Überlebsel im Volksglauben.

Wie die vergleichende Mythologie in den Volksmärchen und Sagen reichen Stoff zum Wiederaufbau der alten Götterwelt gefunden hat, so können, und mit noch größerem Rechte, die Anklänge, welche Märchen und Sagen verschiedener, heute auf einer hohen Kulturstufe stehender Völker an Menschenfresserei zeigen, als Überlebsel aufgefaßt werden und dazu dienen, das ehemalige Vorhandensein der Anthropophagie bei solchen Völkern darzuthun. Mit größerem Rechte sage ich, weil die Analogie der Naturvölker, bei denen heute noch die Anthropophagie in ausgedehntem Maße herrscht, hier bestätigend zu Hilfe kommt, eine Analogie, die bei Götterrekonstruktionen nicht im gleichen Maße zur Seite steht.

Was in den Mythen und Überlieferungen der klassischen Völker von menschenfressenden Göttern und Helden berichtet wird, gehört auch in das Gebiet, welches hier berührt wird; die Anschauung ist dieselbe, wie in unseren heutigen Märchen und Sagen von Menschenfressern, wenn auch eine Niederschrift schon vor tausenden von Jahren erfolgte. An das Treiben der Höhlenkannibalen, wie prähistorische Funde es uns kennen lehren, oder wie es unsere Zeit in den Höhlen des Basutolandes gesehen hat, erinnert die Schilderung der Odyssee, wo der Kyklop Polyphem nach den Gefährten des Dulders von Ithaka griff,

Deren er zween anpackt, und wie junge Hund’ auf den Boden
Schmettert: blutig entspritzt ihr Gehirn und netzte die Erde.
Dann zerstückt’ er sie Glied vor Glied, und tischte den Schmaus auf,
Schluckte drein, wie ein Leu des Felsengebirgs, und verschmähte
Weder Eingeweide, noch Fleisch, noch die markichten Knochen.

Tantalus, der am Tische der Götter speisen durfte, suchte deren Allwissenheit zu prüfen, indem er ihnen das Fleisch seines wegen Blutschande zerstückelten Sohnes Pelops vorsetzt. Nur Demeter ißt aus Versehen von der Schulter, während die übrigen Götter die Speise erkennen. Atreus tötet die beiden Söhne des Thyestes, läßt die zerstückelten Leichname teils kochen, teils braten und setzt dem Vater beim Gastmahle das Fleisch zu essen, das Blut unter den Wein gemischt zum Trinken vor. Und so öfter.

Sehr reich an Beziehungen zur Anthropophagie ist das Gebiet dessen, was wir heute unter der Bezeichnung „Folklore“ zusammenfassen. Jedoch kann dieses Kapitel nicht eingehend hier behandelt werden, da der Schwerpunkt meiner Arbeit auf ethnographischem Gebiete liegt; aber zeigen läßt sich, daß in der Volkslitteratur die wesentlichen Gesichtspunkte, welche bei der Anthropophagie in Betracht kommen, von dem rohen, sättigenden Genuß des Menschenfleisches, also der rein materiellen Seite, bis zu den damit verknüpften verfeinerten abergläubigen Wahnvorstellungen vorhanden sind.

Der wilde Jäger oder Wod jagt und erlegt (in den pommerschen Sagen) ein paar Frauenzimmer und wirft denen, die ihm bei der Jagd behilflich waren, als Speise und Belohnung ein Frauenbein zu. „Hast mit jacht, kâst uk mit frête.“[14] So verlangt der wendische Bauer von Dissenchen in der Lausitz im Übermut vom Nachtjäger die Hälfte des Jagdertrags. Da bekommt er die Hälfte eines Menschen.[15] Als die Hexen in Swinemünde hungrig waren, sagte die eine zur anderen: Drüben unsere Nachbarin liegt in den Wochen, da wollen wir ihr Kind holen und es schlachten.[16]

Nach dem altertümlichen serbischen Volksglauben fressen die Hexen das Herz aus dem Leibe des Menschen. In einem Liede[17] ruft ein Hirtenknabe, den seine Schwester nicht erwecken kann: Hexen haben mich ausgegessen, Mutter nahm mir das Herz, Base leuchtete ihr. Daß der nämliche Wahn unter den alten Deutschen herrschte, bezeugen Stellen der Volksrechte: si stria hominem comederit.[18] Unsere heutigen Märchen stellen die Hexen als Waldfrauen dar, die sich Kinder zur Speise füttern und mästen[19], also rein materiell das Fleisch genießen.

