergreichenstein gebohren, geschehen, ist ihnen beyden gegenwertiges Buch Formula concordiae auch vnder die Hende ordentlich vndt verstendlich außzulesen von Mir gegeben worden, Gott verleihe vnd gebe ihnen seinen heiligen Geist, daß die nach ihrem Kindlichen Alter so viel drauß fassen vndt Behalten mögen, das ihnen die zeit ihres Lebenß zu ihrem Besten gedeyen möge etc.

Den 6. Septemb. gleich auf den Abendt ist es mit lesen ordentlich zuendt gebracht worden.

Den 10. Septemb. ist es Widterumb von Neuem Angefangen worden vndt die woche furm Advent noch desselben Jares absolviret worden.

Anno Domini 1630. den 22. May Stylo Veteri. Nachdem gedachte meine zwey Kinder, Matthiaß vndt Anna Maria, die H. Bibel (Gott sey lob vndt danck dafur gesagt) nu zum sechsten mahl mit ordentlichem Lesen zu ende bracht vndt numehr daß Jüngste Kind Wenzeßlauß Johanneß Altwasser auch darzu angewiesen worden. Alß habe ich ihnen eben desselben tags, Welcheß Vigilia SS. Trinitatis gewesen, das Buch Formula Concordiae zum dritten mahl vnter die Hände gegeben, daß eß also diese 3 Meine Kinder Matthiaß, Anna Maria vndt Johannes Wenzeßlauß ordentlich Morgenß, Mittagß vndt Abendß durchlesen sollen. Gott wolle seinen heiligen Geist ihnen verleihen, darmit eß auch in ihren vnmundigen Jahren nicht ohne frucht wolle abgehn vndt auf dieser Lehr vndt Bekentnuß biß an ihr ende ... bestendig verharren vnd seliglich ihr Leben beschließen. Amen, Amen, in deinem Namen, Herr J. C. Amen.

Den 23. Junij ist dieses Buch Formulae concordiae mit ordentlichem durch lesen Morgenß früe zu ende bracht worden. Gott dem Herrn sey dafür lob vndt danck gesagt, der wolle geben vndt verleihen, daß es nicht ohne Nutz möge abgegangen sein[17]«.

Ein Kommentar erübrigt sich!


Eine Analogie zur katholischen Intoleranz und Beschränktheit bietet der Kampf zwischen den einzelnen protestantischen Konfessionen.

Bekanntlich bekämpften sich in früheren Jahrhunderten die Lutheraner und Reformierten mit der größten Leidenschaft, ja man paktierte lieber mit dem Katholizismus, als daß man sich zu Konzessionen innerhalb der protestantischen Glaubensgemeinschaften herbeiließ. Da dieser Zustand sehr viele Unzuträglichkeiten im Gefolge hatte und naturgemäß lediglich dem Katholizismus dienlich war, da überdies die Unterschiede der Glaubenslehre zwischen den protestantischen Konfessionen kaum in die Wagschale fielen gegenüber den Gemeinsamkeiten, war nichts näher liegend, als der Versuch einer Verschmelzung, einer Union. Sparte sie doch nicht nur Kräfte, um sie für wichtigere Aufgaben freizumachen. Vor allem ermöglichte erst sie der Disziplin und Geschlossenheit des Katholizismus in einer Erfolg versprechenden Weise entgegenzutreten. So ist es nicht verwunderlich, daß von Zeit zu Zeit immer wieder Versuche nach dieser Richtung unternommen wurden, nachdem Luthers Starrsinn in Fragen der Abendmahlslehre auf dem Religionsgespräch zu Marburg (1529) eine Verständigung mit Zwingli verhindert hatte.

Endlich sollte das 19. Jahrhundert die längst gehegten Wünsche verwirklichen, als Friedrich Wilhelm III. von Preußen 1817 in seinen Staaten die Union vollzog. Nassau, Rheinbayern, Baden, Darmstadt schlossen sich im gleichen und den folgenden Jahren an. So wäre alles in schönster Ordnung gewesen, hätte nicht die Geistlichkeit beider protestantischer Konfessionen da und dort zu stören versucht, was die Regierungen mit großer Mühe geeint hatten. Der sogenannte Positivismus, die Richtung, die einen Ruhm darin findet, den Zeitbedürfnissen und Fortschritten der Wissenschaft möglichst gar keine Konzessionen zu machen und im Buchstabenglauben und Konservierung des größten Unsinns, wofern er nur alt genug ist, sich nicht genug tun kann, gewann nun in den fünfziger Jahren die Oberhand. Damit wurde die Rückbildung des gesamten kirchlichen Lebens im Sinne des 16. und 17. Jahrhunderts eingeleitet, alle freie Forschung und Wissenschaft wurde geächtet.

Laut Ausschreibung vom 26. Januar 1854 sollten in Kurhessen zu Kirchenältesten nur die Erleuchtetsten gewählt werden und diese mußten wöchentlich einmal in den Hauptstücken des Katechismus und den Bußpsalmen überhört werden! In Mecklenburg wurde die Bilderbibel von Schnorr verboten »wegen erheblicher in der christlichen Lehre begründeter Bedenken die bildlichen Darstellungen Gottvaters betreffend!«

In diesem heute noch gottgesegneten Lande hatte — wie sich aus obigem schon schließen läßt — die Volks- und Schulbildung einen wunderbaren Grad der Vollkommenheit erreicht: von 822 Rekruten des Jahrganges 1855 konnten nur 361 Gedrucktes lesen, 405 schwankten zwischen Lesen und Buchstabieren und bloß 118 konnten fertig schreiben. In 79 Ortschaften waren in einem der letzten Jahre sämtliche Geburten unehelich und in 100 Ortschaften die Hälfte.

Ist es doch eine bekannte Erfahrungstatsache, daß jede Priesterschaft, sobald sie die Gewalt erlangt, weit größeren Wert auf unbedingte Unterordnung und blinde Anerkennung ihrer Lehren legt, als auf sittliche Lebensführung; freie Forschung aber und unabhängiges Streben nach Wahrheit in Acht und Bann tut.

Im Musterlande Mecklenburg wurde unterm 6. Juni 1858 dem positiv gesinnten Professor Dr. Baumgarten von Rostock das Recht, Vorlesungen zu halten, entzogen, »weil seine Häresien den ganzen Bestand der kirchlichen Lehre zu zersetzen und auch die faktischen Bestände der kirchlichen Ordnung aufzulösen drohen«.

