Schon die weite Verbreitung, welche die Anthropophagie bei niedrigstehenden Naturvölkern der Gegenwart besitzt und die zahlreichen Nachrichten über dieselbe bei frühgeschichtlichen Völkern in den Werken des klassischen Altertums legen die Vermutung nahe, daß auch in vorgeschichtlicher Zeit Völker existierten, welche unter die Anthropophagen gerechnet werden müssen. Es scheinen aber auch direkte Beweise hierauf hinzudeuten.
Der prähistorische Mensch, der gleichzeitig mit den großen, jetzt meist ausgestorbenen Säugetieren, dem Höhlenbären, dem Mammut, Ren, Höhlenlöwen, dem haarigen Rhinoceros u. s. w., lebte, war Jäger und ernährte sich zum großen Teil vom Fleische der Jagdtiere, deren Felle wohl zu Kleidungsstücken verarbeitet wurden. Die Knochen der erlegten Tiere wurden, wie zahlreiche Höhlenfunde beweisen, mit der Steinaxt oder dem Feuersteinmesser geöffnet; an der Art und Weise nun, wie namentlich die langen Röhrenknochen zerbrochen oder geöffnet sind, will man erkennen können, ob dieses von Menschenhand geschehen sei. Für die Zeitbestimmung der Funde ist dieses von der größten Wichtigkeit, denn wenn die Knochen im frischen Zustande von den Menschen geöffnet waren, so konnte über die Gleichalterigkeit des Menschen und der betreffenden Tiere kein Zweifel aufkommen.
Die Jagdmittel, welche die primitiven Höhlenmenschen besaßen, waren sicher nur unvollkommener Art, schwer wurde es ihnen, die großen Tiere zu überwältigen und wenn einmal die Jagd versagte und Hungersnot herrschte, so ist es nur zu leicht erklärlich, daß der primitive Mensch prähistorischer Zeit zum Anthropophagen wurde, wie heute noch der Hunger selbst in Kulturländern zum Kannibalismus zwingt. Jenem, dem zahlreiche Empfindungen und Begriffe noch fehlten, die uns heute geläufig sind, wie z. B. Schamhaftigkeit oder Pietät, konnte es kaum einen Unterschied machen, ob er Fleisch von einem Jagdtiere oder Menschen verzehrte, wenn er nur seinen Hunger zu stillen vermochte. Verzehrte der Mensch in der Quaternärzeit seinesgleichen, so wird er sich auch an dem Mark der Menschenknochen erlabt haben, wie er sicher die Markknochen der großen Säugetiere mit Steinhammer und Flintmesser öffnete, um deren Inhalt zu verzehren. Findet man daher im Inhalt der Höhlen der Quaternärzeit Menschenknochen, welche in absichtlicher Weise geöffnet erscheinen und die Spuren der menschlichen Bearbeitung zeigen, so kann man wohl schließen, daß sie zu dem Zwecke zerbrochen wurden, um das Mark zu Nahrungszwecken zu erlangen. Eine große Anzahl Entdeckungen sind nach dieser Richtung hin in der letzten Zeit gemacht worden; man hat die deutlichsten Beweise künstlicher Öffnung von Markknochen, die Schnitte der Feuersteingeräte an denselben finden wollen und sich immer mehr der Ansicht zugeneigt, daß man es mit Überresten prähistorischer Kannibalenmahlzeiten in solchen Fällen zu thun hat.
Allemal kommt es hierbei aber auf eine sehr genaue Untersuchung der Menschenknochen an, auf die Art und Weise, wie dieselben geöffnet wurden. Das Zerschlagen und Öffnen kann zu verschiedenen Zwecken stattgefunden haben; es ist bekannt, daß heute noch einzelne Völker das Mark von Röhrenknochen nur gewinnen, um damit Felle zu gerben. Das kann auch bei einem prähistorischen Volke der Fall gewesen sein und dann ist es ausgeschlossen, hier aus dem Knochenbefunde auf Anthropophagie zu schließen. Mit absoluter Sicherheit wird sich niemals sagen lassen: die und die aufgefundenen, zerschlagenen und geöffneten Menschenknochen sind die Überreste einer kannibalischen Mahlzeit oder das prähistorische Volk, welches in dieser oder jener Höhle hauste, bestand aus Kannibalen. Es hat daher auch die Vorstellung von prähistorischen Anthropophagen wiederholt Gegner gefunden. Mögen nun aber auch die Schlüsse, welche man auf prähistorischen Kannibalismus aus den zerschlagenen Menschenknochen zieht, hinfällig sein — die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit für letztere ist trotzdem vorhanden; sie werden gestützt durch die Analogie, welche zwischen den vorgeschichtlichen Völkern und den heute der Anthropophagie ergebenen Naturvölkern besteht, eine schlagende Analogie, die nicht mehr besonders hervorgehoben zu werden braucht.
