»Wie lautet dein Name?«
»Marah Durimeh heiße ich.«
Das war eine geheimnisvolle Mitteilung, die aber so abenteuerlich klang, daß ich nicht den mindesten Wert auf sie legte. Ich verabschiedete mich und ging nach Hause. Dort merkte ich, daß es ungewöhnlich laut in der Küche herging. Es mußte der edlen >Myrte< etwas widerfahren sein, was ihren Unmut erweckt hatte. Unter den gegenwärtigen Umständen konnte das kleinste Ereignis für mich Wert besitzen, und so trat ich ein. Mersinah hielt dem tapfern Agha eine Strafpredigt, das sah ich auf den ersten Blick. Sie stand mit drohend erhobenen Armen vor ihm, und er hielt die Augen niedergeschlagen wie ein Knabe, der von seinem Erzieher einen Verweis erhält. Sie sahen mich eintreten, und sofort bemächtigte sich die >Myrte< meiner.
»Siehe dir einmal diesen Selim Agha an!«
Sie deutete mit gebieterischer Miene auf den armen Sünder, und ich machte mit meinem Kopfe eine Viertelwendung nach rechts, um ihn pflichtschuldigst in Augenschein zu nehmen.
»Ist dieser Mann ein Agha der Arnauten?« fragte sie nun.
»Ja.«
Ich gab diese Antwort natürlich in dem Tone meiner festesten Ueberzeugung, aber grad dieser Ton schien einen Rückfall ihres Raptus über sie zu bringen.
»Was! Also auch du hältst ihn für einen Befehlshaber tapferer Krieger? Ich werde dir sagen, was er ist; ein Agha der Feiglinge ist er!«
Der Agha schlug die Augen auf und versuchte, einen verweisenden Blick zu stande zu bringen. Es gelang ihm leidlich.
»Erzürne mich nicht, Mersinah, denn du weißt, daß ich dann schrecklich bin!« sagte er dabei.
»Worüber seid ihr so ergrimmt?« wagte ich jetzt zu fragen.
»Ueber diese fünfzig Piaster!« antwortete die >Myrte<, indem sie mit der verächtlichsten ihrer Mienen auf die Erde deutete.
Ich blickte nieder und sah nun zwei silberne Zwanzig- und ein ebensolches Zehn-Piasterstück am Boden liegen.
»Was ist's mit diesem Gelde?«
»Es ist vom Mutesselim.«
Jetzt begann ich das übrige zu ahnen und fragte:
»Wofür?«
»Für die Gefangennehmung des Makredsch. Effendi, du weißt ungefähr, wie viel Geld dieser bei sich hatte?«
»Ich schätze es auf ungefähr vierundzwanzigtausend Piaster.«
»So hat Selim mir doch die Wahrheit gesagt. Dieses viele ungeheure Geld hat der Kommandant dem Makredsch abgenommen und von demselben diesem tapfern Agha der Arnauten fünfzig Piaster gegeben!«
Bei diesen Worten bildete ihr ganzes Gesicht ein empörtes Ausrufezeichen. Sie schob die Silberstücke mit dem Fuße fort und fragte mich:
»Und weißt du, was dieser Agha der Arnauten gethan hat?«
»Was?«
»Er hat das Geld genommen und ist davongegangen, ohne ein einziges Wort zu sagen! Frage ihn, ob ich dich belüge!«
»Was sollte ich thun?« entschuldigte sich Selim.
»Ihm das Geld in den Bart werfen! Ich hätte es ganz sicherlich gethan. Glaubst du das, Effendi?«
»Ich glaube es!«
Mit dieser Versicherung sagte ich die Wahrheit. Sie beehrte mich mit einem Blicke der Dankbarkeit und fragte mich dann:
»Soll er es ihm wiedergeben?«
»Nein.«
»Nicht?«
Ich wandte mich an den Agha:
»Hast du das Verzeichnis, welches der Kommandant nach Mossul schicken muß, unterschrieben?«
»Ja.«
»Wie viel hat er angegeben?«
»Vierhundert Piaster in Gold und einundachtzig Piaster in Silber.«
»Weiter nichts?«
»Nein.«
»Die Uhr und die Ringe?«
»Auch nicht.«
»Er ist dein Vorgesetzter, und du darfst ihn dir nicht zum Feinde machen; darum ist es gut, daß du das Geld ruhig genommen hast. Weißt du noch, was ich dir versprochen habe?«
»Ich weiß es!«
»Ich werde mein Wort halten und mit dem Kommandanten sprechen. Tausend Piaster wenigstens sollst du erhalten.«
»Ist das wahr, Effendi?« frug Mersinah.
»Ja. Das Geld gehört weder dem Mutesselim noch dem Agha, aber es kommt auf alle Fälle in Hände, welche kein Recht daran haben, und so mag es bleiben, wo es ist. Aber der Agha soll nicht so schmählich betrogen werden!«
»Er sollte doch wohl siebentausend erhalten?«
»Die bekommt er nicht. Das wurde nur als Vorwand gesagt. Selim, ist der Basch Tschausch schon fort?«
»Nein, Effendi.«
»Er sollte doch am Vormittage fortgehen.«
»Der Mutesselim hat ja einen neuen Bericht zu schreiben, weil er in dem alten sagte, daß er den Araber schicken werde. Vielleicht soll der Basch Tschausch warten, bis wir den Entflohenen wieder haben.«
»Dazu ist wohl keine Hoffnung vorhanden.«
»Warum?«
»Weil er sich an den Felsen zu Tode gestürzt hat.«
»Und wenn wir uns getäuscht hätten?«
»Wieso?«
»Der Mutesselim scheint jetzt zu glauben, daß er noch lebt.«
»Hat er dir nähere Mitteilung darüber gemacht?«
»Nein; aber ich hörte es aus verschiedenen Worten, welche er sprach.«
»So wünsche ich ihm, daß er sich nicht irren möge!«
Ich begab mich nach meinem Zimmer. Sollte ein von mir oder von uns unbeachteter Umstand den Verdacht des Kommandanten erregt haben? Möglich war es. Aber dann war es auch geraten, sich auf alles gefaßt zu machen. Doch ehe ich meinen Gefährten eine Mitteilung machte, ging ich im Geiste noch einmal alles Geschehene durch. Ich konnte nichts finden, was mir hätte auffallen können, und noch war ich mit mir nicht im klaren, als der Agha die Treppen emporkam und bei mir eintrat.
»Effendi, es ist ein Bote des Mutesselim da. Er läßt uns sagen, daß wir nochmals in das Gefängnis kommen sollen.«
»Er ist bereits dort?«
»Ja.«
»Erwarte mich unten. Ich komme sogleich!«
War es in Frieden oder war es Feindseligkeit, daß er mich kommen ließ? Ich beschloß mich auch auf letztere vorzubereiten. Die beiden Revolver waren geladen. Ich steckte auch die Pistolen zu mir und ging dann zu Halef. Dieser war allein in seiner Stube.
»Wo ist der Buluk Emini?«
»Der Basch Tschausch hat ihn geholt.«
Das war nichts Besonderes, fiel mir aber doch auf, weil ich einmal Verdacht gefaßt hatte.
»Wie lange ist es her?«
»Gleich als du fortgingst, um das Pferd zu kaufen.«
»Komm mit herüber zum Haddedihn!«
Dieser lag rauchend am Boden.
»Emir,« empfing er mich, »Allah hat mir nicht die Geduld verliehen, lange auf ein Ding zu warten, nach dem ich mich sehne. Was thun wir noch in dieser Stadt?«
»Vielleicht verlassen wir sie in kurzer Zeit. Es hat fast den Anschein, als ob wir verraten seien.«
Jetzt erhob er sich langsam und in der Art und Weise eines Mannes, der zwar überrascht wird, sich aber stark genug fühlt, diese Ueberraschung zu verbergen und ihren Folgen zu begegnen.
