VII. Kapitel
 
Die heilige Garderobe und ähnliches

So ungefähr alles das, was wir bisher an Dummheiten kennen lernten, was naive Zeiten, eine irregeleitete Phantasie auf diesem Gebiete ersannen, finden wir zu einem blühenden Strauß gebunden in einer gewissen Literatur vereint, in die sich hineinzuwagen, nicht geringe Überwindung kostet. Es handelt sich nicht etwa um Hintertreppenromane oder Detektivgeschichten, mit denen die hungernde Phantasie unserer Jugend verdorben wird. Für Erwachsene ist sie geschrieben, für das unwissende Volk, das in Büchern Belehrung sucht, seine kärglichen Mußestunden dazu benutzen will, den Geist zu bilden, der Wahrheit näherzukommen.

Und wo könnte es das mit größerer Zuversicht tun, als in Schriften seiner geistlichen Hirten? In Büchlein, für deren Inhalt die höchste Autorität eintritt. Soll es hier nicht Belehrung und Erbauung finden, wo wäre sie dann zu suchen?

Folgen wir also dem gläubigen Leser in seine Erbauungslektüre! Wenn wir dabei kirchlichen Lehren begegnen, deren Ersetzung durch bessere wir für kein unerreichbares Ideal menschlicher Geistesarbeit halten können, so mag auch das nicht ohne Nutzen sein.

Mit bischöflicher Approbation erscheinen eine große Reihe von Schriften, die sich mit den kirchlichen Gnadenmitteln befassen und deren billiger Preis keinen Zweifel darüber aufkommen lassen kann, daß sie für Verbreitung in die Volksmassen bestimmt sind. Sie sollen der frommen Herde Fingerzeige geben für die zur Erlangung der ewigen Seligkeit erforderlichen Schritte.

Besonders handelt es sich hier darum, den Gläubigen das Tragen von gewissen Kleidungsstücken, deren hohe Bedeutung für das Seelenheil wir gleich kennen lernen werden, ans Herz zu legen.

Wir meinen die Skapuliere.

Unter Skapulare versteht die Ordensregel des h. Benediktus ein Kleidungsstück, das die Mönche bei der Handarbeit über der Ordenskleidung trugen. Es bedeckte die Schultern und hatte das eine Ende vorn, das andere hinten herabhängen. Manche Ordensleute tragen dieses Skapulier als Teil ihrer Ordenskleidung in der Form eines etwa einen Fuß breiten, vorn und hinten bis auf die Füße herabhängenden Stückes Zeug.

Dieses Skapulier nun, in verschiedenen Farben getragen, hat eine gar wunderbare Kraft!

Da ist zunächst das braune der Karmeliter. Dem h. Simon Stock, Generalobern dieses Ordens, erschien die heilige Jungfrau und gab ihm ein braunes Skapulier mit dem Auftrage, die Mitglieder seines Ordens und der mit diesem verbundenen Bruderschaften sollten ein solches tragen als Zeichen ihrer besonderen Verehrung gegen die heilige Jungfrau und als Unterpfand ihres besonderen Schutzes. Um an den gewährten Gnaden und Ablässen Anteil zu haben, muß das Skapulier beständig, auch zur Nachtzeit, getragen werden, desgleichen in Krankheiten. Legt man es ohne Not ab, dann hat man während dieser Zeit keinen Anspruch auf Ablässe. Allerdings darf man es auch unter der Kleidung tragen.

Die kleine Mühe des Tragens lohnt dieses Skapulier allerdings reichlich. Hat doch die Madonna dem h. Simon Stock verheißen, daß »wer in dem braunen Skapulier sterbe, das ewige Feuer nicht erleiden werde.« Wenn es sich nun auch allerdings nach katholischer Lehre von selbst versteht, daß der Träger des Skapuliers nicht darauf sündigend ein ruchloser Mensch sein darf, so ist es doch offenkundig, »daß gar manche durch Bekleidung mit dem Skapulier noch auf dem Todbette die Gnade der Bekehrung und Rettung ihrer Seele erlangt haben, ebenso liegen auch Beispiele vor, wo Vermessentlichen und Unbußfertigen auf auffallende Weise noch vor ihrem Tode das Skapulier entrissen wurde und abhanden kam.« So schreibt wenigstens der Jesuit Maurel in seinem mit Genehmigung der Oberen in sechster Auflage 1878 in Paderborn erschienenen Buche »Die Ablässe, ihr Wesen und ihr Gebrauch« (S. 379).

Besonders günstig gestellt sind die Träger des Skapuliers, der an einem Samstag das Zeitliche segnen: die Jungfrau Maria wird in höchsteigener Person zu diesen »hinabsteigen und jene, welche ich im Fegefeuer finde, befreien und zum Berge des ewigen Lebens führen.« Allerdings muß der Skapulierträger auch einige »gute Werke« verrichten, aber von ihnen allen, vom Fastengebot, täglichen Gebeten usw. usw. kann er befreit werden — so entschied noch Papst Paul V. unterm 15. Februar 1613 — nur das Tragen des Skapuliers ist eine unerläßliche Bedingung.

Die Länge des Aufenthaltes im Fegefeuer hängt also nicht etwa von der persönlichen Würdigkeit des armen Sünders ab, sondern vom Skapuliertragen und vom Wochentage, an dem er stirbt!

Doch diese Vergünstigungen scheinen dem Papst Clemens X. noch nicht ausreichend gewesen zu sein, sonst hätte er nicht unterm 8. Mai 1673 verordnet, daß die mit dem Skapulier der Karmeliter Bekleideten »von der Mutter Gottes auf ganz besondere Weise an Kindesstatt angenommen« sind und »einen größeren Anteil von all dem Guten, was in der gesamten katholischen Kirche geschieht«, erhalten.

Dazu bemerkt der Karmeliter-Pater Grassi: »Ordensleute, Mitglieder der Bruderschaft und andere, die zu diesem Skapulier Andacht hegen, entgehen vermöge eines ungewöhnlichen Beistandes der Mutter Gott zahllosen Gefahren. Die Gewehre, welche nicht losgegangen oder deren Kugeln matt und ohne zu verwunden zu Boden gefallen, die Ketten, welche zerbrochen, die Dolche, die sich gekrümmt, die Bedrängnisse, von welchen man befreit, die Abgründe, in die man gefallen und aus denen man unbeschädigt hervorgekommen, die Feuersbrünste, welche gelöscht, die Krankheiten, welche gehoben, die verzweifelten Lagen, denen man glücklich entronnen, wie auf so vielen Gemälden dargestellt wird, die unzähligen Gedenktafeln, welche an den Altären der h. Jungfrau Maria vom Berge Karmel aufgehängt sind, — verkündigen alle der Welt, mit wie großem Rechte dem Karmeliter-Skapuliere der Titel »Rettung in Gefahren« zukommt, welchen ihm die h. Jungfrau gegeben hat. Man sah sogar viele von diesen Wundern sich ereignen, wenn man dieses Skapulier anderen Gläubigen, die in Gefahren des Leibes oder der Seele waren, auflegte, Beängstigten, Verwundeten, Besessenen usw. oder wenn man es in anderen Notfällen anwandte, z. B. es mit lebhaftem Vertrauen in die Flammen warf, um eine Feuersbrunst zu löschen, oder in die Luft, in das Meer, um einen Sturm zu stillen[1]!

