mit kreuzweise ausgestreckten Armen zu Boden warfen und für die Dauer von fünf Paternostern liegen blieben. Am Schluß des Gesanges schlugen sie sich mit kreuzweise ausgebreiteten Armen an die Brust.
War Frankreich von der großen Geißelbewegung von 1348/49 verschont geblieben, so holte es das damals Versäumte doch später nach. Wo hätte je das zündende Beispiel der Dummheit nicht epochemachend gewirkt?! In Südfrankreich und Spanien trat unter Führung des gewaltigen Bußpredigers Vincentius Ferrer († 1419) im Jahre 1399 die Bewegung mit größter Kraft auf. Es sollen sich um ihn 80000 Büßer gesammelt haben, die unter den Rufen »(dies geschieht) zu Ehren des Leidens Jesu Christi!« oder »Zur Erlangung der Vergebung meiner Sünden« oder »Herr Gott habe Erbarmen« barfüßig einherzogen und sich öffentlich geißelten. Übrigens wurde die Kirche, die hier im großen und ganzen den kühlen Kopf behielt, den sie der privaten Geißelung gegenüber verloren hatte, dieser Bewegung gleichfalls Herr, wenn auch nach nicht geringem Kraftaufwande[2].
Dieser Wahn hat sich in scheußlichster Form sogar bis in unsere Zeit erhalten!
Unweit Messina geißelten sich im Jahre 1891 bei einer Prozession am Feste »U. L. Frau in Ketten« die Büßer mit Eisenketten so grausam an Brust, Schultern, Schenkeln und Waden, daß im Volke eine lebhafte Erregung entstand. Von Bußschmerz und Bewunderung ergriffen, leckten Weiber den blutbesprengten Boden der Kirche, in der die Prozession zum Hochaltar zog, ab! Zwei Männer sollen damals an ihren Wunden gestorben sein.
Eine Fraternidad piedosa in Neu-Mexiko vereint in der Karwoche Geißelungen mit Schaustellungen der Kreuzigung. Einzelne ihrer Büßer schleppen schwere Holzkreuze auf den Knien über steinigen Boden hinrutschend einen steilen Hügel hinauf. Einer derselben ließ sich — um das Jahr 1870 — in Puerto de Luna ans Kreuz nageln, was seinen Tod verursachte. In Santa Rita in Südkalifornien sind ähnliche Aufführungen auch heute noch im Schwange, doch lassen sich die Büßer vorsichtshalber nur anbinden[3].
Auf die grausigste Form dieser Raserei, die Kreuzigung, werden wir weiter unten noch zurückkommen.
Ein anderes Gebiet der Dummheit betreten wir mit folgenden Berichten:
Im Findelhaus zu Amsterdam trat im Jahre 1566 eine psychische Massenerkrankung unter den Pfleglingen auf, die auch heute noch unter dem Namen Chorea magna bei hysterischen Kindern beobachtet wird. Bei der Mehrzahl der Insassen des Findelhauses, etwa 30-60 Kindern beiderlei Geschlechts, sah man damals eigenartige Konvulsionen mit Grimassenschneiden, wütendem Herumklettern auf Möbeln, Dächern und Bäumen, Blöken wie die Schafe und Verschlucken einer Menge von unverdaulichen Dingen, wie Nadeln, Wolle, Glasscherben und Lederstücken, die nachher wieder erbrochen wurden.
Ferner zeigte sich in dem Kloster Uvertet (Grafschaft Hoorn) nach Ablauf eines sinnlosen Fastens von 50 Tagen in den Jahren 1550-1565 eine merkwürdige Epidemie unter den Nonnen. Nachdem sie sich während des Fastens nur von Rübensaft ernährt hatten und beinahe alle an einer schweren Stomatitis mit fauliger Zersetzung im Munde erkrankt waren, stellte sich zunächst bei einer der Klosterfrauen die Halluzination von nächtlichem Stöhnen ein. Bald folgten bei ihr und dann bei einer Anzahl anderer Lachkrämpfe. Dann verdrehten sie auf alle möglichen Weisen den Körper, fielen in kataleptische Starre, die mit grotesken Sprüngen abwechselte, und mißhandelten sich selbst, schrieben aber die Peinigungen einem zornigen Teufel zu. Die Nonnen rutschten ferner auf den Knien durch weite Räume und selbst die Treppen herab, ja sie kletterten auf Bäume und ließen sich, den Kopf nach unten, herabhängen. In den Intervallen waren sie häufig sprachlos geworden. Hervortretend war auch die Sucht, andere zu beißen, wie überhaupt die Angriffe auf Zuschauer. Beten in Gegenwart der Nonnen und Widerstand steigerte ihr Gebaren zu Wutparoxysmen. Zu den sonderbarsten Bewegungen gehörte auch das Hinunterrollen eine ganze Treppe hinab um die eigene Längsachse. Als Sündenbock mußten die unglückliche, selbst mitergriffene Köchin des Klosters und ihre alte Mutter herhalten. Die Nonnen verklagten sie stürmisch als Satansanbeterinnen und Urheberinnen der Seuche, was zur Folge hatte, daß beide Frauen verbrannt wurden. Darnach steigerte sich jedoch noch die Seuche und erlosch erst nach drei Jahren[4].
Im Jahre 1609 trat in der Landschaft Labourd in den französischen Pyrenäen gleichfalls eine schreckliche Epidemie auf: Die Frauen der armen, ungebildeten, ein rauhes Leben führenden baskischen Fischer wurden nachts massenhaft von Träumen und Teufelsvisionen heimgesucht. Meistens glaubten sie mit einem Incubus-Teufel geschlechtlich zu verkehren. Man schickte besondere Kommissäre, die den hervortretenden Zug der Nymphomanie in erster Linie erkundeten und hunderte von Frauen alsbald hinrichten ließen. Auf der Folter sollen verschiedene »unsagbare Genüsse« erlebt haben. Nun ergriff dieser Zustand aber auch die Kinder zu Tausenden: beinahe alle gaben an von schwarzen Katzen, den Seelen der hingerichteten Mütter, nachts zu den Hexensabbaten entführt zu werden. Man versammelte sie, um sie zu behüten, scharenweise nachts in den Kirchen. Trotzdem dauerte es noch Monate, bis die Epidemie erlosch[5].
Es ist klar, daß in beiden Fällen die kirchliche Lehre von Hexen und Teufel das Unheil angestiftet hatte. Das gemeine Volk ist ja meistens zu unproduktiv, um auch nur eine Dummheit aus sich selbst zu erzeugen. Selbst dazu braucht es eine höhere Instanz, die sich ihm im vorliegenden Falle in der Kirche in wünschenswerter Vollendung bot.
Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi!
Die stärkste und tragischste aller so zahlreicher ähnlicher Klosterepidemien war die der Ursulinerinnen des Klosters bei Loudun, einer Stadt im Departement Vienne, in den Jahren 1632-1637 resp. 1642. In diesem erst vor sechs Jahren begründeten Kloster waren viele Töchter vornehmer Familien, auch eine Verwandte Richelieus. Durch ein gegenseitiges maßloses Überbieten in asketischen Übungen wohl verursacht, brach der merkwürdige Wahn plötzlich bei 16 Nonnen, darunter der Oberin, aus. Zuerst traten zahlreiche Visionen und Halluzinationen erst schreckhaft von Gespenstern (darunter bezeichnenderweise des verstorbenen Beichtvaters) auf, dann wurden die Visionen lasziv.
Man sah Dämonen, die durch die verschlossene Tür, öfter in der Gestalt des derzeitigen Beichtvaters, eindrangen und unter tausend Überredungskünsten obszöne Anträge stellten. Die Nonnen liefen aus ihren Zellen, kletterten sogar auf den Dächern herum und wurden bei ihrem Widerstande gegen die Verlockung der Dämonen »von diesen« furchtbar mißhandelt, so daß die Spuren noch tagelang sichtbar waren. Leichname im Fegefeuer erschienen, die bei Bespritzen mit Weihwasser laut aufzischten. Bald fühlten die Nonnen die Macht der Dämonen, die durch Mund und Genitalien einzudringen pflegten, oft mehrere, 3-5 gleichzeitig. Sie werden in die tollsten Verdrehungen geworfen. Besonders oft kommt es zu dem sogenannten »arc de cercle«, so daß der Kopf weit hinten übergebogen die Zehen berührt. In dieser Position laufen sie mit verblüffender Schnelligkeit durch die Zimmer. Dann schreien und brüllen sie laut in tierischen Tönen oder lassen die Zunge schwarz und borkig weit zum Munde heraushängen. Dann kommen wieder laszive Stellungen, Beckenbewegungen und schamlose Entblößungen sehr oft vor. Sie schließen dabei die Augen und scheinen die Halluzination sexuellen Verkehrs zu erleben. Dazwischen schütteln sie blitzschnell den Kopf, werden von hystero-epileptischen Krämpfen befallen mit Schaum vor dem Mund und folgender kataleptischer regungsloser Starre oder flexibilis cerea mit automatischem Einhalten der eigenartigsten Stellungen.
Am meisten bestürzte das Verhalten der Besessenen bei den Exorzismen, in der Kirche oder überhaupt in Gegenwart heiliger, gottesdienstlicher Übungen. Während die Frauen in den Zwischenzeiten normal schienen, ihren Verrichtungen nachgingen und tiefe Verzweiflung über ihren Zustand an den Tag legten, brach, sobald der Exorzismus begann, der Paroxysmus mit voller Macht aus. Die vorher gesitteten Mädchen benahmen sich nun wie die Furien.