»Woraus schließest du das, Effendi?«
»Ich ahne es einstweilen nur. Der Kommandant hat zu mir geschickt, daß ich in das Gefängnis kommen soll, wo er mich erwartet. Ich werde gehen, aber die Vorsicht nicht vergessen. Komme ich in einer Stunde nicht zurück, so ist mir ein Uebel widerfahren.«
»Dann suche ich dich!« rief Halef.
»Du wirst nicht zu mir können, denn ich werde mich vielleicht in dem Gefängnisse befinden, und zwar als Gefangener. Ihr könnt dann wählen: — entweder ihr flieht, oder ihr sucht, mich frei zu machen.«
»Wir werden dich nicht verlassen!« versicherte der Haddedihn mit ruhiger Stimme.
Wie er jetzt stolz und aufrecht vor mir stand; im langen, weißen Bart, der bis auf den Gürtel herab wallte, bot er ganz das Bild eines kühnen, aber doch besonnenen Mannes.
»Ich danke dir! Sollten sie mich gefangen nehmen, so steht doch so viel fest, daß es nur nach einem heißen Kampfe geschieht. Binden aber lasse ich mich auf keinen Fall, und dann wird es wohl möglich sein, euch die Zelle zu bezeichnen, in der ich mich befinde.«
»Wie willst du dies thun, Sihdi?« fragte Halef.
»Ich werde versuchen, an der Mauer in die Höhe zu kommen, und euch das Zeichen mit einem meiner Kleidungsstücke geben, welches ich soweit im Loche vorschiebe, daß ihr es sehen könnt. Dann ist es euch vielleicht möglich, mir durch den Agha oder durch Mersinah eine Botschaft zu senden. Lange bin ich keinenfalls gefangen. Auf alle Fälle aber haltet ihr eure Pferde gesattelt. Ueberlegt euch die Sache selbst weiter; ich habe keine Zeit, denn der Mutesselim wartet, und ich muß noch zum Engländer.«
Auch dieser saß auf seinem Teppich und rauchte.
»Schön, daß Ihr kommt, Sir!« begrüßte er mich. »Wollen fort!«
»Warum?«
»Ist nicht geheuer hier!«
»Sprecht deutlicher!«
Er erhob sich, trat in die Nähe der Fensteröffnung und deutete auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses.
»Seht dort!«
Ich blickte schärfer hinüber und erkannte die Gestalt eines Arnauten, welcher auf dem Bauche lag und unsere Wohnung beobachtete.
»Werde auch auf unser Dach steigen,« sagte Lindsay ruhig, »und dem Manne dort eine Kugel geben!«
»Ich gehe jetzt nach dem Gefängnisse, wo mich der Mutesselim erwartet. Wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin, so ist mir etwas geschehen, und ich sitze fest. In diesem Falle stecke ich irgend ein Kleidungsstück aus dem Loche heraus, in welchem ich hocke. Ihr könnt es von den hintern Fenstern oder von dem Dache aus sehen.«
»Sehr schön; wird großes Vergnügen sein; sollen Master Lindsay kennen lernen!«
»Verständigt Euch mit Halef. Er spricht ja einige Brocken Englisch.«
»Werden Pantomimen machen. Yes!«
Ich ging. Ueber mich wachten drei Männer, auf die ich mich verlassen konnte. Uebrigens war Amadijah bereits menschenleer; die Hälfte der Garnison laborierte am Fieber, und den Mutesselim hatte ich in meiner Hand.
Selim Agha stand bereits unter der Thüre. Die beiden Besprechungen hatten ihm zu lange gedauert, und er suchte das Versäumte durch einen schnellen Schritt wieder einzuholen. Wie bereits heute morgen, stand der Kommandant auch jetzt wieder unter der geöffneten Gefängnisthüre. Er trat zurück, als er uns erblickte. Seit meinem Austritte aus der Wohnung bis hierher hatte ich scharf gespäht, aber keinen Menschen gesehen, der den Auftrag hätte haben können, mich zu beaufsichtigen. Die zwei Gassen, durch welche wir kamen, waren leer, und auch in der Nähe des Gefängnisses ließ sich niemand sehen. Der Kommandant begrüßte mich sehr höflich, aber mein Mißtrauen entdeckte sehr leicht, daß hinter dieser Höflichkeit sich eine Arglist barg.
»Effendi,« begann er, als er die Thüre hinter sich und uns verschlossen hatte, »wir haben den Körper des Entflohenen nicht gefunden.«
»Hast du in der Schlucht suchen lassen?«
»Ja. Es sind Leute an Stricken hinabgelassen worden. Der Gefangene ist nicht dort hinab.«
»Aber seine Kleider lagen dort!«
»Vielleicht hat er sie dort nur abgelegt!«
»Dann würde er ja ein anderes Gewand haben müssen!«
»Vielleicht hat er das gehabt. Es ist gestern ein vollständiger Anzug gekauft worden.«
Er blickte mich bei diesen Worten forschend an. Er meinte jedenfalls, ich werde mich durch eine Miene verraten; im Gegenteil aber hatte er sich durch diese Bemerkung bloßgestellt, denn nun wußte ich ganz genau, was ich von ihm zu erwarten hatte.
»Für ihn?« fragte ich ungläubig lächelnd.
»Ich glaube es. Ja, man hat sogar ein Reitpferd gekauft!«
»Auch für ihn?«
»Ich denke es. Und dieses befindet sich noch in der Stadt.«
»Er will also offen und frei zum Thore hinausreiten? Oh, Mutesselim, ich glaube, dein System ist noch nicht in Ordnung gekommen. Ich werde dir Medizin senden müssen!«
»Ich werde nie wieder eine solche Medizin trinken,« antwortete er einigermaßen verlegen. »Ich habe die Ueberzeugung, daß er zwar hier aus dem Gefängnisse entkommen ist, sich aber noch in der Stadt befindet.«
»Und weißt du auch, wie er entkommen ist?«
»Nein; aber davon bin ich nun überzeugt, daß weder der Agha noch die Wächter die Schuld tragen, daß es ihm gelang.«
»Und wo soll er sich versteckt halten?«
»Das werde ich schon noch entdecken, und dabei sollst du mir helfen, Effendi.«
»Ich? Gern, wenn ich es vermag.«
Ich hatte bei meinem Eintritte einen raschen Blick zur Treppe emporgeworfen und oben mehr Arnauten stehen sehen, als vorher hier postiert gewesen waren. Man hatte also wohl die Absicht, mich hier festzuhalten. In dieser Ueberzeugung bestärkten mich natürlich die unvorsichtigen Reden des Kommandanten. Ein Blick auf das offene Gesicht des Agha ergab, daß er von dem Vorhaben des Mutesselim ganz sicher keine Kenntnis hatte. Also auch er stand im Verdacht, und daraus schloß ich, daß man den Entsprungenen in seiner und in meiner Wohnung vermute.
»Ich habe gehört,« meinte der Kommandant, »daß du ein großer und geschickter Kenner aller Spuren bist.«
»Wer hat dir das gesagt?«
»Dein Baschi-Bozuk, dem dein Diener Halef es erzählte.«
Also er hatte den Baschi-Bozuk verhört. Darum also war derselbe von dem Basch Tschausch geholt worden! Der Kommandant fuhr fort:
»Und darum bitte ich dich, dir einmal das Gefängnis anzusehen.«
»Dies habe ich doch bereits gethan!«
»Aber nicht so genau, wie es geschehen muß, wenn man Spuren entdecken will. Dann ist oft ein ganz kleines Ding, welches man erst gar nicht beachtet hat, von sehr wichtiger Bedeutung.«
»Das ist richtig. Also das ganze Haus soll ich durchsuchen?«
»Ja. Aber du wirst wohl mit dem Loche beginnen müssen, in dem er gesteckt hat, denn dort hat auch seine Flucht begonnen.«
O schlauer Türke! Hinter mir hörte ich auf den Treppenstufen etwas knistern. Die Arnauten kamen leise herab.
