(3. Jahrhundert.)
In dem 1893 zu London veröffentlichten „PAPYRUS KENYON“[787], der laut Urteil der Sachkenner im 3. Jahrhundert n. Chr. niedergeschrieben ist, finden sich eine Anzahl Rezepte magischen und mystischen Inhaltes vor[788], die beredtes Zeugnis für die weite Verbreitung ablegen, deren sich Ideen dieser Art zur erwähnten Zeit erfreuten. — Bei magischen Handlungen z. B. sind Tafeln und Blättchen dienlich, bestehend aus den sechs Metallen[789], — für die nach BERTHELOT[790] auch den „Königen“ des ZOSIMOS (s. unten) verwandte Abbildungen vorkommen sollen (?) —, und erinnernd an die λεπίς ἡλιακή (die sonnigen = goldigen Flitter) der 1893 von WESSELY bekanntgemachten, ungefähr dem nämlichen Zeitalter entstammenden Zauberpapyri[791]; als siebentes Metall wird Quecksilber nicht direkt genannt, doch verbirgt es sich wohl unter dem Decknamen „Lorbeerblätter“, den auch das sog. „Orakel des Apollon“[792] als Bezeichnung für Zinnober oder dessen „Dunst“ anzuführen scheint, während in den eben genannten Zauberpapyri der Zinnober ἀιθάλη δάφνης, Dunst des Lorbeers, heißt[793]. Von Mennige ist die Rede als vom „Blut der Tauben und Krähen“[794]; erwähnt wird ferner Stimmi [Schwefelantimon] aus Koptos, Schwefelarsen, ammonisches Steinsalz, „Smaragd“ und „Kallais“ [beide als grüne, zur Herstellung von Vasen dienende Gesteine, hier vermutlich Malachit und ein anderes, möglicherweise ebenfalls kupferhaltiges Mineral][795] und vielleicht auch Alaun[796], da das Zeichen eines achteckigen Sternes ❋ bei KLEOPATRA diesen (στυπτηρία) bedeutet[797].
Unter den mystischen Autoren führt der Papyrus Kenyon auch HOMER an[798], und zwar neben ORPHEUS, PYTHAGORAS, MOSES und DEMOKRITOS; dem letzteren wird ein bewährtes Rezept zum Fälschen von Münzmetall beigelegt[799].
Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß auch einzelne nicht zum Hauptstücke X gehörige Bestandteile des „LEIDENER PAPYRUS“ verwandte Angaben enthalten: sie sprechen von einem magischen Ringe mit der sich in den Schweif beißenden Schlange und dem Zauberwort ABRAXAS (dessen griechische Buchstaben, ihrem Zahlenwerte nach, die Summe 365 ergeben), von den mystischen Zahlen 10, 4 und 7[800], von der Rolle des siebenmaligen Lachens[801], von der „Sphäre des DEMOKRITOS“ [einer iatrochemischen Tabelle zur Voraussagung des Verlaufes von Krankheiten][802], aber auch vom Reinigen des Goldes durch eine Art Zementation[803], von einer Tinte aus Eisensalzen und Galläpfeln[804], von ammonischem Salz, Aphroselinon, Magnesia und Magnetstein[805], von ποίησις (Poíesis) und μᾶζα (Máza)[806], von allerlei Decknamen mineralischer und pflanzlicher Stoffe[807], usf.
AFRIKANOS, der sich als den hochberühmten „alten“ Meistern zugehörig, an verschiedenen Stellen der einschlägigen Verzeichnisse aufgeführt findet[808], ist aller Wahrscheinlichkeit nach identisch mit SEXTUS JULIUS AFRICANUS, der bald nach Beginn des 3. Jahrhunderts Bischof von Emmaus war[809], von dort aus wiederholte Missionsreisen u. a. nach Edessa, Alexandria und Rom unternahm[810] und 232 als Bischof von Nikopolis starb; außer einer mit dem Jahre 220/221 abschließenden „Chronographie“[811] verfaßte er hauptsächlich noch ein dem Kaiser SEVERUS ALEXANDER (222–234) gewidmetes, gelehrtes und weitläufiges Sammelwerk „Kestoi“, dessen Titel auf den bei HOMER erwähnten reizverleihenden Gürtel der APHRODITE anspielt. Wir kennen dieses Buch nur in völlig entstellter Form, durchsetzt von zahlreichen, zum Teil um mehr als ein halbes Jahrtausend jüngeren Einschiebseln, zu denen u. a. auch einige Angaben gehören dürften, gewisse schwefel-, erdöl-, und ätzkalkhaltige Zündsätze betreffend, die sich in Berührung mit Wasser von selbst entflammen, durch Essig aber gelöscht werden können[812]; seinem alten Bestande nach enthält das Werk, wie KOPP versichert, nichts von alchemistischem, ja kaum irgendetwas von chemischem Interesse[813]. AFRIKANOS schrieb aber, neben zahlreichen sonstigen Abhandlungen, deren Gegenstände u. a. Medizin, Physik und Ackerbau waren, auch eine, die von späteren Autoren unter dem Titel δυνάμεις χυμευτικῶν, „Kräfte chemischer Präparate“, angeführt wird[814], und auf diese, deren Text verloren gegangen ist, beziehen sich offenbar die Zitate einiger Schriftsteller[815]; sie betreffen das Färben der Metalle durch allerlei βοτάναι [Botánai = pflanzliche und mineralische Zusätze][816], das Weißen des Kupfers mittels Auripigment und kappadozischem Salz[817], sowie die Sublimation der Arsenigsäure in einem geschlossenen Glasgefäße eigener Konstruktion[818] und sind also, ebenso wie die wenigen flüchtigen Angaben im „Stockholmer Papyrus“, viel zu spärlich, um ein Urteil über den angeblich so hohen Ruf des Autors zu ermöglichen.
Daß dieser durchaus vom abergläubischen Geiste seiner Zeit erfüllt war, beweisen einige Zitate in den als „Geopónika“ bekannten, spätgriechischen landwirtschaftlichen Schriften, deren uns vorliegende Redaktion etwa aus dem 9. Jahrhundert herrührt[819]; so z. B. bewahrt man Wein vor dem Umschlagen, indem man auf die Fässer den 9. Vers des 34. Psalms schreibt: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“[820].
Einer alten Überlieferung gemäß soll AFRIKANOS das „heilige Buch des CHEOPS“ besessen und diesem seine Weisheit entlehnt haben[821].
