Am andern Morgen weckte uns der Bey in eigner Person mit den Worten:
»Emir, erhebet Euch, wenn Ihr wirklich mit nach Mia wollt! Wir werden sehr bald aufbrechen.«
Da wir nach dortiger Gewohnheit in unsern Kleidern geschlafen hatten, so konnten wir ihm fast augenblicklich folgen. Wir erhielten Kaffee und kalte Bratenstücke, und dann setzte man sich zu Pferde. Der Weg nach Mia führte durch mehrere kurdische Dörfer, welche von gut bewässerten Gärten umgeben waren. Kurz vor dem Dorfe erhebt sich das Terrain bedeutend, und wir hatten einen Paß zu überschreiten, an dem wir von einigen Männern erwartet wurden. Dies schien dem Bey aufzufallen, denn er fragte sie, warum sie nicht in Mia geblieben seien.
»Herr, es ist seit gestern vieles geschehen, was wir dir berichten müssen,« antwortete einer von ihnen. »Daß die Nestorah das untere Dorf verlassen haben, wird dir Dohub gesagt haben. Heute in der Nacht nun ist einer von ihnen in dem oberen Dorfe gewesen und hat einem Manne, dem er Dank schuldet, dringend geraten, schnell aus Mia fortzugehen, wenn er sein Leben retten wolle.«
»Und da fürchtet ihr euch?« fragte der Bey.
»Nein, denn wir sind stark und tapfer genug, es mit diesen Giaurs aufzunehmen. Aber wir haben in der Frühe erfahren, daß die Christen bereits moslemitische Einwohner von Zawitha, Minijanisch, Murghi und Lizan getötet haben, und hier in der Nähe von Seraruh sind einige Häuser weggebrannt worden. Wir ritten dir entgegen, damit du diese Kunde so bald wie möglich empfangen solltest.«
»So kommt. Wir wollen sehen, was davon zu glauben ist!«
Wir ritten im scharfen Tempo die Höhe hinunter und kamen bald an die Stelle, wo der Weg sich nach dem obern und dem untern Dorfe zu teilt. Wir schlugen die erstere Richtung ein, da der Bey in dem oberen Dorfe ein Haus besaß. Er wurde an demselben von einer Schar Kurden erwartet, welche mit langen Lanzen und vielen kurzen Wurfspießen bewaffnet waren. Es war die Jagdgesellschaft.
Wir stiegen ab, und der Aufseher des Hauses brachte uns Speise und Trank herbei. Während wir uns labten, hielt der Bey draußen vor dem Hause ein Verhör bezüglich der Unruhen der Nestorianer. Das Ergebnis desselben schien ein sehr befriedigendes zu sein, denn als er bei uns eintrat, lächelte er wie ein Mann, der unnötigerweise belästigt worden ist.
»Ist Gefahr vorhanden?« fragte ich ihn.
»Gar nicht. Diese Nestorah haben uns verlassen, um hinfort keine Dscherum[121] mehr bezahlen zu müssen, und da drüben bei Seraruh ist ein altes Haus verbrannt. Nun reden diese Memmen von Aufstand und Blutvergießen, während die Giaurs doch froh sind, wenn wir sie ungeschoren lassen. Kommt; ich habe Befehl zum Aufbruch gegeben. Wir reiten nach Seraruh zu, und da haben wir sogleich Gelegenheit, zu erfahren, daß die Männer von Mia zu ängstlich gewesen sind.«
»Werden wir uns teilen?« fragte ich nun.
»Warum?« erwiderte er, einigermaßen erstaunt.
»Du sprachst von zwei Bärenfamilien.«
»Wir werden beisammen bleiben und erst die eine und dann die andere Familie vernichten.«
»Ist es weit von hier?«
»Meine Männer haben die Spuren verfolgt. Sie sagten mir, daß wir nur eine halbe Stunde zu reiten haben. Willst du wirklich mit uns gegen die Bären kämpfen?«
Ich bejahte, und er sagte dann:
»So will ich dir einige Wurfspieße geben.«
»Wozu?«
»Weißt du nicht, daß keine Kugel einen Bären tötet? Er stirbt erst dann, wenn viele Spieße in ihm stecken.«
Das brachte mir keinen guten Begriff von den Kurden und ihren Waffen bei. Entweder waren die ersteren feig oder die letzteren schlecht.
»Du magst deine Spieße immerhin behalten; es reicht eine Kugel vollständig hin, um einen Bären zu töten.«
»Thue, was du willst,« meinte er überlegen, »aber bleibe stets in meiner Nähe, damit ich dich beschützen kann.«
»Allah erhalte dich, so wie du mich erhalten willst!«
Wir ritten zum Dorfe hinaus. Der ganze Reitertrupp hatte das Aussehen, als ob wir auf die Gazellenjagd auszögen, so wenig gediegen erschien mir alles. Es ging erst in das Thal hinab und dann drüben wieder empor über Berge, durch Schluchten und Wälder, bis wir endlich in einem Buchenwalde halten blieben, in dem es viel Unterholz gab.
»Wo ist das Lager der Tiere?« fragte ich den Bey.
Er deutete nur so vor sich hin, ohne einen bestimmten Punkt anzugeben.
»Man hat die Spuren gefunden?«
»Ja, auf der andern Seite.«
»Ah! Du lässest das Lager umstellen?«
»Ja, die Tiere werden auf uns zugetrieben. Du sollst zu meiner Rechten bleiben, und dieser Emir aus dem Abendlande, der auch keinen Wurfspieß haben will, zu meiner Linken, damit ich euch beschützen kann.«
»Sind die Bären alle drin?« fragte ich wieder.
»Wo sollen sie sein? Sie gehen nur des Nachts stehlen.«
Es war eine wunderbare Anordnung, welche jetzt getroffen wurde. Wir waren sämtlich zu Pferde und bildeten einen Halbkreis, dessen einzelne Glieder beim Beginne des Treibens etwa vierzig Schritte voneinander halten sollten.
»Sollen wir schießen, wenn der Bär kommt?« fragte ich ungeduldig.
»Ihr könnt es thun, aber ihr werdet ihn nicht töten; dann jedoch flieht sofort!«
»Und was thust du?«
»Wenn der Bär kommt, so wirft ihm der nächste den Dscherid[122] in den Leib und flieht so schnell, als das Pferd laufen kann. Der Bär setzt ihm nach, und der nächste Jäger verfolgt den Bären. Er wirft ihm auch seinen Dscherid in den Leib und flieht. Nun wendet sich der Bär, und der erste Jäger auch. Es kommen mehrere herbei. Wer seinen Spieß geworfen hat, der wendet sich rasch zur Flucht, und der Bär wird von den andern abgehalten. Er bekommt so viele Spieße in den Leib, daß er sich endlich verbluten muß.«
Ich übersetzte das dem Engländer.
»Feige Jagd!« räsonnierte er. »Schade um den Pelz! Wollen wir einen Handel machen, Sir!«
»Welchen?«
»Will Euch den Bären abkaufen.«
»Wenn es mir gelingt, ihn zu erlegen.«
»Pshaw! Wenn er noch lebendig ist.«
»Das wäre kurios!«
»Meinetwegen! Wie viel wollt Ihr haben?«
»Ich kann doch den Bären nicht verkaufen, wenn ich ihn noch gar nicht habe!«
»Sollt ihn eben gar nicht haben! Wenn er ja hier herauskommt, so werdet Ihr mir ihn wegschießen. Aber ich selbst will ihn schießen, und darum werde ich ihn Euch abkaufen.«
»Wie viel gebt Ihr?«
»Fünfzig Pfund, Sir. Ist's genug?«
»Mehr als genug. Aber ich wollte nur sehen, wie viel Ihr bietet. Ich verkaufe ihn nämlich nicht.«
Er machte mir ein sehr grimmiges Gesicht.
»Warum nicht, Sir? Bin ich nicht Euer Freund?«
»Ich schenke ihn Euch. Seht, wie Ihr mit ihm fertig werdet!«
Er zog das gewohnte Parallelogramm seines Mundes so in die Breite, nämlich vor Vergnügen, daß es schien, als ob sich unter der Riesennase ein Bewässerungsgraben von einem Ohre zum anderen befinde.
