In einem beschlagnahmten Palast eines ausgewanderten Maurenfürsten beim Elvirator arbeitete das heilige Offizium. Über dem Tor stand die Aufschrift der Inquisition: Exurge Domine; judica causam tuam, capite nobis vulpes. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses waren vermauert worden. Im Secreto, dem Gerichtssaal im ersten Stockwerk, standen die Truhen mit den Anklageakten. Durch einen engen Korridor über eine gewundene Treppe hinab gelangte man zur Folterkammer unter der Erde. Kein Seufzer, kein Schrei drang aus dieser Grabestiefe herauf. Die Fenster des Secreto waren auch bei Tag verhängt, wenn das Gericht tagte. Scheute man das Licht der Sonne?
An dem schwarzbehangnen Tisch des heiligen Offiziums saßen der Inquisitor Pater Leon, der Fiskal Pater Collades, zwei Konsulatoren des weltlichen Gerichts und zwei Dominikaner als ehrbare Zeugen. In einer Nische wartete der Portero, der Pförtner, der die Vorführung zu besorgen hatte.
Es wurden viele Schriften hin und her gereicht. Die Mitglieder flüsterten, und es war, als drückte ein schwerer Gewitterhimmel über die Gemüter. Granada war in Erregung. Die Verhaftung des königlichen Hauptmanns hatte alle Granden empört. Man vermutete, daß damit der Anfang zu weitern Schrecken wie in Toledo gemacht war. Niemand konnte begreifen, wieso der Graf de Mora in Verdacht kam, Ketzerei getrieben zu haben, wiewohl der erste Gedanke auf das schöne Königskind fiel, die ihn vielleicht im Glauben wankend gemacht haben konnte. Die beiden großen Maurenfreunde, der Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz, an die Hernando de Rojas mit dem Eifer seiner Freundesseele herangetreten war, setzten sich bei der Königin vergebens für den Beschuldigten ein. Auch Fernando wies auf die unangreifbare Macht der Inquisition hin, an der selbst der Papst nicht zu rütteln vermochte. Die beiden Granden versammelten heimlich viele andalusische Edle bei sich, aber ihr rührender Rettungseifer scheiterte an der Furcht der Gemüter vor den Nachstellungen des heimlichen Gerichts. Nur wie ein dumpfes Grollen ging es von Palast zu Palast. Es war eine Schmach für den spanischen Adel, der wehrlos der Entrechtung durch die Inquisition preisgegeben war.
Ximenes war nach Toledo gereist. Leon durfte mit dem unbegrenzten Vertrauen des Erzbischofs Wucher treiben. Das Machtbewußtsein leuchtete ihm von der gelblichbraunen, vorgewölbten Stirn, es prägte sich in dem scharfen Lippenzug aus, der seinem Gesicht heute eine ungewöhnliche Härte gab, in dem eisigen Blick, der selbst die Mitglieder des Rates im Innern frösteln machte. Wie konnte diese mitleidslose Seele die Sonne fühlen, die draußen frühlingswarm über den rötlichen Steinkolossen der Alhambra lag. Hier waren Kälte und Schatten zu Gast, die würdigen Begleiter einer Handlung, bei der diese Menschen Gottes allerwärmende Kraft als störend empfunden hätten.
In der Hand eines Mönches knisterte das verleumderische Papier des Don Silvio, das Zeugenmacht erlangt hatte. Der Familiare wollte von Chispazo, dem Diener des Grafen, allerhand verdächtige Äußerungen gehört haben, die nun, sorgfältig niedergeschrieben, als wuchtiges Anklageinstrument dienten. Da waren angebliche Reden über die wohltätige Kraft des Korans zu lesen, es stand geschrieben, der Graf sei selbst auf dem Gebetsteppich gekniet, er habe sich umständlicher Waschungen befleißigt und habe über die Beichte abfällig gesprochen. Auch die erfundenen Aussagen der Doña Leonore de Uceda lagen wohlgeordnet auf dem Papier. Ihr eifersüchtiges Herz hatte sie in Gift entleert. Der Unrat ihres Hasses war in drei Anklageblättern aufgespeichert. Ein furchtbares Lügengewebe war verfertigt worden, und es wurde als Netz um das Haupt des wehrlosen Menschen gelegt.