ZOSIMOS[822], der als Kind der oberägyptischen Stadt Panopolis in der Thebais, sowie als Christ, nach HOFFMANN[823] als gnostischer Christ, bezeichnet wird, soll sich seit früher Jugend zu Alexandria aufgehalten und dort gelehrt und geschrieben haben; seine Lebenszeit kann nicht, wie man ehemals annahm, in das 5. Jahrhundert fallen, da er von den Tempeln zu Memphis und Alexandria, u. a. von dem 390 zerstörten Serapeion, als von noch bestehenden spricht, sie ist vielmehr, allen Anzeichen nach, um 300 anzusetzen, also in das 3. und vielleicht in einen Teil des 4. Jahrhunderts[824]. Über seine Lebensumstände ist Näheres nicht bekannt, ebensowenig über seine von einigen angezweifelte christliche Herkunft; HARNACK nennt zwar Panopolis nicht unter den ägyptischen Städten, die gegen 300 bereits christliche Gemeinden besaßen, erwähnt jedoch, daß auch in Oberägypten das Christentum um 300 schon „mächtig“ war[825]. Nach SUIDAS (um 1000) verfaßte ZOSIMOS ein der Chemikerin THEOSEBEIA (seiner „mystischen“ Schwester) gewidmetes Werk „Cheirókmeta“, das in mindestens 28 Büchern eine enzyklopädische Darstellung der gesamten Chemie gab, unter Benützung seiner eigenen Erfahrungen, sowie der Arbeiten seiner sämtlichen Vorgänger[826]; die Schriften, die wir noch unter dem Namen des ZOSIMOS besitzen[827], sind vermutlich bloße Bruchstücke dieses Hauptwerkes, und ebensolche waren auch wohl die von einigen Autoren erwähnten Abhandlungen „Buch des IMUTH“ (äg. = Helfer, Heilbringer; u. a. Beinamen des IMHOTEP-ASKLEPIOS)[828], „Buch der Tetraden“ [829] usf. Ihre jetzige Gestalt empfingen die „Schriften“ sichtlich erst auf Grund mehrfacher, zum Teil sogar erst nach Jahrhunderten erfolgter Umarbeitungen durch Schüler und Erklärer; sie enthalten daher, neben dem Hauptgrundstock echter Überlieferungen, zahlreiche Einschiebsel und vielerlei Zusätze, — auch abgesehen von jenen Interpolationen, die schon SALMASIUS (1629) und REINESIUS (1640) sofort als solche einer ganz späten Zeit erkannten, da sie in ihnen u. a. arabischen Namen und Ausdrücken begegneten, wie Tutia, Elilag, Nateph u. dgl.[830]. Das Werk des ZOSIMOS stand wegen seines Umfanges und seiner Reichhaltigkeit, nicht weniger aber wegen seiner mystischen Anspielungen und ekstatischen Visionen, fortdauernd in größtem Ansehen und verschaffte seinem Verfasser die Beinamen ὁ ἀρχαῖος, παλαιός (= der Alte), θεῖος, ἔνθεος (= der Göttliche), στέφανος τῶν φιλοσόφων (= Krone der Philosophen), u. dgl. mehr[831]; doch darf man aus diesen keine zu bestimmten Folgerungen ziehen, namentlich nicht in zeitlicher Hinsicht, denn, wie BOUCHÉ-LECLERCQ hervorhebt, heißt z. B. im 2. nachchristlichen Jahrhundert der große Astronom PTOLEMAIOS schon bei seinen unmittelbaren Nachfolgern und Kommentatoren ὁ παλαιός (der Alte)[832], und als von den „Alten“ spricht auch wieder ZOSIMOS selbst von seinen nächsten Vorgängern[833].
Das heilige Werk, so berichtet ZOSIMOS, ist eine Errungenschaft Ägyptens, woselbst man seit den ältesten Zeiten wie in allen Künsten so auch in der Behandlung, Schmelzung und Färbung der Metalle große Kenntnisse besaß; die über diese handelnden „wahren Lehren“ standen in der symbolischen (= hieroglyphischen) Schrift der Priester auf den Säulen der Tempel und wurden unter Androhung furchtbarer Strafen auf das Strengste geheimgehalten, so daß erst DEMOKRITOS einiges über sie andeutete, und auch das nur in Rätseln[834]; da die Priester betreff des Erwerbes und der Darbringung von Opfergaben auf ihre „magische Wirksamkeit“ angewiesen sind, erregt bei ihnen jeder große Eifersucht und erbitterte Gegnerschaft, der in ihre Geheimnisse einzudringen versucht[835]. Zu diesen gehören u. a.: „die Kenntnis des Abwägens der Stoffe“ [d. h. der Gewichtsmengen][836]; „die Kenntnis der Verbindungen der Stoffe nach gewissen Verhältnissen“, und zwar (gemäß der orphischen Lehre) entweder nach den nämlichen, die man an der Lyra des HERMES betreff der Harmonien [Saitenlängen und Töne] ermittelt hat, oder doch nach analogen[837]; vor allem aber die „Kenntnis der Verwandlung oder Alloíosis“[838]. Da diese Kunst allein den ägyptischen Priestern vorbehalten ist, heißt sie auch τέχνη θεία, τέχνη δογματική (göttliche, dogmatische Kunst)[839]; weitere Namen sind ἱερὰ τέχνη (heilige Kunst) und μέγα ἔργον (großes Werk), ferner „unsere Kunst“, „großes Mysterium“, oder „Mysterium des MITHRAS“[840], d. i. der Sonne, des Goldes. Vollbracht wird das θεῖον ἔργον, das göttliche Werk, durch die Künste der ποιηταί (der Macher) mittels des λίθος μεταλλικός (des metallerzeugenden Steines) in Ägypten, in Cypern und in Thrazien, hauptsächlich aber zu Alexandria und Memphis, woselbst man in den Tempeln des HEPHAISTOS-PTAH durch Weißen mit Kadmia Silber und durch Gilben mit Zinnober Gold gewinnt[841]. — Wer sich dem großen Werke widmen will, hat einer Anzahl schwieriger Vorbedingungen zu genügen, die ihn der unentbehrlichen „Gnade Gottes“ würdig machen: vor allem muß er durchaus rein sein, erfüllt von Frömmigkeit und guter Gesinnung, frei von Eigennutz und Habgier, geneigt zu Opfern und Gebeten, und fähig der tiefsten seelischen Versenkung[842]; sodann muß er rastlosen Fleiß besitzen, sich strenge an die Wahrheit halten und die Kunst allein ihrer Göttlichkeit wegen betreiben, denn von vornherein fruchtlos sind alle Versuche der Ungelehrten und Betrüger, die nicht nach Erkenntnis streben, sondern nach Gold und nach Heilung der unheilbaren Krankheit „Armut“[843], die mit mehr Aussicht auf anderen Wegen zu erreichen ist, z. B. durch eine reiche Frau mit großer Mitgift[844]; endlich muß er kundig sein der „richtigen Zeiten und glücklichen Momente“, der betreff dieser entscheidenden Einflüsse der Planeten[845], sowie der Gebete, der Beschwörungen, der Zauberstoffe [βοτάναι = Botánai, ursprünglich nur Zauberkräuter], der magischen Formeln und Handlungen usf., die erforderlich sind, um göttliche Mithilfe zu erlangen und die Hindernisse, Verwirrungen und Störungen abzuwehren, die seitens neidischer, dem bösen persischen Geist ANTIMIMOS gleichender Dämonen drohen[846]. Nur wer allen diesen Voraussetzungen entspricht, ist ein Würdiger; ihm läßt die Gottheit durch Träume und Visionen im magischen Schlafe die Wahrheit zuteil werden, entströmend dem Munde ihres Hierurgen (Priesters), der da steht auf den sieben Stufen eines Altares von der Gestalt einer φιάλη [Phiále, d. i. eine Kuppel, aber auch ein rundes, chemischen Zwecken dienendes Glasgefäß][847]); ihm wird das große Werk nur das sein, als was es schon die Alten bezeichneten, „ein Kinderspiel und Weiberwerk“, παιδίου παίγνιον καὶ γυναικὸς ἔργον[848].