»Sollt die fünfzig Pfund dennoch haben, Master!« sagte er.
»Nehme sie nicht!«
»So werden wir auf andere Weise quitt! Yes!«
»Ich stehe bereits weit höher in Eurer Schuld. Aber eine Bedingung muß ich dennoch stellen. Ich bin begierig, die Art und Weise kennen zu lernen, wie diese Kurden den Bären jagen, und darum wünsche ich nicht, daß Ihr sofort schießt. Laßt ihm erst einige Speere geben! Nicht?«
»Werde Euch den Gefallen thun.«
»Aber nehmt Euch wohl in acht! Schießt ihm in das Auge oder grad in das Herz, sobald er sich erhebt. Die hiesigen Bären sind zwar nicht sehr schlimm, aber man kann doch immerhin Gefahr laufen.«
»Ha! Wollt Ihr mir einen Gefallen thun?«
»Recht gern, wenn ich kann.«
»Tretet mir für diese Weile Eure Büchse ab. Sie ist viel besser als die meinige. Tauscht Ihr mit mir so lange?«
»Wenn Ihr mir versprecht, daß sie dem Bären nicht zwischen die Tatzen kommen soll!«
»Werde sie in meinen eigenen Tatzen behalten!«
»So gebt her!«
Wir tauschten die Gewehre. Der Engländer war ein guter Schütze, aber ich war doch neugierig, wie er sich einem Bären gegenüber verhalten werde.
Die Schar der Kurden löste sich auf. Die Hälfte derselben ritt mit den Hunden fort, um als Treiber zu dienen, und wir andern blieben zurück, um die bezeichnete Linie zu bilden. Halef und die beiden Araber hatten Wurfspieße angenommen und wurden in die Zwischenräume eingereiht; ich aber mußte mit dem Engländer bei dem Bey halten bleiben. Meinen Hund hatte ich nicht zum Treiben hergegeben; er blieb an meiner Seite.
»Eure Hunde holen den Bären nicht, sondern sie treiben ihn?« fragte ich den Bey.
»Sie können ihn nicht holen oder stellen, denn er flieht vor ihnen.«
»So ist er feig!«
»Du wirst ihn kennen lernen.«
Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir an dem Lärmen merkten, daß sich die Treiber in Bewegung gesetzt hatten. Dann erscholl lautes Bellen und Halla-Rufen. Das Bellen näherte sich schnell, das Rufen etwas langsamer. Nach einigen Minuten verkündete uns ein lautes Geheul, daß einer der Hunde verwundet worden sei. Nun krachten Schüsse, und die Meute fiel mit verdoppelter Stärke ein.
»Paß auf, Emir!« warnte der Bey. »Jetzt wird der Bär kommen.«
Er hatte richtig vermutet. Es knackte in dem nahen Unterholze, und ein schwarzer Bär erschien. Es war kein Goliath; ein guter Schuß mußte ihn töten. Bei unserm Anblick blieb er stehen, um sich gemächlich zu überlegen, was unter so mißlichen Umständen zu thun sei. Ein halblautes Brummen verriet seinen Verdruß, und seine Aeuglein blitzten mißmutig zu uns herüber. Der Bey ließ ihm keine Zeit. Da wo wir hielten, standen die Bäume lichter, so daß man sich zu Pferde genügend bewegen konnte. Er ritt auf das Tier zu, schwang einen seiner Spieße und warf ihn dem Bären in den Pelz, wo er stecken blieb. Dann aber riß er sein aus Furcht vor dem Bären zitterndes Pferd herum.
»Fliehe, Emir!« rief er mir noch zu, dann sauste er zwischen mir und dem Engländer hindurch.
Der Bär stieß ein lautes schmerzliches Brummen aus, suchte den Spieß von sich abzuschütteln, und da ihm dies nicht gelang, so rannte er dem Bey nach. Sofort brachen die beiden nächsten Nachbarn von uns hinter ihm her und warfen bereits von weitem ihre Spieße, von denen nur einer traf, aber ohne stecken zu bleiben. Sofort wandte sich der Bär nach ihnen. Der Bey merkte dies, kehrte um, ritt wieder auf ihn zu und warf den zweiten Spieß, welcher noch tiefer eindrang, als der erste. Das jetzt wütende Tier erhob sich und versuchte, den Schaft abzubrechen, während die beiden anderen Reiter von neuem auf dasselbe eindrangen.
»Soll ich jetzt, Sir?« rief mir Lindsay zu.
»Ja, macht der Qual ein Ende!«
»So haltet mein Pferd.«
Er ritt, da wir dem Bären ausgewichen und dabei auseinander gekommen waren, wieder auf mich zu, stieg ab und übergab mir das Pferd. Schon wollte er sich abwenden, da prasselten die Zweige nieder und es erschien ein zweiter Bär. Es war die Bärin, welche nur langsam zwischen den Büschen hervortrat, weil ein schutzbedürftiges Junges bei ihr war. Sie war größer als das Männchen, und ihr zorniges Brummen konnte schon mehr ein Brüllen genannt werden. Es war ein nicht ungefährlicher Augenblick: dort der Bär, hier die Bärin, und wir zwischen ihnen. Aber die Kaltblütigkeit meines Master Fowling-bull kam nicht aus der Fassung.
»Die Bärin, Sir?« fragte er mich.
»Gewiß!«
»Well! Werde galant sein. Die Dame hat den Vorzug!«
Er nickte vergnügt, schob sich den Turban aus der Stirn und schritt mit angelegter Büchse auf die Bärin zu. Diese sah den Feind kommen, zog das Junge zwischen ihre Hinterbeine und erhob sich, um den Nahenden mit ihren Vorderpranken zu empfangen. Dieser trat bis auf drei Schritte zu ihr heran, hielt ihr die Mündung des Gewehres so ruhig, als ob er auf ein Bild schieße, vor den Kopf und drückte ab.
»Zurück!« warnte ich ihn.
Es war unnötig, denn er war sofort auf die Seite gesprungen und hielt das Gewehr für den zweiten Schuß bereit. Dieser war nicht nötig. Die Bärin schlug die Tatzen in die Luft, drehte sich langsam und zitternd herum und stürzte zu Boden.
»Ist sie tot?« fragte Lindsay.
»Ja, aber wartet noch, ehe Ihr sie berührt.«
»Well! Wo ist der andere?«
»Da drüben!«
»Bleibt hier. Werde ihm die zweite Kugel geben.«
»Gebt die Büchse her! Ich will zuvor den leeren Lauf laden.«
»Dauert mir zu lange!«
Er schritt dem Platze zu, wo sich der verwundete Bär noch immer mit seinen Verfolgern abmühte. Eben wollte der Bey dem Tiere einen neuen Spieß geben, als er den Engländer sah und erschrocken inne hielt. Er hielt ihn für verloren. Lindsay aber blieb ruhig stehen, als er sah, daß der Bär auf ihn losrannte. Er ließ ihn herankommen, wartete, bis er sich zur tödlichen Umarmung erhob, und drückte los. Der zweite Schuß hatte denselben Erfolg wie der erste: — das Tier war tot.
Es erhob sich ein lauter Jubel, der nur von dem Geheul der Hunde übertönt wurde, die mit Mühe von den toten Bären abzuhalten waren. Der Engländer aber kehrte sehr gleichmütig zu seinem Pferde zurück und übergab mir die Büchse.
»Jetzt könnt Ihr wieder laden, Sir! Yes!«
»Da, nehmt Euer Pferd!«
»Wie habe ich die Sache gemacht?«
»Sehr gut!«
»Well! Freut mich! Ist schön in Kurdistan, wunderschön!«
Die Kurden kamen aus dem Erstaunen nicht heraus; es war ihnen unerhört, daß ein Fußgänger mit nur einem Gewehre mit zwei Bären fertig zu werden vermochte. Allerdings hatte sich Master Lindsay mehr als musterhaft benommen. Ein größeres Rätsel noch war es mir, die Bärenfamilie beisammen zu finden, da das Junge bereits ziemlich erwachsen war. Die Kurden hatten sehr große Mühe, es zu überwältigen und zu binden, da der Bey es lebendig in Gumri zu haben wünschte.
