»Hier!« hörte ich Lindsay rufen. »Hier ist etwas, Sir!«

Das Ding, welches er triumphierend in die Höhe hob, glich einem an seiner Spitze mit Eisen beschlagenen Hebebaume und war ganz geeignet, ein Stück der alten Mauer in Bresche zu legen.

»Das geht! Nun haben wir dafür zu sorgen, daß wir ungestört arbeiten können und bei den Schützen da drüben keinen Verdacht erwecken. Halef mag die Pferde in den Hof schaffen; Amad legt sich auf das Dach, um Wache zu halten, damit niemand bemerkt, was wir hier thun. Ich und Lindsay werfen die Mauer um, und Mohammed mag zuweilen durch das Fenster einen Schuß abgeben, damit sie denken, daß wir uns alle in der Stube befinden. Gelingt es uns, auf diese Weise hinauszukommen, so brauchen wir doch darum noch keine ehrlose Flucht zu ergreifen, sondern wir reiten in Parade an ihnen vorüber. Sie werden vor Erstaunen ganz sicher das Schießen vergessen.«

Diese Arbeitsteilung bewährte sich ganz vortrefflich. Halef beschäftigte sich mit den Pferden; der Haddedihn hielt in aller Gemütsruhe seine Schießübungen, und der Engländer bohrte energisch an der Mauer herum. Es galt dabei, das Zerstören der Mauer nicht oben, wo es sehr leicht geworden wäre, zu beginnen; denn das hätte uns verraten können. Wir mußten von innen und unten arbeiten, damit man unsere Absicht erst dann bemerken könnte, wenn einige kräftige Stöße genügten, das Werk zu vollenden.

Endlich hatten wir den ersten, großen Stein heraus, und nun folgten die anderen Steine bald nach. Als wir fast zu Ende waren, wurden die beiden Haddedihn gerufen. Ein jeder stellte sich an sein Pferd. Master Lindsay ergriff den Hebebaum zum letzten Stoße.

»Jetzt alles umrennen! Yes

Er nahm einen Anlauf, stürzte vorwärts und prallte mit solcher Wucht an die Mauer, daß er niederstürzte; aber die letzten Steine prasselten auch zu Boden. Nun wurde in dem Schutt noch ein wenig Bahn gebrochen, dann stiegen wir auf die Pferde. Ein tüchtiger Satz brachte uns über das Geröll hinweg und durch die Bresche hinaus ins Freie. Die Not war zu Ende, noch ehe sie begonnen hatte, und wir verließen eine Herberge, ohne die Rechnung berichtigen zu müssen.

»Wohin jetzt?« fragte Lindsay.

»Im langsamen Trab um die Ecke des Hauses herum und dann im Schritt durch das Dorf. Reitet Ihr voran!«

Er that es. Ihm folgten die drei Araber, und ich machte den Schluß. Wir kamen zwischen unserer verlassenen Wohnung und den beiden Häusern, aus denen man auf uns geschossen hatte, hindurch, und meine Voraussetzung traf wirklich ein: — es fiel kein einziger Schuß auf uns. Aber wir waren noch gar nicht weit gekommen, so erhoben sich hinter uns laute Rufe. Jetzt gaben wir den Pferden die Sporen und jagten zum Dorfe hinaus.

Hier sahen wir, daß die sämtlichen Pferde des Dorfes sich auf der Weide befanden. Sie graseten in ziemlicher Entfernung von dem Dorfe, so daß wir hoffentlich einen guten Vorsprung gewannen, ehe sie von ihren Reitern bestiegen werden konnten.

Der Weg ging durch ebenes, aber wohl bewässertes Land, welches uns Gelegenheit gab, die Schnelligkeit unserer Pferde vollständig zur Entfaltung zu bringen; nur nicht in Beziehung auf meinen Rappen, der verlangend in die Zügel knirschte und doch gezügelt wurde, weil sonst die andern weit zurückgeblieben wären.

Endlich bemerkten wir hinter uns eine breite Linie von Reitern, welche uns verfolgten.

Mohammed Emin warf jetzt einen besorgten Blick auf das Pferd, welches sein Sohn ritt, und sagte: »Wenn wir dieses Pferd nicht hätten, so würden sie uns wohl nicht erreichen.«

Er hatte recht. Es war das beste Pferd, welches in Amadijah überhaupt zu bekommen gewesen, und dennoch hatte es einen harten Gang und eine so mühsame Atmung, daß es bei einem langen Schnellritt sicherlich sehr bald zusammengebrochen wäre.

»Sihdi,« fragte Halef, »du willst keinen Kurden töten!«

»So lange es zu vermeiden ist, nein.«

»Aber auf ihre Pferde können wir doch wohl schießen?«

»Es wird uns nichts anderes übrig bleiben.«

Er nahm seine lange, arabische Flinte von der Schulter und sah nach dem Schlosse. Auf fünfhundert Schritt Entfernung hatte er mit diesem Gewehre sein Ziel noch nie verfehlt, und meine Büchse trug noch weiter.

Die Verfolger kamen uns immer näher. Ihr lautes Geschrei klang ganz anders als dasjenige, welches man bei einer Phantasia, einem Dscheridwerfen, einem Scheingefechte zu hören bekommt: sie machten Ernst. Einer ritt allen andern voran. Sie näherten sich auf vielleicht fünfhundertfünfzig Schritt; er aber jagte näher, hielt sein Roß an, zielte und schoß. Dieser Mann besaß eine gute Flinte. Wir sahen ganz in unserer Nähe von einem Steine, welchen die Kugel getroffen hatte, einige Splitter abfliegen. Es war ein noch junger Kurde, vielleicht der Bluträcher.

»Well!« meinte der Engländer, indem er seine Büchse nahm und das Pferd herumwandte; »geh herunter, Boy!«

Er legte an und drückte ab. Das Pferd des Kurden that einen Satz, taumelte und brach zusammen.

»Kann nach Hause gehen! Yes!«

Diesem kaltblütigen, sicheren Schusse folgte ein lautes Schreien der Kurden. Sie hielten an und sprachen miteinander, folgten uns aber alsbald wieder nach. In kurzer Zeit erreichten wir einen breiten Bach, über den es keine Brücke gab. Er war reißend und tief, so daß wir eine Stelle suchen mußten, an welcher der Uebergang sich am besten bewerkstelligen ließ. Dies gab uns natürlich Blößen. Die Kurden hielten. Einige von ihnen aber ritten etwas vor, saßen ab und stellten sich hinter ihre Pferde. Wir sahen, daß sie die Läufe ihrer Flinten über die Rücken ihrer Pferde legten.