Zu den Altmeistern der großen Kunst zählten u. a. PLATON[849]), ARISTOTELES[850], MARIA[851], HERMES[852], OSTANES[853], CHIMES[854] und MOSES[855]; in den Werken dieser „vielen Alten“ und in den Schriften der Juden finden sich die rechten Lehren niedergelegt[856], und zwar gibt es „tausend Bücher, behandelnd das Weißen, das Gilben, und die Diplosis unseres Kupfers“[857], vorhanden in den Bibliotheken der Ptolemäer und in denen fast sämtlicher Tempel, vor allem aber des Serapeions zu Alexandria[858]. Das Wesen der Kunst, der χημεία (Chemeía, Chemie), ist analog dem der Schöpfung, der κοσμοποιία (Kosmopoiía), und betrifft die Reinigung und Befreiung der an die Körper (στοιχεῖα, Stoicheía) gebundenen göttlichen Seele, des an das Fleisch gefesselten göttlichen Pneumas (θεῖον πνεῦμα); denn empor zur Vollendung der himmlischen Sonne, Königin des Himmels, rechtes Auge der Welt, oder ἄνθος (Anthos = Blüte) des Feuers geheißen, wird durch das Pneuma auch das Kupfer erhoben, indem es, genügend „gereinigt“, Anthos (d. h. Goldfarbe, Goldglanz) erhält und sich wandelt zur irdischen Sonne, zur Königin der Erde[859].
Das Kupfer, von dem das große Werk seinen Ausgang nimmt, muß „unser Kupfer“ sein, enthaltend, wie schon MARIA lehrte, die Tetrasomie des Kupfers, Bleies, Zinns und Eisens[860], welche vier Stoffe, laut der durch DEMOKRITOS überlieferten Erkenntnis der „Ägypter“, sämtlich allein aus dem Blei hervorgehen[861]: denn dieses ist höchst verwandlungsfähig und kann, wie zu vielem anderem, so auch zunächst zu Kupfer und weiterhin zu „Weißem und Rotem“, „Kadmia und Zinnober“, Silber und Gold werden[862]. Wie bereits MARIA wußte, gelangt „unsere Kunst“ auch allein durch Verschmelzen des gemeinen schwarzen Bleies mit Kupfer und anderen Metallen zur Darstellung der Legierung Molybdóchalkos (des Bleikupfers, τῆς συνθέτου = des synthetischen, zusammengesetzten)[863], „unseres schwarzen Bleies“, sowie der Magnesia, auf die sich die Worte beziehen „aus Zwei wird Eins, aus Drei wird Eins, aus Zwei wird Drei“[864]. Im Gegensatz zur einfachen cyprischen Magnesia [einem natürlichen Mineral oder Metall][865] heißt unsere Magnesia so von μιγνύειν (mignýein = mischen), ähnlich wie man das Gemenge von Zinn und Quecksilber auch als μῖγμα bezeichnet[866] [Migma, auch Magma = Gemisch; arabisch al Magmaʿ = Amalgam]. Den Namen μᾶζα (Máza = Teig, Brot) für Magnesia brachte MARIA auf[867], und nach ihm wieder führen die „Wässer“ [die Schmelzen], die das Kupfer so vermehren und verändern, daß es ἄνθη φέρει (Blüten trägt = Gold wird), die sog. χαλκύδρια (Kupferwässerchen), auch den Titel ὕδατα μαζυγίου, „Wässer des Mazachens“[868]. Endlich heißt die Magnesia oder „unser Blei“ auch πᾶν (pan = Alles), denn zutreffend sprach CHIMES von ihr als vom „ἓν τὸ πᾶν“ (Eines in Allem; Alles in Einem), da sie nur Eines ist, aber Alles werden kann und Alles in sich enthält[869]; sind doch in Magnesia und Molybdochalkos das Silber und Gold schon „der Möglichkeit nach“ (δυνάμει, potentia) vorhanden, so daß man, um sie auch „in Wirklichkeit“ (ἐνεργείᾳ, actu) zu erhalten, nur ihre im Inneren verborgenen Naturen (Qualitäten) herauszukehren braucht, — was eben vermöge der Projektion geschieht[870].
Die Umwandlung, μεταβολή (Metabolé), oder ἀλλοίωσις (Alloíosis) der σώματα [Somata = Körper, Metalle], also der Magnesia, des Molybdochalkos, sowie ihrer Bestandteile, des Kupfers, Bleies, Zinns, Eisens und Asems [hier = Silbers], zu Gold erfolgt im allgemeinen durch Einfluß der πνεύματα (Pneumata, Geister), die eine Bindung (σύνδεσμος) und Fixierung (πῆξις) erleiden[871]; Vorbedingung hierfür ist jedoch die Erregung einer gewissen „Neigung“ zur Umwandlung, hervorgerufen durch „Annäherung“ der Substanzen, und sie wird erfüllt durch Überführung in das „Schwarze“ [d. i. in den Zustand der noch „ungeordneten“, aber zum Übergange in jede „Ordnung“ fähigen Urmaterie, Materia prima][872], in „unser schwarzes Blei“[873], gleichend der μελαίνα σποδός [schwarzer Asche, Schlacke oder Kohle] und tiefschwarz wie Raben und Krähen[874]. So wie das Gewebe im bunten Farbbade durch Farbstoffe und Beizen, ganz ebenso erhält das Schwarze (μέλαν) in diesem schwarzen Farbbade, in der βαφὴ μέλαινα, der schwarzen Brühe oder Schmelze, durch Zusätze und Beigaben die rechte Färbung, es wird durch „weißen Schwefel“ in Silber, durch „gelben Schwefel“ in Gold übergeführt[875]. Deshalb ist, wie schon MARIA lehrte, die Schwärzung, bei der sie angeblich zuweilen auch Chálkanthos [unreinen eisenhaltigen Vitriol] und Galläpfel benützte [also eine Art Tinte erzeugte][876], die erste jener vier Hauptoperationen, die sie Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung nannte und als ἔργα τοῦ λίθου bezeichnete[877], als Wirkungen jenes Steines, den man auch κιννάβαρι τῶν φιλοσόφων (Zinnober der Philosophen) heißt[878].