Nun wurde das Lager der Tiere aufgesucht. Es befand sich im dichtesten Gestrüpp, und die vorhandenen Spuren zeigten, daß die Familie nur aus den Alten mit diesem einen Jungen bestanden hatte. Einer der Hunde war tot, und zwei waren verwundet. Wir konnten mit dieser Jagd zufrieden sein.
»Herr,« sagte der Bey zu mir, »dieser Emir aus dem Abendlande ist ein sehr tapferer Mann!«
»Das ist er.«
»Ich wundere mich nicht mehr, daß euch die Berwari gestern nicht überwältigen konnten, bis sie euch zu schnell überraschten.«
»Auch da hätten sie uns nicht überwältigt; aber ich gebot den Gefährten, sich nicht zu wehren. Ich bin dein Freund und wollte deine Leute nicht töten lassen.«
»Wie ist es möglich, alle beide Bären in das Auge zu treffen?«
»Ich habe einen Jäger gekannt, der jedes Wild und jeden Feind in das Auge traf. Er war ein guter Schütze und hatte ein sehr gutes Gewehr, welches niemals versagte.«
»Schießest du auch so?«
»Nein. Ich habe sehr viel geschossen, aber nur in schlimmen Fällen auf das Auge gezielt. Wo ist der zweite Jagdplatz?«
»Nach Osten, näher nach Seraruh hinüber. Wir wollen aufbrechen.«
Es wurden einige Männer mit den erbeuteten Tieren zurückgelassen; wir andern ritten weiter. Wir verließen den Wald und kamen in eine Schlucht hinab, in welcher ein Bach floß, dessen Ufern wir zu folgen hatten. Der Bey ritt mit den beiden Haddedihn bei den Führern an der Spitze des Zuges; Halef befand sich im dichtesten Haufen der Kurden, mit denen er sich mittels Gebärden zu unterhalten suchte, und ich ritt mit dem Engländer hinterher. Wir waren im Gespräche über irgend einen Gegenstand vertieft und merkten nicht, daß wir soweit zurückgeblieben waren, daß wir die Kurden nicht mehr sehen konnten. Da fiel ein Schuß vor uns.
»Was ist das?« fragte der Engländer. »Sind wir schon bei den Bären, Sir?«
»Wohl nicht.«
»Wer schießt aber?«
»Werden es sehen; kommt!«
Da krachte eine ganze Salve, als ob der Schuß vorher nur als Signal gegolten habe. Wir setzten unsere Pferde in Galopp. Mein Rappe flog wie ein Pfeil über den schmierigen Boden, aber — da blieb er mit dem Hufe an einer Schlingwurzel hangen; ich hatte sie gesehen und wollte ihn emporreißen, aber es war bereits zu spät. Er überschlug sich, und ich wurde weit aus dem Sattel geschleudert. Das war in zwei Tagen zum zweitenmale; aber ich fiel jetzt nicht so glücklich, wie gestern. Ich mußte mit dem Kopfe aufgefallen sein, oder ich hatte mir den Büchsenkolben an die Schläfe geschlagen — ich blieb völlig besinnungslos liegen.
Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich eine Erschütterung, die mir den ganzen Körper schmerzen machte. Ich öffnete die Augen und sah mich zwischen zwei Pferden hangen. Man hatte Stangen an die Sättel befestigt und mich darauf gebunden. Vor und hinter mir ritten gegen dreißig kriegerische Gestalten, von denen mehrere verwundet zu sein schienen, und unter ihnen befand sich — Master Lindsay, aber gefesselt. Der Anführer der Schar ritt meinen Hengst und trug auch meine Waffen. Mir hatte man nur Hemd und Hose gelassen, während Lindsay außer diesen beiden notwendigen Kleidungsstücken auch noch seinen schönen Turban behalten durfte. Wir waren vollständig ausgeraubt und gefangen.
Da wendete einer der Reiter den Kopf und sah, daß ich die Augen geöffnet hatte.
»Halt!« rief er. »Er lebt!«
Sofort stockte der Zug. Alle hielten an und bildeten einen Kreis um mich. Der Anführer drängte meinen Hengst heran und fragte mich: »Kannst du reden?«
Schweigen konnte zu nichts führen; ich antwortete daher mit einem Ja.
»Du bist der Bey von Gumri?« begann er das Verhör.
»Nein.«
»Lüge nicht.«
»Ich rede die Wahrheit.«
»Du bist der Bey!«
»Ich bin es nicht!«
»Wer bist du sonst?«
»Ein Fremder.«
»Woher?«
»Aus dem Abendlande.«
Er lachte höhnisch.
»Hört ihr's? Er ist ein Fremdling aus dem Abendlande, geht mit den Leuten von Gumri und Mia auf die Bärenjagd und spricht die Sprache dieses Landes!«
»Ich war ein Gast des Bey, und daß ich eure Sprache nicht gut spreche, das müßt ihr hören. Seid ihr Nestorah?«
»So nennen uns die Moslemim.«
»Auch ich bin ein Christ!«
»Du?« Er lachte wieder. »Du bist ein Hadschi; du hattest den Kuran am Halse hängen; du trägst die Kleidung eines Moslem; du willst uns betrügen.«
»Ich sage die Wahrheit!«
»Sage uns, ob Sidna Marryam die Mutter Gottes ist!«
»Sie ist es.«
»Sage uns, ob ein Priester ein Weib nehmen soll!«
»Er soll unvermählt bleiben.«
»Sage mir, ob es mehr oder weniger als drei Sakramente giebt!«
»Es giebt mehr.«
Es fiel mir trotz der Gefahr, in welcher ich schwebte, nicht ein, meinen Glauben zu verleugnen. Die Folge bekam ich sofort zu hören:
»So wisse, daß Sidna Marryam nur einen Menschen geboren hat, daß ein Priester sich verheiraten darf, und daß es nur drei Sakramente giebt, nämlich das Abendmahl, die Taufe und die Ordination. Du bist ein Moslem, und wenn du ja ein Christ bist, so bist du ein falscher Christ und gehörst zu jenen, welche ihre Priester senden, um die Kurden, Türken und Perser gegen uns aufzuhetzen, und das ist noch schlimmer, als wenn du ein Anhänger des falschen Propheten wärest. Deine Leute haben einige von uns verwundet; du wirst diese Schuld mit deinem Blute bezahlen.«
»Ihr wollt Christen sein und dürstet nach Blut! Was haben wir beide euch gethan? Wir wissen nicht einmal, ob ihr den Bey angefallen habt, oder ob ihr von ihm angefallen worden seid.«
»Er wurde von uns erwartet, denn wir wußten, daß er in die Schlucht auf die Jagd kommen würde; aber er ist uns mit all den Seinen entkommen. Das wollen wir dir sagen.«
»Wohin führt ihr uns?«
»Das wirst du erfahren, wenn wir dort sind.«
»So befreit mich wenigstens aus dieser Lage, und laßt mich auf einem Pferde sitzen.«
»Das ist auch uns lieber. Aber wir werden dich anbinden müssen, damit du uns nicht entkommen kannst.«
»Thut es immerhin!«
»Wer ist dein Gefährte? Er hat zwei Männer von uns verwundet und ein Pferd erschossen und redet in einer Sprache, die wir nicht verstehen.«
»Er ist ein Engländer.«
»Ein Engländer? Er trug ja kurdische Kleidung!«
»Weil sie in diesem Lande die bequemste ist.«
»Ist er ein Missionar?«
»Das ist er nicht.«
»Was will er hier?«
»Wir reisen in Kurdistan, um zu sehen, was es hier für Menschen, Tiere und Pflanzen, für Städte und Dörfer giebt.«
»Das ist sehr schlimm für euch, denn dann seid ihr Spione. Was habt ihr euch um dieses Land zu kümmern! Wir kommen auch nicht in das eurige, um eure Menschen, Städte und Dörfer auszukundschaften. — Setzt ihn auf das Pferd und bindet ihn mit dem Manne zusammen, der ein Engländer sein soll. Auch ihre beiden Tiere hängt ihr aneinander!«
Diesem Befehle wurde Folge geleistet. Diese Leute führten so viele Stricke und Riemen bei sich, daß sie sicher auf einen viel größeren Fang ausgegangen waren, als sie mit uns gemacht hatten. Es wurden Stricke zwischen mir und Lindsay herüber und hinüber gezogen, so daß die Flucht eines einzelnen von uns gar nicht möglich war. Der Engländer sah diese Veranstaltungen mit einem unbeschreiblichen Blick über sich ergehen; dann wandte er sich mit einem Gesichte zu mir, an welchem alle bitteren Gefühle der Welt herumzerrten. Der fest zusammengekniffene Mund bildete einen Halbkreis, dessen Enden das Kinn abknüpfen wollten, und die Nase hing farblos nieder, wie eine eingeschneite und steif gefrorene Trauerflagge.
