Die Gelehrten, die sich mit den griechischen alchemistischen Schriften nach deren Wiederauftauchen seit Ende des 15. Jahrhunderts zuerst beschäftigten, machten bereits die Bemerkung, daß ihr Inhalt in vieler Hinsicht durch gewisse Lehren beeinflußt sei, die sichtlich der griechischen Philosophie entstammten; da man aber über diese selbst und ihre Chronologie noch völlig im unklaren war, und erst die Arbeit einiger Jahrhunderte dahin führte, auf solchem Gebiete auch nur die Haupt-Richtlinien in annähernd zutreffender Weise zu ermitteln, so darf es nicht wundernehmen, daß noch lange Zeit hindurch auch sonst bedächtige und ernste Schriftsteller an Hand völlig haltloser Voraussetzungen die abenteuerlichsten und verkehrtesten Schlüsse zogen; diese blieben dann in der wissenschaftlichen Welt zum Teil bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hin in einer Geltung, der die Ausführungen einzelner aufgeklärter Köpfe nur geringen Eintrag taten. Richtige und in allem Wesentlichen sachgemäße Einsicht erschloß zuerst 1856 eine Abhandlung „Keime der Alchemie bei den Alten“ von PRANTL, dem hervorragenden, um die Geschichte der Geisteswissenschaften und um Herausgabe und Verständnis der aristotelischen Werke gleich hochverdienten Forscher; da sie aber nur in der von vielen als „höheres Unterhaltungsblatt“ angesehenen „Deutschen Vierteljahrsschrift“ erschien[1337], und zwar ohne Namen des Verfassers, der ihrer auch später bloß an einer ziemlich versteckten Stelle seiner ARISTOTELES-Ausgabe Erwähnung tat[1338], blieb sie leider völlig unbeachtet und den Historikern der Chemie, z. B. KOPP, unbekannt.
Hat nun auch PRANTL alles Hauptsächliche im rechten Lichte gesehen, so ist doch einerseits seit 1856 ein ungeheurer Zuwachs an Kenntnissen zu verzeichnen, andererseits aber bleibt auch eine eingehendere Darstellung wünschenswert, als sie seine für eine Zeitschrift bestimmte Skizze zu bieten vermochte. Im nachstehenden soll daher der Versuch unternommen werden, Auftauchen und Entwicklung derjenigen philosophischen Grundbegriffe und Lehren zu schildern, die maßgebende Wichtigkeit für die Entstehung alchemistischer Anschauungen erlangten. Diese Fassung der Aufgabe macht ersichtlich, daß es sich nur um die zweckentsprechend eingeschränkte Auswahl aus der unermeßlichen Fülle eines Stoffes handeln kann, den in seiner Gesamtheit und allen seinen Verzweigungen nach selbst der Fachmann auf philosophie-geschichtlichem Gebiete längst nicht mehr gleich vollständig zu übersehen und zu beherrschen vermag; über die Anschauungen vieler Forscher, ja ganzer Schulen, die an sich, also ihren Gesamtleistungen und ihrer historischen Rolle nach, von hoher Bedeutung sind, wird daher bald nur Weniges zu berichten, bald ganz hinwegzugehen sein, soferne sie nicht auch auf jenem Sondergebiete bestimmbare Spuren hinterliessen.