»Das ist sehr richtig,« bemerkte ich scheinbar ahnungslos. »Laß die Thüre zu der Zelle öffnen!«
»Mache auf, Selim Agha!« gebot er.
Der Agha schob die Riegel zurück und legte die Thüre ganz bis an die Wand hinum.
Ich trat näher, aber so vorsichtig, daß mich kein Stoß von hinten hinabwerfen konnte, und blickte aufmerksam hinein.
»Ich sehe nichts, was mir auffallen könnte, Mutesselim!«
»Von hier aus kannst du auch nichts sehen. Du wirst wohl hinabsteigen müssen, Effendi!«
»Wenn du es für nötig hältst, werde ich es thun,« erwiderte ich unbefangen.
Ich trat zur Seite, faßte die Thüre, hob sie aus den Angeln und legte sie quer vor der Thüröffnung auf den Boden nieder, so daß ich sie von dem Loche aus stets im Auge behalten konnte. Das hatte der gute Kommandant nicht erwartet; es machte ihm einen sehr dicken Strich durch seine Rechnung.
»Was thust du da?« fragte er enttäuscht und ärgerlich.
»Ich habe die Thüre ausgehoben, wie du siehst,« antwortete ich.
»Warum?«
»O, wenn man Spuren entdecken will, so muß man sehr vorsichtig sein und alles im Auge behalten!«
»Aber das Abnehmen der Thüre ist doch nicht notwendig. Du erhältst dadurch nicht mehr Licht in das Loch, als vorher.«
»Richtig! Aber weißt du, welche Spuren die sichersten sind?«
»Welche?«
»Diejenigen, welche man in dem Angesichte eines Menschen findet. Und diese« — dabei klopfte ich ihm vertraulich auf die Achsel — »weiß ein Effendi aus Germanistan ganz sicher zu finden und zu lesen.«
»Wie meinst du das?« fragte er betroffen.
»Ich meine, daß ich dich wieder einmal für einen großen Diplomaten halte. Du verstehst deine Geheimnisse und Absichten ausgezeichnet geheim zu halten. Und darum werde ich dir auch deinen Willen thun und jetzt hinunterspringen.«
»Was meinst du für Absichten?«
»Deine Weisheit hat dich auf den ganz richtigen Gedanken geführt, daß ein Gefangener es am besten erraten könne, wie es einem andern Gefangenen möglich gewesen sei, zu entkommen. Allah sei Dank, daß er so kluge Männer geschaffen hat!«
Ich sprang hinunter in das Loch und bückte mich, um zu thun, als ob ich am Boden suche. Dabei jedoch sah ich unter dem Arm hinweg und bemerkte einen Wink, den der Mutesselim dem Agha gab. Beide bückten sich, um die schwere Thüre aufzunehmen und in die Angeln zu bringen. Ich drehte mich um.
»Mutesselim, laß die Thüre liegen!«
»Sie soll dahin, wohin sie gehört.«
»So gehe ich auch wieder dahin, wohin ich gehöre!«
Ich machte Anstalt, mich emporzuschwingen, was nicht sehr leicht zu bewerkstelligen war, weil das Loch eine bedeutende Tiefe hatte.
»Halt, du bleibst!« gebot er mir und gab zugleich einen Wink, auf welchen mehrere bewaffnete Arnauten herbeitraten. »Du bist mein Gefangener!«
Der gute Selim erschrak. Er starrte erst den Mutesselim und dann mich an.
»Dein Gefangener?« fragte ich. »Du scherzest!«
»Es ist mein voller Ernst!«
»So bist du über Nacht verrückt geworden! Wie kannst du glauben, daß du der Mann seist, der mich gefangen nehmen kann!«
»Du bist ja schon gefangen und wirst nicht eher wieder frei kommen, als bis ich den Entflohenen entdeckt habe.«
»Mutesselim, ich glaube nicht, daß du ihn entdecken wirst!«
»Warum?«
»Dazu gehört ein Mann, welcher Mut und Klugheit besitzt, und mit diesen beiden Eigenschaften hat dich Allah in seiner Weisheit verschont.«
»Du willst mich verhöhnen? Siehe zu, wie weit du mit deiner eignen Klugheit kommst! Legt die Thüre an und schiebt die Riegel vor!«
Jetzt zog ich eine der Pistolen.
»Laßt die Thüre liegen, das rate ich euch!«
Die braven Arnauten blieben sehr verlegen stehen.
»Greift zu, ihr Hunde!« gebot er drohend.
»Laßt euch nicht erschießen, ihr Leute!« sagte ich, indem ich die Hähne spannte.
»Wage es, zu schießen!« rief der Mutesselim.
»Wagen? O, Mutesselim, das ist ja gar kein Wagnis. Mit diesen Leuten werde ich ganz gut auskommen, und du bist der erste, den meine Kugel trifft!«
Die Wirkung war eigentümlich, denn der kühne Held von Amadijah verschwand sofort von der Thüröffnung. Aber seine Stimme ertönte:
»Schließt ihn ein, ihr Schurken!«
»Thut es nicht, ihr Männer, denn ich werde den, der diese Thüre zu schließen wagt, ganz sicher in die Dschehennah schicken!«
»So schießt ihr wieder!« ertönte es von der Seite her.
»Mutesselim, vergiß nicht, wer ich bin! Eine Verletzung meiner Person würde dich deinen Kopf kosten.«
»Wollt ihr gehorchen, ihr Buben! Oder soll ich es sein, der euch erschießt? Selim Agha, greif zu!«
Der Neffe des Schwagers von der Schwester des Enkelsohnes der Mutter von der Stiefschwester der >Myrte< war dem Beispiele seines Vorgesetzten gefolgt und hatte sich in der Entfernung an die Mauer gedrückt. Er befand sich jetzt gewiß in sehr großer Verlegenheit, aus der ich ihn erretten mußte.
»Tretet ein wenig zurück, ihr Männer, denn jetzt geht es los!«
Ich richtete die Mündung der Waffe auf sie und bekam die Oeffnung frei. Nach einer schnellen Kraftanstrengung stand ich oben vor dem Kommandanten, dem ich die Pistole unter die Nase hielt.
»Mutesselim, ich habe da unten keine Spur gefunden!«
»Alla illa Allah! Emir, thue diese Waffe weg!«
Daß er selbst ein solches Schießding, mit dem er sich ja wehren konnte, im Gürtel trug, schien ihm gar nicht einzufallen.
»Sie kommt erst dann zurück an ihre Stelle, wenn diese Wächter zurückgekehrt sind nach oben. Selim Agha, schaffe sie fort!«
Diesem Befehle leistete der Agha augenblicklich Folge:
»Packt euch, und laßt euch nicht wieder sehen!«
Sie retirierten schleunigst die Treppe empor.
»So, jetzt stecke ich die Waffe ein. O, Mutesselim, in welche Schande hast du dich gebracht! Deine List ist nicht gelungen, deine Gewalt hat nichts genützt; und nun stehest du da wie ein Fakara günakiar[90], der um Gnade bitten muß. Warum wolltest du mich einschließen lassen?«
»Weil ich bei dir haussuchen muß.«
»Darf ich nicht dabei sein?«
»Du hättest dich gewehrt.«
»Ah, du hast also Respekt vor mir? Das höre ich gern! Und du meinst, daß die andern sich nicht gewehrt hätten?«
»Du bist der schlimmste, sie aber hätten wir nicht gefürchtet.«
»Du irrst, Mutesselim. Ich bin der gütigste von ihnen allen. Mein Hadschi Halef Omar ist ein Held; der Hadschi Lindsay-Bey ist ein Wüterich, und der dritte, den du noch nicht gesehen hast, der übertrifft noch beide. Du wärest nur tot von ihnen weggekommen! Wie lange aber, glaubst du, daß ich mich hier in diesem Loche befunden hätte?«
»So lange es mir beliebte!«
»Meinst du? Sieh diese Waffen und diesen Beutel mit Kugeln und Patronen! Ich hätte die Riegel oder die Angeln aus der Thüre geschossen und in zwei Minuten da gestanden, wo ich jetzt stehe. Und bereits bei dem ersten Schusse hätten meine Leute gewußt, daß ich in Gefahr war. Sie wären herbeigeeilt, um mir zu helfen.«
»Sie hätten nicht herein gekonnt.«
»Eine Büchsenkugel öffnet dein altes Schloß ganz leicht. Komm her, ich will dir etwas zeigen!«
Ich drehte ihn nach der Zelle zu und deutete nach dem Fensterloche, durch welches man ein Stückchen des Himmels erblicken konnte; jetzt aber sah man in dem Rahmen des Loches eine Gestalt, welche ein schwarz und rot karriertes Gewand trug, eine Büchse in der Hand hielt und aufmerksam nach dem Gefängnisse herüberblickte.