Wirksam bei der Umwandlung, z. B. wenn sich Kupfer „gelb“ färbt [= Gold wird], sind jedenfalls gewisse Qualitäten. Einige nehmen an, daß diese körperlicher Natur sind, selbst zu Gold werden und dann auch Gold erzeugen (ποιότης γίνεται χρυσός, καί ποτε ποιεῖ τὸν χρυσόν), worin eben „das große Mysterium“ bestehe[879]; andere hingegen halten zwar ebenfalls dafür, „daß die Qualitäten wirken“ (ποιότητες ἐνέργουσιν), bestreiten jedoch, daß sie körperlicher Natur seien und daß, wenn sie von solcher wären, ein Körper in einen anderen eindringen könnte[880]. Stets bleibt also ein „Träger der richtigen Qualitäten“ notwendig, der, in vorgeschriebener Weise dargestellt, gereinigt und „ausgesüßt“, die drei erforderlichen Haupteigenschaften „des Färbens, Eindringens und Fixierens“ besitzt und übermittelt, also erst oberflächlich und dann innerlich zu Gold färbt, und auch dauernd zu Gold macht[881]; dieser ist „unser Gold“, „das große Mysterium“, das Xérion (ξήριον)[882].
Das Xerion wirkt nach Art einer Hefe [eines Enzyms], ζύμης χάριν: wie das Einstreuen von ganz wenig Hefe eine große Menge Teig in Gärung versetzt und umwandelt, so wird auch „schon durch eine Kleinigkeit Xerion [Streupulver]“ die ganze Masse „fermentiert“ und zu Gold gestaltet[883]. Namentlich ergibt aber, wie in den ägyptischen Tempeln des PTAH seit altersher bekannt ist, „Weißes“ die Kadmia, d. i. Silber, und „Gelbes“ oder „Rotes“ den Zinnober, d. i. Gold, weil eben jedes Ding seinesgleichen zeugt, so daß, wer den Samen des Getreides säet, Getreide, und wer den des Silbers und Goldes säet, Silber und Gold ernten wird[884]. Daher ist es unter allen Umständen vorteilhaft, dem Xerion Blättchen oder Flitter von Silber, Gold oder auch Elektron (Gold-Silber-Legierung) zuzusetzen, denn diese bewähren sich schon ihrerseits als χρυσόσπερμα (Chrysósperma = Goldsamen) und χρυσοζυμία (Chrysozymía, Goldhefe), erregen als solche die entsprechende Silber- und Gold-Gärung und bringen immer neues Silber und Gold hervor[885]. Wie in der Heilkunde, so ist auch hier das Streupulver ein Phármakon[886], eine Medizin, „der die richtige Kraft innewohnt“ (φάρμακον τὴν δύναμιν ἔχον)[887]; begünstigt durch die Wärme des Düngers oder der Thermospodien zieht sie sich, äußerlich aufgebracht, in das Innere, wo die Vereinigung erfolgt[888].
Diese Vereinigung ist aufzufassen als eine wahre Vermählung der Naturen (ein συγγαμεῖν der φύσεις), bei der nur Männliches (ἀρρενικῶς), Weibliches (θηλυκῶς), oder allenfalls Zwitterhaftes (οὐδετέρως = Keines von Beiden) in Frage kommen kann, entsprechend der Lehre der Alten, daß das Werk (τὸ ἔργον) vollendet wird durch das Männliche und Weibliche[889]. An sich ist das Kupfer, ebenso wie das Blei, die Magnesia usf., tot und unbelebt (οὐδὲ ζῶντα)[890]; aber begierig vermählt sich seine Natur mit einer anderen, erfreut sich an ihr und beherrscht sie[891], und hierbei keimt neues Leben und es entsteht ein Embryo, dessen Entwicklungszeit, falls keine Fehlgeburt eintritt, neun Monate dauert[892], durch erhöhte Wärme aber nach einigen Autoren auf sechs Monate, nach anderen auf 110, auf 41, auf 21, ja auf 14 Tage verkürzt werden kann[893]. Wie sich in der Matrix aus dem kalten Blute der Katamenien und dem heißen, von Pneuma erfüllten Samen ein Lebewesen (ζῶον) bildet, das anfangs unmerklich ist, allmählich Größe, Gestalt und Farbe erhält, zuletzt in reifem Zustande geboren wird und dann allen sichtbar vor Augen steht, ganz so gestaltet sich auch der Vorgang beim heiligen Werke, nur daß, dessen Wesen entsprechend, sein Endprodukt dem Feuer widersteht[894].