Ein anderes Skapulier ist das weiße, das der »allerheiligsten Dreifaltigkeit«, bestehend aus zwei Zeugstücken aus weißer Farbe mit eingenähten Kreuzchen von roter und blauer Wolle. Die weiße Farbe weist auf die Herrlichkeit des Vaters, die blaue auf das Leiden des Sohnes, die rote auf die Liebe des heiligen Geistes hin. »Das Skapulier verleiht die Gemeinschaft der guten Werke und Verdienste sowohl mit dem Orden der heiligen Dreifaltigkeit als auch mit der Bruderschaft gleichen Namens, in welche man durch Annahme dieses Skapuliers eintritt.«

Ein drittes Skapulier ist das blaue, das der »unbefleckten Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria«. Es hatte einst die ehrwürdige Ursula Benincasa, die in Neapel im Rufe der Heiligkeit starb, vom Jesuskind erbeten, das ihr mit der unbefleckten Jungfrau selbst erschienen war. Durch Tragen dieses Skapuliers erhält man nicht nur die besondere Gunst der Madonna, sondern auch noch Anteil an den Gebeten und guten Werken der Theatiner. Wer es trägt, gewinnt »so oft er, es sei an welchem Orte es wolle, zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit und der allerseligsten, ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau sechs Vaterunser mit ebenso vielen Ave Maria und Ehre sei dem Vater usw. nach der Meinung des Papstes spricht, alle Ablässe, welche für den Besuch der sieben Hauptkirchen Roms, der Portiuncula-Kirche zu Assisi, sowie für den Besuch Jerusalems und des Gnadenortes des heiligen Apostels Jacobus zu Compostella in Spanien bewilligt sind, und ist hierzu ausnahmsweise keine Beichte und Kommunion und auch kein weiteres Ablaßgebet erforderlich.«

Wer sich über dieses geheimnisvolle Skapulier näher informieren will — und wer wollte das nicht, nachdem man auf bequemere Weise kaum seiner Sünden ledig werden kann — lese »Andachten und Satzungen der Bruderschaft zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariä mit dem himmelblauen Skapulier« (Regensburg, Verlag Pustet) oder »Kurze Erklärung über das kleine himmelblaue Skapulier zu Ehren der allerseligsten unbefleckten Jungfrau Maria, das von den Skapulierklerikern der Theatiner-Kongregation geweiht wird, samt einem Verzeichnis der Ablässe. Getreue Übersetzung des römischen approbierten Textes« (Mainz, bei Kirchheim).

Ferner gibt es das »rote Skapulier des Leidens des heiligsten Herzens Jesu, sowie des liebreichsten und mitleidigen Herzens der seligsten unbefleckten Jungfrau Maria« über das ein bei Pustet in Regensburg mit Genehmigung des dortigen bischöflichen Ordinariats erschienenes Schriftchen »Herz-Jesu oder rotes Passions-Skapulier« näheren Aufschluß gibt. Wir verdanken es einer barmherzigen Schwester in Paris, der im Jahre 1846 »der Heiland wiederholt mit einem solchen Skapulier in der Hand erschien«.

Das Skapulier der sieben Schmerzen Marias oder das schwarze ist von den sieben Stiftern des Servitenordens eingeführt. »Man wird durch Anlegung dieses Skapuliers der Bruderschaft der schmerzhaften Mutter Gottes einverleibt und erhält sowohl an den Verdiensten aller Bruderschaftsmitglieder wie des Ordens der Serviten Anteil. Außerdem hat der Herr, wie nach dem heiligen Alphons der heiligen Elisabeth geoffenbart worden ist, auf die Bitte seiner Mutter den Verehrern ihrer Schmerzen u. a. die Gnade verheißen, daß, wer die göttliche Mutter durch ihre Schmerzen anruft, vor seinem Tode wahre Buße über alle seine Sünden tun wird.«

Nun ist es klar, daß dem wahrhaft Frommen die Qual der Wahl zwischen so viel Glücksspendern äußerst wehe tun muß. Doch es ist in anerkennenswerter Milde dafür gesorgt, sie zu lindern. Man kann nämlich ein »fünffaches Skapulier« tragen, indem man alle aufeinander heftet. Dadurch wird man »aller Gnaden und Ablässe« teilhaftig. Und das ist doch was wert! Allerdings kann jedes Skapulier nur von einem dazu bevollmächtigten Priester angelegt werden, doch haben die Redemptoristen-Patres die Vollmacht mit einem vierfachen Skapulier, bestehend aus allen, mit Ausnahme des roten, zu bekleiden[2]. Sie können, wie Pater M. Ulrich in seiner Schrift »Die geistliche Schatzkammer, oder kurzgefaßter Unterricht über das vierfache Skapulier, die geweihten Kreuze usw.« (Passau, Bucher, 5. Aufl., 1874) S. 24 sagt: Durch eine einzige Weihe und Auflegung in alle vier Bruderschaften zugleich aufnehmen.

Was der fromme Skapulierträger für einen Profit macht, ist allerdings fabelhaft. Wer das fünffache Skapulier trägt, gewinnt »am Tage der Aufnahme fünf vollkommene Ablässe; täglich, sooft er sechs Vaterunser, Ave Maria und Ehre sei usw. betet, jedesmal die mit dem Besuche verschiedener heiligen Orte verbundenen Ablässe (vgl. oben); in jeder Woche Mittwochs und Freitags je einen vollkommenen Ablaß usw.; ferner: in der Todesstunde vier General-Absolutionen und fünf vollkommene Ablässe; nach dem Tode bei jeder für ihn gelesenen Messe wenigstens einen vollkommenen Ablaß; das samstägliche Privilegium.« Nach dem von Ulrich gegebenen Verzeichnis (S. 41 ff.) der Ablässe, kann man an einigen Tagen« etliche Jahrhunderte Ablaß gewinnen; erhält man doch schon 60 Jahre, »sooft man durch eine halbe Stunde das innerliche Gebet übt oder eine fromme Betrachtung anstellt«.