Die Striglen der Neugriechen hingen mit den Strigen des griechisch-römischen Altertums zusammen, jenen boshaften Zauberfrauen des populären Aberglaubens, von denen man erzählt, daß sie des Nachts in Vogelgestalt zu den Wiegen der Kinder flögen und diesen das Blut aussaugten. In einer unter Johannes’ von Damaskus Namen überlieferten Abhandlung werden die στρίγγαι nach damaliger volkstümlicher Auffassung geschildert als nachts durch die Luft fahrende Frauen, welche die kleinen Kinder erwürgen oder ihnen die Leber ausfressen. Der altertümliche Strigenglaube hat sich noch an einzelnen Orten Griechenlands erhalten.[20]

Auch jener Zug, welcher bei den heutigen Anthropophagen charakteristisch ist und häufig wiederkehrt, die völlige Vernichtung des gehaßten Feindes dadurch, daß man ihn verspeist, ist schon vorhanden in unseren Volksmärchen. Die Stiefmutter Schneewittchens verzehrt Leber und Lunge von einem Frischlinge im Wahne es seien Leber und Lunge des von ihr gehaßten Schneewittchen.

Es zeigen sich desgleichen in der Volkslitteratur jene abergläubischen Vorstellungen, die mit dem Genusse von Menschenfleisch noch heute bei den anthropophagen Naturvölkern verknüpft sind, nämlich, daß der Verspeisende besondere Kräfte und Eigenschaften dadurch erhalte. „Wer ein gekochtes Menschenherz ißt, wird unsichtbar.“[21]

Nicht anders die Chinesen noch heute, bei denen dieser Aberglaube bis zur Ausführung herrscht. The people in the district Cheung-lok seized a youth, carried him to the top of a hill, where they killed him and ate his heart (1871).[22] Ein englischer Kaufmann in Schanghai betraf seinen chinesischen Diener darüber, wie er ein Menschenherz nach Hause brachte, um es dort zu kochen und zu verzehren. Es sei das Herz eines Taipingrebellen, sagte er, und er esse es, um tapfer zu werden.[23]

Auch dämonische Verwandlungen werden durch den Genuß von Menschenfleisch bewirkt. So wird bei den Indern der Knabe Vijayadatta dadurch, daß ihm Menschenhirn an die Lippen spritzt, zum mörderischen, leichenzerfleischenden Rakschasa[24] und nach dem Volksglauben im Braunschweigischen, muß jeder, der Menschenfleisch kostet, auf immer Menschenfresser werden. Bei Seesen ging ein Mädchen durch den Wald, dem begegnete eine Menschenfresserin, die der Kleinen Wurst anbot. Da kam eine weiße Katze, die warnte das Mädchen, ja die Wurst nicht anzunehmen, denn sie war aus Menschenfleisch. Die Katze hängte hierauf die Würste an die Büsche, da kamen Raben und Wölfe und fraßen sie auf. Seit jener Zeit mögen Raben und Wölfe am liebsten Menschenfleisch.[25]

Daß in der russischen Volkslitteratur Spuren vorhanden sind, die auf alte Menschenopfer und Kannibalismus hindeuten, hat WOJEWODSKY nachzuweisen unternommen. Er führt ein Volkslied an, in welchem ein Rätsel aufgegeben ist: Ein menschlicher Körper wird in seine Teile zerlegt und diese werden zu allerlei verbraucht, z. B. aus dem Blut wird Bier gebraut, aus dem Fette macht man Lichter u. dergl. Mit Rücksicht auf die einzelnen Teile werden einzelne Fragen vorgelegt, wie: Was ist das? Etwas Liebes brennt vor mir als Licht. WOJEWODSKY leitet die Entstehung jener Gedichte aus einer Zeit her, in welcher noch Kannibalismus herrschte.[26] Auch das russische Märchen von der schönen Wasilissa gehört hierher. Sie kommt zu einer Hexe, Baba-Jaga, welche im dichten Walde eine Hütte bewohnt. Der Zaun um die Hütte besteht aus Menschenknochen, auf denselben sind Menschenschädel befestigt, an der Thür statt der Pfosten Menschenbeine, statt der Riegel Hände; in der Nacht leuchten an den Schädeln die Augen u. s. w. Den knöchernen Schädeln werden auch heute noch magische Wirkungen in Rußland zugeschrieben.[27]