Schnell waren wir auch von unseren Tieren und thaten dasselbe. Einen Augenblick nach ihren Schüssen — nur ich schoß noch nicht — krachten auch die unserigen, welche zeigten, daß wir die besseren Schießeisen besaßen. Von unseren vier Schüssen erreichten drei ihr Ziel, während nur eine einzige Kurdenkugel das Pferd des Engländers am Schwanz gestreift hatte. Lindsay schüttelte den Kopf.

»Haben schlechte Begriffe!« meinte er. »Miserable Begriffe! Wollen ein Pferd von hinten erschießen! Kann nur Kurden passieren!«

»Sucht eine Furt!« riet ich nun. »Halef und ich werden die Kerle in Respekt halten!«

Die Besitzer der getroffenen Pferde waren eilig zu den Ihrigen zurückgekehrt. Zwei aber hielten noch stand. Ich sah, daß sie wieder luden.

»Sihdi, schieße nicht,« bat Halef. »Laß mir allein die Ehre!«

»Gut so!«

Er lud seinen abgeschossenen Flintenlauf wieder und legte an. Gleichzeitig mit ihren Schüssen ließ er auch zweimal hintereinander krachen. Der kleine Hadschi hatte ganz gut getroffen. Eines der Pferde brach an Ort und Stelle zusammen — er hatte es wohl durch den Kopf geschossen — und das andere sprang wiehernd in langen Sätzen über die Ebene dahin. Von den Kugeln der beiden Kurden aber hatten wir nichts gespürt.

»Wenn dies so fortgeht, Sihdi,« lachte Halef, »so haben sie sehr bald keine Pferde mehr und tragen das Sattelzeug selbst nach Hause. Siehst du, wie sie zurücklaufen zu den andern? Sag' diesen doch, daß auch sie sich zu nahe herangewagt haben!«

»Eine Warnung sollen sie allerdings haben.«

Sie hielten wieder beisammen, und einige Schritte vor ihnen befand sich der Nezanum, welcher eifrig mit ihnen sprach. Sie hatten wohl noch kein Gewehr gekannt, dessen Kugel eine solche Strecke, wie die zwischen uns liegende, zu durchfliegen vermochte, und hielten sich also für vollständig sicher. Sie sahen daher auch erstaunt nach mir, als ich hinter meinem Pferde hervortrat und die Büchse anlegte. Ein Knall — und im nächsten Moment lag der Nezanum am Boden, und sein Pferd wälzte sich über ihm. Ich zielte etwas weiter nach rechts und traf auch das nächste Pferd. Die Kurden jagten nun mit einem lauten Geschrei weit zurück, und die pferdelosen Reiter sprangen unter Verwünschungen hinter ihnen drein. Diese Leute hatten von gestern her zu viel Respekt vor unsern Waffen, sonst wären wir doch verloren gewesen.

Jetzt ließen sie uns Muße, eine Furt zu suchen, die wir auch bald fanden. Wir gingen über den Bach und eilten dann so schnell vorwärts, als das Pferd Amads laufen konnte.

Das Thal von Berwari wird durch viele Flüßchen bewässert, welche von dem Gebirge herabströmen und sich mit einem Arme des Khabur vereinigen, der in den großen Zab mündet. Diese Wasserläufe sind mit Gebüsch umsäumt und die zwischen ihnen liegenden Ebenen von zahlreichen Eichen, Pappeln und anderen Laubbäumen bestanden. Bewohnt wird das Thal teils von Berwari-Kurden, teils von nestorianischen Christen; doch sind die Dörfer der letzteren meist verlassen.

Wir hatten die Verfolger aus dem Gesicht verloren und kamen zu einigen Dörfern, die wir aber in einem möglichst weiten Bogen umritten, da wir nicht wissen konnten, wie man uns begegnen werde. Einige einzelne Männer, welche im Freien beschäftigt waren, bemerkten uns aber doch. Wir ritten rasch weiter.

Leider kannten wir den Weg nicht genau, welchen wir einzuschlagen hatten. Ich wußte nur, daß Gumri im Norden liege; dies war die einzige Kenntnis, die uns als Führer dienen konnte. Die vielen Wasserläufe, welche wir passierten, hielten uns auf und nötigten uns zu manchem Umweg. Endlich gelangten wir an ein Dorf, welches nur aus einigen Häusern bestand. Es war nicht gut zu umreiten, weil es auf der einen Seite an das tiefe Bett eines Baches und auf der andern Seite an ein ziemlich dichtes Gehölz stieß. Das Dorf schien ganz verödet zu sein, und wir ritten völlig unbesorgt darauf los.

Schon waren wir an dem ersten Hause vorbei, da krachten Schüsse. Sie kamen aus den Fensteröffnungen der Häuser. —

»Zounds!« rief der Engländer und griff sich an den linken Oberarm.

Eine Kugel hatte ihn getroffen. Ich selbst lag am Boden, und mein Pferd rannte im Galopp davon. Ich stand auf, eilte ihm nach und kam glücklich zum Dorfe hinaus, obgleich auch aus den anderen Häusern mehrere Schüsse auf mich fielen. Eine Blutspur zeigte mir, daß mein Rappe verwundet worden sei. Da dachte ich nicht mehr an die Gefährten; ohne umzublicken, rannte ich vorwärts und fand das Pferd an dem Rande jenes Gehölzes, wo es stehen geblieben war. Die Kugel hatte es hart hinter dem Genick am oberen Hals gestreift und eine zwar nicht gefährliche, aber doch schmerzhafte Wunde gerissen. Ich war noch mit der Untersuchung derselben beschäftigt, als die Gefährten mich erreichten. Sie hatten einige unnütze Kugeln verschossen und waren mir dann gefolgt, ohne weiteren Schaden zu erleiden. Der Engländer blutete am Oberarm.

»Ist's gefährlich, Sir?« fragte ich ihn.

»Nein. Ging nur ins Fleisch. Wißt Ihr, wer es war? Der Nezanum!«

»Nicht möglich!«

»Schoß vom Dache herab. Habe ihn deutlich gesehen!«

»So haben sie uns den Weg abgeschnitten und uns in diesem verlassenen Dorf einen Hinterhalt gelegt. Ein Glück für uns, daß sie sich nicht alle auf die Dächer postierten! Wir wären verloren gewesen. Aus den Fensterspalten aber kann man auf Vorüberreitende keinen sichern Schuß haben.«

»Seid schön heruntergeflogen, Master!« neckte er mich.

»War sehr interessant, als man Euch dem Gaul nachlaufen sah! Yes!«

»Ich gönne Euch diese Freude, Sir. Doch vorwärts jetzt«

»Vorwärts? Ich denke, wir müssen ihnen vorher unsern Dank abstatten!«

»Damit würden wir uns in neue Gefahr begeben, und übrigens ist es notwendig, Euch zu verbinden, und dies muß doch nicht hier in so unmittelbarer Nähe des Feindes geschehen!«

»Well! So kommt!«

Der kleine Hadschi Halef Omar war damit nicht einverstanden.