»Kennst du diesen Mann?« fragte ich.
»Hadschi Lindsay-Bey!«
»Ja, er ist's. Er steht auf dem Dache meiner Wohnung und wartet auf das Zeichen, welches wir verabredet haben. Mutesselim, dein Leben hängt an einem Haare. Was hast du gegen mich?«
»Du hast den Entflohenen befreit!«
»Wer sagte das?«
»Ich habe Zeugen.«
»Mußt du mich da gefangen nehmen, mich, einen Effendi und Bey, einen Emir, der viel höher steht, als du, der das Budjeruldi des Großherrn besitzt und dir schon viele Beweise gegeben hat, daß er keinen Menschen fürchtet?«
»Ja, du fürchtest niemand, und eben darum wollte ich dich hier sicher haben, ehe ich deine Wohnung durchsuchte.«
»Du kannst sie in meiner Gegenwart durchsuchen!«
»Herr, nun thue ich es nicht. Ich werde meine Leute senden.«
Ah, er fürchtete jetzt den ›Helden‹, den ›Wüterich‹ und den, der diese beiden noch übertraf.
»Auch das werde ich gestatten, wenn es ohne Aufsehen geschieht. Sie können jeden Winkel durchstöbern; ich habe nichts dagegen. Du siehst also, daß du mich nicht einzusperren brauchtest, Mutesselim!«
»Das wußte ich nicht!«
»Dein größter Fehler aber war, daß du glauben konntest, ich sei mit Blindheit geschlagen und werde mich ruhig einsperren lassen. Thue das nicht wieder, denn ich sage dir: dein Leben hing an einem Haar.«
»Aber, Emir, wenn wir den Gefangenen bei dir entdecken, so werde ich dich doch gefangen nehmen müssen!«
»Dann werde ich mich nicht weigern.«
»Und ich kann dich jetzt nicht nach Hause gehen lassen.«
»Warum?«
»Ich muß sicher sein, daß du nicht den Befehl giebst, den Gefangenen zu verstecken.«
»Gut. Aber ich sage dir, daß meine Gefährten dann die Wohnung nicht durchsuchen lassen. Sie werden im Gegenteile einen jeden niederschießen, der sie zu betreten wagt.«
»So schreibe ihnen, daß sie meine Leute eintreten lassen sollen!«
»Das will ich thun. Selim Agha kann den Brief gleich hintragen.«
»Nein. Dieser nicht!«
»Warum?«
»Er könnte von allem wissen und sie warnen.«
»Oh, der Agha ist dir treu und weiß kein Wort über den Gefangenen zu sagen oder zu verschweigen! Nicht wahr, Selim Agha?«
»Herr,« meinte dieser zu seinem Vorgesetzten, »ich schwöre dir, daß ich nicht das Geringste weiß, und daß auch der Effendi ganz unschuldig ist!«
»Das letztere kannst du nicht beschwören, das erstere aber möchte ich glauben um deinetwillen. Emir, du gehst mit zu mir, wo wir dann weiter über diese Sache reden werden. Ich werde dich deinen Anklägern gegenüberstellen.«
»Das verlange ich auch!«
»Einen derselben kannst du gleich jetzt hören.«
»Wer ist es?«
»Der Arnaute, der um deinetwillen dort in dem Loche steckt.«
»Ah! Dieser?«
»Ja. Ich durchsuchte heute noch einmal die Zellen und fragte jeden Gefangenen, ob er heute nacht etwas gemerkt habe. Ich kam auch zu ihm und hörte von ihm etwas, was dir sehr schädlich ist.«
»Er will sich rächen! Aber willst du nicht lieber einen der Wächter nach meiner Wohnung senden? Wenn ich einen Brief schreibe, könnte doch ein Irrtum unterlaufen, oder meine Gefährten könnten glauben, daß ihn ein anderer geschrieben habe.«
»Sie werden dem Wächter noch viel weniger glauben!«
»Das meine ich auch nicht. Dieser Mann soll aber meinen Diener holen, der sich überzeugen kann, daß ich selbst die Erlaubnis gebe, die Wohnung zu durchsuchen.«
»Du wirst nur in meiner Gegenwart mit ihm sprechen?«
»Ja.«
»So werde ich ihn holen lassen.«
Er rief einen der Arnauten und gab ihm den betreffenden Befehl; dann mußte Selim Agha den Kerker öffnen, in welchem der frühere Khawaß des Engländers eingeschlossen war.
»Stehe auf,« gebot ihm der Mutesselim, »und gieb mir Rede und Antwort! Behauptest du das, was du mir heute sagtest, auch jetzt noch?«
»Ja.«
»Wiederhole es!«
»Der Mann, den du Hadschi Lindsay-Bey nanntest, ist ein Inglis. Er nahm mich und einen Dolmetscher von Mossul mit, und diesem hat er erzählt, daß er einen Mann suche, der ausgezogen ist, einen Gefangenen zu befreien.«
Also hatte Master Fowling-bull dennoch geplaudert!
»Hat er diesen Mann genannt?« fragte ich den Arnauten.
»Nein.«
»Hat er dem Dolmetscher den Namen des Gefangenen gesagt, welcher befreit werden soll?«
»Nein.«
»Auch nicht den Ort, wo dieser Gefangene ist?«
»Nein.«
»Mutesselim, hat dieser Arnaute noch mehr zu sagen?«
»Das ist alles.«
»Nein; das ist gar nichts! Selim Agha, schließe wieder zu! Oh, Mutesselim, du bist wirklich ein so großer Diplomat, daß ich in Stambul gewiß deine Verdienste sehr viel rühmen werde! Man wird sich dann beeilen, dir eine noch viel höhere Stellung als die jetzige zu geben. Vielleicht macht dich der Padischah gar zum Vicekönig von Bagdad. Hadschi Lindsay-Bey will einen Mann aufsuchen. Hat er gesagt, daß ich dieser Mann sei? Dieser Mann will einen Gefangenen befreien. Hat er gesagt, daß es dein Gefangener sein soll? Wird ein Inglis sein Vaterland, welches beinahe tausend Kameltagreisen von hier entfernt ist, verlassen, um einen Araber aus der Gefangenschaft zu befreien? Er hatte, als er es verließ, noch niemals einen Araber gesehen.«
»Aber du, du bist ein Freund von Amad el Ghandur?«
»Ich sage dir, daß ich ihn noch nie gesehen hatte, als bis ich ihn hier in dem Loche sah! Hadschi Lindsay-Bey versteht nicht Türkisch und nicht Arabisch, und sein Dolmetscher konnte nicht gut englisch sprechen. Wer weiß, was dieser Mann gehört und verstanden hat. Vielleicht hat der Hadschi ihm nur ein Märchen erzählt.«
»Aber er redet doch nicht!«
»Damals sprach er noch. Er hat sein Gelübde erst später gethan.«
»So komm, du sollst auch den andern Zeugen hören! Man klopft. Es wird dein Diener sein.«
Er öffnete den Eingang. Der Arnaute brachte Halef, dem ich sagte, daß ich mit der Haussuchung einverstanden sei, und fügte bei:
»Ich will dem Mutesselim beweisen, daß ich sein Freund bin. Die Leute sollen überall hingelassen werden. Nun gehe!«
»Wo gehest denn du jetzt hin?«
»Zum Mutesselim.«
»Wann kommst du wieder?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»In einer Stunde kann sehr viel gethan und gesprochen werden. Bist du bis dahin noch nicht zurück, so werden wir kommen und dich holen!«
Er ging. Der Kommandant machte ein sehr zweifelhaftes Gesicht. Das mannhafte Wesen meines kleinen Halef hatte ihm imponiert.