Mit wüsten Schimpfworten, wie sie dem Pöbel eigen sind und von denen man nicht wissen konnte, wie sie die Nonnen kennen gelernt hatten, zogen sie gegen alles Heilige los. Sie schalten über die wütenden Schmerzen, die ihnen der Anblick der heiligen Kultobjekte verursache und verlachten die Ohnmacht des beschwörenden Priesters. Dann wanden sie sich wieder — meist unter lasziven Reden — unter Krämpfen und Verdrehungen am Boden.
Da die Nonnen den Priester Urbain Grandier als Veranlasser ihrer Besessenheit nannten und dieser beim Versuch sie zu beschwören fast in Stücke gerissen worden wäre, wurde er grausam gefoltert und dann hingerichtet. Nachdem sich dieser Wahnsinn auch auf die städtische und ländliche Umgebung des Klosters ausgebreitet hatte, erlosch er erst nach 9 Jahren[6].
Ein Wahnsinn, der der Großartigkeit nicht ermangelt, befiel die Hugenotten nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes durch Ludwig XIV. im Jahre 1685. Diese Handlung des alternden Sonnenkönigs, bei der man zweifeln kann, ob sie mehr ein Akt der Dummheit oder der Niedertracht war, hatte der allliebenden Kirche, die ihren Grundsätzen damals so getreu blieb, wie in den Zeiten der Albigenser oder Stedinger, das Schwert in die Hand gedrückt. In den Landschaften Dauphiné, Vivarais und in den Cevennen wurde jede kalvinistisch-protestantische Religionsübung mit den grausamsten Maßregeln unterdrückt, Geistliche hingerichtet, Güter konfisziert und dennoch die Auswanderung aufs härteste bestraft. In dieser Not ergriff die einfachen Bauern, zunächst der Dauphiné, das Feuer göttlicher Inspiration. Sie sahen die Wiederkunft Christi nahe und erklärten sich selbst für den auferstandenen Heiland. Sie versprachen die Truppen der Regierung durch den heiligen Geist selbst in die Flucht zu schlagen, ja buchstäblich »wegzublasen«.
Um das zu beweisen, gingen die frommen Bauern scharenweise und ohne Furcht den Regierungstruppen entgegen. Zunächst teilte man sich gegenseitig durch Anblasen den heiligen Geist mit, dann begann man mit voller Lungenkraft gegen den Feind zu hauchen, und zwar taten sich hier vornehmlich die Frauen hervor, die mit hellster Stimme »Taratara« schrien, um dadurch die Trompetenstöße Jerichos nachzuahmen. Natürlich wurden die armen, unwissenden, frommen Landleute wie die Schafe von den Regierungstruppen niedergemetzelt. Erst nachdem sich diese Vorgänge so und so oft wiederholt hatten, flohen sie und in der Dauphiné und Vivarais wurde der Widerstand endlich im Blut erstickt.
Übrigens entspricht dem Blasen eine ähnliche Tollheit in grauer Vorzeit.
Die Messalianer, eine häretische Sekte des 4. Jahrhunderts, machten das Ausspucken zur religiösen Handlung, in der Hoffnung, sich auf diese Weise der Teufel zu entledigen[7].
In den Cevennen jedoch ward der Widerstand weit hartnäckiger. Nachdem die Erwachsenen schließlich der schonungslosen Gewalt gewichen waren, begann der Geist die zarten Kinder zu erfassen, wiewohl man Sorge getragen hatte, sie gut katholisch zu erziehen. Die Dörfer vereinigten sich zu gemeinsamen Betversammlungen, in denen gewöhnlich ein als Prophet anerkannter Mann den Vorsitz führte. Zunächst kamen feurige Ermahnungen zum Ausharren, dann Absingen von Psalmen und daraufhin einstimmig der Ruf »Erbarmen«. Hierauf stürzt plötzlich der Vorsitzende mit einigen aus der Versammlung nieder, entweder in vollen Konvulsionen mit schäumendem Mund oder nur unter starkem Zittern am ganzen Körper oder klonischem Zucken von Kopf und Schultern (daher rührt der Name Trembleurs des Cévennes). Die Leute schilderten dabei das Gefühl, als ob im Hinstürzen ein Hammerschlag sie getroffen hätte. Nach dem Erwachen beginnt sofort einer in erhobenem Ton und pathetisch zu prophezeien, vom Untergang des großen Babylons, d. h. der katholischen Kirche, dem Siege ihrer Sache, der Erscheinung Gottes mit allen Engeln voll Glorie, feurigen Ermahnungen zum Ausharren usw. Ferner reden sie oft stundenlang in einer fremden Sprache mit sonderbaren Wortbildungen, das frühere »in Zungen reden«. Verstummte der eine, so wurde durch Anblasen der Geist auf einen anderen übertragen, dieser fiel sofort nieder, wand sich in Krämpfen, prophezeite darnach und so ging es fort. Viele hatten allerdings nur die Krämpfe, ohne dann zu prophezeien. An diesen merkwürdigen Andachten beteiligten sich viele Tausende mit dem größten Eifer, mit Extasen und Krämpfen. Für einen, der hingerichtet wurde, standen zehn neue auf, wie die Schergen des Königs klagten.
Schließlich kamen die Kinder an die Reihe. Man schätzt sie auf 8000! Darunter waren ganz junge im Alter von 3-5 Jahren. Wenn den Kindern auch die Krämpfe fehlten, so hatten sie dafür doch um so glänzendere Visionen und besonders die göttliche Inspiration, die sich in einem ganz ähnlichen pathetischen Redestrom äußerte, wie bei den Erwachsenen. Der Eindruck dieser Versammlungen war so stark, daß frühere Gegner und Katholiken mit vom Geist ergriffen wurden, ebenfalls zu prophezeien begannen und sich den Hugenotten anschlossen.
Die Gesamtdauer dieser Bewegung ist auf 20 Jahre anzusetzen. Am heftigsten war sie um 1689. Sie erlosch selbst bei den vielen, die nach England ausgewandert waren, nicht vor Ablauf von Jahren.
Übrigens waren die gleichen Personen außerhalb ihrer Paroxysmen todesmutige und äußerst unerschrockene Verteidiger ihrer Sache auf dem Schlachtfelde[8].
Daß die katholische Kirche durch ihre wahnwitzige Teufels- und Hexentheorie, sowie durch ihre Verfolgung der Hexen und Hexenmeister diesen fürchterlichen Blödsinn noch gewaltsam zu einer Zeit aufrecht erhielt, wo das Volk schon längst angefangen hatte ihn abzulegen — nicht die einzige Dummheit, die durch die kirchliche Autorität aufrecht erhalten wurde und wird — ist eine schon häufig betonte Tatsache. Aber auch eine andere merkwürdige Erscheinung, die Lykanthropie, ist auf die Einwirkung der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen.
Diese Lykanthropie besteht in dem Wahn oder namentlich in der Furcht, daß Menschen zu reißenden Tieren werden, oder daß Kinder durch Hexen in »Werwölfe« verwandelt werden können. Eine solche merkwürdige Epidemie kam in den Jahren 1598-1600 im schweizerischen Jura zu St. Claude bei Freiburg vor. Einige Frauen bildeten sich ein, sie seien Werwölfe, und eine fiel auch wirklich Kinder an und tötete sie. Die Untersuchung wurde mit christlicher oder doch kirchlicher Milde geführt. Da es ganz klar auf der Hand lag, daß es sich hier um einen Satansbund handelte, so ließ der Richter Bouquet 600 Personen aus der Jura Landschaft hinrichten.
Harmloser war die sogenannte Laira-Krankheit, die im Jahre 1613 die Gemeinde Amon bei Dax in Südfrankreich ergriff. Mehr als hundertundzwanzig Frauen, sicher ein sehr hoher Prozentsatz der weiblichen Bevölkerung der Ortschaft, wurde von dem merkwürdigen Drange ergriffen, laut und andauernd ein heulendes Bellen, so wie die den Vollmond anbellenden Hunde, auszustoßen. Ferner wälzten sie sich wütend am Boden herum, schlugen um sich, bissen und benahmen sich wie wilde Tiere. Am heftigsten wurde das Bellen, wenn die Frauen zum Gottesdienst versammelt waren. Natürlich waren auch hier wieder Hexen schuldig, die sich deutlich dadurch verrieten, daß die Besessenen die Nähe einer solchen durchs Gefühl merkten und sofort einen heftigen Anfall bekamen. Allein die Hexen waren so zahlreich, da außer den Richtern und den Besessenen die Mehrzahl der Ortsbewohner verdächtigt worden waren, daß man sich damit begnügte, nur eine beschränkte Anzahl hinzurichten, darunter allerdings einige, die selbst von dem Wahne befallen waren. Das störte die Richter aber in keiner Weise, da ja der Teufel, wie sie meinten, den Hexen die List eingeflößt habe, die Krankheit nur vorzutäuschen[9].