Schon zur Blütezeit Griechenlands, insbesondere aber während der hellenistischen Ära, gaben sich die ägyptischen Priester mit großer Kühnheit als Stammväter wie der griechischen Religion, Poesie und Gesetzgebung, so auch der griechischen Philosophie aus und versicherten, Namen und Lehren der bei ihnen in die Schule gegangenen „Weisen“ in ihren uralten „heiligen Schriften“ und auf den Stelen (ἐν στήλαις) ihrer Tempel verzeichnet zu besitzen; bei den griechischen Zeitgenossen fanden sie mit dieser Behauptung ebenso Glauben[1339], wie etwa mit der, auf solchen Säulen lese man die Erzählung von jenen mythischen, in fernster Urzeit ausgefochtenen Kämpfen zwischen den Bewohnern Attikas und der Atlantis, über die PLATON im Dialoge „Kritias“ berichtet[1340], oder auch die vom wahren Hergange des trojanischen Krieges[1341]. Einfluß und Stellung der Priester Ägyptens, woselbst, wie im ganzen Orient, Kult und Hierarchie in engster, dem griechischen Geiste völlig fernliegender Weise verflochten waren[1342], ließen es den fremden Zuhörern offenbar als berechtigt erscheinen, diesen Männern unermeßliche Gelehrsamkeit und geheime Weisheit zuzutrauen, deren Bedeutung man desto höher einschätzen durfte, je weniger man in der Lage war, sie eingehender kennen zu lernen. Richtig sprach indessen bereits PLATON im Dialoge „Vom Staate“ (Republik) aus, die Griechen beseele der Sinn für die reine Wissenschaft, die Ägypter und Orientalen aber das Verlangen nach Erwerb[1343]; auch bestätigen die Ergebnisse der neueren Forschung, daß tatsächlich weder Ägypter noch Phönizier, Babylonier, Perser usf. jemals die Wahrheit nur um ihrer selbst willen suchten, d. h. ohne jede Rücksicht auf ihren Nutzen oder auf ihren Zusammenhang mit bestimmten Zwecken, z. B. mit religiösen. Der westliche Orient besaß also Geheimnisse rein wissenschaftlichen und vor allem rein philosophischen Charakters selbst nicht, war daher auch nicht in der Lage, sie den Griechen mitzuteilen; wohl aber entwickelte sich die griechische Philosophie nicht unabhängig von den an ihrem Entstehungsorte, der kleinasiatischen Küste, so mächtigen orientalischen Einflüssen, z. B. von jenen der ägyptischen „Geometrie“, d. i. der rein praktischen Zielen dienenden Landvermessungs-Kunst, der babylonischen Sternkunde, die, wesentlich astrologischen Inhaltes, u. a. die regelmäßige Wiederkehr der himmlischen Erscheinungen in Cyclen (Kreisläufen) und die Parallelität der himmlischen und irdischen Ereignisse (des Makro- und Mikro-Kosmos) lehrte, sowie endlich gewisser religiöser Vorstellungen babylonischer und iranischer Herkunft. An genauerer Kenntnis dieser aller fehlte es aber ursprünglich noch durchaus[1344].
Die jonischen Philosophen, deren Tätigkeit um etwa 600 v. Chr. einsetzt, waren es, die zuerst den Gedanken erfaßten, Kern der bis dahin allein betrachteten Welt des Wandelbaren und Flüchtigen sei ein nur in Erscheinung und Gestalt Wechselndes, seinem eigentlichen Wesen nach aber Beharrendes und Dauerndes, ein einheitliches Prinzip, das sie als „göttliches“, als „Gottheit“ (jedoch nicht im religiösen Sinne des Wortes) bezeichneten und φύσις (Physis) = Urstoff nannten[1345]. Aus dieser Ursubstanz, der Einen (ἐξ ἑνός) und Einheitlichen, in späteren Zeiten auch ἀρχή (Arché = Urprinzip; nicht = Uranfang in zeitlicher Hinsicht) oder οὐσία (Usía = Urmaterie) Geheißenen, die allem Bestehenden zugrunde liegt (ὑποκείμενον), gehen zunächst die vier Elemente hervor, die ebenso dauernd sind oder doch sein können wie der Kosmos selbst, und weiterhin die Einzelstoffe, die sich fortwährend aus den vier Elementen bilden, aber auch wieder in sie zerfallen[1346]; der Name „Element“ (στοιχεῖον, Stoicheíon) taucht allerdings, wie hier ein für allemal bemerkt sei, erst bei PLATON auf (und zwar als nicht mehr ganz neuer)[1347], vorausgesetzt finden sich aber die Elemente, alter Volksauffassung gemäß, bereits bei HOMER[1348].
