»Chosch geldin demek; ömriniz tschok ola — seid mir willkommen; euer Leben möge lang sein!« empfing uns der Kommandant.
»Grad so, wie das deinige,« antwortete ich ihm. »Wir sind von fern her gekommen, um dir zu sagen, daß wir uns freuen, dein Angesicht zu sehen. Möge Segen in deinem Hause wohnen und jedes Werk gelingen, das du unternimmst!«
»Auch euch wünsche ich Heil und Erfolg in allem, was ihr thut! Wie heißt das Land, das deinen Tag gesehen hat, Emir?«
»Germanistan.«
»Hat es einen großen Sultan?«
»Es hat sehr viele Padischahs.«
»Und viele Krieger?«
»Wenn die Padischahs von Germanistan ihre Krieger versammeln, so sehen sie mehrere Millionen Augen auf sich gerichtet.«
»Ich habe dieses Land noch nicht gesehen, aber es muß ein großes und ein berühmtes sein, da du unter dem Schutze des Großherrn stehest.«
Dies war natürlich ein Wink, mich zu legitimiren. Ich that es sogleich:
»Dein Wort ist richtig. Hier hast du das Bu-djeruldi des Padischah!«
Er nahm es, drückte es an Stirn, Mund und Brust und las es.
»Hier lautet doch dein Name anders als Kara Ben Nemsi!«
Ah, das war fatal! Der Umstand, daß ich den mir von Halef gegebenen Namen hier beibehalten hatte, konnte uns schädlich werden; doch faßte ich mich schnell und meinte:
»Willst du mir einmal den Namen vorlesen, der hier auf dem Pergamente steht?«
Er versuchte es, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Und über den Namen des Heimatortes stolperte er vollends gar hinweg.
»Siehest du!« erklärte ich. »Kein Türke kann einen Namen aus Germanistan richtig lesen und aussprechen; kein Mufti und kein Mollah bringt dies fertig, denn unsere Sprache ist sehr schwer und wird in einer andern Schrift geschrieben, als die eurige ist. Ich bin Hadschi Kara Ben Nemsi; das wird dir auch dieser Brief beweisen, welchen der Mutessarif von Mossul mir für dich mitgegeben hat.«
Ich reichte ihm das Schreiben hin. Als er es gelesen hatte, war er befriedigt und gab mir das Bu-djeruldi nach der gebräuchlichen Ceremonie zurück.
»Und dieser Effendi ist Hadschi Lindsay-Bey?« fragte er dann.
»So ist sein Name.«
»Aus welchem Lande ist er?«
»Aus Londonistan,« antwortete ich, um den bekannteren Namen von England zu vermeiden.
»Er hat gelobt, nicht zu sprechen?«
»Er spricht nicht.«
»Und er kann zaubern?«
»Höre, Mutesselin, von der Magie soll man nicht sprechen, wenigstens nicht zu jemand, den man noch nicht kennt.«
»Wir werden uns kennen lernen, denn ich bin ein großer Freund der Magie. Glaubst du, daß man Geld machen kann?«
»Ja, Geld kann man machen.«
»Und daß es einen Stein der Weisen giebt?«
»Es giebt einen, aber er liegt nicht in der Erde, sondern im menschlichen Herzen vergraben und kann also auch nicht durch die Scheidekunst bereitet werden.«
»Du sprichst sehr dunkel; aber ich sehe, daß du ein Kenner der Magie bist. Es giebt eine weiße und eine schwarze. Kennst du alle beide?«
Ich konnte nicht anders, ich mußte lustig antworten:
»O, ich kenne auch alle andern Arten.«
»Es giebt noch andere? Welche?«
»Eine blaue, eine grüne und gelbe, auch eine rote und graue. Dieser Hadschi Lindsay-Bey war erst ein Anhänger der graukarrierten, jetzt aber hat er die schwarzrote angenommen.«
»Das sieht man an seinem Gewande. Selim Agha hat mir erzählt, daß er eine Hacke bei sich führt, mit welcher er in die Erde schlägt, um die Sprachen der Verstorbenen zu erforschen.«
»So ist es. Aber laß uns heute darüber schweigen. Ich bin ein Krieger und Effendi, aber kein Schulmeister, der andere unterrichtet.«
Der brave Kommandant hatte alle Hilfsquellen der ausgesaugten Provinz erschöpft und suchte nun sein Heil in der Magie. Es konnte mir nicht einfallen, ihn in seinem Aberglauben zu bestärken, aber ich hatte in den gegenwärtigen Verhältnissen auch keine Veranlassung, sie ihm wegzudisputieren. Oder hatte ihn nur die berühmte Hacke meines Master Fowling-bull auf den Gedanken gebracht, mit mir über die Magie zu verhandeln? Das war auch möglich. Uebrigens machten meine letzten Worte wenigstens den Eindruck auf ihn, daß er in die Hände klatschte und Kaffee und Pfeifen bringen ließ.
»Ich hörte, daß der Mutessarif einen Kampf mit den Dschesidi gehabt habe?« begann er ein anderes Thema.
Dasselbe war für mich nicht ungefährlich, aber ich wußte nicht, wie ich es hätte abweisen können. Es begann grad wie ein Verhör: »Ich hörte!« Und doch mußte er als der nächste Untergebene des Gouverneur und als Kommandant von Amadijah die Sache nicht bloß vom Hören-Sagen kennen. Ich trat dazu in seine eigenen Fußstapfen:
»Auch ich hörte davon.« Und um einer Frage seinerseits zuvorzukommen, fügte ich hinzu: »Er wird sie gezüchtigt haben, und nun kommen wohl die widerspenstigen Araber an die Reihe.«
Er horchte auf und blickte mich forschend an.
»Woraus vermutest du das, Emir?«
»Weil er selbst mit mir davon sprach.«
»Er selbst? Der Mutessarif?«
»Ja.«
»Wann?«
»Als ich bei ihm war, natürlich.«
»Wie kam er dazu?« erkundigte er sich, ohne eine Miene des Unglaubens ganz verbergen zu können.
»Jedenfalls weil er Vertrauen zu mir hatte und gewillt ist, mir in Beziehung auf diesen Kriegszug eine Aufgabe zu erteilen.«
»Welche?«
»Hast du einmal etwas von Politik und Diplomatik gehört, Mutesselim?«
Er lächelte überlegen.
»Wäre ich Kommandant von Amadijah, wenn ich nicht ein Diplomat wäre?«
»Du hast sehr recht! Aber warum zeigst du mir es nicht, daß du ein solcher bist?«
»Bin ich undiplomatisch gewesen?«
»Sehr!«
»Inwiefern?«
»Weil du mich nach meiner Aufgabe in so direkter Weise fragst, daß ich erstaunen muß. Ich darf von ihr nicht sprechen, und du hättest es nur durch eine feine und kluge Ausforschung erfahren können.«
»Warum dürftest du es mir nicht sagen? Der Mutessarif hat kein Geheimnis vor mir!«
»Du mußtest mich fragen, um etwas über diese Angelegenheit zu erfahren; dies ist doch der sicherste Beweis, daß der Mutessarif gegen mich offenherziger gewesen ist, als gegen dich. Wie nun, wenn ich grad in einer Sache, die auf seinen Einfall in das Gebiet der Araber Bezug hat, nach Amadijah gekommen wäre?«
»Das ist nicht möglich!«
»Das ist sehr möglich! Ich will dir nur soviel vertrauen, daß der Gouverneur mich nach meiner Rückkehr von Amadijah zu den Weideplätzen der Araber senden wird. Ich soll dort heimlich das Terrain studieren, damit ich ihm meine Vorschläge machen kann.«
»Ist dies wahr?«
»Ich sage es dir im Vertrauen, folglich ist es wahr.«
»Dann bist du ein großer Vertrauter von ihm!«
»Vermutlich!«
»Und hast Einfluß auf ihn!«
»Wenn dies der Fall wäre, so dürfte ich es doch nicht behaupten. Sonst könnte ich diesen Einfluß doch sehr leicht verlieren.«
»Emir, du machst mich besorgt!«
»Warum?«
»Ich weiß, daß die Gnade des Mutessarif nicht über mir leuchtet. Sage mir, ob du wirklich sein Freund und Vertrauter bist!«
»Er hat mir mitgeteilt, was er andern vielleicht nicht sagen würde, sogar von seinem Zuge gegen die Dschesidi hat er mir vorher gesagt; ob ich aber sein Freund bin, das ist eine Frage, deren Beantwortung du mir erlassen mußt.«
»Ich werde dich auf die Probe stellen, ob du wirklich mehr weißt, als andere!«
»Thue es!« sagte ich zuversichtlich, obgleich ich innerlich einige Besorgnis fühlte.
»Auf welchen Stamm der Araber hat er es besonders abgesehen?«
»Auf die Schammar.«
»Und auf welche Abteilung derselben?«
»Auf die Haddedihn.«
Jetzt nahm sein scharfes Gesicht einen lauernden Ausdruck an.
»Wie heißt der Scheik derselben?«
»Mohammed Emin. Kennst du ihn?«
»Nein. Aber ich hörte, der Mutessarif soll ihn gefangen genommen haben. Er hat doch sicher davon zu dir gesprochen, da er dir sein Vertrauen schenkte und dich zu den Arabern senden will!«
Dieser gute Mann machte wirklich eine Anstrengung, diplomatisch zu sein! Ich aber lachte ihm in das Gesicht.
»O Mutesselim, du stellst mich da sehr hart auf die Probe! Ist Amad el Ghandur so alt, daß du ihn mit Mohammed Emin, seinem Vater, verwechselst!«
»Wie kann ich sie verwechseln, da ich beide noch nie gesehen habe!«
Ich erhob mich.
»Laß uns unser Gespräch beenden! Ich bin kein Knabe, den man narren darf. Aber wenn du den Gefangenen sehen willst, so gehe hinab in das Gefängnis; der Sergeant wird dir ihn zeigen. Ich sage dir nur: Halte es geheim: wer er ist, und laß ihn ja nicht entkommen! Solange der zukünftige Scheik der Haddedihn sich in der Gewalt des Mutessarif befindet, kann dieser letztere den Arabern Bedingungen stellen. Jetzt erlaube, daß ich gehe!«
»Emir, ich wollte dich nicht beleidigen. Bleibe!«
»Ich habe heute noch anderes zu thun.«
»Du mußt bleiben, denn ich habe dir ein Mahl bereiten lassen!«
»Ich kann in meiner Wohnung speisen und danke dir. Uebrigens steht draußen ein Kurde, der notwendig mit dir zu sprechen hat. Er war eher da als ich, und darum wollte ich ihm den Vortritt lassen; er war aber so höflich, dies abzulehnen.«
»Er ist ein Bote des Bey von Gumri. Er mag warten!«
»Mutesselim, erlaube, daß ich dich vor einem Fehler warne!«
»Vor welchem?«
»Du behandelst diesen Bey wie einen Feind oder doch wie einen Mann, den man nicht zu achten oder zu fürchten braucht!«
Ich sah es ihm an, daß er sich Mühe gab, eine zornige Aufwallung zu beherrschen.
»Willst du mir Lehren geben, Emir, du, den ich gar nicht kenne?«
»Nein. Wie kann ich es wagen, dich belehren zu wollen, da du mehr als mein Alter hast! Bereits als wir von der Magie sprachen, habe ich dir bewiesen, daß ich dich für weiser halte, als daß ich dich belehren könnte. Aber einen Rat darf auch der Jüngere dem Aelteren erteilen!«
»Ich weiß selbst, wie man diese Kurden zu behandeln hat. Sein Vater war Abd el Summit Bey, der meinen Vorgängern und besonders dem armen Selim Zillahi so große Mühe machte!«
»Soll sein Sohn euch dieselbe Mühe machen? Der Mutessarif braucht seine Truppen gegen die Araber, und einen Teil derselben muß er stets gegen die Dschesidi bereit halten, denen er nicht trauen darf. Was wird er sagen, wenn ich ihm mitteile, daß du die Kurden von Berwari so behandelst, daß auch hier ein Aufstand zu befürchten steht, wenn sie merken, daß der Gouverneur augenblicklich nicht die Macht besitzt, ihn niederzudrücken? Thue was du willst, Mutesselim. Ich werde dir weder eine Lehre noch einen Rat erteilen.«
Dieses Argument frappierte ihn; das sah ich ihm an.
»Du meinst, daß ich den Kurden empfangen soll?«
»Thue, was du willst. Ich wiederhole es!«
»Wenn du mir versprichst, bei mir zu essen, so werde ich ihn in deiner Gegenwart hereinkommen lassen.«
»Unter dieser Bedingung kann ich hier bleiben; denn ich gehe meist ja deshalb, damit er nicht meinetwegen noch länger warten müsse.«
Der Mutesselim klatschte in die Hände, und aus einer Nebenthüre trat der Diener ein, welcher den Befehl erhielt, den Kurden hereinzurufen. Dieser schritt in stolzer Haltung in das Zimmer und grüßte mit einem kurzen »Sellam«, ohne sich zu bücken.
»Du bist ein Bote des Bey von Gumri?« fragte der Kommandant.
»Ja.«
»Was hat mir dein Herr zu sagen?«
»Mein Herr? Ein freier Kurde hat nie einen Herrn. Er ist mein Bey, mein Anführer im Kampfe, nicht aber mein Gebieter. Dieses Wort kennen nur die Türken und Perser.«
»Ich habe dich nicht rufen lassen, um mich mit dir zu streiten. Was hast du an mich auszurichten?«
Der Kurde mochte ahnen, daß ich die Ursache sei, daß er nicht länger zu warten brauchte. Er warf mir einen verständnisvollen Blick zu und antwortete sehr ernst und langsam:
»Mutesselim, ich hatte etwas auszurichten; da ich aber so lange warten mußte, habe ich es vergessen. Der Bey muß dir also einen andern Boten senden, der es wohl nicht vergessen wird, wenn er nicht zu warten braucht!«
Das letzte Wort sprach er bereits unter der Thüre; dann war er verschwunden. Der Kommandant machte ein ganz verblüfftes Gesicht. So etwas hatte er nicht erwartet, während ich mir im stillen sagte, daß kein europäischer Ambassadeur korrekter hätte handeln können, als dieser junge, einfache Kurde. Es zuckte mir förmlich in den Beinen, ihm nachzueilen, um ihm meine Achtung und Anerkennung auszusprechen. Auch der Mutesselim wollte ihm nachspringen, aber in etwas anderer Absicht.
»Schurke!« rief er aufspringend. »Ich werde — —«
Er besann sich aber doch und blieb stehen. Ich stopfte mir sehr gleichmütig meinen Tschibuk und brannte an.
»Was sagst du dazu, Emir?« fragte er.
»Daß ich es so kommen sah. Ein Kurde ist kein heuchelnder Grieche und auch kein schmutziger Jude, der sich nicht einmal krümmt, wenn man ihn tritt. Was wird der Bey von Gumri thun, und was wird der Mutessarif sagen!«
»Du wirst es ihm erzählen?«
»Ich werde schweigen, aber er wird die Folgen sehen.«
»Ich lasse diesen Kurden zurückrufen!«
»Er wird nicht kommen.«
»Ich will ihm ja nicht zürnen!«
»Er wird das nicht glauben. Es giebt nur einen einzigen, der ihn bewegen kann, zurückzukehren.«
»Wer ist das?«
»Ich bin es.«
»Du?«
»Ja. Ich bin sein Freund; er wird vielleicht auf meine Stimme hören.«
»Du bist sein Freund? Du kennst ihn?«
»Ich habe ihn in deinem Vorzimmer zum erstenmal gesehen. Aber ich sprach zu ihm wie zu einem Manne, welcher der Bote eines Bey ist, und das hat ihn sicher zu meinem Freund gemacht.«
»Du weißt jedoch nicht, wo er sich befindet!«
»Ich weiß es.«
»Wo ist er? Fort von Amadijah. Sein Pferd stand unten.«
»Er ist in meiner Wohnung, wohin ich ihn eingeladen habe.«
»Du hast ihn eingeladen? Soll er bei dir essen?«
»Ich werde ihn als Gast empfangen; die Hauptsache aber ist, daß ich ihm eine Botschaft an den Bey anzuvertrauen habe.«
Der Mutesselim staunte immer mehr.
»Was für eine Botschaft?«
»Ich denke, du bist ein Diplomat? Frage den Mutessarif!«
»Emir, du sprichst in lauter Rätseln!«
»Deine Weisheit wird sie sehr bald zu lösen wissen. Ich will dir aufrichtig sagen, daß du einen Fehler begangen hast, und da du weder eine Lehre noch einen Rat von mir annehmen willst, so erlaube mir wenigstens, diesen Fehler wieder gut zu machen, indem ich dem Bey von Gumri eine sehr friedliche Botschaft sende!«
»Ich darf sie nicht wissen?«
»Ich will es dir im Vertrauen mitteilen, trotzdem es ein diplomatisches Geheimnis ist: Ich habe ihm ein Geschenk zu übermitteln.«
»Ein Geschenk? Von wem?«
»Das darf ich allerdings nicht sagen, aber du kannst es vielleicht erraten, wenn ich dir gestehe, daß der betreffende Beamte und Gebieter, von dem es kommt, im Westen von Amadijah wohnt und sehr wünscht, daß der Bey von Gumri ihm nicht feindlich gesinnt werde.«
»Herr, jetzt sehe ich, daß du wirklich der Vertraute des Mutessarif von Mossul bist; denn von ihm kommt das Geschenk, du magst es nun sagen oder nicht!«
Der Mann war ein Schwachkopf und ganz unfähig für sein Amt. Ich erfuhr später, daß er die Kreatur seines Vorgängers gewesen war, der selbst auch den Sprung vom Nefus Emini in Zilla in Kleinasien zum Mutesselim von Amadijah gethan hatte. Mein Besuch bei diesem Kommandanten hatte eine ganz unerwartete, frappante Wendung erhalten. Für was er mich nahm, das konnte ich zwar hören und vermuten, nicht aber sicher behaupten; und doch führte mich der eigentümliche Gang unsers Gespräches dazu, ihm Dinge zu sagen, Dinge wissen oder ahnen zu lassen, von denen er recht wohl auf die Absicht unserer Anwesenheit hätte schließen können. Er hatte wohl kaum das rechte Zeug, ein guter Dorfältester, viel weniger aber Mutesselim zu sein; aber doch dauerte er mich im geheimen, wenn ich an die Verlegenheit dachte, in welche ihn das Gelingen unsers Vorhabens bringen mußte. Die Möglichkeit, ihn dabei zu schonen, wäre mir willkommen gewesen; aber es gab sie ja nicht.
Die Fortsetzung unseres Gespräches wurde aufgeschoben, da man das Essen brachte. Es bestand aus einigen Stücken des geliehenen Hammels und einem mageren Pillau. Der Kommandant langte fleißig zu und vergaß dabei das Sprechen; als er sich aber gesättigt hatte, fragte er:
»Du wirst den Kurden wirklich bei dir treffen?«
»Ja; denn ich glaube, daß er sein Wort hält.«
»Und ihn wieder zu mir schicken?«
»Wenn du es haben willst, ja.«
»Wird er auf dich warten?«
Dies war ein leiser Fingerzeig, der seinen Grund nicht in einem Mangel an Gastfreundlichkeit, sondern in der Besorgnis hatte, daß der Bote die Geduld auch bei mir verlieren werde. Darum antwortete ich:
»Er will bald aufbrechen, und darum wird es geraten sein, daß ich ihn nicht ermüde. Erlaubst du, daß wir gehen?«
»Unter der Bedingung, daß du mir versprichst, heute abend abermals mein Gast zu sein.«
»Ich verspreche es. Wann wünschest du, daß ich komme?«
»Ich werde es dir durch Selim Agha wissen lassen. Ueberhaupt bist du mir willkommen, wann und so oft du kommst.«
Unser Gastmahl hatte also nicht lange Zeit in Anspruch genommen. Wir brachen auf und wurden in sehr höflicher Weise von ihm bis hinunter vor das Thor begleitet. Dort warteten unsere beiden Begleiter mit den Pferden auf uns.
»Du hast einen Baschi-Bozuk bei dir?« fragte der Kommandant.
»Ja, als Khawaß. Der Mutessarif bot mir ein großes Gefolge an, doch ich bin gewohnt, mich selbst zu beschützen.«
Jetzt erblickte er den Rappen.
»Welch ein Pferd! Hast du es gekauft oder groß gezogen?«
»Es ist ein Geschenk.«
»Ein Geschenk! Herr, der es dir schenkte, ist ein Fürst gewesen! Wer war es?«
»Auch das ist ein Geheimnis; aber du wirst ihn vielleicht bald sehen.«
Wir stiegen auf, und sofort brüllte Selim Agha seiner Wachtparade, die auf uns gewartet hatte, den Befehl entgegen:
»Silahlarile nischanlaryn — zielt mit den Gewehren!«
Sie legten an, aber nicht zwei von den Flinten bildeten eine Linie miteinander.
»Tschalghy, schamataji kylyn — Musik, macht Lärm!«
Das vorige Wimmern und Kaffeemahlen begann.
»Hepsi herbiri halan atyn — schießt alle zugleich los!«
O weh! Kaum die Hälfte dieser Mordgewehre hatte den Mut, einen Laut von sich zu geben. Der Agha rollte die Augen; die Träger der konfusen Schießinstrumente rollten auch die Augen und bearbeiteten die Schlösser ihrer Vorderlader, aber erst nachdem wir bereits um die nächste Ecke gebogen waren, erklang hier und da ein leises Gekläff, welches uns vermuten ließ, daß wieder einmal ein Pfropfen aus dem Laufe geschlingert worden sei.
Als wir zu Hause anlangten, saß der Kurde in meinem Zimmer auf meinem Teppich und rauchte aus meiner Pfeife meinen Tabak. Das freute mich, denn es bewies mir, daß unsere Ansichten über Gastlichkeit ganz dieselben seien.
»Kheïr ati, hemscher — willkommen, Freund!« begrüßte ich ihn.
»Wie, du redest kurdisch?« fragte er erfreut.
»Ein wenig nur, aber wir wollen es versuchen!«
Ich hatte Halef den Befehl gegeben, für mich und den Gast bei irgend einem Speisewirte etwas Eßbares aufzutreiben, und konnte mich also dem Boten des Bey von Gumri ruhig widmen. Ich steckte mir nun auch eine Pfeife an und ließ mich an seiner Seite nieder.
»Ich habe dich länger warten lassen, als ich wollte,« begann ich; »ich mußte mit dem Mutesselim essen.«
»Herr, ich habe gern gewartet. Die schöne Jungfrau, welche deine Wirtin ist, mußte mir eine Pfeife reichen, und dann habe ich mir von deinem Tabak genommen. Ich hatte dein Angesicht gesehen und wußte, daß du mir nicht darüber zürnen würdest.«
»Du bist ein Krieger des Bey von Gumri; was mein ist, das ist auch dein. Auch muß ich dir danken für das Vergnügen, welches du mir bereitet hast, als ich mich bei dem Kommandanten befand.«
»Welches?«
»Du bist ein Jüngling, aber du hast als Mann gehandelt, als du ihm deine Antwort gabst.«
Er lächelte und sagte:
»Ich hätte anders mit ihm gesprochen, wenn ich allein gewesen wäre.«
»Strenger?«
»Nein, sondern milder. Da aber ein Zeuge zugegen war, so mußte ich die Ehre dessen wahren, der mich gesendet hat.«
»Du hast deinen Zweck erreicht. Der Mutesselim wünscht, daß du zu ihm zurückkehrst, um deine Botschaft auszurichten.«
»Ich werde ihm diesen Gefallen nicht erweisen.«
»Auch mir nicht?«
Er blickte auf.
»Wünschest du es?«
»Ich bitte dich darum. Ich habe ihm versprochen, diese Bitte an dich zu richten.«
»Kennst du ihn? Bist du sein Freund?«
»Ich habe ihn noch niemals gesehen und war heute zum erstenmal bei ihm.«
»So will ich dir sagen, was für ein Mann er ist. Eigentlich schildere ich dir diesen Mann am besten, wenn ich dir weiter nichts sage, als daß der Saliahn[63] jetzt nur kaum zwanzigtausend Piaster für Amadijah einbringt, und daß er nicht, wie es doch an der Regel wäre, die Pacht der Steuern hat. Die hat man ihm genommen. Der Sultan hört selten eine Beschwerde an; hier aber hat er hören müssen, denn es war zu himmelschreiend. Er plünderte die Einwohner dermaßen, daß sie auch im Winter im Gebirge blieben und sich nicht in die Stadt zurückwagten. Nun ist der ganze Distrikt verarmt, und der Hunger ist ein steter Gast der Leute geworden. Der Mutesselim braucht immer Geld und borgt, und wer ihm da nicht zu Willen ist, der hat seine Rache zu befürchten. Uebrigens ist er ein feiger Mensch, der nur gegen den Schwachen mutig ist. Seine Soldaten hungern und frieren, weil sie weder Speise noch Kleidung erhalten, und ihre guten Gewehre hat er gegen schlechte umgetauscht, um den Profit für sich zu nehmen, und wenn für die paar Kanonen, welche die Festung verteidigen sollen, das Pulver kommt, so verkauft er es an uns, um Geld zu erhalten.«
Das war also eine echt türkische Wirtschaft! Nun brauchte ich mich nicht über die effektvolle Schießübung zu wundern, deren Augen- und Ohrenzeuge ich gewesen war.
»Und wie steht er mit deinem Bey?« erkundigte ich mich.
»Nicht gut. Es kommen viele Kurden nach der Stadt, entweder um hier einzukaufen oder Lebensmittel zu verkaufen. Für diese hat er eine hohe Steuer eingeführt, die der Bey nicht leiden will. Auch maßt er sich in vielen Fällen eine Gewalt über uns an, die ihm gar nicht gehört. Zwei Kurden haben sich kürzlich in Amadijah Blei und Pulver gekauft, und man verlangte ihnen am Thore eine Steuer dafür ab. Das war noch nie vorgekommen; sie hatten nicht genug Geld zur Bezahlung der Steuer, welche noch höher war, als der Preis der so schon teuren Ware, und so wurden sie in das Gefängnis gesteckt. Der Bey verlangte ihre Freiheit und gab zu, daß man das Pulver und Blei konfiszieren möge; aber der Mutesselim ging nicht darauf ein. Er verlangte die konfiszierte Ware, den Zoll, eine Strafsumme und dann auch noch Bezahlung der Untersuchungs- und Gefängniskosten, so daß aus zwanzig Piastern hundertundvierzig geworden sind. Ehe diese nicht bezahlt werden, gibt er die Leute nicht los und rechnet ihnen zehn Piaster für den Tag als Verpflegungsgelder an.«
»In dieser Angelegenheit wolltest du mit ihm reden?«
»Ja.«
»Solltest du die Summe bezahlen?«
»Nein.«
»Nur unterhandeln? Das würde zu nichts führen.«
»Ich soll ihm sagen, daß wir jeden Mann aus Amadijah, der unser Gebiet betritt, gefangen nehmen und zurückhalten werden, bis die beiden Männer wieder bei uns sind.«
»Also Repressalien! Das würde keine großen Folgen haben, denn ihm ist es wohl sehr gleich, ob ein Bewohner Amadijahs euer Gefangener ist oder nicht. Und sodann müßt ihr bedenken, daß aus einem solchen Verfahren sehr leicht bedeutende Konflikte entstehen können. Das beste würde sein, wenn es diesen Männern gelänge, zu entfliehen.«
»Das sagt auch der Bey; aber eine Flucht ist nicht möglich.«
»Warum nicht? Ist die Bewachung so streng?«
»O, die Wächter machen uns keine Sorge. Es ist ein Sergeant mit drei Männern, die wir bald überwältigt hätten; aber das könnte einen Lärm ergeben, der uns gefährlich werden möchte.«
»Gefährlich? Hm!«
»Die Hauptsache aber: es ist ganz unmöglich, in das Gefängnis zu kommen.«
»Warum?«
»Die Mauern sind zu stark, und der Eingang mit zwei Thüren verschlossen, die mit starkem Eisen beschlagen sind. Das Gefängnis stößt an den Garten dieses Hauses, wo der Agha der Arnauten wohnt; jedes ungewöhnliche Geräusch kann ihn aufmerksam machen und uns verderblich werden. Wir müssen auf den Gedanken einer Flucht verzichten.«
»Auch wenn ihr einen Mann findet, der bereit ist, euch behilflich zu sein?«
»Wer wäre dies?«
»Ich!«
»Du, Emir? O, das wäre gut! Und wie wollte ich dir danken! Die beiden Männer sind mein Vater und mein Bruder.«
»Wie ist dein Name?«
»Dohub. Meine Mutter ist eine Kurdin von dem Stamme der Dohubi.«
»Ich muß dir sagen, daß ich selbst hier fremd bin und also nicht weiß, wie eine Flucht zu bewerkstelligen ist; aber dein Bey wurde mir empfohlen, und auch dir bin ich gewogen. Ich werde bereits morgen forschen, was man in dieser Angelegenheit unternehmen kann.«
Hinter dieser Zusicherung versteckte sich allerdings auch ein kleiner Eigennutz. Es war ja sehr leicht möglich, daß wir der Unterstützung des Bey von Gumri bedurften, und dieser konnten wir uns am besten versichern, wenn wir seine eigenen Leute in Schutz nahmen.
»Du meinst also, daß ich zum Mutesselim gehen soll?«
»Ja, gehe zu ihm und versuche dein Heil noch einmal durch Verhandlung; ich habe mir Mühe gegeben, ihn zu bearbeiten, daß er deine Verwandten vielleicht freiwillig entläßt.«
»Herr, hättest du dies wirklich gethan?«
»Ja.«
»Wie hast du es angefangen?«
»Dir dies zu sagen, würde zu weit führen; aber ich werde dir einige Worte aufschreiben, die dir vielleicht von Nutzen sein werden, wenn du meinem Rate Folge leistest.«
»Welchen Rat giebst du mir?«
»Sprich nicht zu ihm von Repressalien. Sage zu ihm, wenn er die Gefangenen nicht heute noch freigäbe, so würdest du sofort zum Mutessarif nach Mossul reiten und ihm sagen, daß die Berwari-Kurden sich erheben werden. Dabei mußt du vorübergehend erwähnen, daß du durch das Gebiet der Dschesidi reiten und mit Ali Bey, ihrem Feldherrn, reden wirst.«
»Herr, das ist zuviel gesagt und auch zuviel gewagt!«
»Thue es dennoch; ich rate es dir und habe meinen Grund dazu. Er hält die Gefangenen wohl meist deshalb so fest, weil er euch Geld abpressen will, welches er sehr nötig brauchte; jetzt aber fällt dieser Grund fort, weil wir ihm ein bedeutendes Geschenk an Piastern gemacht haben.«
»So werde ich zu ihm gehen!«
»Und zwar jetzt gleich. Dann aber kommst du wieder zu mir, damit ich dir meine Botschaft an den Bey sagen kann!«
Ich schrieb auf ein Blatt meines Notizbuches folgende Worte in türkischer Sprache: »Erlaube mir, dir das Anliegen dieses Kurden an das Herz zu legen, und vermeide es, den Mutessarif zu erzürnen!« Nachdem ich meinen Namen hinzugefügt hatte, übergab ich Dohub diese Zeilen, mit denen er sich eilig entfernte.
Ich hatte die Kühnheit, mich als einflußreiche Persönlichkeit zu fühlen; ich handelte abenteuerlich, das ist wahr; aber der Zufall hatte mich nun einmal, sozusagen, an eine Kletterstange gestellt und mich bis über die Hälfte derselben emporgeschoben; sollte ich wieder herabrutschen und den Preis aufgeben, da es doch nur einer Motion bedurfte, um vollends empor zu kommen?
Da kam Halef zurück und brachte eine solche Ladung kalter Speisen und Früchte, als habe er uns für eine Woche zu verproviantieren.
»Sehr reichlich, Hadschi Halef Omar!« sagte ich.
»Allah akbar; Allah ist groß, Sihdi, aber mein Hunger ist noch größer. Weißt du, daß ich und der kleine Ifra seit heute morgen in Spandareh gar nichts gegessen haben?«
»So eßt! Aber trage vor allen Dingen hier auf, damit mein Gast nicht hungrig von mir geht. Hast du Wein?«
»Nein. Du bist ein echter Gläubiger geworden und willst noch immer den Trank der Ungläubigen genießen! Allah kerihm; ich bin ein Moslem und soll in Amadijah Wein verlangen?«
»So werde ich mir selbst welchen holen. Verstehest du!«
»Nein, Sihdi, das sollst du nicht; aber hier reden viele Leute kurdisch, was ich gar nicht verstehe, und das Türkische kenne ich nur wenig. Ich kann also nur Dinge kaufen, deren Namen ich weiß.«
»Wein heißt türkisch Scharab und kurdisch Scherab; das ist sehr leicht zu merken. Master Lindsay will welchen haben; also geh und hole!«
Er ging. Als sich dabei die Thür öffnete, hörte ich unten die scheltende Stimme Mersinahs, in welche sich die bittende Stimme eines Mannes mischte, und gleich darauf kehrte Halef zurück.
»Sihdi, es ist ein Mann unten, den die Wirtin nicht herauf lassen wollte.«
»Wer ist es?«
»Ein Bewohner von Amadijah, dessen Tochter krank ist.«
»Was hat dies mit uns zu thun?«
»Verzeihe, Sihdi! Als ich vorhin Brot kaufte, kam ein Mann gerannt, der mich beinahe über den Haufen riß. Ich fragte ihn, was er so eilig zu laufen habe, und er sagte mir, daß er nach einem Hekim[64] suche, weil seine Tochter ganz plötzlich krank geworden sei und vielleicht sterben müsse. Da riet ich ihm, zu dir zu kommen, wenn er keinen Arzt finden könne, und nun ist er da.«
»Das hast du dumm gemacht, Halef. Du weißt ja, daß ich die kleine Apotheke, aus welcher ich am Nil kurierte, gar nicht mehr besitze!«
»O, Sihdi, du bist ein großer Gelehrter und kannst einen Kranken auch ohne die Körner gesund machen, die du damals gabst.«
»Aber ich bin doch eigentlich kein Arzt!«
»Du kannst alles!«
Was war zu thun? Halef hatte in Erinnerung an die damaligen Bakschisch jedenfalls wieder einmal sehr Großes von mir berichtet, und ich war nun derjenige, der den angeschnittenen Apfel zu verspeisen hatte.
»Die Wirtin ist klüger wie du, Halef! Aber gehe und hole den Mann herauf!«
Er ging und schob bald nachher einen Mann herein, dem der Schweiß von der Stirn in den Bart herabtropfte. Es war ein Kurde; das sah man an dem Tolik[65], der ihm unter dem etwas gelüpften Turban hervor über die Stirne herabfiel; doch trug er türkische Kleidung.
»Sallam!« grüßte er eilig. »O Herr, komm schnell, sonst stirbt meine Tochter, die bereits von dem Himmel redet!«
»Was fehlt ihr?«
»Sie ist von einem bösen Geist besessen, der sie umbringen wird.«
»Wer sagte das?«
»Der alte türkische Hekim, den ich holte. Er hat ihr ein Amulet umgehangen, aber er meinte, daß es nicht helfen werde.«
»Wie alt ist deine Tochter?«
»Sechzehn Jahre.«
»Leidet sie an Krämpfen oder Fallsucht?«
»Nein, sie ist niemals krank gewesen bis auf den heutigen Tag.«
»Was thut der böse Geist mit ihr?«
»Er ist ihr in den Mund gefahren, denn sie klagte, daß er ihr den Hals zerkratze; dann machte er ihr die Augen größer, damit er herausgucken könne. Ihr Mund ist rot und auch ihr Gesicht, und nun liegt sie da und redet von den Schönheiten des Himmels, in den sie blicken kann.«
Hier war schleunige Hilfe nötig, denn es lag jedenfalls eine Vergiftung vor.
»Ich will sehen, ob ich dir helfen kann. Wohnest du weit von hier?«
»Nein.«
»Giebt es außer dem alten Hekim noch einen Arzt?«
»Nein.«
»So komm schnell!«
Wir eilten fort. Er führte mich durch drei Gassen und dann in ein Haus, dessen Aeußeres eine gewisse Stattlichkeit zeigte. Der Besitzer desselben konnte nicht zu den ärmeren Leuten gehören. Wir passierten zwei Zimmer und traten dann in ein drittes. Auf einem niedrigen Polster lag ein Mädchen lang ausgestreckt auf dem Rücken. An ihrer Seite knieten einige weinende Frauen, und in der Nähe hockte ein alter Mann, der seinen Turban abgenommen hatte und, gegen die Kranke gerichtet, laute Gebete murmelte.
»Bist du der Hekim?« fragte ich ihn.
»Ja.«
»Was fehlt dieser Kranken?«
»Der Teufel ist in sie gefahren, Herr!«
»Albernheit! Wenn der Teufel in ihr steckte, würde sie nicht von dem Himmel sprechen.«
»Herr, das verstehst du nicht! Er hat ihr das Essen und Trinken verboten und sie schwindelig gemacht.«
»Laßt mich sie sehen!«
Ich schob die Weiber beiseite und kniete neben ihr nieder. Es war ein sehr schönes Mädchen.
»Herr, rette meine Tochter vom Tode,« jammerte eine der Frauen, »und wir werden dir alles geben, was wir besitzen.«
»Ja,« bestätigte der Mann, welcher mich geholt hatte. »Alles, alles sollst du haben, denn sie ist unser einziges Kind, unser Leben.«
»Rette sie,« ertönte eine Stimme aus dem Hintergrunde des Raumes; »so sollst du Reichtum besitzen und Gottes Liebling sein!«
Ich schaute nach dieser Gegend hin und erblickte eine alte Frau, deren Aeußeres mich schaudern machte. Sie schien ihre hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes, aber von ihrem Haupte hingen schwere weiße Haarzöpfe fast bis auf den Boden herab.
»Ja, rette sie, rette mein Urenkelkind!« wiederholte sie, indem sie bittend die gefalteten, ausgedorrten Hände erhob, von denen ein Rosenkranz hernieder hing. »Ich werde niederknieen und zur schmerzensreichen Mutter Gottes bitten, daß es dir gelingen möge.«
Eine Katholikin! Hier unter den Kurden und Türken!
»Bete,« antwortete ich ergriffen; »ich werde versuchen, ob hier ein Mensch noch helfen kann!«
Die Kranke lag da mit offenen, heiteren Augen; aber ihre Pupillen waren sehr erweitert. Ihr Angesicht war stark gerötet, Atem und Puls gingen schnell, und ihr Hals bewegte sich unter einem krampfhaften Würgen. Ich frug gar nicht, wann die Krankheit ausgebrochen sei; ich war Laie, aber ich hatte die Ueberzeugung, daß die Kranke Belladonna oder Stramonium genossen habe.
»Hat deine Tochter gebrochen?« fragte ich den Mann.
»Nein.«
»Hast du einen Spiegel?«
»Einen kleinen hier.«
»Gieb ihn her!«
Der alte Hekim lachte heiser:
»Der böse Geist soll sich im Glase besehen!«
Ich antwortete ihm gar nicht und ließ das durch die Fensteröffnung eindringende Licht der bereits niedersteigenden Sonne so auf den Spiegel fallen, daß es auf das Gesicht der Kranken gebrochen wurde. Der blendende Strahl übte keine Wirkung auf die Iris der Kranken aus.
»Wann hat deine Tochter zum letztenmal gegessen?« fragte ich.
»Das weiß ich nicht,« antwortete der Vater. »Sie war allein.«
»Wo?«
»Hier.«
»Es ist kein böser Geist in sie gefahren, sondern sie hat ein Gift gegessen oder getrunken!«
»Allah il Allah! Ist das wahr, Herr?«
»Ja.«
»Glaubt es nicht!« mahnte der Hekim. »Der Teufel ist in ihr.«
»Schweig, alter Narr! Habt ihr Citronen hier?«
»Nein.«
»Kaffee?«
»Ja.«
»Könnt ihr Galläpfel bekommen?«
»Deren wachsen viel in unsern Wäldern. Wir haben welche im Hause.«
»Macht schnell einen sehr starken, heißen Kaffee fertig und kocht Galläpfel in Wasser. Schickt auch nach Citronen!«
»Ha, er will den Teufel mit Galläpfeln, Citronen und Kaffee füttern!« verwunderte sich der Hekim, indem er vor Entsetzen die Hände zusammenschlug.
Ich steckte in Ermangelung von etwas anderem den Finger in den Mund der Kranken, um sie zum Erbrechen zu reizen, wobei ich den Finger durch den Griff meines Messers vor ihren Zähnen schützte. Nach einiger Mühe gelang das Experiment, wenn auch unter der schmerzlichsten Anstrengung des Mädchens. Ich wiederholte es, doch war die Entleerung nicht hinlänglich.
»Giebt es eine Etschzaga[66] in der Nähe?« fragte ich, da ein Vomitiv notwendig war.
»In derselben Gasse.«
»Komm schnell; führe mich!«
Wir gingen. Mein Führer blieb vor einem kleinen Laden stehen.
»Hier wohnt der Attar!«[67] sagte er.
Ich trat in die kleine Budika und sah mich von einem Chaos von allerlei nötigen und unnötigen Dingen umgeben. Ranzige Pomaden, Pfeifenrohre, alte vertrocknete Pflaster und Talglichter, Rhabarber und brauner Zucker in einem Kasten, Kaffeebohnen neben Lindenblüten, Pfefferkörner und geschabte Kreide, Sennesblätter in einer Büchse, auf welcher »Honig« stand; Drahtnägel, Ingwer und Kupfervitriol, Seife, Tabak und Salz, Brillen, Essig, Charpie, Spießglanz, Tinte, Hanfsamen, Gallizenstein, Zwirn, Gummi, Baldrian, Knöpfe und Schnallen, Teer, eingemachte Walnüsse, Teufelsdreck und Feigen. — Alles lag hier friedlich bei-, neben-, unter-, über- und durcheinander, und dabei saß ein schmutziges Männlein, welches grad so aussah, als habe es alle diese Mittel und Ingredienzien soeben innerlich und äußerlich an sich selbst probiert. Welches Unheil hatte dieser Attar wohl bereits angerichtet!
Ich konnte für meine Zwecke nur Kupfervitriol bekommen und nahm noch ein Fläschchen Salmiakgeist mit. Das erstere wirkte nach unserer Rückkehr zur Kranken recht befriedigend. Dann gab ich ihr starken Kaffee mit Citronensaft und dann den Galläpfelaufguß. Hierauf schärfte ich zur Verhütung eines etwaigen Steck- und Schlagflusses ihren Verwandten ein, sie durch Schütteln, Bespritzen mit kaltem Wasser und Riechenlassen an dem Salmiakgeist möglichst am Einschlafen zu verhindern, und versprach baldigst wiederzukommen.
Diese Behandlung war wohl keine ganz richtige, aber ich verstand es nicht besser, und — sie hatte Erfolg. Nun konnte ich, da die augenblickliche Gefahr entfernt zu sein schien, auch an anderes denken. Ich blickte mich im Zimmer genau um, und sah ein kleines Körbchen in der Ecke stehen, welches noch ziemlich mit Maulbeeren gefüllt war. Zwischen diesen sah ich mehrere — Tollkirschen liegen.
»Willst du den bösen Geist sehen, der in die Kranke gefahren ist?« fragte ich den Hekim.
»Einen Geist kann man nicht sehen. Und selbst wenn dies möglich wäre, könntest du ihn mir nicht zeigen, da du nicht an ihn glaubst. Wenn das Mädchen nicht stirbt, so hat mein Amulett geholfen.«
»Hast du nicht gesehen, daß ich es ihr sofort vom Halse nahm? Hier liegt es, ich werde es öffnen.«
»Das darfst du nicht!« rief er, schnell zugreifend.
»Laß ab, Alter! Meine Hand ist kräftiger als die deinige. Warum darf ich es nicht öffnen?«
»Weil ein Zauber darinnen ist. Du würdest sofort von demselben Geiste besessen werden, der in dem Mädchen steckt!«
»Wollen sehen!«
Er wollte es verhindern, aber ich öffnete das viereckig zusammengenähte Stück Kalbleder und — fand darinnen eine tote Fliege.
»Laß dich nicht auslachen mit diesem unschuldigen Tierchen!« lachte ich, indem ich die Fliege zu Boden fallen ließ und zertrat. »Nun, wo ist dein Geist, der mich befallen soll?«
»Warte nur; er wird kommen!«
»Ich werde dir den Teufel zeigen, der diese Krankheit verschuldet hat. Schau her! Was ist das? Du bist ein Hekim und mußt diese Beeren kennen!«
Ich hielt ihm die Tollkirsche entgegen, und er erschrak.
»Allah sei uns gnädig! Das ist ja die Oelüm kires![68] Wer diese ißt, der muß sterben, der ist verloren, der kann nicht gerettet werden!«
»Nun, von diesen Früchten hat die Kranke gegessen; das habe ich an ihren Augen gesehen. Wer von ihnen genießt, dessen Augen werden größer; das merke dir! Und nun setze deinen Turban auf und mache dich von hinnen, sonst zwinge ich dich, von diesen Todeskirschen zu genießen, damit du siehest, ob dir eine Sin-ek[69] das Leben retten wird!«
Ich nahm die Kirschen in die Hand und schritt auf ihn zu. Da stülpte er in wahrer Todesangst den Turban auf sein kahl geschorenes Haupt und nahm sehr eilig und ohne allen Abschied Reißaus.
Die Anwesenden sahen ein, daß ich recht hatte. Auch ohne meine Worte sagte es ihnen die günstige Veränderung, welche mit der Kranken vorgegangen war. Sie ergingen sich in den ehrfurchtsvollsten Dankesbezeigungen, denen ich nur dadurch ein Ende machen konnte, daß ich mich schnell entfernte. Ich hinterließ die Weisung, mich bei einer etwaigen Verschlimmerung gleich holen zu lassen.
Als ich in meiner Wohnung anlangte, traf ich Mersinah, welche soeben mit wütender Gebärde und mit einem großen Löffel in der Hand aus der Küche geschossen kam. Hinter ihr flog ein großer, nasser Hader, der so vortrefflich gezielt war, daß er ihre kleinen, wirren Knackwurstzöpfe erreichte und sich sehr liebevoll um ihr ehrwürdiges Haupt herumschlang. Zugleich ertönte aus dem Innern des auf solche Weise entweihten Heiligtums die Stimme von Hadschi Halef Omar hervor:
»Warte, alter Drache!« rief er; »du sollst mir noch einmal über meinen guten Kaffee kommen!«
Sie wickelte sich aus der feuchten Umarmung des Hadern heraus und ballte denselben zusammen, jedenfalls um ihn in eine rückgängige Bewegung zu versetzen; da erblickte sie mich.
»O, Emir, wie gut ist es, daß du kommst! Errette mich von diesem wütenden Menschen!«
»Was giebt es denn, o Rose von Amadijah!«
»Er sagte, er hätte in deiner Büchse meinen Kaffee gefunden und in meiner Tüte den deinigen.«
»Das ist wohl auch wahr?«
»Wahr? Ich schwöre es dir bei Ayescha, der Mutter aller Heiligen, daß ich deine Büchse nicht angerührt habe!«
»So, du Großmutter aller Lügnerinnen und Spitzbuben!« ertönte es aus der Küche. »Du bist nicht über unsern Kaffee geraten, von dem mich zweihundert Drehm[70] fünfundzwanzig gute Piaster kosten? Ich werde es dem Sihdi doch beweisen!«
Er kam aus der Küche, in der Rechten die neugekaufte Kaffeebüchse und in der Linken eine große, geöffnete Papiertüte.
»Sihdi, du kennst den Kaffee von Harimah?«
»Du weißt es, daß ich ihn kenne.«
»Suche einmal, wo er ist!«
Ich unterwarf die Büchse und auch die Tüte einer sehr eingehenden und ernsthaften Okularinspektion.
»Er ist in allen beiden, aber mit schlechteren Bohnen und gedörrten Schalen vermischt.«
»Siehst du wohl, Effendi! Ich habe guten Harimah gekauft, und hier diese Mutter und Urgroßmutter eines Räubers und Spitzbuben kocht nur schlechten Kaffee, mit Schalen vermengt. Siehst du nun, daß sie über meine Büchse geraten ist!«
»Sihdi, du bist ein gewaltiger Krieger, ein großer Gelehrter und der weiseste aller Richter,« entgegnete die >Myrte<, indem sie dem Hadschi ihren Hader sehr unternehmend vor der Nase herumschwenkte. »Du wirst diesen Vater eines Uebelthäters und Sohn eines Verleumders streng bestrafen!«
»Bestrafen?« rief Halef ganz erstaunt. »Auch noch!«
»Ja,« entschied sie sehr bestimmt; »denn er ist es, der über meine Tüte geraten ist und mich betrogen hat. Nur er allein hat den Kaffee vermischt, um mir und meinem Hause vor deinen Augen Schande zu bereiten!«
»O, du Ausbund aller neununddreißig Laster!« zürnte Halef ganz ergrimmt; »du willst es wagen, mich, mich zum Diebe zu machen? Wärest du nicht ein Weib, so würde ich dich — — —«
»Halt, Halef, zanke nicht, denn ich bin da und werde ein gerechtes Urteil sprechen! Mersinah, du behauptest, daß dieser Halef Omar die beiden Arten des Kaffees untereinander gemengt hat?«
»Ja, Emir!«
»So hat er das Seinige zu diesem schwierigen Rechtsfalle beigetragen. Nun thue du auch das Deinige und lies die Sorten wieder auseinander! Ich werde bald nachsehen, ob es geschehen ist, und dann mein Urteil sprechen.«
Sie öffnete den Mund, um mir mitzuteilen, daß sie gesonnen sei, Einspruch oder Nichtigkeitsbeschwerde zu erheben, doch Halef kam ihr zuvor:
»Das muß aber schnell geschehen, denn wir brauchen den Kaffee sehr notwendig!«
»Warum?« fragte ich.
»Du hast ja Gäste oben!«
»Wen?«
»Drei Kurden, welche auf dich warten. Derjenige, welcher dich bereits besuchte, ist dabei.«
»So hole einstweilen rasch andern Kaffee!«
Ich stieg hastig die Treppe empor, denn die zwei andern Kurden konnten doch wohl nur die beiden Gefangenen sein. Diese Vermutung bestätigte sich. Als ich eintrat, erhoben sie sich, und Dohub sprach:
»Hier ist der Emir, der euch gerettet hat! O Effendi, der Mutesselim hat deine Worte gelesen und mir den Vater und den Bruder zurückgegeben!«
»Sagtest du ihm, daß du bald nach Mossul gehen würdest?«
»Ja. Dein Rat war gut, denn der Kommandant wurde sofort freundlicher, und als ich ihm deinen Brief gab, ließ er Selim Agha rufen, der die Gefangenen bringen mußte.«
»Wie ist es mit dem Zoll und der Strafe?«
»Er hat uns alles erlassen, aber das Pulver und Blei erhielten wir nicht zurück. Emir, sage uns, wie wir dir danken sollen!«
»Kennst du den Nezanum von Spandareh?«
»O, sehr gut! Seine Tochter ist das Weib unseres Bey, und er kommt sehr oft nach Gumri, um beide zu besuchen.«
»Er ist auch mein Freund. Ich war bis heute früh bei ihm, und er bat mich, den Bey zu besuchen, wenn ich nach Gumri komme.«
»Komm, Herr, komm zu uns. Dein Empfang soll besser sein, als wenn der Mutesselim oder der Mutessarif käme!«
»Ich werde vielleicht kommen; aber bis dahin dürften wohl noch einige Tage vergehen. Der Nezanum hat mir ein Paket übergeben, welches ich dem Bey überreichen sollte. Es darf nicht lange hier liegen bleiben, und darum bitte ich euch, es mit nach Gumri zu nehmen. Grüßt mir den Bey und sagt ihm, daß ich sein Freund sei und ihm alles Glück und Gute wünsche!«
»Das ist die Botschaft, die du uns aufzutragen hast?«
»Ja.«
»Es ist zu wenig, Herr!«
»Vielleicht könnt ihr mir später eine Liebe erweisen.«
»Wir thun es. Komm nur und befiehl, was du von uns wünschest!«
»Würdet ihr einem Freunde von mir Schutz gewähren, wenn er von dem Mutesselim verfolgt wird und sich zu euch flüchtet?«
»Der Kommandant würde ihn nie zu sehen bekommen!«
Ich wandte mich zu dem älteren der beiden andern, denen man die Entbehrungen anmerkte, denen sie während ihrer Gefangenschaft unterworfen gewesen waren.
»Wißt ihr, wer mit euch gefangen war?«
»Nein,« antwortete er. »Ich stak in einem finsteren Loche, welches nur ganz wenig Licht erhielt, und ich konnte weder etwas hören, noch etwas sehen.«
Seinem Sohne war es ebenso ergangen.
»Ist der Sergeant, der euch bewachte, ein böser Mann?«
»Er hat nie mit uns gesprochen. Die einzige menschliche Stimme, welche wir zu hören bekamen, war diejenige des alten schmutzigen Weibes, welches uns das Essen brachte.«
»Wie sind die Wege von hier nach Gumri?«
»Du mußt zunächst in das Thal von Berwari hinab, und zwar auf einem Pfade, der so steil und gefährlich ist, daß man nicht reiten kann, sondern die Pferde am Zügel führen muß. Das Thal ist reich von Eichen bewaldet und enthält Dörfer, welche teils von Kurden und teils von nestorianischen Chaldäern bewohnt werden. Auch durch die dürre Ebene wirst du kommen, welche wir Newdascht nennen und in der das kurdische Dorf Maglano liegt; dann erreichest du den kurdischen Weiler Hajis, in welchem nur einige arme Familien wohnen. Du mußt über viele Gewässer hinweg, die alle dem Zab zufließen, und erblickst Gumri schon von weitem, da es auf einem hohen Felsen erbaut ist, welcher ganz allein in der Ebene steht.«
Nach diesen und andern notwendigen Erkundigungen lud ich sie zum Essen ein. Die beiden frei gewordenen Gefangenen langten mit einem Heißhunger zu, der mich wohl erkennen ließ, wie besorgt die alte Mersinah um das leibliche Wohl ihrer Pfleglinge sei. Halef brachte auch Kaffee, ein Getränk, welches die Kurden am schmerzlichsten vermißt hatten, ganz ebenso wie den Tabak, den sie nachher rauchten.
Endlich brachen sie auf, eben als Selim Agha eintrat, um mir zu sagen, daß der Mutesselim bereit sei, mich zu empfangen. Sie nahmen einen herzlichen Abschied von mir und schärften mir nochmals ein, daß ich ja nach Gumri kommen möge. Dohub nahm das Paket des Dorfältesten mit, und ich war überzeugt, daß ich mir Freunde erworben hatte, auf die ich im Falle der Not wohl sicher rechnen könne.
Ich besuchte nun zunächst meine Patientin und wurde in dem vorderen Zimmer von ihren Eltern mit Freude empfangen.
»Wie geht es eurer Tochter?« fragte ich.
»O, viel, viel besser bereits, Herr,« antwortete der Mann. »Deine Weisheit ist fast noch größer als unser Dank, denn sie kann bereits wieder vernünftig reden und hat uns auch gesagt, daß sie wirklich von den Kirschen des Todes gegessen habe. Und deine Güte ist noch größer, als wir verdienen und ahnten; denn ich habe erfahren, daß du kein Arzt bist, der für Lohn zu den Kranken kommt, sondern ein großer Emir, der ein Liebling des Großherrn und ein Freund des Mutessarif ist.«
»Wer sagte dies?«
»Die ganze Stadt weiß es bereits. Selim Agha ist deines Lobes voll; der Mutesselim hat dich mit Parade empfangen und auf deinen Befehl sogar Gefangene freilassen müssen. Einer sagt es dem andern, und so haben auch wir es erfahren.«
»Bist du ein Kind dieser Stadt? Ich sehe doch, daß du doch wohl eigentlich ein Kurde bist!«
»Du hast richtig geraten, Effendi. Ich bin ein Kurde von Lizan und für kurze Zeit nach Amadijah gezogen, weil ich mich daheim nicht sicher fühlte.«
»Nicht sicher? Warum?«
»Lizan gehört zu dem Gebiete von Tijari und wird meist von nestorianischen Christen bewohnt. Diese haben große Bedrückungen zu erleiden gehabt, so daß es seit kurzem unter ihnen gärt, als ob sie sich einmal aufraffen und Rache nehmen wollten. Weil ich nun kein Christ, sondern ein Mohammedaner bin, so habe ich mich in Sicherheit gebracht und kann hier mein Geschäft in Frieden treiben, bis die Gefahr vorüber ist.«
»Welches Geschäft hast du?«
»Ich kaufe die Galläpfelernten ein und versende sie nach dem Tigris, von wo aus sie dann weiter gehen.«
»Du bist ein Moslem, und doch ist die alte Mutter, welche ich bei dir sah, eine Christin. Wie kommt das?«
»Emir, das ist eine Geschichte, die mich und mein Weib sehr betrübt. Der Ahne war ein berühmter Melek[71] der Tijaris und nahm die Lehre an von Christus, dem Gekreuzigten. Sein Weib, die Ahne, die du gesehen hast, that dasselbe. Aber sein Sohn war ein treuer Anhänger des Propheten und trennte sich vom Vater. Dieser starb und der Sohn später auch, der die Würde eines Melek verloren hatte. Er war arm geworden um des Propheten willen, trotzdem sein Vater einer der reichsten Fürsten des Landes war. Seine Kinder blieben auch arm, und als ich mein Weib heiratete, die seine Enkelin ist, hatte sie kaum ein Kleid, um ihre Blöße zu bedecken. Aber wir liebten einander, und Allah segnete uns; wir wurden reich.«
»Und die Ahne?«
»Wir hatten sie nie gesehen, bis sie uns einst in Lizan aufsuchte. Sie zählte über hundert Jahre, glaubte, nun bald sterben zu müssen, und wollte ihre Kindeskinder einmal sehen. Seit jener Zeit hat sie uns jährlich zweimal besucht; aber wir wissen nicht, woher sie kommt und wohin sie geht.«
»Habt ihr sie nicht gefragt?«
»Einmal nur, aber da antwortete sie nicht und verschwand auf lange Zeit. Seitdem haben wir diese Frage nie wieder ausgesprochen. Sie ist jetzt bei der Kranken. Willst du diese sehen?«
»Ja; kommt!«
Ich fand die Patientin bedeutend besser. Die Röte war verschwunden; der Puls ging matt, aber ruhiger, und sie vermochte, wenn auch mit einiger Anstrengung, doch geläufiger zu sprechen, als da ich sie zuerst gesehen hatte, wo sie in der Betäubung fabulierte. Die Pupille hatte sich verengert, aber die Schlingbeschwerden waren noch vorhanden. Sie blickte mir neugierig entgegen und erhob die Hand, um mir zu danken.
Ich riet, mit dem Kaffee und Citronensaft fortzufahren, und empfahl dabei ein heißes Fußbad; dann wollte ich wieder gehen. Da erhob sich die Gestalt der Alten, die bisher am unteren Ende des Lagers gekauert hatte.
»Herr,« sagte sie, »ich habe dich für einen Hekim gehalten. Verzeihe, daß ich dir Lohn versprach!«
»Mein Lohn ist die Freude, dir dein Enkelkind erhalten zu dürfen.«
»Gott hat deine Hand gesegnet, Emir. Er ist mächtig in dem Schwachen und barmherzig in dem Starken. Wie lange wird die Kranke noch leidend sein?«
»Einige Tage sind genug, um ihre gegenwärtige Schwäche zu überwinden.«
»Emir, ich lebe, aber nicht in mir, sondern in diesem Kinde. Ich bin gestorben seit langen, langen Jahren; aber ich stand wieder auf in Der, welche ich bewahrt sehen möchte vor jedem Flecken des Leibes und der Seele. Du hast nicht ihr allein, sondern auch mir das Leben erhalten, und du weißt nicht, wie gut dies ist für viele, die du weder kennst noch jemals gesehen hast. Du wirst wiederkommen?«
»Ja, morgen.«
»So brauche ich dir heute weiter nichts zu sagen.«
Sie wandte sich ab und setzte sich wieder an ihren früheren Platz. Sie sprach so dunkel und war selbst für ihre Verwandten ein Rätsel. Ich hätte mir Zeit genug wünschen mögen, dieses Rätsel zu lösen. Ich sollte essen und trinken, ehe ich das Haus verließ, aber ich kam eben von dem Mahle her und hatte auch bei dem Mutesselim vielleicht ein solches zu erwarten; daher mußte ich abschlagen.