»Sihdi,« meinte er, »wollen wir diesen Kurden nicht eine Lehre geben und es ihnen unmöglich machen, uns weiter zu verfolgen?«

»Wie willst du dies thun?«

»Wo glaubst du, daß sie ihre Pferde haben?«

»Einige davon vielleicht in den Häusern, die anderen aber ganz sicher außerhalb des Dorfes in irgend einem Versteck.«

»So laß uns diesen Versteck suchen und ihnen die Tiere wegnehmen! Schwer wird dies nicht sein; sie getrauen sich im offenen Felde sicher nicht an uns heran und haben wohl auch keine zahlreiche Bewachung bei den Pferden gelassen.«

»Willst du ein Pferdedieb werden, Halef?«

»Nein, Sihdi. Aber willst du das, was ich dir vorschlage, einen Diebstahl nennen?«

»In diesem Fall der Notwehr wohl nicht; doch wäre es wenigstens sehr unvorsichtig gehandelt. Wir würden Zeit brauchen, um das Versteck zu finden, und müßten vielleicht mit den Wächtern kämpfen, was ganz unnötig ist, da wir Gumri bald erreichen werden und uns alsdann in Sicherheit befinden.«

Wir setzten also unsern Ritt fort und bemerkten nach einiger Zeit, daß die Kurden uns wieder folgten. Sie hielten sich so weit von uns entfernt, daß wir uns in vollständiger und gegenseitiger Sicherheit befanden. Später verloren wir sie an einer Krümmung aus dem Auge und erblickten sie dann wieder vor uns. Sie hatten uns umritten, um entweder uns abermals den Weg zu verlegen, oder um uns in Gumri zuvorzukommen. Wir bemerkten sehr bald, daß letzteres beabsichtigt sein müsse; denn vor uns stiegen nun, allerdings in noch weiter Entfernung, die Umrisse des isolierten Felsens empor, auf welchem Kalah Gumri liegt. Dieses ist eigentlich nur ein schwaches, aus Lehm erbautes Fort, mit dem einige wenige Geschütze leicht fertig werden könnten; es wird aber von den Kurden für eine sehr starke Festung gehalten.

Wir hatten uns diesem Ort bis auf eine Entfernung von vielleicht einer englischen Meile genähert, als uns plötzlich ein wildes Geschrei umtobte und aus den nahen Büschen mehrere hundert kurdische Krieger hervorsprangen und auf uns eindrangen. Lindsay riß die Büchse empor.

»Um Gottes willen, Sir, nicht schießen!« rief ich ihm zu und schlug ihm den Lauf des Gewehres nieder.

»Warum?« fragte er. »Fürchtet Ihr Euch, Master?«

Ich hatte keine Zeit zur Antwort. Die Kurden waren schon bei uns und zwischen uns und drängten uns auseinander. Ein junger Mensch trat auf meinen im Steigbügel ruhenden Fuß, schwang sich empor und holte mit dem Dolch zum Stoße aus. Ich riß ihm die Waffe aus der Hand und schleuderte ihn hinab. Dann packte ich einen anderen beim Arm.

»Du bist mein Beschützer!« rief ich ihm zu.

Er schüttelte den Kopf.

»Du bist bewaffnet!« antwortete er.

»Ich vertraue dir alle Waffen an. Hier, nimm sie!«

Er nahm meine Waffen an und legte dann die Hand auf mich.

»Dieser ist mein auf den ganzen Tag,« erklärte er laut.

»Und die andern auch,« fügte ich hinzu.

»Sie haben nicht um Schutz gebeten,« wehrte er ab.

»Ich thue es an ihrer Stelle. Sie reden eure Sprache nicht.«

»So mögen sie ihre Waffen ablegen, dann will ich ihr Hal-am[106] sein.«

Die Entwaffnung ging sehr schnell vor sich, obgleich keiner der Gefährten mit meinem Verfahren zufrieden war. Ausgenommen den einen, welcher den Dolch auf mich gezückt hatte, schien es, als ob die Kurden jetzt weniger nach unserem Leben als vielmehr danach trachteten, unsere Personen in ihre Gewalt zu bekommen. Jener eine aber fixierte mich mit so grimmigen Blicken, daß ich in ihm den Bluträcher vermuten mußte, und dies bestätigte sich auch sehr bald; denn als wir uns in Bewegung setzten, ersah er die Gelegenheit, zog den Dolch und warf sich auf meinen Hund. Doch dieser war schneller als der Mann. Er fuhr zurück, um dem Stoße auszuweichen, und faßte dann den Feind gleich über dem Griffe des Dolches am Handgelenk. Wir hörten zwischen den gewaltigen Zähnen des Tieres die Knochen knirschen. Der Kurde stieß einen Schrei aus und ließ den Dolch fallen. Sofort riß ihn der Hund zu Boden und packte ihn an der Kehle. Einige Dutzend Flinten richteten sich auf das mutige Tier.

»Katera Chodeh!« rief ich. »Um Gottes willen die Flinten weg, sonst erwürgt er ihn!«

Eine Kugel, welche den Hund nicht augenblicklich tötete, wäre der Tod des Kurden gewesen. Die Krieger sahen das ein, und da keiner von ihnen seines Schusses ganz sicher sein mochte, so senkten sie die Gewehre.

»Rufe den Hund weg!« gebot mir einer.

»Diese Bestie war es, die meinen Nachbar tötete!« rief eine andere Stimme. Dieselbe gehörte dem Nezanum an, der hinter einem Strauch hervortrat. Er hatte die weise Vorsicht gebraucht, sich bis jetzt in gehöriger Entfernung zu halten.

»Du hast recht, Nezanum,« antwortete ich. »Und er wird auch das Genick dieses Mannes zermalmen, wenn ich es ihm gebiete.«

»Rufe ihn weg!« wiederholte der vorige Sprecher.

»Sage mir zuvor, ob dieser Mann da der Rächer ist!«

»Er ist es, der den Heif[107] hat.«

»So will ich euch zeigen, daß ich ihn nicht fürchte. — Dojan, geri — zurück!«

Der Hund ließ von dem Kurden ab. Dieser erhob sich. Der Schmerz seiner Hand war so groß, daß er ihn kaum verwinden konnte; noch größer aber war seine Wut. Er trat hart zu mir heran und schüttelte drohend das verwundete Glied.

