Alte geschichtliche Nachrichten über Anthropophagie.

Den Übergang aus der vorgeschichtlichen Zeit zum Kannibalismus der Gegenwart vermitteln uns eine große Anzahl historischer Belegstellen in den Schriften der Alten, die sämtlich, mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, einzelne Völker oder Völkerstämme der alten Welt des Kannibalismus bezichtigen, in ihrer Gesamtheit aber jedenfalls den Beweis herstellen, daß die Anthropophagie im Altertum eine Thatsache war. Hier, wo der Schwerpunkt auf die Anthropophagie bei den Völkern der Gegenwart gelangt ist, kann dieses Kapitel nur kurz behandelt werden, um so mehr, als dasselbe schon wiederholt bearbeitet worden ist.[33]

HERODOT wie STRABO sind eine wahre Fundgrube von Nachrichten über alte Anthropophagen; bemerkbarer Weise beschuldigen sie jedoch meistens solche Völker, die an der Peripherie ihres geographischen Wissens wohnten, Stämme im heutigen Rußland und in Mittelasien. Wenn unter den Massageten, so heißt es beim HERODOT[34], Jemand ein sehr hohes Alter erreicht, so kommen seine nächsten Blutsverwandten zusammen und opfern ihn und mit ihm mehrere Schafe. Nach vollbrachtem Opfer kocht man sowohl den geopferten Anverwandten, als die geschlachteten Schafe und verzehrt beide gemeinschaftlich. Die Massageten halten diese Behandlung ihrer Anverwandten für ein großes Glück. Solche Personen jedoch, die an Krankheiten sterben, verzehren sie nicht, sondern begraben sie; dies wird aber als ein Unglück beklagt, da dem Gestorbenen nicht die Ehre des Begräbnisses im Leibe seiner Verwandten zu teil geworden. Gleichfalls nach HERODOT[35] war es unter den Nachbarn der Massageten, den Issedonen, Sitte, daß die Söhne nach dem Tode der Väter Opfertiere schlachteten, dann die gestorbenen Väter wie die geschlachteten Tiere zerstückelten, beides kochten und verzehrten. Besonders aber hoben sie die Schädel der Verstorbenen als große Heiligtümer auf, fassten sie in Gold und brauchten sie bei ihren jährlichen Opfern. HERODOT nennt selbst in Indien mehrere Völker[36], unter welchen entweder die Kinder ihre verstorbenen Eltern verzehrten, oder wo man jeden kranken Verwandten bald umbrachte, damit das Fleisch sich nicht verschlechtere, weil es zum Verzehren bestimmt war. ARISTOTELES hebt die Anthropophagie einiger Völker am Pontus hervor; es sei dieses, sagt er, tierische Wildheit (θηριότης), krankhaftes Gelüste wie bei den Schwangeren. STRABO berichtet ganz ähnliches von den Derbikern in Margiana. Sie erwürgen Greise, sobald sie das siebzigste Jahr zurückgelegt haben und die Verwandten verzehren deren Fleisch. Alte Frauen von gleichem Alter werden zwar erwürgt, aber nicht gegessen, sondern begraben.[37]

