In einem lebenden Organismus stehen notwendiger Weise alle morphologisch unterscheidbaren Theile in bestimmten, gesetzmässigen Wechselwirkungen zu einander. In dieselben einen Einblick zu gewinnen, ist bei der ganzen Complication des Lebensprocesses in den meisten Fällen ausserordentlich schwer. Immerhin ist auch hier durch Beobachtung und Experiment schon ein erfreulicher Anfang gemacht, um das dunkle Gebiet unserer Erkenntniss zu erschliessen.
Auf eine Betheiligung des Protoplasma an allen formativen Processen, an der Bildung der Zellmembran, der Intercellularsubstanzen etc. weisen verschiedenartige Befunde hin, welche sich wohl kaum in einer anderen Weise erklären lassen.
Bei Pflanzen ist stets an den Stellen, von denen das Wachsthum hauptsächlich ausgeht, die Hauptmasse des Protoplasma angesammelt: so an den Spitzen wachsender Wurzelhaare, sprossender Pilzfäden etc., an den Vegetationspunkten vielzelliger und einzelliger Pflanzen, wie Caulerpa.
Auch in der einzelnen Zelle häuft sich das Protoplasma stets an den Orten grösster formativer Thätigkeit an.
Wenn in einer Pflanzenzelle sich die Cellulosemembran zu vorspringenden Leisten oder sonstigen Sculpturen verdickt, geht das Protoplasma schon einige Zeit, ehe die Verdickungen angelegt werden, vorbereitende Veränderungen ein, indem es sich zu den Stellen des stärkeren Wachsthums hinbegiebt. Auch während sich die Leisten und Verdickungen bilden, gehen an ihnen fortwährend Ströme von körnigem Protoplasma entlang.
Wenn bei Vaucheria ein kleines Stück abgetrennt wird, so sucht alsbald das Protoplasma den Defect wieder zu ergänzen. Man sieht „zu der Wunde körniges Plasma in dichteren Massen herandrängen und sich zu einer nach aussen scharf begrenzten Schicht zusammenschliessen. An dieser beginnt sich alsbald Zellhaut zu bilden.“ (Klebs.)
Wenn man durch Plasmolyse den Protoplasmakörper einer Pflanzenzelle von seiner Membran abgelöst hat, ohne dass er dadurch in seinen Lebensfunctionen gelitten hat, so scheidet er nach kurzer Zeit wieder auf seiner Oberfläche eine neue Celluloseschicht aus, welche sich durch Zusatz von Congoroth zum Wasser roth färben lässt.
Solange Zellen jung und in kräftigem Wachsthum begriffen sind, enthalten sie die grösste Menge von Protoplasma, während dasselbe in alten Zellen, namentlich wenn dieselben ihre formative Thätigkeit eingestellt haben, oft nur in geringen Spuren nachzuweisen ist. So kann in grossen, ausgewachsenen Pflanzenzellen der protoplasmatische Beleg an der Innenfläche der Cellulosemembran so außerordentlich dünn werden, dass er als ein besonderes Häutchen nur vermittelst der Plasmolyse nachzuweisen ist. Ebenso ist in den blasigen Chordazellen der Thiere etc. Protoplasma nur noch in geringen Spuren vorhanden.
Besonders ist gegenwärtig die Forschung auf die Beziehungen des Kerns zu den übrigen Bestandteilen der Zelle gerichtet. Dass derselbe namentlich während des ganzen Theilungsprocesses in sehr auffälligen Wechselbeziehungen zum Protoplasmakörper steht, wurde schon früher gezeigt. (Seite 172). Aber auch zu anderen Zeiten spielt er offenbar eine wichtige, physiologische Rolle im Leben der Zelle; alle formativen und nutritiven Processe scheinen in einem näheren, zur Zeit allerdings nicht genauer zu definirenden Abhängigkeitsverhältniss von ihm zu stehen, wie sich aus den jetzt näher zu besprechenden Beobachtungen von Haberlandt und Korschelt, sowie aus Experimenten von Gruber, Nussbaum, Balbiani, Klebs und Hofer schliessen lässt.