Als ich zu dem Kommandanten kam, waren alle seine Beamten und auch die Offiziere der Besatzung bereits um ihn versammelt. Es gab also große Soiree. Ich erhielt den Ehrenplatz an seiner Seite. Wir befanden uns in einem größeren Zimmer, welches einem kleinen Saale glich; es wäre Raum genug zur freien Bewegung gewesen, aber ein jeder saß still an seinem Platze, rauchte seine Pfeife, trank den herumgereichten Kaffee und flüsterte leise mit seinem Nachbar. Wenn aber der Mutesselim ein lautes Wort sagte, so neigten sie lauschend die Häupter, wie vor einem mächtigen Herrscher.
Auch meine Unterredung mit ihm wurde leise geführt. Nach einigen Weitschweifigkeiten sagte er:
»Ich habe schon gehört, daß du heute ein Mädchen heiltest, welches vom Teufel besessen war. Mein Hekim hat ihn hineinfahren sehen; er verlangte, daß ich dich fortschicken soll, weil du ein Zauberer bist.«
»Dein Hekim ist ein Thor, Mutesselim! Das Mädchen hatte eine giftige Frucht gegessen, und ich gab ihr ein Mittel, durch welches das Gift unwirksam gemacht wurde. Von dem Teufel oder von einem Geiste war keine Rede.«
»So bist du ein Hekim?«
»Nein. Du weißt ja, wer und was ich bin! Aber im Westen von hier, weit über Stambul hinaus, da, wo ich geboren bin, hat jedermann mehr Kenntnisse über die Krankheiten als dein Hekim, der den Teufel durch eine tote Fliege vertreiben wollte.«
Das war rücksichtslos und wohl auch ein wenig mutig gesprochen; aber es konnte diesen Leuten gar nicht schaden, wenn einmal einer kam, der es wagte, an ihrer Selbstherrlichkeit zu rütteln.
Der Mutesselim that, als hätte er meine scharfe Antwort nicht gehört, und erkundigte sich weiter:
»So kennst du alle Krankheiten?«
»Alle!« antwortete ich sehr entschieden.
»Und kannst auch alle Tränke machen?«
»Alle!«
»Giebt es auch Tränke, die ein guter Moslem nicht trinken darf?«
»Ja.«
»Welche sind es?«
»Die Paksitz[72], welche aus solchen Dingen bereitet werden, deren Genuß der Prophet verboten hat, zum Beispiel Schweinefett und Wein.«
»Wein ist aber auch eine Medizin?«
»Ja, eine sehr wichtige.«
»Wann wird sie getrunken?«
»Bei gewissen Krankheiten des Blut- und Nervensystems, sowie auch der Verdauung als Stärkungs- oder Erregungsmittel.«
Wieder stockte die Unterhaltung. Die Anwesenden begannen wieder leise untereinander zu flüstern, und nach einer Weile wandte sich der Mutesselim auch ebenso leise an mich:
»Effendi, ich bin krank, sehr krank!«
»Ah, ist es möglich! Allah gebe dir deine Gesundheit zurück!«
»Er wird es vielleicht thun, denn ich bin ein guter Moslem und ein treuer, frommer Anhänger des Propheten.«
»An welcher Krankheit leidest du?«
»Ich habe bereits sehr viele Aerzte gefragt; sie sagen alle, daß ich leide an gewissen Krankheiten des Blut- und Nervensystemes, sowie auch der Verdauung.«
Ich konnte mich kaum beherrschen, ihm nicht geradezu in das Gesicht zu lachen. Darum also diese eigentümliche Einleitung, die sich um den Rand herum bewegt hatte, wie »die Katze um den heißen Brei«. Jedenfalls lief die Sache auf eine kleine Bettelei hinaus.
»Haben dir deine Aerzte Mittel gegeben?«
»Ja, aber diese Mittel haben nicht geholfen. Diese Männer waren nicht so klug und unterrichtet wie du. Meinst du nicht, daß ich der Anregung und der Stärkung bedarf?«
»Ich bin davon überzeugt.«
»Würdest du mir ein solches Mittel geben?«
»Ich darf nicht.«
»Warum nicht?«
»Der Prophet verbietet es mir.«
»Der Prophet hat nicht gewollt, daß die wahren Gläubigen an dem Systeme des Blutes und der Nerven untergehen und sterben sollen. Hast du den Kuran aufmerksam gelesen?«
»Sehr aufmerksam.«
»So sage mir, ob du eine einzige Arznei gefunden hast, die darin verboten wird!«
»Keine!«
»Siehst du! Also willst du mir eine Anregung geben?«
»Ich habe die Sachen nicht, welche ich zur Bereitung derselben brauche.«
»Du scherzest wieder, denn du hast sie!«
»Woher wolltest du dies wissen?«
»Dein Diener hat heute solche Dinge bei einem Juden gekauft.«
Ah, der Mutesselim ließ uns also beobachten! Er wußte bereits, daß der kleine Hadschi für den Engländer Wein geholt hatte. Wir mußten also vorsichtig sein, wenn unser Vorhaben nicht verraten werden sollte.
»Es gehört mehr dazu, als das ist, was mein Diener kaufte,« antwortete ich.
»Das Wenige ist besser als gar nichts. Eben weil ich sehr schwach bin, darfst du nicht viele Dinge zusammenmischen. Willst du mir eine einfache Stärkung senden?«
»Gut; du sollst sie haben!«
»Wie viel?«
»Eine Arzneiflasche voll.«
»Emir, das ist viel zu wenig! Ich bin Kommandant und ein sehr langer Mann; der Trank wird alle sein, ehe er durch den ganzen Körper gekommen ist. Siehst du dies ein?«
»Ich sehe es ein, darum werde ich dir eine große Flasche senden.«
»Eine? Nimmt ein Kranker nur einmal Arznei?«
»Nun wohl, du sollst zwei haben!«
»Laß mich täglich einmal nehmen, und zwar eine Woche lang!«
»Mutesselim, ich denke, du wirst dann zu stark werden!«
»O, Emir, das hast du nicht zu befürchten.«
»So wollen wir es denn mit einer Woche versuchen?«
»Aber eine Bitte erfüllst du mir dabei.«
»Welche?«
»Ein Mutesselim darf seinen Untergebenen nie wissen lassen, daß er ein krankes System der Nerven und der Verdauung hat.«
»Das ist richtig!«
»Also wirst du diese Arznei so gut einpacken, daß niemand sieht, daß sie in Flaschen enthalten ist.«
»Ich werde dir diesen Wunsch erfüllen.«
»Hast du auch kranke Nerven, Emir?«
»Nein. Warum sollte ich welche haben?«
»Weil du dir dieses Mittel kaufen ließest.«
»Es war nicht für mich.«
»Für wen sonst? Für den stummen Hadschi Lindsay-Bey?«
»Du sagtest vorhin, daß ein Mutesselim nicht wissen lassen dürfe, daß er ein krankes System habe. Es giebt auch andere Männer, welche dies nicht wissen lassen dürfen.«
»Oder war es für den dritten Mann, der sich gar nicht sehen läßt? Er muß sehr krank sein, weil er nicht aus seiner Stube kommt!«
Das klang wie ein Verhör. Er wollte sich nach Mohammed Emin erkundigen.
»Ja, er ist krank,« antwortete ich.