Von Irland (Ἰέρνη) erzählt STRABO[38], daß seine rohen Bewohner „sowohl Menschen- als Vielfresser sind und es für rühmlich halten, ihre verstorbenen Eltern zu verzehren und sich öffentlich zu begatten, sowohl mit andern Frauen, als mit ihren Müttern und Schwestern. Doch auch dieses erzählen wir nur so, ohne glaubwürdige Zeugen zu haben; obgleich wenigstens die Menschenfresserei auch eine Skythische Sitte sein soll und in Belagerungsnöten auch die Kelten, Iberer und mehrere andere dasselbe gethan haben.“ Desgleichen bemerkt DIODORUS SICULUS, daß unter den wilden Bewohner des Nordens und an den Grenzen Skythiens es Menschenfresser gäbe, wie unter den Briten, welche die Iris genannte Insel (das heutige Irland) bewohnen.[39] Bei den blutigen Bacchanalen, die Omophagien genannt wurden und die man alle drei Jahre beging, geschah es nach dem Zeugnis des PORPHYRIUS,[40] daß man, namentlich auf Chios und Tenedos, einen Menschen gliedweise zerstückelte und dessen Fleisch roh verschlang. Aber nicht allein auf Griechenland beschränkten sich solche Mysterienbräuche. Nach SALLUST[41] tranken Catilina und seine Genossen zur Bekräftigung ihres Bundes nicht bloß Menschenblut unter Wein gemischt, sondern es wurde auch nach den bestimmten Versicherungen der Alten ein Knabe geopfert, auf seine Eingeweide geschworen und davon gegessen. JUVENAL redet von den Knabengedärmen, welche der Haruspex durchwühlt. Kleine Kinder zu religiösen Zwecken geopfert zu haben macht HORAZ in seiner fünften Epode der vormals geliebten Canidia zum Vorwurf. Unter den christlichen Vätern erwähnt TERTULLIAN die Schauerlichkeit, wie man bis auf seine Zeit im Bunde des Jupiter Menschenblut getrunken.[42] JUVENAL, welcher unter Domitian nach Ägypten verbannt wurde, warf auch den Ägyptern vor, dass sie den Genuß von Menschenfleisch gestatteten.[43] Noch in die ersten christlichen Jahrhunderte hinein hören wir die Beschuldigung des Kannibalismus vorgetragen. Der heilige HIERONYMUS, welcher gegen Ende des vierten und im Anfang des fünften Jahrhunderts schrieb, schildert als Augenzeuge, daß die Atticoten sich von Menschenfleisch nährten und den Busen der Weiber und den Hintern als besondere Leckerbissen genossen.[44]

Das Angeführte genügt immerhin, um das Vorhandensein der Anthropophagie im Gesichtskreise der Alten nachzuweisen und den Zusammenhang festzustellen, welcher zwischen den Kannibalen der vorgeschichtlichen Zeit und jenen der Gegenwart besteht. Eine nur zu reiche Ausbeute auf diesem Felde werden wir aber halten, wenn wir uns den Völkern der Gegenwart zuwenden und unsern Rundgang mit Asien beginnen.

[33] PETRUS PETITUS, De natura et moribus anthropophagorum. Utrecht 1688. Eine im Archiv für Anthropologie IV. 245-286 befindliche Abhandlung darf nur mit der allergrößten Vorsicht benutzt werden. Eine sehr gute und klare Übersicht giebt Dr. LEONARD KORTH „Geschichtliches und Geographisches über den Kannibalismus“. Ausland 1883. 1001. Aus dieser Übersicht habe ich im nachstehenden einiges entlehnt.

[34] HERODOT I. 216.

[35] HERODOT IV. 26.

[36] HERODOT III. 38. 97. 99.

[37] STRABO p. 520 ed. Casaub.

[38] p. 201 ed. Casaubon.

[39] Editio DINDORF et MÜLLER. Paris 1855. p. 273.

[40] abst. II. 55.

[41] Catil. 22.

[42] Adv. gnost. c. 7. Et Latio in hodiernum diem Jovi media in urbe humanus sanguis ingustatur.

[43] Sat. XV. Noch im 13. Jahrhundert werden die Ägypter, und zwar das ganze Volk, der Menschenfresserei angeklagt. Damals bereiste ein Arzt aus Bagdad, ABD-ALLATIF ihr Land: „Als die Armen Menschenfleisch zu essen begannen, waren Abscheu und Erstaunen darüber so außerordentlich, daß die fürchterlichen Berichte nicht aufhörten, das Tagesgespräch zu bilden. Endlich gewöhnte sich aber das Volk daran und erlangte solchen Geschmack an der schrecklichen Nahrung, daß selbst reiche und geachtete Leute sie als gewöhnliche Speise zu sich nahmen und selbst Vorräte von Menschenfleisch anlegten.“ Winwood Reade, Savage Africa. London 1863. 157. Bei dem alten Kulturvolke der Ägypter läßt sich dagegen keine Spur von Anthropophagie darthun.

[44] Sanctus HIERONYMUS, adversus Jovinianum. lib. II. t. IV. 2ᵃ pars. p. 202 der Folioausgabe. Paris 1706. Quum ipse adolescentulus in Gallia viderim Atticotos, gentem britannicam, humanis vesci carnibus; et quum per sylvas porcorum greges et armentorum pecudumque reperiant, pastorum nates et feminarum et papillas solere abscindere, et has solas ciborum delicias arbitrari. Daß diese Stelle sich auf Anthropophagie beziehe, ist bestritten worden (Archiv für Anthropol. IV. 252).