In einer am 18. und 19. August auf dem Gute des Freiherrn von Maltzan abgehaltenen Konferenz wurde über die Frage »Wer ist ein Ketzer?« verhandelt. Man bewies aus der Konkordienformel, daß es mit einem Reformierten, der die reformierte Lehre aufrecht erhalte, keine Gebetsgemeinschaft gäbe! Als der Abgeordnete Manecke-Duggenkoppel diese Unduldsamkeit im Landtag zur Sprache brachte, forderte ihn der Vizelandmarschall von Maltzan, ein Sohn des Vorgenannten.

In Reuß-Greiz wurde auf Betreiben des lutherischen Agitators Löhe unterm 11. Dezember 1856 die Teilnahme der Reformierten am Abendmahl, wiewohl die Fürstin dazu gehörte, verboten, »weil die gemischte Abendmahlsgemeinschaft Sünde sei«.

Der bayerische Pfarrer Wucherer erklärte es in seinem kirchlichen Wochenblatt sogar für bedenklich, daß lutherische Pfarrer mit reformierten Frauen in gemischter Ehe lebten!

Am tollsten und unionsfeindlichsten gebärdeten sich die lutherischen Pfarrer in Preußen. Die Intoleranz und Verfolgungssucht dieser Richtung fand ihren klassischen Ausdruck in der Rede des Justizrates und Oberkirchenrates Dr. Stahl vom 29. März 1855. Er sprach in Berlin »Über die christliche Toleranz« und erklärte die Toleranz als Kind des Unglaubens. »Die Forderung der Gewissensfreiheit als Recht gesetzlicher Staaten und verfassungsmäßig regierter Völker ist ein Teil jenes Werkes der Zerstörung und Umwälzung, welche die moderne Wissenschaft bezeichnet und die Ruhe Europas bedroht.« Er erklärte — allerdings mit einigem Recht! — das Christentum für seinem Wesen nach intolerant. Sein Keim ist die Exklusivität, seine Wirkungsart ist die Aggression gegen alle anderen Religionen, die Propaganda unter allen Völkern. »Der einzelne Mensch könne für seine Person denken und, soweit es die polizeiliche Fürsorge für Presse und Buchhandel zuläßt, auch sogar schreiben, nur darf er hiernach nicht Gott mit Gleichgesinnten verehren wollen.« Stahl wendet sich ausdrücklich an die christliche Obrigkeit, die »zur Vermeidung von Ärgernis und öffentlicher Verführung über die Freiheit der religiösen Vereinigung wachen müsse, auch hinsichtlich positiv gläubiger Konfessionen und Sekten der Christenheit gehe ihre rechtliche Verbürgung der Religionsübung über die Grenze der christlichen Toleranz hinaus[18]

Noch heute ist ein preußischer Erlaß vom 30. Januar 1851 in Gültigkeit, nach dem ausländische Juden zur Bewilligung eines längeren Aufenthaltes der Genehmigung des Ministers des Innern bedürften. Gegenwärtig sind für die Genehmigung nachgeordnete Behörden zuständig[19].


Die Verfolgungen Andersdenkender in den Grenzen des deutschen Reiches muß als höchst maßvoll bezeichnet werden gegenüber der im kalvinistisch-puritanischen Schottland. Zweifellos waren die protestantischen Verfolgungen in allen Ländern weit weniger blutig, als die katholischen. Das hängt aber viel weniger mit der toleranteren Gesinnung, als mit der geringeren Macht zusammen, die in der Regel der Protestantismus über die Seelen und die Regierungen ihrer Länder ausübte. Immerhin wurde an Intoleranz auch anderwärts erkleckliches geleistet.

In England wurde 1562 ein Gesetz erlassen, wonach alle, die jemals einen Ehrengrad an den Universitäten erlangt hatten oder ordiniert worden waren, alle Rechtsanwälte, alle Magistratsmitglieder bei Gefängnisstrafe den Supremateneid leisten mußten. Weigerten sie sich nach drei Monaten, den ihnen wieder zugemuteten Eid zu leisten, so wurden sie als Hochverräter mit dem Tode bestraft.

Das war insofern berechtigt, als die Katholiken sehr unsichere Untertanen waren. Die Regierung hätte unter diesen Umständen ganz recht gehabt, sie durch diesen Eid in Zukunft von solchen Ämtern auszuschließen. Aber ein rückwirkendes Gesetz zu erlassen, das beinahe jeden gebildeten römischen Katholiken, der sich weigerte, den mit den Lehren seiner Kirche zugestandenermaßen unvereinbaren Eid zu leisten, der Todesstrafe schuldig machte, war sowohl eine unerhörte Grausamkeit, als eine haarsträubende Dummheit. Denn selbstverständlich schworen ihn nur die schlechten Charaktere, die darum doch innerlich ihrer Kirche treu blieben und kaum einer Regierung geneigter wurden, die sie zu solcher Heuchelei zwang. Übrigens wurde dieses Gesetz lange vor der Bulle erlassen, die Elisabeth des Trones verlustig erklärte.

Fast noch dümmer als das Gesetz, sind die zu seiner Rechtfertigung angeführten Gründe. Bischof Bilson sprach in seinem Werke »Christian Subjection« (1585) von der absoluten Sündhaftigkeit der Toleranz. Nicht bloß das öffentliche Bekenntnis des Katholizismus sei darum verwerflich, sondern auch die geheime Gesinnung. Er ruft den Katholiken zu, »kein Winkel ist so geheim, kein Gefängnis so fest, um zu gestatten, daß eure Ruchlosigkeit dort Gott schände, andere anstecke und euren Trotz befestige ... Ein christlicher Fürst darf keine Verzeihung und Nachsicht gegen eure Falschheit haben« (p. 26).