Der erste, welcher auf Kannibalismus in vorgeschichtlicher Zeit schon vor vierzig Jahren hinwies, war Professor A. SPRING in Lüttich, welcher die Höhlen von Chauvaux bei Namur in Belgien durchforschte und hier in großer Masse Menschen- und Tierknochen mit Asche und Kohlenstücken vermengt vorfand. Alle Röhrenknochen waren zerschlagen, „um zu dem Marke zu gelangen“, und ein Unterschied zwischen Menschen- und Tierknochen fand hierbei nicht statt. Wohl aber durfte SPRING sich wundern, daß kein einziger Knochen einem alten Mann oder einer alten Frau angehört hatte, denn sämtliche Überreste stammten von Jünglingen, jungen Frauen oder Kindern, woraus SPRING auf Feinschmeckerei der alten kannibalischen Höhlenbewohner schließt, die nicht von der Not gedrängt, nur das zarte Fleisch jugendlicher Genossen verzehrten. SPRINGs Darlegungen erregten anfangs heftigen Widerspruch, aber dem massenhaften von ihm vorgelegten Material gegenüber neigte sich die Wagschale mehr zu gunsten seiner Ansicht.[1]
Nachdem durch SPRING einmal der Kannibalismus des vorhistorischen Menschen angeregt worden war, begannen die Forscher eifrig nach neuen Belegen zu suchen und die aufgefundenen Menschenknochen unter dem Gesichtspunkte der Anthropophagie zu betrachten. Besonders reiche Beweise brachte man aus Frankreich bei, denen gegenüber die Zweifel zu schwinden begannen, zumal es ja an und für sich nicht die geringste Unwahrscheinlichkeit darbietet, daß unsere Vorfahren demselben Gelüste gehuldigt haben, welches unter den heutigen Naturvölkern noch so weit verbreitet ist. Wie bei den Australiern und nach SCHWEINFURTH bei den Niam-Niam, nach BOWDICH bei den Aschanti noch heute Schädel- und Knochenstücke von Menschen als Zierat getragen werden, so schmückten die alten Bewohner des Departements Aveyron in Südfrankreich sich mit durchbohrten Menschenzähnen, die, an Schnüren aufgereiht, als Ketten getragen wurden, wie CARTAILHAC nachgewiesen hat.[2] Es mag uns in diesem Falle freistehen, ein pietätvolles Erinnerungszeichen an einen Verstorbenen nach Art der Australier oder an eine Siegestrophäe nach Art der Niam-Niam zu denken, die von einem erschlagenen, möglicherweise verzehrten Feinde herrührt. F. GARRIGOU, der es sich zur besondern Aufgabe setzte, die Anthropophagie der „Renntierfranzosen“ nachzuweisen, hat dafür eine Anzahl Beweise gesammelt.[3] Er führt aus, daß die Menschenknochen, welche zuerst mit Tierknochen in den zur Renntierzeit gerechneten Höhlen des Thals von Tarascon (Ariège), von Sabart (Sounchut) von Niaux-Grande und Niaux-Petite, von Bédeillac etc. im südlichen Frankreich vorkommen, für ihn als restes de repas faits par l’homme gelten. Er hat dann seine Beweise durch Belege aus dem Departement Lot vermehrt, wo namentlich in der Höhle Cuzoul de Mousset viele zerschlagene und kalcinierte Menschenknochen auf Kannibalismus deuten.[4] In den Dolmen des Departements Lozère hat PRUNIÈRES neben einem mit Bronzeschmuck versehenen Skelette, Knochen von alten und jungen Menschen, nur Bruchstücke, im „angenagten“ Zustande, nebst einem aufgeschlagenen Röhrenknochen gefunden, die auf Kannibalismus hinwiesen; Zweifel, welche der verdiente BROCA erhob, schienen durch eingesandte Belegsstücke widerlegt.[5] FELIX REGNAULT behauptete mit vielen Beweisstücken den Kannibalismus der alten Bewohner von Montesquieu im Departement Ariège. Die zerbrochenen Menschenknochen wurden dort zusammen mit Feuersteingeräten und den Knochen vom Höhlenbär, Hirsch, Ochs, Pferd, Hund und der Höhlenhyäne gefunden; die Menschenknochen waren cassés par des instruments tranchants und zwar nach einer ganz bestimmten Weise, die REGNAULT als bec de flûte bezeichnet.[6] A. ROUJOU bringt von der Station Villeneuve St. Georges (Steinzeit) Beweise für die Anthropophagie bei.[7]
In der vortrefflichen Arbeit von EDUARD PIETTE über die Grotte von Gourdan, Departement Haute Garonne[8], wird die Frage aufgeworfen, ob die alten Renntierjäger, deren Spuren dort massenhaft vorhanden sind, auch Anthropophagen waren? Zahlreiche menschliche Schädelfragmente mit sehr deutlichen Spuren von Schnitten, als ob die Schädelhaut mit Feuersteingeräten abgezogen worden wäre, wurden dort aufgefunden. Dann zerlegte man den Schädel, wie die Bruchstücke beweisen, und suchte wohl zum Gehirn zu gelangen. Bemerkenswert ist, daß man nur Schädel und Atlasknochen, keine anderen menschlichen Teile in der Grotte fand. PIETTE meint, daß die Renntierjäger von Gourdan eine Art von Kopfschneller gewesen seien, welche die Häupter ihrer Feinde als Siegestrophäen in die Grotte hineinbrachten, diese dort skalpierten und dann das Gehirn verzehrten. Für diese Ansicht sprechen genau die Kopfjäger von der Insel Lazon, über welche freilich damals PIETTE noch nicht unterrichtet sein konnte (siehe unten).
