Sie verschwand mit heiterem Angesichte. Sie schien es gar nicht der Mühe wert zu halten, daran zu denken, ob der Sergeant mir den Zutritt erlauben werde, da ich doch weder ein Recht dazu hatte, noch die Erlaubnis seines Vorgesetzten nachweisen konnte. Natürlich ging ich sofort zu Mohammed Emin und setzte ihn von meinem bevorstehenden Besuche im Gefängnis in Kenntnis. Ich empfahl ihm, zur Flucht bereit zu sein und zunächst für seinen Sohn durch Halef heimlich einen türkischen Anzug kaufen zu lassen. Dann brannte ich mir einen Tschibuk an und stieg mit gravitätischen Schritten durch die Gassen. Als ich das Gefängnis erblickte, sah ich die Thüre desselben offen. Der Sergeant stand unter derselben.

»Sallam!« grüßte ich kurz und würdevoll.

»Sallam aaleïkum!« antwortete er. »Allah segne deinen Eintritt in dieses Haus, Emir! Ich habe dir viel Dank zu sagen.«

Ich trat ein, und er verschloß die Thüre wieder.

»Dank?« fragte ich nachlässig. »Wofür?«

»Selim Agha war hier. Er war sehr zornig. Er wollte uns peitschen lassen, aber endlich sagte er, daß wir Gnade finden sollen, weil du für uns gebeten hast. Sei so gütig, mir zu folgen.«

Wir stiegen die Treppe empor, welche zu finden und zu passieren mir der Agha gestern so viele Mühe gemacht hatte. Auf dem Gange stand Mersinah mit einem blechernen Kessel, welcher eine Mehlbrühe enthielt, die ganz das Ansehen hatte, als ob sie aus dem Spülwasser ihrer Küche und Schlafstätte bestehe, und auf dem Boden lag das Brot, welches ihre zarten Hände gebacken hatten. Es war einst auch Mehlwasser gewesen, hatte aber durch Feuer und anhaftende Kohlenreste eine feste Gestalt bekommen. Neben ihr standen die Arnauten, mit leeren Gefäßen in den Händen, die von einem Scherbenhaufen aufgelesen zu sein schienen. Sie verbeugten sich bis zur Erde herab, blieben aber aus Ehrfurcht stumm.

»Emir, befiehlst du, daß wir beginnen sollen?« fragte die >Myrte<.

»Ja.«

Sofort wurde die erste Thüre geöffnet. Der Raum, in welchen ich blickte, war auch ein Loch, doch lag der Boden desselben mit dem Gange in gleicher Höhe. Ein Türke lag darin. Er erhob sich nicht und würdigte uns keines Blickes.

»Gieb ihm zwei Portionen, denn es ist ein Osmanly!« befahl der Sergeant.

Der Mann erhielt zwei Schöpflöffel voll Brühe in einem größeren Napfe und ein Stück Brot dazu. In der nächsten Zelle lag wieder ein Türke, welcher die gleiche Portion erhielt. Der Insasse des dritten Loches war ein Kurde.

»Dieser Hund erhält nur eine Portion, denn er ist ein Mann aus Balahn!«[81]

Das war ja eine ganz allerliebste Einrichtung! Ich hätte den Kerl beohrfeigen mögen. Er führte dieses Prinzip während der ganzen Speiseverteilung durch. Als die oberen Gefangenen versorgt waren, stiegen wir hinab in den untern Gang.

»Wer befindet sich hier?« fragte ich.

»Die Schlimmsten. Ein Araber, ein Jude und zwei Kurden von dem Stamme Bulamuh. Sprichst du kurdisch, Emir?«

»Ja.«

»Du magst wohl nicht mit den Gefangenen sprechen?«

»Nein; denn sie sind es nicht wert!«

»Das ist wahr. Aber wir können nicht Kurdisch und auch nicht Arabisch, und diese Hunde haben doch stets etwas zu sagen.«

»So werde ich einmal mit ihnen reden.«

Das war es ja, was ich so gern wollte; nur hatte ich nicht geglaubt, daß ich den Wächtern auch einen Gefallen erweisen werde.

Die Zelle des einen Kurden wurde geöffnet. Er hatte sich ganz vor gestellt. Der arme Teufel hatte jedenfalls Hunger; denn als er seinen Löffel Brühe erhielt, bat er, man möge ihm doch ein größeres Stück Brot geben, als gewöhnlich.

»Was will er?« fragte der Sergeant.

»Etwas mehr Brot. Gieb es ihm!«

»Er soll es haben, weil du für ihn bittest.«

Nun kamen wir zum Juden. Ich schwieg, weil dieser türkisch reden konnte. Er hatte eine Menge Klagen vorzubringen, die von meinem Standpunkte aus alle sehr wohl begründet waren; aber er wurde nicht angehört.

Der zweite Kurde war ein alter Mann. Er bat nur, vor den Richter geführt zu werden. Der Sergeant versprach es ihm und lachte dabei.

Jetzt endlich wurde die letzte Zelle geöffnet. Amad el Ghandur hockte tief unten in der Ecke und schien sich nicht rühren zu wollen, aber als er mich erblickte, erhob er sich.

»Ist das der Araber?« fragte ich.

»Ja.«

»Spricht er nicht türkisch?«

»Er redet gar nicht.«

»Nie?«

»Kein Wort. Deshalb erhält er auch kein warmes Essen.«

»Soll ich einmal mit ihm reden?«

»Versuche es!«

Ich trat näher zu ihm heran und sagte:

»Sprich nicht mit mir!«

Er blieb infolgedessen still.

»Siehst du, daß er nicht antwortet!« meinte der Sergeant zornig. »Sage ihm, daß du ein großer Emir bist, und dann wird er wohl reden!«

Nun wußte ich ja ganz genau, daß die Wächter wirklich nicht Arabisch verstanden; und wenn auch, der Dialekt der Haddedihn war ihnen fremdklingend.

»Halte dich heute abend bereit,« sagte ich zu Amad. »Vielleicht ist es mir heute möglich, wiederzukommen.«

Er stand stolz und aufrecht da, ohne eine Miene zu verziehen.

»Er redet auch jetzt noch nicht!« rief der Unteroffizier. »Nun soll er heute auch kein Brot bekommen, da er nicht einmal dem Effendi antwortet.«

Die Revision der Löcher war beendet. Nun führte man mich auch weiter in dem Gebäude herum. Ich ließ dies geschehen, obgleich es keinen Zweck hatte. Endlich waren wir fertig, und Mersinah sah mir mit fragender Miene in das Gesicht.

»Kannst du den Gefangenen Kaffee kochen?« erkundigte ich mich bei ihr.

»Ja.«

»Und ihnen Brot dazu geben, eine sehr reichliche Portion?«

»Ja.«

»Wie viel kostet das?«

»Dreißig Piaster, Effendi.«

Also zwei Thaler ungefähr. Die Gefangenen erhielten wohl kaum für eine Mark davon. Ich zog das Geld heraus und gab es ihr.

»Hier. Aber ich wünsche, daß alle davon erhalten.«

»Sie sollen alle haben, Effendi.«

Ich gab der Alten und dem Sergeanten je fünfzehn und den Arnauten je zehn Piaster, ein Trinkgeld, wie sie es wohl nicht erwartet hatten. Daher erschöpften sie sich in außerordentlichen Danksagungen, und als ich das Haus verließ, exekutierten sie ihre Verbeugungen selbst dann noch, als ich bereits die Gasse erreicht hatte und sie nur noch meinen Rücken sehen konnten.

Heimgekommen, suchte ich Mohammed Emin auf. Ich traf Halef bei ihm, welcher den Anzug gebracht hatte. Dies war unbemerkt geschehen, weil ja weder der Agha noch Mersinah zu Hause war.

Ich beschrieb dem Haddedihn meinen Besuch.

»Also heute abend!« meinte er erfreut.

»Wenn es möglich ist,« fügte ich hinzu.