Bei der Thronbesteigung Elisabeths wurde ein Gesetz erlassen, das jeden Gottesdienst der Katholiken — die sich bis dahin noch vollkommen ruhig verhalten hatten — außer nach dem Prayer Book verbot. Die Strafe für die dritte Übertretung war Einkerkerung auf Lebenszeit. Ein anderes Gesetz legte jedem, der sich vom anglikanischen Gottesdienst fern hielt, eine Geldbuße auf. Die Presbyterianer wurden während einer langen Reihe von Herrschern eingekerkert, gebrandmarkt, verstümmelt, gegeißelt und an den Pranger gestellt. Viele Katholiken wurden unter falschen Vorwänden gefoltert und gehängt, die Wiedertäufer und Arianer aber lebendig verbrannt.


In Schottland war es am schlimmsten. Dort wurde fast während der ganzen Zeit, die die Stuarts auf dem Trone Englands saßen, von der englischen Regierung auf Anstiften der schottischen Bischöfe und mit Billigung der englischen Kirche eine Verfolgung gegen alle, die die bischöfliche Verfassung verwarfen, mit einer Grausamkeit geführt, die mit fast allen, die uns überliefert sind, wetteifern kann.

Wenn ein Konventikel in einem Hause gehalten wurde, war der Priester der Todesstrafe verfallen. Wurde es unter freiem Himmel abgehalten, verfielen Prediger und Gläubige demselben Schicksal. Die Presbyterianer wurden wie Verbrecher über die Berge gejagt, man riß ihnen die Ohren vom Kopf, brandmarkte sie mit glühenden Eisen, riß ihnen die Finger mit Daumenschrauben auseinander, zerquetschte die Knochen ihrer Beine in spanischen Stiefeln, peitschte Frauen öffentlich durch die Straßen, exportierte unzählige nach Barbados, hetzte wütend gemachte Soldaten auf sie und feuerte sie an, ihre Geschicklichkeit im Foltern zu zeigen.

Als die Reformation in Schottland siegte, war eine ihrer ersten Handlungen ein Gesetz, das jedem Priester die Zelebrierung und jedem Laien das Hören der Messe verbot bei Strafe der Vermögensentziehung bei der ersten, der Verbannung bei der zweiten und des Todes bei der dritten Übertretung. Man bezeichnete es öffentlich als unerträgliches Übel, daß der Königin von Schottland gestattet sein sollte, in ihrer eigenen Privatkapelle die Messe zu hören. Daß noch heute in England die Katholiken einige Rechte nicht besitzen, ist ja allgemein bekannt.

Als in Frankreich die Verwaltung gewisser Städte den Protestanten eingeräumt wurde, unterdrückten sie sofort gewaltsam den katholischen Gottesdienst unbedingt, verboten jedem Protestanten einer Hochzeit oder einem Leichenbegängnis beizuwohnen, wobei ein katholischer Priester fungierte, hoben alle gemischten Ehen auf und verfolgten mit Aufbietung all ihrer Macht diejenigen, die von ihrem Glauben abgefallen waren.

In Schweden wurden alle, die in irgendeinem Artikel von der Augsburger Konfession abwichen, sofort verbannt[20].

Es war eben in allen Ländern, bei allen Konfessionen der gleiche Geist der Intoleranz lebendig. Mit den gleichen Mitteln der Absperrung gegen Gedanken, die von den eigenen abwichen, der Zwangserziehung zu einer äußerlichen Kirchlichkeit, der Verfolgung Andersdenkender wurde gewirkt. Überall machte sich der Staat zum Büttel der Kirchen. Und doch hätte jedem Verständigen klar sein sollen, daß man mit Gewaltmitteln Gedanken nicht besiegen kann und daß es doch wohl an der Beschaffenheit der kirchlichen Lehren liegen müsse, wenn sie sich nicht anders, als durch solche Zwangsmaßnahmen aufrecht erhalten ließen.

Wir haben gar keine Veranlassung, hoheitsvoll auf jene Zeiten herabzublicken. Es wäre heute noch ebenso, wenn der Laienverstand nicht über die Weisheit der Theologen und ihrer Werkzeuge gesiegt hätte. Die Gefahr eines Rückfalles besteht aber so lange, bis nicht die Trennung von Kirche und Staat durchgeführt ist. Denn auch heute noch muß der freie Denker, jeder, dessen Gewissen sich nicht in die Schablone irgendeiner polizeilich konzessionierten Lehrmeinung einzwängen läßt, um sein Dasein kämpfen. Die Mittel sind ja minder barbarisch, aber der Geist, in dem sie angewandt werden, unterscheidet sich nur unwesentlich von dem der Vorzeit.

Und fragen wir uns, welche hohen Glaubensgüter denn heute noch mit Gewaltmitteln, als da sind Kirchenzwang, Boykott gegen Andersdenkende, Schwierigkeiten bei Staatsanstellungen usw. usw. verteidigt und propagiert werden, so finden wir, daß darunter gar manche sind, die alles andere eher als Schutz verdienen. Sehr häufig wird die Dummheit gegen Aufklärung und Intelligenz in Schutz genommen, und wenn das nicht schon immer so gewesen wäre, dann hätten wir es in der Kultur unendlich viel weiter gebracht. Dem Laienverstand gehört und gehörte stets die Zukunft. Er brachte immer und überall den Fortschritt, führte der Wahrheit näher und darum wurde er auch immer bekriegt.

Die folgenden Kapitel werden keinen Zweifel darüber lassen können, daß noch in der Gegenwart von Faktoren, die sich für Hüter der Wahrheit und Volkserzieher halten, und die durch die staatliche Autorität in diesem Wahn bestärkt werden, ja denen geradezu ein Monopol verliehen wurde, Lehren verbreitet und Anschauungen vertreten werden, die wir nur als hohes Lied der Dummheit bezeichnen können.

VI. Kapitel
 
Der Teufel in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart

Die Leidenschaft mit der die spätmittelalterliche Kirche für den Teufels- und Hexenglauben eintrat, die Gewaltmittel, mit der sie das Volk, das sich zum guten Teil gegen diesen Blödsinn sträubte, zu seiner Anerkennung zwang, haben wir kennen gelernt. Desgleichen die literarischen Don Quichote, die auf die Bibel und sonstige Autoritäten gestützt, dem Fortschritt der Vernunft Knüppel in den Weg warfen. Endlich siegte diese doch mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Aber dieser Sieg war keineswegs vollständig.