Demgemäß sieht ZOSIMOS in seiner großen Vision, als göttliche Gnade dem in magischem Schlafe Befangenen das Geheimnis der Transmutation eröffnet, aus dem als Phiále gestalteten Altare ein Menschlein aufsteigen, ἀνθρωπάριον [= homunculus][895]; es ist zunächst das Kupfer-Menschlein, ἀνθρωπάριον χαλκοῦ, eine Platte Kupfer, Blei oder Molybdochalkos in Händen haltend, und bekleidet mit kupferfarbigem, rotem, königlichem Gewande[896]; durch weitere Behandlung „im Bade der μέλαινα βαφή“, der schwarzen Brühe oder Schmelze, sowie durch Verbrennung von „Blut und Knochen des Drachens“, wird dieser Kupfer-Mensch oder χαλκάνθρωπος (Chalkánthropos) erst zum ἀργυράνθρωπος; (Argyránthropos) oder ἀσημάνθρωπος (Asemánthropos), zum Silber-Menschen[897], der ganz weiß, die glänzende Gestalt des Gottes AGATHODAIMON annehmend, im Feuer erscheint, sodann aber, indem das Silber-Menschlein durch die Glut „rote Augen“ bekommt[898], zum χρυσάνθρωπος (Chrysánthropos), zum Gold-Menschen[899]. Dieser χαλκάνθρωπος χρυσός (goldgewordener Kupfer-Mensch), auch κινναβάρις τῶν φιλοσόφων [Zinnober der Philosophen, d. i. Gold] geheißen, ist das Ziel und Ende des Werkes[900]. „Blut und Knochen des Drachens“, d. i. der Schlange UROBOROS, die als Schlange des AGATHODAIMON auch Bewacherin der Tempel und Priester [= Öfen und Chemiker] ist, erhält man „durch Schlachten und durch Verarbeiten des Fleisches und der Gebeine“; der Drache besitzt drei Ohren und vier Füße, [deutend auf die drei αἰθάλαι (Aithálai, Dünste) des Schwefels, Arsens und Quecksilbers, sowie auf die vier Metalle der Tetrasomie, das Blei, Kupfer, Zinn und Eisen, durch deren Schmelzung und Verbrennung „Blut und Knochen“ gewonnen werden]. Manche glauben, daß die Schlange, weil sie auch die Aithále des Quecksilbers liefert, deshalb von einigen selbst als „Zinnober der Philosophen“ bezeichnet werde; in der Tat aber führt sie diesen Namen, weil sie das Symbol des Endproduktes beim großen Werk, dieses Werkes selbst und der ganzen Natur darstellt, denn gleich dieser hat auch sie weder Anfang noch Ende, — weshalb sie sich auch in den eigenen Schwanz beißt —, sie ist „ἕν τὸ πᾶν“, Eines in Allem und immer nur Eines, ganz so, wie auch die Urmaterie, bei allen Wandlungen des großen Werkes, im Grunde immer nur die nämliche bleibt[901]. — Die in mehreren Manuskripten erhaltenen, mit Erklärungen und Inschriften versehenen Abbilder der Schlange UROBOROS entsprechen tatsächlich diesen Schilderungen, bei denen wohl Einflüsse der schlangenverehrenden Gnostiker, Ophiten usf., sowie Erinnerungen an den „feuerbewohnenden“ Salamander mitspielten[902]; auf das „königliche“ (weil rote) Gewand des Kupfer-Menschleins dürfte sich auch die bisher unerklärte Tatsache zurückführen lassen, daß die in der Phiále unter Menschengestalt erscheinenden Metalle mit Vorliebe gerade als Könige dargestellt wurden, wofür u. a. noch das Pariser Manuskript 7147 sowie MANGETS „Bibliotheca Chemica“ von 1702 schöne Beispiele bieten, wenngleich hier wiederum die, zum Teil in prächtigen Farben ausgemalten Figuren der Könige mit jenen der Planeten-Götter zusammengeworfen sein mögen (s. unten)[903].
Im Verlaufe der Vision ertönt eine „Stimme von oben“[904], verkündigend: „Pneuma werde ich ἐξ ἀνάγκης (durch Zwang), durch die Gewalt des Beschwörers, des Hierurgen, des οἰκοδεσπότης [Gebieters des Tempels = Ofens], des φύλαξ πνευμάτων (des Bewachers der Pneumata), der mich umgewandelt hat, μετασωματούμενος“[905]; tatsächlich wirkt auch das Xerion durch die Macht der Pneumata, die fähig sind, Veränderungen jeder Art herbeizuführen[906]. Sie sind enthalten in den Säften zahlreicher Pflanzen, z. B. des Chelidoniums (Schöllkrautes), des Safrans, usf., die Färbung (βάμμα) und Diplosis in ganz gleicher Weise bewirken, in der die Säfte mancher Zauberkräuter (βοτάναι, Botánai), z. B. die der Mandragora (des Alrauns), gewisse magische Eigenschaften entfalten[907]; in viel reichlicherer Menge aber entspringen sie den Gesteinen, vor allem wieder unter dem Einflusse des mächtigen Feuer-Pneumas, das sich z. B., wie allbekannt, beim Brennen des Kalksteines so mit diesem vereinigt, daß er, als gebrannter Kalk, eine völlig neue und einzig dastehende Beschaffenheit annimmt[908]. So ist auch alles das ein Pneuma, was beim Erhitzen der durch Reinigung und Tarichíe (Einsalzung) vorbereiteten Stoffe „nach oben (ἄνω, áno) aufsteigt“[909], z. B. das beim Rösten des Sandarachs Entweichende [d. i. Arsenigsäure], sowie der aus „unserem Kalk“ [= Arsenigsäure] durch Sublimation [unter Zusatz eines Reduktionsmittels] gewinnbare λίθος oder „Stein“ [= metallisches Arsen][910]. Sobald man nun Schwefel, Arsen, Quecksilber, oder ähnliche „sublimierte Geister“ auf die „Körper“ (σώματα, Metalle) projiziert (ἐπιβάλλει)[911], vereinigen sich die flüchtigen, also ihrem Wesen nach unkörperlichen Pneumata mit der inneren Natur oder ψυχή (Psyche, Seele) der Metalle zu einem σῶμα πνευματικόν (durchgeistigten Körper)[912], sie bemächtigen sich der Materie (ὑλή, Hýle) und beherrschen sie[913], werden dabei aber selbst körperlich und fest, und bewirken bei dieser Fixierung „als färbende Prinzipien“ die Entstehung von Silber und Gold[914]; erforderlich ist hierzu, daß sie die, dem angestrebten Zwecke entsprechenden Kräfte auch wirklich enthalten, es wird also nur der „Stein“, dem das φάρμακον τὸ τὴν δύναμιν ἔχον (die richtig wirkende Medizin) innewohnt, das „mithrische Mysterium“ verrichten, d. h. Mithras = Sonne = Gold geben[915].
Unter den „Geistern“ sind die wichtigsten jene, die beim Sublimieren des Schwefels und Arsens als αἰθάλη (Aithále = Dunst, Rauch) und beim Sublimieren von Quecksilber und Arsen als φεῦγον (Pheúgon = Fliehendes, Flüchtiges) entweichen[916].
Der „lebendige“ Schwefel verdampft schon für sich mit Leichtigkeit und wirkt beim Projizieren durch sein kräftiges πνεῦμα βαπτικόν (färbendes Pneuma) auf alle Metalle ein, wobei er sie, z. B. das Kupfer, anfangs durch das πνεῦμα μελάντερον (schwarzes oder schwärzendes Pneuma) tief schwarz färbt [durch Bildung von Schwefelkupfer u. dgl.], während sich sonstige, hellere, gelbliche und rötliche Färbungen erst späterhin einstellen[917]; daß schon ein wenig Schwefel eine große Menge anderer Stoffe „verbrennt“ und viele Metalle und Steine zerstört, ist daher eine richtige Lehre der Alten[918].
Das Quecksilber erhält man durch „Entschwefeln“ (ἐκθείειν) des Zinnobers, sei es durch Einwirkung heißen (geschmolzenen?) Natrons (νιτρέλαιον, Nitrélaion = Öl aus Nitron), sei es durch Erhitzen mit Kupfer, Blei oder Zinn nebst Essig; arbeitet man nach den Regeln der Kunst, τεχνικῶς (technisch richtig), so erhebt sich, wie schon DEMOKRITOS angab, aus dem „Stein“, nämlich dem Stein des Quecksilbers, dem Zinnober, ein Pneuma in Gestalt einer aufsteigenden Wolke (νεφέλη διαβαίνει), und die Fixation dieser Wolke, dieses Pneumas, auf „unserem Kupfer“ oder auf dem „Körper der Magnesia“ ergibt Silber[919]; daher erklärt sich der Ausdruck „Behandle das Kupfer! Bekämpfe das Quecksilber (μάχου ὑδράργυρον)! Mache es unkörperlich durch Verflüchtigung mit Hilfe der τέχνη (Technik, Kunst)!“[920] Einige nennen Quecksilber etwas Körperliches, Schweres, Flüssiges, Andere aber etwas Geistiges, Leichtes, Pneumatisches[921]; beide sagen etwas Richtiges, denn einerseits ist Quecksilber ein „Körper“ (σῶμα, Soma), ein silbernes Wasser (ἀργύριον ὕδωρ), ein flüssiges Silber (ὑδράργυρον), andererseits aber ein φεῦγον πνεῦμα (flüchtiges Pneuma), ein φεῦγον ἀεὶ (ein stets Flüchtiges), ein φυγαγοδαίμων (ein flüchtiger Dämon oder Gehilfe, „servus fugitivus“)[922]; es ist also „ein Metall und kein Metall“, zählend zu den σώματα ἀσώματα (unkörperlichen Körpern), demnach ein Zwitter (οὐδετέρως = Keiner von Beiden), ein Hermaphrodit (ἀρσενοθήλυ = Mannweib)[923].
Das „zweite Quecksilber“ [d. i. metallisches Arsen] entsteht nicht aus Zinnober, sondern aus „gelbem Sand“, auch κόμμι (Gummi) genannt[924], oder aus „rotem Sand“ oder Sandarach[925]. Reinigt und befreit man diese durch vorsichtiges Erwärmen und Rösten vom Schwefel, so entlassen sie unter dem weiteren Einflusse des Feuers zunächst ihr Pneuma, ihr färbendes, von DEMOKRITOS auch als „Seele des Färbenden“ bezeichnetes Prinzip [d. i. Arsenigsäure], das man auch „Weißes“ nennt, „weißes Flüchtiges“, „weißen Rauch“[926], „Welke des Arsens“ (νεφέλη τοῦ ἀρσενίκου)[927], „unseren Kalk“[928], „unser Bleiweiß“ (ψιμύθιον)[929], „knolligen Alaun“ (στυπτηρία στρογγύλη)[930], „scythisches Wasser“[931], usf.; auch aus den Krusten der roten Kobathia entweicht beim Verbrennen im Ambix ein Rauch, der nichts anderes ist als jene „Wolke“[932]. Weiß, wie diese selbst ist, „weißt“ sie auch alles andere, sowohl die „einfache Magnesia aus Cypern“ [ein natürliches Mineral oder Metall] als auch die Masse „unserer Magnesia“, der „durch unsere Kunst zusammengesetzten Legierung“ (τῆς συνθέτου = der synthetischen), des Molybdochalkos[933]. Durch Erhitzen mit verschiedenen anderen [nämlich reduzierenden] Stoffen gewinnt man dann weiterhin aus diesem „Kalk“ [der Arsenigsäure] das zweite Quecksilber [metallisches Arsen][934], den „Vogel“, der flüchtig aufsteigt (ἐξατμιζόμενος), sich am Deckel des Gefäßes wieder niederläßt und den Stein (λίθος) bildet, dessen Projektion das Kupfer in Silber verwandelt[935].
Aus Schwefel, Arsen, Quecksilber, oder aus Stoffen, die diese ergeben, bereitet man auch das göttliche Wasser, ὕδωρ θεῖον (Hydor theion); ursprünglich verstand man hierunter das ὕδωρ θείου, das „Wasser des Schwefels“ [oft auch Schmelze des Schwefels, der Arsenigsäure usf., denn „alles was schmilzt, hat die Natur des Wassers“]; späterhin „Jegliches was sich nach oben (ἄνω) erhebt“, also das Pneuma der schwefel-, arsen- und quecksilberführenden Substanzen, gemäß dem Grundsatze „nach oben (ἄνω) das Himmlische, nach unten (κάτω) das Irdische[936]; zuletzt endlich ein Gemenge, das allem nur möglichen „Flüssigen“ (= Geschmolzenen) entspringen kann[937]. Die benützten Substanzen sind an sich nicht feuerbeständig, aber im Laufe des „Werkes“ (ἔργον) werden sie es teilweise [d. h. soweit sie nichtflüchtige Reste zurücklassen], während sich zugleich ihre Dünste, die αἰθάλαι, dem „schwarzen Blei“ zugesellen[938]. Von den zahlreichen Arten des göttlichen Wassers zeigen drei der wichtigsten, das gelbgrüne „Rettigwasser“, das grünschwarze „Ricinuswasser“, und das „Regenwasser der Alten“ ganz hervorragende Kraft, aber auch so entsetzlichen Geruch [wohl nach Schwefelwasserstoff oder schwefliger Säure?], daß man die Gefäße nicht öffnen darf ohne sich die Nase fest zuzuhalten[939]; im übrigen trägt das göttliche Wasser noch „tausend Namen“[940], unter deren etwa vierzig häufigsten besonders zu erwähnen sind: „Milch der Frau, die einen Knaben geboren hat“ und „Milch der schwarzen Kuh“ d. i. des Zinnobers [der tatsächlich anfangs schwarz gewonnen wird und erst beim Sublimieren rot wird][941]. Das göttliche Wasser ist δίχρωμος (díchromos, zweifarbig), nämlich je nach seiner Zubereitung weiß oder gelb und erzeugt demgemäß auch seinesgleichen, also weißes oder gelbes Edelmetall[942], wobei es nach Art der Hefe (ζύμης χάριν) einwirkt[943]; es vermag „Alles an Allem“ (πᾶν ἐν πᾶσι), vereinigt in einem Wesen zwei Naturen (δύω φύσεις, μία οὐσία) und liefert dem „Wissenden“ (νόων), der diese richtig zu gebrauchen vorsteht, Silber und Gold[944].
Die benützten Apparate (ὄργανα = Organa)[945] und Öfen (καμίνοι = Kamine) beschrieb ZOSIMOS mehrfach, u. a. auch in einer eigenen Abhandlung περὶ ὀργάνων καὶ καμίνων, deren Hauptwert in der Erhaltung vieles Älteren liegt, das zum Teil auf DEMOKRITOS, MARIA, KLEOPATRA usf. zurückgehen soll (und insoweit bereits oben besprochen wurde). Die nötigen Gefäße fertigt man entweder aus Ton an oder aus Glas, das den Vorteil bietet durchsichtig zu sein und die gefahrlose Behandlung schädlicher und giftiger Stoffe zu ermöglichen, z. B. der Dämpfe des Quecksilbers oder des Rauches der Kobathia[946], die man im Ambix verbrennt. Zu den besten Glasgefäßen zählen die aus Askalon in Syrien[947], und es gibt ihrer sehr mannigfaltige; aus ihnen setzt man auch jene guten Destillier-Vorrichtungen zusammen, die Leute von Geist erfanden, gelehrte Menschen, die des ARCHIMEDES „Pneumatika“, die Werke des ARCHIMEDES, sowie die Abhandlungen anderer, der Mechanik kundiger Schriftsteller auf das Gründlichste studiert hatten. Solche Apparate[948] bestehen, wie bereits MARIA angab, aus verschiedenen Teilen: dem Füllgefäß oder Ambix (ἄμβιξ, ἄμπυξ), auch κνούφιον genannt [Knúphion: wohl wegen der Gestalt des Aufsatzes oder Helmes, der dem Kopfschmucke des Gottes CHNUB oder CHNUM glich[949], und zuweilen als Di- oder Tribikos ausgebildet; der Abzugröhre (σωλήν); dem Sammelgefäß (βίκος, βῆκος, βύκος, ἄγγος); dem schlangenförmigen (δρακοντῶδες) Kühlrohr, [an, nicht in dem die Sublimate und Kondensate sich kühlen und absetzen], usf. Man verbindet und dichtet sie mittels Fett, Wachs, Tonerde, Gips, Ölkitt und anderen Kitten[950], schützt ihre Wände und den „Hades“ [den Boden][951] durch einen Lehmbeschlag (ἐπιδέρμις = Epidérmis) von der Stärke eines halben Fingers[952], und verschließt sie mit Tonstöpseln, die ringsum genau eingepaßt sind (ἰσόμετρον, isometrisch)[953]. So vorgerichtete Gefäße vertragen nicht nur die „natürliche“ Wärme des Pferde-, Kuh-, Esels-Mistes und Vogelkotes[954], sondern auch die „künstliche“ der Thermospodien (Aschenbäder)[955] und der Kamine, deren ZOSIMOS einige, allerdings in verfallenem Zustande, schon in einem uralten Heiligtum zu Memphis gesehen haben will[956]; man heizt sie mit Schilf, „Prismen“ [= Scheitholz] oder Holzkohlen (ἄνθραξ, Anthrax)[957] und kann so bei genügender Vorsicht jede Wärme erzeugen., selbst bloße Handwärme[958]. Sobald die erforderliche Hitze erreicht ist, beginnt das Aufsteigen (ἀναγωγή) der Dämpfe und Sublimate, und diese setzen sich in Tropfen an den Deckel des Gefäßes (λέβης) an; sublimiert man z. B. Quecksilber aus dem Goldamalgam, das beim Ausziehen des Goldes aus der Asche alter goldgewirkter Stoffe oder aus dem Pulver goldhaltigen Sandes gewonnen wurde, so muß man daher Wasser bereithalten, um den Deckel mittels eines Schwammes stets ausreichend befeuchten zu können[959]; bei anderen Substanzen erfolgt die ἄρσις ὑδάτων (Arsis, Erhebung der Wässer), die stets ganz verschieden von der bloßen Herstellung dieser Wässer ist, schon bei geringerer Wärme, doch sagt man auch hierbei von dem aus ihnen Sublimierenden und Abtropfenden (ἀποσταζόμενον De-stillierenden), es sei „ihr Quecksilber“[960]. Die Rückstände (σκωρίαι) sind die Toten (νεκροί): sie bleiben liegen und erwarten die ἀναστάσις (Anastásis, Auferstehung), deren sie fähig bleiben, falls sie durch das Pneuma nochmals neu beseelt werden (σώματα νεκρὰ ἐμψυχοῦνται)[961]; möglich ist eine solche „Wiederbelebung“ stets, selbst bei den „Knochen der Perser“, die auch „Knochen des Kupfers“ heißen und aus verbranntem Kupfer, Blei, Zinn und Eisen bestehen[962].
In vielen Fällen unterwirft man die umzuwandelnden Rohmetalle, in leinene Binden gewickelt, zunächst der „großen Einsalzung“ oder Tarichíe (ταριχεία μεγάλη), bei der sie anfangs mit gewissen Zutaten im Pferdemiste oder Vogelkote 20 Tage und länger digeriert werden[963]; in anderen wieder kocht man die Bestandteile wie bei der Seifenbereitung (σαπωναρικὴ τέχνη) mit Asche und Spodos („Gebranntem“), bis sie fest werden gleich Seifenmasse (σαπωναρικὴ στάκτη) oder Seife (σαπώνιον)[964]; die entstandene Verbindung wird dann „ausgesüßt“ (τὸ σύνθημα γλυκαίνεται), und zwar durch Auswaschen mit „süßem Wasser“ (γλυκοῖς ὕδασι)[965], oder „filtriertem Wasser“ (ὕδωρ ἀποσταζόμενον = Abgetropftes)[966].
Als Gewichtseinheit führt ZOSIMOS öfters κεράτιον (Kerátion) an[967], — wohl die Quelle des „Karats“; auf ihn soll auch schon die Idee eines allgemeinen Lösungsmittels zurückgehen, des παντόρρευστος[968], des „Alles-Lösenden“ [des Alkahests der späteren Alchemisten].
Unter den Chemikalien bespricht ZOSIMOS etwas ausführlicher das Bleiweiß. Es entsteht[969] bei längerer Behandlung des Bleies „mit den Dämpfen“, — nämlich denen des Essigs, der auch als „schärfster“, λίαν δριμύτατος, vorkommt[970] —, und ergibt beim Erhitzen erst Bleiglätte und sodann Mennige (σηρικόν, Serikón); diese beiden Stoffe sind fähig, sich wieder mit Essig zu vereinigen, und wenn sie sich mit ihm verbunden haben (κοινωνίαν ποιούμενος), zeigen sie die wunderbare Fähigkeit anfangs salzartig und süßlich zu werden, später aber wieder in schönes Bleiweiß überzugehen [infolge allmählicher Umwandlung des süßlich schmeckenden Acetates, sog. Bleizuckers, durch die Kohlensäure, z. B. die der Luft, deren Rolle das Altertum nicht erkannte]. Auf gleich merkwürdige Weise wie Mennige verwandelt sich Sandarach [rotes Schwefelarsen], — dieses aber beim Rösten —, in eine derartige schön weiße Masse [d. i. Arsenigsäure], die deshalb ebenfalls „Bleiweiß“ genannt wird[971].
Sehr wichtig für das große Werk ist der Pyrit, von vielen auch „Etesischer Stein“ genannt, „der herrlichste und von der Gottheit geliebteste sämtlicher Steine“ und „aus Allem zusammengesetzt“[972]. [Diese Vorliebe für den Pyrit, der tatsächlich oft die verschiedensten unedlen und edlen Metalle enthält, ist wohl hauptsächlich auf das Vorkommen der schön silber- und goldglänzenden Varietäten, Silberkies und Goldkies, zurückzuführen, die nicht selten schon selbst für Silber und Gold angesehen wurden.]