»Welche Krankheit hat er?«
»Eine Krankheit des Herzens.«
»Kannst du ihn heilen?«
»Ich hoffe es.«
»Ich bedaure, daß du ihn wegen seiner Krankheit nicht mitbringen konntest. Es ist ein Freund von dir?«
»Ein sehr guter Freund.«
»Wie lautet sein Name?«
»Er hat mich gebeten, ihn dir heute noch nicht zu nennen. Du kennst ihn sehr gut, und er will dir eine Ueberraschung bereiten.«
»Ah!« meinte er neugierig. »Eine Ueberraschung? Wann?«
»Sobald seine Krankheit geheilt ist.«
»Wie lange dauert dies noch?«
»Nur einige Tage.«
»Soll ich ihn nicht lieber besuchen, da er nicht zu mir kommen kann?«
»Dieser Besuch würde ihn zu sehr aufregen. Herzkrankheiten sind lebensgefährlich; das wirst du wohl auch wissen?«
»So muß ich warten.«
Wieder versank er in Schweigen; dann begann er von neuem:
»Weißt du, daß du mir ein Rätsel bist?«
»Du mir auch.«
»Warum?«
»Weil du mich rätselhaft findest. Sage mir, ob es bereits jemand gewagt hat, so klar und offen, so aufrichtig und ohne Furcht wie ich, mit dir zu reden!«
»Das ist wahr, Effendi! Ich wollte es auch keinem andern raten! Du aber bist ein Emir, stehst unter dem Schatten des Großherrn und bist mir sehr gut von dem Mutessariff empfohlen; da dulde ich es.«
»Und bei all dieser Furchtlosigkeit bin ich dir ein Rätsel?«
»Ja.«
»Ich will dir helfen, es zu lösen. Frage mich!«
»Ich möchte vor allen Dingen wissen, wie du in den Schutz des Großherrn gekommen bist, wie der Großherr über mich denkt und was er für Pläne hat mit dir und mir. Aber dazu ist heute keine Zeit. Wir werden davon morgen reden, wenn wir allein sind.«
Das war mir lieb. Auch hörte jetzt die Unterhaltung auf, da ein Medah[73] eingeladen wurde, welchen der Kommandant zur Unterhaltung seiner Gäste engagiert hatte. Die Pfeifen wurden von neuem gestopft und angebrannt, die Tassen wieder gefüllt, und dann lauschte man andächtig den Worten des Erzählers.
Er stellte sich in die Mitte des Raumes und erzählte mit singender, lamentierender Stimme die tausendmal gehörten Geschichten von Abu-Szaber, dem schiefmäuligen Schulmeister, dem Liebessklaven Ganem, von Nureddin Ali und Bedreddin Hassan. Dafür erhielt er zwei Piaster und konnte gehen.
Dann erhob sich der Mutesselim, zum Zeichen, daß diese amüsante Soiree beendet sei. Man sagte sich einige fulminante Höflichkeiten, verbeugte sich gegenseitig und war dann froh, dem Kommandanten, dem Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, dem Tabak und Kaffee und dem Medah glücklich entronnen zu sein. Ich hatte das nachträgliche Vergnügen, von Selim Agha unter dem Arm genommen und nach Hause begleitet zu werden.
»Emir, erlaube, daß ich deinen Arm nehme!« bat er.
»Da hast du ihn!«
»Ich weiß, daß ich dies eigentlich nicht sollte, denn du bist ein großer Emir, ein weiser Effendi und ein Liebling des Propheten; aber ich habe dich lieb, und du mußt bedenken, daß ich kein gemeiner Arnaute, sondern ein sehr tapferer Agha bin, der diese Festung gegen fünfzigtausend Feinde verteidigen würde.«
»Das weiß ich. Auch ich habe dich lieb. Komm, laß uns gehen!«
»Wer ist das?«
Er deutete dabei auf eine Gestalt, welche hinter der Ecke gelehnt hatte und nun an uns vorüberstrich und schnell im Dunkel der Häuser verschwand. Ich erkannte den Mann. Es war der Arnaute, der uns angefallen hatte, doch zog ich es jetzt vor, ihn nicht zu erwähnen.
»Es war wohl einer deiner Arnauten.«
»Ja, aber ich habe doch wohl dieses Gesicht noch nicht gesehen.«
»Das Licht des Mondes täuscht.«
»Weißt du, Emir, was ich dir da jetzt sagen wollte?«
»Was?«
»Hm! Ich bin krank.«
»Was fehlt dir?«
»Ich leide an dem System der Nerven und des Blutes.«
»Selim Agha, ich glaube, du hast gehorcht!«
»O nein, Effendi! Aber ich mußte ja euer Gespräch hören, da ich als der Nächste neben dem Mutesselim saß.«
»Jedoch so weit entfernt, daß du lauschen mußtest!«
»Soll man nicht lauschen, wenn man einer Stärkung bedarf?«
»Du willst sie doch nicht etwa von mir verlangen!«
»Wohl von dem alten Hekim? Der würde mir Fliegen geben!«
»Willst du sie in einer Arzneiflasche oder in einer großen Flasche?«
»Du willst sagen, in einigen großen Flaschen!«
»Wann?«
»Jetzt, wenn es dir gefällig ist!«
»So laß uns eilen, daß wir nach Hause kommen!«
»O nein, Emir, denn da ist mir Mersinah im Wege. Sie darf niemals wissen, daß ich ein krankes System der Verdauung habe!«
»Aber sie sollte es doch wissen, da sie dir die Speisen bereitet.«
»Sie würde die Medizin an meiner Stelle trinken. Ich weiß einen Ort, wo man diesen Trank in Ruhe und Sicherheit genießen kann.«
»Wo?«
»Effendi, ein solcher Ort ist allemal bei einem Juden oder bei einem Griechen. Hast du dies noch nicht bemerkt?«
»Sehr oft. Aber man wird dich sehen, und dann erfährt die ganze Stadt, daß du dich nicht ganz auf dein System verlassen kannst!«
»Nur wir beide werden einander sehen. Dieser Jude hat eine kleine Stube, in welche nicht einmal der Mond blicken kann.«
»So komm! Aber laß uns vorsichtig sein, daß wir nicht beobachtet werden.«
Also wieder einen Angriff auf meinen Geldbeutel! Uebrigens war ich ganz vergnügt, den Agha als einen Moslem kennen zu lernen, dem zwar der Wein, nicht aber die Arznei verboten ist, welche aus dem Blute der Trauben gekeltert wird. Ein kleines Räuschchen konnte mir Vorteile bringen.
Nachdem wir einige enge und winkelige Gäßchen passiert hatten, hielten wir vor einem kleinen, armseligen Häuschen, dessen Thüre nur angelehnt war. Wir traten in den dunklen Flur, wo Selim in die Hände klatschte. Sogleich erschien eine krumme, mit einem echt israelitischen Gesichte ausgestattete Gestalt aus der Stube und leuchtete dem Agha in das Gesicht.
»Ihr seid es, Hoheit? Gott Abrahams, bin ich erschrocken, als ich sah im Hause stehen zwei Gestalten statt der Eurigen, die ich gewohnt bin, alle Tage die Ehre zu haben, zu empfangen in meinem Hause mit Vergnügen und sehr tiefer Unterthänigkeit!«
»Mach auf, Alter!«
»Mach auf? Was? Die Stube, welche ist die kleine oder die große?«
»Die kleine!«
»Bin ich auch sicher, daß dieser Mann, welcher hat die Ehre, mit Euch zu kommen in mein Haus, nicht wird sein ein Herr, dessen Mund redet von Dingen, die von mir geschehen aus Barmherzigkeit und doch nicht sollen werden besprochen, weil mich dann bestrafen würde der mächtige Mutesselim?«
»Du bist ganz sicher. Oeffne, oder ich mache mir selbst auf!«
Der Alte schob einige Bretter zur Seite, hinter denen eine Thüre zum Vorschein kam. Sie führte in ein sehr kleines Gemach, dessen Boden mit einer zerrissenen Bastmatte belegt war. Einige Mooskissen bildeten die Sofas.
»Soll ich brennen an die Lampe?«
»Natürlich!«
»Was werden begehren die Herren zu trinken?«
»Wie immer!«
Jetzt brannten zwei Flammen, und der Jude konnte mich, der ich bisher stets hinter Selim gestanden, nun besser betrachten.
»Katera Musa[74], das ist ein hoher Effendi und ein großer Held des Krieges! Ist er doch behangen mit glänzenden Silahs[75], trägt einen goldenen Kuran am Halse und hat einen Simbehl[76] wie Jehoschuah, der Eroberer des Landes Kanaan. Da darf ich nicht bringen den Gewöhnlichen, sondern ich muß gehen in eine Ecke des Kellers, wo da liegt vergraben ein Trank, den nicht ein jeder bekommt.«
»Was für welcher ist es?« fragte ich.