Bei den französischen Jansenisten grassierte von 1728-1739 ein äußerst absonderlicher Massenwahn. Ein sehr gutmütiger und asketischer Almosenpfleger namens François de Paris war 1727 gestorben und hatte sich im Testament als geheimen Jansenisten bekannt. Er wurde auf dem kleinen Pariser St. Medardus-Friedhof begraben, aber später vom Papste wegen seines Bekenntnisses verleugnet. Sofort nach seinem Tode begannen suggestive Wunderheilungen von oft zwanzigjährigen hysterischen Lähmungen und sonstigen hysterischen Symptomen. Das erregte das größte Aufsehen, eine Völkerwanderung auf den Friedhof begann und bald waren dort hysterische Krämpfe und Extasen an der Tagesordnung. Bald kam eine ganze Tanzseuche auf nach Art des »großen Veitstanzes«.
Männer und Frauen hüpften unter allen möglichen Verdrehungen umher, die Frauen besonders liebten es ohne Rücksicht auf das Schamgefühl, auf dem Kopf zu tanzen. Alles wirbelte durcheinander, man verschlang Kieselsteine und glühende Kohlen, Frauen ließen sich von Männern den aufgetriebenen Leib eindrücken (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 178f.) usw. Besonders auffällig war ein hinkender Abbé, der auf dem Grabmal selbst stehend, als Virtuosenstück den »Karpfensprung« unermüdlich ausführte und behauptete, daß dadurch sein kurzes Bein sich verlängere. In dem allgemeinen Tanze hörte man ein »Seufzen, Heulen, Deklamieren, Prophezeien und Miauen«.
Als der Unfug zu stark wurde, ließ König Ludwig XV. den Kirchhof schließen und den Eingang bewachen, woher das witzige Epigramm stammt:
Statt nun dadurch ein Aufhören der Seuche zu erzielen, brach sie im Gegenteil jetzt allenthalben in mitten von Paris aus. Man sah die Konvulsionäre in den Höfen und auf den Straßen, bis man sie einsperrte, was in wenig Tagen 60 Geistliche ereilte.
Hierauf trat eine neue Form der merkwürdigen Seuche auf, indem die Askese überhand nahm. Einige ältere Männer fasteten bis zu 40 Tagen, davon 18 Tage absolut. Einer hatte sich einen Drehkrampf angewöhnt. Auf dem einen Absatz drehte er sich während 11/2-2 Stunden täglich blitzschnell herum — bis zu 60 Touren in der Minute — und las dabei noch laut aus einem Erbauungsbuche. Eine Frau ließ sich über offenem Feuer einige Minuten rösten, andere saugten die übelriechenden gangränösen Geschwüre aus. Dann gab es wieder alle erdenklichen Konvulsionen: Emporschnellen aus liegender Position, Krähen wie Hähne, Bellen wie Hunde, unanständige Purzelbäume, auch Visionen, Prophezeiungen und Wunderheilungen durch Händeauflegen kamen vor.
Die extravagantesten Formen nahm die Seuche gegen ihren Schluß an. Da gab es sogenannte »Secours«, die die Frauen angeblich zur Erleichterung mit sich vornehmen ließen und die darin bestanden, daß der Leib mit Latten, bis zu 3000 mal, geschlagen wurde, daß der Kopf in einer starken Schlinge eingeschnürt wurde, die mehrere Männer zogen. Man warf ferner Personen in Tüchern in die Höhe, ließ Kopf und Beine auseinander ziehen usw. usw. Und zwar nahmen jeweils mehrere Männer zugleich diese Prozeduren an den Mädchen, ihren bizarren Wünschen folgend, vor[10].
Nunmehr entstand eine Manie, sich kreuzigen zu lassen. Unter der geistlichen Führung eines Herren De la Barre wurden vier Närrinnen derart suggeriert, daß sie sich jeweils am Karfreitag vor einem gewählten Publikum ans Kreuz schlagen ließen, wo sie eine Stunde und darüber blieben. Dann zog man die Nägel heraus und die Wunden hatten Zeit bis zur nächsten Prozedur zu verheilen. Das wichtigste Suggestivmittel waren auch die oben schon kurz erwähnten »Secours«. Sie bestanden in gewaltsamen Zerrungen des Körpers, Fausthieben auf die Brust, taktmäßigem Dreschen des Kopfes mit den Fäusten (faire le moulinet), das von vier bis fünf Personen an der Konvulsionärin vorgenommen wurde, Pressen von Kopf und Bauch usw. Herr de la Barre ließ seine Opfer auch mit Holzklötzen auf die Brust schlagen und behauptete, daß sie dadurch nicht verletzt wurden, um anzudeuten, daß auch die Kirche aus allen Verfolgungen unberührt hervorgehe. Barre erzählte einem Augenzeugen von den Kreuzigungen: »Gott befiehlt zuweilen zwei oder drei derselben (nämlich der Ekstatikerinnen), eine zu Füßen der anderen zu kreuzigen. Man kann nicht umhin, davon gerührt zu werden, denn es gewährt einen wirklich recht hübschen Anblick.«
Aus dieser Äußerung geht sehr klar hervor, daß es dem geistlichen Herren weniger um eine fromme Handlung, als um Befriedigung einer perversen Wollust zu tun war. Seine Opfer aber handelten aus reiner Dummheit.
Eine andere Gruppe von Närrinnen stand unter Geistlichen, deren Anführer ein P. Cottu war. Sie wurden für die Kreuzigung am Karfreitag ebenfalls durch »secours« präpariert, außerdem versuchte man die von den Nägeln zu durchbohrenden Stellen durch Waschen mit dem Wasser vom Grabe des heiligen Paris unempfindlich zu machen. Merkwürdig ist, daß die Gekreuzigten angaben, keinen Schmerz zu empfinden. Die soeur Françoise starb 1760, wie es scheint wesentlich infolge der erlittenen »secours«. Auf dem Sterbebett wollte der Pater Cottu ihr noch mit einigen secours-Hieben zu Hilfe kommen. Der anwesende Arzt hinderte ihn daran. Eine Viertelstunde später war sie eine Leiche[11].
Noch im Jahre 1823 trug sich etwas Ähnliches in Wildensbuch, einem kleinen Weiler im Norden des Kantons Zürich zu. Die Hauptheldin war Margarete Peter von Wildensbuch, ein junges Bauernmädchen. Sie verstand es, ihrer Umgebung ihre religiösen Phantasien einzuflößen und führte mit ihnen, bewaffnet mit allen möglichen Instrumenten, Kämpfe gegen den Teufel und Dämonen auf. Als »heilige Gret« verehrten sie die Landleute, wiewohl ihrem Seelenbunde mit einem ähnlich veranlagten Schuster ein Kindlein entsprossen war.
Nach mancherlei tumultuarischen Szenen eröffnete Margarete am 15. März 1823 den Ihrigen: Wenn Christus siegen und der Satan völlig überwunden werden müsse, dann sei es notwendig, daß Blut fließe. Zudem habe Gott ihr in der letzten Nacht große Dinge offenbart, die heute zustande kommen müßten. Sie habe sich für viele Seelen verbürgt, besonders für die ihres Vaters und ihres Bruders Kaspar. Niemand dürfe sich jetzt weigern, sein Leben für Christus zu lassen.
Sie ließ nun in ihre Kammer ihre Anhänger und Anhängerinnen kommen, zwölf an der Zahl, und das widerliche Schauspiel begann.
Zunächst machte sie der Umgebung klar, daß nunmehr Blut fließen müsse, damit viele tausend Seelen gerettet würden. Sie befahl allen, sich auf Brust und Stirn zu schlagen, damit dem Teufel die Gewalt über sie genommen würde. Dann versetzte sie ihrem Bruder Kaspar mit einem eisernen Keile so heftige Hiebe auf Kopf und Brust, daß er ohnmächtig zu werden begann. Es fiel dem Dummkopf aber keineswegs ein, sich zu wehren. Während sie losschlug, rief sie: »Sehet, wie der Teufel die Hörner aus dem Kopfe des Kaspar hervordrängen will, — sehet, wie sie aus der Brust herauskommen!« Und die fromme Gemeinde sah es auch wirklich!
Sie ließ dann von ihrem übel zugerichteten Bruder ab, und behandelte andere mit einem hölzernen Hammer. Das war aber nicht ausreichend. Auf ihre Frage, ob die Anwesenden für die armen Seelen sterben wollten, erhielt sie ein einstimmiges »Ja« zur Antwort. Sie begnügte sich aber vorerst mit ihrer Schwester Elisabetha.
Diese schlug sich zunächst selbst mit einem hölzernen Schlägel auf den Kopf, dann legte sie sich quer über das Bett und forderte Margarete auf, sie sofort totzuschlagen. Sie wurde dann auch erschlagen, nachdem die »heilige Gret« versprochen hatte, sie am dritten Tage wieder auferstehen zu lassen. Sie ließ sich ohne einen Laut des Schmerzes mit einem eisernen Keil den Kopf zerschmettern und sagte noch unter den Todesstreichen: »Ich lasse mein Leben für Christus.«
Grausiger war das Ende der »Heiligen« selbst. Neben der Leiche ihrer Schwester auf dem Bette sitzend, schlug sie sich den Kopf blutig und befahl ihrer Anhängerin Kündig, die auch beim Tode der Schwester mitgewirkt hatte, ihr noch weitere Wunden beizubringen, denn »Christus in ihr habe gegen seinen Vater für so viele tausend Seelen Bürgschaft versprochen; erst jetzt müsse noch mehr Blut fließen; sie müsse sterben und sich selbst opfern.« »Schlag zu, Gott stärke deinen Arm!« rief sie der zögernden Freundin zu. Sie ließ sich dann, ohne die geringste Äußerung von Schmerz, von der Kündig mit einem Schermesser einen Kreisschnitt um den Hals und einen Kreuzschnitt auf die Stirne machen.