Die Kirche hielt und hält auch heute noch an der Teufelslehre fest, nur daß sie sie aus guten Gründen nicht mehr in allzugroßen Buchstaben auf ihre Fahne schreibt. Heute noch wagt sich da und dort ein kühner Streiter Gottes mit einer Dissertation zu Ehren des höllischen Fürsten vor, ohne daß die kirchlichen Oberen es wagen würden, ihn zu verleugnen. Ob sie gerade ihre besondere Freude an solchen Arbeiten haben, ist ja eine andere Frage.

Am bekanntesten sind auf katholischer Seite die Untersuchungen des Höllentopographen und Professors in Münster, Dr. Joseph Bautz (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 232 ff.), sowie des Professors in Dillingen, David Leistle (vgl. Kultur-Kuriosa II, S. 35 ff.), über diese Materie. Sie beweisen, daß man heute noch in diesen Kreisen der Frommen um kein Haar anders denkt, als vor einem halben Jahrtausend. Denn es handelt sich keineswegs um einzelne Entgleisungen wie die Leo Taxil-Affäre zum Gelächter der ganzen gebildeten Welt hinreichend bewiesen hat. (Vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 236 ff.)

Noch im Jahre des Heils 1912, konnte der württembergische Pfarrer Zisterer in Eriskirchen am Bodensee in der Zeitschrift »Der Katholik« die Verfassung der Hölle zu seinem Spezialstudium erwählen. Er führt in dem Aufsatz aus, daß es falsch sei von Teufeln in der Mehrzahl zu reden, denn der Teufel, Satan oder Luzifer sei der einzige souveräne Fürst und unbeschränkte Monarch im höllischen Reiche. Die bösen Geister seien seinem Willen als untertänige Diener und persönliche Hilfskräfte unbedingt unterworfen. Daher ist es klar, daß man wohl von bösen Geistern, nicht aber von Teufeln reden darf. Das unterirdische Reich ist einheitlich, seine Bewohner sind durch den Geist der Solidarität miteinander verbunden. Sie dürfen ohne persönliche Teilnahme ihres Herrn und Meisters auf der Erde Streifzüge ausführen und Mensch und Vieh Schaden bringen.

Also selbst an einem theoretischen Ausbau der Lehre fehlt es nicht!

So war das rücksichtslose Eintreten der alten Kirche für den alten Teufelsglauben doch nicht umsonst. Die Dummheit hat eben nicht weniger Ewigkeitsdauer, als die Wahrheit, nur daß sich beider Machtsphären, was das Menschenmaterial betrifft, nicht decken.


Doch nicht allein die römisch-katholische Kirche, die ja als Lehrerin ewiger Wahrheiten ihrem prinzipiellen Standpunkte nach eine einst gültige Lehre, möge sie auch noch so töricht sein, nicht aufgeben darf, hält am Teufel fest. Auch der Protestantismus, der sich so gern als Träger des religiösen Fortschrittes feiern läßt und keinesfalls dogmatisch festgelegt ist, zählt in seinen Reihen mannhafte Verfechter des Teufelsglaubens.

Daß er sich auf die Bibel stützt, die soundso oft vom persönlichen Teufel spricht, will ihn nicht entlasten. Denn im Kampfe zwischen Bibel und Vernunft siegte letztere doch im Laufe der Zeit und trotz aller dem Fortschritt bereiteten Schwierigkeiten stets. Das müßte längst bei denkenden Menschen zur Erkenntnis geführt haben, daß nicht die Bibel oder irgendeine Glaubenslehre als Maßstab der Vernunft in Frage kommen kann, sondern lediglich die Vernunft als Maßstab der ersteren.

Doch sehen wir uns nunmehr einmal im höllischen Reiche, das noch bis auf den heutigen Tag in den Köpfen protestantischer Gottesgelahrter sein petrifiziertes Dasein fristet, näher um!

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, jener berüchtigten Reaktionszeit auf allen Gebieten, sollte auch der Teufelsglauben, den man wenigstens im Protestantismus seit den Jahren der Aufklärung für endgültig überwunden halten durfte, selige Urstände feiern. Jedenfalls waren Kräfte am Werke, ihm zu neuem Leben zu verhelfen.

August Friedrich Chr. Vilmar, in weitesten Kreisen als Verfasser der Literaturgeschichte bekannt, ließ unter dem Titel »Die Theologie der Tatsachen wider die Theologie der Rhetorik« (Marburg 1856, 4. Aufl. Gütersloh 1876) eine Schrift erscheinen, die nicht mehr und nicht weniger, als die Wiedereinführung des Teufelsglaubens bezweckt.

Er führte (S. 38f.) u. a. folgendes aus: »Unsere Rhetoriker lachen zwar nicht mehr über den Teufel, wie die Vokabulisten und Grammatisten vor vierzig Jahren taten und so weit sie noch vorhanden sind, auch jetzt, gleich den Naturweisen, noch immer tun. Die Rhetoriker und Dogmatiker unter ihnen zum voraus, besitzen allerdings nicht die aller Belehrung unzugängliche Dummdreistigkeit der Vokabulisten, denen ihre Vokabeln die Welt sind ... Also die Existenz des Teufels kommt wieder zum Vorschein, aber nur als eine Existenz der Floskel, der Phrase; käme die Existenz des Teufels wirklich wieder in der christlichen Lehrunterweisung der Hirten und Lehrer zum Vorschein, so müßte sie als eine Existenz des Schreckens und Entsetzens zum Vorschein kommen; denn, beiläufig gesagt, die Lehre vom Teufel ist wie die von der ewigen Verdammnis nicht ein Artikel des Glaubens und des Trostes, sondern des Wissens und der Furcht. ... Es kommt hier darauf an, wenn man recht lehren und die Seelen recht behüten will, des Teufels Zähnefletschen aus der Tiefe gesehen (mit leiblichen Augen gesehen; ich meine das ganz unfigürlich), und seine Kraft an einer armen Seele empfunden, sein Lästern, insbesondere sein Hohnlachen aus dem Abgrund gehört zu haben. Wer kann nun hiervon zeugen? Wer kann mit einer solchen Erfahrung, zugleich den Sieg des Gekreuzigten auf den Lippen und in den Augen, als rechter Lehrer an Christi Statt, auftreten? Wer lehrt mit dem Teufel kämpfen? Wer lehrt, sich gegen ihn zu verwahren? Ihn zu überwinden? Davon schweigt die heutige Dogmatik, dieser Tatsachen gänzlich entleert, durchaus ...