»Es ist Wein von Türbedi Haidari, aus einem Lande, welches niemand kennt und wo Trauben wachsen, deren Beeren sind wie die Aepfel und deren Saft kann umreißen die Mauern einer ganzen Stadt.«
»Bringe eine Flasche!« befahl der Agha.
»Nein, bringe zwei Krüge! Du mußt nämlich wissen, daß der Wein von Türbedi Haidari nur in großen Thonkrügen aufbewahrt und nur aus kleinen Krügen getrunken wird,« sagte ich.
»Du kennst ihn?« fragte der Jude.
»Ich habe ihn oft getrunken.«
»Wo? Wo liegt dieses Land?«
»Der Name, den du nanntest, ist der Name einer Stadt, welche in Terbidschan in Persien liegt. Der Wein ist gut, und ich hoffe, daß du verstanden hast, ihn zu behandeln. Was kostet er?«
»Du bist ein vornehmer Herr; darum sollst du ihn haben halb umsonst. Du wirst bezahlen dreißig Piaster für den Krug.«
»Das ist halb umsonst? Bringe die zwei Krüge, damit ich ihn koste. Dann werde ich dir sagen, wie viel ich gebe!«
Er ging. In einer Ecke lehnten einige Pfeifen neben einem Kästchen mit Tabak. Wir setzten uns und griffen nach den Pfeifen, die ohne Spitze waren. Ich zog mein Mundstück aus der Tasche und schraubte es an; dann versuchte ich den Tabak; es war ein guter Perser.
»Was ist drüben auf der andern Seite des Hauses, Selim Agha?« fragte ich.
»Ein Spezereiladen und eine Kaffeestube. Hinten ist eine Opiumbude und eine Weinschänke für das Volk; hier aber dürfen nur vornehme Herren eintreten,« erklärte er mir mit selbstgefälligem Gesichte.
Ich kann sagen, daß ich mich auf diesen Wein freute. Es ist ein roter, dicker und ungemein starker Naturtrank, von dem drei Schluck genügen, um einen Menschen, der noch nie Wein getrunken hat, in einen gelinden Rausch zu versetzen. Selim liebte das Getränk Noahs, aber ich war überzeugt, daß ihn der Krug mehr als überwältigen werde.
Da kam der Wirt mit zwei Krügen, von denen jeder vielleicht einen Liter faßte. Hm, armer Selim Agha! Ich versuchte einen Schluck. Der Wein hatte auf der Reise gelitten, ließ sich aber trinken.
»Nun, Hoheit, wie ist er?« fragte der Jude.
»Er ist so, daß ich dir für den Krug zwanzig Piaster geben werde.«
»Herr, das ist geboten zu wenig, viel zu wenig! Für zwanzig Piaster werde ich wieder mitnehmen meinen Wein und dir bringen einen andern.«
»Im Lande, wo er bereitet wird, gebe ich nach hiesigem Gelde für diesen Krug vier Piaster. Du siehst, ich will gut bezahlen, aber wenn dir das nicht genügt, so nimm ihn wieder mit!«
Ich stand auf.
»Was soll ich bringen für welchen?«
»Keinen! Ich trinke nur diesen für zwanzig Piaster, den du mir auch für fünfzehn ließest. Bekomme ich ihn nicht, so gehe ich, und du magst ihn selbst trinken.«
»So wird ihn trinken die Hoheit des Selim Agha.«
»Er wird mit mir gehen.«
»Gieb neunundzwanzig!«
»Nein.«
»Achtundzwanzig!«
»Gute Nacht, Alter!«
Ich öffnete die Thüre.
»Komm her, Effendi! Du sollst ihn doch haben für zwanzig Piaster, weil es mir ist eine Ehre, dich zu sehen in meinem Hause.«
Der Handel war also abgeschlossen, und jedenfalls sehr zur Zufriedenheit des Juden, der sich, nachdem ich ihm das Geld gegeben hatte, mit verstecktem Schmunzeln entfernte. Der Agha kostete ein wenig und that dann einen tiefen Zug.
»Allah illa Allah! Wallah, Billah, Tallah! Solchen habe ich noch nicht bekommen. Glaubst du, daß er gut ist für ein krankes System, Emir?«
»Sehr gut!«
»Oh, wenn das die >Myrte< wüßte!«
»Hat sie auch ein System?«
»Ein sehr durstiges, Effendi!«
Er that einen zweiten und nachher einen dritten Zug.
»Das ist kein Wunder,« meinte ich. »Sie hat sehr viel zu sorgen, zu schaffen und zu arbeiten.«
»Für mich nicht; das weiß Allah!«
»Aber für deine Gefangenen.«
»Sie bringt ihnen täglich einmal Essen, Brot und Mehlwasser.«
»Wie viel giebt dir der Mutesselim für jeden Gefangenen?«
»Dreißig Para täglich.«
Also fünfzehn Pfennige ungefähr! Davon blieb sicherlich die Hälfte in den Händen Selims kleben.
»Und was erhältst du für die Beaufsichtigung?«
»Zwei Piaster täglich, die ich aber noch niemals bekommen habe. Ist es da ein Wunder, daß ich diese schöne Arznei noch gar nicht kenne?«
Er that abermals einen Zug.
»Zwei Piaster? Das ist sehr wenig, zumal dir die Gefangenen sehr viele Mühe machen werden.«
»Mühe? Gar keine! Was soll ich mir mit diesen Halunken für Mühe geben? Ich gehe täglich einmal in das Gefängnis, um nachzusehen, ob vielleicht einer gestorben ist.«
»Zu welcher Zeit thust du das?«
»Wenn es mir paßt.«
»Auch des Nachts?«
»Ja, wenn ich am Tage es vergessen hatte und grad ausgegangen war. Wallahi, da fällt mir ein, daß ich heute noch nicht dort gewesen bin!«
»Meine Ankunft hat dich gestört.«
»Das ist wahr, Effendi.«
»So mußt du nachsehen?«
»Das werde ich nicht thun.«
»Warum nicht?«
»Die Kerle sind es nicht wert, daß ich mich bemühe!«
»Richtig! Aber wirst du dir nicht den Respekt verscherzen?«
»Welchen Respekt?«
»Du bist doch Agha, ein hoher Offizier. Deine Arnauten und Unteroffiziere müssen Angst vor dir haben! Nicht?«
»Ja, das müssen sie. Bei Allah, das müssen sie!« beteuerte er.
»Auch der Sergeant, der im Gefängnis ist?«
»Auch dieser. Natürlich! Dieser Mazir ist überhaupt ein widerspenstiger Hund. Er muß Angst haben!«
»So mußt du ihn gut beaufsichtigen, mußt ihn zuweilen überraschen, um zu sehen, ob er im Dienste pünktlich ist, sonst wird er dich niemals fürchten!«
»Das werde ich; ja, bei Allah, ich werde es!«
»Wenn er sicher ist, daß du nicht kommst, so sitzt er vielleicht beim Kawedschi[77] oder bei den Tänzerinnen und lacht dich aus.«
»Das soll er wagen! Ich werde ihn überraschen, morgen oder auch heute noch. Emir, willst du ihn mit überraschen?«
Ich hütete mich wohl, einen Zweifel darüber blicken zu lassen, ob ich überhaupt das Recht habe, in dem Gefängnisse Zutritt zu nehmen; ich that im Gegenteile so, als ob ich ihm mit meiner Begleitung eine Ehre erwiese:
»Ist so ein Kerl es wert, daß er das Angesicht eines Emir sieht?«
»Du begleitest mich doch nicht um seinet-, sondern um meinetwillen.«
»Dann muß mir aber auch die Ehre erwiesen werden, die einem Emir und Effendi, der das Gesetz studiert hat, gebührt!«
»Das versteht sich! Es wird so sein, als ob mich der Mutesselim selbst begleitete. Du sollst das Gefängnis inspizieren.«
»So gehe ich mit, denn ich bin überzeugt, daß mich diese Arnauten nicht für einen Khawassen halten.«
Er hatte nur noch eine kleine Neige im Kruge, und ich hatte mit ihm gleichen Schritt gehalten. Seine Augen wurden kleiner, und die Spitzen seines Schnurrbartes standen auf Krakehl.