Das Skapulier, von dem übrigens auch die Franziskaner eines besitzen, ist nicht das einzige Kleidungsstück der frommen Garderobe. Verfügt doch der gleiche Orden in seinem »seraphischen Gürtel« über ein nicht minder seelenrettendes Instrument. Darüber belehrt das Schriftchen »Der Seraphische Gürtel und dessen wunderbare Reichtümer. Nach dem Französischen des hochw. Herrn von Segur«, das mit bischöflicher Erlaubnis 1877 in erster, im folgenden Jahre in zweiter Auflage erschien.

Sixtus V. errichtete im Jahre 1585 eine »Erzbruderschaft des Gürtels des heiligen Franziskus«, deren Mitglied man werden kann, wenn man aus der Hand eines Franziskaner-Oberen oder eines anderen dazu bestellten Priesters den Gürtel empfängt und denselben Tag und Nacht trägt. »Es ist Gebrauch, aber nicht Pflicht, jeden Tag zum Andenken an die fünf Wunden des Erlösers und des heiligen Franziskus sowie auch für die Bedürfnisse der Kirche nach der Meinung des heiligen Vaters sechs Vaterunser usw. zu beten. Man kann den Gürtel auf dem Hemde tragen. Er mag von Wolle oder Baumwolle sein, von Garn oder Hanf, von weißer oder Naturfarbe. Man soll ihn nur ablegen im Falle der Not, um ihn so bald als möglich wieder anzulegen. Ist er zerrissen oder sonst nicht mehr tauglich, so kann man ihn verbrennen und ganz einfach durch einen anderen ersetzen. Eine kleine Schnur wäre nicht hinreichend, doch muß es auch kein dicker Strang sein.«

Es lohnt sich wirklich, diesen Gürtel zu tragen, denn er spendet geradezu fabelhaften Segen. Segur schreibt darüber: »Die mit dem seraphischen Gürtel verbundenen geistlichen Vorteile enthalten den unvergleichlichen Schatz der Ablässe, welche aus der Franziskaner-Familie ein Wunderding machen, einzig in seiner Art. Die Träger des seraphischen Gürtels haben Anspruch auf alle diese Gnaden« (S. 6). »So oft sie die sechs Vaterunser usw. beten, gewinnen sie alle Ablässe des h. Landes, der sämtlichen Basiliken und Heiligtümer von Rom, der Heiligtümer von Assisi usw., das heißt Tausende vollkommener Ablässe und sicher mehr als 100000 Jahre teilweiser Ablässe. Ist das nicht gleichsam ein unvergeßlicher Ozean von Erbarmungen? Kann man da nicht täglich Tausende armer Seelen aus dem Fegfeuer erlösen? Und diese Ablässe kann man gewinnen, so vielmal des Tages, als man will; es ist nicht notwendig, morgens kommuniziert zu haben, man darf sich nur im Stande der Gnade befinden, seine Sünden bereuen und fest entschlossen sein, Gott dem Herren treu zu bleiben. Wo ist ein Christ, der dies nicht tun könnte und gern tun sollte?« (S. 7).

Aber das ist noch nicht alles: Wenn die Gürtelträger nach der Kommunion den Psalm Exaudiat usw. beten, können sie alle Ablässe gewinnen, die je allen Heiligtümern der ganzen Welt verliehen worden sind (S. 8) und 36mal im Jahre die »große Franziskaner-Absolution« empfangen.

Die »Monatsrosen« vom Februar 1874 berichten noch von einem anderen Gürtel, dem Sankt-Josephs-Gürtel, durch den schon 1657 eine Nonne in Antwerpen »von grausamen Schmerzen« wunderbar geheilt wurde. Als Pius IX. ihn auf Ersuchen des Bischofs von Verona 1859 nebst der Weiheformel bestätigt und mit Ablässen begnadigt hatte, kam sein Gebrauch erst recht in Aufnahme. Der Gürtel besteht aus einer Schnur von Baumwolle, Wolle oder Leinen mit »sieben Knoten als sieben Schmerzen und sieben Freuden des h. Josephs«. Man trägt ihn unter der Kleidung, »um durch die Fürbitte des h. Joseph wirksame Hilfsmittel zur Bewahrung der Reinigkeit und zur Enthaltsamkeit, die in jedem Stande notwendig ist, zu erlangen oder sie wieder zu erringen, wenn sie verloren ist«.

Doch das ist keineswegs die einzige Wirkung dieses Wundergürtels. Im Märzheft 1878 der »Monatsrosen« ermahnt der Herausgeber die Gläubigen, sich mit dem Gürtel des h. Joseph zu umgürten und macht darauf aufmerksam, daß in der Servitenkirche zu Innsbruck ein Filialbündnis der Umgürteten des h. Josephs bestehe. Man könne sich um Gürtel und Büchlein an die Redaktion der Monatrosen wenden. Das kann auch tatsächlich nur jedem angeraten werden, ist doch auch die Wirkung dieses Kleidungsstückes nach der gleichen Quelle geradezu verblüffend. »Ein siebenjähriges Kind, welches an Lungen- und Brustentzündung erkrankt und von drei Ärzten aufgegeben war, wurde in den Gebetsverein eingeschrieben, eine heilige Messe für dasselbe gelesen, ihm einige Tropfen Lourdes-Wasser eingegeben und ein Josephsgürtel umgelegt, und die Krankheit wendete sich zum Bessern« (S. 247). Ein anderer Fall betrifft »ein großes Übel«, das nach Auflegung des h. Joseph-Gürtels plötzlich behoben wurde (S. 343).

Daß solche Mittel bei Krankheiten auf nervöser Basis wirksam sein können, wird niemand bestreiten wollen, der den gewaltigen Einfluß der Suggestion auf den Körper kennt. Die Gürtel aber bei Lungenentzündungen und ähnlichen Infektionskrankheiten empfehlen, heißt in gewissenloser Weise mit dem Leben derer, die nicht alle werden, spielen.