»Dein Hund hat mir die Kraft meines Armes genommen,« knirschte er. »Aber glaube ja nicht, daß ich nun die Rache einem andern überlassen werde. Ez heïfi cho-e desti cho-e bigerim tera — ich werde mit eigner Hand an dir Rache nehmen!«

»Du redest wie ein Bak[108], vor dessen Quaken sich niemand fürchten kann!« antwortete ich. »Reiche mir deinen Arm, daß ich ihn untersuche und verbinde!«

»Du bist ein Arzt? Ich mag von dir kein Derman haben, und wenn ich sterben müßte. Aber du wirst Derman[109] von mir erhalten, und zwar so viel, daß du genug daran haben sollst. Das verspreche ich dir!«

»Ich höre, daß dich bereits das Ta[110] ergriffen hat, sonst würdest du deine Hand zu retten suchen.«

»Die Deka[111] von Gumri wird mir helfen. Sie ist ein größerer Arzt als du!« antwortete er verächtlich. »Du und dieser Tazi, ihr seid zwei Hunde und sollt auch wie Hunde sterben!«

Er wickelte die Hand in einen Zipfel seines Gewandes und hob den Dolch auf. Wir wurden in die Mitte genommen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Keiner der Kurden hatte ein Pferd bei sich; die Tiere waren in Gumri zurückgelassen worden. Ich war ein wenig besorgt um uns, aber wirkliche Angst empfand ich nicht.

Schweigend schritten die Kurden neben uns her und waren augenscheinlich nur darauf bedacht, uns nicht entfliehen zu lassen. Auch mein kleiner Halef und die beiden Araber sprachen kein Wort, aber der Engländer konnte seinen Aerger nicht ganz verwinden.

»Schöne Suppe, Sir, die Ihr uns eingebrockt habt!« brummte er; »hätten die Kerle alle erschießen sollen!«

»Das hätten wir nicht fertig gebracht, Sir. Sie kamen zu schnell über uns.«

»Yes! Und nun sind sie um uns herum und wir in ihnen drin. Die Waffen abgegeben! Fatale Geschichte! Schauderhaft! Werde mit Euch wieder einmal nach Kurdistan gehen. Wie heißt Esel auf Kurdisch, Master?«

»Ker. Und Eselin, ein junger, ein kleiner Esel heißt Daschik.«

»Well! So haben wir Vier wie Daschiks und Ihr habt wie ein sehr alter und sehr großer Ker gehandelt. Verstanden?«

»Sehr verbunden, Master Lindsay! Nehmt meinen innigsten Dank für die Anerkennung! Wollt Ihr denn nicht bedenken, daß es gradezu ein Wahnsinn genannt werden müßte, wenn fünf Männer sich einbilden, mit zweihundert, die ihnen bereits bis auf den Frack gerückt sind, fertig zu werden?«

»Wir hatten bessere Waffen als sie!«

»Konnten wir sie in solcher Nähe gebrauchen? Und hätten wir uns diese Kurden damit vom Leibe gehalten, so wäre jedenfalls viel Blut geflossen; das unserige wohl auch mit. Und dann die Blutrache! Wo denkt Ihr hin!«

Da bemerkten wir einen Reiter, der uns im Galopp entgegenkam. Als er sich soweit genähert hatte, daß seine Gesichtszüge zu sehen waren, erkannte ich Dohub, den Kurden, dessen Verwandte in Amadijah gefangen gewesen waren. Unser Trupp hielt bei seinem Erscheinen an. Er drängte sich ungestüm bis zu mir hindurch und reichte mir die Hand.

»Chodih, du kommst; du bist gefangen!«

»Wie du siehst!«

»Oh, verzeihe! Ich war fort von Gumri, und als ich jetzt heimkehrte, erfuhr ich, daß man fünf fremde Männer fangen wolle. Ich dachte gleich an dich und bin eilig herbeigekommen, um zu sehen, ob meine Gedanken richtig gewesen sind. Chodih, az kolame ta — Herr, ich bin dein Diener. Befiehl, was du von mir wünschest!«

»Ich danke dir! Aber ich bedarf deiner Hilfe nicht, denn dieser Mann ist bereits unser Beschützer.«

»Für welche Zeit?«

»Für einen Tag.«

»Emir, erlaube mir, daß ich es sei für alle Tage, so lange ich lebe!«

»Wird er es dir gestatten?«

»Ja. Du bist unser aller Freund, denn du wirst der Mivan[112] des Bey sein. Er hat auf dich geharrt und freut sich, dich und die Deinen willkommen zu heißen.«

»Ich werde nicht zu ihm gehen können.«

»Warum nicht?«

»Kann ein Emir sich ohne Waffen sehen lassen?«

»Ich sah bereits, daß man sie euch genommen hat.« Und er wandte sich zu unserer Eskorte mit den Worten: »Gebt die Waffen zurück!«

Dagegen erhob der verwundete Kurde Einspruch:

»Sie sind Gefangene und dürfen keine Waffen tragen!«

»Sie sind frei, denn sie sind die Gäste des Bey!« lautete die Gegenrede.

»Der Bey hat uns selbst befohlen, sie gefangen zu nehmen und zu entwaffnen!«

»Er hat nicht gewußt, das es die Männer sind, die er erwartet.«

»Sie haben mir den Vater ermordet. Und siehe diese Hand. Ihr Hund hat sie mir zerbissen!«

»So mache das mit ihnen ab, sobald sie nicht mehr Gäste des Bey sind. Komm, Chodih, nimm deine Waffen und erlaube, daß ich dich führe!«

Wir erhielten alles zurück, was wir abgegeben hatten; dann trennten wir uns von den andern und ritten in raschem Tempo nach Gumri hinauf.

»Nun, Sir,« fragte ich Lindsay, »was denkt Ihr jetzt von dem Ker und dem Daschik?«

»Habe von Eurem Gerede nichts verstanden!«

»Aber die Waffen habt Ihr doch bereits zurück!«

»Well! Und was weiter?«

»Wir werden die Gäste des Bey von Gumri sein.«

»Will Euch Satisfaktion geben, Master: der Esel, der war ich!«

»Danke, Sir! Gratuliere zu dieser edlen Selbsterkenntnis!«

Jetzt war alle Besorgnis verschwunden, und mit erleichtertem Herzen ritt ich durch das enge Thor des Ortes ein. Dennoch aber konnte ich mich eines Grauens nicht erwehren bei dem Anblick der Residenz des berüchtigten Abd el Summit Bey, der in Verbindung mit Beder Khan Bey und Nur Ullah Bey die christlichen Bewohner von Tijari zu Tausenden hingemordet hatte. Der Ort sah sehr kriegerisch aus. Die engen Gassen waren von bewaffneten Kurden so belebt, daß die Mehrzahl dieser Leute wohl nicht zu den Bewohnern von Gumri gehören konnte. In dieser Beziehung machte die kleine Berwari-Festung einen ganz andern Eindruck als das öde, leblose Amadijah.