Die Märchen und Sagen der finnischen Völker im Innern des europäischen Rußland zeigen ebenfalls Anklänge an ehemalige Menschenfresserei. Ein wotjäkisches Märchen[28] berichtet von dem schlauen Knaben Wanka, den eine Hexe durch ihre Tochter braten lassen will. Die Tochter befiehlt ihm sich auf die Schaufel zu setzen, um ihn in den geheizten Backofen zu schieben; er stellt sich aber ungeschickt und als die Tochter es ihm vormacht, schiebt er diese schnell in den Ofen, wo sie gebraten wird. Nun kommt die Alte zu Hause, sieht in den Ofen und spricht: „Ach, Wanka, wie schön du gebraten bist.“ Sie zieht den Menschenbraten hervor und verzehrt ihn. Sie verspeist somit ihr eigenes Kind und diesen Zug finden wir auch anderweitig und die Backofengeschichte spielt gleichfalls in deutschen Märchen.

In den Märchen und Sagen der Turkvölker Südsibiriens leben auch die Menschenfresser fort, wiewohl wir bei den heutigen Viehzüchtern jener Gegenden keinerlei Spuren von Kannibalismus nachzuweisen vermögen. In dem von den Altajern erzählten Märchen von Tardanak und Täktäbäi Märgän werden deutliche Menschenfressergeschichten erzählt, wie in unseren Kindermärchen.[29]

Tardanak wird von dem siebenköpfigen Jälbägän in einen Sack gesteckt um als Speise zubereitet zu werden; mit List befreit er sich daraus, schneidet den Kindern Jälbägäns die Köpfe ab und kocht deren Leiber in einem Kessel. Da kehrt Jälbägän zurück:

Sah das Fleisch, welches im Kessel gekocht war.
Als er das Fleisch sah, sprach er:
Meine Kinder haben gut gethan,
Den Tardanak haben sie getötet
Und gekocht, das ist gut.
Das im Kessel befindliche Fleisch nahm und aß er.

So ist also auch hier der Menschenfresser geprellt und verzehrt die eigenen Kinder im Wahne, einen Fremden zu essen.

Die Anschauungen, wie sie in den Märchen und im Volksaberglauben hier uns entgegentreten, namentlich der Wahn, dass im menschlichen Fleische und Blute Heilkraft vorhanden sei, sie bestehen noch jetzt beim gemeinen Volke und äußern sich praktisch.

Als die Hinrichtungen in Deutschland noch öffentlich waren, ist es häufig vorgekommen, daß Zuschauer ihre Taschentücher in das Blut hingerichteter Verbrecher eintauchten, um sie dann zu Heilzwecken zu benutzen, gerade so wie der arme Heinrich des Hartmann v. d. Aue durch das Herzblut einer reinen Jungfrau vom Aussatz geheilt werden sollte. Bei Daber in Pommern wurde eine Kindsmörderin hingerichtet; als ihr Blut umherspritzte, drängten sich alle Leute, die etwas zu verkaufen hatten, besonders Bäcker und Brauer, heran, um in einem Lappen einige Tropfen davon aufzufangen. Der Lappen mit solchem Blut wurde von den Bäckern in den Brotteig, von den Brauern in das Bier getaucht, damit sie Kundenzulauf erhielten.[30]

Mit solchem Aberglauben hängen auch sich wiederholende Grabschändungen zusammen, wobei den Leichen Blut oder Stückchen Fleisch entnommen werden, um sie Erkrankten einzugeben, wie derlei Fälle 1871 und 1877 festgestellt sind zu Rostasin bei Lauenburg (Pommern) und Heidemühl (Kreis Schlochau). Gottfried Dallian aus Neukirch bei Elbing ermordete und beraubte am 31. Dezember 1865 die ledige Elisabeth Zernickel und verzehrte, wie die Gerichtsverhandlung ergab, einen Teil ihres ausgebratenen Bauchfleisches „um Ruhe in seinem Gewissen zu finden“. Die Herzen ungeborener Kinder gelten vielfach als Schutzmittel für Räuber und Diebe. Sie werden roh, sowie sie dem Leibe der Mutter entrissen waren, gegessen.[31] Berliner Zeitungen vom 13. November 1879 meldeten:

„In einem Gebüsch im Friedrichshain, gegenüber der Elbinger Straße, fand man gestern früh um 8 Uhr einen Sarg, dessen Deckel abgehoben war und in welchem die nur spärlich bekleidete Leiche eines etwa ein Jahr alten Mädchens lag. Die sofort benachrichtigte Polizei des 51. Reviers konstatierte eine grausige Verstümmelung der Leiche: Brust und Leib waren aufgeschnitten und Herz, Leber und Lunge gewaltsam aus dem Körper gerissen. Die sofort angestellten Ermittelungen ergaben, daß das Kind die erst am Mittwoch der vorigen Woche am Keuchhusten verstorbene, Sonntag begrabene Emma Schönberg, das Töchterchen des in der Fischerstraße 29 wohnenden Schuhmachermeisters Schönberg, ist. Die Bestattung hatte auf dem katholischen Kirchhof in Weißensee stattgehabt. Der Chef der Kriminalpolizei, Graf Pückler und der Staatsanwalt haben alle zur Entdeckung der Thäter führenden Maßregeln selbst angeordnet.“ Offenbar liegt hier ein ähnlicher Fall vor, wie die bereits oben gemeldeten. Man sieht also, wie die düstern Anschauungen, die mit ehemaliger Anthropophagie zusammenhängen, bis auf unsre Tage in der Hauptstadt des deutschen Reichs in niederen Volksschichten fortbestehen, Anschauungen, denen wir bei ganzen Völkern im folgenden noch sehr häufig begegnen werden. Ich nehme, der Parallele wegen, hier einen Fall vorweg.

Die mohammedanischen Nubier, mit denen S. W. BAKER seinen Eroberungszug 1872 nilaufwärts nach Unjoro unternahm, waren nicht frei von dem schrecklichen Aberglauben, dass das Verzehren von Menschenfleisch besondere Eigenschaften verleihe. „Diese abergläubischen Leute hatten die Vorstellung, dass jede abgeschossene Kugel einen Mann aus Unjoro töten würde, wenn sie nur ein Stückchen von der Leber ihrer Feinde verzehren könnten. Sie hatten daher die Leber eines Erschossenen herausgeschnitten, unter sich verteilt und positiv roh verzehrt. Den Körper hatten sie mit ihren Schwertbajonetten in Stücken zerlegt, welche sie, zur Warnung für die Leute von Unjoro, auf die Büsche gehängt hatten.“[32]

[14] JAHN, Volkssagen aus Pommern. No. 19 und 21.

[15] VECKENSTEDT, Wendische Sagen. Graz 1880. 43.

[16] KUHN und SCHWARTZ, Norddeutsche Sagen. No. 32.

[17] Vuk. Nr. 363.

[18] In der lex sal. 67. GRIMM, D. M. 611.

[19] GRIMM, Kindermärchen. 51. 56. 113. Auch der siebenbürgische Menschenfresser mästet die drei Schwestern mit Stritzeln und Nüssen. HALTRICH, Deutsche Volksmärchen aus Siebenbürgen.³ No. 38.

[20] B. SCHMIDT, Volksleben der Neugriechen. 136.

[21] GROHMANN, Aberglauben aus Böhmen. No. 1448.

[22] W. LOBSCHEID, Evidence of the affinity of the Polynesians and American Indians. Hongkong 1872. 62.

[23] TYLOR, Early history of Mankind. London 1865. 131.

[24] BROCKHAUS, Somadeva. 142.

[25] COLSHORN, Märchen und Sagen. Hannover 1854. No. 8.

[26] Parallel läuft eine tschechische Sage, mitgetheilt von G. KREK, Einleitung in die slawische Literaturgeschichte. Graz 1874. 265.

[27] Nach einem Referat von L. STIEDA im Archiv f. Anthropologie. XI. 348.

[28] M. BUCH, Die Wotjäken. Helsingfors 1882. 116.

[29] RADLOFF, Volkslitteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens. St. Petersburg 1866. I. 28. 32.

[30] JAHN, Volkssagen aus Pommern. No. 440.

[31] MANNHARDT, Die praktischen Folgen des Aberglaubens. Berlin 1878. 17 ff.

[32] S. W. BAKER, Ismailia. London 1874. II. 354.