»Aber wie willst du es machen?«

»Ich werde, wenn nicht ein Zufall etwas Besseres bringt, von dem Agha den Schlüssel zu erhalten suchen und — — —«

»Er wird dir ihn nicht geben!«

»Ich nehme ihn! Dann warte ich, bis die Wächter schlafen und öffne Amad die Zelle.«

»Das ist zu gefährlich, Emir! Sie werden dich hören.«

»Ich glaube dies nicht. Sie haben während der letzten Nacht nicht geschlafen und werden infolgedessen müde sein. Sodann gab ich ihnen ein Bakschisch, das sie sicher nach und nach in Raki anlegen, und dieser wird ihre Schläfrigkeit befördern. Uebrigens habe ich genau aufgepaßt und da bemerkt, daß das Schloß der Hausthüre sich lautlos öffnen läßt. Wenn ich einigermaßen vorsichtig bin, wird es gelingen.«

»Aber, wenn man dich erwischt?«

»So habe ich doch keine Sorge. Den Wächtern gegenüber giebt es eine Ausrede, und träfen sie mich mit dem Gefangenen, nun, dann müßte eben gehandelt werden, und zwar schnell.«

»Wohin wirst du Amad bringen?«

»Er wird sofort die Stadt verlassen.«

»Mit wem?«

»Mit Halef. Ich reite jetzt mit diesem aus, um in der Umgebung der Stadt einen Ort zu suchen, welcher ein Versteck bietet. Halef wird sich den Weg merken und deinen Sohn hinführen.«

»Aber die Wachen am Thore?«

»Sie werden die beiden nicht zu sehen bekommen. Ich kenne eine Stelle, an welcher man über die Mauer kommen kann.«

»Wir sollten gleich selbst mitgehen!«

»Wir bleiben noch wenigstens einen Tag, damit kein Verdacht auf uns fällt.«

»Aber Amad wird sich unterdessen in großer Gefahr befinden, denn man wird ihn in der ganzen Umgegend suchen.«

»Auch dafür ist gesorgt. Unfern des einen Thores bildet der Felsen von Amadijah einen Abgrund, in den wohl wenige Männer hinabzusteigen sich getrauen. Dorthin schaffen wir einige Fetzen seines alten Gewandes, welches wir zerreißen. Man wird das finden und dann annehmen, daß er bei seiner nächtlichen Flucht in die Schlucht gestürzt sei.«

»Wo kleidet er sich um?«

»Hier. Und der Bart muß ihm sofort abrasiert werden.«

»So soll ich ihn sehen! O, Emir, welche Freude!«

»Ich stelle aber die Bedingung, daß ihr euch still verhaltet.«

»Das werden wir ganz sicher. Aber unsere Wirtin wird ihn kommen sehen; denn sie ist stets in der offenen Küche.«

»Das wirst du verhindern. Halef wird dich benachrichtigen, wenn Amad kommt. Dann gehst du hinunter und verhinderst die Wirtin, ihn zu bemerken. Das ist nicht schwer, und unterdessen bringt ihn der Diener in deine Stube, welche du verschließest, bis ich heim komme.«

Ich hörte jetzt, daß Halef die Pferde herausschaffte, und ging. Draußen fand ich die Thüre des Engländers offen. Er winkte mich hinein und fragte:

»Darf ich reden, Sir?«

»Ja.«

»Höre Pferde. Ausreiten? Wohin?«

»Vor die Stadt.«

»Well; werde mitreiten!«

»Ich beabsichtige einen Ritt in den Wald. Ihr würdet gezwungen sein, ein wenig mit durch die Büsche zu kriechen.«

»Werde kriechen!«

Er war schnell fertig. Sein Pferd wurde auch gesattelt, und bald ritten wir zum Thore hinaus, welches nach Asi und Mia führt. Es war so, wie mir der Kurde Dohub erzählt hatte. Der Pfad war so steil, daß wir die Pferde führen mußten. Am Thore hatte man uns übrigens nicht angehalten, da dort Arnauten die Wache hatten, die mich von der gestrigen Parade her kannten.

Unten im Thale angelangt, wären wir rechts an die Jilaks der Einwohner von Amadijah gekommen, welche sich in die Berge zurückgezogen hatten. Darum wandten wir uns nach links grad in den Wald hinein. Er war hier so licht, daß er uns am Reiten nicht verhinderte, und nach einer Viertelstunde erreichten wir eine Blöße, wo wir abstiegen, um uns auf dem Boden auszustrecken.

»Warum hierher führen?« fragte Lindsay.

»Ich suche ein Versteck für Amad el Ghandur.«

»Ah! Bald frei?«

Ich teilte ihm meinen Plan mit.

»Prächtig!« meinte er. »Schöne Gefahr dabei! Erwischen! Boxen! Schießen! Well; werde mitbefreien!«

»O, Master, Ihr könnt mir nichts nützen!«

»Nicht? Warum? Schlage jeden nieder, der uns wehren will! Freier Englishman! Yes

»Na, wollen erst sehen! Hier links oben liegt die Stelle, an welcher man über die Mauer kommt. In der hiesigen Gegend also müssen wir uns ein Versteck suchen. Wollt Ihr mitsuchen?«

»Sehr!«

»So teilen wir uns. Ihr geht grad, und ich gehe mehr zur Seite. Wer einen guten Ort gefunden hat, der schießt sein Pistol los und wartet dort, bis der andere kommt.«

Halef blieb bei den Pferden zurück, und wir gingen vorwärts. Der Wald wurde dichter, aber ich suchte wohl lange Zeit, ohne eine geeignete Stelle zu finden, welche wirkliche Sicherheit bot. Da hörte ich einen Schuß mir zur Linken. Ich schritt der Richtung entgegen, aus welcher der Knall gekommen war, und hörte bald einen zweiten Schuß ganz in meiner Nähe. Der Engländer stand bei einem Gestrüpp, aus welchem vier riesige Eichen emporragten. Er war barfuß und hatte sein Obergewand abgelegt. Auch der rotkarrierte Riesenturban lag am Boden.

»Habe zweimal geschossen. Konntet mich fehlen, weil der Schall im Wald täuscht. Versteck gefunden?«

»Nein.«

»Habe eins.«

»Wo?«

»Ratet! Werdet nicht erraten!«

»Wollen sehen!«

Er war barfuß und halb entkleidet; er hatte also eine Kletterpartie gemacht, und das Versteck mußte also auf einer der Eichen zu suchen sein. Aber diese waren so stark, daß man sie unmöglich erklettern konnte. Doch neben der einen ragte der schlanke Stamm einer Pinie in die Höhe und verschlang ihre doldenartige Krone mit den breitgreifenden Zweigen der Eiche. Ziemlich hoch oben lehnte sich der Stamm an einen starken Eichenast, so daß von der Pinie aus dieser leicht zu erreichen war, und oberhalb der Stelle, an welcher er am Stamme saß, sah ich ein Loch in der Eiche.

»Ich habe es, Sir!« meinte ich.