»Wollen wir uns noch einen Krug kommen lassen, Selim Agha?« fragte ich ihn.
»Nein, Effendi, wenn es dir beliebt. Ich dürste danach, diesen Mazir zu überraschen. Wir werden morgen wieder hierhergehen!«
Der Sergeant wurde nur vorgeschoben, in Wirklichkeit aber mochte der gute Agha die Gefährlichkeit des Weines aus Türbedi Haidari bereits verspüren. Er legte die Pfeife fort und erhob sich ein wenig unsicher.
»Wie war der Tabak, Effendi?« erkundigte er sich.
Ich ahnte den Grund und antwortete deshalb:
»Schlecht. Er macht Kopfschmerzen und Schwindel.«
»Bei Allah, du hast recht. Dieser Tabak schwächt das System des Blutes und der Nerven, während man doch gekommen ist, es zu stärken. Komm, laß uns gehen!«
»Müssen wir denn dem Juden unsere Entfernung melden?«
»Ja.«
Er klatschte in die Hände. Das war wieder das Zeichen; dann traten wir in das Freie. Das kurze Weinstudium war für mich vorteilhaft gewesen.
»Komm, Emir, gieb mir deinen Arm! Du weißt, ich liebe dich!«
Es war weniger die Liebe als vielmehr die Schwächung seines »Systems«, welche ihn bewog, diese Bitte auszusprechen; denn als ihm die frische Abendluft entgegenwehte, verriet er den sichtbarsten Eifer, in jene akrobatische Fatalität zu verfallen, in welcher man den Nadir mit dem Zenith zu verwechseln pflegt.
»Nicht wahr, Mohammed war ein gescheiter Kerl, Emir?« fragte er so laut, daß ein eben Vorübergehender stehen blieb, um uns etwas in Augenschein zu nehmen.
»Warum?«
»Weil er die Arzneien nicht verboten hat. Hätte er auch dies noch gethan, so müßte man aus den Trauben Tinte machen. Weißt du, wo das Gefängnis liegt?«
»Hinter deinem Hause.«
»Ja; du hast immer recht, Emir. Aber wo liegt unser Haus?«
Das war nun eine jener leichten Fragen, die sich doch sehr schwer beantworten lassen, wenn nicht die Antwort ebenso albern sein soll, wie die Frage.
»Grad vor dem Gefängnisse, Agha.«
Er blieb stehen oder versuchte vielmehr, still zu stehen, und sah mich überrascht an.
»Emir, du bist just ein ebenso gescheiter Kerl wie der alte Mohammed; nicht? Aber ich sage dir, dieser Tabak ist mir so in das Gehirn gefahren, daß ich hier rechts das Gefängnis sehe und dort links ebenso. Welches ist das richtige?«
»Keines von beidem. Da rechts steht eine Eiche, und das da oben links, das ist eine Wolke.«
»Eine Wolke? Allah illa Allah! Erlaube, daß ich dich ein wenig fester halte!«
Der wackere Agha führte mich und zeigte dabei jene merkwürdige Manie des unwillkürlichen Fortschrittes, welchen man in einigen Gegenden Deutschlands »eine Lerche schießen« nennt. So kamen wir allerdings ziemlich schnell weiter, und es gelang mir endlich, ihn vor das Gebäude zu bringen, welches ich für das Gefängnis hielt, obgleich ich es von seiner vorderen Seite noch nicht gesehen hatte.
»Ist dies das Zindan?«[78] fragte ich ihn.
Er schob den Turban in das Genick und blickte sich nach allen Seiten um.
»Hm! Es sieht ihm ähnlich. Emir, bemerkst du niemand in der Nähe, den man fragen kann? Ich habe dich so fest halten müssen, daß mir die Augen wirbeln, und das ist schlimm; denn diese Häuser sprangen an mir vorbei wie eine galoppierende Karawane.«
»Ich sehe keinen Menschen. Aber es muß es sein!«
»Wir wollen einmal probieren!«
Er fuhr mit der Hand in seinen Gürtel und vigilierte nach etwas, was er nicht finden konnte.
»Was suchest du?«
»Den Schlüssel zur Gefängnisthüre.«
»Hast du ihn?«
»Stets! Lange du doch einmal her und sieh, ob du ihn findest!«
Ich suchte und fand den Schlüssel sofort. Man mußte ihn bei dem ersten Griffe fühlen, denn er war so groß, daß man ihn mit einer Bärenkugel Nummer Null hätte laden können.
»Hier ist er. Soll ich schließen?«
»Ja, komm! Aber ich denke mir, daß du das Loch nicht finden wirst, denn dein System hat sehr gelitten.«
Der Schlüssel paßte, und bald knarrte die Thüre in ihren Angeln.
»Gefunden!« meinte er. »Diese Töne kenne ich sehr genau. Laß uns eintreten!«
»Soll ich die Thüre wieder zuschließen?«
»Versteht sich! In einem Gefängnisse muß man vorsichtig sein.«
»Rufe den Schließer!«
»Den Sergeant? Wozu?«
»Er soll uns leuchten.«
»Fällt mir gar nicht ein! Wir wollen doch den Schurken überraschen!«
»Dann mußt du leiser sprechen!«
Er wollte vorwärts, stolperte aber so, daß er gefallen wäre, wenn ich ihn nicht mit beiden Händen gehalten hätte.
»Was war das? Emir, wir sind dennoch in ein fremdes Haus geraten!«
»Wo ist der Raum, in dem sich der Sergeant befindet? Liegt er zu ebener Erde?«
»Nein, sondern eine Treppe hoch.«
»Und wo führt die Treppe hinauf, hinten oder vorn?«
»Hm! Wo war es nur! Ich glaube, vorn. Man hat von der Thüre aus noch sechs bis acht Schritte zu gehen.«
»Rechts oder links?«
»Ja, wie stehe ich denn? Hüben oder drüben? O Emir, deine Seele kann die Arznei nicht gut vertragen; denn du hast mich so schief gestellt, daß dieser Hausflur nicht gradaus läuft, sondern von unten hinauf in die Höhe!«
»So komm her! Hinter dir ist die Thüre; hier ist rechts, und da ist links. An welcher Seite nun geht die Treppe empor?«
»Hier links.«
Wir schritten vorsichtig weiter, und mein tastender Fuß stieß wirklich bald an die unterste Stufe einer Treppe.
»Da sind die Stufen, Agha!«
»Ja, das sind sie. Falle nicht, Emir! Du warst noch nie in diesem Hause; ich werde dich sehr sorgfältig leiten.«
Er hing sich schwer an mich, so daß ich ihn die mir unbekannte Treppe förmlich emportragen mußte.
»Jetzt sind wir oben. Wo ist die Stube des Sergeanten?«
»Rede leiser; ich höre alles! Rechts die erste Thür ist es.«
Er zog mich fort, aber grad aus statt nach rechts; ich schwenkte ihn also herum und fühlte nach einigen Schritten die Thüre, welche ich tastend untersuchte.
»Ich fühle zwei Riegel, aber kein Schloß.«
»Es giebt keins.«
»Die Riegel sind vorgeschoben.«
»Dann sind wir am Ende doch in ein fremdes Haus geraten!«
»Ich werde öffnen.«
»Ja thue es, damit ich erfahre, woran ich mit dir bin!«
Ich schob die schweren Riegel zurück. Die Thüre ging nach außen auf. Wir traten ein.
»Giebt es ein Licht in der Stube des Sergeanten?«
»Ja. Die Lampe steht mit dem Feuerzeuge links in einem Mauerloche.«
Ich lehnte ihn an die Wand und suchte. Das Loch, nebst dem Nötigen wurde entdeckt, und bald hatte ich die Lampe angebrannt.
Der Raum war eng und klein. Eine Binsenmatte lag auf der Diele; sie hatte als »Möbel für alles« zu dienen. Ein zerbrochener Napf, ein Paar zerrissene Schuhe, ein Pantoffel, ein leerer Wasserkrug und eine Peitsche standen und lagen auf dem Boden herum.