Da schritt, die lange Schilflanze in der Hand, der Kurde von Serdascht uns entgegen. Er machte den Eindruck eines armen Schluckers gegenüber den Balani und Schadi, die ich hier nicht vermutet hätte. Ein Alegankurde vom Bohtangebirge plauderte mit einem Omerigan, der aus der Gegend von Diarbekr herbeigekommen war. Dann begegneten uns zwei Angehörige des Amadi-manan-Stammes, zwischen denen ein Dilmamikan-Kurde aus Esi schritt. Da gab es Krieger vom Stamme der Bula-nuh, der Hadir-sohr, der Hasananluh, der Delmamikan, der Karatschiur und Kartuschi-baschi. Sogar Leute aus Kazikan, Semsat, Kurduk und Kendali waren zu sehen.

»Wie kommen diese Fremden nach Gumri?« fragte ich Dohub.

»Es sind meist Bluträcher, welche hier zusammenkommen, um sich gegenseitig auszugleichen, und Boten aus vielen Gegenden, in denen man einen Aufstand der Christen befürchtet.«

»Habt ihr hier eine ähnliche Befürchtung zu hegen?«

»Ja, Emir. Die Christen in den Tijaribergen heulen wie die Hunde, welche man angekettet hat. Sie wollen gern los sein, aber ihr Bellen hilft ihnen nichts. Wir haben vernommen, daß sie in das Thal von Berwari einfallen wollen; ja, sie haben bereits einige Männer unsers Stammes getötet; aber das Blut derselben wird sehr bald über sie kommen. Ich war heute in Mia, wo morgen eine Bärenjagd abgehalten werden soll, und fand das ganze untere Dorf verlassen.«

»Es giebt wohl zwei Dörfer, welche Mia heißen?«

»Ja; sie gehören unserm Bey. Das obere Dorf wird nur von echten Moslemim und das untere nur von christlichen Nestorah bewohnt. Diese letzteren sind plötzlich verschwunden.«

»Warum?«

»Man weiß es nicht. Aber, Chodih, hier ist die Wohnung des Bey. Steige ab mit den Deinen und erlaube, daß ich dem Bey deine Ankunft verkündige!«

Wir hielten vor einem langen, unscheinbaren Gebäude, dessen Ausdehnung allein verriet, daß es die Wohnung eines Anführers sei. Auf ein Wort Dohubs kamen einige Kurden herbei, um unsere Pferde in Empfang zu nehmen und in den Stall zu führen. Er selbst aber kehrte bereits nach wenigen Augenblicken zurück und führte uns zu dem Bey. Wir fanden denselben in einem großen Empfangsraume, bis zu dessen Thüre er uns entgegenkam. Einige Dutzend Kurden, die sich bei unserm Eintritte erhoben, waren bei ihm. Er war ein Mann am Ende der zwanziger Jahre, hoch und breit gewachsen; sein edles Angesicht zeigte den reinen kaukasischen Typus und wurde von einem starken, schwarzen Vollbart eingerahmt. Sein Turban hatte wenigstens zwei Ellen im Durchmesser; an seinem Halse hingen an einer silbernen Kette verschiedene Talismane und Amulette; seine Jacke war ebenso wie seine Hose mit reicher Stickerei versehen, und in seinem Gürtel funkelte neben einem Dolche und zwei mit Silber ausgelegten Pistolen ein wunderschön damascierter Schyur[113] ohne Scheide. Der Bey machte nicht den Eindruck eines halbwilden Anführers von Räubern und Pferdedieben; seine Züge waren bei aller Männlichkeit doch weich und sanft, und seine Stimme klang freundlich und angenehm, als er uns begrüßte:

»Sei mir willkommen, Emir! Du bist mein Bruder, und deine Gefährten sind meine Freunde.«

Er reichte uns allen die Hand. Auf seinen Wink wurden beinahe sämtliche Kissen, welche sich in dem Raume befanden, zusammengetragen, um uns als Sitz zu dienen. Wir nahmen Platz, während die andern stehen blieben.

»Ich habe gehört, daß ich mit dir in kurdischer Sprache reden kann?« fragte er.

»Diese Sprache ist mir nur sehr wenig verständlich, und meine Freunde verstehen sie gar nicht,« antwortete ich.

»So erlaube, daß ich türkisch oder arabisch mit dir spreche!«

»Bediene dich derjenigen Sprache, welche deine Leute hier verstehen,« sagte ich zu ihm aus Höflichkeit.

»Oh, Emir, ihr seid meine Gäste, und so wollen wir so sprechen, daß deine Freunde mitreden können. Welche Sprache reden sie am liebsten?«

»Die arabische. Aber, Bey, befiehl vorher deinen Leuten, daß sie sich setzen! Sie sind nicht Türken und Perser, sondern freie Kurden, die nur zum Gruße sich zu erheben brauchen.«

»Chondekar[114], ich sehe, daß du ein Mann bist, welcher die Kurden kennt und ehrt; ich werde ihnen erlauben, sich niederzulassen.«

Er gab ihnen ein Zeichen, und die Blicke, welche sie sich beim Niedersetzen zuwarfen, sagten mir, daß sie meine Höflichkeit anerkannten. Ich hatte es hier jedenfalls mit einem intelligenten Häuptling zu thun, denn im Innern von Kurdistan ist ein Mann, der neben einigen Dialekten seiner Muttersprache auch das Türkische und Arabische versteht, eine Seltenheit. Es ließ sich erwarten, daß der Bey sich auch noch des Persischen zu bedienen verstand, und im Verlaufe meines leider nur sehr kurzen Beisammenseins mit ihm erfuhr ich, daß ich mit dieser Vermutung das Richtige getroffen hatte.

Es wurden Pfeifen gebracht, zu denen man uns einen lieblich schmeckenden Reisbranntwein kredenzte, dem die Kurden mit großem Eifer zusprachen.

»Was denkst du von den Kurden von Berwari?« fragte mich der Bey.

Diese Frage sollte wohl ohne alle Verfänglichkeit nur als Einleitung dienen.

»Wenn alle so sind wie du, dann werde ich von ihnen nur Gutes erzählen können.«

»Ich weiß, was du mir sagen willst. Du hast bisher nur Uebles von ihnen erfahren,« bemerkte er.

»Oh, nein! Habe ich nicht an Dohub und seinen beiden Verwandten nur Freunde gefunden?«

»Du hast dir ihre Freundschaft und auch die meinige sehr reichlich verdient. Wir aber haben dir mit Undank vergolten. Willst du mir verzeihen? Ich wußte nicht, daß du es warst.«

»Verzeihe auch du mir! Es hat einer von deinen Leuten sein Leben eingebüßt; aber wir tragen keine Schuld daran.«

»Erzähle mir, wie es zugegangen ist!«

Ich gab ihm einen ausführliche Bericht und fragte ihn dann, ob hier ein Grund zur Blutrache vorliege.