Ein Stuhl wurde gerückt. Der Inquisitor erhob sich. „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. Aber laßt uns dennoch versuchen, weise und gerecht zu urteilen.“ Er gab dem Portero einen Wink. „Holt den Inquisiten Don Pedro de Solar Grafen von Mora.“
Bald darauf öffneten sich die Türflügel, und der Graf schritt unter der Hut zweier Alguaciles herein. Empörung, Leid und Kerkerhaft hatten seine männlich schöne Gestalt gebrochen, doch versuchte er sich aufrecht zu erhalten. In seinem Gesicht, blaß wie Gips, brannten die Augen wie Wolfsleuchten, umgeben von grauen Höfen, den Zeichen durchwachter Nächte. Seine Züge waren wieder wie einst streng und hart geworden. Als er den Pater Leon vor sich sah, stockte sein Fuß. „Ich will vor keinem befangenen Richter stehen,“ sagte er gelassen.
Leon sah die Beisitzer des Gerichts an. „Ich wüßte nicht, daß ich dem Grafen je Gelegenheit gegeben, an meiner Unbefangenheit zu zweifeln.“
„Doch,“ erwiderte dieser. „Ich habe gegen Euern Willen ein maurisches Mädchen verteidigt.“
Der Dominikaner lächelte. „So etwas vergißt sich schnell. Stimmt ab, ihr Herren.“
Gleich darauf war es entschieden: Die Bitte des Grafen wurde abgelehnt.
„Weshalb steh ich hier?“ warf sich Mora selbst in den Strom des Verhörs.
„Vor allem seid gebeten, nur auf das zu antworten, was man Euch fragen wird. Und schwört, alles geheimzuhalten, was Ihr hier sagen, was Ihr hören werdet.“
„Soll ich hier so Ungeheures erfahren, daß Ihr es vor den Augen der Mitwelt bedecken müßt?“ erstaunte der Graf.
„Darüber sind wir Euch keine Rechenschaft schuldig. Schwört.“
„So lege Euch Gott diesen Schwur auf Euer Gewissen.“ Er erhob die Eidfinger.
Dann befragte ihn der Inquisitor über sein Leben und das seiner Vorfahren. Mit Stolz bekannte er sich als Sohn des Grafen de Mora, der nahe daran war, mit dem Sanbenito verflucht zu werden.
„Ich habe die Prozeßschrift Eures Vaters dieser Tage gelesen,“ sagte Leon, „und es ist eigentlich ein laufender Prozeß.“
„Nicht abgeschlossen?“ fuhr Mora auf. „Er könnte also jeden Tag —?“
„Neu aufgenommen werden,“ nickte der Inquisitor.
„Der Tote kann sich nimmer verteidigen.“
„Aber die Lebenden können noch immer zeugen.“
„Ihr macht furchtbare Schlüsse. Und wenn man ihn schuldig erkennen würde?“
„Könnten seine Gebeine den reinigenden Flammen übergeben werden.“
Der Graf wankte auf den Ketzerrichter zu. „Das — kann — nicht — sein. Den Erdenrest verbrennen —?“
„Wir gehen weiter. Ihr habt dann ein Maurenmädchen kennengelernt, die natürliche Tochter des ehemaligen Königs von Granada, die nunmehr getaufte Doña Maria de Calabreña.“
Das bleiche Antlitz des Inquisiten rötete sich. „Ja,“ sagte er leise. „Durch sie wurde ich der Mensch, der vor Euch steht.“
„Wir fragen Euch nun, ob Ihr allen Glaubensvorschriften nachgekommen seid.“
Der Graf nickte stumm.
„So bekreuziget Euch und sprecht das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und das Ave-Maria.“
Don Pedro sprach alles mit klarer Stimme und mit der tiefen Überzeugung seines gläubigen Herzens.
„Wißt Ihr die Ursache Eurer Verhaftung?“ fragte der Inquisitor.
„Nein. Ich weiß nur, daß ich dem König wertvolle Dienste geleistet, daß ich tapfer vor dem Feind gestritten und nicht um Haaresbreite vom Glauben gewichen bin.“
„Die Verdienste mag der König belohnen. Die Kirche muß sich Eurer Sünden erinnern, mit denen Ihr Gott beleidigt.“
„Ich dachte, dafür sollte der Beichtstuhl dienen.“
„Eure Sünden überschreiten die Macht der Lossprechung. Wir ermahnen Euch, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“
„Ich habe nichts auf dem Gewissen,“ sagte der Graf seelenruhig.
„Wir ermahnen Euch zum zweitenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“
„Ich habe nichts zu bekennen,“ erwiderte der Graf mit derselben Ruhe.
„So denket nach, ob Eure Seele nicht beschwert ist durch gewisse Äußerungen —“
Da riß sich der Beschuldigte aus der Gelassenheit. „Zeigt mir den Menschen, der mich verleumdet hat.“
Alle Mitglieder des Gerichts saßen unbeweglich mit gesenkten Köpfen da. Der Graf wurde durch dieses Schweigen furchtbar erregt. „Ich will den Menschen sehen. Ich war einst hart. Meine Härte kann mir Feinde gemacht haben. Ich will ihre Namen wissen.“
Das Haupt Leons erhob sich langsam. „Wir ermahnen Euch zum drittenmal, alles zu bekennen, was Ihr auf dem Gewissen habt.“
„Ich kann nichts bekennen, wenn ich nicht weiß, wessen man mich zeiht.“
„Bekennet!“
„Sagt, was ich getan haben soll.“
„Eben das sollt Ihr sagen.“ Es flog wie ein höhnender Pfeil in des Grafen Brust.
„Gebt mir nur einen Anhaltspunkt, ihr Herren. Seid barmherzig, ihr Herren, sagt mir, was man mir aufbürdet.“
„Ihr habt nie ketzerisch gesprochen und gehandelt?“
„Wann? Wo?“ entsetzte sich Mora.
„Eben das sollt Ihr uns sagen. Bekennet.“
„Ich kann nichts bekennen!“ schrie nun der Graf verzweifelt auf. „Ich befolgte alle Gebote der Kirche, ich sprach alle vorgeschriebenen Gebete, ich ging jeden Tag in die Messe — wozu zwingt ihr mich, ihr Herren? Ich kann nichts als die Wahrheit sagen.“
„Eben die wollen wir wissen. Sie steht schon auf diesen Papieren. Ihr braucht sie nur zu bestätigen.“
„Ich kenne sie doch nicht, lest mir vor, was da steht.“
„Wir dürfen es nicht. Bekennet.“
Der Graf glaubte wahnsinnig zu werden. Er stand vor einem leeren Nichts. Nun krampfte es sich aus seiner Brust: „Verflucht sei mein Verfolger, sein Wesen vergehe vor Gottes Angesicht, der Teufel jage nach seiner Seele, und alle menschliche Kreatur wende ihr Antlitz mit Schaudern von ihm ab.“
Der Inquisitor starrte regungslos vor sich hin. Die Schauer des Fluches webten sich vor seinem Auge um das Haupt der schönen Moriska zusammen.
„Fragt mich doch um des Heilands willen aus. Habe ich in der Anbetung der Heiligen zuwenig Eifer gezeigt? Habe ich unbewußt Gott gelästert?“
Nur des Dominikaners Finger spielten mit dem Anklageblatt, sein übriger Mensch blieb regungslos, so daß dem Grafen der Zorn im Herzen brannte. Die zwei Patres nickten schläfrig vor sich hin. Endlich rekelte sich Pater Leon aus seiner Starrheit. „Der Fiskal erhebe die Anklage.“
Der schwüle Rauch der Kerzen machte die Luft stickig, die lautlose Stille legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf die Brust des Inquisiten.
Dumpf wie aus Erdentiefen tönte die Stimme des Fiskals: „Im Namen des vom heiligen Gericht in Cordoba bevollmächtigten Tribunals in Granada! Don Pedro de Solar Graf von Mora, daselbst geboren im Jahre des Herrn Eintausendvierhundertsechzigundacht, Ritter des Ordens von Santiago de Compostela, Hauptmann der königlichen Wache in Granada, wird beschuldigt und ist durch Aussagen überführt, in Dingen des katholischen Glaubens zu wanken und durch Äußerungen verschiedener Art gegenüber glaubwürdigen Personen dargetan zu haben, daß er den christlichen Glauben mißachtet und Gottes heilige Gebote übertreten hat. Er hat gesagt, er wisse von Gottes heiliger Dreieinigkeit wenig oder nichts. Er hat den Propheten Mohammed einen großen Mann genannt und behauptet, Jesus Christus sei nicht der Sohn Gottes gewesen —“
Der Graf greift mit den Händen nach der Stirn. „Seid Ihr — wahnsinnig? Oder bin ich es?“
Ungerührt schnarrte die Stimme des Fiskals: „Auch sagte er, Jesus sei ein Prophet und die Hostie ein unscheinbares Ding, und er schüttelte den Kopf, wenn man davon sprach. Er las mit einer gewissen Person den Koran, besonders die Suren vom Paradies und nannte des Propheten Religion erhaben, lobte auch die Art der Moslims, vor Gott auf dem Gebetsteppich zu knien, ja, er kniete auch selbst auf diesem Teppich, mit dem Gesicht nach Mekka gekehrt. Er hat über die Beichte abfällig gesprochen und sich regelrechter Waschungen nach islamitischer Art befleißigt. Dies alles beweist die Verleugnung des alleinseligmachenden katholischen Glaubens, wenngleich der Graf äußerlich noch in dessen Lehren beharrt. Über alles dies richte das heilige Offizium. Das Vermögen des Inquisiten wurde vom Sequestrado bis zum Ausgang des Prozesses beschlagnahmt. Das heilige Tribunal von Granada im Namen des Inquisitoriats von Cordoba.“
Durch die Stille hetzte der Atem des gemarterten Grafen. Seine Augen starrten ins Leere, in seiner Brust wogte ein furchtbares Chaos. Lüge, Haß und Niedertracht warfen ihn zu Boden, seine Ehre lag im Staub, Bösewichter spielten Fangball mit ihr, Hyänen verkrallten sich in seinen wehrlosen Leib, um ihn auszusaugen und aus dem Reich der Lebendigen zu stoßen. Und über den Köpfen dieser Teufel, die Kläger und Richter in einer Person waren, leuchtete Christi unbeflecktes Sterbekreuz, und der Herr sah seinen Jammer und stieg nicht herab, seine satanischen Widersacher zu zermalmen. Warum fuhr er nicht wie einst mit der Geißel unter die Tempelschänder? Schändeten diese nicht auch sein Heiligtum, sein Herz, seine Lehre? Er wollte sich mit der Inbrunst eines herzaufwühlenden Gebetes vor das Kreuz niederwerfen, um ein Wunder zu erflehen. Aber da klang schon die Stimme des Inquisitors an sein Ohr. „Wollt Ihr nun bekennen, Graf de Mora?“
„Nun bekenne ich feierlich vor Gott und den Heiligen, daß alles erlogen ist, was hier geschrieben steht. Die Erde verschlinge meine Feinde wie einst die Rotte Korah.“
„Wir ermahnen Euch zum letztenmal: Bekennet!“
Der Graf keuchte in die furchtbare Stille und schwieg.
„So wird die barmherzige Kirche jammern müssen über Euch und das Leid, das sie Euch anzutun gezwungen sein wird. Sie weinet über Euch und ist fassungslos über Eure Reuelosigkeit. Aber wie sagte Innozenz? Demjenigen, der Gott keine Treue hält, soll auch keine gehalten werden. Oh, bei Christi allerbarmender Liebe beschwören wir Euch: Bekennet, daß wir gegen unsern Willen nicht gezwungen werden, Euch zu zwingen. Ihr unterschätzt vielleicht die uns von Gott gegebene Macht.“
„Es ist die Macht, die ihr euch selbst genommen!“ rief der Graf mächtig aus.
„Schreibt das auf, Pater Diego, die Kühnheit verdient festgehalten zu werden. Ihr wollt also nicht bekennen?“
Da schleuderte der Graf seinen Peinigern das Feuer seiner Empörung in die entsetzten Gesichter. „Ich bekenne nichts — aber ich erkenne, daß ihr Vernunft und Gefühl gemordet habt, daß die alte Freiheit der spanischen Granden vor der Glaubenstollheit eurer Mönche im Staube liegt, daß ihr das von Gott ins Herz geschriebene Gesetz leugnet, daß ihr aus eures Vaters Haus eine Mördergrube gemacht habt, daß euer Werkzeug das Entsetzen, eure Waffe Gift ist, und daß euer Rasen weder vor Lebendigem noch Totem stillhält. Ich erkenne, daß die sanfte Glut der Religion unseres Nazareners durch haßverwirrte Priester zu einem verzehrenden Feuer entfacht wurde, das tausend Herzen verbrennen soll. Grimm und Wut heißen eure Helfer, die die Christenlehre zerbrochen und dem Prophetenglauben ewigen Krieg angesagt haben. Ihr lehrt den menschenliebenden Sohn Gottes hassen, indem ihr in seinem Namen Missetaten verübt. Dann will ich lieber Götter ehren als einen Gott, dessen Reichsverweser Teufel sind.“
Leon war kreidebleich geworden. Die Griffel der Schreiber flogen über das Papier.
„Ihr könnt Euch selbst nicht mehr verteidigen, denn Eure Zunge raset,“ sagte der Inquisitor. „Wollt Ihr nun einen Abogador[3] anerkennen?“
[3] Abogador = Rechtsanwalt.
Der Graf schüttelte den Kopf.
„Höret, Graf de Mora. Wir züchtigen Euch nur um der übrigen Menschen willen. Diese leben sicherer, wenn sie wissen, daß das Böse von Euch genommen. Tut Buße, daß Euch die Kirche wieder aufnehmen kann in Gnaden. Die Strafe ist keine Freude für uns. Tut Buße!“
„Ich habe nichts zu büßen. Wohl habe ich mich über die Schwachheit der Mauren erbarmt, aber nie war ich Verteidiger ihres Glaubens. Es war ein Engel Gottes, der mich das Mitleid lehrte, gesandt, um mir die Augen zu öffnen. Ja, dieses Mädchen war die Mittlerin der Duldung.“
„Schreibt das nieder, Pater Diego.“
„Schreibt es nieder und setzt dazu: Sie erschloß mir die Weisheit ihres Propheten, ehe sie Christin wurde.“
„Sie ist es nicht mehr,“ wehte es eisig von den Lippen Leons.
Da erschrickt Don Pedro de Solar bis ins Mark. „Sie — ist zurückgekehrt — zum alten Glauben?“
„Noch nicht. Aber der Kirche erbarmender Arm hat sich ihrer auf dem Weg dahin als Ketzerin bemächtigt.“
„Sie — ist —?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Graf den Priester an.
Dieser nickte sein entsetzliches Ja.
„Reija gefangen! Reija! Reija!“ Schreck, Zorn, Wut brauen sich in seinem Herzen zu einem gräßlichen Pandämonium zusammen. Seine Arme taumeln wie zuckende Schlangen in die Luft. „Gesetz — Menschlichkeit — alles dahin! Umnachtet die Vernunft! Die Blume zertreten, deren Duft jedes Herz mit Wonnen erfüllt — zerrissen ihre Brust, die nur für Liebe schlug — von Priesterhänden geknickt — o Henker — blutsaugende Henker!“
Da rief Leon nach dem Knebel. Des Grafen ergrimmte Fäuste warfen die Alguaciles rechts und links nieder. „Gottschändende Teufel! Schergen des Satans! An dieser Liebe sättigt sich euer Haß und die Glaubenswut eurer verruchten Hirne! Die haben sie aus der Hochliebe Christi herausgestoßen und zurück in die blühende Welt, aus der sie kam und die ihr Sünde und Irrglauben nennt. Wehe, wenn ihr diese martert! Wenn ihr die Unschuld in brennende Gewänder hüllt, wenn in Glut aufgehen soll, was Gott in seinem Schöpferwillen zur Freude geschaffen! Hört es, Dominikaner! Brennt dieses Mädchens Wunderleib anklagend zum Himmel, dann entzündet ihre Glut ein ganzes Volk, und alles, was diesen Brand im eignen Herzen fühlt, wird sich wie ein einziges Feuermeer erheben und euer mönchisches Gezücht niedersengen, bis eure Asche sturmverweht in alle Lande fliegt!“
Die Mönche zittern. Leon allein ist furchtlos. „Die Wache!“
Fünf baskische Bären im Panzer stürzen herein und umringen den Grafen. Die schäumende Kraft des Ebers ist gebrochen. Seine Augen rollen noch im nachbebenden Zorn, aber im Gefühl der eigenen Machtlosigkeit bricht sein letztes Wehren zusammen. Verkämpft hängen die Arme an den Lenden herab, sein Kopf fällt auf die Brust, und durch sein Hirn braust ein Strom müder Gedanken — Leon, Reija, Kerker, Teufel, Flammen, Koran, Jesus, Tanz — alles wirbelt zu einer zähen, breiigen Masse zusammen und ergießt sich, Gefühle und Gedanken erstickend, in sein Inneres. Inmitten der klirrenden Panzer wankt er hinaus. Hinter ihm knarrt heiser die Tür.
Pater Leon steht bleich, aber gefaßt da. „Ihr habt diese Zunge, das prahlende Organ eines gottverfluchten Herzens, gehört. Sie könnte leicht tausend entzündbare Herzen vergiften, zu denen sie spricht.“
„Eine solche Zunge verdient nicht, lebendig zu bleiben,“ entsetzte sich gehorsam einer der Dominikaner.
„Die Überzeugung unseres göttlichen Rechtes ist ein Festungsbau, den stärkere Kanonen stürmen müßten,“ sprach siegessicher Pater Leon. „Oder sollte der heilige Augustinus, der große Leon und die Kirchenväter unrecht haben, die um der Lehre des alleinseligmachenden Glaubens willen den Ketzer vertilgt wissen wollten? War nicht Gott selbst der erste Inquisitor, als er Adam und Eva aus dem Paradiese trieb? War nicht jenes Tierfell der vertriebnen Menschheit das erste Sanbenito? Erschreckt nicht vor dem Hochmut der Ketzerzunge. Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich. Und wer nicht in mir bleibt, sagt der Evangelist Johannes, wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, daß sie verbrenne.“ Er verhüllte in geheucheltem Schmerz sein Haupt und sagte: „So bereitet denn für morgen die Folter. Doch gebt dem Inquisiten vorher den süßen Wein von Almontillado zu trinken, daß er sich stärke. Wenn er wieder tobt, gebt ihm die Mordaza, den Knebel.“
Da erhob sich einer der Konsulatoren. „Vom Standpunkt des königlichen Gesetzes erachten wir, daß der Inquisit ein Bekenntnis abgelegt und von der Folter abzusehen wäre.“
„Noch hat er nicht bekannt,“ entgegnete der Inquisitor, und die Mönche nickten.
„Seine Anklagen und Verunglimpfungen des heiligen Offiziums gleichen einem Bekenntnis.“
„Wir haben nicht Verunglimpfungen abzuwehren, die Kirche will den Sünder reuig und geständig wissen. Don Pedro de Solar Graf de Mora muß bekennen: Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“
In die Unmenschlichkeit dieser Herzen wehte das heilige Wort, ohne sie von der Besessenheit zu erlösen. Gnadenlos übergaben sie alle den ‚Feind Gottes‘ der körperlichen Qual.