»Nicht da! Wo steckt dieser Mensch?« fragte der Agha.
»Er wird bei den Arnauten sein, die auch hier zu wachen haben.«
Er nahm die Lampe und wankte voran, stieß aber an den Thürpfosten.
»Schiebe mich nicht, Emir. Komm, halte die Lampe; ich will dich lieber führen, sonst könntest du mich die Treppe hinabwerfen. Ich liebe dich und bin dein Freund, dein bester Freund; darum rate ich dir, nie wieder diese persische Arznei zu trinken. Sie macht dich ja ganz gewaltthätig!«
Ich mußte allerdings einige Gewalt anwenden, um ihn unbeschädigt hinabzubringen. Als wir vor der bezeichneten Thüre anlangten, war auch sie verschlossen, und als wir sie öffneten, fanden wir auch diesen Raum leer. Er glich mehr einem Stalle als der Wohnung eines Menschen und ließ sehr Trauriges über die Asyle der Gefangenen erraten.
»Auch fort! Emir, du hattest recht. Diese Schurken sind fortgelaufen, statt zu wachen. Aber sie sollen lernen, mich zu fürchten. Ich lasse ihnen die Bastonnade geben; ja, ich lasse sie sogar aufhängen!«
Er versuchte, die Augen zu rollen, aber er brachte es nicht fertig; der Wein wirkte je länger desto kräftiger; sie fielen ihm zu.
»Was thun wir nun?«
»Was meinst du, Emir?«
»Ich an deiner Stelle würde warten, um die Arnauten so zu empfangen, wie sie es verdient haben.«
»Freilich werde ich dies thun. Aber wo warten wir?«
»Hier oder oben.«
»Hier. Ich steige nicht erst wieder hinauf; du wirst mir zu schwer, Effendi. Sieh, wie du wankst! Setze dich nieder!«
»Ich denke, wir wollen die Gefängnisse inspizieren?«
»Ja, das wollten wir,« sagte er ermüdet. »Aber, diese Menschen sind es nicht wert. Es sind lauter Spitzbuben, Diebe und Räuber, Kurden und auch ein Araber, welcher der schlimmste von allen ist.«
»Wo steckt dieser Kerl?«
»Hier nebenan, weil er am schärfsten bewacht werden soll. So setze dich doch!«
Ich ließ mich neben ihm nieder, obgleich der Boden nur aus hartgestampftem Lehm bestand und den höchsten Grad von Unreinlichkeit zeigte. Der Agha gähnte.
»Bist du müde?« fragte er mich.
»Ein wenig.«
»Darum gähnst du so. Schlafe, bis sie kommen. Ich werde dich wecken. Allah illa Allah, du bist ganz schwach und unzuverlässig geworden! Aber ich werde es mir so bequem wie möglich machen.«
Er streckte sich aus, stemmte den Ellenbogen auf und legte den Kopf in die Hand. Eine lautlose Stille trat ein, und nach einer kleinen Weile sank der Kopf vollends nieder — der Herr des Gefängnisses schlief.
Wie oft hatte ich gelesen, daß ein Gefangener durch die Berauschung seiner Wächter befreit worden sei, und mich über diesen verbrauchten Schriftstellercoup geärgert! Und jetzt befand ich mich in voller Wirklichkeit infolge eines Rausches in dem Besitze aller Gefangenen. Sollte ich dem Haddedihn Thor und Thüre öffnen? Das wäre wohl unklug gewesen. Wir waren nicht vorbereitet, augenblicklich die Stadt zu verlassen. Am Thore standen Wachen, welche sicher Verdacht geschöpft hätten. Auf den armen Agha wäre die ganze Schuld gefallen und — ich mußte ganz offen als der Thäter bezeichnet werden, was mir große Gefahr bringen oder wenigstens später viele Ungelegenheiten bereiten konnte. Es war jedenfalls besser, den Gefangenen so verschwinden zu lassen, daß sein Entkommen ganz unbegreiflich blieb. Das war jetzt in meine Hand gegeben und machte es mir möglich, jeden Verdacht von mir fern zu halten. Ich beschloß also, heute mit dem Haddedihn nur zu sprechen, und die Flucht erst dann zu bewerkstelligen, wenn sie gehörig vorbereitet sein würde.
Der Agha lag am Boden und schnarchte laut bei offen stehendem Munde. Ich rüttelte ihn erst leise und dann stärker am Arme. Er erwachte nicht. Nun ergriff ich die Lampe und verließ die Stube, deren Thüre ich leise zumachte. Auch einen der Riegel schob ich lautlos vor, um auf keinen Fall überrascht zu werden. Ich hatte bereits vorhin achtgegeben und bemerkt, daß alle Thüren ohne Schlösser und nur mit zwei Riegeln versehen waren. Einen Schlüssel brauchte ich also nicht zu suchen.
Es war mir doch ein wenig verändert zu Mute, als ich so allein draußen auf dem Gange stand, dessen Finsternis von dem kleinen Lichte der Lampe nicht durchdrungen werde konnte. Aber ich hielt mich auf alles gefaßt. Wäre ein zwingender Umstand eingetreten, so hätte ich alles gewagt, um nicht ohne den Gefangenen fortzukommen. Ich schob die Riegel zurück, öffnete und ließ die Thüre weit offen stehen, um jeden Laut vernehmen zu können, nachdem ich eingetreten war.
Ja, es war ein Loch, welches ich erblickte! Ganz ohne die Vermittelung von einigen Stufen fiel der vor mir liegende Raum hart hinter der Thüre über zwei Ellen tief hinab. Er hatte eine Länge von vier und eine Breite von zwei Schritten ungefähr und zeigte weder Tünche, noch Holz- oder Lehmboden. Oben, dicht unter der Decke war eines jener Löcher angebracht, die ich am Tage von außen bemerkt hatte, und außer einem »Napfe« mit Wasser, wie man ihn einem Hunde vorgesetzt haben würde, sah ich nichts als den Gefangenen in dieser Höhle.
Er hatte auf der feuchten dumpfen Erde gelegen, war aber bei meinem Erscheinen aufgestanden. Hohläugig und abgemagert, glich er einem Halbtoten, aber dennoch war seine Haltung eine stolze, und sein Auge blitzte zornig, als er mich fragte:
»Was willst du? Darf man nicht einmal schlafen?«
»Sprich leise! Ich gehöre nicht zu deinen Wächtern. Wie ist dein Name?«
»Warum fragest du?«
»Sprich noch leiser, denn man soll uns nicht hören. Wie heißest du?«
»Das wirst du wissen!« antwortete er, aber doch mit gedämpfter Stimme.
»Ich vermute es, aber ich will aus deinem Munde wissen, wer du bist.«
»Man nennt mich Amad el Ghandur.«
»So bist du jener, den ich suche. Versprich mir, ganz ruhig zu sein, was ich dir auch sagen werde!«
»Ich verspreche es!«
»Mohammed Emin, dein Vater, ist in der Nähe.«
»Allah il Al— — —!«
»Schweig! Dein Ruf kann uns verraten!«
»Wer bist du?«
»Ein Freund deines Vaters. Ich kam als Gast zu den Haddedihn und habe an der Seite deines Vaters gegen eure Feinde gekämpft. Da hörte ich, daß du gefangen seiest, und wir haben uns aufgemacht, dich zu befreien.«
»Allah sei gelobt! Aber ich kann es nicht glauben!«
»Glaube es! Siehe, dieses Fenster geht in einen Hof, welcher an einen Garten stößt, der zu dem Hause gehört, in dem wir wohnen.«
»Wie viele Männer seid ihr?«
»Nur vier. Dein Vater, ich, noch ein Freund und mein Diener.«
»Wer bist du, und wer ist dieser Freund?«
»Laß das für später, denn jetzt müssen wir eilen!«
»Fort?«
»Nein. Wir sind noch nicht vorbereitet, und ich kam zufällig hierher, ohne es vorher geahnt zu haben. Kannst du lesen?«
»Ja.«
»Aber es fehlt dir das Licht dazu.«
»Zur Mittagszeit ist es hell genug.«
»So höre. Ich könnte dich gleich jetzt mitnehmen, aber das wäre zu gefährlich; doch ich versichere dir, daß es nur ganz kurze Zeit noch dauern wird, bis du frei sein wirst. Noch weiß ich nicht, was wir beschließen werden; aber wenn du einen Stein durch das Fenster fallen hörst, so hebe ihn auf; es wird ein Papier daran gebunden sein, welches dir sagt, was du thun sollst.«
»Herr, du giebst mir das Leben zurück; denn beinahe wäre ich verzweifelt! Wie habt ihr erfahren, daß man mich nach Amadijah geschleppt hat?«
»Ein Dschesidi sagte es mir, den du am Wasser getroffen hast.«
»Das stimmt,« antwortete er schnell. »O, nun sehe ich, daß du die Wahrheit redest! Ich werde warten, aber grüße den Vater von mir!«
»Ich werde es noch heute thun. Hast du Hunger?«
»Sehr!«
»Könntest du Brot, Licht und Feuerzeug verstecken?«
»Ja. Ich grabe mit den Händen ein Loch in die Erde.«
»Hier hast du meinen Dolch dazu. Es ist für alle Fälle gut, wenn du eine Waffe hast. Aber sie ist mir kostbar; laß sie nicht entdeckt werden!«
Er griff hastig zu und drückte sie an die Lippen.