Ich habe einmal, schon vor Jahren, von der Kanzel mit mißtönender aber aus tiefstem Herzen kommenden Stimme die laute Apostrophe gehört: ‚Könnt ihr denn beten, beten von selbst und wann ihr wollt? Ihr könnt's nicht, nein! Warum könnt ihr's denn nicht? Der Satan leidet's nicht, ja der Satan; der Teufel verwehrt's euch!‘ ... Mir jedoch klang jene mißtönende Stimme damals und klingt mir nachhallend noch jetzt gleich der Stimme der Harfen, die da ist wie die Stimme starker Donner und wie die Stimme großer Wasser.«

Vilmar will in diesem IV. Abschnitt nicht mehr und nicht weniger, als den Teufelsglauben wieder in die Theologie einführen.

Zur Lehre vom geistlichen Amt bekennt Vilmar, der als vortragender Rat im Ministerium gewirkt hatte, bevor er in Marburg Professor der Theologie wurde, daß es nicht aus der Gemeinde, sondern direkt von Christus stamme, »welcher unmittelbar hinter der Ausübung desselben steht.« Er führt u. a. als Begründung an: »Zumal vermag sie (die Gemeinde) nicht in des Teufels zornige Augen zu sehen, denn was von den letzten Zeiten geweissagt ist, daß wo es möglich wäre, die Auserwählten verführt würden, das gilt mit weit schärferem Nachdrucke von der einzelnen Erscheinung des Teufels in dieser Welt: vor ihr stiebt die Gemeinde auseinander wie Schneeflocken, nicht verführt, aber erschreckt bis in den Tod. Nur wir erschrecken nicht und fürchten uns nicht, denn der, welcher den Fürsten dieser Welt ausgestoßen hat, hat uns vor des Teufels ödes Schlangenauge, vor seinen lästernden und hohnlachenden Mund und vor sein im Höllenzorn zuckendes Angesicht gestellt.« (S. 85 f.)

Der gleiche Gelehrte, der nur das Unglück hatte, um einige Jahrhunderte zu spät das Licht der Welt zu erblicken, äußert sich auch über den Hexenglauben und Teufelslug, als dessen Verteidiger er sich aufwirft. Er schreibt:

»So beruht das Hexenwesen seinem Ursprunge nach keineswegs auf leeren Einbildungen, törichten Träumen und kindischen Märchen, sondern auf wirklichen Verhältnissen und handgreiflichen Zuständen, welche wie die Versammlungstage und Versammlungsplätze noch in der Gegenwart vollkommen deutlich erkennbar sind.« »Der Kampf gegen das Hexenwesen und die Hexen ist kein anderer, als derselbe, welcher heute noch die Welt bewegt, der Streit zwischen dem Glauben und dem Unglauben, zwischen dem Bekenntnis Christi und dessen Verleugnung.«

Die Pièce de résistance ist entschieden folgender Satz, in dem Vilmar sich mit nicht mißzuverstehender Klarheit auf den Standpunkt des Hexenglaubens stellt: »Vielleicht zur größern Hälfte waren die Bündnisse mit dem Teufel, diese Zauberkünste, Einbildung, aus der zum Abfall geneigten Zeitrichtung gezogene Einbildung, niemals jedoch Einbildung eines einzelnen; zur kleineren, indes bedeutenderen Hälfte, waren sie, wie die Giftmischerkünste, Wahrheit[1]

Da hier Vilmar zweifellos nicht sagen will, daß die »Hexen« gewisse hypnotische oder ähnliche Kräfte besaßen, sondern auf dem Standpunkte des von der Kirche gelehrten Teufelsbündnisses steht, so redet er natürlich hellen Unsinn. Und doch handelt es sich keineswegs um die Entgleisung eines einzelnen, vielmehr stand die Regierung hinter ihm.

Das geht mit größter Deutlichkeit aus der Tatsache hervor, der Pfarrer Ewald, der in einer Predigt im Jahre 1858 Vilmar, der über die Versuchungen des Teufels einen Vortrag gehalten hatte, bekämpfte, vom hessischen Konsistorium einen Verweis erhielt. Ewald vertrat den Standpunkt, daß Jesus nichts weniger als verlieren könne, wenn man seine Versuchung als innerlichen Vorgang auslege[2].

Wie weit die kirchliche Reaktion sich vorwagte, lehrt vor allem der protestantische Hannoversche Katechismus. Dieser führte im ersten Teile die fünf Hauptstücke auf, dann folgt die Erklärung nach Luther. Hier werden die Gläubigen ermahnt: »des Morgens, so du aus dem Bette fährst oder des Abends, wenn du zu Bette gehst, sollst du dich segnen mit dem heiligen Kreuz.« Im dritten Buche folgt eine »ausführliche Erklärung des lutherischen Katechismus.« Hier wird in Frage 45, 46 und 47 der förmliche Bund mit dem Teufel gelehrt. Frage 45 lautet: »Zaubern heißt übernatürliche Kräfte und wunderbare Aushilfe wider Gottes Ordnung und ohne Gottes Verheißung suchen.« Frage 46: »Wie geschieht solches? Durch allerlei Aberglauben mit Besprechen und Wahrsagen, Zeichendeuten, Geisterbannen und dergleichen, da man das Heilige mißbraucht und die hochgelobte Dreieinigkeit, Gottes Wort, Sakrament und Kreuz lästert und sonst vorwitzige Kunst treibt.« Frage 47: »Warum ist dies eine schwere Sünde? Die solches selber tun, oder durch andere tun lassen, verleugnen den Glauben und treten wissentlich oder unwissentlich mit dem Teufel in Verbindung.« Frage 56 lautet: »Wie versucht uns der Teufel? Wenn er uns durch innerliche Anreizung oder äußerliches Blendwerk zur Sünde locket und dränget oder nach geschehener Sünde in Mißglauben und Verzweiflung treibt.«

Dieser Katechismus vertrat nicht nur antediluvianische Anschauungen, sondern kam auch dem Katholizismus entgegen, wie etwa die Frage 139 beweist: »Was ist die ewige Verdammnis? Es ist die unaufhörliche Verwerfung von dem fröhlichen Angesicht Gottes zu unaussprechlicher Pein und Qual an Leib und Seele unter der schrecklichen Gesellschaft der bösen Geister in der Hölle.«

Gottlob bewies das Publikum auch hier wieder mehr Verständnis für den Zeitgeist und den gesunden Menschenverstand als die Gottesgelahrten. Am 14. April 1862 sollte dieser wundervolle Katechismus dem Lande »zum Geschenk gemacht« und in die »evangelisch-lutherischen Kirchen und Schulen« des Königreichs Hannover eingeführt werden, um — wie die königliche Verfügung sich ausdrückt — bei den Untertanen die rechte Erkenntnis und den wahren Dienst Gottes fördern zu helfen. Doch es erhob sich dagegen im Volke ein solcher Entrüstungssturm, daß unterm 19. August das Gebot der allgemeinen Einführung zurückgenommen wurde[3].