Hierauf mußte die Kündig auf ihren Befehl, damit die Seelen erlöst und der Satan überwunden werde, die Kreuzigung an ihr vornehmen. Sie legte sich auf Holzstücke und ließ sich von der Freundin, die sie mit »Gott stärke deinen Arm« und der Verheißung nicht nur die tote Schwester aufzuerwecken, sondern auch selbst nach drei Tagen wieder aufzuerstehen, anfeuerte, Nägel durch Füße und Hände, durch jedes Ellbogengelenk und durch die beiden Brüste schlagen. Eine andere Närrin half dabei. Während der Kreuzigung rief sie unaufhörlich: »Gott stärke deinen Arm! Ich fühle keinen Schmerz! Es ist mir unaussprechlich wohl! Sei du nur stark, damit Christus überwinde.«
Als sie nun, ohne jegliche Schmerzäußerung, gekreuzigt war, forderte sie, man solle ihr einen Nagel ins Herz schlagen, oder ihr den Kopf spalten. Die Kündig versuchte ihr demgemäß ein Messer in den Kopf zu treiben. Da es sich krümmte und sie gleich darauf begehrte, man solle ihr den Kopf einschlagen, taten es die Kündig und ein weiterer Anhänger mit einem Stemmeisen[12].
Wenige Jahre vorher, 1817, war in dem österreichischen Dorfe Ampfelwang etwas Ähnliches passiert. Veranlaßt war die fanatische Bewegung durch den dortigen katholischen Pfarrer Pöschl, der die Köpfe seiner Gemeinde mit närrischen Ideen von einer nahen Judenbekehrung, dem bevorstehenden Ende der Welt und ähnlichem füllte. Da er durch die Regierung versetzt wurde, sah sich die Gemeinde, in der dieser Blödsinn Wurzel gefaßt hatte, gezwungen, sich ein neues Haupt zu geben. Sie wählte sich also den Bauern Joseph Haas, einen leidenschaftlichen Anhänger Pöschls, zum geistlichen Führer. Dieser gewann in Kürze die ganze Gemeinde mit Ausnahme einer einzigen Familie für seine Ideen.
Die Pöschelianer waren sich bald darüber klar, daß in dieser Familie der Antichrist stecken müßte, weigerte sie sich doch den gemeinschaftlichen Andachtsübungen beizuwohnen. Daß man sie deshalb umbringen mußte, war selbstverständlich und es geschah auch unter dem Zauberworte »der Herr will es«.
Doch man sann auf neue fromme Taten, wozu gerade die Karwoche die beste Gelegenheit bot. Die Frage wurde aufgeworfen, ob Gott, da ihm doch der für die Brüder erfolgte Tod Christi angenehm war, wohl auch Gefallen daran finden würde, wenn ein Mitglied der Gemeinde für die andern Brüder und Schwestern den Opfertod erlitte. Natürlich bejahte man sie und beschloß durch das Los eines der Gemeindemitglieder als Opfer zu bestimmen. Da zuerst der Führer Haas gezogen wurde, man ihn aber für unentbehrlich hielt, warf man das Los zum zweiten Male mit dem Erfolg, daß es auf ein 17- bis 18jähriges Mädchen fiel. Es jubelte laut über die Gnade, für die Brüder und Schwestern wie Christus sterben zu dürfen, nur bat sie, ihr auch die Martern Christi zuzufügen. Man schneidet ihr den Kopf bis aufs Gehirn auf, als sie aber, bisher jubelnd, nun zu wimmern begann, wurde sie völlig erschlagen. Nun erwartete ihre Gemeinde betend ihre Auferstehung gleich der Christi, da sie doch wie dieser gestorben war. Vorher schnitt man ihr noch das Herz auf, um darin mystische Figuren zu finden. Während die Gläubigen die Auferstehung erwarteten, wurden sie verhaftet[13].
Zu den grausigsten Äußerungen der Dummheit gehört wohl unzweifelhaft in neuerer Zeit die russische Sekte der Skopzen, d. h. der Selbstverstümmler. Sie zählt mehrere tausend Anhänger, meistens aus dem niederen Volke, besonders Soldaten, aber auch sehr reiche Kaufleute, die große Geldsummen dafür, früher namentlich zur Bestechung der Obrigkeit, hingeben. Sie berufen sich für ihren Wahnwitz auf zwei Bibelstellen (Matth. 19, 12 und Luk. 23, 29), wiewohl in der ersteren nur von Verschnittenen die Rede ist, ohne jede Nutzanwendung, es in der zweiten aber heißt: »Die Zeit wird kommen, wo man sagen wird: selig sind die Unfruchtbaren, die Leiber, die nicht geboren, die Brüste, die nicht gesäugt haben.« Das ist aber völlig genügend, und vielleicht noch weniger wäre es, denn die Dummheit stellt sehr bescheidene Ansprüche an das Material, aus dem sie ihre Schlüsse zieht.
Die eigentliche Lehre der Sekte nimmt an, daß der Sündenfall Adams die geschlechtliche Vermischung gewesen sei, denn die Menschen sollten sich nur durch »heilige Küsse« fortpflanzen. Aus dieser ersten Sünde seien alle übrigen gekommen und die Welt sei jetzt sehr verderbt. Die Hauptlehre Christi, die Erlösung, bestehe aber in nichts anderem, als der »Feuertaufe«, d. h. der Entmannung durch glühendes Eisen. Diese, jetzt durchs Messer ausgeführt, besteht entweder in vollständiger Entfernung oder in Kastration, das »große und kleine Siegel«. Damit verbinden sich chiliastische Ideen. Im Anfange des 19. Jahrhunderts war ein gewöhnlicher Bauer Seliwanoff der inkarnierte Christus und auch zugleich der Zar Peter III., der nicht wirklich getötet worden sein soll. Dagegen ist der herrschende Zar der Antichrist. Ferner fordern die Skopzen geheime Versammlungen, in denen wildes Tanzen und Singen, inspiriertes, sinnloses Predigen und wohl auch wirklich ekstatische Zustände die Hauptsache sind. Die Neubekehrten werden dabei in narkotischen Schlaf versetzt und dann entmannt, die Weiber verschneiden ihre Brüste. Geschlechtlicher Verkehr ist die größte Sünde. Deshalb fluchen die Skopzen ihren eigenen Eltern. Trotz aller Verfolgungen besteht die Sekte noch heute.
Eine sicherlich nicht minder furchtbare Sekte, wie die Skopzen, ist in Rußland die der Teufelsanbeter, die dem Satan Opfer darbieten. Ferner gibt es in Sibirien die Morelschiki, die es für ihre Pflicht halten, sich »Gott ganz darzubieten« und sich in ganzen Scharen gegenseitig niederstechen und verbrennen. Das taten im Jahre 1868 auf dem Gute eines Herrn von Gurieff an der Wolga 47 Männer und Frauen gleichzeitig. Um 1870 sollen hundert, ja Hunderte auf diese Weise zugleich gestorben sein.
Die Geißlersekte der Chlysten, die stündlich den Weltuntergang erwartet, sowie das Reich des Antichrist, gerät unter wilden Tänzen und Sängen in eine ekstatische Wut, wobei sie sich nicht nur selbst furchtbar mißhandeln und durchpeitschen, sondern im Jahre 1869 sich einmal auf die harmlosen Zuschauer stürzten und einige totprügelten.
Im Gouvernement Kiew bei Tiraspol weihten sich 25 Sektierer, beinahe alle Bewohner eines Gehöftes, freiwillig dem Opfertod, indem sie sich auf Anstiften einer Frau den Tod durch Einmauernlassen und Verhungern gaben[14].
Noch am Ende des 19. Jahrhunderts bestand in unserem so gesitteten und aufgeklärten Europa, nämlich in Appelteren bei Amsterdam eine Sekte, die mehrfach zu religiösen Zwecken geheime Morde begangen haben soll. Gerichtlich konnten etwa 40 Mitglieder ermittelt werden. Sicher ist, daß der Knecht Brinkman, in Diensten bei einem Bauern Scherf, bei einer »Teufelsaustreibung« ums Leben kam. Man sprach bei einer Versammlung dieser ultraorthodoxen Protestanten im Hause Scherfs die Überzeugung aus, der Teufel sei im Hause und habe speziell von Brinkman Besitz ergriffen. Zunächst soll Scherf nach dem Beispiel Abrahams seine eigenen 5 Kinder als Opfer angeboten haben. Da man sie aber nicht im Hause fand, so ging man um 1 Uhr nachts, sofort nach Schluß der Sitzung, zu Brinkman, den man aus dem Schlafe weckte. Scherf begann die Teufelsbeschwörung, worauf der Knecht mit Stangen und Stöcken von allen totgeschlagen wurde. Am nächsten Tage richtete man für die »Brüder und Schwestern« ein festliches Mahl her und sang dabei zahlreiche religiöse Lieder. Bei der bald folgenden Verhaftung gab der Gemeindevorsteher Spiering an, er habe die feste Absicht gehabt, auch noch eines seiner Kinder zu opfern[15].
Wer an den heute noch in der protestantischen theologischen Literatur spukenden Teufelsglauben sich erinnert, wird sich nicht im mindesten darüber wundern, daß Bauern das praktisch üben, was ihre Seelenhirten theoretisch begründen.