»Wo?«

»Dort oben. Der Stamm ist hohl.«

»Well; gefunden! War bereits oben.«

»Ihr klettert wohl gut?«

»Wie Eichhörnchen! Yes

»Aber jedenfalls ist der ganze Baum hohl!«

»Sehr!«

»Und wer da oben hineinkriecht, der fällt herab und kann nicht heraus.«

»Sehr! Kann gar nicht heraus.«

»Dann ist es ja mit dem Verstecke nichts!«

»Versteck ist gut, sehr gut. Nur dafür sorgen, daß nicht herunterfällt.«

»Auf welche Weise?«

»Ah, ihr wißt nicht? Hm, Master Lindsay gescheiter Kerl! Schönes Abenteuer! Prächtig! Möchte bezahlen, gut bezahlen! Knüppel abschneiden und in die Höhlung klemmen, quer herüber. Viel Moos hier. Dieses darauf legen. Dann kann nicht herunterfallen. Versteck fertig! Schönes Landhaus! Prachtvolle Villa!«

»Da hättet Ihr recht! Wie groß ist dort der Durchmesser der Höhlung?«

»Vier Fuß ungefähr. Weiter nach unten noch mehr. Könnt Ihr klettern?«

»Ja. Ich werde mir diese Gelegenheit einmal ansehen.«

»Nicht ledig hinauf. Gleich Knüppel mitnehmen!«

»Das ist allerdings praktischer. Hier stehen genug eichene Stangen.«

»Aber wie hinaufbringen? Klettern und auch tragen? Geht nicht!«

»Ich habe meinen Lasso mit. Der hat mich auf allen meinen Reisen begleitet, denn so ein Riemen ist eine der nützlichsten Sachen.«

»Well; so schneiden wir!«

»Aber immer vorsichtig sein, Master! Zunächst wollen wir uns überzeugen, ob wir allein sind. Unsere englische Unterhaltung kann hier kein Mensch verstehen; sie hätte also unser Vorhaben nicht verraten. Aber ehe wir handeln, müssen wir uns sicher stellen.«

»So sucht! Werde einstweilen Stangen machen.«

Ich ging den Umkreis ab und überzeugte mich, daß wir unbeachtet waren; dann half ich dem Engländer, der ganz erpicht war, da oben eine Villa zu bauen. Wir schnitten ein Dutzend etwas mehr als vier Fuß langer Stämmchen aus den Büschen, aber so, daß wir dabei jede Spur vermieden, und dann wand ich den Gürtelshwal von der Hüfte, unter welchem ich den Lasso um den Leib geschlungen trug. Bis zum ersten Ast der Pinie reichte er. Während der Engländer die Stämmchen zusammenlegte und mit dem einen Ende des achtfach zusammengeflochtenen, unzerreißbaren Riemens umwand, nahm ich das andere zwischen die Zähne und kletterte empor. Die hindernden Kleidungsstücke hatte ich natürlich abgelegt. Auf dem ersten Aste angekommen, zog ich das Bündel in die Höhe. Lindsay kam nachgeklettert, und so brachten wir die >Knüppel< bis vor die Oeffnung, wo sie angebunden wurden. Ich untersuchte die Höhlung. Sie hatte die angegebene Weite, wurde nach unten immer größer und reichte bis zur Erde hinab.

Nun begannen wir die Stämmchen einzuklemmen, um aus ihnen einen Fußboden zu bilden. Das mußte sehr sorgfältig geschehen, damit er ja nicht hinunterbrechen konnte. Mit Hilfe der Messer brachten wir es nach einiger Anstrengung fertig. Der Boden war fest und sicher.

»Nun Moos, Streu und Laub mit dem Lasso herauf!«

Wir kletterten nun wieder hinab und hatten bald so viel gesammelt, wie wir brauchten. Es wurde in meinen Haïk und das Ueberkleid Lindsays geschlungen, und nach zweimaligem Auf- und Niederklettern war die Höhlung in ein Versteck umgewandelt, in welchem es sich ganz weich und sicher liegen ließ.

»Wacker gearbeitet,« meinte der Engländer, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Amad wird gut wohnen. Nun noch Essen und Trinken, Pfeife und Tabak, so ist der Diwan fertig!«

Wir kehrten jetzt zu Halef zurück, der bereits Sorge um uns hegte, weil wir so lange Zeit fortgeblieben waren.

»Master Lindsay, jetzt bleibt Ihr bei den Pferden zurück, denn ich muß nun zuvor auch unserem Hadschi Halef Omar das Versteck zeigen!« sagte ich.

»Well! Doch bald wiederkommen! Yes

»Kannst du klettern?« fragte ich Halef, als wir bei den Eichen angekommen waren.

»Ja, Sihdi. Ich habe ja von mancher Palme die Datteln herabgeholt. Warum?«

»Das ist ein ganz anderes Klettern. Hier giebt es einen glatten Stamm, der keine Stütze bietet, und auch kein Klettertuch, wie man es beim Ernten der Datteln in Anwendung bringt. Siehst du das Loch an dem Stamme der Eiche, dort grad über dem Aste?«

»Ja, Sihdi.«

»Klettere einmal hinauf und siehe dir es an! Du mußt hier an der Pinie empor und dann den Eichenast entlang.«

Er versuchte es, und siehe da, es ging recht leidlich.

»Effendi, das ist ja ein Kiosk,« meinte er, als er unten wieder anlangte. »Den habt ihr wohl jetzt gebaut?«

»Ja. Weißt du, wo das Fort von Amadijah liegt?«

»Hier links hinauf.«

»So höre, was ich dir sage! Ich glaube heute abend Amad el Ghandur aus dem Gefängnisse holen zu können. Er muß noch während der Nacht aus der Stadt gebracht werden, und das sollst du thun.«

»Herr, die Wachen werden uns sehen!«

»Nein. Es giebt eine Stelle, an welcher die Mauer so beschädigt ist, daß ihr sehr leicht unbemerkt in das Freie gelangen könnt. Ich werde dir diese Stelle bei unserer Rückkehr zeigen. Nun aber handelt es sich darum, daß ihr trotz der Nacht hier diesen Platz nicht verfehlt, denn das Loch da oben soll dem Haddedihn zum Verstecke dienen, bis wir ihn von hier abholen. Darum gehest du von hier aus links hinauf, um den Weg, den ihr heute abend zu nehmen habt, richtig kennen zu lernen, und kehrst dann zu uns zurück. Präge dir das Terrain gut ein. Wenn er sich in Sicherheit befindet, hast du dafür zu sorgen, ungesehen wieder in unsere Wohnung zu gelangen; denn niemand darf wissen, daß einer von uns die Stadt verlassen hat.«

»Sihdi, ich danke dir!«

»Wofür?«

»Dafür, daß du mir erlaubst, wieder einmal auch selbst etwas zu thun; denn seit langer Zeit habe ich zusehen müssen.«

Er ging, und ich kehrte zu Lindsay zurück, der lang ausgestreckt im Moose lag und gen Himmel blickte.

»Prachtvoll in Kurdistan! Fehlt nur an Ruinen!« sagte er.

»Ruinen giebt es hier genug, wenn auch keine tausendjährigen wie am Tigris. Vielleicht sind wir gezwungen, Gegenden aufzusuchen, in denen Ihr Euch von dem Vorhandensein von Ruinen überzeugen könnt. Aus den Thälern Kurdistans ist der Qualm brennender Dörfer und der Geruch von Strömen vergossenen Blutes zum Himmel gestiegen. Wir befinden uns in einem Lande, in welchem Leben, Freiheit und Eigentum mehr gefährdet sind, als in jedem anderen. Wünschen wir, daß wir uns nicht aus eigener Erfahrung davon überzeugen müssen!«

»Will mich aber davon überzeugen, Sir! Will Abenteuer haben! Möchte kämpfen, boxen, schießen! Werde bezahlen.«

»Dazu giebt es vielleicht auch ohne Bezahlung Gelegenheit, Sir; denn gleich hinter Amadijah hört das Gebiet der Türken auf, und es beginnen diejenigen Länder, welche von Kurden bewohnt werden, die der Pforte nur dem Namen nach unterworfen oder tributpflichtig sind. Dort gewähren uns unsere Pässe nicht die mindeste Sicherheit; ja, es kann sehr leicht der Fall sein, daß wir feindselig behandelt werden, grad deshalb, weil wir die Empfehlung der Türken und der Konsuln besitzen.«

»Dann nicht vorzeigen!«

»Allerdings. Diese halbwilden gewaltthätigen Horden macht man sich am besten geneigt, wenn man sich ihrer Gastfreundschaft mit Vertrauen überläßt. Ein Araber kann noch Hintergedanken haben, wenn er einen Fremden in sein Zelt aufnimmt; ein Kurde aber nie. Und sollte dies ja einmal der Fall sein, und sollte es keine andere Möglichkeit der Rettung geben, so begiebt man sich in den Schutz der Frauen; dann ist man sicher geborgen.«

»Well, werde mich beschützen lassen von den Frauen! Prachtvoll! Sehr guter Gedanke, Master!«

Nach vielleicht einer Stunde kehrte Halef zurück. Er versicherte, das Versteck nun selbst bei Nacht ohne Irrung auffinden zu können, sobald es ihm nur erst gelungen sei, aus der Stadt zu kommen. Der Zweck unsers Spazierrittes war somit erreicht, und wir kehrten nach Amadijah zurück. Dort richtete ich es so ein, daß wir an der beschädigten Mauerstelle vorüberkamen.