»Nach der Sitte dieses Landes muß er allerdings den Tod seines Vaters rächen, wenn er sich nicht die Verachtung aller erwerben will.«

»Es wird ihm wohl schwer gelingen!«

»Du bist mein Gast, und so lange du dich bei mir und in meinem Lande befindest, bist du vollständig sicher. Aber er wird dir später folgen auf Schritt und Tritt, auch wenn du bis an das Ende der Erde gehen wolltest.«

»Ich fürchte ihn nicht.«

»Du magst stark genug sein, um ihn im offenen Kampfe zu überwinden; dann aber würden neue Rächer erstehen. Und kannst du dich gegen eine Kugel wehren, die aus dem Verborgenen abgeschossen wird? Willst du nicht den Preis bezahlen?«

»Nein!« antwortete ich mit Nachdruck.

»Allah gab dir vielen Mut, einen Rächer zu verachten. Ich werde dafür sorgen, daß dieser Mut dich nicht in das Verderben bringt. — Du warst bei dem Vater meines Weibes in Spandareh?«

»Ich war sein Gast und wurde sein Freund.«

»Ich weiß es. Wärest du nicht sein Freund, so hätte er dir nicht das Geschenk für uns anvertraut. Allah hat Wohlgefallen an dir, denn er läßt dich überall Freunde finden.«

»Allah giebt Gutes und Böses; er erfreut die Seinen und betrübt sie auch zuweilen, um sie zu prüfen. Ich habe auch Feinde in Amadijah gefunden.«

»Wer war dein Feind? Der Mutesselim?«

»Dieser war mir weder Freund noch Feind; er fürchtete mich. Aber es kam ein Mann zu ihm, der mich haßte und die Schuld trug, daß ich sogar gefangen genommen werden sollte.«

»Wer war es?«

»Der Makredsch von Mossul.«

»Der Makredsch?« fragte der Bey sehr aufmerksam. »Er ist ein Feind der Kurden; er ist ein Feind aller Menschen, was wollte er in Amadijah?«

»Er befand sich auf der Flucht nach Persien; denn der Anadoli Kasi Askeri ist gekommen, um ihn und den Mutessarif von Mossul abzusetzen.«

Diese Kunde erregte die allergrößte Ueberraschung bei dem Bey. Er teilte die Neuigkeit sofort den Seinigen mit, von denen sie mit demselben Erstaunen aufgenommen wurde. Ich mußte alles sehr ausführlich erzählen.

»So wird der Mutesselim wohl auch abgesetzt?« fragte der Bey.

»Das kann man nicht wissen. Er war der Kerkermeister des Mutessarif, der einen jeden, der aus Mossul verschwinden sollte, nach Amadijah sandte.«

»Doch wohl nur Verbrecher?«

»Nein. Hast du nicht gehört von Amad el Ghandur, dem Sohne des Scheik der Haddedihn?«

»Ist auch er gefangen genommen und nach Amadijah geschickt worden?«

»Ja. Er hat nichts von ihrer Hinterlist geahnt.«

»Wäre ich ein Haddedihn, so zöge ich nach Amadijah, um den Sohn meines Scheik zu befreien.«

»Bey, das ist eine schwere Sache!«

»Und dennoch würde ich es thun. Die List ist oft eine bessere Waffe als die Gewalt.«

»So wisse denn, daß es einen Haddedihn giebt, welcher nach Amadijah gegangen ist.«

»Einen einzigen?«

Ich bejahte es.

»So kann ihm nichts gelingen,« meinte der Bey. »Zu einem solchen Werke gehören viele.«

»Und dennoch ist es ihm gelungen,« entgegnete ich.

»Tu katischt nezani - was du nicht weißt! Er hat den Sohn des Scheik wirklich befreit? Durch List oder Gewalt?«

»Durch List.«

»So ist er ein tapferer und entschlossener, aber auch ein kluger Mann gewesen. War er ein einfacher Krieger?«

»Nein. Es war der Scheik Mohammed Emin selbst.«

»Chodih, du berichtest mir ein Wunder! Aber ich glaube es, weil du es sagest. Werden sie unangefochten nach ihren Weideplätzen kommen?«

»Das weiß nur Allah und du.«

»Ich? Wie meinst du das?«

»Ja, du. Ich habe gehört, daß sie sich nicht nach Westen, sondern in das Land Berwari wenden werden, um den Zab zu erreichen und auf ihm hinab zu fahren.«

»Emir, das ist ein großes Abenteuer. Die beiden Helden sollten mir willkommen sein, wenn sie zu mir kämen. Wann ist die Flucht gelungen?«

»In der Nacht vor gestern.«

»Woher weißt du dies so genau? Hast du sie gesehen?«

»Beide. Auch du siehst sie, denn sie sitzen an deiner Seite. Dieser Mann ist Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, und dieser ist Amad el Ghandur, sein Sohn.«

Der Kurdenhäuptling sprang auf und fragte:

»Wer ist dieser andere?«

»Mein Diener.«

»Und dieser?«

»Mein Freund, ein Mann aus dem Abendlande. Wir haben uns vereinigt und den Gefangenen aus Amadijah geholt,« sagte ich ohne Prahlerei.

Jetzt entstand ein vollständiges Redegewirr von kurdischen Erklärungen, türkischen Ausrufungen und arabischen Begrüßungen. Es kam alles zur Sprache, was die Kurden von den Haddedihn gehört hatten; auch ihr Kampf im Thale der Stufen. Ich mußte dabei den Dolmetscher machen, gestehe aber gern, daß mir bei dieser Arbeit der Schweiß in hellen Tropfen von der Stirne schoß. Meine Kenntnis des Kurdischen war gering, und das Arabische wurde ebenso wie das Türkische in einem Dialekt gesprochen, bei dem ich die Bedeutung der Worte und der Wortverbindungen mehr erraten als verstehen mußte. Dies gab Veranlassung zu zahlreichen Verwechslungen und Verdrehungen, über welche trotz aller unserer Würde lebhaft gelacht wurde.

Am Schlusse dieser außerordentlich angeregten Unterhaltung gab uns der Bey die Versicherung, daß er alles thun werde, um unser Fortkommen zu ermöglichen. Er versprach uns die zu mehreren Flößen notwendigen Häute, einige sichere Führer, welche den Wasserlauf des Khabur und des oberen Zab Ala genau kannten, und auch Empfehlungen an die Schirwan- und Zibar-Kurden, durch deren Gebiet wir auf dieser Fahrt kommen mußten. Von einem Ritte über das Tura-Gharagebirge nach dem Akraflusse wollte er nichts wissen, da nach dieser Gegend hin sein Schutz uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde.