»Nun, Sir?« fragte ich.
Er nickte sehr langsam zwei- oder dreimal und sagte dann: »Yes!«
Er brauchte nicht mehr zu sagen, als dieses eine Wort, denn in dem Tone desselben lag eine ganze Welt voll Ausrufezeichen.
»Wir sind gefangen,« hob ich an.
»Yes !«
»Und halb nackt.«
»Yes!«
»Wie ist das gekommen?«
»Yes!«
»Geht zum Kuckuck mit Eurem Yes! Ich habe gefragt, wie es gekommen ist, daß wir gefangen werden konnten.«
»Wie heißt Schelm oder Spitzbube auf Kurdisch?«
»Schelm heißt Heilebaz, und Spitzbube Herambaz.«
»So fragt diese Heile- und Herambazes, wie es ihnen gelungen ist, uns wegzufischen!«
Der Anführer mußte die kurdischen Ausdrücke vernommen haben. Er drehte sich um und fragte: »Was habt ihr zu reden?«
»Ich lasse mir von meinem Gefährten erzählen, wie wir in eure Hände geraten sind,« erwiderte ich.
»So redet kurdisch, damit wir es auch hören!«
»Er versteht ja das Kurdische nicht!«
»So redet ja nicht etwa Dinge, die wir nicht erlauben können!«
Er drehte sich wieder hinum, wohl in der Ueberzeugung, uns einen guten Befehl gegeben zu haben. Ich war jedoch sehr froh, daß er uns das Sprechen nicht überhaupt verboten hatte. Ein Kurde hätte dies sicherlich gethan. Auch waren unsere Fesseln keineswegs beschwerlicher Art. Unsere Füße waren so zusammengebunden, daß der Strick unter dem Bauche des Pferdes hinweglief, und von meinem linken Arme und Beine führte je eine Leine zu den genannten rechten Gliedmaßen des Engländers. Außerdem waren unsere Pferde zusammengekoppelt; die Hände aber hatten wir frei — man ließ uns die Zügel führen. Unsere jetzigen Herren hätten in einem Kursus bei den wilden Indianern sehr viel lernen können.
»Also, erzählt, Sir!« bat ich Lindsay.
»Well! Ihr schlugt einen Purzelbaum, grad wie gestern. Scheint überhaupt seit neuester Zeit in dieser Motion etwas zu leisten! Ich ritt hinter Euch. Versteht Ihr wohl!«
»Verstehe sehr gut; fahrt fort!«
»Mein Pferd stürzte über Euren Rappen, der jetzt diesem Gentleman gehört, und ich — — hm! Yes!«
»Aha! Ihr schlugt auch einen Purzelbaum?«
»Well! Aber der meinige gelang besser als der Eurige —«
»Vielleicht habt Ihr in dieser Motion eine größere Uebung als ich!«
»Sir, was heißt Schnabel auf Kurdisch?«
»Nekul.«
»Schön! Gebt also auf Euren Nekul besser acht, Master!«
»Danke für die Warnung, Sir! Eure Ausdrucksweise scheint sich, seit Ihr Euch mit dem Kurdischen beschäftigt, sehr verästhetisiert zu haben. Nicht?«
»Ist auch kein Wunder bei diesem Aerger! Also ich kam zur Erde zu liegen und konnte nur langsam wieder auf. Es mußte sich etwas in mir verbogen haben. Die Büchse war weit fortgeschleudert und der Gürtel aufgegangen; alle Waffen lagen an der Erde. Da kamen diese Herambaz und machten sich über mich her.«
»Ihr wehrtet Euch?«
»Natürlich! Ich konnte aber nur das Messer und eine der Pistolen erwischen; darum gelang es ihnen, mich zu entwaffnen und zu binden.«
»Wo blieb der Bey mit seinen Leuten?«
»Habe keinen von ihnen zu sehen bekommen, hörte aber weiter vor uns noch schießen.«
»Sie werden zwischen zwei Abteilungen dieser Leute hier geraten gewesen sein.«
»Wahrscheinlich. Als man mit mir fertig war, machte man sich an Euch. Ich dachte sehr, daß Ihr tot wäret. Man hat Beispiele, daß selbst ein schlechter Reiter einmal den Hals entzweifällt; nicht, Sir?«
»Möglich!«
»Ihr wurdet zwischen die zwei Mähren gebunden; dann ging es fort, nachdem man unsere beiden Pferde annektiert hatte.«
»Hat man Euch verhört?«
»Sehr! Habe auch geantwortet! Und wie! Yes!«
»Wir müssen zunächst aufmerken, in welcher Richtung wir transportiert werden. Wo liegt die Schlucht, in der uns das Unglück passierte?«
»Grad hinter uns.«
»Dort steht die Sonne; wir reiten also Ostsüdost. Gefällt es Euch noch so in Kurdistan wie vorhin, als Ihr die Bären getroffen hattet?«
»Hm! Ein miserables Land zuweilen! Wer sind diese Leute?«
»Es sind Nestorianer.«
»Vortreffliche christliche Sekte! Nicht, Sir?«
»Sie sind von den Kurden oft mit einer solchen unmenschlichen Grausamkeit behandelt worden, daß man sich nicht wundern darf, wenn sie einmal Vergeltung üben.«
»Konnten aber damit warten bis zu einer andern Zeit! Was ist nun zu thun, Sir?«
»Nichts, wenigstens jetzt.«
»Nicht fliehen?«
»In dem Zustande, in welchem wir uns befinden?«
»Hm! War ein schöner Anzug! Wunderschön! Nun ist er fort! In Gumri werden wir andere Kleider erhalten.«
»Das wäre das wenigste. Aber ohne mein Pferd und meine Waffen fliehe ich nicht. Wie steht es mit Eurem Gelde?« fragte ich.
»Fort! Und das Eurige?«
»Fort! Es war übrigens nicht sehr viel,« lautete meine Antwort.
»Schöne Wirtschaft, Sir! Was glaubt Ihr, daß sie mit uns thun werden?«
»In Lebensgefahr befinden wir uns nicht. Sie werden uns früher oder später entlassen. Aber ob wir unser Eigentum zurückerhalten, das ist sehr zu bezweifeln.«
»Laßt Ihr Eure Waffen im Stich?«
»Nie, und müßte ich sie einzeln in Kurdistan wieder zusammensuchen!«
»Well; ich suche mit!«
Wir ritten durch ein breites Thal, welches zwei Höhenzüge trennte, die sich von Nordwest nach Südost erstreckten; dann ging es links zwischen den Bergen empor, bis wir auf eine Hochebene gelangten, von welcher aus man im Osten die Häuser mehrerer Ortschaften und einen Fluß erblickte, in welchen sich mehrere Bäche ergossen. In dieser Gegend mußten Murghi und Lizan liegen, denn nach meiner Ansicht waren wir bereits über Seraruh hinaus.