Von den farbigen Mineralien sind die prächtigsten der „Armenische Blaustein“[973] [Kupferlasur] und der Zinnober, unter dessen Namen aber „alles Gelbe und Rote“ zusammengefaßt wird, u. a. Minium (Mennige) vom Pontos und aus Sinope, Realgar, Oker, Rötel (μίλτος), Hämatit (Roteisenstein), geglühtes Misy und Chálkanthos [d. i. rotes Eisenoxyd] usf.[974]. Aus dem eigentlichen Zinnober erhält man durch Entschwefeln (ἐκθείειν), z. B. durch Erhitzen mit Natron (νιτρέλαιον) das Quecksilber[975]; umgekehrt wird Quecksilber durch Schwefel erst „gelb gemacht“ und „in den Zustand einer gelben Gerinnung versetzt“ [976] und geht dann in Zinnober über.
Einige bemerkenswerte Zitate aus ZOSIMOS, die zum Teil verlorenen Werken zu entstammen scheinen, finden sich bei PELAGIOS, OLYMPIODOROS, dem PHILOSOPHUS ANONYMUS und einem ungenannten KOMMENTATOR. Nach der Lehre „ZOSIMOS des Vielwissenden“ [977] sind theoretisches Verständnis und praktische Übung gleich notwendig, um die τέχνη (Technik, Kunst) zu bemeistern[978], namentlich da deren wichtigste Grundlage und überhaupt das vornehmste aller Mittel, das so schwer zu beherrschende Feuer ist[979], — daher denn die Chemiker auch „Feuer-Philosophen“ [mittels des Feuers Forschende, Philosophi per ignem] heißen. Was die „Umwandlung“ betrifft, „so läuft alles auf das Blei hinaus“, denn dieses ist „unsere Magnesia“ und das „Ei der Philosophen“, das zwar aus vier Komponenten besteht, diese aber doch als Einheit enthält[980]; Schwärzung und Weißung erfolgen, — so deutete ZOSIMOS mystisch an (εἶπεν μυστικῶς) —, im δώματι ἱερατικῷ [im Tempel = Ofen][981], und das Schwarze und Weiße gleichen der κόρη des Auges (Kóre = Pupille) und der ἴρις des Himmels (Iris = Regenbogen)[982]; als Xerion wirksam ist das Pneuma[983], und „die neue Färbung zu Gold verleihend“ kommt es der Medizin gleich, die krankes bleiches Blut in gesundes rotes überführt[984].
Wie der KOMMENTATOR berichtet, dessen Abhandlung nur in sehr verdorbenem und verstümmeltem Zustande auf uns gekommen ist[985], stellte ZOSIMOS als eine Hauptlehre den Satz auf: „Erfahrung ist die große Meisterin, denn auf Grund bewiesener Ergebnisse lehrt sie den Verständigen das Vorteilhafteste“[986]. Als sehr wichtig für das große Werk erklärte er unter Berufung auf HERMES TRISMEGISTOS den Einfluß der Planeten, „wie denn die Sonne dem Gold vergleichbar ist“, und für die wirksamste planetarische Sphäre hielt er die des HERMES (Merkur), schon weil der Schattenkegel der Erde gerade bis zu ihr reiche[987]. Die Dauer des Werkes, das mit Erwärmen im Dünger beginnt, gab er zu 40 Tagen an[988]; der Behandlung unterwirft man dabei den „ἄσβεστος der Alten“ (Asbest = Kalk), der aber nicht das Nämliche ist wie ἄσβεστος λευκή [weißer Asbest = gebrannter Kalk], vielmehr aus gebrannten Metallen [verkalkten Metallen, Metallkalken] besteht[989]. Wie die Meister des „Tieremalens“ ζωογράφοι = Maler überhaupt] ihre Farbstoffe auf der Palette, so mischen die Meister des großen Werkes die ihrigen auf der Kerotakís zusammen[990], sie vermengen sie mit allerlei Zutaten, z. B. χρυσοκόμιον (wörtlich Gold-Leim = Chrysokolla)[991], sie reinigen und waschen sie mit Wasser, mit gewöhnlichem und mit solchem, das, wie bei der Seifenherstellung (σαπωναρικὴ ἐργασία), durch Asche filtriert ist[992] usf. Beim Erhitzen geben manche Körper, z. B. die verschiedenen Schwefel, ihre „innere Natur oder ψυχή (Psyche, Seele)“ ab, die das Feuer als Dunst aus ihnen austreibt: kommen diese flüchtigen und färbenden Dämpfe mit gewissen anderen Stoffen zusammen, z. B. mit Quecksilber, so halten sie sich gegenseitig fest und binden sich, sie schlagen sich nieder, sie sterben ab und erleiden νέκρωσις (Nékrosis = Tötung) und die entstandenen Substanzen heißen in diesem Zustande „Grabmal des OSIRIS“[993]. So bildet sich, wie ZOSIMOS im „Buch der Schlüssel“ beschrieb, durch Vereinigung heißen Quecksilbers und Schwefels der Zinnober, zunächst als eine schwarze [erst beim Sublimieren rot werdende] Masse, auf die sich der mystische Spruch vom „schwarzen Geist“ bezieht[994], aber auch die Benennung des Quecksilbers und nach Anderen des Schwefels als „Milch der schwarzen Kuh“, γάλα βοὸς μέλαινας[995]; erhitzt man umgekehrt Zinnober, auch solchen künstlich (τεχνική) dargestellten, nebst gewissen Zutaten in einem rings geschlossenen Gefäß oder Rohr [d. i. die spätere Aludel; arabisch al udal genannt], so „sublimiert“ aus ihm das Quecksilber, steigt als „weißes Wasser“, „Silber-Wasser“, „göttliches Wasser“ empor, in Gestalt eines furchtbar giftigen, in der Hitze gar nicht festzuhaltenden „ätherischen Pneumas“ (πνεῦμα αἰθερῶδες), verliert dann beim Abkühlen seinen „flüchtigen Schwung“ und setzt sich an den Deckel an, so daß man an diesem nach dem Löschen des Feuers die Tropfen vorfindet und sie sammeln kann[996]. „Fest gewordenes Quecksilber“ [d. i. entweder dieses kondensierte oder ein Amalgam] bezeichnen einige auch als „Gips“ und den Zinnober (κινναβάρις, Kinnabáris) als κασσίτερος [Kassíteros = Zinn; vielleicht weil er festes Quecksilber = „Zinn“ ergibt?][997]. — Wer alles dieses weiß und versteht, wird das Rechte finden, und „wer das Rechte gefunden hat, heilt die unheilbare Krankheit der Armut“[998].