In den Zeiten des Rationalismus war die Abrenuntiationsformel: »Entsagst du dem Teufel und allen seinen Werken?« aus den Agenden ausgeschieden worden. Die lutherische Reaktion hatte in ihren Verdummungsplan auch ihre Wiederaufnahme als wesentlichen Bestandteil der Taufe aufgenommen und auf der vom 16.-24. Mai 1854 tagenden Kirchenkonferenz dies empfohlen. Von den Vertretern Sachsens, Bayerns, Hannovers, Mecklenburgs und Württembergs hatten außer denen des letztgenannten Landes alle dem dahingehenden Antrage Kliefoths zugestimmt! Dieser Kliefoth hatte in Mecklenburg schon im Jahre vorher den Prediger Bartholdi seines Amtes entsetzt, weil er sich an der Teufelsentsagung Änderungen erlaubt hatte!

Weil sich in Sachsen der Pastor Siedel aus Tharand nicht damit begnügte, bei der Taufe die Teufelsentsagung im allgemeinen auszusprechen, sondern die Frage jedem einzelnen Paten vorlegte, war es zu ärgerlichen Szenen gekommen. Er hatte von dem Kaufmann Decker keine Antwort erhalten. Als er die Frage wiederholte, entgegnete dieser: ich glaube an Gott, aber an keinen Teufel. Wegen dieser Erklärung wurde er nicht nur von der Patenstelle ausgeschlossen, sondern auch in eine Kriminaluntersuchung wegen Störung des Gottesdienstes verwickelt! Die Sache führte sogar im Landtage zu einer aufregenden Szene.

Als in Bayern im Jahre 1854 ein sogenannter Agendenkern als Anhang zum neuen Gesangbuch empfohlen wurde, worin die Teufelsentsagung enthalten war, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß König Max unterm 27. November 1854 erklärte, es sollten ohne Zustimmung der Gemeinden keine Veränderungen in der Gottesdienstordnung getroffen werden. Endgültig wurde diese Teufelsangelegenheit erst im Jahre 1879 entschieden und zwar dadurch, daß nach den Beschlüssen der Generalsynode Parallel-Formulare zu freiem Gebrauch mit und ohne Entsagungsformel aufgenommen wurden. Wen also Herz und Geist dazu treiben, der kann noch heute in feierlicher Weise seinen Teufelsglauben bekennen!

Übrigens war auch in der badischen Generalsynode im Jahre 1855 über die Wiedereinführung des Teufels lebhaft debattiert worden. Es ist ja bewundernswert, mit welcher Harmonie und Gleichzeitigkeit in allen deutschen Staaten der Verdummungsprozeß eingeleitet wurde. Wiewohl in Baden das ans Ruder gekommene orthodoxe Kirchenregiment mit einem Schlage den bisherigen Katechismus, Gottesdienstordnung, biblische Geschichte usw. abgeschafft hatte, so wagte man es doch nicht recht, den Teufel bzw. die Teufelsentsagung in die Agenden so glatt wieder einzuführen. Wohl aber figurierte er wieder in den neuverfaßten Katechismen, den biblischen Geschichten und in den neuen Gebeten[4].

Bekanntlich spielt für die Geschichte der Hexenprozesse die Stelle 1. Mosis 6, 1-4 eine traurige Rolle. Hier wird erzählt, daß die Göttersöhne mit den Menschentöchtern Verbindungen eingingen, aus denen »Gewaltige in der Welt und berühmte Leute« entsproßten. Der Professor Heinrich gab nun 1857 in Berlin unter dem hochaktuellen Titel »Die Ehen der Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschen« ein Buch heraus, in dem er vor allem betont, daß die Bibel »göttlich und inspiriert« ist. Daher kann sich in ihr keine Mythe finden, sondern alles in ihr sei reell und wirklich »nirgends menschliche Fabeln und Phantastereien, sondern überall Geschichte und göttliche Lehre« (S. 1). Es handelt sich also um einen wirklichen Vorgang. Durch den Fall der Engel mit den Menschenweibern sei ein wildes Geschlecht entstanden, das Gottes ganzen Weltplan zerstört hätte, wenn er es nicht vertilgt haben würde. Er entwickelt, wie es den Engeln möglich war, physisch diese Ehen zu vollziehen, »warum die Engel allein in die männliche und nicht auch in die weibliche Geschlechtsform sich metamorphosierten« (S. 94), und daß das tierische Gesetz, wonach Tiere verschiedener Gattung keine Jungen hervorbringen, hier nicht gelte usw. usw. Daß diese geistreiche Untersuchung ganz auf den Standpunkt des Hexenhammers hinausläuft, ist klar.

Merkwürdig ist keineswegs, daß ein Theologe so etwas produzieren konnte, wohl aber, daß es ein protestantischer war und im Jahre 1857[5].