»Das ist der Ort, den ich meine, Halef. Wenn du nachher ausgehest, so magst du diese Bresche einmal genau untersuchen, aber so, daß es nicht auffällt.«

»Das werde ich baldigst thun müssen, Sihdi,« antwortete er; »denn es wird sehr bald Abend werden.«

Der Tag war, als wir unsere Wohnung erreichten, allerdings schon weit vorgeschritten. Ich bekam keine Zeit, mich von dem Ritte auszuruhen, denn Selim Agha empfing mich an der Thüre:

»Hamdulillah, Allah sei Dank, daß du endlich kommst!« meinte er. »Ich habe auf dich mit Schmerzen gewartet.«

»Warum?«

»Der Mutesselim sendet mich, um dich zu ihm zu bringen.«

»Was soll ich dort?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du vermutest es auch nicht?«

»Du sollst mit einem Effendi reden, der vorhin ankam.«

»Wer ist es?«

»Der Mutesselim hat mir verboten, es dir zu sagen.«

»Pah! Der Mutesselim kann mir nichts verheimlichen! Ich wußte längst, daß dieser Effendi kommen werde!«

»Du wußtest es? Aber es ist ja ein Geheimnis!«

»Ich werde dir beweisen, daß ich dieses große Geheimnis kenne. Es ist der Makredsch von Mossul, der gekommen ist.«

»Wahrhaftig, du weißt es!« rief er erstaunt. »Aber er ist nicht allein bei dem Mutesselim.«

»Wer ist noch da?«

»Ein Arnaute.«

Ah, ich ahnte, welcher es war, und sagte daher:

»Auch das weiß ich. Kennst du den Mann?«

»Nein.«

»Er hat keine Waffen bei sich.«

»Allah akbar; das ist richtig! Effendi, du weißt alles.«

»Wenigstens siehst du, daß der Mutesselim nicht der Mann ist, mir etwas zu verbergen.«

»Aber, Herr, sie müssen bös von dir gesprochen haben!«

»Warum?«

»Ich muß darüber schweigen.«

»Gut, Selim Agha, ich sehe nun, daß du mein Freund bist und mich liebst!«

»Ja, ich liebe dich, Emir; aber der Dienst erfordert, daß ich gehorche.«

»So sage ich dir, daß ich dir noch heute Befehle geben werde, denen du grad so gehorchen wirst, als ob du sie von dem Kommandanten erhieltest! Seit wann ist der Makredsch hier?«

»Seit fast zwei Stunden.«

»Und so lange Zeit wartest du bereits auf mich?«

»Nein. Der Makredsch kam allein, ganz heimlich und ohne alles Gefolge. Ich war grad beim Kommandanten, als er eintrat. Er sagte, daß er heimlich komme, weil er in einer sehr wichtigen Sache reise, von welcher niemand eine Ahnung haben dürfe. Sie unterhielten sich weiter, und da erwähnte der Kommandant auch dich und deine Gefährten. Der Makredsch muß dich kennen, denn er wurde sehr aufmerksam, und der Mutesselim mußte dich ihm beschreiben. ›Er ist's!‹ rief er dann und bat› den Kommandanten, mich hinauszuschicken. Nachher wurde ich gerufen und erhielt den Befehl, dich zu holen und — — —«

»Nun, und — — —«

»Und — — Emir, es ist gewiß wahr, daß ich dich lieb habe, und darum will ich es dir sagen. Aber, wirst du mich verraten?«

»Nein. Ich verspreche es dir!«

»Ich mußte mehrere Arnauten mitnehmen, um den Platz zu besetzen, daß deine Gefährten sich nicht entfernen können. Und auch für dich stehen im Palaste einige meiner Arnauten bereit. Ich soll dich festnehmen und in das Gefängnis schaffen.«

»Ah, das ist ja sehr interessant, Selim Agha! So ist wohl bereits eines deiner Löcher für mich in Bereitschaft gesetzt worden?«

»Ja du kommst neben dem Araber zu liegen, und ich mußte einige Strohdecken hineinthun lassen; denn der Mutesselim sagte, du seist ein Emir und solltest feiner behandelt werden, als die andern Spitzbuben!«

»Für diese Rücksicht bin ich ihm wirklich sehr großen Dank schuldig. Sollen meine Gefährten auch eingesteckt werden?«

»Ja, aber ich habe über sie noch keine weiteren Befehle.«

»Was sagt die >Myrte< dazu?«

»Ich habe es ihr gesagt. Sie sitzt in der Küche und weint sich die Augen aus.«

»Die Gute! Aber du sprachst von einem Arnauten?«

»Ja. Er war da, noch ehe der Makredsch kam, und hat mit dem Mutesselim lange Zeit gesprochen. Dann wurde ich gerufen und gefragt.«

»Wonach?«

»Danach, ob der schwarzrote Effendi auch in der Wohnung kein Wort rede.«

»Was hast du geantwortet?«

»Ich sagte die Wahrheit. Ich habe den Effendi noch keine Silbe reden hören.«

»So komm. Wir wollen gehen!«

»Herr, ich soll dich bringen, das ist wahr; aber ich habe dich lieb. Willst du nicht lieber entfliehen?«

Dieser brave Arnaute war wirklich mein Freund.

»Nein, ich fliehe nicht, Agha; denn ich habe keine Veranlassung, mich vor dem Mutesselim oder dem Makredsch zu fürchten. Aber ich werde dich bitten, außer mir noch einen mitzunehmen.«

»Wen?«

»Den Boten, welcher zu mir gekommen ist.«

»Ich will ihn rufen; er ist im Hofe.«

Ich trat unterdessen in die Küche. Dort kauerte Mersinah am Boden und machte ein so trübseliges Gesicht, daß ich mich wirklich gerührt fühlte.

»Oh, da bist du, Effendi!« rief sie aufspringend. »Eile, eile! Ich habe dem Agha befohlen, dich entfliehen zu lassen.«

»Nimm meinen Dank dafür, Mersinah! Aber ich werde doch bleiben.«

»Sie werden dich aber einsperren, Herr.«

»Das wollen wir abwarten!«

»Wenn sie es thun, Effendi, so weine ich mich zu Tode und werde dir die besten Suppen kochen, die es giebt. Du sollst nicht hungern!«

»Du wirst für mich nichts zu kochen haben, denn man wird mich nicht einstecken; das versichere ich dir.«

»Emir, du giebst mir das Leben wieder! Aber sie könnten es doch thun, und dann nehmen sie dir alles ab. Magst du mir nicht dein Geld zurücklassen und auch die andern Sachen, welche dir teuer sind? Ich werde dir alles aufbewahren und kein Wort davon sagen.«

»Das glaube ich dir, du Schutz und Engel dieses Hauses; aber eine solche Vorsicht ist nicht nötig.«

»So thue, was dir gefällt! Gehe nun, und Allah sei bei dir mit seinem Propheten, der dich beschützen möge!«

Wir gingen. Als ich über den Platz schritt, bemerkte ich hinter den Thüren einiger Häuser die Arnauten stehen, von denen Selim gesprochen hatte. Es war also jedenfalls sehr ernstlich gemeint. Auch vor dem Palaste, im Flur und auf der Treppe desselben, sogar im Vorzimmer standen Soldaten. Ich wäre doch beinahe besorgt geworden.

Der Kommandant befand sich nicht allein in seinem Raume; die zwei Lieutenants saßen am Eingange, und auch Selim Agha zog sich nicht wieder zurück, sondern ließ sich nieder.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich so unbefangen wie möglich, trotzdem ich mich in der Falle befand.

»Aaleïkum!« antwortete der Kommandant zurückhaltend und zeigte dabei auf einen Teppich, welcher seitwärts in seiner Nähe lag.