»Dort giebt es,« fügte er hinzu, »sehr viele christliche Nestorah, auch Teufelsanbeter und kleine Kurdenstämme, mit denen die Berwari in Feindschaft leben. Diese Leute sind lauter Räuber und Mörder, und die Gebirge sind so wild und unzugänglich, daß ihr nie den Zab erreichen würdet. Nun aber ruht euch aus und erlaubt mir, hier meines Amtes zu warten, bevor wir das Mahl einnehmen. Ich habe heute viel zu verhandeln, da ich morgen nicht in Gumri sein werde.«

»Du willst nach Mia gehen?« fragte ich.

»Ja. Wer sagte es dir?«

»Ich habe von Dohub gehört, daß du dort einen Bär jagen willst.«

»Einen? Es sind zwei ganze Familien, die den dortigen Herden sehr viel Abbruch thun. Du mußt nämlich wissen, daß es im Lande der Kurden zahlreiche Bären giebt, und« — fügte er mit einigem Stolze hinzu — »die Giaurs dieses Landes sagen, daß es zwei große Plagen für sie gebe, von denen die eine grad so schlimm sei, wie die andere, nämlich die Kurden und die Bären.«

»Wirst du uns erlauben, mitzugehen?«

»Ja, wenn du es wünschest. Ihr sollt zusehen können, ohne dabei in Gefahr zu kommen.«

»Wir wollen nicht zusehen, sondern mitkämpfen!«

»Emir, der Bär ist ein gefährliches Tier!«

»Du irrst. Der Bär, welcher die kurdischen Schluchten und Wälder bewohnt, ist ein sehr unschädliches Wild. Es giebt Länder, in denen die Bären doppelt so groß und stark sind, wie die eurigen.«

»Ich habe davon gehört. Es soll ein Land geben, wo man nur Eis und Wasser findet, und dort haben die Bären ein weißes Fell und werden von den dortigen Arabern Hirtsch el Buz[115] genannt. Hast du solche weiße Bären gesehen?«

»Ja, obgleich ich nicht in jenen Ländern gewesen bin. Man fängt dort die Bären, um sie in anderen Gegenden für Geld sehen zu lassen. Aber es giebt noch ein Land mit fürchterlich großen Bären, welche ein graues Fell besitzen; das sind die stärksten und gefährlichsten. Ein solcher Bär ist gegen einen kurdischen wie ein Pferd gegenüber einem Hund, vor dem man sich hütet, ohne ihn grad zu fürchten.«

»Und diesen hast du auch gesehen?« fragte der Bey verwundert.

»Ich habe mit ihm gekämpft.«

»So bist du Sieger geblieben, denn du lebst noch. Ihr sollt auch mit unsern Bären kämpfen.«

Er führte uns jetzt in eine Stube, in deren Mitte ein niedriges Sufra[116] stand, um welches fünf Kissen gelegt waren. Nachdem er uns verlassen hatte, erschien eine Frau, und hinter ihr kamen einige Dienerinnen, welche ein kleines Vorgericht auftrugen, für den Fall, daß wir zu sehr Hunger hätten, um bis zum eigentlichen Mahle warten zu können. Es bestand aus einem Zicklein, welches zuerst gebraten und dann in Sahne gebacken war; dazu kamen getrocknete Weintrauben, eingelegte Maulbeeren und ein Salat von Pflanzenblättern, die ich nicht kannte; es schien eine Nesselart zu sein.

»Ser sere men at — ihr seid mir willkommen!« grüßte sie. »Wie habt ihr meinen Vater verlassen, den Nezanum von Spandareh?«

»Wir haben ihn bei gutem Wohlsein verlassen, und auch die andern hat Allah gesund erhalten,« antwortete ich.

»Nehmet und esset einstweilen und habt die Güte, mir von Spandareh zu erzählen. Es ist eine lange Zeit, daß ich nichts gehört habe.«

Ich erfüllte ihr den Wunsch so ausführlich wie möglich. Sie war ganz glücklich, mit mir über ihre Heimat plaudern zu können, und ließ sogar den Windhund aus dem Stalle holen, um ihm mit den Resten des Zickleins einen Beweis ihrer Freundschaft zu geben. Es gab hier ein Zusammenhalten der Familienglieder, welches mich sehr angenehm berührte.

Als wir ihrer Dienste nicht mehr bedurften, verließ sie uns, und wir machten es uns auf den an die Wand geschobenen Kissen so bequem wie möglich. In diesem süßen Nichtsthun wurden wir durch den Eintritt eines Mannes gestört, den wir nicht erwartet hätten. Es war der verwundete Kurde. Er trug den Arm in einer Binde, die er sich um den Hals befestigt hatte.

»Was willst du?« fragte ich ihn.

»Ein Bakschisch, Herr!«

»Ein Bakschisch? Wofür?«

»Daß ich dich nicht töten werde.«

»Ich höre, daß dich das Fieber noch nicht verlassen hat. Wenn einer von uns beiden aus dem Grunde, welchen du angiebst, ein Bakschisch verdient hat, so bin nur ich es allein. Ich habe dir nicht bloß versprochen, dich nicht zu töten, sondern dir bereits das Leben erhalten, als du dich unter den Zähnen meines Hundes befandest. Was aber hast du für mich gethan? Nach mir geschossen und gestochen hast du. Und dafür verlangst du einen Bakschisch? Gehe schnell fort, damit du nicht hörest, daß wir über dich lachen müssen!«

»Herr, nicht dafür, daß ich auf dich geschossen und nach dir gestochen habe, verlange ich ein Bakschisch, sondern dafür, daß ich den Blutpreis angenommen habe.«

»Den Blutpreis? Von wem?«

»Vom Bey. Er hat ihn bezahlt.«

»Wie viel hat er gegeben?«

»Ein Pferd, eine Luntenflinte und fünfzig Schafe.«

»Also bedeutend weniger, als du von mir verlangtest.«

»Er ist mein Scheik; ich mußte auf ihn hören. Aber weil es so wenig ist, darum sollst du mir ein Bakschisch geben.«

»Wäre ich ein freier, stolzer Kurde, ich würde nicht wie ein türkischer Hammal[117] um ein Bakschisch betteln. Da du es aber dennoch thust, so sollst du es erhalten; aber nicht jetzt, sondern erst dann, wenn wir Abschied nehmen.«

»Wie viel wirst du mir geben?«

»Das kommt ganz darauf an, wie du dich gegen uns verhalten wirst.«

»Und wird unser Nezanum auch etwas erhalten?«

»Hat er dir geboten, mich darüber zu fragen?«

»Ja, er that es.«

»So sage ihm, daß ich nur dann einem Bettler etwas gebe, wenn er mich selbst bittet. Ist der Nezanum ein Mann, der von der Empfehlung des Propheten lebt, so soll er von jedem von uns gern eine Gabe erhalten; aber er mag dann selbst zu uns kommen. Uebrigens habe ich ihm bereits das Leben seines Sohnes geschenkt, und das ist mehr als jede andere Gabe.«

Der Kurde ging. Er hatte den Blutpreis erhalten, aber sein Gesicht sah ganz so aus, als ob ich mich hüten müsse, ihm einmal unter andern Umständen zu begegnen.