»Herr, Allah mag dir das in deiner Todesstunde gedenken! Nun habe ich eine Waffe; nun werde ich frei sein, auch wenn ihr nicht kommen könnt!«
»Wir werden kommen. Unternimm ja nichts Vorschnelles; das könnte dich und deinen Vater in große Gefahr versetzen.«
»Ich werde eine ganze Woche warten. Seid ihr dann noch nicht gekommen, so handle ich selbst.«
»Gut! Wenn es geht, werde ich dir noch diese Nacht Speise, Licht und Feuerzeug durch das Fenster bringen. Vielleicht können wir auch miteinander sprechen. Wenn es ohne Gefahr geschehen kann, sollst du die Stimme deines Vaters hören. Jetzt, lebe wohl; ich muß gehen!«
»Herr, reiche mir deine Hand!«
Ich hielt sie ihm entgegen. Er drückte sie mit beiden Händen, daß es mich schmerzte.
»Allah segne diese Hand, solange sie sich bewegt, und wenn sie sich zum Todesschlaf gefaltet hat, so möge dein Geist sich im Paradiese freuen der Stunde, in welcher du mein Engel wurdest! Jetzt gehe, damit dir nichts widerfahre!«
Ich verschloß das Gefängnis und begab mich leise zum Agha zurück. Er schlief und schnarchte noch immer, und ich setzte mich nieder. So saß ich wohl eine ganze Stunde lang, bis ich Schritte vernahm, welche vor der Hausthür halten blieben. Schnell zog ich die bisher offene Thüre zu und rüttelte den Agha munter. Es war dies keine leichte Arbeit, besonders da sie schnell geschehen mußte. Ich stellte ihn aufrecht empor. Er starrte mich verwundert an.
»Du, Emir? Wo sind wir?«
»Im Gefängnisse. Raffe dich zusammen!«
Er schaute sich verdutzt um.
»Im Gefängnisse? Ah! Wie kommen wir hierher?«
»Denke an den Juden und an die Arznei; denke auch an den Sergeant, den wir überraschen wollen!«
»Den Serg— — — Maschallah, jetzt weiß ich es! Ich habe geschlafen. Wo ist er? Ist er noch nicht da?«
»Sprich leiser! Hörst du? Sie stehen noch unter der Thüre und reden miteinander. Reibe dir den Schlaf aus dem Gesichte!«
Der gute Selim sah sehr jämmerlich aus; aber er hatte wenigstens die Besinnung wieder gefunden und vermochte ohne Schwanken aufrecht zu stehen. Und jetzt, als die Hausthür verschlossen wurde, nahm er die Lampe in die Hand, stieß unsere Thüre auf und trat in den Gang hinaus. Ich folgte ihm. Die Uebelthäter blieben erschrocken stehen, während er auf sie zuschritt.
»Wo kommt ihr her, ihr Hunde?« fuhr er sie an.
Seine Stimme klang wie Donner in dem langen, schmalen Raum.
»Vom Kawedschi,« antwortete der Sergeant nach einigem Zögern.
»Vom Kawedschi! Während ihr hier wachen sollt! Wer hat euch die Erlaubnis erteilt, fortzugehen?«
»Niemand!«
Die Leute zitterten vor Angst; sie dauerten mich. Ihre Nachlässigkeit war mir ja von so großem Vorteile gewesen. Trotz des kleinen Flämmchens sah ich, wie schrecklich der Agha seine Augen rollen ließ. Die Spitzen seines Bartes bebten, und seine Hand ballte sich vor Wut. Aber er mochte bemerken, daß er denn doch noch nicht ganz fest auf den Füßen stehe, und daher besann er sich eines Besseren.
»Morgen erhaltet ihr eure Strafe!«
Er setzte die Lampe auf eine der Treppenstufen und wandte sich zu mir:
»Oder meinst du vielleicht, Emir, daß ich gleich jetzt das Urteil fälle? Willst du haben, daß ich den einen durch die andern auspeitschen lasse?«
»Verschiebe ihre Züchtigung bis morgen, Selim Agha! Sie kann ihnen ja nicht entgehen.«
»Ich thue deinen Willen. Komm!«
Er öffnete die Thüre und verschloß sie von draußen wieder.
Wir gingen nach Hause, wo uns die >Myrte< erwartete.
»Warest du so lange beim Mutesselim?« fragte sie ihn argwöhnisch.
»Mersinah,« antwortete er, »ich sage dir, daß wir eingeladen wurden, bis zum frühen Morgen zu bleiben; aber ich wußte dich allein zu Hause und habe darum die Gastfreundlichkeit des Kommandanten abgeschlagen. Ich will nicht haben, daß dir die Russen den Kopf abschneiden. Es giebt Krieg!«
Sie schlug erschrocken die Hände zusammen.
»Krieg? Zwischen wem denn?«
»Zwischen den Türken, Russen, Persern, Arabern und Kurden. Die Russen stehen bereits mit hunderttausend Mann und dreitausend Kanonen vier Stunden von hier in Serahru.«
»O Allah! Ich sterbe; ich bin bereits tot! Mußt du auch mitkämpfen?«
»Ja. Fette mir noch heute nacht die Stiefel ein! Aber laß keinen Menschen etwas wissen. Der Krieg ist jetzt noch Staatsgeheimnis, und die Leute von Amadijah sollen es erst erfahren, wenn die Russen morgen die Stadt umzingelt haben.«
Sie taumelte und setzte sich ganz entkräftet auf den ersten besten Topf, der in ihrer Nähe stand.
»Schon morgen! Morgen sind sie wirklich da?«
»Ja.«
»Und sie werden schießen?«
»Sehr!«
»Selim Agha, ich werde dir deine Stiefel nicht einschmieren!«
»Warum nicht?«
»Du darfst nicht Krieg führen helfen; du sollst nicht erschossen werden!«
»Gut! Das ist mir sehr lieb, denn dann kann ich schlafen gehen. Gute Nacht, Effendi! Gute Nacht, meine süße Mersinah!«
Er trat ab. Die Blume des Hauses blickte ihm etwas verwundert nach; dann erkundigte sie sich:
»Emir, ist es wahr, daß die Russen kommen?«
»Das ist noch ein wenig ungewiß. Ich glaube, daß der Agha die Sache etwas zu ernst genommen hat.«
»O, du träufelst Balsam in mein verwundetes Herz. Ist es nicht möglich, sie von Amadijah abzuhalten?«
»Wir wollen uns das überlegen. Hast du die Kaffeesorten auseinander gelesen?«
»Ja, Herr. Es ist das eine sehr schlimme Arbeit gewesen; aber dieser böse Hadschi Halef Omar ließ mir keine Ruhe, bis ich fertig war. Willst du es sehen?«
»Zeige her!«
Sie brachte die Büchse und die Tüte herbei, und ich überzeugte mich, daß sie sich allerdings große Mühe gegeben hatte.