Ich that, als ob ich diesen Wink nicht gesehen oder nicht verstanden habe, und ließ mich an seiner Seite nieder, wo ich ja früher schon gesessen hatte.

»Ich sandte nach dir,« begann er, »aber du kamst nicht. Wo bist du gewesen, Effendi?«

»Ich ritt spazieren.«

»Wohin?«

»Vor die Stadt.«

»Was wolltest du da?«

»Mein Pferd ausreiten. Du weißt, ein edles Roß muß gepflegt werden.«

»Wer war dabei?«

»Hadschi Lindsay-Bey.«

»Der das Gelübde gethan hat, nicht zu sprechen?«

»Derselbe.«

»Ich habe vernommen, daß er dieses Gelübde nicht sehr streng hält.«

»So!«

»Er redet.«

»So!«

»Auch mit dir.«

»So!«

»Ich weiß das gewiß.«

»So!«

Dieses »So!« brachte den guten Mann einigermaßen in Verlegenheit.

»Du mußt dies doch auch wissen!« meinte er.

»Wer hat dir gesagt, daß er spricht?«

»Einer, der ihn gehört hat.«

»Wer ist es?«

»Ein Arnaute, der heute kam, um euch anzuklagen.«

»Was thatest du?«

»Ich sandte nach dir.«

»Warum?«

»Um dich zu vernehmen.«

»Alla illa Allah! Also auf die Anklage eines schurkischen Arnauten hin sendest du zu mir, um mich, den Emir und Effendi, wie einen eben solchen Schurken zu behandeln! Mutesselim, Allah segne deine Weisheit, damit sie dir nicht abhanden komme!«

»Effendi, bitte Gott um deiner eigenen Weisheit willen, denn du wirst sie brauchen können!«

»Das klingt fast wie eine Drohung!«

»Und dein Wort klang wie eine Beleidigung!«

»Nachdem du mich beleidigt hast. Laß dir etwas sagen, Mutesselim. Hier in dieser Drehpistole sind sechs Schüsse und in dieser anderen ebenso viele. Rede, was du mit mir zu reden hast; aber bedenke, daß ein Emir aus Germanistan kein Arnaute ist und sich auch nicht mit einem solchen vergleichen läßt! Wenn mein Gefährte sein Gelübde nicht hält, was geht es einen Arnauten an? Wo ist dieser Mann?«

»Er steht in meinem Dienst.«

»Seit wann?«

»Seit lange.«

»Mutesselim, du sprichst die Unwahrheit! Dieser Arnaute stand gestern noch nicht in deinem Dienste. Er ist ein Mann, von dem ich dir noch mehr erzählen werde. Wenn Hadschi Lindsay-Bey spricht, so hat er dies mit seinem Gewissen abzumachen, aber einen andern geht dies gar nichts an!«

»Du hättest recht, wenn ich von ihm allein nur dieses wüßte.«

»Was giebt es noch?«

»Er ist der Freund eines Mannes, der mir sehr verdächtig ist.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Du selbst bist es!«

Ich that sehr erstaunt.

»Ich! Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird auch dir barmherzig sein!«

»Du hast zu mir von dem Mutessarif gesprochen und gesagt, daß er dein Freund sei.«

»Ich sagte die Wahrheit.«

»Es ist nicht wahr!«

»Was! Du zeihst mich der Lüge! So kann meines Bleibens hier nicht länger sein. Ich werde dir Gelegenheit geben, diese Beleidigung zu vertreten.«

Ich erhob mich und that, als ob ich das Selamlük verlassen wollte.

»Halt,« rief der Kommandant. »Du bleibst!«

Ich drehte mich zu ihm um.

»Du befiehlst es mir?«

»Ja.«

»Hast du mir zu befehlen?«

»Hier stehest du unter mir, und wenn ich dir gebiete, zu bleiben, so wirst du gehorchen!«

»Und wenn ich nicht bleibe?«

»So zwinge ich dich! Du bist mein Gefangener!«

Die beiden Lieutenants erhoben sich; auch Selim Agha that dies, aber sehr langsam und ungern, wie ich bemerken mußte.

»Dein Gefangener? Was fällt dir ein? Sallam!«

Ich wandte mich wieder nach der Thüre.

»Haltet ihn!« gebot er.

Die beiden Lieutenants ergriffen mich, einer hüben und der andere drüben. Ich blieb stehen und lachte erst dem rechten und dann dem linken in das Angesicht; dann flogen sie, einer hinter dem andern, über den Raum hinweg und stürzten vor dem Mutesselim zur Erde.

»Da hast du sie, Mutesselim. Hebe sie auf! Ich sage dir, daß ich gehen werde, wenn es mir beliebt, und keiner deiner Arnauten soll mich halten! Aber ich werde bleiben, denn ich habe noch mit dir zu sprechen. Dies thue ich aber nur, um dir zu beweisen, daß kein Nemtsche einen Türken fürchtet. Frage also weiter, was du zu fragen hast!«

Dem guten Manne war ein solcher Widerstand gar niemals vorgekommen; er war gewohnt, daß ein jeder sich tief vor ihm beugen müsse, und schien jetzt gar nicht so recht zu wissen, was er thun solle.

»Ich sagte,« begann er endlich wieder, »daß du kein Freund des Mutessarif seist.«

»Du hast doch seinen Brief gelesen.«

»Und du hast gegen ihn gekämpft!«

»Wo?«

»In Scheik Adi!«

»Beweise es!«

»Ich haben einen Zeugen.«

»Laß ihn kommen!«

»Ich werde dir diesen Wunsch erfüllen.«

Auf einen Wink des Mutesselim verließ der Agha das Zimmer.

In einigen Augenblicken kehrte er mit — dem Makredsch von Mossul zurück. Dieser würdigte mich keines Blickes, schritt an mir vorüber zu dem Kommandanten, ließ sich an derselben Stelle nieder, an welcher ich vorher gesessen hatte, und griff zu dem Schlauche der Wasserpfeife, welche dort stand.

»Ist dies der Mann, von dem du erzähltest, Effendi?« fragte ihn der Kommandant.

Er warf einen halben, verächtlichen Blick auf mich und antwortete:

»Er ist es.«

»Siehst du?« wandte sich der Kommandant zu mir. »Der Makredsch von Mossul, den du ja kennen wirst, ist Zeuge, daß du gegen den Mutessarif kämpftest.«

»Er ist ein Lügner!«

Da erhob der Richter die Augen voll zu mir.

»Wurm!« zischte er.

»Du wirst diesen Wurm bald kennen lernen!« antwortete ich ruhig. »Ich wiederhole es: Du bist ein Lügner, denn du hast nicht gesehen, daß ich gegen die Truppen des Mutessarif die Waffen gezogen habe!«

»So sahen es andere!«

»Aber du nicht! Und der Kommandant sagte noch, daß du selbst es gesehen haben willst. Nenne deine Zeugen!«

»Die Topdschis[82] haben es erzählt.«

»So haben auch sie gelogen. Ich habe nicht mit ihnen gekämpft; es ist kein Tropfen Blutes geflossen. Sie haben sich und ihre Geschütze ohne alle Gegenwehr ergeben. Und dann, als ihr in Scheik Adi eingeschlossen wurdet, habe ich den Bey zur Güte und Nachsicht gemahnt, so daß ihr es nur mir zu verdanken habt, daß ihr nicht samt und sonders niedergeschossen wurdet. Willst du daraus den Beweis ziehen, daß ich ein Feind des Mutessarif sei?«

»Du hast die Geschütze überfallen und weggenommen!«

»Das gestehe ich sehr gern ein.«

»Aber du wirst dich dafür in Mossul verantworten.«

»Oh.«

»Ja. Der Mutesselim wird dich gefangen nehmen und nach Mossul schicken, dich und alle, welche bei dir sind. Es giebt nur ein einziges Mittel, dich und sie zu retten.«

»Welches?«

Er gab einen Wink, und die drei Offiziere traten ab.