In dem Vorzimmer seines Selamlüks befanden sich mehrere Beamte und Diener. Er winkte einem der ersteren, welcher mit uns eintrat. Wir setzten uns, aber eine Pfeife erhielt ich nicht.
»Das ist der Mann!« meinte der Mutesselim, indem er auf den Beamten zeigte.
»Was für ein Mann?«
»Der dich gesehen hat.«
»Wo?«
»Auf der Gasse, welche zum Gefängnisse führt. Ibrahim, erzähle es!«
Der Beamte sah, daß ich mich auf freiem Fuße befand; er warf einen unsichern Blick auf mich und berichtete:
»Ich kam vom Palaste, Herr. Es war sehr spät, als ich meine Thüre öffnete. Eben wollte ich sie wieder schließen, da hörte ich Schritte, die sehr eilig herbeikamen. Es waren zwei Männer, die sehr schnell gingen; der eine zog den andern mit sich fort, und dieser andere hatte keinen Atem. An der Ecke verschwanden sie und gleich darauf hörte ich einen Raben schreien.«
»Hast du die beiden Männer erkannt?«
»Nur diesen Effendi. Es war zwar finster, aber ich erkannte ihn an seiner Gestalt.«
»Wie war die Gestalt des andern?«
»Kleiner.«
»Haben sie dich gesehen?«
»Nein, denn ich stand hinter der Thüre.«
»Du kannst gehen!«
Der Mann trat ab.
»Nun, Emir, was sagest du?«
»Ich war den ganzen Abend bei dir!«
»Aber einige Minuten bist du fort gewesen, nämlich als du die Lampe holtest. Da hast du den Gefangenen fortgeschafft, wie ich vermute, und dabei solche Eile gehabt, weil wir auf dich warteten.«
Ich lachte.
»Oh, Mutesselim, wann endlich wirst du einmal ein guter Diplomat werden! Ich sehe, daß dein System wirklich einer Stärkung bedarf. Erlaube mir einige Fragen.«
»Rede.«
»Wer hatte den Schlüssel zur Außenthüre des Gefängnisses?«
»Ich.«
»Konnte ich also hinaus, selbst wenn ich gewollt hätte?«
»Nein,« antwortete er zögernd.
»Mit wem bin ich nach Hause gegangen?«
»Mit Selim Agha.«
»Ist dieser Agha der Arnauten länger oder kürzer als ich?«
»Kürzer.«
»Und nun, Agha, frage ich dich: Sind wir langsam gegangen wie die Schnecken oder mit schnellen Schritten?«
»Schnell,« antwortete der Gefragte.
»Haben wir uns geführt oder nicht?«
»Wir führten uns.«
»Mutesselim, kann ein Rabe, der im Traume ein wenig krächzt oder ruft, in Beziehung zu dem Entflohenen stehen?«
»Emir, das trifft ja wunderbar!« antwortete er.
»Nein, das trifft nicht wunderbar, sondern das ist so einfach und natürlich, daß ich über die Kleinheit deiner Gedanken erschrecke! Ich werde ganz besorgt um dich! Du hattest den Schlüssel, und niemand konnte heraus; das mußtest du wissen. Ich bin mit dem Agha nach Hause gegangen, und zwar durch die Gasse, in welcher jener Mann wohnt; das wußtest du auch. Und auf eine Erzählung hin, die nur geeignet wäre, mich zu rechtfertigen, willst du mich verurteilen? Ich war dein Freund. Ich gab dir Geschenke; ich führte den Makredsch, dessen Festnehmung dir Ehre und Beförderung in Aussicht stellt, in deine Hände; ich gab dir Arzenei, um deine Seele zu erfreuen und das alles dankst du dadurch, daß du mich in das Gefängnis stecken willst. Geh! Ich werde irre an dir! Und was ebenso schlimm ist: du wirfst dein Mißtrauen sogar auf den Agha der Arnauten, dessen Treue du kennst, und der für dich kämpfen würde, selbst wenn er dabei das Leben verlieren müßte!«
Da richtete sich Selim Agha um einige Zoll höher auf.
»Ja, das ist wahr!« beteuerte er, indem er an seinen Säbel schlug und die Augen rollen ließ. »Mein Leben gehört dir, Herr. Ich gebe es für dich hin!«
Das war zu viel der Beweise. Der Kommandant reichte mir die Hand und bat:
»Verzeihe, Emir! Du bist gerechtfertigt, und ich werde in deiner Wohnung nicht nachsuchen lassen!«
»Du wirst suchen lassen. Ich verlange es nun selbst!«
»Es ist ja unnötig geworden!«
»Ich bestehe aber auf meinem Verlangen.«
Der Mutesselim erhob sich und ging hinaus.
»Effendi, ich danke dir, daß du mich von seinem Verdachte gereinigt hast!« sagte nun der Agha.
»Du wirst gleich hören, daß ich noch mehr für dich thue.«
Als der Kommandant wieder eintrat, machte er ein sehr verdrießliches Gesicht und begann:
»Draußen steht jetzt der Basch Tschausch, der nach Mossul gehen soll — — —«
»Der meinen Baschi-Bozuk holte,« unterbrach ich ihn, »damit du ihn über mich verhören konntest! Hast du wohl ein Wort von ihm erfahren, das mich verdächtigt?«
»Nein, er war deines Lobes voll. Aber sage mir, was ich dem Anadoli Kasi Askeri über den entsprungenen Gefangenen schreiben soll!«
»Schreibe die Wahrheit!«
»Das wird mir großen Schaden machen, Effendi. Denkst du nicht, daß ich schreiben könnte, er sei gestorben?«
»Das ist deine Sache!«
»Würdest du mich verraten?«
»Ich habe keinen Grund dazu, solange du mein Freund bist.«
»Ich werde es thun!«
»Aber wenn es dir gelingt, ihn wieder zu ergreifen? Oder wenn er glücklich seine Heimat erreicht?«
»So hat sich der abgesetzte Mutessarif geirrt und mir einen Mann geschickt, den er zwar für Amad el Ghandur hielt, der es aber nicht war. Und wenn ich ihn wieder ergreife — — Effendi, es wird das beste sein, daß ich gar nicht nach ihm suchen lasse!«
Das war eine echt türkische Weise, sich aus der Not zu helfen; mir jedoch kam sie sehr willkommen.
»Aber der Basch Tschausch weiß ja, daß der Araber entflohen ist?«
»Das ist ein anderer Araber gewesen, kein Haddedihn, sondern ein Abu Salman, der mir den Zoll verweigerte.«
»So eile, damit du der Sorge um den Makredsch ledig wirst. Wenn es auch diesem gelingen sollte, zu entkommen, so bist du verloren.«
»In einer Stunde soll der Transport abgehen.«
»Hast du schon das Verzeichnis von den Sachen fertig, welche der Makredsch bei sich hatte?«
»Es ist fertig und von mir und Selim Agha unterzeichnet.«
»Du hast eine Unterschrift vergessen, Mutesselim.«
»Welche?«
»Die meinige.«
»O, Effendi, diese ist gar nicht nötig.«
»Aber wünschenswert.«
»Aus welchem Grunde?«
»Man könnte mich in Mossul oder Stambul über diese Sache fragen, wenn etwas nicht stimmen sollte. So wird es besser sein, ich unterzeichne mich jetzt; dann ist alles in Ordnung. Auch dir muß es willkommen sein, einen Zeugen mehr zu haben; denn ich traue dem Makredsch gar sehr zu, daß er dich verleumdet, um sich an dir zu rächen.«
Der Kommandant befand sich augenscheinlich in großer Verlegenheit.