Der heiligen Garderobe gehört endlich noch ein dritter Gürtel an, über den der Spitalbenefiziat Joseph Löcherer unter dem Titel »Vollständiger Inbegriff der Gnaden und Ablässe der ehrwürdigen Erzbruderschaft Maria vom Troste, oder der schwarzlederne Gürtel der h. Mutter Monica, des heiligen Vaters Augustin und des h. Nicolaus von Tolentin, zum Gebrauche der Vorstände und aller einverleibten der Bruderschaft, getreulichst nach dem von P. Clemens X. herausgegebenen und für ewige Zeiten bestätigten Breve und Ablaß-Summarium Ex injuncto nobis vom 27. März 1675 und dem neuesten, von der h. Kongregation der Ablässe durch Urkunde vom 7. März 1863 ausdrücklich gutgeheißenen Bruderschaftsbüchlein bearbeitet« ein Büchlein schrieb, das bei Manz in Regensburg im Jahre 1878 in achter Auflage erschien.

Der Gürtel hat natürlich auch seine historische Berechtigung: Der h. Monica, die auch in der Kleidung der Jungfrau Maria ähnlich sein wollte, ist diese mit dem schwarzledernen Gürtel erschienen und sagte ihr, daß sie ihn seit dem Tode Christi getragen habe. Natürlich legte ihn nun die h. Monica, die Mutter Augustins, auch an.

Auch diese Gürtel-Bruderschaft ist, wie das ja nur recht und billig ist, an Ablässen außerordentlich reich[3].

Es leuchtet jedem denkenden Menschen ohne weiteres ein, daß die himmlischen Heerscharen, Gottvater, Sohn, heiliger Geist, kurz das ganze Weltregiment eine närrische Freude darüber haben muß, wenn christkatholische Menschen mit Skapulieren und Gürteln herumwandeln. Wenn es eine genaue Bekleidungsvorschrift für das Militär oder den hoffähigen Adel gibt, warum braucht nur gerade der Himmel keine zu haben? Sollte hier etwa auf passenden Anzug weniger Gewicht gelegt werden? Das wäre eine geradezu beleidigende Annahme.

Wie oberflächlich, wie weltlich klingt doch der Satz »Kleider machen Leute«. Der wahrhaft Fromme sagt, »Kleidungsstücke machen himmelsfähig«, oder »Bekleidungsstücke machen Seelen«.


Doch nicht nur auf Skapuliere und Gürtel beschränkt sich die wunderbare Kraft für Lebzeiten und im Tode, sondern sie erstreckt sich auch auf Medaillen. Die Benediktiner sind im Besitze der sogenannten Benediktus-Medaille. Über sie schrieb Dom Prosper Gueranger, Abt des Benediktiner-Klosters Solesmes in Frankreich, »Bedeutung, Ursprung und Privilegien der Medaille oder des Kreuzes des hl. Benedikt«, bearbeitet von P. Laurenz Hecht, Benediktiner des Stiftes Einsiedeln. 2. Auflage, mit Approbation des Bischofs von Chur-Einsiedeln 1871. Ferner existiert über diese wichtige Materie das »St. Benediktus-Büchlein oder die Medaille des hl. Benedikt« von einem Priester der Diözese Münster, mit Erlaubnis der geistlichen Obrigkeit, Münster 1876.

Es ist aber auch wirklich der Mühe wert, um dieser Medaille willen zur Feder zu greifen, denn, wie Pater Hecht aus einer zu Rom 1857 mit kirchlicher Approbation erschienenen Schrift mitzuteilen in der glücklichen Lage ist, wurde sie wirksam angewendet: »1) um Zaubereien und alle anderen teuflischen Einwirkungen zu zerstören; 2) um die Zauberei vom Orte abzuhalten; 3) um die Tiere, welche von der Pest oder Seuche angesteckt oder von Zauberei befallen sind, zu heilen und gesund zu machen; 4) um jeden Menschen, der vom bösen Feinde versucht, getäuscht oder geplagt wird, den notwendigen Schutz zu gewähren; 5) um die Bekehrung irgendeines Sünders, insbesondere wenn er in Todesgefahr ist, zu erlangen. Der vertrauensvolle Gebrauch dieser Medaille ist überdies wirksam: 1) zur Zerstörung des Giftes; 2) zur Vertreibung der Pest; 3) zur Wiederherstellung der Gesundheit für diejenigen, welche von Steinkrankheiten, Seitenstechen, fallender Sucht, Blutüberfüllung oder Blutspeien befallen sind; 4) für die Mütter, damit durch den geistlichen Beistand die Kinder zur rechten Zeit und gesund geboren werden; 5) zum Schutze der Menschen vor dem Blitze; 6) zum Schutze derjenigen, welche von Ungewittern hart bedrängt sind; 7) was aber mehr als alles andere geschätzt werden muß, dient diese geweihte Medaille, fromm gebraucht, dazu alle Versuchungen gegen die leibliche Tugend der Reinigkeit zu überwinden und durch Gottes Gnade die Menschen heilig an Seele und Leib zu bewahren.«

Daß diese theoretischen Wirkungen auf voller Wahrheit beruhen, bezeugt uns Abt Gueranger. In einem Kapitel »Wunderbare Wirkungen der Medaille des h. Benedikt im 19. Jahrhundert« überschrieben (Übersetzung von Hecht, S. 64 ff.), werden u. a. einige körperliche Heilungen mitgeteilt:

»Eine Dame wurde plötzlich von starkem Nasenbluten befallen; die Mittel, welche der Arzt verordnete, schienen den Blutfluß eher zu fördern, als zu hemmen; so war der Abend des dritten Tages herangekommen; da empfängt die Kranke, eine Person voll lebendigen Glaubens, die Medaille des h. Benedikt, und sogleich hört das Bluten auf.«

Ein anderer Fall: »Eine Ordensschwester wurde von einem Augenleiden befallen; nachdem sie sich die Augen mit Wasser gewaschen, in das sie die Medaille des h. Benedikt getaucht hatte, erlangte ihr Gesicht bald seine frühere Kraft wieder.«

Ferner: »Eine Frau, deren Tochter von einer heftigen Entzündung des Kehlkopfes befallen wurde, kam auf den Einfall, die Medaille in ein Glas voll Wasser zu tauchen und es dem Kinde zu trinken zu geben. Sogleich führt sie ihren frommen Einfall aus. Das Kind trinkt das Wasser; am anderen Tage ist es außer aller Gefahr. — Eine Frau, die an heftigem Ohrenweh litt und der von Zeit zu Zeit Klumpen geronnenen Blutes und Eiterstoff aus den Ohren kamen, legte eine Medaille in das Ohr und betete mit Vertrauen ein Vaterunser und ein Gegrüßt zu Ehren des h. Benedikt. Eine Minute nachher war sie gänzlich geheilt.«

Die geistige Wirkung steht ganz auf der Höhe der körperlichen. Davon mögen folgende Beispiele aus dem 2. Abschnitt, überschrieben »Geistige Gnaden. Plötzliche Bekehrungen« (S. 76 ff.) überzeugen.