»Du bist ein Emir aus Frankistan, denn die Nemsi sind Franken,« begann nun der Makredsch. »Ich weiß, daß du unter dem Schutze ihrer Konsuln stehst, und daß wir dich also nicht töten dürfen. Aber du hast ein Verbrechen begangen, auf welchem die Strafe des Todes steht. Wir müssen dich über Mossul nach Stambul senden, wo du dann allerdings ganz gewiß die Strafe erleiden wirst.«

Er machte eine Pause. Es schien ihm nicht leicht zu werden, jetzt die richtige Wendung zu finden.

»Weiter!« meinte ich.

»Nun bist du aber ein Schützling des Mutessarif gewesen; auch der Mutesselim hat dich freundlich aufgenommen, und so wollen diese beiden nicht, daß dir ein so trauriges Los bereitet werde.«

»Allah denke ihrer dafür in ihrer letzten Stunde!«

»Ja! Darum ist es möglich, daß wir von einer Verfolgung dieser Sache absehen, wenn — — —«

»Nun, wenn?«

»Wenn du uns sagst, wie viel das Leben eines Emirs aus Germanistan wert ist.«

»Es ist gar nichts wert.«

»Nichts? Du scherzest!«

»Ich rede im Ernste. Gar nichts ist es wert.«

»Inwiefern?«

»Weil Allah auch einen Emir zu jeder Minute zu sich fordern kann.«

»Du hast recht; das Leben steht in Allahs Hand; aber es ist ein Gut, welches man beschützen und erhalten soll!«

»Du scheinst kein guter Moslem zu sein, denn sonst würdest du wissen, daß die Wege des Menschen im Buche verzeichnet stehen.«

»Und dennoch kann der Mensch sein Leben wegwerfen, wenn er diesem Buche nicht gehorcht. Willst du dieses thun?«

»Nun gut, Makredsch. Wie hoch würdest du dein eignes Leben schätzen?«

»Wenigstens zehntausend Piaster.«

»So ist das Leben eines Nemtsche grad zehntausendmal mehr wert, nämlich hundert Millionen Piaster. Wie kommt es, daß ein Türke so sehr tief im Preise steht?«

Er blickte mich verwundert an.

»Bist du ein so reicher Emir?«

»Ja, da ich ein so teures Leben besitze.«

»So meine ich, daß du hier in Amadijah dein Leben auf zwanzigtausend Piaster schätzen wirst.«

»Natürlich!«

»Und das deines Hadschi Lindsay-Bey ebenso hoch.«

»Ich stimme bei.«

»Und zehntausend für den dritten.«

»Ist nicht zu viel.«

»Und dein Diener?«

»Er ist zwar ein Araber, aber ein tapferer und treuer Mann, der ebensoviel wert ist, wie jeder andere.«

»So meinst du, daß auch er zehntausend kostet?«

»Ja.«

»Hast du die Summe berechnet?«

»Sechzigtausend Piaster. Nicht?«

»Ja. Habt ihr so viel Geld bei euch?«

»Wir sind sehr reich, Effendi.«

»Wann wollt ihr bezahlen?«

»Gar nicht!«

Es war wirklich spaßig zu sehen, mit welchen Gesichtern die beiden Männer erst mich und dann sich ansahen. Dann fragte der Makredsch:

»Wie meinst du das, Effendi?«

»Ich meine, daß ich aus einem Lande stamme, in welchem Gerechtigkeit herrscht. Bei den Nemsi ist der Bettler ebensoviel wert vor dem Richter wie der König. Und wenn der Padischah der Nemsi sündigt, so wird er von dem Gesetze bestraft. Keiner kann sein Leben erkaufen, denn es giebt keinen Richter, der ein Schurke ist. Die Osmanly aber haben kein anderes Gesetz als ihren Geldbeutel, und darum schachern sie mit der Gerechtigkeit. Ich kann mein Leben nicht bezahlen, wenn ich verdient habe, daß es mir genommen wird.«

»So wirst du es verlieren!«

»Das glaube ich nicht. Ein Nemtsche treibt keinen Handel mit seinem Leben, aber er weiß es zu verteidigen.«

»Effendi, die Verteidigung ist dir unmöglich!«

»Warum?«

»Deine Schuld ist erwiesen, und du hast sie auch bereits eingestanden.«

»Das ist nicht wahr. Ich habe keine Schuld eingestanden, sondern ich habe nur zugegeben, daß ich euch die Kanonen fortgenommen habe. Und das ist eine That, die keine Strafe erhalten wird.«

»Das meinst du nur. Du weigerst dich also, auf unsern Vorschlag der Güte und des Erbarmens einzugehen?«

»Ich brauche kein Erbarmen.«

»So müssen wir dich festnehmen.«

»Versucht es!«

Auch der Kommandant richtete eine wohlgemeinte Vorstellung an mich; da ich aber nicht auf dieselbe hörte, so klatschte er in die Hände, und die drei Offiziere erschienen wieder.

»Führt ihn ab!« gebot er ihnen. »Ich hoffe, Effendi, daß du dich nicht weigern wirst, mit ihnen zu gehen. Draußen stehen genug Leute, um jeden Widerstand zu überwinden. Du sollst es während deiner Haft hier gut haben und — — — «

»Schweige, Mutesselim!« unterbrach ich ihn. »Ich möchte den Mann hier sehen, der das Zeug hätte, mich zu überwältigen. Euch fünf thut ein Nemtsche in drei Sekunden ab, und deine fieberkranken Arnauten reißen vor meinem Blick aus; darauf kannst du dich verlassen! Daß ich es gut haben würde als Gefangener, versteht sich ganz von selbst; das gebietet euch ja euer eignes Interesse. Nach Mossul werde ich nicht geschickt, denn das kann dem Makredsch nichts nützen; er will bloß, daß ich mich loskaufe, denn er braucht Geld, um über die Grenze zu kommen.«

»Ueber die Grenze?« fragte der Mutesselim. »Wie soll ich deine Worte verstehen?«

»Frage ihn selbst!«

Er blickte den Makredsch an, der sich plötzlich verfärbte.

»Was meint er?« fragte er ihn.

»Ich verstehe ihn nicht!« antwortete der Beamte.

»Er versteht mich nur zu gut,« entgegnete ich. »Mutesselim, du hast mich beleidigt; du willst mich gefangen nehmen; du hast mir einen Antrag gemacht, der sehr schwere Folgen für dich hätte, wenn ich davon sprechen wollte. Ihr beide habt mich bedroht; aber jetzt werde ich die Waffe selbst auch in die Hand nehmen, nachdem ich gesehen habe, wie weit ihr zu gehen wagt. Weißt du, wer dieser Mann ist?«

»Der Makredsch von Mossul.«

»Du irrst. Er ist es nicht mehr; er ist abgesetzt.«

»Abgesetzt!« rief er.

»Mensch!« rief dagegen der Makredsch. »Ich erwürge dich.«

»Abgesetzt!« rief der Kommandant noch einmal, halb erschrocken und halb fragend.

»Ja. Selim Agha, ich sagte dir vorhin, daß ich dir heute einen Befehl geben werde, dem du Gehorsam leisten wirst. Jetzt sollst du ihn hören: Nimm den Mann dort gefangen und stecke ihn in das Loch, in welches ich kommen sollte! Er wird dann nach Mossul geschafft.«

Der gute Agha staunte erst mich an und dann die beiden andern; aber er rührte natürlich keinen Fuß, um meinen Worten nachzukommen.

»Er ist wahnsinnig,« meinte der Makredsch, indem er sich erhob.

»Du selbst mußt es sein, da du es wagst, nach Amadijah zu kommen. Warum bist du nicht den geraden Weg, sondern über Mungayschi geritten? Du siehst, daß ich alles weiß. Hier, Mutesselim, hast du den Beweis, daß ich das Recht habe, seine Gefangennehmung zu verlangen!«

Ich übergab ihm dasjenige Schreiben, welches an Ali Bey gerichtet war. Er blickte zunächst nach der Unterschrift.