»Das Verzeichnis ist bereits verschlossen und versiegelt,« sagte er.
»Zeige es!«
Er erhob sich wieder und ging in die Nebenstube.
»Effendi,« flüsterte der Agha ängstlich, »verrate nicht, daß ich dir alles gesagt habe.«
»Sei ohne Sorge!«
Der Mutesselim kehrte zurück und hielt ein versiegeltes Schreiben in der Hand. Er reichte es mir ohne Bedenken.
Ich nahm es, um mich zu überzeugen, daß es auch das rechte sei. Ich drückte die langen Bauchseiten zusammen, so daß sich eine Röhre bildete, in deren Inneres ich blicken konnte. Da es nicht couvertiert war, sah ich zwar aus einzelnen Wörtern, daß der Kommandant mich nicht getäuscht habe; doch befanden sich die Ziffern, welche ich suchte, nicht an einer Stelle, die ich hätte lesen können. Gleichwohl aber that ich, als ob ich sie sähe, und las laut und langsam:
»Vierhundert Piaster in Gold — einundachtzig Piaster in Silber — —! Mutesselim, du wirst dieses Schreiben öffnen müssen; du hast dich sehr verschrieben!«
»Herr, diese Angelegenheit ist nicht die deinige, sondern die meinige!«
»So war es also nur die deinige, als ich dir beistehen mußte, den Makredsch festzuhalten und ihm sein Geld abzunehmen?«
»Ja,« antwortete er naiv.
»Gut! Aber du versprachst mir fünftausend Piaster, auf welche noch zweitausend zu legen sind, weil das Papiergeld keinen vollen Wert besitzt. Wo ist diese Summe?«
»Emir!«
»Mutesselim!«
»Du sagst, du seist mein Freund, und willst mich dennoch peinigen!«
»Du sagst, du seist mein Freund, und willst mich dennoch hintergehen!«
»Ich muß das Geld nach Mossul senden.«
»Vierhunderteinundachtzig Piaster, ja. Deine Pflicht ist es aber, alles Geld des Makredsch samt der Uhr und den Ringen einzusenden. Thust du dies, so habe ich nichts zu fordern; thust du es aber nicht, so verlange ich den mir gebührenden Teil.«
»Du hast ja gar nichts zu bekommen,« erklärte er.
»Du auch nicht, und Selim Agha auch nicht. Hat er etwas erhalten?«
»Siebentausend Piaster in Papier,« antwortete er sehr schnell, um dem Agha die Antwort abzuschneiden. Dieser schnitt ein Gesicht, daß ich beinahe in lautes Lachen ausgebrochen wäre.
»Nun, also,« sagte ich, »warum willst du mir da meinen Teil vorenthalten?«
»Du bist ein Fremdling und keiner meiner Beamten.«
»Du sollst recht behalten; aber dann trete ich meinen Teil an den Padischah ab. Sage also dem Basch Tschausch, daß er nach meiner Wohnung kommen soll, ehe er abreist. Ich werde ihm meinen Bericht an den Anadoli Kasi Askeri mitgeben. — Lebe wohl, Mutesselim, und erlaube, daß ich dich heute abend besuche.«
Ich ging zu der Thüre, hatte diese aber noch nicht erreicht, als er rief:
»Wie viel Geld wirst du angeben?«
»Die runde Summe von fünfundzwanzigtausend Piaster, eine Uhr und vier Brillantringe.«
»Wie viel willst du davon haben?«
»Meinen vollen Teil. Siebentausend Piaster in Papier, oder fünftausend in Gold oder Silber.«
»Effendi, es war wirklich nicht so viel Gold!«
»Ich kann den Klang des Goldes sehr gut von dem des Silbers unterscheiden, und der Beutel hatte einen sehr dicken Bauch.«
»Du bist reich, Emir, und wirst mit fünfhundert Piaster zufrieden sein!«
»Zweitausend in Gold, das ist mein letztes Wort!«
»Allah kerihm, ich kann es nicht!«
»Lebewohl!«
Wieder ging ich nach der Thüre. Er wartete, bis ich sie geöffnet hatte, dann rief er mich zurück. Ich ging jedoch weiter und war bereits auf der Straße, als mir eilige Schritte folgten. Es war Selim Agha, der mich zurückrief.
Als ich wieder in das Selamlük trat, war der Kommandant nicht da, bald aber kam er aus dem Nebenzimmer. Sein Blick war finster und feindselig, und seine Stimme vibrierte heiser, als er mich fragte:
»Also zweitausend willst du?«
»In Gold!«
Er setzte sich nieder und zählte mir zwanzig Hundertpiasterstücke auf den Teppich.
Ich bückte mich, nahm das Gold auf und steckte es ein. Er wartete einige Augenblicke, dann fragte er mit finsterer Stirn:
»Und du bedankst dich nicht?«
»Ich? Ich erwarte im Gegenteile deinen Dank, weil ich dir dreitausend Piaster geschenkt habe!«
»Du bist bezahlt und hast mir nichts geschenkt. Wann reisest du ab?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»Ich rate dir, noch heute die Stadt zu verlassen!«
»Warum?«
»Du hast dein Gold, nun gehe! Aber komme ja nie wieder!«
»Mutesselim, spiele keine Komödie mit mir, sonst lege ich dir die Piaster wieder her und schreibe einen Bericht. Wenn es mir beliebt, zu bleiben, so bleibe ich, und wenn ich zu dir komme, wirst du mich höflich empfangen. Aber um dir deine Sorge vom Herzen zu nehmen, will ich dir sagen, daß ich noch heute abreise. Vorher aber werde ich kommen, um von dir Abschied zu nehmen, und dann hoffe ich, daß wir in Frieden scheiden.«
Jetzt verließ ich ihn und kehrte zu den Gefährten zurück. Ehe ich das Haus erreichte, begegnete mir eine Truppe Arnauten, welche sich scheu zur Seite stellten und mich vorüber ließen. Unter der Thüre stand Mersinah und blickte ihnen nach. Ihr Angesicht glühte vor Zorn.
»Emir, ist schon einmal so etwas geschehen?« schnaubte sie mir entgegen.
»Was?«
»Daß ein Mutesselim bei seinem eignen Agha der Arnauten hat aussuchen lassen?«
»Das weiß ich nicht, o Engel des Hauses, denn ich bin noch niemals ein Agha der Arnauten gewesen.«
»Und weißt du, was man suchte?«
»Nun?«
»Den entflohenen Araber! Einen Flüchtling bei dem Aufseher zu suchen! Aber kommt nur dieser Selim Agha nach Hause, so werde ich ihm sagen, was ich an seiner Stelle gethan hätte.«
»Zanke nicht mit ihm. Er hat Leid genug zu tragen.«
»Worüber?«
»Daß ich mit meinen Gefährten abreise.«
»Du?«
Sie machte ein ganz unbeschreiblich erschrockenes Gesicht.
»Ja. Ich habe mich mit diesem Mutesselim gezankt und mag nicht länger an einem Orte bleiben, wo er gebietet.«
»Allah, Tallah, Wallah! Herr, bleibe hier. Ich werde diesen Menschen zwingen, dir mit Ehrerbietung zu begegnen!«
Das war ein Versprechen, dessen Ausführung beizuwohnen höchst interessant gewesen wäre. Ich hielt sie aber leider für unmöglich und ließ Mersinah unten stehen, wo ihre Stimme fort grollte, wie ferner Donner. Droben stand der Baschi-Bozuk vor der Treppe. Er hatte meine Stimme gehört und auf mich gewartet.