»Und wie wird dein Urteil lauten, Emir?«
»Es lautet gut für dich. Da deine zarten Hände diese Bohnen so oft berühren mußten, so soll der Kaffee dein Eigentum sein. Auch das Geschirr, welches ich heute einkaufte, gehört dir; die Gläser aber schenke ich dem wackeren Selim Bey.«
»O Effendi, du bist ein gerechter und weiser Richter. Du hast mehr Güte, als ich Töpfe hatte, und dieser duftende Kaffee ist ein Beweis deiner Herrlichkeit. Allah mag das Herz der Russen lenken, daß sie nicht kommen und dich nicht erschießen. Denkst du, daß ich heute noch ruhig schlafen kann?«
»Das kannst du; ich versichere es dir!«
»Ich danke dir, denn die Ruhe ist noch das einzige, an dem ein geplagtes Weib sich freuen kann!«
»Schläfst du hier unten, Mersinah?«
»Ja.«
»Aber nicht in der Küche, sondern nach vorn hinaus?«
»Herr, eine Frau gehört in die Küche und schläft auch in der Küche.«
Hm! Das war unangenehm. Uebrigens kam mir der dumme Witz des Agha sehr ungelegen. Die >Myrte< schlief heute gewiß nicht gleich ein. Ich stieg nach oben, ging aber, anstatt in mein Zimmer, in dasjenige des Haddedihn. Er hatte sich bereits schlafen gelegt, erwachte aber sofort. Ich erzählte ihm mein Abenteuer im Gefängnis, und er ward des Staunens voll.
Wir packten dann Eßwaren nebst Licht und Feuerzeug ein und schlichen uns nach einer leeren Stube, welche an der Hochseite des Hauses lag. Sie hatte nur ein Fenster, das heißt, eine viereckige Oeffnung, welche durch einen Laden verschlossen war. Dieser war nur angelehnt, und als ich hinausblickte, sah ich das glatte Dach, welches diese Seite des kleinen Hofes umschirmte, nur fünf Fuß unter mir. Wir stiegen hinaus und von dem Dache in den Hof hinab. Die Thüre des letzteren war verschlossen; wir befanden uns also allein und gingen in den Garten, in welchem einst die schöne Esma Khan geduftet hatte. Nun trennte uns von dem Gefängnisse nur eine Mauer, deren Höhe wir mit der Hand erreichen konnten.
»Warte,« bat ich den Scheik. »Ich will der Sicherheit wegen erst sehen, ob wir auch wirklich unbeobachtet sein werden.«
Ich schwang mich leise hinauf und drüben wieder hinab. Aus dem ersten kleinen Fensterloche rechts im Parterre sah ich einen fahlen Lichtschein. Dort war die Stube, in welcher der Agha geschlafen hatte. Und dort saßen jetzt wohl die Arnauten, die vor Angst nicht schlafen konnten. Das nächste, also das zweite Fenster gehörte zu dem Raume, in welchem Amad el Ghandur auf uns wartete.
Ich durchsuchte den schmalen Hofraum, ohne auf etwas Verdachterregendes zu stoßen, und fand auch die Thüre verschlossen, welche aus dem Gefängnisse in den Hof führte. Nun kehrte ich zu der Stelle der Mauer zurück, hinter welcher der Haddedihn stand.
»Mohammed!«
»Wie ist es?«
»Alles sicher. Kannst du herüber?«
»Ja.«
»Aber leise!«
Er kam.
Wir huschten über den Hof hinüber und standen nun unter dem Fensterchen, welches ich beinahe mit der Hand erreichen konnte.
»Bücke dich, Scheik, stütze dich gegen die Wand und stemme die Hände auf die Kniee!«
Er that es, und ich stieg auf seinen Rücken, welcher jetzt eine beinahe wagrechte Lage angenommen hatte. Ich stand mit dem Gesicht grad vor dem Loche des Kerkers.
»Amad el Ghandur!« sprach ich in dasselbe hinein und hielt dann schnell das Ohr hin.
»Herr, bist du es?« klang es hohl von unten herauf.
»Ja.«
»Ist mein Vater auch da?«
»Er ist hier. Er wird dir Speise und Licht an einer Schnur herablassen und dann mit dir sprechen. Warte; er wird gleich oben sein.«
Ich stieg von dem Rücken des Arabers herab.
»War ich schwer?«
»Lange ist es nicht auszuhalten, denn die Stellung ist zu unbequem.«
»So werden wir es jetzt anders machen, da du jedenfalls nicht nur einen kurzen Augenblick mit deinem Sohne reden willst: du kniest auf meine Achseln; dann kann ich aufrecht stehen und es so lange aushalten, wie es dir beliebt.«
»Hat er dich gehört?«
»Ja. Er fragte nach dir. Ich habe in der Tasche eine Schnur, an welcher du das Paket hinablassen kannst.«
Die Schnur wurde befestigt; ich bildete mit auf dem Rücken gefalteten Händen einen Tritt, auf welchen er den Fuß setzen konnte, und er stieg auf. Nachdem ich meine Hände an seine Kniee gelegt hatte, so daß er nicht abrutschen konnte, kniete er auf meinen Achseln so sicher wie zur ebenen Erde. Er ließ das Päckchen hinab, und nun begann ein leises, aber desto eifrigeres Zwiegespräch, von dem ich nur den von Mohammed Emin gesprochenen Teil vernehmen konnte. Dazwischen hinein fragte mich der Scheik zuweilen, ob er mir nicht zu schwer werde. Er war ein langer, starker Mann, und deshalb war es mir schon recht, als er nach ungefähr fünf Minuten zu Boden sprang.
»Emir, er muß heraus; ich kann es nicht erwarten,« sagte er.
»Vor allen Dingen wollen wir gehen. Steig einstweilen voran; ich will dafür sorgen, daß man am Tage keine Fußspur findet.«
»Der Boden ist ja hart wie Stein!«
»Vorsicht ist besser als Nachlässigkeit.«
Er ging voran, und ich folgte bald nach. In kurzer Zeit waren wir auf demselben Wege, den wir gekommen waren, zurückgekehrt und befanden uns in dem Zimmer des Scheik.
Er wollte nun sogleich einen Plan zur Befreiung seines Sohnes mit mir beraten; ich aber empfahl ihm, darüber zu schlafen, und schlich mich auf mein Zimmer.
Am andern Morgen besuchte ich zunächst meine Patientin; sie hatte nichts mehr zu befürchten. Die Mutter war ganz allein bei ihr, wenigstens bekam ich weiter niemand zu sehen. Sodann machte ich einen Gang durch und um die Stadt, um eine Stelle in der Mauer ausfindig zu machen, an der es möglich war, hinaus in das Freie zu gelangen, ohne das Thor passieren zu müssen. Es gab eine, aber sie war nicht für Pferde, sondern nur für Fußgänger zu passieren.
Als ich wieder nach Hause kam, hatte sich Selim Agha erst vom Lager erhoben.
»Emir, jetzt ist es Tag,« meinte er.
»Bereits schon lange,« antwortete ich.
»O, ich meine, daß man nun besser als gestern über unsere Sache reden kann.«
»Unsere Sache?«
»Ja, unsere. Du bist ja auch dabei gewesen. Soll ich Anzeige machen oder nicht? Was meinst du, Effendi?«
»Ich an deiner Stelle würde es unterlassen.«
»Warum?«
»Weil es besser ist, es wird gar nicht davon gesprochen, daß du während der Nacht im Gefängnisse gewesen bist. Deine Leute haben jedenfalls bemerkt, daß dein Gang nicht ganz sicher war, und sie könnten dies bei ihrer Vernehmung mit in Erwähnung bringen.«
»Das ist wahr! Als ich vorhin erwachte, sah mein Anzug sehr schlimm aus, und ich habe lange reiben müssen, um den Schmutz wegzubringen. Ein Wunder, daß dies Mersinah nicht gesehen hat! Also du meinst, ich soll die Anzeige unterlassen?«
»Ja. Du kannst ja den Leuten einen Verweis geben, und deine Gnade wird sie blenden wie ein Sonnenstrahl.«
»Ja, Effendi, ich werde ihnen zunächst eine fürchterliche Rede halten!«
Seine Augen rollten wie das Luftrad einer Stubenventilation. Dann standen sie plötzlich still, und sein Gesicht nahm einen sehr sanftmütigen Ausdruck an.