Hier oben wurde unter Eichen Halt gemacht. Die Reiter stiegen von den Pferden. Auch wir durften herab, wurden aber miteinander an den Stamm eines Baumes gebunden. Ein jeder holte hervor, was er an Eßwaren bei sich hatte, und wir erhielten die Erlaubnis, zuzusehen. Lindsay räusperte sich verdrießlich und knurrte:
»Wißt Ihr, worauf ich mich gefreut hatte, Sir?«
»Nun auf was?«
»Auf Bärenschinken und Bärentatzen.«
»Dieses Gelüste laßt Euch vergehen! Habt Ihr Hunger?«
»Nein, bin satt vor Aerger! Schaut den Kerl! Kann sich mit den Revolvern nicht zurechtfinden!«
Die Leute konnten jetzt mit Ruhe alles betrachten, was sie uns abgenommen hatten. Wir sahen unser Eigentum durch alle Hände wandern, und nächst dem Gelde, welches aber sehr sorgfältig wieder aufgehoben wurde, erregten besonders unsere Waffen die Aufmerksamkeit der neuen Inhaber. Der Anführer hielt meine beiden Revolver in der Hand. Er konnte über sie nicht klug werden, drehte sie hin und her und wandte sich endlich an mich mit den Worten: »Das sind Waffen?«
»Ja.«
»Zum Schießen?«
»Ja.«
»Wie macht man es?«
»Das kann man nicht sagen, sondern man muß es zeigen.«
»Zeige es uns!«
Dem Manne kam es nicht in den Sinn, daran zu denken, daß das kleine Ding ihm gefährlich werden könne.
»Du würdest es nicht begreifen,« sagte ich.
»Warum nicht?«
»Weil du zuvor den Bau und die Behandlung des anderen Gewehres begriffen haben müßtest.«
»Welches Gewehr meinst du?«
»Das zu deiner Rechten liegt.«
Es war der Henrystutzen, den ich meinte. Er war ebenso wie die Revolver mit einer Sicherung versehen, welche der Mann nicht zu behandeln verstand.
»So erkläre es mir!« sagte er.
»Ich habe dir ja bereits gesagt, daß man dies nur zeigen muß!«
»Hier hast du das Gewehr!«
Er reichte es mir, und sobald ich es in meiner Hand fühlte, war es mir, als ob ich nichts mehr zu befürchten brauche.
»Gieb mir ein Messer, damit ich den Hahn öffnen kann,« sagte ich nun.
Er gab mir ein Messer, und ich nahm es, schob die Sicherung mit der Spitze desselben zurück, obgleich ich dies mit dem leisesten Druck meines Fingers hätte thun können, und behielt das Messer dann noch in der Hand.
»Sage mir, was ich dir schießen soll?« hob ich nun an.
Er blickte sich um und sagte dann: »Bist du ein guter Schütze?«
»Ich bin's!«
»So schieße mir einen jener Galläpfel herab!«
»Ich werde dir fünf herunterschießen und doch nur einmal laden.«
»Das ist unmöglich!«
»Ich sage die Wahrheit. Soll ich laden?«
»Lade!«
»So mußt du mir den Beutel geben, der an meinem Gürtel hing. Du hast ihn da an deinen eigenen Gürtel befestigt.«
Das Gewehr war vollständig geladen, aber es war mir um meine Patronen zu thun.
»Was sind das für kleine Dinger, welche sich darin befinden?« fragte er.
»Das werde ich dir zeigen. Wer so ein Ding hat, braucht weder Pulver noch Kugel, um schießen zu können.«
»Ich sehe, daß du kein Kurde bist; denn du hast Sachen, die es noch nie in diesem Lande gegeben hat. Bist du wirklich ein Christ?«
»Ein guter Christ.«
»Sage mir das Vaterunser!«
»Ich spreche nicht gut das Kurdische, aber du wirst es mir verzeihen, wenn ich einige kleine Fehler mache.«
Ich gab mir Mühe, die Aufgabe zu lösen. Er fiel zwar einige Male verbessernd ein, weil ich die Worte >Versuchung< und >Ewigkeit< nicht kannte, meinte aber dann doch befriedigt: »Du bist wirklich kein Moslem, denn ein solcher würde das Gebet der Christen niemals sagen. Du wirst das Gewehr nicht mißbrauchen, und darum will ich dir den Beutel geben.«
Seine Gefährten schienen sein Verfahren nicht anstößig und unvorsichtig zu finden. Sie gehörten alle einer Bevölkerungsklasse an, der durch die Gewalt ihrer Unterdrücker eine lange Zeit die Waffen aus der Hand gerungen gewesen waren, und verstanden darum den Wert derselben in den Händen eines entschlossenen Mannes kaum zu schätzen. Und übrigens waren alle wohl neugierig auf die Unterweisung, welche ich geben sollte.
Ich nahm eine der Patronen heraus und that, als ob ich lud. Dann zielte ich in die Höhe und gab den Zweig an, von welchem fünf Galläpfel verschwinden sollten. Ich drückte fünfmal los, und die Aepfel waren fort. Das Erstaunen dieser einfachen Leute war grenzenlos.
»Wie vielmal kannst du mit diesem Gewehre schießen?« fragte mich der Anführer.
»So vielmal, als ich will.«
»Und hier mit diesen kleinen Gewehren?«
»Auch sehr vielmal. Soll ich sie dir erklären?«
»Thue es!«
»Zeige sie einmal her!«
Ich legte den Stutzen neben mich und langte nach den beiden Revolvern, welche er mir gab. Lindsay beobachtete eine jede meiner Bewegungen mit der größten Spannung.
»Ich habe euch gesagt, daß ich ein Christ aus dem Abendlande bin. Wir töten niemals ungezwungen einen Menschen, aber wenn wir angegriffen werden, so kann man uns nie besiegen; denn wir haben wunderbare Waffen, gegen die es keine Rettung giebt. Ihr seid über dreißig tapfere Krieger; aber wenn wir zwei nicht an diesen Baum gebunden wären und euch töten wollten, so würden wir mit diesen drei Gewehren in drei Minuten damit fertig sein. Glaubst du das?«
»Wir haben auch Waffen!« antwortete er mit einem leisen Anflug von Besorgnis.
»Ihr würdet sie nicht brauchen können, denn der erste, der nach seiner Flinte, nach seiner Lanze oder nach seinem Messer griffe, wäre auch der erste, welcher sterben müßte. Versuchtet ihr aber keine Gegenwehr, so würden wir euch nichts zuleide thun, sondern in Frieden mit euch reden.«
»Das alles könnt ihr nicht, denn ihr seid an den Baum gebunden.«
»Du hast recht; aber wenn wir wollten, würden wir bald frei sein,« antwortete ich in einem ruhigen, erklärenden Tone. »Dieser Strick geht nur um unsern Leib und um den Baum. Ich würde meinem Gefährten diese beiden kleinen Gewehre geben, so wie ich jetzt thue; dann nähme ich dein Messer, und ein einziger Schnitt mit demselben zertrennt den Strick, und wir sind frei. Siehest du wohl?«
Grad so, wie ich gesprochen, hatte ich es auch gethan. Ich stand aufrecht am Baume mit dem Stutzen, Lindsay neben mir mit den Revolvern. Er nickte mir mit seinem breitesten Lächeln zu, gespannt auf alles, was ich that, da er meine Worte nicht verstehen konnte.
»Du bist ein kluger Mann,« sagte der Anführer; »aber diesen Strick brauchtest du uns nicht zu ruinieren. Setze dich wieder nieder, und erkläre uns auch die beiden kleinen Gewehre!«
»Ich habe dir bereits zweimal gesagt, daß man das nicht erklären, sondern zeigen muß. Und zeigen werde ich es euch, wenn ihr nicht das thut, was ich von euch verlange.«
Jetzt endlich begann ihm klar zu werden, daß ich Ernst machte. Er stand auf, und auch die andern erhoben sich, nach ihren Waffen greifend.
»Was verlangst du?« fragte er drohend.
