Meine Aufgabe schien mir gar nicht schwierig zu sein. Von den Kurden hatte ich wohl nichts zu fürchten, und da sie Rücksicht auf das gefährdete Leben ihres Beys zu nehmen hatten, so ließ sich erwarten, daß ein Vergleich zu stande kommen werde.
So ritt ich langsam vorwärts und horchte auf jedes Geräusch. Ich gelangte auf den Rücken einer niedrigen Bodenwelle, wo Wald und Busch weniger dicht standen, und erblickte von hier aus einen Krähenschwarm, der weiter unten über dem Walde schwebte, sich zuweilen auf die Zweige niederlassen wollte, aber immer wieder aufflog. Es war gewiß, daß diese Vögel aufgestört wurden, und ich wußte nun, wohin ich mich zu wenden hatte. Ich ritt den kleinen Hügel hinab, war aber noch gar nicht weit gekommen, als ein Schuß fiel, dessen Kugel jedenfalls mir gelten sollte; sie traf aber nicht. Im Nu schnellte ich mich vom Pferde und stellte mich hinter dasselbe. Ich hatte den Blitz des Pulvers gesehen und wußte also, wo der ungeschickte Schütze stand.
»Kur'o[137], thue dein Kirbit[138] zur Seite!« rief ich. »Du triffst ja eher dich als mich!«
»Fliehe, sonst bist du des Todes!« klang es mir entgegen.
»Ehz be vïa kenïam — darüber muß ich lachen! Welcher Mann schießt seine Freunde tot?«
»Du bist nicht unser Freund; du bist ein Nasarah!«
»Das wird sich finden. Du gehörst zu den Vorposten der Kurden?«
»Wer sagt dir das?«
»Ich weiß es; führe mich zu deinem Anführer!«
»Was willst du dort?«
»Mein Gastfreund, der Bey von Gumri, sendet mich zu ihm.«
»Wo ist der Bey?«
»In Lizan gefangen.«
Während dieser Verhandlung bemerkte ich recht wohl, daß noch mehrere Gestalten herbeikamen, die aber hinter den Bäumen verborgen bleiben wollten. Der Kurde fragte weiter:
»Du nennst dich den Gastfreund des Bey. Wer bist du?«
»Ein Emir giebt nur einem Emir Auskunft. Führe mich zu deinem Anführer, oder bringe ihn her zu mir. Ich habe als Bote des Bey mit ihm zu reden.«
»Herr, gehörst du zu den fremden Emirs, die auch gefangen worden sind?«
»So ist es.«
»Und bist du wirklich kein Verräter, Herr?«
»Katischt, baqua — was, du Frosch!« rief da laut eine andere Stimme. »Siehst du denn nicht, daß es der Emir ist, welcher ohne Aufhören schießen kann? Gehe zur Seite, du Wurm, und laß mich hin zu ihm!«
Zugleich kam ein junger Kurde hinter einem Baume hervor, trat mit größter Ehrerbietung zu mir heran und sagte:
»Allahm d'allah — Gott sei Dank, daß ich dich wiedersehe, Herr! Wir haben große Sorge um euch gehabt.«
Ich erkannte sogleich in ihm einen der Männer, welche gestern dem Melek glücklich entkommen waren, und antwortete:
»Man hat uns wieder ergriffen, aber wir befinden uns wohl. Wer ist euer Anführer?«
»Der Raïs von Dalascha, und bei ihm ist der tapfere Emir der Haddedihn vom Stamme der Schammar.«
Das war mir lieb, zu hören; also hatte Mohammed Emin doch, wie ich vermutet hatte, den Weg nach Gumri gefunden und kam nun, uns zu befreien.
»Ich kenne den Raïs von Dalascha nicht,« sagte ich. »Führe mich zu ihm!«
»Herr, er ist ein großer Krieger. Er kam gestern am Abend, um den Bey zu besuchen, und da er hörte, daß dieser gefangen sei, so schwur er, Lizan der Erde gleich zu machen und alle seine Bewohner in die Hölle zu senden. Jetzt ist er unterwegs, und wir gehen voran, damit er nicht überrumpelt wird. Aber Herr, wo hast du dein Pferd? Hat man es dir geraubt?«
»Nein, ich ließ es freiwillig zurück. Doch komm, und führe mich!«
Ich nahm mein Tier am Zügel und folgte ihm. Wir waren nicht viel über tausend Schritte gegangen, so stießen wir auf eine Gruppe von Reitern, unter denen ich zu meiner großen Freude Mohammed Emin erblickte. Er befand sich zu Pferde und erkannte auch mich sofort.
»Hamdulillah,« rief er, »Preis sei Gott, der mir die Gnade giebt, dich wiederzusehen! Er hat dir den Pfad erleuchtet, daß es dir glückte, diesen Nasarah zu entkommen. Aber,« fügte er erschrocken hinzu — »du bist entflohen, ohne dein Pferd mitzunehmen?«
Dies war ihm ein ganz unmöglicher Gedanke, und ich beruhigte ihn auch auf der Stelle:
»Ich bin nicht entflohen, und das Pferd gehört noch mir. Es befindet sich in der Obhut von Hadschi Halef Omar, bei dem es sicher ist.«
»Du bist nicht entflohen?« fragte er erstaunt.
»Nein. Ich komme als der Abgesandte des Bey von Gumri und des Melek von Lizan. Wo ist der Mann, der hier zu gebieten hat?«
»Ich bin es,« antwortete eine tiefe Stimme.
Ich sah mir den Mann scharf an. Er saß auf einem starkknochigen, zottigen Pferde, das nur mit Palmenfaser aufgezäumt war. Es war sehr lang und außerordentlich hager gebaut. Ein ungeheurer Turban bedeckte seinen Kopf, und sein Angesicht starrte von einem so borstigen und dichten Bart, daß man nur die Nase und zwei Augen erblickte, die mich jetzt unheimlich forschend anfunkelten.
»Du bist der Raïs von Dalascha?« fragte ich ihn.
»Ja. Wer bist du?«
Mohammed Emin antwortete an meiner Stelle:
»Es ist Kara Ben Nemsi Emir, von dem ich dir erzählt habe.«
Der Kurde grub seinen Blick abermals tief in den meinigen, und es schien dann, als ob er sich im klaren über mich befände. Er sagte:
»Er soll uns später erzählen und mag sich uns jetzt anschließen. Vorwärts!«
»Laß halten; ich habe mit dir zu sprechen,« bat ich.
»Schweig!« fuhr er mich an. »Ich bin der General dieser Truppen, und was ich sage, das hat ohne Widerrede zu geschehen. Ein Weib redet, ein Mann aber handelt. Jetzt wird nicht geplaudert!«
Ich war nicht gewohnt, in einem solchen Tone mit mir reden zu lassen. Auch Mohammed Emin gab mir unbemerkt einen aufmunternden Wink. Der Raïs war bereits einige Schritte fort; ich trat vor und griff seinem Pferde in die Zügel.
»Halt! Bleib! Ich bin der Abgesandte des Bey!« warnte ich ihn mit ernster Stimme.
Ich habe immer gefunden, daß ein furchtloses Wesen, unterstützt durch ein wenig Leibesstärke, diesen halbwilden Leuten imponiert. Hier aber schien es, daß ich mich verrechnen sollte; denn der Mann erhob die Faust und drohte:
»Mensch, die Hand vom Pferde, sonst schlag ich!«
Ich erkannte, daß meine Sendung vollständig verunglückt sei, wenn ich mich nur im geringsten von ihm einschüchtern ließe. Darum ließ ich wohl mein Pferd fahren, nicht aber das seinige, und antwortete:
»Ich bin hier an Stelle des Bey von Gumri und habe zu befehlen; du aber bist nichts als ein kleiner Kiaja[139], der augenblicklich zu gehorchen hat. Steige ab!«
Da riß er die Flinte von der Schulter, faßte sie beim Laufe und wirbelte sie um den Kopf.
»Ker, seri te tschar tan kim,« brüllte er, »ich spalte dir den Kopf in vier Teile, du Dummkopf!«
»Versuche es, doch zuerst gehorche!« entgegnete ich lachend.
Mit einem raschen Ruck riß ich sein Pferd auf die Hinterbeine nieder und schlug dem Tiere dann den Fuß mit solcher Gewalt an den Bauch, daß es erschrocken wieder emporprallte. Diese beiden Bewegungen folgten so schnell aufeinander, daß der Kiaja augenblicklich abgeschleudert wurde. Ehe er sich erheben konnte, hatte ich ihm die Flinte und das Messer entrissen und erwartete seinen Angriff.
»Sa — Hund!« brüllte er, indem er emporschnellte und sich auf mich warf; »ich zermalme dich!«
Er sprang auf mich ein; ich hob nur den Fuß bis zur Gegend seiner Magengrube — ein Tritt, und er überschlug sich rückwärts zur Erde nieder. Nun nahm ich sein eigenes Gewehr empor und zielte auf ihn.
»Mann, bleib weg von mir, sonst schieße ich!« gebot ich ihm.
Er raffte sich empor, hielt sich die Magengegend und blickte mich mit wutfunkelnden Augen an, wagte aber doch keinen Angriff mehr.
»Gieb mir meine Waffen!« grollte er drohend.
»Später, wenn ich mit dir gesprochen habe!«
»Ich habe nichts mit dir zu sprechen!«
»Aber ich mit dir, und ich bin gewohnt, mir Gehör zu verschaffen; das merke dir, Kiaja!«
»Ich bin kein Kiaja; ich bin ein Raïs, ein Nezanum!«
Obgleich dieser Vorgang bis jetzt nur wenige Augenblicke in Anspruch genommen hatte, war er doch von den anrückenden Kurden bemerkt worden, und es hatte sich eine bedeutende Anzahl derselben, die sich immer mehr vergrößerte, um uns versammelt. Doch sagte mir ein einziger Blick, daß keiner von ihnen gewillt war, voreilig Partei zu ergreifen. Darum antwortete ich unbesorgt:
»Du bist weder ein Raïs noch ein Nezanum; du bist nicht einmal ein freier Kurde, wie diese tapferen Männer hier, denen du befehlen willst.«
»Beweise es!« rief er in höchster Wut.
»Du bist der Dorfälteste von Dalascha; aber die sieben Orte Dalascha, Chal, Serschkiutha, Beschukha, Behedri, Biha und Schuraïsi gehören zu dem Lande Chal, welches dem Statthalter von Amadijah Tribut bezahlt und folglich dem Pascha von Mossul und also auch dem Großherrn in Stambul unterthänig ist. Der Aelteste eines Dorfes, welches dem Padischah Tribut entrichtet, ist aber nicht ein freier Nezanum, sondern ein türkischer Kiaja. Wenn mich ein freier, tapferer Kurde beleidigt, so fordere ich mit der Waffe Rechenschaft von ihm; denn er ist der Sohn eines Mannes, der vor keinem Menschen sein Knie beugte. Wagt es aber ein türkischer Kiaja, der ein Diener des Mutessarif ist, mich einen Hund zu nennen, so werfe ich ihn vom Pferd herab und gebe ihm die Sohle meines Fußes auf den Leib, damit er die Demut lerne, die er jedem tapfern Manne schuldig ist! Sagt mir, ihr Männer: Wer hat den Tribut-Einsammler eines türkischen Dorfes zum Anführer der berühmten Kurden von Berwari gemacht?«
Ein lautes Murmeln ließ sich rundum hören. Dann antwortete einer:
»Er selbst.«
Ich wandte mich an den Sprecher:
»Kennst du mich?«
»Ja, Emir, die meisten von uns kennen dich.«
»Du weißt, daß ich ein Freund und Gast des Bey bin?«
»Wir wissen es!«
»So antworte mir: Gab es unter den Berwari keinen, der würdig gewesen wäre, die Stelle des Bey zu vertreten?«
»Es giebt ihrer viele,« antwortete er stolz; »aber dieser Mann, den du Kiaja nennst, ist oft in Gumri. Er ist ein starker Mann, und da er eine Blutrache mit dem Melek von Lizan hat und wir mit einer langen Wahl keine Zeit verlieren wollten, so haben wir ihm den Befehl übergeben.«
»Er ist ein starker Mann? Habe ich ihn nicht vom Pferde geworfen und dann zu Boden getreten? Ich sage euch, daß sein Leib die Erde nicht wieder verlassen, seine Seele aber zur Dschehennah fahren soll, wenn er es noch ein einziges Mal wagt, mich oder einen meiner Freunde zu beleidigen! Die Faust eines Emir aus Tschermanistan ist wie Kumahsch[140] für den Gefährten, für den Feind aber wie Tschelik[141] und Demihr[142].«
»Herr, was forderst du von ihm?«
»Der Bey ist in Lizan gefangen. Er sendet mich zu euch, um mit eurem Anführer zu besprechen, was ihr thun sollt. Dieser Mann aber will dem Bey nicht gehorchen; er will nicht mit mir reden und hat mich einen Hund genannt.«
»Er muß gehorchen — er muß dich hören!« rief es im Kreise.
»Gut,« antwortete ich. »Ihr habt ihm den Befehl übertragen, und so mag er ihn behalten, bis der Bey wieder frei ist. Aber wie ich ihm seine Ehre gebe, so soll er mir auch die meinige erweisen. Der Bey hat mich gesandt; ich stehe hier an seiner Stelle; will dieser Kiaja in Frieden mit mir verkehren und mich behandeln, wie ein Emir behandelt werden muß, so gebe ich ihm seine Waffen zurück, und der Bey soll bald wieder in eurer Mitte sein.«
Ich blickte mich forschend im Kreise um. Es standen, so weit ich sie sehen konnte, weit über hundert Männer zwischen den lichten Büschen umher, und alle riefen mir ihre Zustimmung zu. Darauf wandte ich mich zu dem Kiaja:
»Du hast meine Worte gehört; ich erkenne dich als Anführer an und werde dich deshalb jetzt Agha nennen. Hier hast du deine Flinte und dein Messer. Und nun erwarte ich, daß du auf meine Worte hörst.«
»Was hast du mir zu sagen?« brummte er höchst mißmutig.
»Rufe alle deine Berwari zusammen. Sie sollen nicht eher vorgehen, als bis unsere Besprechung zu Ende ist.«
Er blickte mich sehr erstaunt an.
»Weißt du denn nicht, daß wir Lizan überfallen wollen?« fragte er mich.
»Ich weiß es; aber es geschieht auch später noch zur rechten Zeit.«
»Wenn wir zaudern, so werden die Nasarah über uns herfallen. Sie wissen, daß wir kommen; sie haben uns gesehen.«
»Eben weil sie es wissen, sendet der Bey mich zu euch. Sie werden euch nicht überfallen; sie haben sich über den Zab zurückgezogen und werden die Brücke verteidigen.«
»Weißt du dies genau?«
»Ich selbst habe es ihnen angeraten.«
Er blickte finster vor sich nieder, und auch aus dem Kreise rings umher wurde mancher mißbilligende Blick auf mich geworfen. Dann entschied er sich:
»Herr, ich werde thun, was du verlangst; aber glaube nicht, daß wir von einem Fremden einen schlechten Rat annehmen werden!«
»Das thue, wie du willst! Laß einen freien Platz aussuchen, wo wir Raum genug haben, um die Versammlung überblicken zu können. Die Assiretah[143] mögen zur Beratung kommen, die andern aber sollen den Ort bewachen, damit ihr keine Sorge zu haben braucht.«
Er gab die nötigen Befehle, und nun kam reges Leben in die Leute. Dabei hatte ich Zeit, einige Worte mit Mohammed Emin zu sprechen. Ich erzählte ihm unsere Erlebnisse seit unserer Trennung und wollte ihn nun auch nach den seinigen fragen, als gemeldet wurde, daß ein passender Platz gefunden sei. Wir mußten aufbrechen.
»Sihdi,« sagte der Haddedihn, »ich danke dir, daß du diesem Kiaja gezeigt hast, daß wir Männer sind!«
»Hat er dies an dir nicht auch bemerkt?«
»Herr, ich habe kein solches Glück wie du. Ich wäre von diesen Männern zerrissen worden, wenn ich ihm nur halb so viel gesagt hätte, wie du. Und dann bedenke, daß ich nur wenige kurdische Worte reden kann; sie aber haben nur einige unter sich, die etwas Arabisch verstehen. Dieser Kiaja muß ein berüchtigter Dieb und Räuber sein, weil sie solchen Respekt vor ihm haben.«
»Nun, du siehst, daß sie mich nicht weniger achten, obgleich ich kein Dieb und Räuber bin. Wenn er mich beleidigt, schlage ich ihm ins Gesicht; das ist das ganze Geheimnis der Scheu, die sie vor mir haben. Und das merke dir, Mohammed Emin: — nicht die Faust allein thut es, sondern wer einen guten, fruchtbaren Hieb austeilen will, bei dem muß zugleich auch der Blick des Auges und der Ton der Stimme ein Schlag sein, der den Gegner niederstreckt. Komm, man erwartet uns; wir trennen uns nicht wieder.«
»Welche Vorschläge hast du zu machen?«
»Du wirst sie hören.«
»Aber ich verstehe euer Kurdisch nicht.«
»Ich werde dir das Nötige von Zeit zu Zeit verdolmetschen.«
Wir gelangten zwischen den weit auseinander stehenden Büschen und Bäumen hindurch an eine Lichtung, die genug Raum zur bequemen Verhandlung bot. Rundum waren die Pferde angebunden. Etwa zwanzig martialische Krieger saßen mit dem Agha in der Mitte des Platzes; die übrigen aber hatten sich ehrerbietig zurückgezogen, entweder bei den Pferden oder tiefer im Busche stehend, um für unsere Sicherheit zu sorgen. Es war ein malerischer Anblick, den diese sonderbar gekleideten Kurden mit ihren so verschieden aufgeschirrten Tieren boten; doch hatte ich keine Zeit, weitere Betrachtungen darüber anzustellen.
»Herr,« begann der Agha, »wir sind bereit, zu hören, was du uns zu sagen hast. Aber gehört dieser auch mit zu den Assiretha?«
Er deutete dabei auf Mohammed Emin. Diesen bös gemeinten Hieb mußte ich sofort zurückgeben.
»Mohammed Emin ist der berühmte Emir der Beni Haddedihn vom Stamme der Arab-esch-Schammar. Er ist ein weiser Fürst und ein unüberwindlicher Krieger, dessen grauen Bart selbst der Ungläubige achtet. Noch niemand hat es gewagt, ihn vom Pferde zu werfen oder ihm den Fuß auf den Leib zu setzen. Sage noch ein einziges Wort, welches mir nicht gefällt, so kehre ich zum Bey zurück, nehme dich aber vor mich auf das Pferd und lasse dir in Lizan die Fußsohlen peitschen!«
»Herr, du wolltest in Frieden mit mir reden!«
»So halte du selbst diesen Frieden, Mensch! Zwei Emire wie Mohammed Emin und ich lassen sich von tausend Männern nicht beleidigen. Mit unseren Waffen brauchen wir dein ganzes Land Chal nicht zu fürchten. Wir stellen uns unter das Odschag[144] dieser Berwari-Kurden, die nicht zugeben werden, daß die Freunde ihres Bey beleidigt werden.«
Wer das Odschag anruft, dem ist der beste Schutz auf alle Fälle sicher, und so erhob sich auch sofort der älteste der Krieger, nahm Mohammed und mich bei der Hand und beteuerte mit drohender Stimme:
»Wer diese Emire kränkt, der ist mein Feind. Ser babe men — beim Haupte meines Vaters!«
Dieser Schwur des angesehensten Kurden war kräftig genug, uns von jetzt an gegen die Beleidigungen des Kiaja zu schützen. Dieser fragte nun:
»Welches ist die Botschaft, die du uns auszurichten hast?«
»Ich habe euch zu sagen, daß der Bey von Gumri der Gefangene des Melek von Lizan ist —«
»Das wußten wir vorher; dazu brauchst du nicht zu uns zu kommen.«
»Wenn du in die Dschehennah zu deinen Vätern kommst, so bedanke dich bei ihnen dafür, daß sie dich zu einem so höflichen Mann gemacht haben. Nur bei den Negern und Adschani[145] ist es Sitte, einander nicht vollständig aussprechen zu lassen; dein Chodschah[146] aber hat die Rute verdient!«
Trotzdem ich die Zurechtweisung also selbst übernommen hatte, zog doch auch der alte Kurde seine Pistole hervor und meinte gleichmütig:
»Ser babe men — beim Haupte meines Vaters! Vielleicht wird man bald die Stimme dieses Gewehres vernehmen! Fahre weiter fort, Emir!«
Es war gewiß eine eigentümliche Lage. Wir beiden Fremdlinge wurden gegen den eigenen Anführer in Schutz genommen. Was würde wohl ein civilisierter Kavallerierittmeister dazu sagen? Solche Dinge können nur im wilden Kurdenlande vorkommen! Ich folgte der Aufforderung und redete weiter:
»Der Melek von Lizan verlangt das Blut des Bey.«
»Warum?« fragte es umher.
»Weil durch die Kurden so viele Chaldani gefallen sind.«
Diese Behauptung brachte unter meinen Zuhörern eine ganz bedeutende Aufregung hervor. Ich ließ sie einige Zeit gewähren und bat sie dann, mich ruhig anzuhören:
»Ich bin der Abgesandte des Bey; aber ich bin zu gleicher Zeit auch der Bote des Melek; ich liebe den Bey, und auch der Melek hat mich gebeten, sein Freund zu sein. Darf ich einen von ihnen betrügen?«
»Nein,« antwortete der Alte.
»Du hast recht gesprochen! Ich bin fremd in diesem Lande; ich habe weder mit euch noch mit einem Nasarah eine Rache und darum muß ich das Wort des Propheten befolgen: ›Dein Wort sei der Schutz deines Freundes!‹ Ich werde zu euch so sprechen, als ob der Bey und der Melek hier ständen und mit euch redeten. Und Allah wird eure Herzen erleuchten, daß kein ungerechter Gedanke eure Seele verdunkelt.«
Wieder nahm der Alte das Wort.
»Rede getrost, Herr; rede auch für den Melek, denn auch er hat dich gesandt. Du wirst nur die Wahrheit sagen, und wir glauben, daß du uns nicht beleidigen und erzürnen willst!«
»So hört, meine Brüder! Es ist noch nicht viele Jahre her, da gab es ein großes Geschrei auf den Bergen und ein großes Wehklagen in den Thälern; die Menschen weinten auf den Höhen, und die Kinder der Menschen heulten in den Tiefen; das Schwert wütete wie die erste Stunde des jüngsten Tages, und das Messer lag in der Hand des tausendfältigen Todes. Saget mir, wer führte dieses Schwert und dieses Messer?«
»Wir!« erscholl es triumphierend rundum im Kreise.
»Und wer waren jene, welche untergingen?«
Dieses Mal kam der Anführer allen zuvor:
»Die Nasarah, die Allah verderben möge!«
»Was hatten sie euch gethan?«
»Uns?« fragte er verwundert. »Sind sie nicht Giaurs? Glauben sie nicht an drei Götter? Beten sie nicht Menschen an, welche längst gestorben sind? Predigen nicht die Ulemas[147] die ewige Vernichtung gegen sie?«
Es wäre hier die größte Unvorsichtigkeit gewesen, theologische Streitfragen aufzugreifen; darum antwortete ich einfach:
»Also ihr habt sie wegen ihres Glaubens getötet! Ihr gebt zu, daß ihr sie getötet habt, Hunderte und Tausende?«
»Viele Tausende!« sagte er stolz.
»Nun wohl, ihr kennt die Thar, die Blutrache. Dürft ihr euch wundern, daß die Verwandten der Gemordeten sich jetzt erheben und euer Blut fordern?«
»Herr, sie dürfen das nicht; sie sind Giaurs!«
»Du irrst, denn Menschenblut bleibt Menschenblut. Das Blut Abels war nicht das Blut eines Moslem, und dennoch sprach Gott zu Kain: ›Das Blut deines Bruders schreit mir von der Erde empor.‹ Ich war in vielen Ländern und bei vielen Völkern, deren Namen ihr nicht einmal kennt; sie waren keine Moslemim, aber die Blutrache hatten sie doch, und sie wundern sich nicht darüber, daß auch ihr den Tod der Eurigen rächt. Ich stehe hier als ein unparteiischer Bote; ich darf nicht sagen, daß nur ihr allein das Recht zur Blutrache habt, denn auch eure Gegner haben ihr Leben von Gott erhalten, und wenn sie es nicht gegen euch verteidigen sollen, so seid ihr feige Mörder. Ihr gebt zu, daß ihr Tausende von ihnen getötet habt; nun dürft ihr euch nicht wundern, wenn sie das Leben eures Bey von euch fordern, der in ihre Hände gefallen ist. Eigentlich hätten sie das Recht, grad so viele Leben von euch zu fordern, als ihr ihnen genommen habt.«
»Die Giaurs mögen kommen!« murrte der Agha.
»Sie werden auch kommen, wenn ihr ihnen nicht die Hand der Versöhnung reicht.«
»Der Versöhnung? Bist du toll?«
»Ich bin bei Sinnen. Was wollt ihr ihnen thun? Der Zab liegt zwischen ihnen und euch, und es würde euch sehr viele Leben kosten, um die Brücke oder eine Furt zu erstürmen. Und bis euch dies gelänge, hätten sie so viele Helfer aus Aschihtha, Serspitho, Zawitha, Minijanisch, Murghi und aus andern Orten erhalten, daß sie euch erdrücken würden.«
Da erhob sich der Anführer mit der Miene eines Anklägers vom Boden.
»Weißt du, wer daran schuld ist?« fragte er.
»Wer?« erwiderte ich ruhig.
»Du selbst, nur du allein.«
»Ich? Inwiefern?«
»Hast du uns nicht vorhin selbst gestanden, daß du ihnen den Rat gegeben hast, sich hinter den Fluß zurückzuziehen?« — Und zu den andern gewendet, fügte er hinzu: »Seht ihr nun, daß er nicht unser Freund, sondern ein Verräter ist?«
Ich entgegnete ihm:
»Grad weil ich euer Freund bin, habe ich ihnen diesen Rat gegeben; denn sobald der erste Mann von ihnen unter euren Waffen gefallen wäre, hätten sie den Bey getötet. Soll ich vielleicht zurückkehren und dem Bey sagen, daß ihr sein Leben für nichts achtet?«
»So meinst du also, daß wir gar nicht angreifen sollen?«
»Das meine ich allerdings.«
»Herr, hältst du uns für Feiglinge, die nicht einmal den Tod jener Männer rächen, welche gestern gefallen sind?«
»Nein. Ich halte euch für tapfere Krieger, jedoch aber auch für kluge Männer, welche nicht unnötigerweise in den Tod rennen. Ihr kennt den Zab; wer von euch will hinüberkommen, wenn drüben der Feind liegt und jeden einzelnen von euch mit einer Kugel zu empfangen vermag?«
»Daran bist nur du allein schuld!«
»Pah! Ich habe damit dem Bey das Leben gerettet. Soll dies umsonst geschehen sein?«
»Du hast nicht ihm, sondern dir das Leben retten wollen!«
»Du irrst. Ich und meine Gefährten, wir sind Gäste des Melek. Nur der Bey und die Kurden, welche mitergriffen wurden, sind Gefangene. Sie sterben, sobald ihr die Feindseligkeiten beginnt.«
»Und wenn wir nicht glauben, daß du der Gast des Melek bist, wie willst du es uns beweisen?«
»Stände ich hier, wenn ich Gefangener wäre?«
»Er könnte dich auf dein Wort entlassen haben. Aus welchem Grunde hat er dich unter den Schutz seines Hauses genommen? Wer hat dich ihm, dem Melek von Lizan, empfohlen?«
Ich mußte eine Antwort geben, und ich gestehe offen, daß ich mich schämte, den Namen eines Weibes nennen zu müssen.
»Ich wurde ihm empfohlen zwar nur von einem Weibe, auf dessen Wort er aber sehr viel zu geben scheint.«
»Wie heißt dasselbe?«
»Marah Durimeh.«
Ich hatte gefürchtet, mich lächerlich zu machen, und war daher überrascht von der ganz entgegengesetzten Wirkung, welche dieser Name hervorbrachte. Der Agha machte ein sehr überraschtes Gesicht und meinte:
»Marah Durimeh? Wo hast du sie getroffen?«
»In Amadijah.«
»Wann?« forschte er weiter.
»Vor wenigen Tagen.«
»Wie bist du ihr begegnet?«
»Ihre Enkeltochter hatte Gift gegessen, und da ich ein Hekim bin, so wurde ich geholt. Ich traf Marah Durimeh dort und rettete die Kranke.«
»Hast du der Alten gesagt, daß du nach Gumri und Lizan gehen würdest?«
»Ja.«
»Hat sie dich nicht gewarnt?«
»Ja.«
»Und als du bei deinem Vorsatze bliebst, was that sie da? Besinne dich. Vielleicht hat sie dir ein Wort gesagt, welches ich dir nicht nennen darf.«
»Sie sagte, wenn ich in Gefahr komme, so solle ich nach dem Ruh 'i kulyan fragen. Dieser werde mich beschützen.«
Kaum hatte ich dieses Wort genannt, so stand der Sprecher, welcher sich erst mir so feindselig gesinnt gezeigt hatte, vor mir und reichte mir die Hand entgegen.
»Emir, das habe ich nicht gewußt. Verzeihe mir! Wem Marah Durimeh dieses Wort gesagt hat, dem darf kein Leid geschehen. Und nun wird deine Rede vor unsern Ohren Achtung finden. Wie stark sind die Nasarah?«
»Das werde ich nicht verraten. Ich bin ebenso ihr Freund wie der eurige; ich werde auch ihnen nicht sagen, wie stark ihr gekommen seid.«
»Du bist vorsichtiger, als es nötig ist. Glaubst du wirklich, daß sie den Bey töten werden, wenn wir sie angreifen?«
»Ich bin überzeugt davon.«
»Werden sie ihn freigeben, wenn wir uns zurückziehen?«
»Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Der Melek wird auf meine Rede hören.«
»Aber es sind mehrere der Unsrigen getötet worden: sie müssen gerächt werden.«
»Habt ihr nicht vorher Tausende der Nasarah getötet?«
»Zehn Kurden gelten höher als tausend Nasarah!«
»Und die Chaldani denken, daß zehn Nasarah höher gelten, als tausend Kurden.«
»Würden sie uns den Blutpreis bezahlen?«
»Ich weiß es nicht, aber ich gestehe euch offen, daß ich an ihrer Stelle es nicht thun würde.«
»So wirst du ihnen den Rat geben, es nicht zu thun?«
»Nein, denn ich rede sowohl bei euch als auch bei ihnen nur das, was zum Frieden dient. Sie haben wenige von euch getötet, ihr aber Tausende von ihnen; also wären nur sie es, die einen Preis zu fordern hätten. Außerdem haben sie den Bey in ihrer Gewalt, und wenn ihr ernstlich nachdenkt, so werdet ihr erkennen, daß sie euch gegenüber im Vorteile sind.«
»Sind sie sehr kriegerisch gestimmt?«
Eigentlich hätte ich jetzt »Nein« sagen sollen, ich zog es aber vor, eine ausweichende Antwort zu geben:
»Habt ihr sie gestern vielleicht feig gesehen? Meßt das Blut, welches den Zab hinabgeflossen ist; zählt die Knochen, welche noch heute das Thal des Flusses füllen, aber fragt ja nicht, ob der Zorn der Hinterlassenen groß genug zur Rache ist!«
»Haben sie viele und gute Gewehre?«
»Das werde ich nicht verraten. Oder soll ich auch ihnen sagen, wie ihr bewaffnet seid?«
»Haben sie auch ihre Habe auf das andere Ufer gerettet?«
»Nur der Unkluge läßt seine Habe zurück, wenn er sich flüchtet. Die Chaldani haben übrigens so wenig Eigentum, daß es ihnen nicht schwer fallen kann, es mit sich zu nehmen.«
»Tritt zurück! Wir werden jetzt beraten, nachdem wir alles gehört haben, was ich wissen wollte.«
Ich folgte diesem Gebote und erhielt dadurch Gelegenheit, Mohammed Emin mit dem bisherigen Inhalte unserer Verhandlung bekannt zu machen. Noch bevor die Kurden zu einem Entschlusse gekommen waren, näherten sich einige ihrer Krieger und brachten einen unbewaffneten Mann herbei.
»Wer ist das?« fragte der Agha.
»Dieser Mann,« antwortete einer, »schlich heimlich in unserer Nähe herum, und als wir ihn ergriffen, sagte er, daß er von dem Melek an diesen Emir abgesandt worden sei.«
Bei den letzten Worten deutete der Sprecher auf mich.
»Was sollst du bei mir?« fragte ich den Chaldani.
Diese Sendung wollte mir verdächtig oder doch wenigstens sehr unvorsichtig erscheinen. Jedenfalls aber gehörte ein ungewöhnlicher Mut dazu, sich unter die feindseligen Kurden zu wagen.
»Herr,« antwortete er, »du bliebst dem Melek zu lange aus, und so sandte er mich, um dir zu sagen, daß der Bey getötet wird, wenn du nicht sehr schnell zurückkehrst.«
»Seht ihr, daß ich euch recht berichtet habe?« wandte ich mich an die Kurden. »Laßt den Mann schleunigst umkehren. Er mag dem Melek sagen, daß mir nichts geschehen ist und daß er mich in kurzer Zeit wieder bei sich sehen wird.«
»Führt ihn fort!« gebot der Agha.
Man gehorchte, und dann wurde die Verhandlung schnell wieder aufgenommen.
Ich mußte mir gestehen, daß das Erscheinen dieses Boten von günstigem Einflusse auf die Entschließungen der Kurden sein werde; dennoch aber kam es mir sonderbar vor, daß dieser Mann abgeschickt worden war. Der Melek hatte sich doch kurz vorher nicht gar so blutdürstig gezeigt, und aus Rücksicht auf mich war die Drohung auch nicht nötig, da ich als Gastfreund des Bey doch von den Kurden nichts zu fürchten hatte.
Endlich waren die Assiretah zu einem Entschluß gekommen, und ich wurde wieder herbeigerufen. Der Anführer nahm das Wort:
»Herr, du versprichst uns, bei den Nasarah kein Wort zu sagen, welches zu unserm Schaden ist?«
»Ich verspreche es.«
»So wirst du jetzt zu ihnen zurückkehren?«
»Ich und mein Freund Mohammed Emin.«
»Warum soll er nicht bei uns bleiben?«
»Ist er euer Gefangener?«
»Nein.«
»So kann er gehen, wohin es ihm beliebt, und er hat beschlossen, an meiner Seite zu bleiben. Was soll ich dem Melek sagen?«
»Daß wir die Freiheit unseres Bey verlangen.«
»Und dann?«
»Dann mag der Bey bestimmen, was geschehen soll.«
Diese Bestimmung konnte einen gefährlichen Hintergedanken haben; darum erkundigte ich mich:
»Wann soll er ausgeliefert werden?«
»Sofort, mit seinen Begleitern.«
»Wohin soll er kommen?«
»Hierher.«
»Ihr werdet nicht weiter vorwärts dringen?«
»Für jetzt nicht.«
»Aber dann wohl, wenn der Bey ausgeliefert worden ist?«
»Es wird dann geschehen, was der Bey bestimmt.«
»Und wenn der Melek ihn erst dann ausliefern will, wenn ihr friedlich nach Gumri zurückgekehrt seid?«
»Herr, darauf gehen wir nicht ein. Wir ziehen nicht eher von hier fort, als bis wir den Herrscher von Gumri bei uns sehen.«
»Was begehrt ihr noch?«
»Nichts weiter.«
»Dann hört, was ich euch noch zu sagen habe. Ehrlich habe ich gegen euch gehandelt und werde dies auch gegen den Melek thun. Ich werde ihn zu keinem Zugeständnis bereden, welches ihm Schaden bringt. Und vor allem merkt euch dies, daß der Bey sofort getötet wird, wenn ihr diesen Ort verlaßt, ehe der Friede vollständig geschlossen ist.«
»Willst du etwa dem Melek zu diesem Mord raten?«
»Allah behüte mich davor! Aber ich werde auch nicht zugeben, daß ihr den Bey nur zu dem Zweck zurückerhaltet, daß er euch dann gegen Lizan führt.«
»Herr, du redest sehr kühn und aufrichtig!«
»So merkt ihr wenigstens, daß ich es mit meinen Freunden ehrlich meine. Schicket euch in Geduld, bis ich wiederkehre!«
Ich stieg aufs Pferd, Mohammed Emin ebenso. Wir verließen den Platz, und kein Kurde begleitete uns.
»Welche Botschaft hast du auszurichten?« fragte der Haddedihn.
Ich erklärte ihm meinen Auftrag und auch meine Bedenken. Während dieser Auseinandersetzung gingen unsere Pferde einen schnellen Schritt, und wir hatten beinahe den Fluß erreicht, als ich zur Seite von uns ein verdächtiges Rascheln zu vernehmen glaubte. Ich wandte mein Gesicht der Gegend zu und sah in demselben Augenblick das Aufleuchten zweier Schüsse, welche auf mich und Mohammed gerichtet waren. Sofort nach dem Doppelknalle rannte das Pferd des Haddedihn mit seinem Reiter durch die Büsche; auf das meinige aber hatte man besser gezielt: es brach augenblicklich zusammen, und da der Vorfall ganz unerwartet und blitzschnell über uns kam, so fand ich nicht einmal Zeit, meine Füße aus den Steigbügeln zu befreien. Ich stürzte mit und kam halb unter das Pferd zu liegen. Im nächsten Augenblick sah ich acht Männer beschäftigt, sich meiner Waffen zu bemächtigen und mich zu binden. Einer von ihnen war derjenige, welcher vorhin als ein Bote des Melek bei mir gewesen war. So hatte mich mein Mißtrauen also doch nicht betrogen!
Ich vermutete eine Schurkerei des Raïs von Schohrd, des Nedschir-Bey, und wehrte mich aus Leibeskräften. Ich lag an der Erde, und mein rechtes Bein steckte unter dem Pferde; aber ich hatte doch die Arme zur Verfügung, und wenn man sie mir auch festzuhalten und zu fesseln suchte, so gelangen mir doch noch einige gute Stöße, ehe ich wehrlos gemacht wurde. Mit acht kräftigen Männern aber fertig zu werden, davon war natürlich keine Rede, zumal sie mir beinahe noch während des Sturzes die Waffen entrissen hatten.
Nun zogen sie mich unter dem Pferde hervor, so daß ich mich auf die Füße erheben konnte. Es war nicht das erste Mal, daß ich mich in Fesseln befand, aber auf eine so niederträchtige Weise war ich doch noch nicht gebunden worden. Man hatte mir nämlich Riemen an die Handgelenke geschlungen und mittels derselben den rechten Arm über die Brust hinweg auf die linke Achsel, den linken Arm aber auf die rechte Achsel gezogen und dann im Nacken die Riemen so fest geknotet, daß mir die Brust fast bis zur Atmungsunfähigkeit zusammengepreßt ward. Außerdem wurden die Kniee so miteinander verbunden, daß ich keine weiten Schritte zu gehen vermochte; und um das Maß voll zu machen, ward ich mit dem einen Ellbogen an den Steigbügel eines der Buschklepper geschnallt, — sie waren zu Pferde, hatten aber ihre Tiere vor dem Ueberfalle hinter die Büsche versteckt.
Von dem Aufblitzen der Schüsse an bis zu dem Augenblick, wo ich an dem Pferde befestigt war, waren kaum drei Minuten vergangen. Ich hoffte, Mohammed Emin werde zurückkehren, wollte aber nicht um Hilfe rufen, um mir diesen Menschen gegenüber keine Blöße zu geben. Reden aber mußte ich nun doch einmal:
»Was wollt ihr von mir?« fragte ich.
»Nur dich wollen wir,« antwortete der mutmaßliche Anführer. »Auch dein Pferd wollten wir, aber du hattest es nicht bei dir.«
»Wer seid ihr?«
»Bist du ein Weib, daß du so neugierig bist?«
»Pah! Ihr seid Hunde im Dienste Nedschir-Beys. Er hat sich nicht an mich gewagt; drum sendet er seine Meute, damit ihm ja die Haut nicht geritzt werde!«
»Schweig! Weshalb wir dich gefangen nehmen, das wirst du bald erfahren. Doch verhalte dich still und schweigsam, sonst bekommst du einen Knebel in den Mund!«
Die Männer setzten sich langsam in Bewegung. Wir kamen an den Fluß, ritten — natürlich außer mir, da ich gehen mußte — eine Strecke an demselben hinab und hatten dann wohl eine Furt erreicht, denn wir gingen in das Wasser.
Am jenseitigen Ufer stand eine Schar Bewaffneter, die sich aber bei unserm Anblick sofort unsichtbar machte. Jedenfalls war es Nedschir-Bey, welcher das Gelingen seines Streiches dort abgewartet hatte und sich nun befriedigt zurückzog.
Das Bett des Flusses war hier mit scharfkantigen, schlüpfrigen Steinen besäet; das Wasser reichte mir stellenweise bis an die Brust, und da ich zu eng an das Pferd gefesselt war, so hatte ich mehr als genug auszustehen, ehe wir das andere Ufer erreichten. Dort blieben sechs von den Reitern zurück, während mich die übrigen zwei weiter schleppten.
Es ging am Flusse abwärts bis an ein wildes Bergwasser, welches sich hier von der linken Seite her in den Zab ergießt. Nun ritten die beiden längs dieses Wassers aufwärts. Es war für mich ein beschwerlicher Weg, zumal die Eskorte nicht die mindeste Rücksicht auf mich nahm. Kein Mensch begegnete uns. Nachher ging es seitwärts hin über wildes Gerölle, durch wirres Dorngestrüpp, und ich merkte, daß man auf diese Weise das Dorf Schohrd vermeiden wolle, dessen ärmliche Hütten und Häusertrümmer ich bald unter uns erblickte.
Später bogen wir wieder nach rechts und gelangten in eine wilde Schlucht, welche in das Thal von Raola hinabzuführen schien. Hier kletterten wir eine Strecke weiter, bogen um einige Felsen und gelangten endlich an ein Bauwerk, das einem vier bis fünf Ellen hohen, kubischen Steinhaufen glich und nur eine einzige niedrige Oeffnung zeigte, welche zugleich als Thür und als Fenster zu dienen schien.
Vor diesem Steinwürfel stiegen sie ab.
»Madana!« rief der eine.
Sogleich ließ sich in dem Innern der Hütte ein heiseres Grunzen vernehmen, und einige Augenblicke später trat ein altes Weib aus dem Loch hervor. Madana heißt auf deutsch: »Petersilie«. Wie die Alte zu diesem würzigen Namen gekommen war, weiß ich nicht; aber als sie jetzt ganz nahe vor mir stand, duftete sie nicht nur nach Petersilie, sondern es entströmte ihr eine Atmosphäre, welche aus den Gerüchen von Knoblauch, faulen Fischen, toten Ratten, Seifenwasser und verbranntem Hering zusammengesetzt zu sein schien. Hätte mich die Fessel nicht an dem Pferde festgehalten, so wäre ich einige Schritte zurückgewichen. Gekleidet war diese schöne Bewohnerin des Zabthales in einen kurzen Rock, den man bei uns wohl kaum als Scheuerlappen hätte benutzen mögen; der Rand desselben reichte nur wenig bis über die Kniee herab und ließ ein Paar gespenstische Gehwerkzeuge sehen, deren Aussehen vermuten ließ, daß sie bereits seit langen Jahren nicht mehr gewaschen worden seien.
»Ist alles bereit?« erkundigte sich der Mann und stellte eine lange Reihe von kurzen Fragen, die alle mit »Ja« beantwortet wurden.
Jetzt wurde ich losgebunden und mit weit niedergebogenem Haupte in die Hütte geschoben. Es gab doch einige Ritzen in der Mauer, durch welche ein Lichtstrahl einzudringen vermochte, und so konnte ich das Innere des Bauwerkes ziemlich genau erkennen. Dasselbe bildete einen kahlen, viereckigen, roh aufgemauerten Raum, in dessen hinterster Ecke man einen starken Pfahl tief und fest in die Erde gerammt hatte. Neben demselben lag ein mäßiger Haufen von Streu und Blätterwerk, und in der Nähe erblickte ich neben einem gefüllten Wassernapfe einen großen Scherben, der früher wohl einmal zu einem Krug gehört hatte, jetzt aber als Schüssel benützt wurde und eine Masse enthielt, welche halb aus Tischlerleim und halb aus Regenwürmern oder Blutegeln zu bestehen schien.
Zwar hätte ich mich trotz meiner Fesseln doch immerhin einigermaßen zu sträuben vermocht, aber ich ließ es ruhig geschehen, daß ich mit einem starken Strick an den Pfahl gebunden wurde. Dies geschah in der Weise, daß ich auf die Streu zu liegen kam. Meine Arme blieben nach wie vor auf den Achseln befestigt.
Das Weib war draußen vor dem Eingang stehen geblieben. Der eine meiner Begleiter verließ schweigsam die Hütte, der andere jedoch hielt es für notwendig, mir einige Verhaltungsmaßregeln zu erteilen.
»Du bist gefangen,« bemerkte er ebenso treffend wie geistreich.
Ich antwortete nicht.
»Du kannst nicht entfliehen,« belehrte er mich in sehr überflüssiger Weise.
Ich antwortete wieder nicht.
»Wir gehen jetzt,« fuhr er fort; »aber dieses Weib wird dich sehr streng bewachen.«
»So sage ihr wenigstens, daß sie draußen bleiben soll!« bemerkte ich endlich doch.
»Sie muß in der Hütte bleiben,« erwiderte er; »sie darf dich nicht aus den Augen lassen und soll dich auch füttern, wenn du Hunger hast; denn du kannst deine Hände nicht gebrauchen.«
»Wo ist das Futter?«
»Hier!«
Er deutete auf den wackern Scherben, dessen Inhalt mir so verführerisch entgegenlachte.
»Was ist es?« erkundigte ich mich.
»Ich weiß es nicht, aber Madana kann kochen, wie keine zweite im Dorfe.«
»Warum schleppt ihr mich hierher?«
»Das habe ich dir nicht zu sagen; du wirst es von einem andern erfahren. Mache keinen Versuch, dich zu befreien, sonst giebt Madana ein Zeichen, und es kommen einige Männer, um dich noch schlimmer zu fesseln.«
Jetzt ging auch er fort. Ich hörte die sich entfernenden Schritte der beiden Männer; dann kam die holde »Petersilie« hereingekrochen und kauerte sich neben dem offenen Eingang in der Weise nieder, daß ich grad vor ihrem Blicke lag.
Es war zwar keine angenehme Lage, in welcher ich mich befand, sie machte mir doch weniger Sorgen als der peinigende Gedanke an die Gefährten in Lizan. Der Melek lauerte mit Schmerzen auf mich, und die Kurden erwarteten wohl längst schon meine Wiederkehr. Und hier lag ich angebunden, wie eine Dogge in der Hundehütte! Was mußte daraus entstehen!
Einen Trost hatte ich doch. War Mohammed Emin nach Lizan gekommen, so hatte man sicher sofort den Platz aufgesucht, an welchem ich überfallen worden war. Man fand das tote Pferd und die Spuren des Kampfes, und im übrigen mußte ich dann auf den Scharfsinn und die Verwegenheit meines treuen Halef bauen.
So lag ich längere Zeit in Gedanken versunken und zermarterte mir vergebens den Kopf, um eine Art und Weise, wie die Flucht gelingen könne, zu ersinnen. Da störte mich die Stimme der holden Madana auf. Sie war ein Weib; warum sollte sie so lange schweigen!
»Willst du essen?« fragte sie mich.
»Nein.«
»Trinken?«
»Nein.«
Das Gespräch war zu Ende, aber die duftende Petersilie kam herbeigekrochen, ließ sich in der unmittelbaren Nähe meiner armen Nase häuslich nieder und nahm dann den von mir verschmähten Scherben auf ihren Schoß. Ich sah, daß sie mit allen fünf Fingern der rechten Hand in das geheimnisvolle Amalgam langte und dann den zahnlosen Mund wie eine schwarzlederne Reisetasche auseinanderklappte — ich schloß die Augen. Eine Zeitlang hörte ich ein mächtiges Geknatsch; sodann vernahm ich jenes sanfte, zärtliche Streichen, welches entsteht, wenn die Zunge als Wischtuch gebraucht wird, und endlich erklang ein langes, zufriedenes Grunzen, welches ganz hörbar aus einer wonnetrunkenen Menschenseele kam. O Petersilie, du Würze des Lebens, warum duftest du nicht draußen im Freien!
Nach langer Zeit erst öffnete ich die Augen wieder. Mein Schirm und Schutz saß noch immer vor mir und hielt die Augen forschend auf mich gerichtet. In diesen Augen schimmerte ein wenig Mitleid und viel Neugierde.
»Wer bist du?« fragte sie mich.
»Weißt du es nicht?« antwortete ich.
»Nein. Du bist ein Moslem?«
»Ich bin ein Christ.«
»Ein Christ und gefangen? Du bist kein Berwari-Kurde?«
»Ich bin ein Christ aus dem fernen Abendlande.«
»Aus dem Abendlande!« rief sie erstaunt. »Wo die Männer mit den Frauen tanzen? Und wo man mit Schaufeln ißt?«
Also der Ruhm unserer abendländischen Kultur war bereits bis zu den Ohren der Petersilie gedrungen: sie hatte von unserer Polka und von unsern Löffeln gehört.
»Ja,« nickte ich.
»Aber was willst du hier in diesem Lande?«
»Ich will sehen, ob hier die Frauen so schön sind, wie die unserigen.«
»Und was hast du gefunden?«
»Sie sind sehr schön.«
»Ja, sie sind schön,« stimmte sie bei, »schöner als in einem andern Lande. Hast du ein Weib?«
»Nein.«
»Ich bedaure dich! Dein Leben gleicht einer Schüssel, in der weder Sarmysak noch Saljanghosch ist!«
Sarmysak und Saljanghosch, Schnecken in Knoblauch? Sollte dies das fürchterliche Gericht sein, welches vorhin in der »Reisetasche« verschwand! Und das hatte die Petersilie ohne »Schaufeln« bewältigt!
»Willst du dir kein Weib nehmen?« erkundigte sie sich weiter.
»Ich möchte vielleicht wohl, aber ich kann nicht.«
»Warum nicht?«
»Kann man es thun, wenn man so gefesselt ist?«
»Du wirst warten, bis du wieder frei geworden bist.«
»Wird man mir die Freiheit wiedergeben?«
»Wir sind Chaldani; wir töten keinen Gefangenen. Was hast du gethan, daß man dich gebunden hat?«
»Das will ich dir erzählen. Ich bin über Mossul und Amadijah in dieses Land gekommen, um — — —«
Sie unterbrach mich hastig:
»Ueber Amadijah?«
»Ja.«
»Wann warst du dort?«
»Vor kurzer Zeit.«
»Wie lange bliebst du dort?«
»Einige Tage.«
»Hast du dort vielleicht einen Mann gesehen, der ein Emir und ein Hekim aus dem Abendlande war?«
»Ich habe ihn gesehen.«
»Beschreibe ihn mir!«
»Er hat ein Mädchen gesund gemacht, welches Gift gegessen hatte.«
»Ist er noch dort?«
»Nein.«
»Wo befindet er sich?«
»Warum fragst du nach ihm?«
»Weil ich gehört habe, daß er in diese Gegend kommen wird.«
Sie sprach mit einer Hast, welche nur von dem lebhaftesten Interesse hervorgebracht sein konnte.
»Er ist bereits in dieser Gegend,« sagte ich.
»Wo? Schnell, sage es!«
»Hier.«
»Hier in Schohrd? Du irrst; ich habe nichts davon gehört!«
»Nicht hier in Schohrd, sondern hier in deiner Hütte.«
»In dieser Hütte? Katera aïssa — um Jesu willen, dann wärst du's ja!«
»Ich bin der Mann, nach dem du fragst.«
»Herr, kannst du dies beweisen?«
»Ja.«
»Wen trafst du in dem Hause der Kranken, welche Gift gegessen hatte?«
»Ich traf dort Marah Durimeh.«
»Hat sie dir einen Talisman gegeben?«
»Nein; aber sie hat mir gesagt, wenn ich hier in Not kommen werde, so solle ich nach dem Ruh 'i kulyan fragen.«
»Du bist's, du bist's, Herr!« rief sie, indem sie die Hände zusammenschlug. »Du bist der Freund von Marah Durimeh; ich werde dir helfen; ich werde dich beschützen. Erzähle mir, wie du in diese Gefangenschaft geraten bist!«
Dies war heut bereits zum dritten Male, daß ich die wunderbare Wirkung von dem Namen Marah Durimehs erlebte. Welche Macht besaß dieses geheimnisvolle Weib?
»Wer ist Marah Durimeh?« fragte ich.
»Sie ist eine alte Fürstin, deren Nachkommen vom Messias abgefallen und zu Muhammed übergetreten sind. Nun thut sie Buße für sie und wird ruhelos hin und her getrieben.«
»Und wer ist der Ruh 'i kulyan?«
»Das ist ein guter Geist. Die einen sagen, es sei der Engel Gabriel, und andere meinen, daß es der Erzengel Michael sei, der die Gläubigen beschützt. Er hat hier gewisse Orte und gewisse Zeiten, wo und wann man zu ihm kommen kann. Aber erzähle mir vorher, wie du gefangen wurdest!«
Die Erfüllung dieses Wunsches konnte mir nur Nutzen bringen. Ich überwand die Unannehmlichkeit meiner Körperlage und die Beschwerden, welche mir die Armfesseln verursachten, und erzählte meine Erlebnisse von Amadijah bis zur gegenwärtigen Stunde. Die Alte hörte mir mit der größten Aufmerksamkeit zu, und als ich geendet hatte, faßte sie fast zärtlich die eine meiner zusammengeschnürten Hände.
»Herr,« rief sie, »du hast recht vermutet: Nedschir-Bey ist es, der dich gefangen hält. Ich weiß nicht, weshalb er es gethan hat, aber ich liebe ihn nicht; er ist ein gewaltthätiger Mann, und ich werde dich retten.«
»Du willst mir diese Fesseln abnehmen?«
»Herr, das darf ich nicht wagen. Nedschir-Bey wird bald kommen, und dann würde er mich sehr bestrafen.«
»Was willst du sonst thun?«
»Emir, heut ist der Tag, an welchem man um Mitternacht hier zum Ruh 'i kulyan geht. Der Geist wird dich erretten.«
»Willst du bei ihm für mich bitten?«
»Ich kann nicht zu ihm; ich bin sehr alt, und der Weg ist mir zu steil. Aber« — — — sie hielt inne und blickte nachdenklich vor sich nieder; dann blickte sie mich forschend an — — »Herr, wirst du mir eine Lüge sagen?«
»Ich sage dir die Wahrheit!«
»Wirst du fliehen, wenn du mir versprichst, es nicht zu thun?«
»Was ich verspreche, das halte ich!«
»Deine Arme schmerzen dich. Wirst du hier bleiben, wenn ich sie dir losbinde?«
»Ich verspreche es.«
»Aber darf ich sie dir auch wieder fesseln, wenn jemand kommt?«
»Auch das.«
»Schwöre es!«
»Die heilige Schrift gebietet: Eure Rede sei ja ja, nein nein; was darüber ist, das ist unrecht. — Ich schwöre nicht, aber ich verspreche es dir und werde mein Wort halten.«
»Ich glaube dir!«
Sie erhob sich halb und versuchte es, die Riemen in meinem Nacken zu lösen. Ich gestehe reumütig, daß mir in diesem Augenblicke der Duft der guten »Petersilie« nicht im geringsten widerwärtig war. Ihr Vorhaben gelang, und ich streckte die schmerzenden Arme mit Wonne aus und gönnte der so lange eingepreßten Brust einen tiefen Atemzug. Madana aber nahm von jetzt an ihren Platz draußen vor der Hütte, wo sie jeden Nahenden bereits von weitem sehen und hören konnte. Daß unsere Unterhaltung durch die Thüröffnung fortgesetzt werden könne, bewies mir die brave Alte auf der Stelle.
»Wenn jemand kommt, werde ich dich einstweilen wieder binden,« sagte sie; »und dann — dann — — dann — — — o Herr, würdest du wiederkommen, wenn ich dir erlaube, einmal fortzugehen?«
»Ja. Wohin aber soll ich gehen?«
»Hinüber auf den Berg, zum Ruh 'i kulyan.«
Ich horchte erstaunt auf. Das war ja ein Abenteuer, wie mir noch selten eines geboten worden war. Ich sollte heimlich aus meiner Gefangenschaft beurlaubt werden, um den geheimnisvollen »Geist der Höhle« kennen zu lernen.
»Ich gehe, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich ganz sicher wiederkomme!« versprach ich Madana mit Freuden. »Aber ich kenne den Weg ja nicht!«
»Ich rufe Ingdscha, welche dich führen wird.«
Ingdscha heißt »Perle«. Dieser Name war vielversprechend.
»Wer ist Ingdscha?« erkundigte ich mich neugierig.
»Eine der Töchter von Nedschir-Bey.«
»Von diesem?« fragte ich überrascht.
»Die Tochter ist anders als der Vater, Herr.«
»Aber wird sie mich auf den Weg führen, da sie weiß, daß es ihrem Vater gilt?«
»Sie wird. Sie ist der Liebling Marah Durimehs, und ich habe mit ihr gesprochen von dem fremden Emir, welcher das Gift besiegt und dessen Waffen niemand widerstehen kann.«
Also war mein Ruf als Wunderdoktor selbst bis hierher gedrungen. Erstaunt fragte ich:
»Wer sagte das?«
»Dein Diener hat es in Amadijah dem Vater der Kranken erzählt, und Marah Durimeh hat es Ingdscha wiedergesagt. Sie ist begierig, einen Emir aus Frankistan zu sehen. Soll ich sie rufen, Herr?«
»Ja, wenn es nicht viel gewagt ist.«
»Dann aber muß ich dich vorher binden, doch bloß bis ich wiederkomme.«
»So thue es!«
Ich ließ mich unter diesen Umständen ganz gern wieder fesseln, und als dies geschehen war, verließ die Alte die Hütte. Bald kehrte sie zurück und meldete, daß Ingdscha kommen würde. Sie entfesselte mir die Hände, und ich fragte, ob sie im Dorfe gewesen sei, und äußerte die Besorgnis:
»Aber wenn man dich gesehen hat? Du sollst mich doch bewachen!«
»O, die Männer sind nicht daheim, und die Frauen, welche mich ja gesehen haben können, werden mich nicht verraten.«
»Wo sind die Männer?«
»Sie sind gen Lizan gegangen.«
»Was thun sie dort?«
»Ich habe nicht gefragt. Was geht mich das Treiben der Männer an! Wenn Ingdscha kommt, wird sie es dir vielleicht sagen.«
Die Alte setzte sich wieder vor die Thür. Nach einiger Zeit aber stand sie eilig auf und lief einer sich nahenden Person entgegen. Ich hörte vor der Hütte ein leises Geflüster, und dann verdunkelte sich der Eingang, um die »Perle« einzulassen.
Gleich der erste Blick auf die Eingetretene sagte mir, daß der Name Ingdscha hier ganz an seinem Platze sei. Das Mädchen mochte neunzehn Jahre zählen, war hoch gebaut und von so kräftigen Körperformen, daß sie ohne Bedenken die Frau eines Flügelmannes aus der alten, preußischen Riesengarde hätte werden können. Dennoch war das Gesicht ein mädchenhaft weiches und hatte jetzt, dem Fremden gegenüber, sogar einen sehr bemerkbaren Anflug von Schüchternheit.
»Sallam, Emir!« grüßte sie mit fast leiser Stimme.
»Sallam!« antwortete ich. »Du bist Ingdscha, die Tochter des Raïs von Schohrd?«
»Ja, Herr.«
»Verzeihe, daß ich mich nicht erhebe, um dich zu begrüßen. Ich bin an diesen Pfahl gebunden.«
»Ich denke, Madana hat dich einstweilen frei gemacht?«
»Nur die Hände.«
»Warum nicht auch das übrige?«
Sie bog sich sofort zu mir nieder, um mir die Stricke zu lösen, ich aber wehrte ab:
»Ich danke dir, du Gute! Aber ich bitte dich dennoch, es nicht zu thun, da wir zu lange Zeit brauchen, um mich wieder zu binden, wenn jemand kommt.«
»Madana hat mir alles erzählt,« erwiderte sie. »Herr, ich werde nicht leiden, daß du hier am Boden liegst, du, ein Emir aus dem Abendlande, der alle Länder der Erde bereist, um Abenteuer zu erleben!«
Aha, das waren die Folgen von der Aufschneiderei meines kleinen Hadschi Halef Omar. Das Mädchen hielt mich für einen abendländischen Harun al Raschid, welcher Jagd auf Abenteuer machte.
»Du wirst es aus Vorsicht dennoch leiden müssen,« antwortete ich. »Komm, laß dich an meiner Seite nieder und erlaube, daß ich dir einige Fragen vorlege!«
»Herr, deine Güte ist zu groß. Ich bin ein armes, geringes Mädchen, dessen Vater dich noch dazu tödlich beleidigt hat.«
»Vielleicht verzeihe ich ihm um deinetwillen.«
»Nicht um meinet-, sondern um meiner Mutter willen, Herr. Er ist nicht mein rechter Vater; der erste Mann meiner Mutter ist gestorben.«
»Armes Kind! Und der zweite Mann deiner Mutter ist wohl streng und grausam mit dir?«
Ihr Auge leuchtete auf.
»Streng und grausam? Herr, das sollte er nicht wagen! Nein, aber er verachtet sein Weib und seine Töchter; er sieht und hört nicht, daß sie sich in seinem Hause befinden; er will nicht haben, daß wir ihn lieben, und darum — darum ist es keine Sünde, wenn ich dich zum Ruh 'i kulyan geleite.«
»Wann wird dies geschehen?«
»Grad um Mitternacht muß man auf dem Berge sein.«
»Er befindet sich in einer Höhle?«
»Ja. Allemal um Mitternacht am ersten Tage der zweiten Woche.«
»Aber wie merkt man, daß er zugegen ist?«
»An dem Lichte, welches man mitbringen muß. Man setzt ein Licht vor den Eingang der Höhle und zieht sich zurück. Brennt es fort, so ist der Geist nicht da; verlöscht es aber, so ist er zugegen. Dann tritt man wieder hinzu, geht drei Schritte weit in die Höhle hinein und sagt, was man will.«
»In welchen Angelegenheiten darf man mit dem Geiste sprechen?«
»In allen. Man kann ihn um etwas bitten; man kann einen andern verklagen; man kann sich auch nach etwas erkundigen.«
»Aber ich denke, der Geist spricht nicht! Wie erhält man seine Antwort?«
»Wenn man den Wunsch gesagt hat, so geht man bis an das Bild zurück und wartet kurze Zeit. Beginnt das Licht wieder zu brennen, so ist die Bitte erfüllt, und nach kurzer Zeit, oft schon in der ersten Nacht noch erhält man auf irgend eine Weise die Nachricht, welche man erwartet hat.«
»Was ist das für ein Bild, von dem du redest?«
»Es ist ein hoher Pfahl, an welchem das Bild der heiligen Mutter Gottes befestigt ist.«
Das überraschte mich, da ich wußte, daß die Chaldani lehren, die heilige Maria sei nicht die Mutter Gottes, sondern nur die Mutter des Menschen Jesus. Der geheimnisvolle Ruh 'i kulyan schien sonach ein guter Katholik zu sein.
»Wie lange bereits steht dieses Bild?« fragte ich.
»Ich weiß es nicht; es steht schon länger als ich lebe.«
»Und hat noch kein Kurde oder Chaldani gesagt, daß es fort müsse?«
»Nein, denn dann würde der Ruh 'i kulyan für immer verschwunden sein.«
»Und dies wünscht niemand?«
»Niemand, Herr. Der Geist thut Wohlthat über Wohlthat in der ganzen Gegend. Er beglückt die Armen und beratet die Reichen; er beschützt die Schwachen und bedroht die Mächtigen; der Gute hofft auf ihn, und der Böse zittert vor ihm. Wenn ich den Vater bitte, dich frei zu geben, so verlacht er mich; wenn es ihm aber der Geist gebietet, so wird er gehorchen.«
»Warst auch du einmal des Nachts oben bei der Höhle?«
»Mehrere Male. Ich habe für meine Mutter und Schwester gebeten.«
»Wurde deine Bitte erfüllt?«
»Ja.«
»Wer brachte dir die Erfüllung?«
»Die ersten Male kam es des Nachts, und ich konnte nichts sehen; beim letzten Male aber war es Marah Durimeh. Der Geist war ihr erschienen und hatte sie zu mir gesandt.«
»So kennst du Marah Durimeh?«
»Ich kenne sie, seit ich lebe.«
»Sie ist wohl oft bei euch?«
»Ja, Herr. Und dann gehe ich mit ihr auf die Berge, um Kräuter zu sammeln, oder wir besuchen die Kranken, welche ihrer Hilfe bedürfen.«
»Wo wohnet sie?«
»Niemand weiß es. Vielleicht hat sie nirgends eine Wohnung, aber sie ist in jedem Hause willkommen, in das sie kommt.«
»Woher stammt sie?«
»Darüber wird sehr verschieden gesprochen. Die meisten erzählen, daß sie eine Fürstin aus dem alten Geschlechte der Könige von Lizan sei. Das war ein gar mächtiges Geschlecht, und ganz Tijari und Tkhoma war ihm unterthan. Sie aßen und tranken aus goldenen Gefäßen, und alles andere war von Silber und Metall gemacht. Da aber wandten sie sich dem Propheten von Medina zu, und der Herr schüttelte die Wolken seines Zornes über sie aus; sie wurden verstreut in alle Lande. Nur Marah Durimeh war ihrem Gott treu geblieben, und er hat sie gesegnet mit einem hohen Alter, mit einem weisen Herzen und mit großen Reichtümern.«