Bei der Bildung oder Auflösung der Elemente handelt es sich also nicht um ein Entstehen oder Vergehen, vielmehr erleidet der Urstoff eine bloße μεταβολή (Metabolé = Umänderung)[1349], und zwar nur eine qualitative αλλοίωσις (Alloíosis = Artverwandlung)[1350], hervorgerufen durch mehr oder minder weitgehende Verdünnung oder Verdichtung unter dem Einflusse von Wärme oder Kälte[1351], deren Fähigkeit zu derlei umformenden und umgestaltenden Wirkungen dogmatisch feststeht[1352]. Demgemäß sind die Elemente potentiell (= der Möglichkeit nach) jedes in jedem enthalten und können wechselseitig ineinander übergehen[1353], nach Regeln, die sich aus ihrem festen Sitze und „natürlichem Orte“ im Weltall ergeben, — die Erde zu unterst, über ihr das Wasser, hierauf die Luft, zu oberst das Feuer —, und denen zufolge jedes sich am leichtesten in die ihm benachbarten zu verwandeln vermag[1354], z. B. Luft in Feuer durch Verdünnung, dagegen in Wasser und sodann in Erde durch Verdichtung[1355]. In diesem Sinne läßt sich der ganze Kosmos als Ergebnis einer, wenn auch nur allmählichen und stufenweisen, so doch einheitlichen Entwicklung des „einzigen“ und „göttlichen“ Ursubstrates betrachten[1356].
Was den Anteil der einzelnen Philosophen[1357] an der Gestaltung dieser Lehren betrifft, so ist er in vielen Punkten kaum mit wirklich ausreichender Sicherheit zu ermitteln, teils weil die nur in Bruchstücken vorliegenden Überlieferungen durch zahlreiche spätere Einschiebsel und Fälschungen entstellt sind[1358], teils weil die Deutungen, auch die der ersten Fachmänner, oft weit auseinandergehen.
Von THALES von Milet, dessen Blütezeit gegen oder um 600 v. Chr. fallen dürfte, wird berichtet, er habe als erster eines der Elemente selbst, und zwar das Wasser, für den Urstoff (φύσις, Physis) erklärt, die übrigen aber als aus dem Wasser hervorgegangen angesehen[1359]; daß hierbei die Kenntnis, sei es des babylonischen Mythus vom „Urwasser“, sei es einer analogen Tradition mit im Spiele gewesen sei, ist vorerst unbewiesen, erscheint jedoch nicht unmöglich, falls, nach KUGLER[1360], THALES auch astronomische Zahlen-Angaben, Symbole und Spekulationen unzweifelhaft babylonischer Herkunft übernahm. Daß sein wenig jüngerer Landsmann ANAXIMANDER (611–545)[1361] die Stelle des Wassers der Luft zugewiesen habe, trifft nicht zu, denn das πνεῦμα (Pneuma = Luft, Lufthauch, Wind) spielt zwar bei ihm eine wichtige Rolle und bewirkt u. a. die Bewegung der „göttlichen“ Sterne[1362], doch als wesensgleich mit der Physis sieht er es ebensowenig an, wie eines der anderen Elemente[1363]. Erst dem ANAXIMENES von Milet (585–525)[1364] gilt als Urstoff die Luft, das πνεῦμα = Atem, Hauch, Wind[1365]; zu unserem Körper verhält sich der kleine Anteil der Luft, der ihn als „Seele“ genannter Lebensodem zusammenhält und regiert, genau so, wie die gesamte Menge der Luft zum ganzen Weltall, die sie als „Pneuma“ geheißener Windhauch durchdringt und beherrscht[1366]; anschaulicher Gegenstand der Vergleichung ist hierbei nach GOEBEL der Wechsel von Verdichtung und Verdünnung, Erwärmung und Abkühlung, der auch den Vorgang des Atmens begleitet[1367].