»Eine Frau berührte mit einer Medaille die Weinflasche ihres dem Trunke ergebenen Mannes; dieser fand den Wein abscheulich und ging in eine benachbarte Schenke, kam aber nach einer Viertelstunde zurück und sagte, der Wein sei dort noch schlechter. In den nächsten Tagen trank er nur Wasser, und die Frau benutzte dies, um die Zusage von ihm zu erlangen, daß er hinfort seine religiösen Pflichten erfüllen wolle.«

Ein anglikanischer Geistlicher disputierte neun Tage lang mit drei Konvertiten; einer von diesen begleitete ihn, als er am zehnten Tage zurückkehrte, und disputierte noch mit ihm bis zum Abend. Der Anglikaner brach endlich die Unterredung mit Worten ab, welche gar keiner Hoffnung zu seiner Rückkehr in die katholische Kirche Raum gaben. Da bat ihn der Katholik, die Medaille des h. Benedikt, die er bei sich trug, anzunehmen. Er tat es, und nach einigen Minuten, während deren der Katholik betete, erklärte er: »Das Licht strahlt vor meinen Augen, und ich habe an nichts mehr zu denken, als an die Abschwörung meiner Irrtümer.« Fünf Tage nachher erfolgte diese Abschwörung.

Daß die Benediktus-Medaille auch gegen böse Geister hilft, wissen wir schon. Nachstehend sei eine dieser erbaulichen Geschichten wiedergegeben: In einem Hause in Rennes trieben »böse Ceister« ihr Wesen: man hörte Lärmen und Stimmen, das Hausgeräte veränderte seinen Platz, ohne daß jemand es berührte usw.

»Die Hausbewohner ließen viele Messen für die Verstorbenen lesen, für den Fall, daß eine verstorbene Person durch solche Zeichen ihren Wunsch um Befreiung von den Schmerzen des Fegfeuers hätte kund geben können und wollen; nebst dem riefen sie auch den Priester herbei, damit er die Gebete verrichte, welche von der h. Kirche gegen vom bösen Feinde belästigte Häuser angeordnet sind. Allein die unheimliche Plage wollte nicht weichen. Da begann man damit, an den Türen eine Medaille des h. Benedikt aufzuhängen, und alsbald erfolgte die gänzliche Befreiung. Aber man hatte vergessen, eine Medaille an der Türe des Kellers zu befestigen; die ganze Bosheit der höllischen Geister schien sich dort vereinigt zu haben; so groß war dort der Lärm und die Unordnung. Nun befestigte man auch dort eine Medaille, und siehe, die teuflische Bosheit verließ endlich das Haus, jedoch nicht ohne Rache zu nehmen; denn die Person, welche (den Rat erteilt hatte und) uns diese Tatsachen berichtete, wurde alsbald vom bösen Geiste sehr grausam an Leib und Seele geplagt. In diesem Leiden erhielt sie endlich Erleichterung durch genaue Befolgung der Ratschläge ihres Beichtvaters, der ihr empfohlen hatte, kühn und mutig gegen den bösen Feind aufzutreten und öfters die h. Namen Jesus, Mariä und Joseph gegen ihn auszusprechen.«

Mehr hätte es uns ja imponiert, wenn es ohne den Beichtvater allein durch die Medaille gegangen wäre. Immerhin war auch so die Wirkung recht zufriedenstellend.

Hausfrauen! Schafft euch die Benediktus-Medaille an! Oder wer fühlt sich nicht durch folgende schöne Geschichte dazu geradezu verpflichtet? Das »St.-Benediktus-Büchlein« erzählt (S. 63): »Im Jahre 1863 zerbrachen täglich in einem Kloster mehrere Lampen und Trinkgläser auf eine ganz unerklärliche Weise. Mehrere Wochen hatte dies gedauert, da verfielen die Schwestern auf den Gedanken, die Benediktus-Medaille anzuwenden, und fortan blieb alles in bester Ordnung.«

In einer Stadt wollte der Gemeinderat die Straße breiter machen lassen und zu diesem Zwecke einen bedeutenden Teil einer von Wallfahrern stark besuchten Kirche der h. Jungfrau abbrechen lassen. Man befestigte die Medaille des h. Benedikt am Fuße des Standbildes der h. Jungfrau und »wenige Tage nachher wurde der Baumeister, welcher den unglücklichen Gedanken gehabt hatte, das Haus Gottes zu verstümmeln, plötzlich krank und starb. Seinem Nachfolger leuchtete es gleich ein, wie unnütz die Verstümmelung der Kirche sei«, und auf seinen Antrag hin wurde der Verbreiterungsplan geändert (Hecht, S. 93).

»Zu T. in Frankreich wurde durch Aufhängung einer Medaille des h. Benediktus im Hühnerstalle den Hühnern die Fruchtbarkeit zurückgegeben.«

Hecht folgert daraus die »Wahrheit, daß es dem Herren in seiner Weisheit gefallen, einen kleinen, materiellen, zu seiner Ehre geweihten Gegenstand als Werkzeug für Zernichtung aller teuflischen Gewalt und für das Wohl der Menschen und Tiere zu bestimmen« (S. 120).

Diese und viele andere ähnliche, erbauliche und wunderschöne Geschichten werden in jedem intelligenten Leser — und wer wäre das in den Augen eines Autors, dessen Bücher er auszeichnet, nicht? — den brennenden Wunsch wecken die Medaille zu besitzen. Damit er sie auch richtig anwendet, geben wir die wörtlich übereinstimmenden Anweisungen Guerangers (S. 161) und des Priesters von Münster (S. 95) wieder:

»Diese Medaille wird bei ansteckenden Krankheiten an den Wänden und Pforten der Häuser, bei Viehseuchen an den Wänden der Ställe befestigt, damit bei dem Anblicke des darauf befindlichen Zeichen des h. Kreuzes die bösen Geister fliehen. Sie wird bei Aufführung von Gebäuden in das Fundament eingesenkt ... Ferner pflegt sie gegen Ungeziefer auf den Wiesen in die Erde gegraben zu werden. Auch ist es üblich, daß die Gläubigen sie in ein Wassergefäß legen, damit Menschen und Tiere, wenn sie von diesem Wasser trinken, die Gesundheit erlangen. Die Art und Weise, die Benediktus-Medaille zu gebrauchen, wird durch das Ansehen der h. Kirche und durch die glücklichsten Erfolge empfohlen.« Allerdings sind die Wirkungen nur insofern unfehlbar, »als sie von Gott für das Heil der Gläubigen zuträglich erkannt werden«.

