Wer auch immer mit den Schwarzen zu tun hat, sei es als Pflanzer, Kaufmann, Beamter oder Missionar, ein ersprießlicher Verkehr kann sich nur da entwickeln, wo man versucht, sich gegenseitig zu verstehen. Dies verlangt aber ein Studium. Wißmann sagt einmal: „Gerade weil der Neger die weit höhere Stellung des Europäers anerkennt, besteht das wirksamste Erziehungsmittel darin, ihn bis zu einem gewissen Grade als seinesgleichen anzuerkennen.“ Dieser Ausspruch ist interessant, weil er den Standpunkt vertritt, den die Mission von jeher hat einnehmen müssen und der vielfach als übertriebene Liebe zu den Eingebornen mißdeutet worden ist. Nur auf diesem Wege findet man den Schlüssel zur Erkenntnis der Negerpsyche.
Paulus schreibt an die Galater (4, 12): „Seid doch wie ich bin, denn ich bin wie ihr!“ Wir dürfen den Schwarzen immer wieder sagen: Seid doch wie wir, indem wir ihren sittlichen und kulturellen Stand zu heben suchen; erkennt ja doch auch die Bibel die bevorzugte Stellung Japhets Ham und verwandten Völkern gegenüber an. Aber der Nachsatz: „denn ich bin wie ihr“, bewahrt entschieden vor einer der übelsten tropischen Erkrankungen — dem Tropenkoller. Boetcher schreibt in seinem Buche „Rund um Afrika“, daß er nur wenige Europäer gesehen habe, die im Verkehr mit den Schwarzen ihre natürliche Stimme beibehalten hätten. „Sobald sie mit Negern sprechen, nimmt der Ton eine gewisse Schimpffärbung an, in die einige Tropfen Galle geträufelt sind.“ Das ist leider sehr wahr. Doch wer auch immer den Neger erziehen will, sei es auf religiösem oder wirtschaftlichem Gebiet: in dem Augenblick, wo er sich schämt, im Neger den Menschen anzuerkennen, hat er einen Weg beschritten, der einen wahren und dauernden Erfolg ausschließt. Je mehr man sich dagegen bemüht, den oft verschlungenen Wegen der Negerpsyche nachzugehen, desto leichter fällt es, sich den paulinischen Grundsatz zueigen zu machen. Und warum auch nicht? Wenn man sieht, wie die Schwarzen lieben, hassen, leiden und sich freuen, nach Stellung und Ansehen streben; wenn man in ihre Sprache eindringt und ihre Märchen und Sprichwörter liest, stellt man unwillkürlich Vergleiche mit den heimatlichen Verhältnissen an und wundert sich über die Fülle verwandter Anschauungen.
Manches wird uns bei solchen Betrachtungen mit Recht abstoßend vorkommen; aber auch der Neger ist in vielen Dingen, und ebenfalls oft mit Recht, bei weitem nicht von der Überlegenheit unsrer Sitten überzeugt. Manches wird uns zuerst unverständlich erscheinen, genau so wie der Inlandneger z. B. mit Staunen wahrnimmt, daß wir im Gasthaus für Lager und Essen bezahlen müssen, während wir dem Wirte doch wie unserm alten Bekannten die Hand drücken. Verächtlich spinnt er den Gedanken weiter aus und glaubt es fest: Die Europäer schreiben alles auf, was ihre Kinder essen oder an Kleidung gebrauchen, damit sie nachher sich alles zurückzahlen lassen können. So wenig sie für so manche unsrer Sitten die Voraussetzungen kennen, können wir uns oft ihre Beweggründe klarmachen.
Dr. Karstedt sagt in seinem lesenswerten Büchlein „Beiträge zur Praxis der Eingebornen-Rechtsprechung“: „Wenn mir ein Neger im tiefsten Unyamwezi alle Fragen glatt mit den handgreiflichsten Phantasien beantwortet, so kann ich ihn allerdings einen Lügner nennen, weil ich in keiner europäischen Sprache den Ausdruck finde, der ihn in seinem Bestreben charakterisiert, den Europäer das hören zu lassen, was er nach seiner — des Eingebornen — Meinung hören will. Trotzdem lügt der Mann im Sinne des Negers nicht [s. auch S. 165. 166]; denn was ihn zu seinen Lügen veranlaßt, ist nicht die Absicht der Täuschung des Fragenden, sondern zunächst sein Unverständnis für den Zweck dieser Fragen. Diesen allerdings klar zu machen, erfordert eine Geduld und Konzentrierung aller Sinne, die im Einzelfall aufzubringen nicht immer möglich ist. Ist es aber gelungen, dann ist die gegenseitige Verständigung nicht mehr schwer, denn es gibt kein leichter zu behandelndes Wesen als unsern Inlandsneger!“
Phot. H. Wilke.
Goma-Wasserfall, unterer Teil.Wer sich berufen fühlt, den Neger zu erziehen und versucht, ihm innerlich näherzukommen, wird seine Bemühungen von Erfolg begleitet sehen. Eins der wichtigsten Hilfsmittel bei diesem Versuche, die Negerpsyche zu verstehen, ist die Sprache. Das ist ein Gebiet, auf welchem manchmal unglaubliche Anforderungen an die Kombinationsgabe des — Schwarzen gestellt werden. Daß der Erzieher auch die Pflicht hat, sich seinen Schülern verständlich zu machen, wird zu oft vergessen. Entweder betrachtet man die Negersprache als eine derartig einfache Sache, daß sie ein eingehenderes Studium überhaupt nicht lohnt, oder man tröstet sich damit, daß man sagt: Der Neger mag Deutsch lernen! Meiner Ansicht nach wäre dann der Umgang mit den Schwarzen gerade kein Genuß mehr, ganz abgesehen von den großen Schwierigkeiten, die unsre Sprache dem Eingebornen bietet. Um so leichter wird ja dem Europäer das Erlernen der Bantusprache fallen, und erst dann, wenn diese Brücke zum Verständnis geschlagen ist, kann die Erziehung richtig einsetzen. Doch wie schon gesagt, man muß sich oft wundern, wie gut der Neger selbst das wenige, was ihm hier geboten wird, noch zu verarbeiten versteht. Und wie oft wird er bestraft, weil er zufällig nicht richtig kombiniert hatte, oder weil er genau das ausführte, was sein Herr ihm sagte, aber nicht hatte sagen wollen!
Wer an das Studium der Negersprachen mit dem Gedanken herangeht, die Sache mit einigen Lektionen abzutun, hat sich gründlich getäuscht und wird allerlei unliebsame Überraschungen erleben. Er wird Formen finden, die unsre grammatikalischen Ansichten auf den Kopf stellen, und dabei einen Reichtum z. B. der Verbformen, der direkt verwirrend wirkt und der selbst nach langen Jahren der intensiven Beschäftigung mit der Sprache noch nicht erschöpft ist. Die Buchstaben unsres Alphabetes sind bald zu Ende, aber noch lange nicht alle Laute bezeichnet. Die Hauptwörter haben keinen Artikel, werden aber dafür z. B. im Chasu in 24 Singular- und Pluralklassen eingeteilt. Noch schwieriger wird die Sache bei den Tonhöhen. Da hat ein und dasselbe Wort vier oder mehr Bedeutungen, die gänzlich voneinander verschieden sind. Der Schwarze verwechselt sie nie, weil sein Ohr geschult ist, die feinen Tonunterschiede zu hören. Der Europäer steht da in vielen Fällen vor einem fast hoffnungslosen Unternehmen. Dasselbe gilt von vielen Hauptwörtern, die, falsch betont, dem Redner oft zu einer unfreiwilligen Komik verhelfen. Wie schwer die rechte Wiedergabe der Tonhöhe in diesen „primitiven“ Sprachen ist, dafür im folgenden nur einige wenige Beispiele. Enekukoma heißt je nach der Betonung: Er wird sich töten. — Wird er sich töten? — Er wird dich töten! — Wird er dich töten? Bei allen Wörtern spielt der Ton für die wahre Bedeutung eine große Rolle und der Neger versteht uns meistens nur, weil er durch das Zusammenleben mit uns die „deutsche Art der Betonung“ gelernt hat, oder er errät die Bedeutung des jeweiligen Wortes aus dem Zusammenhang. Je nach der Betonung heißt makuku grüner Mais oder Schmutz oder große Hühner, mwezi Mond oder Amme, mvera Tor oder Dank, nkanga Kleiderstoff oder Rost oder Perlhühner, muto Kissen oder lange Reihe von Leuten oder Spitze, musi Stampfer oder Tag, mwaži krank oder offen, muvwa Dorn oder Blasebalg, nkungu Knöchel oder Sturm oder Nuß. Dieser kurze Hinweis wird genügen, den Leser verstehen zu lassen, wie schwer es ist, die Negersprachen wirklich richtig zu sprechen.
Will man die Sprache der Eingebornen verstehen, so muß man die Bedeutung der Gleichnisse kennen, mit denen sie ihre Rede schmücken, oder man setzt sich andauernd Mißverständnissen aus. Im Chasu heißt unser Buße tun: kuchwa muti = Baum brechen; denn bei Entsühnungen und zum Zeichen der Reue brechen sie einen kleinen Zweig durch. Kommt da ein Missionszögling zum jungen Missionar und bezeugt seine Reue mit den Worten: nnechwa muti = ich werde einen Baum brechen. Der übersetzt den Ausdruck wörtlich mit Holz spalten und erzählt gerührt seinem Kollegen, daß der Junge sich selbst erboten hätte, zum Zeichen seiner Reue Holz für ihn zu spalten....
Manchmal redet auch der Europäer wieder in Gleichnissen, über die dann der Schwarze starr ist. Ein Sergeant tadelte einen Askari (schwarzen Soldaten), der einen alten Mann trotz seines geschwollenen Fußes geschlagen hatte, und kleidete den Verweis in das klassische Kisuaheli: Sababu kupiga hii mzee, mguu yake ana mimba (statt umevimba). Übersetzt heißt das etwa: Warum du schlagen dieses alte Mann, sein Fuß ist schwanger (statt geschwollen). Es wurde uns Zuhörern schwer, die Situation zu retten und den Ernst zu bewahren. Die nur geringe Kenntnis der Eingebornensprache bildet auch den Grund für zahlreiche Mißverständnisse und Fehler, die von Afrikareisenden bei der Notierung von landesüblichen Namen für Berge, Flüsse usw. gemacht werden. Ganze Sätze sind da schon als Berg- oder Flußnamen aufgeschrieben worden. Dr. R. Kandt, der unter deutscher Herrschaft Regent von Urundi war, schreibt darüber in seinem äußerst interessanten Buche „Caput Nili“:
„Ich habe in dieser Beziehung die komischsten Mißverständnisse konstatieren können. So zeigte mir einmal ein Herr eine Rundpeilung, deren Berge von dem Eingebornen, dessen Blick der hinweisenden Hand des Europäers folgte, ungefähr so bezeichnet wurden: ‚Deine Hand‘, ‚Ein Berg‘, ‚Ich sehe ihn‘, ‚Ich kenne ihn‘, ‚Er ist sehr groß‘ usw. Manchmal handelt es sich in solchem Fall um Abwehrlügen der Eingebornen, manchmal macht es ihnen auch Spaß, den Europäer zu foppen; am häufigsten aber ist ein naives Mißverstehen, besonders dann, wenn keiner des andern Sprache kennt, und der gute dumme Neger glaubt, daß der Europäer auf die Objekte der Unterhaltung wegen zeigt, worauf er, ob solcher Herablassung entzückt, sich verpflichtet fühlt, jedesmal in irgendeiner harmlosen Bemerkung seinen Senf dazuzugeben, einen Senf, der protokolliert und in Karten und Atlanten verewigt wird....“
Bezeichnend für die Art und Weise, wie die sprachlich unbegabten Engländer mit den Eingebornen verkehren, war folgende Unterhaltung eines englischen Polizeisergeanten mit einem Schwarzen. Der Engländer befahl ihm: Safisha W. C. killa siku very clean, and if you don’t safisha the W. C. very clean, you will get hamsa shrain! (Reinige den Abort jeden Tag sehr sauber, und wenn du den Abort nicht sehr gut reinigst, wirst du 25 Hiebe bekommen.) Vor diesem Gemisch von Englisch, schlecht ausgesprochenem Kisuaheli und noch schlechterem Arabisch versagte selbst die Kombinationsgabe des Schwarzen. Ratlos schaute er von seinem neuen, drohend den Kiboko (Peitsche) schwingenden „humanen“ Herrn zu mir. Und der „Herr“, ebenfalls zu mir gewandt, meinte ärgerlich: The beggar does not understand his own language! (Der Kerl versteht nicht mal seine eigene Sprache!)
Sicherlich ist es in jeder Hinsicht lohnend, sich mit einer der zirka 600 afrikanischen Sprachen zu beschäftigen, ist doch auch die Wissenschaft an ihrer Erforschung äußerst interessiert. Über die Sprache unserer Vaasu kann jeder Interessierte in der kleinen Chasugrammatik[1] das Hauptsächlichste nachlesen. Hier wollen wir uns im folgenden über Sitten und Gebräuche der Leute unterhalten. Ich schicke da die Bitte an die Leser voraus, nichts Erschöpfendes zu erwarten. Viele Lücken werden noch bleiben und manche Symbolik wird auch weiterhin unverständlich sein. In China war es, glaube ich, wo ein Forscher über die Chinesen befragt wurde. „Das weiß ich noch nicht, ich bin erst 30 Jahre hier,“ gab er zur Antwort. Das ist wohl die Erfahrung eines jeden, der sich draußen mit dem Geistesleben der Neger beschäftigt: Täglich Überraschungen, täglich neue Einblicke in Dinge, die man bisher übersehen hatte. So wird es wohl auch noch auf Jahre hinaus bleiben. Was mir aber in etwa 13jährigem vertrauten Umgang mit dem Volke bekannt geworden ist, will ich versuchen hier mitzuteilen, und zwar wollen wir mit der Beschreibung der Geburt eines Kindes beginnen und es dann auf seinem Lebenswege begleiten. Vorher aber sei mir noch eine allgemeine Bemerkung gestattet. Glücklicherweise hat man auch in christlichen Kreisen den — zudem völlig unbiblischen — Standpunkt überwunden, demzufolge die Jugend in allen sexuellen Fragen möglichst unwissend gehalten werden sollte. Unsre Neger haben diese ungesunde Ansicht nie gehabt. Ihre Kinder erhalten die sexuelle Aufklärung früh, zum nicht geringen Teil in den weiter unten beschriebenen Fruchtbarkeitsfesten. Mit 5–6 Jahren sind wohl die meisten von ihnen mit den Vorgängen, die wir im nächsten Kapitel besprechen wollen, bekannt. Sie würden mit vollem Recht sehr erstaunt sein, wenn wir ihnen die Märchen erzählen wollten, mit denen man uns in der Jugend aus Gründen der Moral das Werden des Menschen zu erklären suchte. Demnach könnte man in den vielen symbolischen Gebräuchen und Festgesängen der Eingebornen noch einen kleinen sittlichen Kern erblicken, der sicherlich einmal vorhanden war. Aber leider haben sich die Wapare auch hierin nicht in aufsteigender Linie bewegt, sondern sind in das noch schlimmere Extrem verfallen. Bei den Heiden wird in den meisten Fällen, besonders aber gelegentlich der Fruchtbarkeitsfeste, die an und für sich anzuerkennende Aufklärung in der allerverwerflichsten, nämlich in der mit voller Absicht aufreizend gehaltenen Form geboten, einer Form, die um so bedenklicher scheint, als sie durch religiöse Vorstellungen mit dem Volkstum unlösbar verbunden ist. Mit diesen religiösen Vorstellungen aber muß sich vor allem der angehende Missionar beizeiten vertraut machen; denn niemals wird er mit Erfolg eine neue Religion zu lehren vermögen, ohne die alte zu kennen. Anderseits wird er durch seinen von Berufs wegen vertrauten Umgang mit den Eingebornen manchen Beitrag zur Völkerkunde liefern können. Solche völkerkundlichen Untersuchungen sind aber auch für weitere Kreise von Interesse. In dem Sinne schreibt Geheimrat v. Luschan, Direktor des Museums für Völkerkunde zu Berlin: „So scheinen also Mission und Völkerkunde genau ebenso auf gegenseitige Förderung und Hilfe angewiesen, wie wir längst schon eingesehen haben, daß auch politische Erfolge in den Schutzgebieten stets nur auf der Grundlage ethnographischer Erfahrungen erwartet und erreicht werden können, und daß Unkenntnis der ethnographischen Verhältnisse nur allzuoft von politischen Mißerfolgen und von großen Verlusten an Geld und Menschenleben gefolgt war.“
Allzu Anstößiges ist nach Möglichkeit fortgelassen worden. Ich habe versucht, den Paremann dem Leser menschlich näher zu bringen. Und sicherlich wird mancher des öftern mit dem Dichter sprechen müssen:
Wenn nun bei Erwähnung grausiger Sitten oder törichten Aberglaubens die Schwarzen wieder in den Augen des Lesers verlieren sollten, so wolle er freundlichst bedenken, daß Pauli Wort für alle gilt: „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden.“ Vielleicht daß es ihm dann ein Herzensbedürfnis wird, an seinem Teil mitzuhelfen, ihnen dieses Heil zu bringen.
[1] Grammatik des Chasu, vom Verfasser, „Archiv der deutschen Kolonialsprachen“, Band X; Reimer, Berlin.