HERAKLIT von Ephesos endlich, der seine tiefsinnigen und für die gesamte Folgezeit außerordentlich bedeutsamen Schriften um 490 v. Chr. verfaßte[1368], betrachtete als φύσις das Feuer[1369], vielleicht im Anschlusse an iranische religiöse Vorstellungen[1370]; es ist ihm der göttliche Urstoff (ὁ θεός = die Gottheit), der sich zu Allem zu wandeln vermag (ἀλλοιοῦται)[1371], zu Luft, die eine Form des Wassers ist[1372], zu Wasser, aber auch zu Erde, wobei er in unaufhörlichem Kreislaufe seine Natur verändert, dementsprechend aber auch seinen Ort: absteigend auf dem ὁδὸς κάτω (Hodós káto = Weg nach unten) über Luft und Wasser herab zur Erde, und wieder aufsteigend auf dem ὁδὸς ἄνω (Hodós áno = Weg nach oben) über Wasser und Luft empor zum Feuer[1373]. Diese Wandlungen erfolgen stets gleichzeitig und im Verbande, so daß die Einheitlichkeit gewahrt bleibt: was sich unter den äußerlich verschiedensten Formen zeigt, ist im Grunde stets ein- und dasselbe, Eines ist Alles und Alles ist Eines (ἕν πάντα εἶναι; ἕν τὸ πᾶν, Hen to pan)[1374], und selbst die scheinbar größten „Gegensätze“, wie Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchte[1375], läßt die Natur sich suchen und gleicht sie durch Vereinigung wieder aus, so wie sie das Männliche mit dem Weiblichen (ἄρρεν καὶ θῆλυ, Arren kai Thély) zusammenführt und verbindet[1376]. Das Feuer ist aber nicht nur die materielle Grundlage des Universums, sondern als Welt-Feuer auch der Träger der Werde-Kraft und -Tätigkeit[1377], die den Kosmos erwärmende, bewegende und belebende Weltseele[1378], das Prinzip der ewigen Entwicklung, in deren Verlauf alles entsteht und wieder vergeht, und die Weltvernunft oder λόγος (Logos)[1379]. „Den Proteus Logos in irgendeiner anderen Sprache zu fassen, ist ganz vergebliche Mühe“, sagt mit Recht DIELS[1380], und GOEBEL, der eine ganze Reihe von Erklärungen für Logos anführt, stimmt ihm bei[1381]; nach BURNET bedeutet der (zuerst bei HERAKLIT vorkommende) Ausdruck ursprünglich entweder nur die „Rede“, das „Wort“ des HERAKLIT selbst, oder auch „Maß“ und „Messung“[1382], und erst weiterhin erhält er den Sinn von Vernunft-Maß, Vernunft-Gesetz[1383], weltbeherrschender Vernunft[1384], Gesetzmäßigkeit alles Geschehens, Einheitlichkeit und Harmonie des Weltganzen[1385] usf., der aber bei HERAKLIT selbst noch nirgendwo derart hervortritt wie in den Schriften späterer Schulen[1386].
PYTHAGORAS von Samos (etwa 570–490), der sich zuerst φιλόσοφος (Philosoph; nicht = Weiser, sondern = Freund, Sucher der Weisheit) genannt haben soll[1387], scheint in erster Linie durch die Macht seiner Persönlichkeit und seiner Lebens-Auffassung und -Führung gewirkt zu haben[1388], doch wissen schon PLATON und ARISTOTELES nur äußerst Dürftiges von ihm und seinen Lehren[1389], gar nichts aber von jener „geheimen Weisheit“, die ihm (mehrere Jahrhunderte später) die Schule der „Neupythagoräer“ zuschrieb[1390]. Nicht auf PYTHAGORAS zurückzuführen sind u. a.: die sog. Zahlenmystik, die erst nach 470 nachweisbar wird[1391]; die „Harmonie der Sphären“, da zu seiner Zeit „Sphären“ noch unbekannt waren, und ἁρμονία (Harmonía) damals nicht Harmonie bedeutete, sondern das Gleichgewicht entgegengesetzter Spannungen[1392]; die Entdeckung der Identität von Morgen- und Abendstern, Eosphoros und Hesperos, da diese zu den Voraussetzungen der Siebenzahl der Planeten gehört und den Griechen wohl zusammen mit dieser aus dem Oriente zukam[1393]; die Parallele zwischen den sieben Planeten und den sieben Saiten der Lyra (Heptachord), die, wie noch viele andere „pythagoräische“ Theorien, in Wirklichkeit erst der pythagoräischen Schule des 5. Jahrhunderts zugehört[1394]. Nur eine Lehre brachten schon die dem PYTHAGORAS unmittelbar folgenden Geschlechter mit seinem Namen in Verbindung, die von der Unsterblichkeit und Seelenwanderung[1395], παλιγγενεσία (Palingenesía); ihre oder ihrer wesentlichen Grundlagen Quelle suchten einige neuere Forscher in Indien[1396], andere (wie vormals schon HERODOT) in Ägypten[1397], während sie tatsächlich wohl aus alten volkstümlichen Vorstellungen fließt[1398], die in der „Orphik“ spätestens im Laufe des 6. Jahrhunderts zu neuer und erhöhter Bedeutung gelangt waren[1399].
Die „Orphik“[1400], das Erzeugnis eines von Grund aus religiösen und nach neuer religiöser Entwicklung strebenden Zeitalters, entstand zweifellos im 7. Jahrhundert in Thrazien und wurzelt in dem dort heimischen DIONYSOS-Kultus, erreichte aber ihre eigentliche Blüte erst in Attika zur Zeit der PEISISTRATIDEN (von 560 an) und wurde im 6. Jahrhundert aus Kleinasien, wo sie gleichfalls weitverbreitet war, durch griechische, den vordringenden Persern weichende Auswanderer, mit großem Erfolge auch nach Kreta, Sizilien und Süditalien verpflanzt[1401]. Die Orphiker bildeten Kultvereinigungen zur Pflege gewisser Geheimlehren, Gemeinschaften, in die man durch „Einweihung“ aufgenommen wurde; sie glaubten an eine geoffenbarte Theologie, niedergelegt in den angeblich „uralten“ (vorhomerischen und -hesiodischen) Dichtungen des Thrakiers ORPHEUS, des gottbegnadeten Sehers und Stifters ihrer Mysterien[1402], seines Schülers MUSAIOS und seines Landsmannes EUMOLPOS, des Begründers der (tatsächlich ältesten) Geheimdienste zu Eleusis. Wesentlich waren diesen, einer ganzen Epoche zuzuschreibenden Pseudepigraphen, — und zwar nicht als Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als rein dogmatische Voraussetzungen, — die Lehren von einer Reinigung, Entsühnung und Erlösung[1403], von einer Befreiung der unsterblichen Seele aus dem Kreislaufe der Wiedergeburt und Seelenwanderung, sowie von einer Vergeltung durch Lohn oder Strafe im Jenseits[1404]. Schon frühzeitig erfuhr die Orphik, infolge ihres Bestrebens, die den alten eigenen Göttern verloren gegangene Autorität bei fremden zu suchen, weitgehende Einflüsse seitens kleinasiatischer Kulte, z. B. der Schlangenverehrung des phrygischen SABAZIOS (die dem Dienste des thrakischen DIONYSOS ganz fremd war)[1405], sowie orientalischer, vor allem babylonischer und iranischer Mythen[1406]; letzteren scheinen sich namentlich gewisse, in dunkler und vieldeutiger Sprache dargelegte Vorschriften angepaßt zu haben, betreffend die Erlangung kultischer Würdigkeit durch Reinigung, Fasten und Bußen, sodann die Verehrung und Beschwörung höherer Wesen durch Gebete, Lieder, Sprüche und Formeln, ferner den Empfang von Offenbarungen durch abergläubische Verkündigungen, Vorzeichen und Wunder usf., hauptsächlich aber auch die Ideen über Kosmogonie und Theogonie (Entstehung von Welt und Göttern). Soweit die lückenhafte und sehr schwankende Überlieferung zu urteilen gestattet, gehört zu deren alten Zügen u. a. die Annahme, daß aus einem, meist als Nacht, Dunkel, Chaos, .... bezeichneten Urzustande zuerst CHRONOS, hierauf AITHER (Äther = Himmel?) und Unterwelt, sodann (durch CHRONOS?) das „silberglänzende“ Weltei hervorgeht, und aus diesem schließlich der goldgeflügelte Lichtgott PHANES (Eros) der „Erstgeborene“; er wird androgyn (mannweiblich; δισώματος = zweikörperlich) gedacht, angeblich weil er, als Symbol der noch einheitlichen Welt, den Samen (σπέρμα, Sperma) aller Götter, Einzelwesen und Einzeldinge in sich enthält, die später aus ihm zur Entwicklung gelangen oder emanieren[1407]. Mit PHANES wird DIONYSOS identifiziert, weiterhin auch dessen Vater ZEUS selbst[1408], und zu seinen Gunsten wird auch Χρόνος (CHRONOS = Zeit), den man anscheinend schon frühzeitig mit Κρόνος (KRONOS, dem Gotte der heißen Jahres- und Erntezeit, wie SATURN)[1409] zusammenwarf[1410], in eine jüngere Epoche herabgesetzt[1411], während er als uranfängliches Weltprinzip die absolute Zeit darstellte, im Gegensatze zu Αἴων (AEON), der die relative Zeit (die Zeitalter) vertritt und noch bei EURIPIDES Χρόνου παῖς = Sohn des CHRONOS heißt[1412]. Wie nun EISLER erinnert[1413], kennt der iranische Mythus einen obersten Himmelsgott ZERVAN, der als Zwitter das Weltenei erzeugte, aus dem die Götter MITHRAS und ANGRA-MAINYA[1414] hervorgehen, und der Wasser, Wind und Feuer schuf; die Parallelen sind nach dieser und anderen Richtungen hin überraschend, namentlich scheint dem iranischen ZERVAN der griechische CHRONOS nachgebildet zu sein, der gleichfalls aus seinem Samen Wasser (als das πρῶτον = das Erste, Ursprüngliche), Wind (Luft) und Feuer geschaffen haben soll. Vermittler solcher den orientalischen Ursprung noch verratender Überlieferungen, die uns freilich nur in dürftigen Resten aus später Zeit vorliegen[1415], ist hauptsächlich PHEREKYDES aus Syros, den einige als Lehrer des PYTHAGORAS ansprechen, während er nach anderen erst um 450 geblüht haben soll[1416]; eine Hauptrolle spielen, wie bei ihm, so auch bei seinen angeblichen Zeitgenossen EPIMENIDES und AKUSILAOS, das Chaos, Chronos, das Weltenei, ZEUS und EROS, Erde und Unterwelt, Himmel und Äther. Die orphische Gleichsetzung von Äther mit Weltseele gehört allerdings, wie der letztere Begriff selbst, erst einer weitaus späteren Periode an[1417]; für eine schon in alter Zeit erfolgte Entlehnung und für iranische Herkunft des etymologisch schwierigen Wortes αἰθήρ (Aithér, Äther) spricht aber die bisher anscheinend nicht genügend gewürdigte Tatsache, daß „Feuer“ im Persischen „Atar“ heißt, und ATAR als Sohn des AHURA-MAZDAH, des „weisen Herrn“ des Lichtreiches gilt[1418]; die Identifizierung des höchsten Himmelsgottes mit Feuer und Äther, so z. B. auch bei PHEREKYDES Ζάς (ZEUS) = Αἰθήρ[1419], erscheint hiernach in neuem Lichte, und wenn eine der Helios-Töchter, die, der Sage nach, zum Baume verwandelt Tränen feuerfarbigen Bernsteines vergießt, AITHERIE heißt[1420], so durchschimmert diesen Namen vielleicht noch ein Rest der alten Bedeutung.