Es läßt sich ja überhaupt nicht in Abrede stellen, daß alle diese Massendummheiten auf kirchliche oder biblische Einflüsse zurückgehen. Entweder wird eine kirchliche theoretische Forderung praktisch und im großen Stile geübt, wie wir es bei den verschiedenen Formen der Askese sahen. Oder es wird ein Beispiel aus der Geschichte unserer Religion nachgeahmt, wie etwa die Kreuzigung Christi, oder aber eine in den Evangelien enthaltene, oder auch nur angedeutete Lehre wird weiter entwickelt. Dahin gehört der kirchlich — vom Katholizismus so gut wie vom Protestantismus — sanktionierte und in ein System gebrachte Hexen- und Teufelsglaube. Oder man beruft sich, wie etwa die Skopzen, auf teils mißverstandene, teils isoliert betrachtete und ganz einseitig, monomanisch, zur Lebensrichtschnur gemachte Bibelstellen. Schließlich können die Skopzen sich mit dem gleichen dogmatischen Recht auf ein Bibelwort hin verstümmeln, wie das Papsttum auf ein anderes, seine Macht des Bindens und Lösens aufbaut.
Es ist eben immer eine ungeheure Dummheit sich irgendeinem Ausspruch, irgendeiner Autorität mit Kadavergehorsam zu unterwerfen, auf Buchstaben und Worte zu schwören. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß es nicht auch sehr klug sein kann, sich die Weisheit und Lebenserfahrung anderer zunutze zu machen. Aber maßgebend soll eben doch stets die Art der Interpretation, die Kritik, die Beurteilung des Falles, kurz der eigene gesunde Menschenverstand bleiben.
Ein anderer religiöser Gedanke, der auch auf die Bibel zurückgeht, ist der des tausendjährigen Reiches. Ja, für die Wiederkehr Christi können sich Gläubige sogar auf seine eigenen Worte berufen. Da ist es nur natürlich, wenn sie für ihr Leben die Konsequenzen daraus ziehen. Die Dummheit besteht eben auch hier wieder in der willenlosen Unterordnung unter eine fremde Autorität. Aber auch diese Willenlosigkeit, dieser freiwillige Verzicht auf Kritik, ist von den Kirchen mit Feuer und Schwert gezüchtet worden, wie die Geschichte der Glaubensverfolgungen lehrt. Ist aber einmal das eigene Urteil zum Schweigen gebracht, ist der Fromme gezwungen mancherlei, was Vernunft und Erfahrung widerspricht, unter dem Drucke kirchlicher Autorität bedingungslos zu glauben, dann ist der Geist für die gläubige Hinnahme jeder Ungeheuerlichkeit entsprechend präpariert.
Übrigens hat die gewissenhafte Befolgung des »Wachet und betet« auch manches Gute im Gefolge und die Verirrungen der Chiliasten sind im Vergleich mit jenen, die wir oben kennen lernten, recht harmloser Natur.
Einer solchen Form der Narretei huldigt eine Sekte in Amerika, die sich Shaker nennt und Mitte vorigen Jahrhunderts etwa 4000 Mitglieder zählte. Auch sie sind Chiliasten, unterscheiden sich aber nicht unwesentlich von zahlreichen Glaubensgenossenschaften, die gleichfalls an die Wiederkehr des Messias glauben, dadurch, daß sie vom bereits erfolgten Eintritt dieses Zustandes fest überzeugt sind. Und zwar war es ein weiblicher Messias, namens Ann Lee, in der die Wiederverkörperung Christi zu erblicken ist. Diese Ann Lee, die zu Bolton in Lancashire 1758 einer kleinen Gemeinde von Mystikern beitrat und durch mancherlei Verfolgungen sich genötigt sah, im Jahre 1772 nach Amerika auszuwandern, ist als »Schwester und Braut Christi« die einzige Heilige, die die Shaker verehren.
Die Lehre ist sehr einfach: Im Jahre 452 begann mit der Begründung der päpstlichen Macht das Reich des Antichrists, das nach der Offenbarung Johannis dem zweiten irdischen Auftreten des Heilandes vorangehen soll. Seit der Reformation, die den »großen Drachen« nicht tötete, sondern nur in zwei Teile zerriß, nahm dieses Reich allmählich wieder ab. Während dieser Herrschaft des Antichrists war der göttliche Geist Christi in den Himmel zurückgekehrt, um dort seine »Wiederkunft in und mit der heiligen Braut, welche die Tochter der ewigen Weisheit ist«, vorzubereiten. Anno 1747 ließ er sich auf Ann Lee herab, um durch eine zweite Erlösung der Menschheit sein tausendjähriges Reich zu gründen, in dem die Sünde keine Stätte hat.
Die friedliche, arbeitsame und überhaupt brave Gemeinde scheut vor allem jeden geschlechtlichen Verkehr. Gott feiert sie durch tägliche Tänze, nach flotten Melodien. Warum sollten allein die Beine den Schöpfer nicht loben dürfen[16]?
Schlimmer war die Millermanie in Amerika, die verursacht wurde durch die Prophezeiungen eines gewissen William Miller (geb. 1772, † 1849) aus dem Staate Neu-York. Seit dem Jahre 1831 kündigte er das Erscheinen des Herrn am Himmel an, sowie das Ende aller Dinge für den März 1843. In Neu-York, Maine, Massachusetts und anderwärts scharten sich Leute, denen er seine Wahnideen zu suggerieren verstand, um ihn. Als Adventisten, wie sie sich im Glauben an die Wiederkehr Christi in sichtbarer Gestalt nannten, verloren sie alles Interesse an irdischen Dingen. Sie gaben ihre Geschäfte auf, überließen zum Teil ihre Familien dem Elend, um in Versammlungen zu beten und zu predigen und sich auf diese Weise für den großen Tag vorzubereiten. Als dieser aber nicht eintraf, tröstete man sich mit der Annahme, daß die Berechnung des Datums falsch sei und die Prophezeiung sich am 22. November 1844 nach jüdischem Kalender erfüllen müsse.
Manche Anhänger der Millersekte verfielen infolge der andauernden religiösen Exaltation in unheilbare Geisteskrankheit, wähnten sich im Himmel oder verzichteten auf Nahrung, weil sie nurnoch die Kost der Engel benötigten. Als nun auch das zweite Datum sich als falsch herausstellte, genügte selbst diese Enttäuschung nicht, die Adventisten von ihrer Torheit zu heilen. Vielmehr war die einzig bedeutsame Folge lediglich die, daß die Anhängerschaft sich in mehrere Sekten spaltete. Noch heute gibt es in Amerika gegen 65000 solcher sonderbarer Heiliger, während die europäische Generalkonferenz im Jahre 1901 mit Stolz auf eine Gemeinde von 7700 Seelen blicken konnte[17].
Eine ebenbürtige Sekte gründete der gänzlich ungebildete Rademacher Kondrat Maljòwanni in Südrußland. Die Eltern dieses Analphabeten waren Potatoren und er selbst bis zum 40. Lebensjahre dem Trunk ergeben. Trotz oder wegen aller dieser Umstände gelang es ihm in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine große und begeisterte Gemeinde um sich zu versammeln. Auch er predigte den nahen Weltuntergang und verstand es denen, die nicht alle werden, klarzumachen, daß dieses Ereignis auf ihr Schicksal von günstigem Einfluß sei. Sie gaben ihre Arbeit auf und verkauften oder verschenkten ihr Eigentum.
Bei den gemeinsamen Andachtsübungen der Maljòwannisten kommt es unter den Versammelten häufig zu hysterischen Anfällen. »Unter allgemeinem Lärm, Geschrei und Durcheinander sieht man die einen hinstürzen wie vom Blitze getroffen, andere entzückt oder kläglich schreien, weinen, springen, in die Hände klatschen, sich selbst gegen die Stirn oder vor die Brust schlagen, an den Haaren reißen, mit den Füßen stampfen, tanzen, alle möglichen Töne und Rufe von sich geben, entsprechend den verschiedenen Emotionszuständen wie Freude, Glück, Verzweiflung, Furcht, Entsetzen, Erstaunen, Andacht, dem Ausdrucke psychischen Schmerzes, der Geruchs- oder Geschmackswahrnehmung usw. Noch andere ahmen Hundegebell, Pferdewiehern und sonstige Tiere nach[18].«
Besonders merkwürdig war bei dieser Erscheinung, daß Maljòwanni es verstand, bei seinen Anhängern fast genau dieselben Wahnideen hervorzurufen, die ihn selbst erfüllten. Er suggerierte zunächst Personen aus seiner Umgebung, die eine gewisse Neigung zu religiöser Exaltation besaßen, seine Wahnideen, und diese sorgten dann ihrerseits für deren Weiterverbreitung. Diese psychopathische Epidemie nahm schließlich einen so bedrohlichen Umfang an, daß nur durch die Einmischung der russischen Regierung Einhalt getan werden konnte.
Eine ganz analoge Bewegung haben wir im Lazarettismus zu sehen.
Er ist als Erscheinung deshalb so interessant, weil er beweist, daß noch heute, genau wie vor Jahrtausenden, ein religiöser Fanatiker sein Publikum findet. Die Bewegung gewinnt an Bedeutung, wenn man berücksichtigt, mit welcher Energie die katholische Kirche Sonderbestrebungen zu bekämpfen weiß und nicht minder durch ihr Auftreten auf dem uralten Kulturboden Italiens.
