Bemerkt sei noch, daß MOSES den Ausdruck μᾶζα (Maza) an einer Stelle seiner Schrift⁠[763] im Sinne von Chemie, oder eines die Chemie betreffenden Buches, eines chemischen Lehrbuches, gebraucht; da indessen seine ganze Abhandlung in der uns vorliegenden Gestalt die Spuren später (oft um Jahrhunderte späterer) Um- und Überarbeitung trägt⁠[764], lassen sich hieraus bestimmte Folgerungen, etwa in zeitlicher Hinsicht, nicht ziehen.

i) Johannes.

Als Verfasser einer nur in stark entstellter Form überlieferten Schrift „Von der heiligen (göttlichen) Kunst“ (θεία τέχνη), die sich im wesentlichen auf DEMOKRITOS, HERMES, AGATHODAIMON, OSTANES und andere „Perser“ beruft, wird JOHANNES, Ober- oder Erzpriester von Ebeigia (Evagia, Ebagia, Euagia), genannt⁠[765].

Der Verlauf des großen Werkes, wie ihn DEMOKRITOS auf die Säulen der Tempel niederschreiben ließ⁠[766], ist nach JOHANNES abhängig von der Gunst der Jahreszeit, von Wind und Wetter und von den Gestirnen; da er nämlich durchaus dem einer Schwangerschaft gleicht, — nur daß die Dauer statt neun Monate bloß neun Stunden beträgt —, so können die Wirkungen und Effluvien der Planeten, z. B. die des Mondes, die σεληνιακὴ ῥεῦσις⁠[767], auch hier vorzeitige Entbindungen und Fehlgeburten bewirken, die den Embryo vernichten⁠[768]. Der Kundige wird also das große Werk nur unternehmen, wenn die Umstände Erfolg versprechen; dann aber wird auch er das Nämliche vollbringen, was die Goldarbeiter (χρυσοχόοι, Goldgießer) vermögen, die „das Metall seiner ganzen Tiefe nach zu Gold färben“, und zwar mittels Oker, Salz, Natron, Thenakar [offenbar Tinkal, arabisch Tinkâr, d. i. Alkali, später auch Borax] und χαλκάνθη [Chalkánthe = unreiner Vitriol oder Alaun], die durch ihre Natur die Beimengungen des Goldes so an sich ziehen, wie der Magnet das Eisen, oder die Magnesia der Glasmacher [d. i. Braunstein] die Unreinigkeiten des Glases; er wird es aber vollbringen, indem er seine Mittel benützt, den „hieratischen (heiligen) schwarzen Stein“, ἱερατικὸν λίθον μέλανα⁠[769]. Sobald er diesen auf die Masse projiziert, beginnt das ihm innewohnende Pneuma zu wirken: die im Inneren der Rohmetalle verborgene Natur wird nach außen gekehrt, und es entsteht die rechte Färbung, sowie das reine, gelbe, dem Feuer widerstehende Gold, χρυσάνθιμον geheißen [Chrysánthimon = Blüte des Goldes; auch Namen des goldfarbigen Pyrits, des Goldkieses]⁠[770]. Man versteht aber den heiligen Stein zu bereiten: in den Gauen der Thebais, in Herakleopolis, Lykopolis, Apollinopolis, in Aphrodite und Elephantine⁠[771]. — Diese Aufzählung des JOHANNES folgt entschieden einer echten Tradition, denn sämtliche, wenn auch in griechischer Umschreibung genannte Orte, sind ausschließlich ägyptische; daß sie jedoch, wie BERTHELOT mutmaßt, ursprünglich die Stellen der Goldbergwerke bezeichnet hätten, von denen AGATHARCHIDES und ihm folgend DIODOR und andere antike Autoren berichten, ist weder nach ihrer geographischen Lage möglich, noch nach der für jene Bergwerke angegebenen; sie alle sind vielmehr Orte von Tempel- und Kult-Stätten, namentlich von ursprünglich Gold-Verarbeitenden⁠[772].

Den „stärksten weißen Essig“, τὸ λευκὸν ὄξος δριμύτατον, dessen JOHANNES als eines durch seine Schärfe die Metalle auflösenden Mittels gedenkt, soll man nach BERTHELOT vielleicht für eine unreine mineralische Säure ansprechen, die etwa durch Erhitzen des Eisen- und Kupfer-Vitriols, sei es für sich, sei es zusammen mit Kochsalz, erhalten worden wäre⁠[773]; da aber derlei Ausdrucksweisen keineswegs wörtlich zu nehmen sind, — schreibt doch PSEUDO-MOSES der Metall-Legierung „Magnesia“ die Natur eines ὄξος (Essigs) zu —, und keine beglaubigte Tatsache eine so frühe Kenntnis der Mineralsäuren bezeugt, so ist BERTHELOTS Annahme ganz unwahrscheinlich.

Der PHILOSOPHUS ANONYMUS bezeichnet JOHANNES als einen Schüler des HERMES und als ἀρχιερεύς (Archiereús), d. i. Erz- oder Oberpriester der Tempel ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας⁠[774]; BERTHELOT übersetzt dies „zu Euagia in Tuthia“ und läßt es dahingestellt, ob hier an die mystische Andeutung eines Namens zu denken sei, eines Ortes, oder etwa der nach diesem Orte benannten „Tutia“ der späteren Alchemisten⁠[775] [d. i. des zur Messing-Darstellung dienenden, mehr oder weniger reinen Zinkoxydes]. Ein ägyptischer Eigenname THUTIA kommt zwar vor, — u. a. trägt ihn, nach A. WIEDEMANN, ein Feldherr, der um 1500 v. Chr. die Stadt Joppe oder Jaffa eroberte⁠[776] —, doch kann dieser hier ebensowenig in Frage stehen wie die Bezeichnung „Tutia“ für Zinkoxyd, die erst zu arabischer Zeit auftritt und deren Quelle das persische Wort Dûd = Rauch ist, (gemäß der ältesten Gewinnungsweise dieses Präparates). Aber auch um einen (sonst unbekannten) Ort Thutia handelt es sich wohl schwerlich, da andere Handschriften, statt der von BERTHELOT bevorzugten Lesart ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας, die Worte ἐν Εὐαγίᾳ τῇ θείᾳ bieten, d. h. im heiligen Euagia, im Tempel zu Euagia (Evagia, Ebagia), der offenbar als Sitz des Oberpriesters JOHANNES bezeichnet werden soll⁠[777]. Seitens späterer Autoren wurde, wie auch aus einer bei PSEUDO-AVICENNA (um 1200?) erhaltenen Tradition zu ersehen ist, dieser JOHANNES VON EVAGIA mit JOHANNES EVANGELISTA identifiziert, und letzterer als „Oberpriester von Alexandria“ angesehen⁠[778]; hieraus wieder erklärt es sich, daß der Apostel JOHANNES auch im Okzident schon sehr frühzeitig in den Ruf eines Magiers und Alchemisten kam, — an dessen Berechtigung selbst der treffliche J. J. BECHER in seiner „Physica subterranea“ von 1669 noch nicht den geringsten Zweifel hegte⁠[779]! Bereits der 1177 verstorbene Augustinermönch ADAM DE ST.-VICTOR (d. i. aus der Abtei St.-Victoris bei Paris), nach HARNACK[780] der bedeutendste Kirchenlehrer und größte Dogmatiker des Abendlandes in der Zeit zwischen dem hl. AUGUSTINUS und THOMAS VON AQUINO, rühmt in seiner „Hymne auf den hl. JOHANNES“ den Apostel als Herrn über die Kräfte der Gifte und Krankheiten, als Gebieter über Leben und Tod, sowie als Meister der Dämonen, und fügt dann hinzu:

„Cum gemmarum partes fractas
Solidasset, has distractas
Tribuit pauperibus;
Inexhaustum fert thesaurum,
Qui ex virgis fecit aurum,
Gemmas ex lapidibus“,

welche Verse in sinngetreuer Übersetzung lauten:

„Splitter wußt’ er neu zu einen
Zu den schönsten Edelsteinen,
Die er Armen überließ;
Endlos reich wird Der sich zeigen,
Der sich Gold schuf aus Gezweigen,
Edelsteine aus dem Kies.“

Anscheinend zweifelte KOPP die Echtheit dieser Verse an, jedoch mit Unrecht, denn die „Poetischen Werke des ADAM DE ST.-VICTOR“, die er im Original einzusehen keine Gelegenheit hatte, enthalten tatsächlich die angeführte Strophe⁠[781]; auch gebraucht dieser Dichter an mehreren Stellen Gleichnisse, die auf einige technologische Kenntnisse schließen lassen⁠[782], z. B. eines vom Töpferofen, eines von der „colla pigmentaria“ (der Vorratskammer für Farben, Gewürze, u. dgl.) und eines von der Herstellung der Grundmauern:

„Ätzkalk binden und Zemente
Dieses Tempels Fundamente,
Halten fest die Steine.“

Die Tradition von den Wunderkünsten des JOHANNES ist übrigens eine sehr alte, denn schon die um 150–180 n. Chr. verfaßten apokryphen „Johannes-Akten“ melden, daß JOHANNES zwei große Edelsteine aus kleinen Stückchen zusammensetzte, um den Erlös den Armen zu spenden, und daß er für zwei Ephesier, die es reute, ihren gesamten Reichtum an Bedürftige verteilt zu haben, aus Rutenbündeln Gold und aus Kieseln vom Meeresstrande Edelsteine herstellte⁠[783]; ebenso erzählt die von JACOBUS A VORAGINE, Bischof von Genua (1230–1292), herrührende „Goldene Legende“, daß JOHANNES „virgas et lapides“ (Ruten und Kiesel), vom Seeufer geholt, in „aurum et gemmas“ verwandelte, und daß die Goldschmiede (aurifices) und Juweliere (gemmarii) versicherten, reineres Gold und wertvollere Steine niemals gesehen zu haben⁠[784]; endlich verstand JOHANNES es auch, zerbrochene Glasgefäße aus ihren Scherben neu erstehen zu lassen, und die fromme Litteratur berichtet dann Züge dieser Art auch von verschiedenen anderen Heiligen⁠[785]. Im Orient blieb das Andenken an verwandte Überlieferungen ebenfalls lebendig, denn noch der große persische Dichter SAʿDI (1184–1286) sagt im „Fruchtgarten“⁠[786]:

„Vor alters, wie es heißt im Land,
Geschah’s, daß Stein in frommer Hand
Zu Silber sich verkehrte.“