»Höre mich ruhig an! Wir sind keine gewöhnlichen Krieger, sondern Emire, denen man Achtung schuldig ist, selbst wenn sie in Gefangenschaft geraten. Ihr aber habt uns beraubt und gefesselt, als ob wir Diebe und Räuber seien. Wir verlangen, daß ihr uns alles zurückgebt, was ihr uns genommen habt!«
»Das werden wir nicht thun!«
»So werde ich deinen Wunsch erfüllen und dir den Gebrauch unserer Waffen zeigen. Merke wohl auf: der erste, der auf uns schießen oder stechen will, wird auch der erste sein, der sterben muß! Es ist besser, wir sprechen in Frieden miteinander, als daß wir euch töten.«
»Ihr werdet auch fallen!«
»Aber die meisten von euch vorher!«
»Wir müssen euch binden, denn wir müssen euch zu unserm Melek bringen.«
»Ihr bringt uns nicht zu eurem Melek, wenn ihr uns fesseln wollt; denn wir werden uns wehren. Aber wenn ihr uns alles wiedergebt, was uns gehört, so werden wir euch freiwillig folgen; denn wir können dann als Emire vor ihm erscheinen.«
Diese guten Leute waren gar nicht blutgierig und hatten eine große Angst vor unsern Waffen. Sie blickten einander an, flüsterten leise, und endlich fragte der Anführer:
»Was verlangst du zurück?«
»Die Kleider alle.«
»Die sollst du haben.«
»Das Geld und alles, was in unsern Taschen war.«
»Das müssen wir behalten, um es dem Melek zu geben.«
»Und die Waffen.«
»Auch sie müssen wir behalten, sonst gebraucht ihr sie gegen uns.«
»Und endlich verlangen wir unsere Pferde.«
»Du verlangst das Unmögliche!«
»Nun gut; so habt ihr allein die Schuld, wenn wir uns selbst nehmen, was uns gehört. Du bist der Anführer und hast unser Eigentum eingesteckt. Ich muß dich töten, um es wieder zu bekommen.«
Ich erhob das Gewehr. Lindsay hielt seine beiden Läufe vor.
»Halt, schieße nicht!« gebot der Mann. »Folgest du uns wirklich, wenn wir euch alles geben?«
»Ja,« erwiderte ich.
»Schwöre es uns!«
»Ich sage es. Das gilt wie ein Schwur!«
»Und wirst auch deine Waffen nicht gebrauchen?«
»Nein; es sei denn aus Notwehr.«
»So sollst du alles haben.«
Er sprach wieder leise mit den Seinen. Es schien, als ob er ihnen erkläre, daß unser Eigentum ihnen ja sicher bleibe. Endlich wurde uns alles hingelegt, so daß wir nicht den geringsten Gegenstand zu vermissen hatten. Wir zogen unsere Kleider an, und während dieser Beschäftigung forderte mich Lindsay auf, ihm das Ergebnis meiner Verhandlung mitzuteilen. Als ich seiner Aufforderung nachgekommen war, legte sich sein Gesicht in sehr bedenkliche Falten.
»Was habt Ihr gethan, Sir! Hatten unsere Freiheit so schön in den Händen!«
»Glaubt Ihr? Es hätte auf alle Fälle einen Kampf gegeben.«
»Hätten sie alle erschossen!«
»Fünf oder zehn, dann aber wäre es aus mit uns gewesen. Seid froh, daß wir unsere Sachen wieder haben; das weitere wird sich dann auch noch finden!«
»Wohin führen sie uns?«
»Das werden wir erst noch erfahren. Uebrigens könnt Ihr versichert sein, Sir, daß uns unsere Freunde nicht verlassen werden. Von Halef weiß ich es ganz genau, daß er alles in Bewegung setzen wird, um uns nützlich zu sein.«
»Glaube es auch. Braver Kerl!«
Als wir alles zu uns genommen hatten, stiegen wir auf und setzten unsern Ritt fort. Es hätte mich jetzt nur einen Schenkeldruck gekostet, um wieder frei zu sein; aber ich hatte mein Wort gegeben, und das mußte ich halten. Ich ritt an der Seite des Anführers, der seine besorgten Blicke nicht von uns wendete.
»Ich frage dich abermals, wohin du uns führst?« hob ich an.
»Das wird der Melek entscheiden.«
»Wo befindet er sich?«
»Wir werden am Abhange des Gebirges auf ihn warten.«
»Welcher Melek ist es?«
»Von Lizan.«
»So ist er jetzt in Lizan und wird später kommen?«
»Er ist dem Bey von Gumri nachgejagt.«
»Ah! Und warum habt ihr euch von ihm getrennt?«
»Er bedurfte unserer Hilfe nicht, weil er sah, daß der Bey so wenige Leute bei sich hatte, und als wir umkehrten, trafen wir auf euch.«
Nun war das Rätsel gelöst. Der Feind war so zahlreich gewesen, daß es unseren Freunden nicht möglich geworden war, sich durchzuschlagen und zu uns zu kommen.
Unser Weg führte uns sehr bald wieder bergab und wir sahen das Thal des Zab in einer Länge von vielen Stunden vor uns liegen. Nach Verlauf von vielleicht zwei Stunden gelangten wir an einen einsamen Weiler, der nur aus vier Gebäuden bestand, von denen drei aus Lehm ausgeführt waren, während das vierte starke Steinmauern besaß. Es hatte ein Stockwerk über dem Erdgeschoß und einen ziemlich großen Garten an seiner hinteren Seite.
»Hier bleiben wir,« meinte der Anführer.
»Wem gehört dieses Haus?«
»Dem Bruder des Melek. Ich werde dich zu ihm führen.«
Wir hielten vor dem Gebäude still, und eben als ich am Absteigen war, vernahmen wir ein lautes, heulendes Schnaufen. Wir drehten uns um und sahen einen Hund, der in gewaltigen Sätzen den Abhang herabgesprungen kam. Es war mein Dojan, den ich kurz vor dem Ueberfall der Obhut Halefs übergeben hatte. Die Schnur, an welcher ihn der Diener geführt hatte, war zerrissen, und sein Instinkt hatte das brave Tier auf meine Spur geführt. Er sprang laut jauchzend an mir empor, und ich hatte alle Mühe, ihn zur Ruhe zu bringen. Ich gab ihm den Zügel meines Pferdes zwischen die Zähne und war nun sicher, daß niemand es mir unbemerkt entführen könne. Dann wurden wir in das Haus gewiesen. Der Anführer stieg mit uns eine Treppe empor und bedeutete uns, in einem Zimmerchen auf ihn zu warten. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er zurückkehrte.
»Ihr sollt kommen,« meinte er. »Aber legt vorher die Waffen ab.«
»Warum diese Zumutung?«
»Der Bruder des Melek ist ein Priester.«
»Bei dem du selbst deine Waffen getragen hast!«
»Ich bin sein Freund.«
»Ah! Er fürchtet sich vor uns?«
»So ist es.«
»Du kannst ruhig sein. Wenn er es ehrlich meint, wird er sich bei uns in keiner Gefahr befinden.«
Der Mann führte uns durch eine Thüre in ein Gemach, in welchem der Besitzer des Hauses sich befand. Es war ein schwacher, ältlicher Mann, dessen blatternarbiges Gesicht auf mich keinen sehr angenehmen Eindruck machte. Er winkte, und der Führer entfernte sich.
»Wer seid ihr?« fragte er, ohne uns zu begrüßen.
»Wer bist du?« fragte ich in ganz demselben kurzen Tone wie er.
Er runzelte die Stirn.
»Ich bin der Bruder des Melek von Lizan.«
»Und wir sind Gefangene des Melek von Lizan.«
»Dein Benehmen ist nicht so, als ob du ein Gefangener seist.«
»Weil ich freiwillig ein Gefangener bin und sehr genau weiß, daß ich es nicht lange bleiben werde.«
»Freiwillig? Man hat dich doch gefangen genommen!«
»Und wir haben uns wieder frei gemacht und sind euren Männern aus freiem Willen gefolgt, um nicht gezwungen zu sein, ihnen das Leben zu nehmen. Ist das dir nicht erzählt worden?«
»Ich glaube es nicht.«
»Du wirst es glauben lernen.«
»Du bist bei dem Bey von Gumri gewesen!« fuhr er fort. »Wie kommst du zu diesem?«
»Ich hatte ihm Grüße von einem Verwandten auszurichten.«
»So bist du nicht ein Vasall von ihm?«
»Nein. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande.«
»Ein Christ, wie ich hörte?«
»Du hast die Wahrheit gehört.«
»Aber ein Christ, der an die falsche Lehre glaubt!«
»Ich bin überzeugt, daß sie die wahre ist.«
»Du bist kein Missionar?«
»Nein. Bist du ein Priester?« fragte ich dagegen.
»Ich wollte einst ein solcher werden,« antwortete er.
»Wann wird der Melek hier ankommen?«
»Noch heute; die Stunde aber ist unbestimmt.«
»Ich soll bis dahin in deinem Hause bleiben?«
Er nickte, und ich fragte weiter:
»Aber als was?«
»Als das, was du bist, als Gefangener.«
»Und wer wird mich festhalten?«
»Meine Leute und dein Wort.«
»Deine Leute können mich nicht halten, und mein Versprechen habe ich bereits erfüllt. Ich sagte, daß ich ihnen folgen würde; das habe ich gethan.«
Er schien zu überlegen.
»Du magst recht haben. So sollst du also nicht mein Gefangener, sondern mein Gast sein.«
Er klatschte in die Hände. Ein altes Weib erschien.
»Bringe Pfeifen, Kaffee und Matten!« gebot er ihr.
Die Matten wurden zuerst gebracht, und wir mußten zu beiden Seiten des Mannes Platz nehmen, der ein Priester genannt wurde, weil er einst gewillt gewesen war, ein solcher zu werden. Er wurde jetzt freundlicher, und als die Pfeifen mit dem Tabak gebracht wurden, hatte er sogar die Herablassung, sie uns selbst anzubrennen. Ich erkundigte mich bei ihm nach den Verhältnissen der nestorianischen Chaldäer und erfuhr allerdings Dinge, bei deren Erzählung einem sich die Haare sträuben konnten.
Die Krieger hatten sich um das Haus gelagert; es waren, wie ich erfuhr, arme, einfache Ackerbauer, also unangesehene Leute nach den Begriffen der Nomaden und anderen Bevölkerungsklassen, welche das Handwerk des Krieges treiben. Sie kannten den Gebrauch der Waffen nicht, und einige unbewachte Andeutungen unsers Wirtes brachten mich zu der Ueberzeugung, daß von zehn ihrer Luntenflinten kaum fünf losgegangen wären.
»Nun aber werdet ihr ermüdet sein,« meinte er, als auch der Kaffee eingenommen war. »Erlaubt, daß ich euch ein Zimmer anweise, welches das eurige sein soll!«
Er erhob sich und öffnete eine Thüre. Scheinbar aus Höflichkeit stellte er sich zur Seite, um uns zuerst eintreten zu lassen; kaum aber hatten wir die Schwelle überschritten, so warf er die Thüre zu und schob den Riegel vor.
»Ah! Was ist das?« fragte Lindsay.
»Heimtücke. Was weiter!«
»Habt Euch übertölpeln lassen!«
»Nein. Ich ahnte so etwas.«
»Warum tratet Ihr ein, wenn Ihr es ahntet?«
»Weil ich mich ausruhen wollte. Mir thun die Glieder noch weh von dem Sturze.«
»Das konnten wir wo anders thun und nicht hier als Gefangene!«
»Wir sind nicht gefangen. Seht Euch diese Thüre an, die ich mir bereits während der Unterhaltung betrachtet habe. Einige Fußtritte oder ein guter Kolbenstoß reichen hin, sie zu zertrümmern.«
»Wollen das sofort thun!«
»Wir befinden uns in keiner Gefahr.«
»Wollt Ihr warten, bis noch mehr Leute kommen? Jetzt fällt es uns nicht schwer, aufzusitzen und fortzureiten.«
»Mich reizt dieses Abenteuer. Wir haben jetzt die beste Gelegenheit, die Verhältnisse dieser christlichen Sektierer kennen zu lernen.«
»Bin nicht sehr neugierig darauf; die Freiheit ist mir lieber!«
Da hörte ich meinen Hund zornig knurren und dann in jener bestimmten Weise anschlagen, die mir sagte, daß er sich gegen einen Angreifer zu wehren habe. Die einzige Fensteröffnung, welche es in dem Raume gab, und die so klein war, daß man den Kopf nicht hindurchstecken konnte, befand sich an der andern Seite. Ich konnte also nicht sehen, was es gab. Da hörte ich ein kurzes Bellen und bald darauf einen Schrei. Unter diesen Umständen war hier oben meines Bleibens nicht.
»Kommt, Sir!«
Ich stemmte mich mit der Achsel gegen die Thüre — sie gab nur wenig nach.
»Nehmt den Kolben!« meinte Lindsay, indem er zugleich seine eigne Büchse ergriff.
Einige Schläge genügten, die Thüre zu zertrümmern. In dem Raume, wo wir vorhin gesessen hatten, standen vier Männer, welche jedenfalls die Aufgabe hatten, uns zu bewachen; denn sie traten uns mit erhobenem Gewehr entgegen, hatten aber gar nicht das Aussehen, als ob sie Ernst machen würden.
»Halt! Bleibt hier!« meinte der eine sehr freundlich.
»Thut dies einstweilen an unserer Stelle!«
Ich schob ihn beiseite und eilte hinab, wo die Anwesenden einen weiten Kreis um unsere Pferde geschlossen hatten. Bei denselben lag der gastfreundliche Wirt an der Erde und der Hund auf ihm.
»Fort, Sir?« fragte Lindsay.
»Ja.«
Im nächsten Augenblick saßen wir auf.
»Halt! Wir schießen!« riefen mehrere Stimmen.
Es richteten sich allerdings mehrere Gewehre gegen uns, aber wir achteten nicht darauf.
»Dojan, geri!«
Der Hund sprang auf. Ich nahm die Büchse in die Hand, wirbelte sie um den Kopf; Lindsay that dasselbe, und unsere Pferde schnellten durch den Kreis hindurch. Zwei einzelne Schüsse fielen hinter uns: sie schadeten uns nicht. Aber sämtliche Nestorah stiegen unter lautem Geschrei zu Pferde, um uns zu verfolgen. Das Abenteuer hatte seit dem Augenblick unserer Gefangennehmung einen beinahe komischen Verlauf genommen; es bildete einen sehr überzeugenden Beleg dazu, daß die Tyrannei im stande ist, ein Volk zu entnerven. Was wären wir zwei gegen diese Uebermacht gewesen, wenn die Nestorianer noch einiges Mark besessen hätten!
Wir achteten gar nicht weiter auf sie und ritten so schnell wie möglich den Weg zurück, auf welchem wir gekommen waren. Als wir die Höhe erreicht hatten, waren die Verfolger weit hinter uns geblieben.
»Vor diesen sind wir sicher!« meinte Lindsay.
»Aber vor den andern nicht.«
»Warum nicht?«
»Sie können uns begegnen.«
»So weichen wir ihnen aus!«
»Das ist nicht an jeder Stelle möglich.«
»So hauen wir uns durch! Well!«
»Sir, das würde uns wohl schwerlich gelingen. Ich habe nämlich die Ahnung, daß unsere Nestorianer in der Schar des Melek nur der überflüssige, mutlose und schlecht bewaffnete Troß gewesen sind, den er zurückgeschickt hat, um nicht gehindert zu sein. An uns haben sie sich gewagt, da wir nur zu zweien waren und uns in keiner verteidigungsfähigen Lage befanden.«
»Lasse mich aber nicht wieder fangen! Yes!«
»Ich habe auch nicht Lust dazu, aber der Mensch kann nicht wissen, was ihm begegnet.«
Wir kamen schnell über die Hochebene zurück, auf welcher wir vorher Rast gehalten hatten. An dem diesseitigen Rande derselben hielten wir an, und ich zog das Fernrohr aus der Satteltasche, um die unter uns liegenden Thäler und Abhänge zu betrachten. Ich konnte nichts Besorgnis Erregendes bemerken, und so setzten wir unsern Weg thalabwärts fort. Endlich gelangten wir nach langem Ritt auch an die Stelle, an welcher wir gefangen genommen worden waren. Lindsay wollte nach rechts abbiegen, weil dorthin Mia und unser Jagdplatz lag, aber ich hielt zaudernd an.
»Wollen wir nicht einmal hier links hinab, Sir?« fragte ich. »Dort sind die Unsrigen überfallen worden. Es ist beinahe notwendig, sich den Kampfplatz anzusehen.«
»Wir werden alle in Mia oder Gumri treffen!« entgegnete er.
»Gumri liegt nach links. Kommt!«
»Ihr werdet Euch in neue Gefahr begeben, Sir!«
Ich schwenkte ohne weitere Antwort links ab, und er folgte mir ein wenig verdrossen.
Hier sah ich die Wurzel, über welche mein Pferd gestrauchelt war, und vielleicht achthundert Schritte weiter abwärts fanden wir ein getötetes Pferd daliegen, dem man Sattel und Zaum abgenommen hatte. Der spärliche Graswuchs und das niedrige Gestrüpp war zertreten; auch das mit Blut bespritzte Gestein zeigte, daß hier ein Kampf stattgefunden habe. Die Spuren desselben führten abwärts: die Kurden waren geflohen und die Nestorianer ihnen gefolgt. Das regte den Engländer auf. Er dachte nicht mehr an seine vorige Warnung und setzte sein Pferd in Trab.
»Kommt, Sir! Müssen sehen, wie es gegangen ist!« rief er mir zu.
»Vorsichtig!« warnte ich. »Das Thal ist breit und offen. Wenn der Feind grad jetzt zurückkehrt, wird er uns bemerken; dann ist es aus mit uns.«
»Geht mich nichts an! Müssen den Unserigen helfen!«
»Sie werden uns jetzt nicht mehr brauchen!«
Er aber ließ sich nicht halten und ich war gezwungen, ihm auf dem offenen Terrain zu folgen, während ich mich lieber unter den Schutz der Bäume zurückgezogen hätte.
Weit unten machte das Thal eine Krümmung. Die innere Ecke derselben stieß beinahe bis an das Ufer des Baches heran und hinderte uns, weiter zu sehen. Unweit davon lag ein nackter Leichnam. Es war ein toter Kurde; das sah man an dem Haarbüschel. Wir bogen um die Ecke. Kaum aber hatten wir hundert Schritte gemacht, so raschelte es in den Bäumen und Sträuchern der Thalwand, und wir sahen uns augenblicklich von einer Menge bewaffneter Gestalten umringt. Zwei von ihnen hielten die Zügel meines Pferdes, und mehrere faßten mich an den Beinen und am Arme, um mich an der Gegenwehr zu verhindern. So ging es auch dem Engländer, der in einem solchen Knäuel von Feinden stak, daß sein Pferd sich kaum zu bewegen vermochte. Er wurde angerufen, konnte aber nichts verstehen und deutete auf mich.
»Wer seid ihr?« fragte mich einer.
»Wir sind Freunde der Nestorah. Was wollt ihr von uns?«
»Wir sind keine Nestorah. So nennen uns nur unsere Feinde und Bedrücker. Wir sind Chaldäer. Aber ihr seid Kurden?«
»Wir beide sind weder Kurden, noch Türken, noch Araber. Wir tragen nur die Tracht dieses Landes. Wir sind Feringhis[123].«
»Woher seid ihr?«
»Ich bin ein Nemtsche, und mein Gefährte ist ein Inglis.«
»Die Nemtsche kenne ich nicht, aber die Inglis sind böse Menschen. Ich werde euch zum Melek führen, der über euch urteilen mag.«
»Wo ist er?«
»Weiter unten. Wir sind die Vorhut und sahen euch kommen.«
»Wir werden euch folgen. Laßt mich los!«
»Steige ab!«
»Erlaube mir, daß ich sitzen bleibe! Ich habe einen Fall gethan und kann nicht gut gehen.«
»So mögt ihr reiten, und wir werden eure Pferde führen. Aber sobald ihr versucht, zu fliehen oder eure Waffen zu gebrauchen, werdet ihr erschossen!«
Das klang sehr bestimmt und kriegerisch. Diese Männer machten allerdings einen ganz andern Eindruck als diejenigen, welche uns vorher gefangen genommen hatten. Wir wurden thalabwärts geführt. Mein Hund schritt, die Augen immer auf mich gerichtet, neben mir her; er hatte keinen der Feinde angegriffen, weil ich mich ruhig verhalten hatte.
Ein kleines Nebenwasser floß von rechts her in den Bach. Es kam aus einem Seitenthale, welches bei seiner Mündung in das Hauptthal eine ziemlich breite Einbuchtung bildete. Hier lagerten wohl gegen sechshundert Krieger in vielen Gruppen beieinander, während ihre Pferde in der Umgebung weideten. Unser Erscheinen erregte Aufsehen; aber niemand rief uns an.
Wir wurden zu einer der größten Gruppen geführt, in deren Mitte ein kräftig gebauter Mann saß, welcher unsern Begleitern zunickte.
»Ihr bringt sie?« sagte er zu ihnen. »Kehrt wieder auf euren Posten zurück!«
Man hatte ihm also unser Kommen bereits gemeldet, als wir im Begriffe waren, ihnen ahnungslos in die Hände zu laufen. Der Melek hatte einige Aehnlichkeit mit seinem Bruder, aber meine Augen richteten sich von ihm ab und auf eine andere Gruppe. Dort saßen der Bey von Gumri, Amad el Ghandur und Halef nebst mehreren Kurden unbewaffnet und rings von Wächtern umgeben; aber keiner von ihnen war gebunden. Sie hatten die Geistesgegenwart, sich bei unserm Anblick ruhig zu verhalten.
Der Melek winkte uns, abzusteigen.
»Kommt näher!« gebot er.
Ich trat in den Kreis und setzte mich ungeniert neben ihm nieder. Auch der Engländer that so. Der Anführer blickte uns etwas überrascht an, sagte aber nichts über unser dreistes Benehmen.
»Habt ihr euch bei eurem Ergreifen gewehrt?« fragte er.
»Nein,« antwortete ich kurz.
»Ihr tragt doch Waffen!«
»Warum sollen wir die Chaldäer töten, da wir ihre Freunde sind? Sie sind Christen, wie wir.«
Er horchte auf und fragte dann:
»Ihr seid Christen? — Aus welcher Stadt?«
»Die Stadt, aus der wir stammen, kennst du nicht. Sie liegt weit von hier im Abendlande, wohin noch kein Kurde gekommen ist.«
»So seid ihr Franken? Vielleicht aus Inglistan?«
»Mein Gefährte stammt aus Inglistan. Ich aber bin ein Nemtsche.«
»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen. Wohnen sie mit den Inglis in einem Lande?«
»Nein; es liegt ein Meer zwischen ihnen.«
»Das hast du wohl von andern gehört, denn ein Nemtsche bist du nicht.«
»Warum nicht?«
»Ich sehe, daß du einen Kuran trägst, wie ihn die Hadschi tragen.«
»Ich kaufte ihn nur, um zu sehen, was die Moslemim für einen Glauben und für eine Lehre haben.«
»So handelst du sehr unrecht. Ein Christ darf keine andere Lehre kennen lernen, als nur die seinige. Aber wenn ihr Franken seid, warum kommt ihr in unser Land?«
»Wir wollen sehen, ob wir mit euch Handel treiben können.«
»Welche Waren habt ihr mitgebracht?«
»Wir haben noch nichts mitgebracht. Wir wollen erst sehen, was ihr braucht, und es dann unsern Kaufleuten erzählen.«
»Warum tragt ihr so viele Waffen, da ihr doch nur des Handels wegen zu uns kommt?«
»Die Waffe ist das Recht des freien Mannes; wer ohne Waffen reist, der wird für einen Knecht gehalten.«
»So sagt euren Kaufleuten, daß sie uns Waffen senden sollen; denn hier giebt es sehr viele Männer, welche frei werden wollen. Ihr müßt sehr mutige Männer sein, daß ihr euch in so ferne Länder wagt. Habt ihr jemand, der euch hier beschützt?«
»Ja. Ich habe ein Bu-djeruldi des Großherrn bei mir.«
»Zeige es her!«
Ich gab ihm den Paß, und ich sah, daß er lesen konnte. Dieser Melek war also ein unterrichteter Mann. Er gab mir das Schreiben wieder.
»Du stehest unter einem Schutze, welcher dir hier nichts helfen kann; aber ich sehe, daß ihr keine gewöhnlichen Krieger seid, und das ist gut für euch. Warum redest du allein und warum spricht nicht auch dein Gefährte?«
»Er versteht nur die Sprache seiner Heimat.«
»Was thut ihr hier in dieser entlegenen Gegend?«
»Wir sahen die Spuren des Kampfes und sind ihnen gefolgt.«
»Wo habt ihr die letzte Nacht geschlafen?«
»In Gumri,« antwortete ich ohne Zögern.
Er erhob den Kopf mit einem überraschten, scharfen Blick.
»Das wagst du, mir zu sagen?«
»Ja, denn es ist die Wahrheit.«