Der Vater der zu betrachtenden Sekte war David Lazaretti, 1834 in Arcidosso geboren, seines Zeichens Karrenführer (barocciaio). Er stammte aus einer Familie, in der religiöser Wahnsinn vorgekommen war, besaß Intelligenz und war ein schöner, stattlicher Mann. Auf eine Erscheinung der Madonna im Jahre 1866 hin, brachte er einige Monate bei einem Einsiedler in Montorio Romano zu. Das Resultat dieser frommen Zurückgezogenheit war ein Stigma an der Stirn, bestehend in dem von Strahlen und Dornen umgebenen Herzen Jesu. War er auch nicht gerade auf sehr wunderbare Weise zu diesem Zeichen gekommen — er hatte es durch Glüheisen und Tätowierung hervorgerufen — so läßt sich denken, daß es im gegebenen Moment seine Wirkung nicht verfehlte.
Aus dem früheren Trinker und Flucher wurde durch religiöse Halluzinationen ein Asket und Schwärmer, der zum Volke predigte und durch Prophezeiungen, Versprechungen und Drohungen auf die ländliche Bevölkerung großen Einfluß zu gewinnen verstand. So konnte er, gefördert durch großes Selbstgefühl, zunächst die »Gesellschaft der christlichen Familien«, die 80 Familien umfaßte, aus der Bevölkerung von Monte Amiata gründen. Die Kolonie lebte unter Führung ihres Propheten, für den sie sogar Frondienste tat, um ihn der profanen Feldarbeit zu entheben, mehrere Jahre lang in genossenschaftlichem Kommunismus.
Lazaretti begnügte sich nicht damit, immer geheimnisvoller zu prophezeien und heftig auf alle Andersgläubigen, besonders die Protestanten, zu fluchen, sondern ordnete auf dem Monte Labbro, den er sich zum Sitze seines geistlichen Fürstentums erkor, den Bau eines Turmes an. Seine Gemeinde widmete sich dieser Arbeit mit Feuereifer, vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Wind und glühender Sonne Steine tragend. Übrigens wurde der Turm nicht vollendet.
Der religiöse Wahnsinn zeigte bei Lazaretti immer groteskere Formen. Er schrieb an den König von Italien, an die Fürsten der Christenheit, umgab sich mit »Aposteln« und suchte in Äußerlichkeiten, so weit es eben ging, Christus nachzuahmen. So hatte er seinem Apostel Petrus als Symbol seines Amtes zwei Schlüssel aus Pappdeckel kreuzweise auf die Brust geheftet.
Für den 18. August 1878 hatte Lazaretti ein Erdbeben vorherverkündet, das alle, die nicht an ihn glaubten, verschlingen würde. Natürlich sah seine Gemeinde mit Furcht und Hoffnung diesem Tage entgegen, hatte er doch versprochen, sich um Mitternacht ihr in anderer Gestalt zu zeigen. Immerhin war auch seine jetzige Erscheinung, wenigstens in seinen und der Gläubigen Augen, ganz respektabel, denn er beanspruchte »Symbol der neuen Reform des heiligen Geistes« zu sein.
Die Tragödie — oder sollte es keine sein, wenn wir viele Hunderte von Menschen einem Wahnsinnigen folgen sehen? — ging ihrer Katastrophe entgegen. Sprach er von sich als »Anführer und Richter Christus in der wahren und lebendigen Gestalt der Wiederkunft unseres Herrn Jesu Christi in diese Welt«, so war das natürlich Irrwahn. Recht aber sollte er mit seiner düsteren Prophezeiung erhalten, er sei das »Opfer, das für die Erlösung der Welt hingeschlachtet werden mußte«.
Für die Mitte des August 1878 bereitete Lazaretti einen großartigen Auszug vom Monte Labbro vor. Die Tage vom 14.-18. August wurden mit Gebet, Predigt und Gottesdienst zugebracht und in ungezählten Tausenden war die Umgebung herbeigeströmt, harrend der Dinge, die da kommen sollten. Am Morgen des 18. August kam Lazaretti in die Kirche, das rote Futter seines Mantels nach außen. Mit leiser und feierlicher Stimme sagte er: »Dies ist ein Blutzeichen. Mein Blut, das Blut des neuen Abel wird, ihr werdet es sehen, binnen kurzem vergossen werden und wird sich mit dem heiligen Blut, das dort in jenem Kelch ist, vermischen«. Als er an der Spitze des grotesken Zuges aufbrach, trat ihm die Behörde mit der Aufforderung, sich zurückzuziehen, entgegen. Er leistete keine Folge. Ein Steinhagel überschüttete die Beamten und Karabinieri. Sie gaben Feuer. Als eines der ersten Opfer fiel der Prophet.
Noch 1883 gab es Leute, die an die Wiederkunft des »heiligen David« glaubten[19].
Einwohner des Ortes Korano bei Neapel sahen noch im Cholerajahr 1885 auf einem benachbarten Hügel, auf dem eine Kapelle stand, die Madonna in schwarze Gewänder gehüllt, für die Errettung der Menschheit betend. Die Kunde von diesem Ereignis zog alsbald solche Menschenmassen nach Korano, daß sich die italienische Regierung veranlaßt sah, zur Verhütung weiterer Ausbreitung der Halluzinationsepidemie den Hügel polizeilich abzusperren, und die Kapelle zu beseitigen. Natürlich könnte sich jeden Tag wieder etwas Ähnliches ereignen[20].
Daß die Dummheit auch in den gebildeten Kreisen Masseninfektionen ermöglicht, lehrt die Geschichte der »Königsberger Mucker«.
In den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts erregte in Königsberg, ausgerechnet in Königsberg, der Stadt Kants, eine Sekte berechtigtes Aufsehen. Zwei Geistliche, der Archidiakon Ebel von der Altstädter Kirche, und der Prediger Diestel von der Haberger Kirche hatten sie ins Leben gerufen, und zwar ausschließlich aus den höchsten Gesellschaftsschichten. Grafen und Barone, Gräfinnen und Geheimrätinnen, Offiziere und ein jüdischer Professor hatten sich zu Ebels Gemeinde die Bruderhand gereicht, und tatsächlich hatte dieser dafür Sorge getragen, daß man auf seine Kosten kam.
Das Zeremoniell interessiert uns am meisten, denn die Lehre war schließlich auch nicht viel dümmer, als manche offiziell vertretene, und wenn sich Ebel als »des Menschen Sohn« feiern ließ, so will das alles noch gar nichts besagen gegen die Art, in der dies geschah.
Es handelte sich natürlich um eine Geheimlehre. Da war vor allem die Rangordnung wichtig, die Ebel in seinem Reiche einführte. Hinter ihm, als Spitze, folgten drei Frauen, die Gräfin v. d. G. als Ebels erste Frau im Geiste als »Lichtnatur«, Emilie v. S. als seine zweite Frau im Geiste in der Eigenschaft als »Finsternisnatur« und endlich seine angetraute Gattin als dritte Frau im Geist. Sie repräsentierte die »Umfassung«. In psychischer und physischer Hinsicht stand sie dem heiligen Ebel weit weniger nah, als seine vornehmen und schönen Seelenbräute. Auf diese drei Frauen folgte dann in genauer Rangordnung die übrige fromme Gemeinde.
Wo so viel vom Geist die Rede ist, darf natürlich der Körper nicht darben. Und daß er das nicht tat, dafür hatte Ebel in bewundernswerter Weise gesorgt. Da war zunächst die Beichte.
Die Angehörigen der engeren Gemeinde hatten von Zeit zu Zeit zu beichten, und zwar nicht etwa Ebel selbst, sondern den drei »Frauen im Geiste«. Worauf es hier besonders ankam, waren natürlich geschlechtliche Sünden mit inbegriffen die einfache Gedankenunzucht. »Je überströmender man in dieser Hinsicht war, je empörenderer Ausdrücke man sich bediente,« so erzählt Professor Sachs als Eingeweihter, »desto höher wurde man gestellt, desto mehr als im wahren Ernst der Heilung stehend, wurde man betrachtet. Schien das Bekannte nicht wichtig, d. h. nicht arg genug, so erregte das Unzufriedenheit und wurde ein Festhalten am Argen, ein Unterhandeln mit dem Teufel, Lauheit, ärger als kalt und warm genannt, und nun begann das heftigste und andringlichste Pressen auf andere und geschärftere Bekenntnisse. Kamen solche hervor, so wurde Gott gepriesen, der das Herz eines Verstockten erweicht hatte.«
Im Zeremoniell der Ebelschen Mysterien spielte der »Seraphinenkuß« eine große Rolle. Er bestand darin, daß sich die Gläubigen verschiedenen Geschlechts mit den Zungenspitzen berührten.
Doch gab es noch eine weit vollkommenere Methode zur stufenweisen Läuterung und fortschreitenden Heiligung der Mitglieder dieser frommen Gemeinde. Im wesentlichen bestand diese heilige Prozedur darin, daß in den Versammlungen Frauen irgendwelche, für gewöhnlich dem männlichen Anblick entzogene Teile ihres Körpers entblößten. Die Männer hatten dabei die ihnen sicherlich nicht wenig sauer fallende Aufgabe, die ganze Herrlichkeit ohne Empfindung von Sinnenlust zu betrachten. Da das natürlich nicht so einfach war, wurde eifrig geübt. Übrigens hat auch diese Art der Abtötung, wie wir an anderer Stelle ausführten, in der von der Kirche gebilligten »Askese« ihr Vorbild.