Übrigens macht bisweilen nicht nur die Benediktus-Medaille den Arzt überflüssig. So wird im »Sendboten« (1871, S. 302) berichtet: »Ein Mann, der infolge eines Beinbruchs an sehr heftigen Schmerzen litt, band eine Herz-Jesu-Medaille an den Fuß, versprach eine neuntägige Andacht zum Herzen Jesu, und nach kurzer Zeit verließ ihn der Schmerz. Einer protestantischen Frau wurde geraten, ihrem kränklichen Kinde, das katholisch getauft war, etwas Geweihtes beizulegen, und ihr eine Herz-Jesu-Medaille gegeben. In wenigen Tagen besserte sich das Kind. Die Frau wurde katholisch[4]


Die Jesuiten haben zwar weder ein besonderes Skapulier, noch einen Gürtel, noch eine Medaille, dafür aber ein Wasser, das Ignatiuswasser. Und wenn man ihnen glauben darf — und wer wird einem Jesuiten nicht glauben? — dann macht die wunderbare Flüssigkeit die anderen Mittel auch entbehrlich. Der belgische Jünger Loyolas Eduard Terwekoren hat darüber eine Schrift verfaßt, die 1867 bei Mayer & Comp. in Wien unter dem Titel »Das Weihwasser des h. Ignatius von Loyola für alle Leiden der Seele und des Leibes« in Übersetzung erschien. Aus unbekannten Gründen ist diese Ausgabe nicht mehr im Buchhandel, was wir noch lebhafter beklagen würden, wenn mit ihr auch das Wasser verschwunden wäre. Das ist aber zum Heile aller frommen Seelen und deren beglückwünschenswerten Körper nicht der Fall. Vielmehr wird nach wie vor das Wasser geweiht und wir haben keinen Grund zur beleidigenden Annahme, daß es heute weniger wirksam sein sollte, als vor 45 Jahren.

Übergehen wir die wunderbaren Heilungen früherer Jahrhunderte, um uns auf die jüngere Vergangenheit zu beschränken: »Der im Jahre 1860 zu Alost im Geruche der Heiligkeit verstorbene Pater Bernhard erwarb sich gerade durch die Verteilung des Ignatius-Wassers und durch seine Unermüdlichkeit im Beichtstuhle ungeheure Popularität. Die Vorsehung hatte ihn auserwählt, um in der Gegend von Alost diese alte und mächtige Andacht zum Weihwasser des h. Ignatius zu erwecken (S. 22, 24). Bei einer Viehseuche gebrauchte man das Wasser auf einem Bauernhofe, und von 15 Pferden ging kein einziges zugrunde (S. 25). Als den Pater Bernhard seine Krankheiten verhinderten, die Kranken zu besuchen und eine Schwerhörigkeit ihn nötigte, das Beichthören aufzugeben, fuhr er doch fort, das Ignatius-Wasser auszuteilen. Er zeichnete Tag für Tag die Zahl der Personen auf, welche solches von ihm erhielten. Als nach seinem Tode sein Leichnam ausgesetzt war, brachten viele Leute die Fläschchen, welche das Weihwasser des Paters enthalten hatten, in der Meinung, dadurch daß sie dieselben an seinen Händen und an seinem Munde anrührten, ihnen die Weihe zu erhalten.« (S. 27.)

Wie wenig doch oft dazu gehört, um im Geruch der Heiligkeit zu sterben!

»Im Jahre 1859 wurde zu Antwerpen eine Frau, welche beinahe blind geworden war, geheilt. Ihr Vertrauen wurde glücklicherweise ansteckend: noch an demselben Vormittage holten 5 oder 6 Personen dieses Wasser, um sich gegen die Cholera zu schützen. Am Nachmittage zählte man bereits etliche 30 Begehrer, und wenige Tage später war ein solcher Andrang um das Ignatius-Wasser, daß 4-5 Personen kaum hinreichten, es auszuteilen.« (S. 29.) Im Jahre 1839 hörte die Choleraepidemie in der Straße auf, in der ein Mann das Wasser brauchte! Daß Sünder nach dem Trinken des Wunderwassers sich bekehrten, ist klar. Kann es bei dieser Wirkung wundernehmen, daß das Wasser wie frische Semmel abgeht? Verlangte man doch in Gent binnen zweier Monate 100000 Flaschen und mehr als 50000 Personen aus Stadt und Umgebung bedienten sich seiner.

Am verdienstlichsten ist aber folgende Wirkung: »Außerdem gibt es noch zwei Umstände, in welchen man früher seine Zuflucht zum h. Ignatius nahm, und das scheint heute aufs neue in Schwung zu kommen. Nämlich bei Frauen, welche das Herannahen des Augenblicks fürchten, wo sie ein Kind zur Welt bringen sollen, und bei solchen, welche sich darüber betrüben, daß sie keine Hoffnung haben, eines Tages mit dem süßen Namen ‚Mutter‘ benannt zu werden. In diesen beiden Umständen hat die Fürbitte des h. Ignatius viele Tränen getrocknet, viele Ängsten beseitigt« (S. 68). »Man gebraucht das Ignatius-Wasser gar oft bei Frauen, welche in Gefahr einer Schwergeburt sind, und man erzielt damit die glücklichsten Erfolge« (S. 73)[5].

Der »Sendbote des göttlichen Herzens Jesu«, der mit »Genehmigung der geistlichen Oberen« von Malfatti als Monatsschrift herausgegeben wird, besonders zur Förderung der Andacht zum Herzen Jesu, die in den letzten Jahrzehnten eifrig kultiviert wird, erzählt außer unzählbaren ähnlichen Geschichten, folgende zwei, die wir als besonders leuchtende Perlen herausgreifen möchten.

Im Jahrgang 1871 (S. 184) finden wir folgenden Bericht: »Im Dekanat Bozen wurde ein totes Mädchen geboren, in dessen mißgestaltetem Gesichte weder Augen noch Nase zu sehen waren. Zwei Personen trugen das tote Kind zur wundertätigen Mutter Gottes nach Riffian mit der festesten Hoffnung, in der dortigen Wallfahrtskirche Lebenszeichen zu erbitten, um dasselbe mindestens bedingungsweise taufen zu können. Sie kamen am 13. Januar spät abends in Riffian an und trugen am folgenden Tage das Kind in die Kirche.« Es zeigten sich Lebenszeichen. Sie trugen darauf das Kind zum Pfarrer, um es taufen zu lassen, konnten aber kein Lebenszeichen mehr wahrnehmen. Es wurde am gleichen Tage wiederholt und auch beim dritten Gebete zeigte sich kein Lebenszeichen. Nunmehr begrub man das Kind. Sie ließen es aber am 18. wieder ausgraben, bemerkten während ihres Gebetes Lebenszeichen und ließen das Kind durch den gerade anwesenden Meßner taufen. Die Lebenszeichen wurden nach der Taufe immer noch schöner und verschwanden erst allmählich wieder.