»Effendi, ich will Abschied von dir nehmen!«
»Komme herein; ich will dich bezahlen!«
»Oh, Emir, ich bin schon bezahlt.«
»Von wem?«
»Von dem Manne mit dem langen Gesichte.«
»Wie viel hat er dir gegeben?«
»Das!«
Er fuhr mit freudeglänzenden Augen in den Gürtel und holte eine ganze Hand voll großer Silberstücke hervor, die er mir zeigte.
»So komme nur. Wenn dies so ist, so hat der Mann mit dem langen Gesichte dich bezahlt, und ich werde nun den Esel bezahlen.«
»Allah kerihm, den verkaufe ich nicht!« rief er erschrocken.
»Ich meine nur, daß ich ihm seinen Lohn auszahlen will!«
»Maschallah, da komme ich!«
Er ging mit in meine Stube, die leer war. Hier stellte ich ihm ein Zeugnis aus und gab ihm noch einiges Geld, über welches er vor Freuden fast ganz außer sich geriet.
»Emir, ich habe noch niemals einen so guten Effendi gesehen, wie du bist. Ich wollte, du wärest mein Hauptmann oder mein Major oder Oberst! Dann würde ich dich in der Schlacht beschützen und um mich schlagen wie damals, als ich meine Nase verlor. Das war nämlich in der großen Schlacht bei — — —«
»Laß das sein, mein guter Ifra. Ich bin von deiner Tapferkeit völlig überzeugt. Du bist heute bei dem Mutesselim gewesen?«
»Der Basch Tschausch holte mich zu ihm, und ich mußte Antwort geben auf sehr viele Fragen.«
»Auf welche?«
»Ob ein Gefangener bei uns sei; ob du bei den Dschesidi viel Türken ermordet hast; ob du vielleicht ein Minister aus Stambul bist, und noch vieles andere, was ich mir gar nicht gemerkt habe.«
»Euer Weg, Ifra, führt euch nach Spandareh. Sage dem Dorfältesten dort, daß ich heute nach Gumri aufbreche, und daß ich dem Bey von Gumri das Geschenk bereits übersandt habe. Und in Baadri gehst du zu Ali Bey, um das zu vervollständigen, was ihm Selek erzählen wird.«
»Dieser geht auch fort?«
»Ja; wo ist er?«
»Bei seinem Pferde.«
»Sage ihm, daß er satteln kann. Ich werde ihm einen Brief mitgeben. Und nun lebe wohl, Ifra. Allah behüte dich und deinen Esel. Mögest du nie vergessen, daß ein Stein an seinen Schwanz gehört!« — —
Die drei Gefährten saßen kampfgerüstet in der Stube des Engländers beisammen. Halef umarmte mich beinahe vor Freude, und der Engländer reichte mir mit einem so frohen Gesichte die Hand, daß ich erkennen mußte, er sei in herzlichster Sorge um mich gewesen.
»Gefahr gehabt, Sir?« fragte er.
»Ich stak bereits in demselben Loche, aus welchem ich Amad el Ghandur geholt habe.«
»Ah! Prächtiges Abenteuer! Gefangener gewesen! Wie lange Zeit?«
»Zwei Minuten.«
»Selbst wieder freigemacht?«
»Selbst! Soll ich Euch die Geschichte erzählen?«
»Versteht sich! Well! Yes! Schönes Land hier, sehr schön! Alle Tage besseres Abenteuer!«
Ich erzählte ihm in englischer Sprache und fügte dann bei: »In einer Stunde sind wir fort.«
Des Engländers Gesicht nahm ganz die Stellung eines außerordentlich erschrockenen Fragezeichens an.
»Nach Gumri,« fügte ich hinzu.
»Oh, war schön hier, sehr schön! Interessant!«
»Noch gestern hieltet Ihr es nicht für schön, Master Lindsay!«
»War Aerger! Hatte nichts zu thun! Ist aber trotzdem schön gewesen, sehr schön! Romantisch! Yes! Wie ist es in Gumri?«
»Noch viel romantischer.«
»Well! So gehen wir hin!«
Er erhob sich sofort, um nach seinem Pferde zu sehen, und nun hatte ich Zeit, auch den beiden andern meine letzten Erlebnisse mitzuteilen. Keiner war über unsere Abreise so erfreut wie Mohammed Emin, dessen Herzenswunsch es war, mit seinem Sohne baldigst zusammen zu kommen. Auch er erhob sich eiligst, um sich zur Abreise fertig zu machen. Nun begab ich mich in meine Stube zurück, um einen Brief an Ali Bey zu schreiben. Ich meldete ihm in gedrängten Worten alles und sagte ihm Dank für die beiden Schreiben, die mir so große Dienste geleistet hatten. Diese Schreiben übergab ich nebst dem Briefe Selek, welcher dann Amadijah sogleich verließ. Er schloß sich dem Transport nicht an, sondern zog als Dschesidi vor, ganz allein zu reisen.
Da hallten die eiligen Schritte zweier Personen auf der Treppe. Selim Agha trat mit Mersinah ein.
»Effendi, ist es wirklich dein Ernst, daß du Amadijah verlassen willst?« fragte er mich.
»Du hast es ja bei dem Mutesselim gehört.«
»Sie satteln schon!« schluchzte die >Myrte<, welche sich die Thränen aus den Augen wischen wollte, mit der Hand aber leider nur bis an die ebenso betrübte Nase kam.
»Wohin gehet ihr?«
»Das braucht der Mutesselim nicht zu erfahren, Selim Agha. Wir reiten nach Gumri.«
»Dahin kommt ihr heute nicht.«
»So bleiben wir unterwegs über Nacht.«
»Herr,« bat Mersinah, »bleibe wenigstens diese Nacht noch hier bei uns. Ich will euch meinen besten Pillau bereiten.«
»Es ist beschlossen: wir reiten.«
»Du fürchtest dich doch nicht vor dem Mutesselim?«
»Er selbst weiß am besten, daß ich ihn nicht fürchte!«
»Und ich auch, Herr,« fiel der Agha ein; »hast du ihm doch zweitausend Piaster abgezwungen!«
Die >Myrte< machte große Augen.
»Maschallah, welch eine Summe!«
»Und zwar in Gold!« fügte Selim hinzu.
»Wem gehört dieses viele Geld?«
»Dem Emir natürlich! Emir, hättest du doch auch für mich ein Wort gesprochen!«
»Hast du das nicht gethan, Effendi?« erkundigte sich Mersinah. »Du hattest es uns doch versprochen!«
»Ich habe ja auch Wort gehalten.«
»Wirklich? Emir, wann hast du mit dem Mutesselim darüber geredet?«
»Als Selim Agha dabei war.«
»Herr, ich habe nichts gehört!« beteuerte dieser.
»Maschallah, so bist du plötzlich taub geworden! Der Mutesselim bot mir ja fünfhundert Piaster anstatt der fünftausend, welche ich verlangte!«
»Das war ja für dich, Effendi!«
»Selim Agha, du hast gesagt: Du liebst mich und seist mein Freund, und dennoch glaubst du, daß ich mein Wort so schlecht halte? Ich mußte ja so thun, als ob es für mich wäre!«
»So thun — — —?«
Er starrte mich wie versteinert an.
»So thun?« rief Mersinah. Aber ihr kam das Verständnis schneller. »Warum mußtest du so thun? Rede weiter, Emir!«
»Das habe ich ja dem Agha bereits erklärt — — —«
»Effendi,« rief sie, »erkläre diesem Agha der Arnauten nichts mehr, denn er wird es nie verstehen! Sage es lieber mir!«
»Wenn ich für den Agha Geld gefordert hätte, so wäre der Mutesselim sein Feind geworden — —«
»Das ist richtig, Effendi,« fiel sie eilig ein. »Ja, es wäre noch schlimmeres geschehen, denn nach deiner Abreise hätten wir das Geld wieder hergeben müssen.«
»So dachte ich auch, und daher that ich, als ob ich das Geld für mich verlangte.«
»Und es war wohl nicht für dich? Oh, sage es schnell!«
Die edle >Myrte< zitterte an ihrem ganzen Gebein vor Begierde.