Die Erfolge der Methode waren, wie ja vorauszusetzen, glänzend. Sachs schreibt darüber:
»Schon das unaufhörliche starke Küssen und Umarmen, das gang und gäbe war, die ungenierte Art der körperlichen Annäherung auch da, wo von geschlechtlichen Übungen zur Heilung keine Rede war, sondern die zur gewöhnlichen Art des Zusammenseins gehörte (denn in Gegenwart irgendeines Fremden, draußen Stehenden, trat das förmlichste und zierlichste Zeremoniell ein), schon dies konnte nicht verfehlen, jene Wirkung sinnlicher Erregung auszuüben, zumal viele der Frauen mit vielen Reizen des Äußeren, wie des Geistes ausgestattet waren. Wer etwa sagen wollte, es sei ihm hierin anders ergangen, von dem scheint es mir, daß er sich belüge oder wenigstens täusche.«
Wir brauchen nicht die Versicherung des Mediziners Sachs, der in der ganzen frommen Geschichte keine rühmliche Rolle spielte, um an der Wirkung der Übungen nicht zu zweifeln.
Ebel hatte sich selbst eine besonders schwere Form des Gottesdienstes vorbehalten: Zur Herstellung von einer Hautkrankheit besuchte er das Seebad Tenkitten bei Fischhausen, wo ihn ein Teil seiner weiblichen Gemeinde pflegte. Als ihn einst der behandelnde Arzt besuchen wollte, wie er gerade im Bade saß, bemerkte er schon von weitem, daß in dem nahe gelegenen Damenbad gebadet wurde. Kaum hatte man von dort seine Annäherung wahrgenommen, als eine halb entkleidete Dame ihm entgegenrannte und ihn beschwor, fern zu bleiben, weil Ebel gerade von den Damen gewaschen und gebadet würde! Zehn bis zwölf jüngere und ältere Damen standen entkleidet halb im Wasser um ihren Oberpriester herum, um ihm »voll Eifer Hilfsleistungen zu tun, von denen das Schamgefühl mit Unwillen sich abwendet«.
Daß Ebel sich auf so angenehme und billige Weise mit einem Harem zu versorgen wußte, mag für seine Sittlichkeit nicht eben rühmlich sein, jedenfalls macht es aber seiner Intelligenz alle Ehre. Was aber soll man von den Damen seiner Gemeinde denken, die ohne Rücksicht auf Schamgefühl und Standesbewußtsein sich bereitwillig seinen Wünschen fügten!? Was von der Gräfin Ida v. d. G., einer jungen Witwe, die durch Geburt, Charakter und Schönheit gleich ausgezeichnet war? Und doch glaubte sie, ungeachtet ihrer hohen Bildung, in Ebel Gottes Sohn verehren zu müssen. Sie glaubte es auch noch, als das Gericht über die »Mucker von Königsberg« sein Urteil gefällt, Ebel seines Amtes entsetzt und als sittlich verworfenen Menschen gebrandmarkt hatte. Sie verließ ihn auch dann nicht und opferte ihm Stellung, Familie, Vermögen, ja pflegte ihn bis an sein Ende (1861). Und zwar darf man nicht annehmen, daß sie mit ihm im Konkubinat lebte, wenn auch eine unbewußte Erotik sie sicherlich zu dem schönen Manne hinzog. Es war pure Dummheit[21].
Ganz gewiß nicht intelligenter war die Gemeinde, die sich um den Henry James Prince in England scharte. Er hatte seinen weiblichen Anhang so betört, daß er sich eines Tages folgendes leisten konnte: in offener Versammlung kündete er an, »in der Kraft Gottes werde er eine Jungfrau sozusagen zum Weibe nehmen, nicht mit Fürchten und Schämen an geheimer Stelle und bei verschlossenen Türen, sondern offen im Lichte des Tages und in Gegenwart aller Heiligen beiderlei Geschlechtes. Gottes Wille sei es, daß er sie nehme und er werde niemanden fragen, am wenigsten die Erwählte selbst. Welche er nehmen würde, sagte er nicht. Die Jungfrauen sollten sich also bereit halten, da niemand wissen könne, wann der Bräutigam käme. Zuerst wollte er sie besiegeln mit einem Kuß, dann sie herzen und an sich halten, so daß der himmlische Geist und das Ding von Erde miteinander verwüchsen und fortan eins seien an Leib und Seele.«
Tatsächlich passierte das Unerhörte. An der von ihm gegründeten »Stätte der Liebe« (Agapemone) deflorierte er in offener Versammlung der Gläubigen ein schönes Mädchen namens Miß Paterson!
Die Folge davon war, daß allerdings einige Mitglieder der Gemeinde sich von Prince lossagten, die Mehrzahl scharte sich aber um so dichter um den Heiligen!
Übrigens hatte er in Norddeutschland einen Vorläufer gehabt in der Person des Johann Paul Philipp Rosenfeld (geb. 1731). Wiewohl aus guter Familie stammend, trieb er sich in bettelhafter Kleidung als Vagant herum, da seine Faulheit ihn an der Ausübung eines Berufes hinderte. Da kam er auf den Gedanken, die Dummheit als unerschöpfliche Goldader auszubeuten, und er sollte glänzenden Erfolg haben. Durch geheimnisvolle Andeutungen über seine Person, Prophezeiungen, Angriffe auf Geistlichkeit, Taufe, Kirchenbesuch, weltliche Obrigkeit usw. usw. verstand er es, sich in bengalische Beleuchtung zu setzen und den Landleuten den Glauben beizubringen, er sei der wahre Messias und Gottessohn. Er stellte ihnen das ewige Leben schon auf Erden in Aussicht, doch war daran eine Bedingung geknüpft. Er erklärte, die Schlüssel zum verschlossenen Paradies zu besitzen, sowie das »Buch des Lebens, das nach der Beschreibung in der Offenbarung Johannis mit sieben Siegeln versiegelt sei. Um das Erlösungswerk zu vollenden, müsse er die Siegel öffnen und dazu müsse er sieben Jungfrauen haben«.
Seine Anhänger, höchst ehrbare, wenn auch, im Gegensatz zum Königsberger Fall, ungebildete Leute, waren gern bereit, ihm diesen bescheidenen Wunsch zu erfüllen, doch waren unter der damaligen Gemeinde in Prenzlow (Brandenburg) keine sieben Jungfrauen aufzutreiben und so mußte die Zeremonie verschoben werden.
Daß Rosenfeld im Jahre 1769 ins Irrenhaus, ein Teil seiner Gemeinde nach Spandau gebracht wurde, schürte den Glaubenseifer nur an und trug zur Vermehrung der Anhängerschaft bei. Er hatte nunmehr den Hauptsitz seiner Tätigkeit nach Biesental verlegt und bewirkt, daß die Rosenfeldianer aus friedlichen Bürgern zu Fanatikern und Radaubrüdern geworden waren. Sie bedrohten ihren Pfarrer und veranstalteten 1770 einen förmlichen Tumult.
Rosenfeld hatte im Irrenhaus seinen Plan der Siegeleröffnung keineswegs aufgegeben. Unter seinen getreuesten Anhängern befand sich auch der Schäfer Gumto aus Mecklenburg-Schwerin. Ihm gegenüber hatte er sein Inkognito gelüftet und sich Gumto und dessen Frau als wahrer Heiland vorgestellt, dem zur Öffnung des Buches mit sieben Siegeln nur eine Kleinigkeit, nämlich die besagten sieben Jungfrauen, fehlten. Da Gumto drei Töchter hatte, so machte ihm Rosenfeld klar, daß unter den von Anbeginn der Welt zur Entsiegelung bestimmten Jungfrauen auch sie sich befänden. Würde der Schäfer sie ihm nicht ausliefern, dann würden alle Seelen über ihn »Ach« schreien.
Die Vorstellung der über ihn »Ach« schreienden Seelen machte begreiflicherweise auf den Schäfer den tiefsten Eindruck. Er wollte durch seine Weigerung nicht eine schreckliche Schuld auf sich laden und war bereit die drei Töchter auszuliefern. Aber sie waren leider noch zu jung! Doch die Zeit verging schnell und Rosenfeld befahl aus dem Irrenhaus — das man sich darnach als ein recht fideles Gefängnis vorstellen muß — dem Ehepaar Gumto, die älteste 15jährige Tochter ihm zuzuführen.
Die Frau übernahm die Überbringung und schärfte der Tochter unterwegs ein, den Befehlen des Propheten ja genau zu folgen, sonst wäre sie ewig verflucht, da sie ja schon von Geburt an zu einer der sieben Jungfrauen erkoren sei. Unterwegs nahm man noch einen Mann und eine Frau, ebenfalls Rosenfeldianer, mit, um der bevorstehenden Zeremonie mehr Weihe zu verleihen.