Noch im Jahre 1859 konnten in der evangelischen Kirchenzeitung (Nr. 8 und 9) ähnliche Gedanken geäußert werden. Der Verfasser, der bescheidenerweise nur E. M. zeichnet, veröffentlichte hier »Zeitbetrachtungen über die christliche Lehre vom Teufel«. Nach seiner Überzeugung kann »die Zugehörigkeit der Lehre vom Satan zu dem Ganzen der kirchlichen, speziell der evangelisch-kirchlichen Glaubenslehre nicht in Frage gestellt werden«. Er findet »die Gegenwart merkwürdig durch den Widerspruch, welchen sie der Annahme eines persönlichen Teufels entgegensetzt« und charakterisiert »unsere Zeit der christlichen Lehre vom Teufel gegenüber« sehr richtig mit den Worten »es ist die allererklärteste Antipathie«. Er beklagt, daß »das Verhalten der großen Masse des Volkes und zumeist der Gebildeten unter demselben, auch das eines nicht geringen Teils der Vertreter heutiger, selbst wohl der sich gläubig nennenden Theologie »noch immer richtig durch den Ausspruch von Klaus Harms aus dem Jahre 1817 gekennzeichnet werde«. »Den Teufel hat man totgeschlagen und die Hölle zugedämmt[6]

Wenn es allerdings nach solchen frommen Glaubensstreitern auf protestantischer oder katholischer Seite ginge, dann würde der Teufelsglaube heute noch so lebendig sein, als je zuvor und man würde auch weiterhin das bequeme Verfahren befolgen für Vergehen und Verschuldungen nicht selbst die Verantwortung zu übernehmen, sondern sie einem Außenstehenden, eben dem Fürsten der Finsternis, aufs Konto zu setzen.

Doch noch ein Menschenalter später begegnen wir derselben Sorte Literatur.

Ernst Mühe, Pfarrer in Derben in Pommern, ließ 1884 in Leipzig seine Predigten erscheinen unter dem Titel »Die Leidensgeschichte Jesu Christi, sowie seine Höllenfahrt und glorreiche Auferstehung«. Wundervoll schildert er hier die Höllenfahrt, die er natürlich für eine historische Tatsache hält und so eingehend beschreibt, als wäre er dabei gewesen. Er kennt auch genauestens die Wirkung der Predigt Jesu bei den »Geistern der Vorwelt«. »Seht, wie sie aufhorchen, wie sie die Epiphanie des Herren anstaunen. Die Millionen scharen sich um den einst Verachteten ... Millionen fallen nieder, bekennen und bereuen ihren Unglauben und beten ihn an ... und der Held führt das ganze Gefängnis im Triumphe gefangen und führt alle die, welche sich retten lassen wollen, als den ersten Lohn seiner Todesschmerzen, hinüber in das selige Paradies« (S. 121).

Mühe weiß es ganz genau, wie lange Christus in der Unterwelt war: drei Stunden. Da er um 3 Uhr nachmittags starb, und zum Schächer gesagt hatte, »heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein», »so kann er nach irdischer Zeitrechnung nicht ganz drei Stunden in der Unterwelt verweilt haben, denn der Tag ging um sechs Uhr zu Ende und er mußte Wort halten« (S. 123).

»Da nun aber bald die Zeit herannahte, da Jesus auferstehen mußte, so kam er wieder aus dem Paradies hinauf, begab sich in seine Grabeshöhle und nahm seinen Leib wieder an, und seine Gottheit durchleuchtete und verklärte ihn. Nur seine Wundenmale behielt er freiwillig, als Beglaubigungs- und Erkennungszeichen und als ehrenvollen Siegesschmuck. Bald darauf kam ein Engel vom Himmel herab und wälzte den Stein von des Grabes Tür. Die Erde aber erbebte vor Freuden über ihren auferstandenen Schöpfer. So ist die Auferstehung in Wahrheit geschehen; nur blinder Unglaube kann daran zweifeln.«

So geht es weiter. Herrlich ist auch die Predigt Mühes über die unbefleckte Empfängnis. Dieser Protestant sagt: »O selige Stunde der unbefleckten Empfängnis! Maria wird Mutter ohne Zutun eines Mannes.« »Ein geistgesalbter Prediger der Neuzeit sagt: Gott hat Adam geschaffen nicht bloß ohne Zutun des Mannes, sondern auch ohne Zutun einer Frau. Er hat Eva geschaffen mit Zutun eines Mannes und ohne Zutun einer Frau; nun schafft er Jesum ohne Zutun eines Mannes mit Zutun einer Frau.«[7]

Dieser würdige und völlig ebenbürtige Geistesgenosse seines katholischen Kollegen Bautz, erzählt in seinen »Biblischen Merkwürdigkeiten« und der »Neuen Folge biblischer Merkwürdigkeiten« (Leipzig 1886) folgende erbauliche und seinem Scharfsinn Ehre machenden Geschichten:

In der Arche Noah waren alle Tiere in Winterschlaf verfallen. Infolgedessen brauchten sie nicht ernährt zu werden (Vorwort).

Die Mauern Jerichos sind mit Hilfe der Engel eingefallen (I, 80).

Die Sonne Josuas stand still, indem »Gott den Umschwung der Erde um ihre Achse und infolgedessen auch den Lauf des Mondes plötzlich aufgehalten hat« (I, 95).

Der Teufel vollbrachte sein erstes teuflisches Wunder, indem er der Schlange Sprache verlieh, Gott sein erstes göttliches, indem er die Schlange umbildete, daß sie auf dem Bauche kriechen mußte (II, 17-19).

Dieser unerschrockene Streiter Gottes ist auch in der beneidenswerten Lage, über die Werke des Teufels und sein Treiben genau Auskunft geben zu können. In seiner Predigt »Alttestamentliches Exempel aus Moses Leben« (Leipzig 1883) hat er die glorreiche Entdeckung gemacht, daß die Wunder der ägyptischen Zauberer keineswegs Blendwerk waren, sondern »nach der einzig richtigen Auslegung« vollbrachten sie ihre Wunder »mit Hilfe des Satans und der bösen Geister, mit denen sie im Bunde standen« (S. 77). Wie der fromme Verfasser in seinen »Biblischen Merkwürdigkeiten« feststellt, unterliegt »es keinem Zweifel, daß der Teufel in Menschengestalt oder sonstwie erscheinen und sichtbar werden kann«, denn in der Versuchungsgeschichte (Matth. 4) »faßte er Christus an und führte ihn im Fluge mit sich durch die Luft«. — »Es ist ganz verkehrt, wenn die Weltmenschen den Teufel immer als eine Spukgestalt mit Hörnern und Pferdefuß lächerlich machen. Er kann in tausenderlei Gestalt die Menschen betrügen. Am meisten Macht übt er dadurch, daß er den Menschen einredet, es gäbe gar keinen Teufel.« Aus Hiob geht hervor, daß Unglücksfälle, Sturm, Hagel, Krieg, leibliche Krankheit und geistliche Anfechtungen nur vom Satan über uns gebracht werden, freilich dürfen wir damit nicht sagen, daß jede Krankheit geradezu vom Teufel komme, aber mittelbar kommt doch alles von ihm.