»Vom Anadoli Kasi Askeri?«

»Ja. Er ist in Mossul und verlangt die Auslieferung dieses Mannes. Lies!«

»Es ist wahr!« staunte er. »Aber was thut der Mutessarif?«

»Er ist auch abgesetzt. Lies auch dieses andere Schreiben!«

Ich übergab es ihm, und er las es.

»Allah kerihm, Gott sei uns gnädig! Es gehen große Dinge vor!«

»Sie gehen allerdings vor. Der Mutessarif ist abgesetzt, der Makredsch ebenso. Willst auch du abgesetzt sein?«

»Herr, du bist ein geheimer Abgesandter des Anatoli Kasi Askeri oder gar des Padischah!«

»Wer ich bin, das kommt hier nicht in Betracht; aber du siehst, daß ich alles weiß, und ich erwarte, daß du deine Pflicht erfüllst.«

»Effendi, ich werde sie thun. Makredsch, ich kann nicht anders; hier steht es geschrieben; ich muß dich gefangen nehmen!«

»Thue es!« antwortete dieser.

Ein Dolch blitzte in seiner Hand, und im Nu war er durch das Zimmer hinweg, auch an mir vorüber und zur Thüre hinaus. Wir eilten nach und kamen grad recht, zu sehen, daß er draußen zu Boden gerissen wurde. Selek, der mich begleitet hatte, war es, der auf ihm kniete und ihm den Dolch zu entringen versuchte. Ein Entkommen war nun allerdings unmöglich. Er wurde entwaffnet und wieder in das Selamlük zurückgebracht.

»Wer ist dieser Mann?« fragte der Kommandant, auf Selek deutend.

»Es ist der Bote, den mir Ali Bey von Baadri gesandt hat. Er kehrt wieder dorthin zurück, und du magst ihm erlauben, den Transport zu begleiten. Dann sind wir sicher, daß der Makredsch nicht entkommen wird. Aber ich werde dir noch einen Gefangenen übergeben.«

»Wen, Herr?«

»Laß nur den Arnauten kommen, der mich angeklagt hat.«

»Holt ihn!« gebot er.

Einer der Lieutenants ging und brachte den Mann, der eine Wendung der Dinge zu seinen Ungunsten nicht vermutete.

»Frage ihn einmal,« sagte ich, »wo er seine Waffen hat!«

»Wo hast du sie?«

»Sie wurden mir genommen.«

»Wo?«

»Im Schlafe.«

»Er lügt, Mutesselim! Dieser Mann war dem Hadschi Lindsay-Bey von dem Mutessarif mitgegeben worden; er hat auf mich geschossen und entfloh; dann unterwegs lauerte er uns auf und gab aus dem Dickicht des Waldes noch zwei Kugeln auf mich ab, die aber nicht trafen. Mein Hund hielt ihn fest, aber ich ließ Gnade walten, vergab ihm und ließ ihn entkommen. Wir nahmen ihm dabei die Waffen ab, welche mein Khawaß noch besitzt. Soll ich die Zeugen, daß ich die Wahrheit rede, kommen lassen?«

»Herr, ich glaube dir! Nehmt diesen Hund gefangen und schafft ihn in das sicherste Loch, welches sich in dem Gefängnisse befindet!«

»Herr, befiehlst du mir, den Makredsch gleich mitzunehmen?« fragte Selim Agha den Kommandanten.

»Ja.«

»Mutesselim, laß ihn zuvor binden,« erinnerte ich. »Er hat einen Fluchtversuch gemacht und wird ihn wiederholen.«

»Bindet ihn!«

Sie wurden alle beide abgeführt, und ich blieb mit dem Kommandanten allein zurück. Dieser war von dem Ereignisse so angegriffen, daß er sich müde auf den Teppich fallen ließ.

»Wer hätte das gedacht!« seufzte er.

»Du allerdings nicht, Mutesselim!«

»Herr, verzeihe mir! Ich wußte ja von diesen Dingen nichts.«

»Gewiß hat der Arnaute den Makredsch vorher getroffen und sich mit ihm verständigt, sonst hätte er es nicht gewagt, gegen uns aufzutreten, da wir doch Grund hatten, ihn bestrafen zu lassen.«

»Er soll auf keinen Menschen wieder schießen! Erlaube, daß ich dir eine Pfeife reiche!«

Er ließ noch ein Nargileh kommen und setzte es mit eigener Hand in Brand; dann meinte er in beinahe unterwürfigem Tone:

»Emir, glaubst du, daß es mein Ernst war?«

»Was?«

»Daß ich Geld von dir nehmen wollte?«

»Ja.«

»Herr, du irrst! Ich fügte mich in den Willen des Makredsch und hätte dir meinen Teil zurückgegeben.«

»Aber entfliehen hätte ich dürfen?«

»Ja. Du siehst, daß ich dein Bestes wollte!«

»Das durftest du nicht, wenn die Anklage gegen mich begründet war.«

»Wirst du weiter daran denken?«

»Nein, wenn du machest, daß ich es vergessen kann.«

»Du sollst nicht wieder daran denken, Emir. Du sollst es vergessen, wie du bereits ein anderes vergessen hast.«

»Was?«

»Die Arznei.«

»Ja, Mutesselim, die habe ich allerdings vergessen; aber du sollst sie noch heute erhalten; das verspreche ich dir!«

Da kam einer der Diener herein.

»Herr, es ist ein Basch Tschausch[83] draußen,« meldete er.

»Was will er?«

»Er kommt aus Mossul und sagt, daß seine Botschaft wichtig sei.«

»Schicke ihn herein!«

Der Unteroffizier trat ein und übergab dem Kommandanten ein mit einem großen Siegel versehenes Schreiben; es war das Siegel des Anadoli Kasi Askeri; ich erkannte es sogleich. Er erbrach es und las. Dann gab er dem Manne den Bescheid, morgen früh die Antwort abzuholen.

»Herr, weißt du, was es ist?« fragte er mich dann, als der Soldat fort war.

»Ein Schreiben des Oberrichters von Anatolien?«

»Ja. Er schreibt mir von der Absetzung des Mutessarif und des Makredsch. Diesen letzteren soll ich, sobald er sich hier je erblicken lasse, sofort noch Mossul senden. Ich werde ihn morgen diesem Basch Tschausch mitgeben. Soll ich in meinem Schreiben etwas von dir erwähnen?«

»Nein. Ich werde selbst schreiben. Aber sende nur eine genügende Bedeckung mit!«

»Daran soll es nicht fehlen, besonders da noch ein anderer wichtiger Gefangener mitgehen soll.«

Ich erschrak.

»Welcher?«

»Der Araber. Der Anadoli Kasi Askeri befiehlt es mir und sagt, daß der Sohn des Scheik als Geisel nach Stambul gesandt werden solle.«

»Wann geht der Transport ab?«

»Am Vormittage. Ich werde jetzt gleich das Schreiben beginnen.«

»So darf ich dich nicht länger stören.«

»O Effendi, deine Gegenwart ist mir lieber als alles!«

»Und dein Auge ist mir wie das Auge des besten Freundes, aber deine Zeit ist kostbar; ich darf sie dir nicht rauben.«

»Aber morgen früh kommst du?«

»Vielleicht.«

»Du sollst bei dem Abgange des Transportes zugegen sein, um zu sehen, daß meine Sorge an alles denkt!«

»So werde ich kommen. Sallam!«

»Sallam! Allah sei dein Führer!«

Als ich nach Hause kam, tönte mir ein heller Ruf entgegen:

»Hamdulillah, Effendi, du lebst und bist frei!«

Es war die >Myrte<. Sie nahm mich bei den Händen und atmete tief auf:

»Du bist ein großer Held. Deine Diener und der fremde Bote haben es gesagt. Wenn sie dich gefangen genommen hätten, so hättest du den ganzen Palast erschlagen, und vielleicht gar Selim Agha auch.«

»Ihn nicht, aber die andern alle; darauf kannst du dich verlassen!« antwortete ich belustigt.