Eine ähnliche Geschichte steht im gleichen Jahrgang (S. 268):

»In Stilfs ertrank am 3. Juli eine schwangere Frau; die Leiche wurde erst am 5. untersucht und geöffnet, und das Kind als tot gefunden. Abends kamen viele Personen bei der Leiche zusammen, um durch die Fürbitte Marias die Taufgnade zu erbitten; sie nahmen ihre Zuflucht besonders zur schmerzhaften Mutter von Stilfs. Wie sie beteten, sahen sie, daß das Gesicht des Kindes Lebensfarbe erhielt, daß Lippen und Wangen sich röteten und der Mund sich öffnete; einige Weiber wollten auch den Pulsschlag des Herzens gesehen haben. Das Kind wurde bedingungsweise getauft; bald nach dem Taufakte schloß es den Mund und wurde bleich wie Wachs.«

In früheren Jahrhunderten waren solche schönen Geschichten ja nichts Seltenes. Friedrich berichtet in seinen Beiträgen zur Kirchengeschichte des 18. Jahrhunderts (München 1876, S. 8) ähnliche Fälle. Damals aber schritt die römische Inquisition gegen diese Volksverdummung ein. Heute wird dieser Blödsinn von Kreisen, die Rom sehr nahe stehen, zu neuem Leben erweckt[6].

VIII. Kapitel
 
Die Dummheit der Massen

Jahrtausende alte Erfahrung erbringt den unwiderleglichen Beweis dafür, daß ein großer und weiser Gedanke sehr lange braucht, um vom Volke angenommen zu werden. Ja, die größten Gedanken dringen überhaupt nicht in die Menge oder doch nur in einer Form, die wenig mehr vom Geiste ihres Schöpfers verrät. So wurde etwa aus den erhabenen Lehren Christi der Paganismus der römisch- und griechisch-katholischen Kirche. Die edle Weisheit eines Buddha konnte zum Lamaismus Tibets entarten; während die weltumstürzende Entdeckung eines Kopernikus Jahrhunderte brauchte, bis sie sich allseitig durchzusetzen vermochte.

Man wird das ganz natürlich finden und mit der mangelnden Bildung, dem Mangel an Intellekt, dem Trägheitsbedürfnis breiter Volksschichten motivieren.

Wie aber, wenn ein Gedanke absurd ist? Wenn der Wahnwitz ihm aus den Augen grinst? Wenn er jeder Vernunft, jeder Erfahrung widerspricht, seinen Anhängern die größten Mühen, Opfer und Gefahren an Gut und Blut auferlegt? — Dann wird er in zahllosen Fällen fanatisch aufgegriffen werden und mit elementarer Gewalt sich durchzusetzen versuchen. Der Träge wird zum Tatenmenschen, der Zauderer kühn, der Geizhalz verschwenderisch, der Feigling ein Held werden. Es ist nur nötig, daß der Gedanke einen Herold findet, der, selbst von ihm erfüllt, die Gewalt des Beispiels oder der Rede besitzt, mit möglichst überspannten Bildern und Zukunftshoffnungen nicht spart, der den mystischen Schleier des Geheimnisvollen zu weben versteht und alles wird ihm folgen, wie einst die Kinder dem Rattenfänger von Hameln.

Das war zu allen Zeiten so, es ist so und wird so bleiben. Heute nennen wir die Kraft, die jene wunderbare Wirkung hervorruft: Suggestion; früher hatte sie keinen Namen. Man reihte sie in das große Gebiet der Magie oder Zauberei ein. Uns genügt die Feststellung, daß sie wirken kann, einen Fieberwahn hervorzurufen vermag, wenn sie — auf Dumme stößt. Diese Dummen aber findet sie immer und überall.

Hier bewährt sich die Allmacht der Dummheit in unheimlichster Weise: sie steckt an. Dieselben Leute, die unter normalen Umständen die Torheiten verlachen würden, machen sie mit, wenn sie andere sehen, die sie vormachen. Das Geheimnis der Massenpsyche, der die Hemmungen fehlt, ist nahezu unergründlich. Unergründlicher aber noch ist die Tiefe der Dummheit, die in solchen Momenten einem Vulkan gleich zur Oberfläche drängt, sich nun erst zeigt, während sie immer gegenwärtig ist. Und wie die glühenden Lavamassen eines Ätna, die sonst in den Eingeweiden der Erde schlummern, hier und da durch ein schwaches Rauchwölkchen ihr Dasein verratend, plötzlich zu neuem Leben erwachen, wie sie mit ihrer feurigen Flut blühende Landschaften, betriebsame Städte in Wüsten und Trümmerhaufen verwandeln, so sehen wir es auch hier.

Wehe, wenn die Dummheit, sonst mit möglichster Diskretion unsern Augen verborgen — etwa wie die Senkgruben der Häuser — die so heilsame Hülle der Scham abwirft, wenn sie die Lächerlichkeit nicht mehr fürchtet, auf die Stimmen der Warner nicht mehr hört. Dann richtet sie furchtbareres Unheil an, als alle Vulkane der Erde. Gewiß nicht immer. Bisweilen bleibt es bei harmlosen Versuchen, über die man bald wehmütig lächeln, bald laut lachen möchte, aber oft, nur allzuoft bahnt sie sich über Leichen ihren Weg.

Was etwa denken wir von den Kreuzzügen, die mindestens zwei Millionen wehrhafte Männer, die Blüte der Christenheit, mit unwiderstehlicher Gewalt in den Hades führten? Gewiß, die Folgen waren vielfach segensreich. Die Berührung mit fremden Völkern und Zonen erweiterte den Horizont, gab dem glücklich Heimkehrenden manch fruchtbares Samenkorn in die Hand, das im Heimatlande üppig erblühen sollte. Aber die Idee selbst? Die Art der Verwirklichung? Wie müssen wir den Kinderkreuzzug des Jahres 1212 beurteilen, als Tausende und Abertausende, den Ruf des Heilands »Lasset die Kindlein zu mir kommen« mißverstehend, auszogen, um im fremden Lande elend unterzugehen? Reiners Annalen vom Jahre 1212 berichten dazu, daß »ex arte magica« dieses Phänomen bewirkt worden sei. Wir aber sagen: es war die gewissenlose Dummheit der Eltern und Seelsorger, die namenloses Leid über unzählige Familien brachte.