Der gleiche Gottesmann setzt in seinem Buche »Der Aberglaube. Eine biblische Beleuchtung der finstern Gebiete der Sympathie, Zauberei, Geisterbeschwörung usw.« (2. Aufl., Leipzig 1886) auseinander, wie sich der Teufel bei Bündnissen mit ihm benimmt. Diese Greuel haben auch in unserer aufgeklärten Zeit nicht aufgehört, nur daß der Teufel jetzt »manierlicher auftrete und sich der Mode und Zeitrichtung schlau zu akkomodieren wisse«. »Alles Unheimliche fasse der Glaube an Zauberer und Hexen in sich.« Die Zauberei ist der Höhepunkt menschlicher Teufelei. Nach dem abschließenden Gesamturteil Mühes ist der Aberglaube ein Eintreten in die Gemeinschaft mit dem Reich der Finsternis und in höchster Linie eine Auflehnung gegen Gott. Darum gebühre ihm die Strafe der Gotteslästerung, die Gott im Alten und Neuen Testament hundertfach angedroht habe (3. Mos. 20, 27, Offenb. 22, 15): Hinrichtung und Steinigung. Doch will Herr Mühe ihn zunächst mit Predigt und Belehrung bekämpfen, »da leider die neue Gesetzgebung den Obrigkeiten keine genügende Handhabe bietet, um diesem Frevel wirksam zu steuern«[8].

In dieselbe Kategorie von Wahrheitssuchern scheint sich auch der evangelische Pfarrer Ewald Dresbach stellen zu wollen, wenn er in seinem Buche »Die protestantischen Sekten der Gegenwart im Lichte der heiligen Schrift« (Barmen 1888) schreibt; wir sprechen es »als unsere wohlerwogene Überzeugung aus, daß im Sektentum sich der Antichrist offenbart«. Auf den Einwurf, daß sich doch auch in ihnen fromme Leute finden, antwortet er: »Was die Frömmigkeit betrifft, so wissen wir es auf Grund der apostolischen Aussage, daß auch der Satan hin und wieder das Lichtgewand des Engels tragen kann«, das gehört zuweilen zu seinen Manieren; im übrigen reden wir ja nicht von einem einzelnen, auch nicht von einer schnell vorübergehenden Erscheinung: sondern tiefer schauend haben wir das Allgemeine im Auge, die Dinge betrachten wir im »Lichte der Ewigkeit« — und eben da besteht die Behauptung zu Recht: im Sektenwesen äußert sich der »Widerchrist« (S. 19).

Daß sich in den Sekten außerordentlich viel Fanatismus und Dummheit jeder Art findet, ist ja zweifellos richtig. Aber etwa in den großen Kirchen nicht? Mit welchem Recht bestreiten wir der Minderheit eine Meinung, die die Mehrheit haben darf?

Am deprimierendsten aber wirkt es, wenn ein Mann, der sich zur Aufgabe stellte, die Sekten und ihre Torheiten und Schattenseiten zu beleuchten, keine schärfere Angriffswaffe findet, als die aus dem Arsenal des finstersten Mittelalters entnommene des Antichrists und Satans!

Wen wird es, wenn Männer mit solch finsterem, stupidestem mittelalterlichen Aberglauben auf das Volk losgelassen werden, wundern, wenn sich nachstehende Geschichte ereignen kann?

Im Dezember 1910 erschien bei der Polizeiverwaltung Cöpenick eine Arbeiterfrau namens K. und wünschte den Polizeiinspektor in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Sie stellte allen Ernstes das Verlangen, ihrer Nachbarin, einer 70jährigen Frau, den Prozeß zu machen, denn sie sei — eine Hexe! Die alte Frau habe schon viele Leute behext, lasse alte Hexenbücher im Zimmer herumtanzen usw. Das schlimmste aber sei, daß sie das neugeborene Kind der Beschwerdeführerin, das bis zum dritten Tage ganz gesund gewesen sei, behext habe, so daß es seitdem immer schreie. Auch ihr Mann war überzeugt, daß das Kind behext sei. Da die Frau durchaus nicht den Eindruck einer Geisteskranken machte, versuchte der Polizeiinspektor ihr durch Vernunftgründe den Aberglauben auszureden. Natürlich nützte es nichts. Sie entfernte sich mit den Worten: »Sie mögen noch so schlau sein, Herr Inspektor, aber die Hexe ist doch noch schlauer. Sie hat ihre alten Bücher, die Sie nicht haben[9]

Das Verfahren der oben gekennzeichneten Theologen wirkt umso grotesker, je mehr wir die Forderungen des Tages auf den verschiedensten Gebieten betrachten. Wenn wir einen Blick werfen auf die Fortschritte der Naturwissenschaften, die uns zur Stellung immer größerer Fragen zwingen, auf die sich auf ihrer Grundlage bildende neue Weltanschauung, auf den Siegeslauf der Technik, der Medizin und so und so vieler anderer Wissenszweige. Wenn wir die gewaltigen Aufgaben ins Auge fassen, die das Wirtschaftsleben an uns stellt, der Übergang des Agrarstaates in den reinen Industriestaat mit seinen unabsehbaren Folgen. Wenn wir in die Rechtspflege, Wohnungsfrage und tausend andere Probleme hineinleuchten, Probleme, die die Zukunft zu lösen haben wird, aber nicht lösen kann, ohne die regste Mitarbeit jedes einzelnen von uns.

Und in solchen Zeiten, wo letzten Endes die Fortexistenz des Vaterlandes als Weltmacht auf dem Spiele steht, wo das Europäertum gegen das erstarkte Amerika und das neu erwachte Asien kämpfend seine Kräfte sammeln muß, da treten Männer auf, angeblich Verkünder der Religion der Liebe, Bringer der Wahrheit, und schüren konfessionelle Zwietracht, wenn sie nicht einer längst endgültig abgetanen Weltanschauung neues Leben einzuhauchen versuchen.

Gäbe es einen Teufel, selbst dann wäre es eine Dummheit kostbare Zeit durch Nachdenken über ihn zu verlieren. Unser harren wichtigere Aufgaben!