»Ja. Du bist wie Kelad der Starke. Dein Bart steht rechts und links wie der Bart eines Panthers, und deine Arme sind wie die Beine eines Elefanten!«

Das war natürlich bildlich gemeint. Oh Myrte, welch ein Attentat auf den dunkelblonden Schmuck meines Gesichtes und auf die liebliche Symmetrie meiner unentbehrlichsten Gliedmaßen! Ich mußte ebenso höflich sein:

»Dein Mund spricht wie der Vers eines Dichters, Mersinah, und deine Lippen strömen über wie ein Topf voll süßen Honigs; deine Rede thut wohl, wie das Pflaster auf eine Beule, und deiner Stimme Klang kann keiner vergessen, der ihn einmal hörte. Hier, nimm fünf Piaster, um dir Khol und Henneh zu kaufen für die Ränder deines Augenlides und die rosigen Nägel deiner Hand. Mein Herz will sich freuen über dich, damit meine Seele jung werde und mein Auge sich ergötze an der Anmut deines Ganges!«

»Herr,« rief sie, »du bist tapferer als Ali, weiser als Abu Bekr, stärker als Simsah[84] und schöner als Hosseïn, der Armadener! Befiehl was ich dir braten soll; oder willst du gekocht und gebacken haben? Ich thue für dich alles, was du verlangst, denn mit dir ist Freude über mein Haus gekommen und Segen über die Schwelle meiner Thüre.«

»Deine Güte rührt mich, oh Mersinah; ich kann sie nicht vergelten! Aber ich habe weder Hunger noch Durst, wenn ich den Glanz deiner Augen, die Farbe deiner Wangen und das liebliche Bild deiner Hände erblicke. War Selim Agha da?«

»Ja. Er hat mir alles erzählt. Deine Feinde sind vernichtet. Gehe hinauf und tröste die Deinen, die in großer Sorge um dich sind!«

Ich ging hinauf.

»Endlich zurück!« meinte der Engländer. »Große Sorge!« Wollten kommen und Euch holen! Glück, daß Ihr da seid!«

»Du warst in Gefahr?« fragte auch Mohammed.

»Nicht sehr. Sie ist vorüber. Weißt du, daß der Mutessarif abgesetzt ist?«

»Von Mossul?«

»Ja, und der Makredsch auch.«

»Also darum ist Selek da?«

»Ja. Hat er dir nichts erzählt, als wir am Nachmittage ausgeritten waren?«

»Nein. Er ist schweigsam. Aber da kann doch Amad frei werden, denn nur der Mutessarif hat ihn gefangen gehalten!«

»Ich hoffte dies auch, aber es steht schlimmer. Der Großherr billigt das Vorgehen der Türken gegen euch, und der Oberrichter von Anatolien hat befohlen, daß dein Sohn als Geisel nach Stambul gebracht werde.«

»Allah kerihm! Wann soll er fort?«

»Morgen vormittags.«

»Wir überfallen unterwegs seine Begleitung!«

»So lange wir noch Hoffnung haben, ihn durch List frei zu bekommen, so lange soll kein Menschenleben beschädigt werden.«

»Aber wir haben nur noch die Zeit von einer Nacht!«

»Diese Zeit ist lang genug.«

Dann wandte ich mich an den Engländer:

»Sir, ich brauche Wein für den Mutesselim.«

»Wäre Wein wert, dieser Kerl! Mag Wasser trinken! Kaffee, Lindenblüten, Baldrian und Buttermilch!«

»Er hat mich um Wein gebeten!«

»Schlingel! Darf doch keinen trinken! Ist Mohammedaner!«

»Die Moslemin trinken ihn ebenso gern wie wir. Ich möchte uns sein Wohlwollen erhalten, solange wir es brauchen.«

»Schön! Soll Wein haben! Wie viel?«

»Ein Dutzend. Ich gebe die Hälfte und Ihr die andere.«

»Pshaw! Kaufe nicht halben Wein. Hier Geld!«

Er reichte mir die Börse hin, ohne daß es ihm einfiel, zu bemerken, wie viel ich ihr entnahm. Er war ein Gentleman und ich ein armer Teufel.

»Wie ist's?« fragte er. »Retten wir Amad?«

»Ja.«

»Heute?«

»Ja.«

»Wie?«

»Ich gehe mit Selim Agha Wein trinken und suche — — —«

»Trinkt auch Wein?« unterbrach er mich.

»Leidenschaftlich.«

»Schöner Muselmann! Verdient Prügel!«

»Grad diese Geschmacksrichtung aber giebt uns Vorteile. Er wird einen Rausch bekommen und dann nehme ich ihm unbemerkt den Gefängnisschlüssel fort. Ich lasse den Araber heraus zu seinem Vater, wo er sich umkleidet. Dann führt ihn Halef nach der Villa, die Ihr für ihn gebaut habt.«

»Well! Sehr schön! Was thue ich dabei?«

»Zunächst aufpassen. Wenn ich ihn bringe, so gebe ich da drüben an der Ecke ein Zeichen. Ich werde wie ein Rabe krächzen, der aus dem Schlafe gestört worden ist. Dann eilt Halef hinunter, um die Thüre zu öffnen und die Wirtin in der Küche festzuhalten. Ihr geht mit Mohammed an die Treppe und empfangt Amad, um ihn empor zu führen. Er zieht sich an, und ihr wartet, bis ich nach Hause komme.«

»Ihr geht wieder fort?«

»Ja. Ich muß zu Selim Agha, um keinen Verdacht zu erregen und ihm den Schlüssel wieder zuzustecken.«

»Schwere Sache für Euch! Wenn Ihr nun ertappt werdet?«

»Ich habe eine Faust und, wenn das zu wenig sein sollte, auch Waffen. Jetzt aber laßt uns in Gemeinschaft zu Abend essen.«

Während des Mahles wurde auch Mohammed genau instruiert. Halef brachte den Wein und mußte ihn gut verpacken.

»Den trägst du jetzt zum Mutesselim,« sagte ich ihm.

»Will er ihn trinken, Sihdi?« fragte er erstaunt.

»Er soll ihn verwenden, wozu er ihn braucht. Du giebst das Paket an keinen andern Menschen als nur an ihn und sagst, daß ich hier die Medizin sende. Und höre! Wenn ich dann mit Selim Agha fortgehe, so gehest du uns heimlich nach und merkst dir das Haus, in welches wir treten, aber genau! Und sollte ich irgendwie gebraucht werden, so kommst du, mich zu holen.«

»Wo werde ich dich in dem Hause finden?«

»Du gehst im Flur von der Thüre aus ungefähr acht Schritte gradaus und pochest dann rechts an eine Thüre, hinter welcher ich mich befinde. Sollte der Wirt dich sehen, der ein Jude ist, so sagest du, daß du den fremden Emir suchest, der aus dem Kruge trinkt. Verstehest du?«

Er ging mit seinem Pakete fort.

Mohammed Emin befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung. Ich hatte ihn selbst damals, als es im Thale der Stufen galt, seine Feinde gefangen zu nehmen, nicht so gesehen. Er hatte alle seine Waffen angethan und auch die Flinte neu geladen. Ich konnte nicht darüber lächeln. Ein Vaterherz ist eine heilige Sache; ich hatte ja auch einen Vater daheim, der oft für mich der Sorgen und Entbehrungen genug getragen hatte, und konnte also das begreifen.

Endlich kam Selim Agha von dem Mutesselim zurück. Er verzehrte in der Küche sein Abendbrot, und dann gingen wir heimlich zum Juden. Selim Agha hatte die Wirkung des starken Weines zur Genüge kennen gelernt und nahm sich daher sehr in acht. Er trank nur in kleinen Schlückchen und auch sehr langsam.

Wir mochten bereits dreiviertel Stunden beim Weine sitzen, und noch immer zeigte derselbe keine andere Wirkung auf den Agha, als dieser stiller und träumerischer wurde und sich sinnend in seine Ecke lehnte. Schon stand ich im Begriff, ihn zum Austrinken zu nötigen und zwei neue Krüge bringen zu lassen, als es draußen an die Thüre pochte.

»Wer ist das?« frug der Agha.