Stehen hier gleich am Anfange klassische Beispiele für den Heroismus, die Todesverachtung, zu der die Dummheit die Massen fortzureißen vermag, so werden wir im bunten Wechsel einer Fülle von Gesichten begegnen, die kaleidoskopisch an unserm Auge vorbeiziehend, neben den edelsten Regungen des Menschenherzens auch dessen gemeinste enthüllen.

Wie die gewaltige Autorität der Kirche die treibende Kraft der Kreuzzüge war, so werden wir finden, daß sie fast ausnahmslos auch die anderen Dummheiten bewußt oder unbewußt veranlaßte. Fast immer aber sind es religiöse Motive, die den grandiosesten Erscheinungen der Massendummheit als Triebfedern zugrunde liegen.

Wir sahen, daß die Kirche seit je der Askese das Wort geredet hat. Während im allgemeinen der Mensch es sich lieber gut sein läßt, die Feste feiert, wie sie fallen, gibt es auch Zeiten großer Erregung, in denen die unvermeidlichen Übel nicht zu genügen scheinen, in denen man danach trachtet, sich »zur Buße« für etwas, was man meistens weder direkt noch indirekt verschuldete, noch andere Leiden freiwillig zuzufügen.

Hierher gehören die Geißelfahrten des Mittelalters.

Die Kirche hat es von je gern gesehen, wenn Büßer sich mit eigener Hand geißelten. Gab es Virtuosen dieser Art der Askese, so fehlte es auch nicht an gekrönten Häuptern, die ihnen nur wenig nachstanden. Daß selbst Kaiser und Könige, ein Otto III., Heinrich II. von England, Otto IV., Ludwig IX. von Frankreich, ja noch ein Maximilian I. von Bayern sich mit eigener Hand züchtigten, ist hinlänglich bekannt. Besonders abschreckend — nach unsern Begriffen — ist das Verfahren Otto IV., der an den Folgen eines in zu großer Dosis genommenen Abführmittels starb. Am 18. Mai 1218 hatte der erst 36jährige Fürst aus dem alten Welfenhause gebeichtet. Doch das genügte ihm nicht. An seinem siechen Körper wollte er abbüßen, was seine Seele gesündigt hatte. So ließ er denn Ruten herbeischaffen und unter den Klängen des Miserere sich von den Geistlichen damit schlagen. Die Streiche schienen ihm zu milde. Bis aufs Blut sollte man ihn peitschen. Endlich wurde er erschöpft in sein Bett getragen, in dem er andern Tags seine Seele aushauchte[1].

Wo das Volk solches bei seinen Führern sah, ist es nicht so wunderlich, daß es in schweren Zeiten an Nachahmung dachte. So entwickelte sich denn die Geißelwut zu einer Massenepidemie, die riesige Dimensionen annahm.

Das kam so: Aus dem I. Kapitel des Neuen Testamentes ließ sich berechnen, daß das große Jahr des Gerichtes 1260 eintreten würde. Denn die 42 Geschlechter von Abraham bis Jesus Christus, jedes zu 30 Jahren berechnet, ergaben in Anwendung auf die Zukunft der Menschheit die Zahl 1260. Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, da ja das große Sterben des Jahres 1259, das Italien heimsuchte, deutlich auf das Ende aller Dinge hinwies. Ein gewaltiger Bußeifer, geschürt durch das Tertiariertum des Ordens vom hl. Franz, ergriff die weitesten Kreise. Ein alter Einsiedler, Rainerio Fasani genannt, trat in der Nähe von Assisi als einer der ersten Führer von größeren Bußbrüderschaften, die sich öffentlich geißelten, auf. Von Perugia aus, wo er die Genossenschaft von »Geißlern Jesu Christi« gründete, verbreitete sich die Seuche weiter nordwärts. Halbnackt zogen die Büßer, von fanatischen Mönchen geführt, von Stadt zu Stadt, im Takt der gesungenen Bußpsalmen die Geißeln auf ihre Körper fallen lassend und ihre Wege mit Blutspuren bezeichnend. In die Gegend von Modena und Parma fällt der Hauptschauplatz dieses Treibens. Man wäre über den Po vordringend bis in die Lombardei gezogen, hätte nicht der Tyrann Pallavicini von Cremona Verstand genug besessen, dieses Korps der Rache von seinem Gebiete fernzuhalten. So bewirkte sein Eingreifen das baldige Abflauen der Bewegung. Schon mit dem Ende des Jahres 1260 hörten die Geißelfahrten auf, um sich für viele Jahrzehnte nicht zu wiederholen.

Übrigens betrugen sich die frommen Büßer nichts weniger als gesittet. Ihr wüstes Geheul, ihr Benehmen fremdem Eigentum gegenüber — wo ihren Betteleien kein geneigtes Ohr geschenkt wurde, scheuten sie auch vor Gewalttaten nicht zurück — heilte manchen der Bewegung sonst freundlich gegenüberstehenden Christen. So auch Salimbene, den Augenzeugen und Berichterstatter der merkwürdigen Epidemie.

Erst das furchtbare Pest- und Hungerjahr 1348/49 ließ wieder Geißelfahrten im großen Stile aufkommen. Nicht mehr Prozessionen, sondern Wallfahrten großer Massen zogen im Lande herum, nicht mehr auf Italien beschränkte sich die Epidemie, wenn sie auch wieder von dessen Norden ausging, sondern Ungarn und Polen, Österreich, Böhmen, Sachsen, Thüringen, die Gegenden des Ober- und Niederrheins, die Niederlande, ja England und Jütland samt den dänischen Inseln wurden zum Schauplatz dieses Völkerwahns. Frankreich wurde nur mit Mühe freigehalten.

Die Wallfahrer gaben sich durch Bezeichnung ihrer Mäntel und Hüte mit roten Kreuzen, sowie durch Vorantragen von Fahnen und Kreuzen als eine Art von Kreuzfahrern aus und behaupteten durch einen von Christus selbst geschriebenen und von einem Engel dem Patriarchen von Jerusalem überbrachten Brief zu ihren Bußübungen aufgefordert zu sein.

Als Geißelwerkzeug bedienten sich die sonderbaren Heiligen kurzer Stöcke, mit je drei Strängen daran, durch deren dicke Endknoten je zwei scharfe Stacheln kreuzweise hindurchgetrieben waren. Auch mit ihrer Körperhaltung und ihren Manipulationen ahmten sie das Kreuz nach, indem sie sich bei Absingung des Bußliedes an den drei Stellen, wo der Refrain wiederkehrte: