An die Beschreibung der chemischen und morphologischen Eigenschaften des Kerns lässt sich noch die wichtige Frage knüpfen, ob der Kern ein unentbehrlicher Bestandtheil jeder Zelle ist. Gibt es kernlose Elementarorganismen? Noch vor einer Reihe von Jahren war man mit einer Antwort auf diese Frage nicht verlegen. — Da man in Folge der Mangelhaftigkeit der älteren Untersuchungsmethoden bei vielen niederen Organismen keine Kerne gefunden hatte, nahm man die Existenz von zwei verschiedenen Arten von Elementartheilen an, von einfacheren, die nur aus einem Klümpchen von Protoplasma bestehen, und von zusammengesetzten, welche in ihrem Innern noch als besonderes Organ den Kern entwickelt haben. Die ersteren bezeichnete Haeckel (I. 10. II. 15) als Cytoden und ihre einfachsten, einzellebenden Formen als Moneren, die letzteren als Cellulae oder Cyten. Seitdem aber hat sich der Stand der Frage wesentlich verändert.
Dank den verbesserten optischen Hülfsmitteln und den vervollkommneten Färbungsmethoden ist die Existenz von Organismen ohne Kern sehr in Frage gezogen.
Bei sehr vielen niederen Pflanzen (Algen, Pilzen) und bei Protozoen, Vampyrellen, Polythalamien, Myxomyceten, die früher als Beweisobjecte für das Fehlen des Kerns gegolten hatten, gelingt es mit leichter Mühe, Kerne nachzuweisen. Nachdem auch bei der reifen Eizelle der Kern gefunden worden ist (Hertwig II. 19a), können wir sagen, dass im gesammten Thierreich kein sicher bewiesener Fall von kernlosen Zellen existirt. Man wird mir vielleicht die rothen Blutkörperchen der Säugethiere entgegenhalten. Freilich fehlt bei ihnen ein Kern, es fehlt ihnen aber ebensogut auch das Protoplasma, und es lässt sich mit guten Gründen, die später zusammengestellt werden sollen, die Ansicht verfechten, dass die Blutscheiben der Säugethiere nicht den Werth von Elementarorganismen besitzen, sondern nur die Umwandlungs- oder Bildungsproducte ehemals vorhandener Zellen sind.
Eine Zuflucht findet jetzt die Lehre von der Kernlosigkeit nur noch bei den Mikroorganismen, bei den Bacterien und verwandten Formen, bei denen wegen ihrer ausserordentlichen Kleinheit die Unterscheidung von Protoplasma und Kernsubstanz auf Schwierigkeiten stösst. Indessen auch hier hat Bütschli (II. 6) die Existenz kernartiger Gebilde nachzuweisen versucht. Als solche deutet er bei Oscillarien u. a. (Fig. 33 A. B) Körper, welche bei der Verdauung durch Magensaft nicht aufgelöst werden und einzelne in Farbstoff sich intensiv färbende Körnchen (wahrscheinlich Nucleinkörnchen) beherbergen. Dieselben machen den grösseren Theil des Zellkörpers aus, während Protoplasma nur als dünne Umhüllung vorhanden ist. Bütschli’s Ansichten werden im Allgemeinen von Zacharias (II. 47) getheilt.
Wer diese Angabe nicht als beweisend anerkennen will, wird zugeben müssen, dass die Annahme, welche die Mikroorganismen ganz oder vorzugsweise aus Kernsubstanz bestehen lässt, wenigstens ebenso viel wenn nicht mehr für sich hat, als die Annahme, sie seien nur kleinste, einfache Protoplasmaklümpchen. Denn für die erste Annahme fällt ihre ausserordentliche Neigung, Farbstoffe in sich aufzunehmen, sehr in die Wagschale.