Bei den Ausgrabungen in der Grotta dei Colombi auf der Insel Palmaria (Golf von Spezia) hat CAPELLINI neben rohen Feuersteinwerkzeugen, Topfscherben und Knochennadeln, Knochen von Ziegen, Schweinen, Rindern etc. auch Oberschenkelbeine gefunden, die vom Feuer versengt sind und an der hinteren Fläche Einschnitte tragen, „die daher rühren, daß man mit einem Feuerstein das Fleisch abgeschnitten hat“. Nach CAPELLINIs Meinung gehören sie einem Affen (Macacus inuus) an; aber die Untersuchungen von BOYD DAWKINS und Prof. BUSK haben ergeben, daß es sich hier um das Oberschenkelbein eines etwa achtjährigen Kindes handelt. Aus der Roheit der aufgefundenen Artefakte geht hervor, daß in der Höhle sehr niedrig stehende Wilde lebten, welche auf Grund des obigen Fundes für Kannibalen angesehen werden.[9]
Auf der iberischen Halbinsel sind die Menschenknochen, welche sich in den neolithischen Ablagerungen der Grotte von Peniche vorgefunden haben, von DELGADO als Beweise für den Kannibalismus der Vorzeit angesprochen worden. Ein zur Prüfung dieser Frage auf dem Lissabonner prähistorischen internationalen Congress 1880 niedergesetzter Ausschuß war geteilter Ansicht, indem einzelne Mitglieder zustimmten, andere die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit prähistorischer Anthropophagie in diesem Falle zugaben und wieder andere dieselbe leugneten.[10]
Was schließlich unser Vaterland betrifft, so ist auch dieses nicht frei befunden von prähistorischen Kannibalen. In einer der Bronzezeit zugerechneten Höhle beim Dorfe Holzen, unweit Eschershausen, hat A. WOLLEMANN an den Herdstellen Anhäufungen von Menschenknochen gefunden, deren Röhrenknochen sämtlich zerschlagen und angebrannt waren, „so daß an den Feuern ohne Zweifel einst Menschen verbrannt wurden“. Unverletzt dagegen waren die kein Mark enthaltenden Knochen; WOLLEMANN deutet daher die Knochenreste als Überbleibsel kannibalischer Mahlzeiten[11], eine Ansicht, der sich unter näherer Begründung auch Prof. NEHRING angeschlossen hat.[12]
Mindestens den Verdacht der Anthropophagie erregen die alten Höhlenbewohner der neolithischen Zeit, welche in der Einhornhöhle bei Scharzfeld am Harze wohnten. C. STRUCKMANN, der diese Höhle untersuchte, fand darin zahlreiche menschliche Gebeine ohne jede Ordnung wild durcheinander zwischen den zerschlagenen Tierknochen und Topfscherben, also inmitten der Küchenabfälle. Ein Knochen scheint nachweisbar von Menschenhand gespalten. Sichere Beweise aber, daß die Mehrzahl der Knochen absichtlich wegen der Markgewinnung geöffnet wurde, fehlen.[13]
[1] A. SPRING, Rapport sur un mémoire sur l’éthnographie de l’homme du renne par ED. DUPONT. Bull. de l’acad. royale du Belgique. T. XXII. No. 9 und 10.
[2] In MORTILLETs Matériaux pour l’histoire positive et philosophique de l’homme III. 65.
[3] L’Anthropophagie chez les peuples des âges du renne etc. Bull. de la soc. d’Anthropol. 1867. 326.
[4] Bull. d. l. soc. de Géologie de France. T. XXVI. 461.
[5] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1868. 317. 404.
[6] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1869. 476. 485.
[7] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1866. 607. 611 und 1867. 239.
[8] Bull. d. l. soc. d’Anthropol. 1873. 407.
[9] BOYD DAWKINS, Die Höhlen. Deutsch. Leipzig 1876. 208. und Archiv für Anthropologie. IV. 163.
[10] Archiv für Anthropologie. XIII. Supplement. 106-108.
[11] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 1883. 517.
[12] Daselbst. 1884. 88.
[13] Archiv für Anthropologie. XIV. 227-229.