»Was wollte der Kerl?« fragte Lindsay.

»Der Bey hat ihm an unserer Stelle den Blutpreis bezahlt, und nun — —«

»Wie? Der Bey?«

»Aus Gastlichkeit!«

»Nobel! Sehr nobel! Yes! Wie viel?«

»Ein Pferd, eine Luntenflinte und fünfzig Schafe.«

»Wie viel ist dies an Geld?«

»Nicht mehr als fünf Pfund oder hundert Mark.«

»Werde es ihm wiedergeben.«

»Das wäre eine große Beleidigung, Sir. Wir müssen das durch ein Geschenk auszugleichen suchen.«

»Gut! Schön! Was geben wir?«

»Darüber wollen wir uns den Kopf jetzt noch nicht zerbrechen.«

»Und nun verlangt dieser Mensch noch ein Bakschisch? — Master, was heißt auf Kurdisch ein Backenstreich, eine Ohrfeige oder eine Maulschelle?«

»Sileik.«

»Well! Warum habt Ihr ihm nicht einige Sileiks gegeben?«

»Weil es nicht am Platze war. Ich habe ihm im Gegenteil ein Bakschisch versprochen, welches er erhalten soll, sobald wir von hier fortgehen.«

»So erlaubt, daß ich es ihm gebe. Soll ihm zugleich zur Erinnerung und zur Besserung dienen!«

Als der Bey seine Amtsgeschäfte erledigt hatte, kam er, um uns hinab in den Hof zu führen, wo das Mahl eingenommen werden sollte. Es waren zu demselben wohl an die vierzig Personen geladen, und außerdem kamen noch viele andere, um sich nach orientalischer Sitte ganz ungeniert selbst zu Gaste zu bitten.

Gegen Ende des Mahles stellte es sich heraus, daß die Speisen nicht für alle langten, und so erhielten die >Trollgäste< ein lebendiges Schaf, welches sie sich gleich selbst zubereiteten. Der eine machte ein Loch in die Erde; andere holten Steine und Holz zur Feuerung herbei. Derjenige, welchen die Wahl getroffen hatte, ergriff das Schaf, schnitt ihm die Kehle durch und hing es mit den zusammengebundenen Vorderbeinen an einen Balkenpflock auf. Die Eingeweide wurden nicht herausgenommen, sondern der Kurde nahm einen Mund voll Wasser, hielt die Lippen an .... des Tieres und blies das Wasser hinein. Er fuhr in dieser possierlichen Beschäftigung so lange fort, bis die Eingeweide vollständig aufgebläht und nach oben hinaus ausgespült waren. Dann wurden die Gedärme in so viele Stücke zerschnitten, als Männer von dem Schafe essen sollten; auch das Fleisch des Schafes wurde in eben so viele Teile zerlegt. Nun wickelte ein jeder sein Stück Darm um sein Fleisch und legte dieses Präparat in das mit den Steinen ausgekleidete Loch, über welches ein Feuer angemacht wurde. Schon nach kurzer Zeit ward dasselbe hinweggenommen, und die halbgaren Stücke gingen zwischen den Zähnen der Kurden ihrer nützlichen Bestimmung entgegen.

Nach dem Essen zeigte uns der Bey seinen Stall. Es befanden sich in demselben über zwanzig Pferde, doch war unter ihnen nur ein Schimmel, der einer besonderen Aufmerksamkeit würdig war. Dann gab es Kampfspiele und Lieder, zu denen ein zweisaitiges Tambur[118] die Begleitung wimmerte, und endlich wurden von einem Manne Märchen und Geschichten erzählt, Geschichten, Tschiroka: Baka ki mir — vom sterbenden Frosch; Gur bu schevan — der Wolf als Hirt; Schyeri kal — der alte Löwe; Ruvi u bizin — der Fuchs und die Ziege.

Die Versammlung hörte diesen Vorträgen mit größter Aufmerksamkeit zu, mir aber war es sehr lieb, als sie zu Ende waren und wir uns zur Ruhe begeben konnten. Zu diesem Zweck führte uns der Bey in eine große Stube, an deren Wänden rundum Diwans standen, die uns zum Lager dienen sollten. Da in diesem Raume gar nichts Merkwürdiges zu sehen war, so wunderte ich mich über die gespannten Blicke, mit denen der Bey uns beobachtete. Es waren ganz die Blicke eines Menschen, der erwartet, daß man bei ihm eine außerordentliche Entdeckung machen und bewundern werde. Endlich erkannte ich aus der so oft wiederkehrenden Richtung seiner Augen den Gegenstand, den wir entdecken und bewundern sollten, und natürlich brach ich sofort in das größtmögliche Erstaunen aus:

»Was ist das! Oh, Bey, mit welch einem großen Reichtum hat Allah dich gesegnet! Deine Schätze sind größer als diejenigen des Bey von Rewandoz oder des Beherrschers von Dschulamerik!«

»Was meinst du, Emir?« fragte er mit einer gewissen Koketterie.

»Ich meine das kostbare Dscham[119], mit welchem du deinen Palast geschmückt hast.«

»Ja, es ist sehr selten und teuer,« antwortete er mit stolzer Bescheidenheit.

»Von wem hast du es?«

»Ich kaufte es von einem Israel[120], der es aus Mossul brachte, um es dem Schah von Persien zu verehren.«

Es wäre unhöflich gewesen, nach dem Preise zu fragen. Der Jude hatte das Märchen vom persischen Schah erfunden und den Bey jedenfalls ganz tüchtig geprellt. Das Glas war nämlich ein kleines Stück einer zerbrochenen Fensterscheibe und hatte die Größe von kaum zwei Mannshänden. Es war als der größte Schmuck des Zimmers an das geölte Papier des Fensters geklebt worden und ließ den Raum nun allerdings über alle Nebenbuhlerschaft erhaben erscheinen. Der Bey wünschte uns eine gute Nacht in dem Bewußtsein, uns mit diesem Fenster außerordentlich imponiert zu haben.

Wir waren müde und sehnten uns nach Ruhe, die wir nun in vollkommener Sicherheit genießen konnten.