»Für den Agha,« antwortete ich ihr.
»Maschallah! Ist dies wahr?«
»Natürlich!«
»Und er soll wirklich außer diesen fünfzig Piastern noch Geld erhalten?«
»Sehr viel.«
»Wie viel?«
»Alles.«
»Allah illa Allah! Wann, wann?«
»Jetzt gleich.«
»Hamdulillah, Preis und Dank sei Allah! Er macht uns reich durch dich! Aber nun mußt du es uns auch geben!«
»Hier ist es. Komm her, Selim Agha!«
Ich zählte ihm die volle Summe in die Hand. Er wollte die Hand schnell schließen, that es aber doch zu spät, denn die >Myrte< hatte ihm mit einem sehr geschickten Griff sämtliche Hundertpiasterstücke weggestrichen.
»Mersinah!« donnerte er.
»Selim Agha!« blitzte sie.
»Es ist ja mein!« grollte er.
»Es bleibt auch dein!« beteuerte sie.
»Ich kann es selbst aufheben!« murmelte er.
»Bei mir ist es sicherer!« redete sie ihm zu.
»Gieb mir nur etwas davon!« bat er.
»Laß es mir nur!« schmeichelte sie.
»So gieb mir wenigstens die gestrigen fünfzig Piaster!«
»Du sollst sie haben, Selim Agha!«
»Alle?«
»Alle; aber dreiundzwanzig sind bereits davon weg.«
»Alle! Und dreiundzwanzig sind bereits fort! Wo sind sie?«
»Fort! Für Mehl und Wasser für die Gefangenen.«
»Für Wasser? Das kostet doch nichts!«
»Für die Gefangenen ist nichts umsonst; das merke dir, Selim Agha! Aber, Emir, nun hast du ja nichts!«
Jetzt nun, da sie das Geld in den Händen hatte, wurde sie auch rücksichtsvoll gegen mich.
»Ich mag es nicht; ja, ich darf es nicht nehmen.«
»Du darfst nicht? Warum?«
»Mein Glaube verbietet es mir.«
»Dein Glaube? Allah illa Allah! Der Glaube verbietet doch nicht, Geld zu nehmen!«
»O doch! Dieses Geld gehörte weder dem Makredsch, denn er hat es jedenfalls nicht auf rechtliche Weise erworben, noch dem Mutesselim oder dem Agha. Aber es wäre auf alle Fälle verschwunden und nicht in die Hände der rechtmäßigen Besitzer zurückgelangt. Nur aus diesem Grunde habe ich den Mutesselim gezwungen, einen Teil davon wieder herauszugeben. Wenn es denn einmal in falsche Hände kommen soll, so ist es besser, ihr habt einen Teil davon, als daß der Mutesselim alles behielt.«
»Effendi, das ist ein sehr guter Glaube!« beteuerte Mersinah. »Du bist ein treuer Anhänger des Propheten. Allah segne dich dafür!«
»Höre, Mersinah! Wenn ich ein Anhänger des Propheten wäre, so hättet ihr nichts erhalten, sondern ich hätte alles in meine eigene Tasche gethan. Ich bin kein Moslem.«
»Kein Moslem!« rief sie erstaunt. »Was denn?«
»Ein Christ.«
»Maschallah! Bist du ein Nessorah[91]?«
»Nein. Mein Glaube ist ein anderer als derjenige der Nessorah.«
»So glaubst du wohl auch an die heilige Omm Allah Marryam?«[92]
»Ja.«
»O, Emir, die Christen, welche an diese glauben, sind alle gute Leute!«
»Woher weißt du das?«
»Das sehe ich an dir, und das weiß ich auch von der alten Marah Durimeh.«
»Ah! Kennst du diese?«
»Sie ist in ganz Amadijah bekannt. Sie kommt sehr selten, aber wenn sie kommt, so teilt sie Freude aus an alle Leute, die ihr begegnen. Auch sie glaubt an Omm Allah Marryam und ist ein Segen für viele. Aber da fällt mir ja ein, daß ich zu ihr muß!«
»Sie ist nicht mehr da.«
»Ja, sie ist wieder abgereist; aber dennoch muß ich hin.«
»Warum?«
»Ich muß sagen, daß du abreisest.«
»Wer hat dies bestellt?«
»Der Vater des Mädchens, welches du gesund gemacht hast.«
»Bleibe hier!«
»Ich muß!«
»Mersinah, du bleibst! Ich befehle es dir!«
Mein Rufen half nichts; sie war bereits die Treppe hinab, und als ich an das Fenster trat, sah ich sie über den Platz eilen.
»Laß sie, Effendi!« sagte Selim Agha. »Sie hat es versprochen. Oh, warum hast du mir dies viele Geld in ihrer Gegenwart gegeben! Nun bekomme ich keinen Para davon!«
»Verwendet sie es für sich?«
»Nein; aber sie ist geizig, Effendi. Was sie nicht für uns und für die Gefangenen braucht, das versteckt sie, daß ich es nicht finden kann. Sie ist sehr stolz darauf, daß ich einmal viel Geld haben werde, wenn sie stirbt. Aber das ist nicht gut, da ich jetzt darunter leiden muß. Ich rauche den schlechtesten Tabak, und wenn ich einmal zum Juden gehe, so darf ich von seinen Medizinen nur die billigsten trinken. Und die, die sind nicht gut!«
Betrübt ging der wackere Agha der Arnauten von dannen, und ich folgte ihm hinab in den Hof, wo die Pferde gesattelt wurden. Dann machte ich mit dem Engländer noch einen Gang in die Stadt, um einige Einkäufe zu besorgen. Als wir zurückkehrten, waren bereits alle vor dem Eingange des Hauses versammelt. Bei ihnen stand ein Mann, in dem ich schon von weitem den Vater meiner Patientin erkannte.
»Herr, ich höre, daß du abreisest,« begann er, mir einige Schritte entgegentretend. »Darum bin ich gekommen, um Abschied von dir zu nehmen. Meine Tochter wird bald ganz gesund sein. Sie, mein Weib und ich, wir werden zu Allah beten, daß er dich beschütze. Und damit du auch an uns denken mögest, habe ich ein kleines Jadikar[93] mitgebracht, welches anzunehmen ich dich innigst bitte!«
»Wenn es ein Ufak-Defek[94] ist, werde ich es nehmen, sonst aber nicht.«
»Es ist so klein und arm, daß ich mich scheue, es dir selbst zu geben. Erlaube, daß ich es deinem Diener einhändige! Welcher ist es?«
»Dort bei dem Rappen steht er.«
Er nahm unter seinem weiten Oberkleide ein ledernes, mit Perlen gesticktes Futteral hervor und reichte es Halef hin. Dann sah ich, daß er außer diesem Gegenstande dem Diener noch etwas gab. Ich dankte ihm, und wir schieden.
Jetzt kam das Schlimmste: der Abschied von Selim Agha und besonders von der >Myrte<. Der Agha ging von Pferd zu Pferd und nestelte an Riemen und Schnallen herum, welche ganz in Ordnung waren. Dabei rollte er die Augen so fürchterlich, wie ich es selbst bei ihm noch niemals gesehen hatte. Die Spitzen seines Schnurrbartes gingen auf und nieder wie Wagebalken, und hier und da fuhr er sich mit der Hand nach dem Halse, als ob es ihn dort würge. Endlich reichte er Halef die Hand zum Abschied. Er fing von unten an.
»Lebe wohl, Hadschi Halef Omar! Allah sei bei dir immerdar!«
Er hörte gar nicht auf das, was ihm der kleine Hadschi antwortete, sondern sprang zu dem Pferde Mohammeds, um eine Fliege tot zu schlagen, welche am Halse des Rosses saß. Dann fuhr er mit einem energischen Rucke herum und hielt dem Haddedihn die Hand entgegen: