»Ja, obgleich ich nicht mit zum Geiste gehen werde.«

»Was aber soll mit Nedschir-Bey geschehen?«

Der Genannte wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern sagte tückisch:

»Ich gehe nicht mit; ich bleibe hier!«

»Du hast gehört, daß dich der Ruh 'i kulyan verlangt,« warnte ihn der Melek mit ernster Stimme.

»Was dieser Fremde sagt, brauche ich nicht zu beachten!«

»So willst du dem Geiste nicht gehorchen?«

»Ich gehorche ihm, aber nicht, wenn er mir diesen Franken schickt!«

»Aber ich befehle es dir!«

»Melek, ich bin Nedschir-Bey, der Raïs von Schohrd; du hast mir nichts zu befehlen!«

Der Melek sah mich fragend an, darum wandte ich mich zu meinem kleinen Hadschi Halef Omar:

»Halef, hast du gesehen, ob es hier Stricke giebt?«

»Siehe, dort im Winkel liegen genug, Herr,« antwortete er.

»Nimm davon und komm!«

Der kleine Hadschi merkte, was geschehen solle. Er versetzte dem Raïs, der ihm in der Richtung stand, einen nicht sehr freundschaftlichen Rippenstoß und nahm dann die aus Leff[155] gearbeitete Stricke vom Boden auf. Ich aber erklärte dem Melek:

»Will er nicht mit, so wird er gezwungen. Wir binden ihn auf das Pferd, so daß er sich nicht bewegen kann.«

»Versucht es,« drohte der Raïs. »Wer mir nahe kommt, dem thue ich so, wie du es mit dem Manne Madanas gemacht hast!«

»Was meint er?« fragte Halef.

»Er soll auf das Pferd gebunden werden, will aber einen jeden niedertreten, der es wagt, sich ihm zu nahen.«

»Maschallah, der Mensch ist verrückt!«

Bei diesen Worten that der kleine Mann einen Sprung, und im nächsten Augenblick lag der riesige Chaldani, der allerdings an den Händen gefesselt war, auf der Erde. Eine halbe Minute später waren ihm die Beine so fest und eng zusammengebunden, daß seine ganze Gestalt so unbeweglich war, als ob sie in einem Futterale stäke.

»Aber, Halef, er soll ja auf dem Pferde sitzen?« erinnerte ich.

»Ist nicht nötig, Sihdi,« antwortete er. »Wir legen diesen Dschadd[156] mit dem Bauch auf das Pferd; so kann er schwimmen lernen.«

»Wohl; schaffe ihn hinaus!«

Der Kleine faßte den Großen beim Kragen des Gewandes, hob ihn halb empor, drehte sich um, so daß Rücken auf Rücken kam, und schleifte ihn hinaus. Die anderen folgten. Jetzt trat Lindsay zu mir heran.

»Master,« sagte er. »Habe nichts verstanden, nothing-not, weniger als nichts. Wohin geht Ihr?«

»Zum Höhlengeist.«

»Höhlengeist? Thunder-storm! Darf ich mit?«

»Hm! eigentlich nicht.«

»Pshaw! Werde diesen Geist nicht aufessen!«

»Glaube es!«

»Wo wohnt er?«

»Droben in den Felsen.«

»Felsen? Giebt's da Ruinen?«

»Weiß nicht. Es war dunkel oben während meiner Anwesenheit.«

»Felsen! Höhlen! Ruinen! Geister! Vielleicht auch Fowling-bulls?«

»Ich glaube nicht.«

»Und dennoch gehe ich mit! War hier so lange allein; kein Mensch versteht mich. Bin froh, daß ich Euch wieder habe. Nehmt mich mit!«

»Nun wohl; aber zu sehen werdet Ihr wohl nichts bekommen.«

»Disagreeable, uncivil! Wollte auch einmal Geist sehen — Geist oder Gespenst! Gehe aber doch mit! Yes!«

Als wir aus dem Hause traten, war die ganze Bevölkerung Lizans vor demselben versammelt; doch herrschte trotz der vielen Menschen eine tiefe Stille. Man sah bei dem Scheine der Fackeln ganz deutlich, daß ich mit Halefs Hilfe den Raïs auf das Pferd befestigte; aber keine Lippe regte sich, um nach der Ursache dieses gewiß ungewöhnlichen Verfahrens zu fragen. Unsere Pferde nebst den nötigen Fackeln wurden herbeigeschafft, und dann erst, als wir aufsaßen, erklärte der Melek den Versammelten, daß wir im Begriffe ständen, den Ruh 'i kulyan aufzusuchen. Er befahl, bis zu unserer Wiederkehr nicht das geringste zu unternehmen, und dann ritten wir zwischen den erstaunten Zuhörern davon.

Voran ritt der Melek mit dem Bey; dann folgte Halef, der das Pferd des Raïs am Zügel führte, und der Engländer beschloß mit mir den kleinen Zug. Der Melek und Lindsay trugen die beiden Fackeln, die den Weg erleuchten sollten.

Dieser Weg war zunächst ein gebahnter Pfad; später wichen wir von demselben ab, hatten aber Raum genug für zwei nebeneinander gehende Pferde. Es war ein überaus phantastischer Ritt. Unter uns lag das bisher nur von höchstens vier Europäern betretene Thal des Zab im tiefsten, unheimlichen Dunkel. Diesseits, rechts von uns, glänzte die blutrote Lohe der Fackeln von Lizan zu uns herauf; links, jenseits des Wassers, zeigte ein mattheller Fleck die Stelle an, wo die Kurden lagerten; über uns dunkelte die Bergesmasse, auf deren Höhe der Geist hauste, der selbst mir ein Rätsel war, obgleich er mir erlaubt hatte, ihn zu >rekognoszieren<; und was nun uns sechs selbst betraf, so ritten wir zwischen den gespenstischen Reflexen unserer Kienbrände, bestanden aus einem Araber der Sahara, einem Engländer, einem Kurden, zwei Nasarah und einem Deutschen und hatten einen Gefangenen in der Mitte.

Da bogen wir um eine Felsenkante; das Thal verschwand hinter uns, und vor uns tauchten die weit auseinander stehenden Stämme des Hochwaldes auf, auf dessen weichem Boden wir aufwärts ritten. Das flackernde Licht der beiden Flammen wanderte von Ast zu Ast, von Zweig zu Zweig, von Blatt zu Blatt; neben, vor und hinter uns huschte, schwirrte und flatterte es wie zwischen den Spalten eines Gespensterromanes; der schlafende Wald atmete schwer rauschend, und die Huftritte unserer Pferde in dem tiefen Humusboden klangen wie die fernher tönenden Wirbel eines Trommler-Trauermarsches.

»Schauerlich! Yes!« meinte der Engländer halblaut, indem er sich schüttelte. »Möchte nicht allein da zu dem Geiste reiten. Well! Ihr wart allein?«

»Nein.«

»Nicht? Wer war dabei?«

»Ein Mädchen.«

»A maid! Good luck! Jung?«

»Ja.«

»Schön?«

»Sehr!«

»Interessant?«

»Versteht sich! Interessanter als ein Fowling-bull.«

»Heavens, habt Ihr Glück! Erzählt!«

»Später, Sir. Ihr werdet sie morgen auch sehen.«

»Well! Werde beurteilen, ob sie wirklich interessanter ist, als Fowling-bull. Yes!«

Das leise geführte Gespräch verstummte wieder. Es lag etwas Heiliges, Unberührbares in dieser tiefen Waldesnacht, und von jetzt an gab es keinen andern Laut als nur zuweilen das Schnauben eines unserer Pferde. So kamen wir immer weiter empor, bis wir einen Bergkamm erreichten, wo die beiden Voranreitenden anhielten.

»Wir sind am Ziele,« sagte der Melek. »Hier drüben, zweihundert Schritte hinab sind die Felsen, in denen sich die Höhle befindet. Hier steigen wir ab und lassen unsere Pferde zurück. Gehst du mit?«

»Ja, um des Raïs willen, aber nur bis zur Höhle. Löscht die Fackeln aus!«

Wir banden die Pferde, bei denen Halef und Lindsay zurückbleiben sollten, an die Bäume und knüpften dann den Raïs los. Damit er gehen konnte, wurden ihm auch die Bande von den Beinen genommen. Dojan, der Hund, stand dabei und beobachtete ihn mit Augen, die selbst in der Dunkelheit zu erkennen waren; sie hatten fast jenen phosphoreszierenden Glanz, den man an den Augen einer Tintorera[157] bemerkt, wenn des Nachts das Meerwasser leuchtet und man dieses fürchterliche Ungeheuer in der durchsichtigen Flut deutlich erkennen kann.

»Raïs, du folgst dem Melek und dem Bey. Ich gehe hinter dir. Zauderst du, so lernst du die Zähne dieses Hundes doch noch kennen!«

Mit diesen Worten gab ich das Zeichen, unsern Weg nun fortzusetzen. Die angegebene Reihenfolge wurde beibehalten, und Nedschir-Bey weigerte sich nicht im mindesten, meiner Weisung Folge zu leisten. Wir schritten quer über den Bergkamm hinüber und dann eine Steilung hinab, von der aus ich die Felsen unter uns liegen sah. Nach kaum mehr als fünf Minuten standen wir an demselben Orte, an dem Ingdscha während meiner Unterredung mit dem Ruh 'i kulyan auf mich gewartet hatte.

»Ihr sollt in die Höhle treten und dann so lange gradaus gehen, bis ihr Licht findet,« bemerkte ich.

Das Abenteuer schien die Beteiligten doch nicht so ganz gleichgültig zu lassen, wie ich aus ihren langen, tiefen Atemzügen schloß; denn ihre Gesichter konnte ich nicht deutlich sehen.

»Emir, binde mir die Arme los!« bat da der Raïs.

»Das wollen wir nicht wagen,« antwortete ich.

»Ich entfliehe nicht; ich gehe mit hinein!«

»Schmerzen sie dich?«

»Gar sehr.«

»Du hast sie mir ganz ebenso binden lassen, und ich mußte die gleichen Schmerzen noch viermal länger ertragen, als du. Dennoch würde ich die Schnur lösen, aber ich glaube deiner Versicherung nicht.«

Er schwieg; mein Mißtrauen war also wohl begründet gewesen. Die beiden andern nahmen ihn in ihre Mitte.

»Herr, bleibst du hier, oder gehest du zu den Pferden zurück?« fragte der Bey.

»Wie ihr es wollt.«

»So bleibe hier. Dieser Mann könnte es doch notwendig machen, dich zu brauchen.«

»So geht; ich werde euch hier erwarten.«

Sie gingen, und ich ließ mich auf einen Stein nieder. Der Hund hatte seine Pflicht so gut begriffen, daß er dem Raïs so lange folgte, bis ich ihn zurückrief. Nun kauerte er sich neben mir nieder, legte mir den feinen Kopf auf das Knie und ließ sich von meiner Hand streicheln.

So saß ich eine lange, lange Zeit allein im Dunkel. Meine Gedanken schweiften zurück über Berg und Thal, über Land und Meer zur Heimat. Wie mancher Forscher hätte viel dafür gegeben, hier an meiner Stelle sein zu können! Wie wunderbar hatte mich Gott bis hierher geleitet und beschützt, während ganze, große, wohlausgerüstete Expeditionen da zu Grunde gegangen und vernichtet worden waren, wo ich die freundlichste Aufnahme gefunden hatte! Woran lag dies? Wie viele Bücher hatte ich über fremde Länder und ihre Völker gelesen und dabei wie viele Vorurteile in mich aufgenommen! Ich hatte manches Land, manches Volk, manchen Stamm ganz anders — und besser gefunden, als sie mir geschildert worden waren. Der Gottesfunken ist im Menschen niemals vollständig zu ersticken, und selbst der Wildeste achtet den Fremden, wenn er sich selbst von diesem geachtet sieht. Ausnahmen giebt es überall. Wer Liebe säet, der wird Liebe ernten, bei den Eskimos wie bei den Papuas, bei den Aïnos wie bei den Botokuden. Mit so ganz heiler Haut war ich zwar auch nicht davongekommen, denn einige Schmarren, Schrammen und Löcher hatte diese Haut doch immerhin davongetragen; aber doch nur, weil ich sozusagen als >armer Reisender< gewandert war, und man weiß ja, daß selbst der >höflichste Handwerksbursche< zuweilen ein scharfes Wort oder gar einen unsympathischen Klaps mit in den Kauf nehmen muß. Dürfte ich doch ein Pionier der Civilisation, des Christentums sein! Ich würde nicht zurückdrängend oder gar vernichtend unter meine fernen Brüder treten, die ja ebenso Gottes Kinder sind, wie wir stolzen Egoisten; ich würde jede Form der Kultur und auch den kleinsten ihrer Anfänge schätzen; es kann ja nicht der eine Sohn Allvaters grad so wie der andere sein, und nicht dem Eigennutze, sondern nur der Selbstlosigkeit kann es gelingen, mit wirklichem Erfolge das erhabene Wort zu lehren, das »den Frieden predigt und das Heil verkündigt«. Dieses Wort, es stammt ja nicht von einem Xerxes, Alexander, Cäsar oder Napoleon, sondern von Dem, der in einem Stalle geboren wurde, aus Armut Aehren aß und nicht wußte, wohin er sein Haupt legen sollte, und dessen erste Predigt lautete: »Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen!« —

So verging weit über eine Stunde, und noch saß ich allein. Ich wollte fast befürchten, daß den Gefährten in der Höhle ein Unfall widerfahren sei, und ging bereits mit mir zu Rate, ob es nicht besser wäre, ihnen zu folgen, als ich endlich Schritte hörte.

Ich erhob mich. Es waren die drei, und — wie ich gleich sah — man hatte dem Raïs die Fesseln gelöst.

»Du hast sehr lange warten müssen!« bedauerte der Melek.

»Ich bangte bereits für euch,« antwortete ich, »und wäre wohl in kurzem nachgekommen.«

»Das war nicht nötig. Herr, wir haben den Ruh 'i kulyan gesehen und mit ihm gesprochen!«

»Habt ihr ihn erkannt?«

»Ja. Es war — — — sage du zuerst den Namen!«

»Marah Durimeh?«

»Ja, Emir. Wer hätte dies gedacht!«

»Ich. Ich habe es geahnt schon seit längerer Zeit. Was habt ihr mit ihr gesprochen?«

»Das ist Geheimnis und wird Geheimnis bleiben. Herr, diese Frau ist eine berühmte Meleka[158], und was sie zu uns redete, hat unsere Herzen zum Frieden gestimmt. Die Berwari werden unsere Gäste sein und Lizan dann als unsere Freunde verlassen.«

»Ist dies wirklich so?« fragte ich, herzlich erfreut.

»Es ist so,« antwortete der Bey von Gumri. »Und weißt du, wem wir dies zu verdanken haben?«

»Dem Ruh 'i kulyan.«

»Ja, aber zunächst doch dir. Emir, die alte Königin hat uns befohlen, deine Freunde zu sein, aber wir waren es ja bereits schon vorher. Bleibe bei uns in diesem Lande als mein Bruder und als unser aller Bruder!«

»Ich danke euch! Auch ich liebe das Land meiner Väter und möchte einst mein Haupt in demselben zur Ruhe legen; aber ich werde mit meinen Gefährten bei euch weilen so lange, als es meine Zeit gestattet. Wird Marah Durimeh auch fernerhin der Ruh 'i kulyan bleiben?«

»Ja, doch niemand darf es wissen, daß sie es ist. Wir haben geschworen, es zu verschweigen, bis sie gestorben ist. Auch du wirst nicht davon sprechen, Emir?«

»Zu keinem Menschen!«

»Sie wird dich morgen nach der Zeit des Mittages in meinem Hause besuchen, denn sie hat dich lieb, als ob du ihr Sohn oder Enkel seist,« bemerkte der Melek. »Jetzt aber laßt uns gehen.«

»Und die Chaldani, die Nedschir-Bey zusammengerufen hat?« fragte ich rasch, denn ich wollte sicher gehen.

Da trat der Erwähnte zu mir heran und reichte mir die Hand entgegen.

»Herr, sei auch mein Freund und Bruder, und verzeihe mir! Ich bin auf falschem Wege gewandelt und will gern umkehren. Du sollst alles wieder erhalten, was ich dir abgenommen habe, und ich werde gleich jetzt zum Versammlungsorte meiner Leute gehen, um ihnen zu sagen, daß Frieden ist.«

»Nedschir-Bey, nimm meine Hand; ich verzeihe dir gern! Aber weißt du, wer mich aus der Gefangenschaft befreit hat?«

»Ich weiß es. Marah Durimeh hat es mir gesagt. Madana und Ingdscha sind es gewesen, und meine Tochter hat dich dann selbst zum Ruh 'i kulyan geführt.«

»Du zürnest den beiden?«

»Ich hätte ihnen sehr gezürnt und sie sehr hart bestraft; aber die Worte der alten Meleka haben mir die Erkenntnis gebracht, daß die beiden Frauen sehr wohl gehandelt haben. Erlaube, daß auch ich dich besuche!«

»Ich bitte dich darum! Nun aber kommt, ihr Brüder! Meine zwei Gefährten werden sich um uns sorgen.«

Wir verließen den geheimnisvollen Ort, klimmten die Anhöhe empor und fanden den Engländer und Halef wirklich in großer Sorge um mich.

»Wo bleibt ihr denn, Master?« rief mir Lindsay entgegen. »Beinahe wäre ich gekommen, um diesen Hole-ghost um euretwillen totzuschlagen!«

»Ihr seht, daß diese kühne That nicht nötig war, Sir.«

»Was gab es denn da unten?«

»Später, später; jetzt wollen wir aufbrechen.«

Da nahm mich Halef beim Arme.

»Sihdi,« raunte er mir zu, »dieser Mann ist ja nicht mehr gefesselt!«

»Der Geist der Höhle hat ihn befreit, Halef.«

»So ist dieser Ruh 'i kulyan ein sehr unvorsichtiger Geist. Komm, Sihdi, laß uns den Menschen sofort wieder binden!«

»Nein. Er hat mich um Verzeihung gebeten, und ich habe ihm verziehen!«

»Sihdi, du bist ebenso unvorsichtig wie der Geist! Aber ich werde klüger sein: ich bin Hadschi Halef Omar und verzeihe ihm nicht.«

»Du hast ihm nichts zu verzeihen!«

»Ich? Nicht?« fragte er verwundert. »O viel, sehr viel, Sihdi!«

»Was denn?«

»Er hat sich an dir vergriffen, an dir, dessen Freund und Beschützer ich bin, und das ist viel ärger, als wenn er mich selbst gefangen genommen hätte. Wenn ich ihm verzeihen soll, so mag er auch mich um Verzeihung bitten. Ich bin kein Türke, kein Kurde und kein feiger Nasarah, sondern ein Radschul el arab[159], der seinen Sihdi nicht beleidigen und nicht kränken läßt. Sage ihm das!«

»Vielleicht giebt es Gelegenheit dazu. Jetzt aber steige auf! Du siehst, die andern sitzen bereits zu Pferde.«

Der Melek hatte neue Fackeln angebrannt, und der Rückweg wurde angetreten. Man war jetzt nicht so schweigsam wie aufwärts, und nur ich beteiligte mich nicht an dem Gespräche, das von den drei Eingeborenen in fließendem Kurdisch, zwischen Lindsay und Halef aber mittelst englischer und arabischer Sprachbrocken geführt wurde, von denen die beiden gegenseitig kaum den hundertsten Teil verstanden.

Unser Besuch auf dem Berge gab mir viel zu denken. Worin bestand die Macht, die diese Marah Durimeh auf den Scheik sowohl als auch auf den Bey von Gumri ausübte? Der Umstand, daß sie Königin gewesen war, konnte an und für sich von keiner solchen Wirkung sein. Es gehörte mehr als dies dazu, um in so kurzer Zeit zwei Gegner zu versöhnen, die sich in Beziehung sowohl auf ihre Abstammung als auch auf ihren Glauben so schroff gegenüber standen. Und fast ebenso wunderbar war es, aus dem wilden, ungefügen Nedschir-Bey so schnell einen freundlichen, lammfrommen Mann zu machen. Warum sollte dies alles Geheimnis bleiben, auch für mich? Ein anderes Menschenkind hätte sich mit einem solchen Einflusse, mit einer solchen Macht gebrüstet. Diese Marah Durimeh war nicht nur ein geheimnisvolles Menschenkind, sondern jedenfalls auch ein ungewöhnlicher, außerordentlicher Charakter. Welch ein Sujet für einen neugierigen Menschen, der sich in der weiten Welt umhertreibt, um interessante Gegenstände für seine Feder zu finden! Ich gestehe, daß mir jetzt das Geheimnis der alten Königin weit mehr am Herzen lag, als vorher die Streitigkeit zwischen den Kurden und Chaldani.

Als wir die Lichter von Lizan wieder vor uns erblickten, meinte der Raïs von Schohrd:

»Jetzt muß ich mich von euch trennen.«

»Warum?« fragte der Melek.

»Ich muß an den Versammlungsort meiner Leute, um ihnen zu sagen, daß Frieden ist, sonst könnten sie ungeduldig werden und noch vor dem Morgen gegen die Kurden losbrechen.«

»So gehe.«

Er ritt von uns rechts ab, und wir waren in zehn Minuten in Lizan. Die Leute empfingen uns mit neugierigen Gesichtern. Die laute Stimme des Melek rief sie zusammen, und dann richtete er sich in dem Sattel empor, um ihnen zu verkünden, daß aller Kampf zu Ende sei, weil der Ruh 'i kulyan es geboten habe.

»Wollen wir die Berwari bis morgen warten lassen?« fragte ich ihn dann.

»Nein. Sie sollen es sofort erfahren.«

»Wer soll der Bote sein?«

»Ich,« antwortete der Bey. »Sie werden keinem so leicht glauben wie mir. Reitest du mit, Herr?«

»Ja,« stimmte ich bei, »nur warte noch ein wenig.«

Ich wandte mich zu demjenigen Chaldani, der mir am nächsten stand, mit der Frage:

»Du kennst den Weg nach Schohrd?«

»Ja, Emir.«

»So genau, daß du ihn auch im Dunkeln findest?«

»Ja, Emir.«

»Kennst du dort Ingdscha, die Tochter des Raïs?«

»Sehr gut.«

»Und vielleicht auch ein Weib, das Madana heißt?«

»Auch das.«

»So nimm jetzt ein Pferd und reite hin. Du sollst diesen beiden sagen, daß sie sich ohne Sorgen zur Ruhe legen können, denn es ist Frieden. Der Raïs ist mein Freund geworden und wird ihnen nicht zürnen, daß ich aus der Hütte entkommen bin.«

Ich fühlte mich verpflichtet, den beiden braven Frauen Nachricht von dem glücklichen Ausgange der heutigen Verwicklungen zu geben; denn ich konnte mir ja denken, daß sie in Beziehung auf das Verhalten des Raïs sehr in Sorge sein würden. Und nun schloß ich mich dem Bey von Gumri an. Wir hatten unsere Pferde bereits in Gang gebracht, als uns der Melek nachrief:

»Bringt die Berwari mit! Sie sollen unsere Gäste sein.«

Ich kannte den Weg, trotzdem er durch Bäume und Sträucher sehr beschwerlich gemacht wurde. Aber wir hatten noch nicht viel über die Hälfte desselben zurückgelegt, als uns ein lauter Zuruf entgegenscholl:

»Wer kommt?«

»Freunde!« antwortete der Bey.

»Sagt die Namen!«

Jetzt erkannte der Bey den Posten an der Stimme.

»Sei ruhig, Talaf, ich bin es selbst!«

»Herr, du selbst bist es? Schükr' allah — Gott sei Dank, daß ich den Ton deiner Stimme vernehme! Ist es dir gelungen, zu entfliehen?«

»Ich bin nicht entflohen. Wo lagert ihr?«

»Reite grad aus, so wirst du die Feuer sehen!«

»Führe uns!«

»Ich darf nicht, Herr!«

»Warum nicht?«

»Ich gehöre zu den Wachen, die ausgestellt worden sind, und darf diesen Ort nicht eher verlassen, als bis ich abgelöst werde.«

»Wer befiehlt bei euch?«

»Noch immer der Raïs von Dalascha.«

»Da habt ihr euch einen außerordentlich klugen Anführer gewählt. Jetzt aber bin ich da, und ihr habt nur mir zu gehorchen. Die Wachen sind nicht mehr nötig. Komm und führe uns!«

Der Mann nahm seine lange Flinte über die Schulter und schritt uns voran. Bald sahen wir die Lagerfeuer zwischen den Stämmen der Bäume leuchten und gelangten an denselben Platz, wo wir am vorigen Tage die Beratung gehalten hatten.

»Der Bey!« erklang es rundum.

Alle erhoben sich voll Freude, um ihn zu begrüßen. Auch ich wurde umringt und mit manchem freundschaftlichen Händedruck bewillkommnet. Nur der bisherige Anführer stand von ferne und beobachtete die Scene mit finsterem Blick. Er sah, daß seine Macht am Ende sei. Endlich aber trat er doch herbei und reichte dem Bey die Hand.

»Willkommen!« sagte er. »Du bist entronnen?«

»Nein. Man hat mich freiwillig freigegeben.«

»Bey, das ist das größte Wunder, welches ich erlebe.«

»Es ist kein Wunder. Ich habe mit den Chaldani Frieden geschlossen.«

»Du hast zu schnell gehandelt! Ich habe nach Gumri gesandt, und in der Frühe werden viele Hunderte von Berwari zu uns stoßen.«

»Dann bist du selbst es, der zu schnell gehandelt hat. Hast du nicht gewußt, daß dieser Emir nach Lizan ging, um Frieden zu machen.«

»Er wurde überfallen.«

»Aber du erfuhrst dann später, daß es nicht der Melek war, der ihn überfallen ließ.«

»Was bekommst du von den Chaldani für den Frieden?«

»Nichts.«

»Nichts? O Bey, du hast zu unklug gehandelt! Sie haben dich überfallen und mehrere der Unserigen getötet. Giebt es keine Blutrache und kein Blutgeld mehr im Lande?«

Der Bey blickte ihm ruhig lächelnd in das Gesicht; aber dieses Lächeln war beängstigend.

»Du bist der Raïs von Dalascha, nicht?« fragte er mit sehr freundlicher Stimme.

»Ja,« antwortete der andere verwundert.

»Und mich kennst du wohl?«

»Warum sollte ich dich nicht kennen!«

»So sage mir, wer ich bin!«

»Du bist der Bey von Gumri.«

»Richtig! Ich wollte nur sehen, ob ich mich täuschte; denn ich dachte, dein Gedächtnis habe dich verlassen. Was glaubst du wohl, daß der Bey von Gumri dem Manne thun wird, der es wagt, ihn vor so vielen tapfern Männern unklug zu nennen?«

»Herr, willst du mir meine Dienste mit Undank lohnen?«

Da auf einmal nahm die Stimme des Bey einen ganz anderen Ton an.

»Wurm!« donnerte er. »Willst du gegen mich ebenso thun, wie du es zuerst mit diesem Emir aus Frankistan gethan hast? Sein Mund wies dich zurecht, und seine Hand hat dich gezüchtigt. Soll ich mich vor dir fürchten, da sich der Fremdling nicht scheut, dich vom Pferde zu werfen! Welchen Dienst hast du mir geleistet, und wer hat dich zum Anführer ernannt? Bin ich es gewesen? Ich sage dir, der Ruh 'i kulyan hat uns geboten, Frieden zu schließen, und weil die Stimme des Geistes zur Milde geraten hat, so will ich auch dir vergeben. Aber wage nicht noch einmal, gegen das zu handeln, was ich rede und was ich thue! Du steigst sofort zu Pferde und reitest nach Gumri, um den Berwari zu sagen, daß sie ruhig in ihren Dörfern bleiben können. Gehorchst du nicht vollständig und augenblicklich, so bin ich mit diesen Kriegern morgen in Dalascha, und man soll von Behedri bis Schuraïsi, von Biha bis Beschukha im ganzen Lande Chal erfahren, wie der Sohn des gefürchteten Abd-el-Summit-Bey den Kiaja züchtigt, der ihm zu widerstreben wagt. Mache dich auf und davon, Sklave der Türken!«

Die Augen des Bey leuchteten so unheimlich, und sein Arm streckte sich zu gebieterisch aus, daß der Raïs ohne ein weiteres Wort zu Pferde stieg und schweigend davonritt. Dann wandte sich der Bey zu den andern:

»Holt die Wachen herbei, und folgt uns nach Lizan! Ihr sollt von unsern Freunden bewirtet werden.«

Mehrere eilten fort; die andern löschten die Feuer aus, und ohne daß ein Wort der Frage oder des Widerspruchs gefallen war, hatten wir bereits nach zehn Minuten die Lichtung verlassen und ritten auf Lizan zu.

Als wir dort anlangten, bot sich uns eine sehr lebendige Scene dar. Man hatte mächtige Haufen Holzes errichtet, um die Feuer zu vermehren und zu vergrößern; viele Chaldani waren beschäftigt, Hammel zu schlachten, und sogar zwei prächtige Ochsen lagen am Boden, um abgehäutet, ausgenommen, zerstückelt und dann an den Feuern gebraten zu werden. Dazu waren alle Uejütasch[160] des Ortes zusammengeschleppt worden; sie bildeten eine lange Reihe, und an ihnen saßen die Frauen und Mädchen, um Körner in Mehl zu verwandeln und aus dem Mehl dann breite Brotfladen herzustellen.

Man begrüßte sich zunächst still, und die eine Schar mengte sich vorsichtig und noch mißtrauisch unter die andere; aber bereits nach einer Viertelstunde hatte man sich in Freundschaft vereinigt, und überall erklangen fröhliche Stimmen, die den Geist der Höhle lobten, weil er das Leid in Freude verwandelt hatte.

Wir Honoratioren (ich gebrauche dieses Wort natürlich mit ungeheurem Stolze) saßen im Parterre des Melek vereint, um beim Schmause über die Begebenheiten der letzten Tage zu reden. Natürlich war auch mein wackerer Halef dabei, der meine öffentliche Anerkennung seiner Treue und seines mutigen Verhaltens mit sichtlicher Genugthuung entgegennahm. Der Tag war bereits angebrochen, als ich mich mit den Gefährten in den oberen Raum des Hauses begab, um einige Stunden zu schlafen.

Als ich erwachte, hörte ich unten die bekannte Stimme des Raïs von Schohrd. Ich eilte hinab und wurde von ihm mit großer Freundlichkeit begrüßt. Er hatte mir alles mitgebracht, was mir abgenommen worden war; es fehlte nicht das geringste, und dazu sagte er mir, daß er zu jeder Genugthuung bereit sei, die ich von ihm fordern möchte. Natürlich wies ich das entschieden ab.

Vor dem Hause lagen Kurden und Chaldani wirr durcheinander. Sie schlummerten noch friedlich.

Da sah ich von unten herauf zwei weibliche Gestalten langsam nahen. Ich legte die Hand wie einen Schirm über die Augen und erkannte Ingdscha mit der holden »Petersilie«. Die alte, süße Madana hatte sich wahrhaft prachtvoll herausgeputzt, wie ich sah, als sie näher kamen. Ihr Haupt wurde beschattet von einem Hut, der bloß noch aus einer unendlich breiten Krämpe bestand, und um den übrigen Teil zu ersetzen, war ein großer Busch von Hahnenfedern über die klaffende runde Oeffnung gebunden. An Stelle der Schuhe aber waren zwei prachtvoll rote Fußlappen um die Füße gewickelt, leider aber war die Farbe nicht mehr zu erkennen. Von ihren Hüften wallte ein buntscheckiger Teppich hernieder, der die Stelle des Rockes zu vertreten hatte und von einer Schärpe festgehalten wurde, die ich an einem andern Ort für ein altes Küchenhandtuch gehalten hätte. Ihr Oberkörper war eingehüllt in ein Ding, für das den richtigen Namen zu entdecken selbst dem gründlichen Garderobekenner nicht gelungen wäre. Es war teils Kasawiaka, teils Kartoffelsack, teils Beduine und teils lateinisches Segel, teils Konzerttuch und teils Stuhlkappe, teils Saloppe und teils Geiferlatz. Zwischen diesem geheimnisvollen Toilettestück und dem Teppich guckte das Hemd hervor — aber, o süße Petersilie, ist dies Leinen oder Mastrichter Sohlenleder? Giebt es denn im Zab kein Wasser, traute Erretterin eines Emirs aus Germanistan?

Ganz anders wandelte Ingdscha nebenher. Ihr dichtes, volles Haar hing in zwei Zöpfen weit über den Rücken herab; auf dem Scheitel kokettierte ein kleines, in Falten gelegtes türkisch-rotes Tuch; schneeweiße, weite Frauenbeinkleider gingen bis zu niedlichen Smyrnaer Stiefelchen herab; ein blaues, gelbbeschnürtes Baschi-Bozukjäckchen reichte grad bis zu der Taille, und darüber trug sie einen Saub[161] von dünnem, blauen Baumwollenstoff.

Als sie näher kam und mich erblickte, färbten sich die Wangen ihres bräunlichen Gesichtes dunkler. Meine »Petersilie« aber kam sofort mit Siebenmeilenschritten auf mich losgestiegen, legte die Arme über die Brust und forcierte eine Verbeugung, die so tief ging, daß die Spitzen ihrer Hüften fast über den wagrecht liegenden Rücken emporragten.

»Sabahh 'l ker — guten Morgen, Herr!« grüßte sie. »Du wolltest uns heute sehen, hier sind wir!«

Das war eine militärisch kurze Meldung, ich antwortete:

»Seid willkommen und tretet mit mir in das Haus. Meine Gefährten sollen die Frauen kennen lernen, denen ich meine Rettung verdanke.«

»Herr,« sagte Ingdscha, »du hast uns einen Boten gesandt; wir danken dir, denn wir waren wirklich in Sorgen.«

»Hast du deinen Vater bereits gesehen?«

»Nein. Er ist seit gestern nicht in Schohrd gewesen.«

»Er ist hier. Komm herein!«

Schon unter der Thür stießen wir auf den Raïs, der soeben das Haus verlassen wollte. Er machte ein einigermaßen erstauntes Gesicht, als er seine Tochter erblickte, fragte sie aber doch mit freundlicher Stimme:

»Suchst du mich?«

»Es ist Krieg, und ich habe dich seit gestern nicht gesehen,« antwortete sie.

»Aengstige dich nicht; die Feindschaft ist vorüber. Geht zur Frau des Melek; ich habe keine Zeit.«

Er schritt hinaus, schwang sich auf sein Pferd und ritt davon. Ich aber stieg mit den beiden nach oben, wo die Genossen soeben ihre Morgentoilette beendet hatten.

»Heigh-day, wen bringt Ihr da, Master?« fragte Lindsay.

Ich nahm die beiden Frauen bei der Hand und führte sie ihm zu.

»Das sind die beiden Ladies, welche mich aus der Höhle des Löwen befreiten, Sir,« antwortete ich. »Diese hier ist Ingdscha, die Perle, und diese andere heißt Madana, die Petersilie.«

»Petersilie, hm! Aber diese Perle ist prächtig! Habt recht gehabt, Master! Aber beide brav, alle beide. Werde ihnen ein Geschenk geben, gut bezahlen, sehr gut. Yes!«

Auch die anderen waren erfreut, meinen Besuch kennen zu lernen, und ich darf wohl sagen, daß den beiden Chaldäerinnen sehr viel Achtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Sie blieben da bis Mittag, wo sie das Mahl noch mit uns einnehmen mußten, und dann begleitete ich sie eine Strecke Weges nach Schohrd zu. Als ich von ihnen schied, fragte Ingdscha:

»Herr, hast du dich wirklich mit meinem Vater ausgesöhnt?«

»So ist es.«

»Und hast du ihm vollständig verziehen?«

»Vollständig.«

»Und er zürnt mir nicht? Er wird mich nicht schelten?«

»Er wird dir nicht ein unfreundliches Wort sagen.«

»Wirst du ihn einmal besuchen?«

»Bin ich denn dir und ihm willkommen, Ingdscha?«

»Ja, Herr!«

»So komme ich bald, vielleicht schon heute, vielleicht auch morgen.«

»Ich danke dir. Lebe wohl!«

Sie reichte mir die Hand und schritt weiter.

Madana aber blieb bei mir stehen und wartete, bis das Mädchen außer Hörweite war; dann fragte sie:

»Herr, weißt du noch, was wir gestern gesprochen haben?«

Ich ahnte, was jetzt kommen werde, und antwortete daher lächelnd:

»Jedes Wort.«

»Und doch hast du ein Wort vergessen.«

»Ah! Welches?«

»Besinne dich!«

»Ich glaube, alles zu wissen.«

»O, grad das beste, das allerbeste Wort hast du vergessen.«

»So sage es!«

»Das Wort von dem Geschenke!«

»Meine gute Madana, ich habe es nicht vergessen. Verzeihe mir, ich komme aus einem Lande, wo man die Frauen höher hält, als alles andere. Sie, die so schön, so zart und liebenswürdig sind, sollen sich nicht mit schweren Lasten plagen. Darum haben wir euch eure Geschenke nicht mitgegeben. Ihr sollt sie nicht diesen weiten Weg nach Schohrd tragen müssen, sondern wir werden sie euch heute noch senden. Und wenn ich morgen komme, so wird dein Anblick mein Herz erfreuen, denn ich werde dich geschmückt sehen mit dem, was ich dir aus Dankbarkeit verehre.«

Die Wolke schwand, und heller Sonnenschein glänzte auf dem runzeligen Angesicht der guten Petersilie. Dieselbe schlug die Hände zusammen und rief:

»O, wie glücklich müssen die Frauen deines Landes sein! Ist es weit bis dahin?«

»Sehr weit.«

»Wie viele Tagreisen?«

»Weit über hundert.«

»Wie schade! Aber du kommst morgen wirklich?«

»Sicher!«

»Dann lebe wohl, Herr! Der Ruh 'i kulyan hat gezeigt, daß du sein Liebling bist, und auch ich versichere dir, daß ich deine Freundin bin!«

Nun gab sie mir die Hand und eilte Ingdscha nach. Wäre Germanistan nicht so viele Tagreisen entfernt gewesen, so hätte meine Petersilie vielleicht versucht, aus eigener Anschauung kennen zu lernen, »wie glücklich unsere Frauen sind!«

Ich hatte den Rückweg noch nicht sehr weit verfolgt, als ich eine Gestalt rechts von der Höhe herabsteigen sah. Es war die alte Marah Durimeh. Auch sie hatte mich erkannt; sie blieb stehen und winkte mir. Als sie sah, daß ich ihrem Winke Folge leistete, drehte sie sich um und stieg mit langsamen Schritten wieder den Berg hinan, wo sie hinter einem Gesträuch verschwand. Dort erwartete sie mich.

»Der Friede Gottes sei mit dir, mein Sohn!« begrüßte sie mich. »Verzeihe mir, daß ich dich zu mir heraufsteigen ließ. Meine Seele hat dich lieb, und im Hause des Melek kann ich nicht allein mit dir sein; darum rief ich dich zu mir. Hast du ein wenig Zeit für mich?«

»So viel du willst, meine gute Mutter.«

»So komm!«

Sie nahm mich bei der Hand, wie es eine Mutter mit ihrem Kinde thut, und führte mich noch einige hundert Schritte weiter, bis wir einen moosbewachsenen Fleck erreichten, von dem aus man die ganze Gegend überblicken konnte, ohne selbst bemerkt zu werden. Sie setzte sich nieder.

»Komm, nimm an meiner Seite Platz!«

Ich folgte ihrem Gebote. Sie ließ den weiten Mantel fallen, und nun saß sie neben mir so greis, so ehrwürdig, so Ehrfurcht gebietend, wie eine Gestalt aus der Zeit der Propheten Israels.

»Herr,« begann sie, »blicke auf, dahin zwischen Süd und Ost. Diese Sonne bringt Frühling und Herbst, bringt Sommer und Winter; ihre Jahre sind mehr als hundert Male über mein Haupt dahingegangen. Siehe dieses Haupt an! Es hat nicht mehr das Grau des Alters, sondern das Weiß des Todes. Ich sagte dir bereits in Amadijah, daß ich nicht mehr lebe, und ich habe die Wahrheit gesprochen; ich bin ein — Geist, der Ruh 'i kulyan.«

Sie hielt inne. Ihre Stimme klang dumpf und hohl, wie wirklich aus dem Grabe heraus; aber sie vibrierte doch wie unter der Regung eines lebendigen Herzens, und die Augen, die auf das Gestirn des Tages gerichtet waren, zeigten einen leichten, feuchten Glanz.

»Ich habe viel gehört und viel gesehen,« fuhr sie fort. »Ich sah den Hohen fallen und den Niedern emporsteigen; ich sah den Bösen triumphieren und den Guten zu Schanden werden; ich sah den Glücklichen weinen und den Unglücklichen jubeln. Die Gebeine des Mutigen zitterten vor Angst, und der Zaghafte fühlte den Mut des Löwen in seinen Adern. Ich weinte und lachte mit; ich stieg und sank mit — dann kam die Zeit, in der ich denken lernte. Da fand ich, daß ein großer Gott das All regiert und daß ein lieber Vater alle bei der Hand hält, den Reichen und den Armen, den Jubelnden und den Weinenden. Aber viele sind abgefallen von ihm; sie lachen über ihn. Und noch andere nennen sich zwar seine Kinder, aber sie sind dennoch die Kinder dessen, der in der Dschehennah wohnt. Darum geht ein großes Leid hin über die Erde und über die Menschen, die sich nicht von Gott strafen lassen wollen. Und doch kann keine zweite Sündflut kommen, denn Gott würde keinen Noah finden, der der Vater eines besseren Geschlechtes werden kann.«

Sie machte eine neue Pause. Ihre Worte, der Ton ihrer Stimme, dieses tote und doch so sprechende Auge, ihre langsamen, müden und doch so bezeichnenden Gesten machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich begann die geistige Herrschaft zu begreifen, die dieses Weib auf die intellektuell armen Bewohner dieses Landes ausübte. Sie fuhr fort:

»Meine Seele zitterte, und mein Herz wollte brechen; das arme Volk erbarmte mich. Ich war reich, sehr reich an irdischen Gütern, und in meinem Herzen lebte der Gott, den sie verworfen hatten. Mein Leben starb, aber dieser Gott starb nicht mit. Er berief mich, seine Dienerin zu sein. Und nun wandere ich von Ort zu Ort, mit dem Stab des Glaubens in der Hand, um zu reden und zu predigen von dem Allmächtigen und Allgütigen, nicht mit Worten, die man verlachen würde, sondern mit Thaten, die segnend auf jene fallen, die der Barmherzigkeit des Vaters bedürftig sind. Die alte Marah Durimeh und der Ruh 'i kulyan sind dir ein Rätsel gewesen; sind sie es dir auch jetzt noch, mein Sohn?«

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihre dürre Knochenhand erfassen und an meine Lippen drücken.

»Ich verstehe dich!«

»Ich wußte es, daß es bei dir nur dieser Worte bedurfte; denn auch du ringst mit dem Leben, ringst mit den Menschen außer dir und mit dem Menschen in dir selbst.«

Ich schaute rasch auf zu ihr. War sie mit der Gabe des Sehens begnadet? Wie kam es, daß ihr Auge so tief drang und so richtig blickte? Ich antwortete nicht, und sie fuhr nach einer Weile fragend fort:

»Du bist ein Emir in deinem Lande?«

»Nicht das, was bei euch ein Emir ist. Bei uns giebt es Emire der Geburt, Emire des Geldes, Emire des Wissens und Emire des Leidens, des Duldens und des Ringens.«

»Zu welchen gehörest du?«

»Zu den letzteren.«

Sie blickte mich lange forschend an; dann fragte sie:

»Bist du reich?«

»Ich bin arm.«

»Arm an Gold und Silber, aber nicht arm an andern Gütern; denn dein Herz teilt Gaben aus, die andere erfreuen. Ich habe gehört, wie viele Freunde du dir erworben hast, und auch mich hast du beglückt. Warum bleibst du nicht daheim; warum gehest du in ferne Länder? Man sagt, du wanderst, um mit deinen Waffen Thaten zu verrichten; aber dies ist nicht wahr, denn die Waffen töten, und du willst den Tod des Nächsten nicht.«

»Marah Durimeh, ich habe noch keinem gesagt, weshalb ich die Heimat immer wieder verlasse; du aber sollst es hören.«

»Weiß es auch in deiner Heimat niemand?«

»Nein. Ich bin dort ein unbekannter, einsamer Mann; aber diese Einsamkeit thut meinem Herzen wohl.«

»Mein Sohn, du bist noch jung. Hat dir Allah bereits solches Leid beschert, daß deine Seele einwärts geht?«

»Das ist es nicht, sondern es ist das, was dich noch leben läßt,« erwiderte ich.

»Erkläre es mir!« sagte sie.

»Wer in der Wüste schmachtet, der lernt den Wert des Tropfens erkennen, der dem Dürstenden das Leben rettet. Und auf wem das Gewicht des Leides und der Sorge lastete, ohne daß eine Hand sich helfend ihm entgegenstreckte, der weiß, wie köstlich die Liebe ist, nach der er sich vergebens sehnte. Und doch ist mein ganzes Herz erfüllt von dem, was ich nicht fand, von jener Liebe, die den Sohn des Vaters auf die Erde trieb, um ihr die frohe Botschaft zu verkünden, daß alle Menschen Brüder sind und Kinder eines Vaters. Und wie der Heiland aus den Höhen, wohin kein Sterblicher dringen kann, auf die kleine Erde herniederstieg, so gehen nun seine Boten hinaus in alle Welt, um das Evangelium der Liebe zu verkündigen allen, die noch in Finsternis wandeln. Das sind die Emire des Christentums, die Helden des Glaubens, die Meleks der Barmherzigkeit.«

»Aber nicht alle lehren das, was du jetzt gesprochen hast. Es giebt Sendlinge, die die Boten des echten Glaubens verfolgen. Siehe dieses Land an, über dem jetzt die Sonne leuchtet. Dieselbe Sonne hat Tausende hier sterben sehen, und derselbe Fluß, den du hier vor uns erblickst, hat Hunderte von Leichen mit sich fortgerissen. Und warum? Frage die Emire des Glaubens, die dort hinter den Bergen von Karitha und Tura Schina wohnten; frage die Scheiks der christlichen Fürsten, die bei den Statthaltern des Sultans waren und dies alles ruhig geschehen ließen! Hat nicht jeder christliche Sultan und Schah das Recht und die Pflicht, die Christen zu schützen, sie mögen sich befinden, wo es nur immer sei? Ich habe heut um Mitternacht die Christen dieses Thales vom Tode errettet, ich, das Weib; warum haben diese Emire weniger Macht als ich? Einst war ich Meleka; jetzt bin ich nur ein altes Weib; aber dennoch hören Türken, Kurden und Chaldani meine Stimme. Auch ich habe heut um Mitternacht das Christentum verkündet, aber nicht das Christentum des Wortes, über dessen Sinn die Abgefallenen streiten, sondern das Christentum der That, daran niemand zweifeln kann. Züchtigt die Bösen, und sie werden es euch später danken, während die Guten, die sich nach Erlösung sehnen, euer Nahen mit Freudigkeit begrüßen werden. Sendet nicht Boten, die wie einzelne Funken im Meere verlöschen, sondern sendet Männer, vor denen sich der Unterdrücker fürchtet; dann werden die Berge jauchzen und die Thäler jubilieren; das Land wird Segen bringen zu jeder Zeit, und es wird das Wort von einem Hirten und einer Herde sich erfüllen. Hat nicht dieser eine Hirt bereits seinen Statthalter auf Erden? Warum wendet ihr selbst euch von ihm weg? Kehrt zu ihm zurück; dann seid ihr einig, und die Macht dessen, der euch sendet, wird die Erde zu dem Belad el Kuds[162] machen, in dem Milch und Honig fließt!«

Sie hatte während ihrer Rede sich erhoben. Ihre vorher gebeugte Gestalt stand aufrecht vor mir; in ihren erstorbenen Zügen zeigte sich plötzliches Leben; ihre tief eingesunkenen Augen leuchteten vor Begeisterung, und ihre Stimme erscholl laut und voll, als ob sie zu Tausenden rede. Es war ein Augenblick, den ich nie vergessen werde. Jetzt hielt sie erschöpft inne und setzte sich wieder nieder. Diese Frau mußte viel gesehen und gehört, viel gefühlt und gedacht, vielleicht auch gar manches gelesen haben. Was sollte ich ihr antworten?

»Marah Durimeh, tadelst du auch mich?« fragte ich sie.

»Dich? Warum meinst du das?«

»Weil ich auch ein Bote bin.«

»Du?! Wer hat dich gesandt?«

»Niemand. Ich komme selbst.«

»Um zu lehren?«

»Nein, und doch auch ja.«

»Ich verstehe dich nicht, mein Sohn. Erkläre es!«

»Du selbst hast gesagt, daß du Boten der That wünschest, aber der That, die nicht im Meere verlischt. Gott teilt die Gaben nach seiner Weisheit aus. Dem einen giebt er die erobernde Rede und dem andern befiehlt er, zu wirken, bevor die Zeit kommt, da er nicht mehr wirken kann. Mir ist die Gabe der Rede versagt, aber ich muß wuchern mit dem Pfunde, das Gott mir verliehen hat. Darum läßt es mich in der Heimat nimmer ruhen; ich muß immer wieder hinaus, um zu lehren und zu predigen, nicht durch das Wort, sondern dadurch, daß ich jedem Bruder, bei dem ich einkehre, nützlich bin. Ich war in Ländern und bei Völkern, deren Namen du nicht kennst; ich bin eingekehrt bei weiß, gelb, braun und schwarz gefärbten Menschen; ich war der Gast von Christen, Juden, Moslemin und Heiden; bei ihnen allen habe ich Liebe und Barmherzigkeit gesäet. Ich ging wieder fort und war reich belohnt, wenn es hinter mir erklang: ›Dieser Fremdling kannte keine Furcht; er konnte und wußte mehr als wir und war doch unser Bruder; er ehrte unsern Gott und liebte uns; wir werden ihn nie vergessen, denn er war ein guter Mensch, ein wackerer Gefährte; er war — — ein Christ!‹ Auf diese Weise verkündige ich meinen Glauben. Und sollte ich auch nur einen einzigen Menschen finden, der diesen Glauben achten und vielleicht gar dann lieben lernt, so ist mein Tagewerk nicht umsonst gethan, und ich will irgendwo auf dieser Erde mich von meiner Wanderung gern zur Ruhe legen.«

Es entstand eine lange, lange Pause. Wir beide blickten wortlos zur Erde nieder; dann ergriff sie langsam mit beiden Händen meine Rechte.

»Herr,« sagte sie, »ich liebe dich!«

Dabei sahen mich die alten Augen so mütterlich innig an, daß ich's nie vergessen werde!

»Mein Sohn,« sagte sie, »wenn du dieses Thal verlassen hast, so wird mein Auge dich nie wiedersehen, aber Marah Durimeh wird für dich beten und dich segnen, bis dieses Auge geschlossen ist. Du sollst nun auch der einzige sein, der außer den dreien, die um Mitternacht beim Ruh 'i kulyan waren, mein Geheimnis erfährt. Willst du?«

»Wenn Schweigen besser ist, so verzichte ich darauf; doch willst du es mir wirklich und gewiß gern anvertrauen, so nimm meinen Dank dafür.«

»Diese drei haben geschworen, nie ein Wort davon zu sagen — — —.«

»Auch ich werde nie darüber sprechen.«

»Zu keinem Menschen?«

»Zu niemand!«

»So sollst du alles hören.«

Und nun erzählte sie. Es war eine Geschichte, die als Sujet einen Autor berühmt machen könnte, eine lange Geschichte aus jener Zeit, in der die drei Teufel Abd-el-Summit-Bey, Beder-Khan-Bey und Nur-Ullah-Bey das Christentum im Thale des Zab ausrotteten, eine Geschichte, die mir die Haare sträuben machte. Es dauerte lange, ehe sie beendet war, und dann saß die Alte noch geraume Zeit in tiefem Schweigen neben mir. Nur ein leises Schluchzen unterbrach dann und wann die Stille, und die knöcherne Hand langte nach den Augen, um die immerfort rinnenden Thränen zu trocknen. Dann legte sie ermüdet und ganz von selbst ihr Haupt an meine Schulter und bat mit leiser Stimme:

»Gehe jetzt! Ich wollte hinab nach Lizan gehen; aber ich steige nochmals zurück, um zu warten, bis mein Herz wieder ruhig schlägt. Am Abend komme ich zu euch.«

Ich achtete diesen Wunsch und ging.

Als ich in Lizan anlangte, sah ich keine Kurden mehr; aber der Bey hatte auf mich gewartet.

»Emir,« sagte er, »meine Leute sind fort, und auch ich scheide von hier; aber ich erwarte, daß du zurück nach Gumri kommst.«

»Ich komme.«

»Auf lange Zeit?«

»Auf kurze Zeit, denn die Haddedihn sehnen sich nach den Ihrigen.«

»Sie haben mir versprochen, mitzukommen, und wir werden dann beraten, wie ihr am sichersten den Tigris erreicht. Lebe wohl, Emir!«

»Lebe wohl!«

Der Melek stand mit meinen Gefährten dabei. Der Bey verabschiedete sich nochmals bei ihnen und eilte dann davon, um seine Kurden zu erreichen.

Marah Durimeh hielt Wort: sie kam des Abends; und als sie mich ungehört sprechen konnte, fragte sie mich:

»Herr, willst du mir eine Bitte erfüllen?«

»Von Herzen gern.«

»Glaubst du an die Macht der Amulette?«

»Nein.«

»Aber dennoch habe ich dir heut eins gemacht. Willst du es tragen?«

»Als Andenken an dich, ja.«

»So nimm es. Es hilft nicht, so lange es geschlossen ist; aber wenn du einmal eines Retters bedarfst, so öffne es; der Ruh 'i kulyan wird dir dann beistehen, auch wenn er nicht an deiner Seite ist.«

»Ich danke dir.«

Das Amulett war viereckig und in einem zusammengenähten Kattunlappen eingeschlossen. Da es mit einem Bande versehen war, hing ich es mir gleich um den Hals. Später sollte es mir allerdings sehr nützlich sein, trotz meines offen gestandenen Unglaubens; freilich konnte ich nicht erwarten, daß der Inhalt ein so überraschender sei. —