»In der Dämmerung kamen die vier Personen im Irrenhaus an und wurden vom Türhüter in eine besondere Stube gewiesen. Rosenfeld, von ihrer Ankunft benachrichtigt, erschien. Er fragte das Mädchen, ob sie eine Braut Christi werden wolle? Sie antwortete: Ja! Er fuhr fort: So müsse sie auch alles tun, was er von ihr verlange. Ob sie das aufrichtig wolle? Als das Kind auch hierauf ja antwortete, legte er sie auf ein dastehendes Bett und vollzog den Beischlaf mit ihm im Angesicht der gegenwärtigen Personen, nämlich der eigenen Mutter, ihres nachmaligen Schwagers Lüdemann und einer Frau Naumann.«
Auf Grund günstiger Berichte über seine Aufführung(!) im Irrenhaus wurde Rosenfeld im März 1771 aus der Irrenanstalt entlassen und ließ sich 1775 dauernd in Berlin nieder. Hier verlangte er nun zum Erlösungswerke von seinen Anhängern die sieben Jungfrauen. Man fand das ganz selbstverständlich und außer den drei Töchtern Gumtos lieferte ihm noch der Weber Glanz aus Biesental zwei und ein anderer Anhänger, namens Meyer die beiden letzten.
Die armen Kinder behandelte er nun wie Sklavinnen, die er nach Laune rief und fortschickte und im übrigen vom Morgen bis zum Abend für ihn arbeiten ließ. Während er eine der sieben liebte und mit ihr drei Kinder erzeugte, verhütete er Nachkommenschaft bei den sechs anderen, die diesen faulen Wollüstling durch ihrer Hände Arbeit ernähren mußten. Als eine der armen geplagten und halb verhungerten Geschöpfe aus Hunger und Kummer zu ihrer Mutter floh, genügte die Drohung Rosenfelds, wenn sie nicht zurückkehre, gehöre sie nicht zu den sieben glücklichen Jungfrauen, sondern sei ewig verdammt und verloren, um die Mutter zu veranlassen, die Tochter zur Rückkehr zu zwingen. Zwei der Jungfrauen starben, zwei Töchter Gumtos heirateten Rosenfeldianer. Niemand beschwerte sich.
Endlich im Jahre 1780 leitete Gumto eine Klage gegen Rosenfeld ein, da er seine messianischen Verheißungen nicht erfüllt habe, wiewohl der Kläger 15 Jahre sein treuer Anhänger war, ihm drei Töchter auslieferte und in Armut, Spott und Verachtung gefallen sei. Er bat Friedrich den Großen, Rosenfeld zu prüfen, ob er wirklich der rechte Messias sei. Gumto erklärte aber in der Eingabe, »daß, was an ihm sei, er sich nach der Schrift und nach der Vernunft völlig überzeugt habe, daß Rosenfeld wirklich der sei, für den er sich ausgebe, nämlich der gerechte und lebendige Gott!« Natürlich hatte der Schwindler jetzt ausgespielt und mußte mit Staupenschlag und lebenslänglicher Festungshaft seine Verfehlungen büßen[22].
Eine einfache, aber raffinierte Schuhmachersfrau namens Ulbricht gründete in einem Dorfe in der Nähe Dresdens eine religiöse Sekte, die 1887 70 Mitglieder zählte. Sie verbreitete den Grundsatz des Kommunismus und das Gebot der geschlechtlichen Abstinenz, auch bei Verheirateten. Sie gab vor »Sendbotin Christi« zu sein, hatte öfter göttliche Inspirationen, in welchen sie mit geschlossenen Augen (die aber dann mit blauer Brille verdeckt waren), sich in einer Art länger dauernder ekstatischer Hypnose zu befinden schien und erteilte in diesem Zustande der Gemeinde detaillierte Weisungen über die Art, in der sie ihr, der Prophetin, ihr Vermögen anzuvertrauen hätten. Das geschah auch wirklich und einzelne lieferten ihr den ganzen Besitz, bis zu 30000 Mark aus. Von den Mitgliedern der Sekte reisten mehrere im Lande herum und heilten Kranke durch Händeauflegen.
Endlich wurde ein Bauer mißtrauisch, zeigte die Frau an und führte ihre Verhaftung herbei. Die Ulbricht legte ein volles Geständnis ab und bekannte, daß sie als ehemaliges spiritistisches Medium die Praktiken zur Täuschung der Bauern erlernt habe. Wegen Betruges wurde sie zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
Merkwürdig und für die unüberwindliche Macht der Dummheit Zeugnis ablegend ist nun die Tatsache, daß sie nach ihrer Rückkehr aus der Strafhaft von der Mehrzahl ihrer Gläubigen wieder als Prophetin anerkannt wurde und daß die Sekte noch 1898, vielleicht auch heute noch, fortbestehen konnte[23].
Wohl die harmloseste Form, in der die religiöse Dummheit sich der Massen bemächtigen kann, ist die der Wut zu predigen.
In Schweden trat in den Jahren 1840 und 1841 diese merkwürdige religiöse Volkskrankheit auf und verbreitete sich über mehrere tausend Personen. Bei jeder kleinen Aufregung begannen lokalisierte Zuckungen im Körper oder Gesicht und es folgte der unwiderstehliche Drang zu predigen, d. h. von den Visionen, die die guten Leute erfüllten, zu berichten, vor Laster, Trunk und Lüge usw. zu warnen. Das Volk nannte daher diese hystero-epileptische Seuche »Predigerkrankheit«[24].
Nach dem Vorangehenden wird niemand mehr bezweifeln, daß auch heute noch, trotz aller Aufklärung, Bildung und »Kultur« ähnliche Vorkommnisse möglich sind. Ja, vor wenigen Jahren erst, 1907, hat sich eine derartige Schwärmerbewegung gezeigt und zwar in Hessen.
In Kassel und dessen weiterer Umgebung versammelten sich religiös erregte Volksmassen, um zwei Norwegerinnen, die behaupteten, die Gabe des Zungenredens von Gott zu besitzen und vom Evangelisten Heinrich Dallmayer nach Kassel gebracht worden waren, zu lauschen. Die beiden Damen schrien zwar nur in unverständlichen Tönen und gaben vor, daß es der Geist Gottes sei, der aus ihnen rede. Das genügte aber der frommen Gemeinde, die sich zuerst im »Blauen Kreuz« zusammenfand, vollständig als Befähigungsnachweis. Man feierte sie also als Prophetinnen. Aber das Zungenreden wirkt ansteckend. Kaum hört die Versammlung die mit wildem Enthusiasmus hervorgestoßenen Worte, als sich auch schon neue Zungenredner melden. Die Norwegerinnen verschwinden von der Bühne und der Hexensabbat beginnt.
Als Großalmerode, das von dieser heiligen Sekte hörte, eine Deputation in die Kasseler Versammlung geschickt hatte, kann sie sich, in die Heimat zurückgekehrt, eines Zungenredners rühmen. Auch dieser wirkte Wunder, denn nach wenigen Tagen gab es in Großalmerode ein halbes Dutzend, ja Dutzende, die diese Gabe zu besitzen behaupteten, und in Bälde galt es sogar als höchst auffallend, wenn ein junges Mädchen, ein halbwüchsiger Bursche, nicht ebenfalls zungenredeten.
Die Symptome nun, die sich überall, denn Großalmerode war keineswegs der einzige Schauplatz dieses Blödsinns, gleichmäßig zeigten, waren folgende: Wenn die Stunde gekommen ist, verfällt der Zungenredner in einen regelrechten Krampf. Mit leichten Zuckungen beginnend, endet er mit den wildesten Gliederverrenkungen. Die Gesichter sind verzerrt, die Augen starr, die Arme werden wild und sinnlos durch die Luft gewirbelt und der ganze Körper schüttelt sich rhythmisch, wie in furchtbaren Wehen. Das Knacken der Glieder und ein wüstes, schauerliches Zähneklappern bildet die Begleitmusik. Dann hört man wieder jammervolles Stöhnen, Seufzen und Schluchzen, das nur von einzelnen mehr geheulten, als gesprochenen Gebetsrufen unterbrochen wird.
Das ist der Auftakt. Nunmehr beginnt plötzlich und gewaltsam das eigentliche Zungenreden. Eine Anzahl unverständlicher Laute wird ungestüm in die Versammlung geschleudert. Meistens sind es komplizierte und verworrene Orakelsprüche. Ein Ohrenzeuge hat einen der einfachsten Sätze festgehalten. Er lautet: »Schallo mo, dall badbad wotschikrei.« Die meisten lassen sich aber in unserer Buchstabenschrift gar nicht wiedergeben.
Ein Mädchen hatte es sich bequemer gemacht, indem es in seiner Besessenheit immer »toje, toje, toje ... to« schrie. Das genügte aber auch vollständig den Offenbarungssuchern und ließ sich als höhere Weisheit unschwer interpretieren.
Denn das Zungenreden allein tut es nicht. Die goldenen Sprüche müssen erst durch einen Ausleger der misera plebs verdeutlicht und verdeutscht werden. Daß dieser Interpret sich nicht viel anders benimmt, als die Zungenredner, ist sicher eher dazu angetan seine Autorität zu erhöhen, als zu vermindern.
Übrigens setzte sich die Versammlung ganz systematisch durch stundenlanges Knien verbunden mit der Monotonie des ewigen Betens, Seufzens und Jammerns, die dann plötzlich durch die tollen Ausbrüche der Zungenredner unterbrochen wurde, in eine seltsame, für alles Mystische empfängliche Stimmung. Dazu kam die von Augenblick zu Augenblick geschickt gesteigerte Erwartung, daß nunmehr etwas besonders Großartiges sich ereignen müsse.
Daß keineswegs nur Ungebildete sich an diesem Wahn, dem nach geraumer Zeit die Regierung ein Ende bereitete, beteiligten, geht schon daraus hervor, daß der Pfarrer des Ortes sich an die Spitze der Bewegung stellte[25].