»Und dann werde ich sie begnadigen, wie ein Padischah, der das Leben und das Eigentum von Millionen Menschen zu verschenken hat.«
Er wollte gehen, blieb aber unter der Thüre halten; denn draußen war ein Reiter abgestiegen, und ich hörte eine bekannte Stimme fragen:
»Sallam, Herr! Bist du vielleicht Selim Agha, der Befehlshaber der Albanesen?«
»Ja, der bin ich. Was willst du?«
»Wohnt bei dir ein Effendi, welcher Hadschi Emir Kara Ben Nemsi heißt, und zwei Effendi, einen Diener und einen Baschi-Bozuk bei sich hat?«
»Ja. Was soll er?«
»Erlaube, daß ich mit ihm spreche!«
»Hier steht er.«
Selim trat zur Seite, so daß der Mann mich sehen konnte. Es war kein anderer als Selek, der Dschesidi aus Baadri.
»Effendi,« rief er mit großer Freude, »erlaube, daß ich dich begrüße!«
Wir reichten einander die Hände; dabei sah ich, daß er ein Pferd Ali Beys ritt, welches dampfte. Er war jedenfalls sehr rasch geritten. Es war zu vermuten, daß er mir eine Botschaft, und zwar eine sehr wichtige, zu überbringen hatte.
»Führe dein Pferd in den Hof und komme dann herauf zu mir!« wies ich ihn an.
Als wir uns in meiner Stube und also allein befanden, griff er in den Gürtel und zog einen Brief hervor.
»Von wem?«
»Von Ali Bey.«
»Wer hat ihn geschrieben?«
»Mir Scheik Khan, der Oberste der Priester.«
»Wie hast du meine Wohnung gefunden?«
»Ich frug gleich am Thore nach dir.«
»Und woher weißt du, daß zwei Effendi bei mir sind? Als ich bei euch war, hatte ich nur einen bei mir.«
»Ich erfuhr es in Spandareh.«
Ich öffnete den Brief. Er enthielt sehr Interessantes, einige gute Nachrichten, welche die Dschesidi betrafen, und eine schlimme, welche sich auf mich bezog.
»Was? Einen solchen Erfolg hat die Gesandtschaft Ali Beys gehabt?« fragte ich. »Der Anadoli Kasi Askeri[79] ist mit ihr nach Mossul gekommen?«
»Ja, Herr. Er liebt unsern Mir Scheik Khan und hat eine strenge Untersuchung gehalten. Der Mutessarif wird weggenommen; an seine Stelle kommt ein anderer.«
»Und der Makredsch von Mossul ist entflohen?«
»So ist es. Er war an allen Fehlern schuld, die der Mutessarif gemacht hat. Es haben sich sehr schlimme Dinge herausgestellt. Seit elf Monaten hat kein Unter-Gouverneur die nötigen Gelder und kein Befehlshaber und kein Soldat seinen Sold erhalten. Die Demütigung der Araber, welche die hohe Pforte anbefohlen hatte, blieb unterlassen, weil er alle Summen einsteckte, welche dazu erforderlich waren. Und so noch vieles andere. Die Khawassen, welche den Makredsch gefangen nehmen sollten, sind zu spät gekommen; er war fort. Darum haben alle Beys und Kajahs der Umgegend den Befehl erhalten, ihn festzunehmen, sobald er sich sehen läßt. Der Anadoli Kasi Askerie vermutet, daß er nach Bagdad geflohen sei, weil er ein Freund des dortigen Weli[80] gewesen ist.«
»Das ist wohl eine falsche Vermutung! Der Flüchtling ist sicher in die Berge geflohen, wo er schwerer zu ergreifen ist, und wird lieber nach Persien als nach Bagdad gehen. Das Reisegeld kann er unterwegs sehr leicht erhalten. Er ist der Oberrichter sämtlicher Untergerichtshöfe, deren Gelder ihm zu Gebote stehen.«
»Du hast recht, Effendi! Noch gestern abend haben wir erfahren, daß er am Morgen des vorigen Tages in Alkosch und am Abend bereits in Mungayschi gewesen ist. Es scheint, daß er nach Amadijah gehen wolle, aber auf einem Umwege, weil er die Ortschaften der Dschesidi fürchtet, die er überfallen hat.«
»Ali Bey vermutet mit Recht, daß mir sein Eintreffen hier große Schwierigkeiten bereiten kann. Er wird mir sehr hinderlich sein, und ich kann leider nicht beweisen, daß er selbst ein Flüchtling ist.«
»O, Emir, Ali Bey ist klug. Als er von dem Makredsch hörte, befahl er mir, sein bestes Pferd zu satteln und die ganze Nacht zu reiten, um noch vor dem Oberrichter hier einzutreffen, falls dieser wirklich die Absicht haben sollte, nach Amadijah zu kommen. Und als ich Baadri verließ, gab er mir zwei Schreiben mit, die er aus Mossul erhalten hat. Hier sind sie; du sollst sehen, ob du sie gebrauchen kannst.«
Ich öffnete sie und las. Das eine war der Brief des Anadoli Kasi Askeri an Mir Scheik Khan, in welchem diesem die Absetzung des Mutessarif und des Makredsch mitgeteilt wurde. Das andere enthielt die amtliche Weisung an Ali Bey, den Makredsch festzunehmen und nach Mossul zu transportieren, sobald er sich auf dessen Gebiete sehen lasse. Beide waren mit der Unterschrift und dem großen Siegel des Kasi Askerie versehen.
»Diese Papiere sind mir allerdings sehr wichtig. Wie lange kann ich sie behalten?«
»Sie sind ganz dein.«
»Also vorgestern abend ist der Makredsch in Mungayschi gewesen?«
»Ja.«
»So könnte er heute hier ankommen, und ich brauche diese Schreiben bloß für diesen Tag. Kannst du so lange warten?«
»Ich warte so lange, wie du befiehlst, Emir!«
»So gehe jetzt zwei Thüren weiter! Dort wirst du Bekannte treffen, nämlich Hadschi Halef und den Buluk Emini.«
Die Nachricht, daß der Makredsch nach Amadijah kommen könne, hatte mich zunächst mit Besorgnis erfüllt; sobald ich mich aber in dem Besitze der beiden Schriftstücke sah, mußte diese Besorgnis schwinden, und ich konnte seinem Kommen mit Ruhe entgegensehen. Ja, ich glaubte bereits, daß die Kunde von der Absetzung des Mutessarif eine Freilassung des gefangenen Haddedihn zur Folge haben könne, kam aber von dem Gedanken zurück, als ich las, daß die Feindseligkeiten gegen die Araber nicht als eine Privatsache des Mutessarif, sondern auf Befehl der Pforte unternommen seien.
Am Nachmittage trat die >Myrte< in meine Stube.
»Effendi, willst du mit in das Gefängnis?«
Das kam mir erwünscht, aber ich mußte doch erst mit Mohammed Emin reden. Darum sagte ich:
»Ich habe jetzt keine Zeit.«
»Du hast es mir aber doch versprochen und auch gesagt, daß du den Gefangenen erlauben willst, einiges von mir zu kaufen!«
Der Rose von Amadijah schien sehr viel an dem Gewinne zu liegen, den dieser kleine Handel ihr jedenfalls einbrachte.
»Ich würde mein Wort halten; aber ich habe leider erst in einer Viertelstunde Zeit.«
»So warte ich, Emir! Aber wir können doch nicht mitsammen gehen!«
»Ist Selim Agha dabei?«
»Nein. Er hat jetzt Dienst bei dem Mutesselim.«
»So befiehl dem Sergeanten, daß er mir öffnen möge. In diesem Falle kannst du bereits jetzt gehen, und ich werde nachkommen.«