Sehr möglich ist eine Beeinflussung schon der jonischen Philosophie oder doch einzelner ihrer Vertreter (s. oben bei HERAKLIT) seitens der Orphik und ihrer aus dem Orient aufgenommenen Bestandteile, und fraglos fest steht eine solche vieler späterer Philosophen und Dichter[1421], z. B. des EMPEDOKLES (490–430?)[1422], PINDAR (gest. um 445)[1423] und EURIPIDES (gest. 407)[1424], der z. B. des ARISTOPHANES glänzende Verspottung der orphischen Kosmogonie in den „Vögeln“ (Vers 693 ff.) entgegentritt[1425].
Unmittelbar an PYTHAGORAS, der um 490 zu Metapont bei Kroton im östlichen Unteritalien starb, knüpft die Schule der alten Pythagoräer an; ihre Beurteilung ist sehr schwierig, erstens weil die Überreste der wichtigsten (bis gegen 400 herabreichenden) Werke spärlich, reich an Unklarheiten, von unverbürgter Echtheit und von unbestimmter Abfassungszeit sind, zweitens weil Zweifel betreff der tatsächlichen Zugehörigkeit mehrerer Forscher bestehen, und drittens weil ihre Anhänger und die anderer zu gleichzeitiger Entwicklung gelangter philosophischer Systeme sich gegenseitig in mannigfacher Weise beeinflußten.
Zu den wichtigsten Grundsätzen der Pythagoräer gehört die Lehre, daß das wahre innere Wesen der Welt, das den Kosmos ordnende und beherrschende Gesetz, in der alles messenden und bestimmenden Zahl zu erblicken sei, daß zahlenmäßig angebbare Verhältnisse auch die Entstehung der regelmäßigen räumlichen Gebilde bedingen, und daß die räumliche, mathematisch bestimmbare Form das für die Natur der Einzeldinge eigentlich Entscheidende ist[1426]. Gehen Anschauungen, wie sie uns in den (echten?) Fragmenten des PHILOLAOS (gegen 400) begegnen, wenn auch nicht (früheren Annahmen nach) auf PYTHAGORAS selbst, so doch auf seine nächsten Schüler zurück, so hätten schon diese sich vorgestellt, daß es Dreiecke sind (als rein geometrische Figuren, oder als äußerst dünne Blättchen betrachtet?), die als solche, oder zu regelmäßigen Vierecken (Quadraten) und Fünfecken (Pentagonen) aneinandergelegt, die Formen aufbauen[1427]; erfüllt werden letztere von den vier Elementen, die in jedem Dreieck sämtlich, wenn auch nach verschiedenen Anteilen gemischt, vorhanden zu denken sind, weshalb man die Winkel, die den eigentlichen Ausschlag für die Gestalt der Dreiecke geben, als ihnen geweiht ansieht. Das Wasser wird hierbei dem KRONOS zugeeignet, die Luft dem DIONYSOS, das Feuer dem ARES, die Erde dem HADES, denn diese vier Götter beherrschen die feuchte und kalte Materie (ὑγρὰν καὶ ψυχρὰν οὐσίαν), die feuchte und warme (ὑγρὰν και θερμήν), die feurige (ἔμπυρον φύσιν), und die erdartige (χθονίαν)[1428]. Die „Gegensätze“ warm und kalt, feucht und trocken, sind schon um 500 bei ALKMAION von Kroton bezeugt, der u. a. die für die Geschichte der Medizin sehr bedeutsam gewordene Lehre aufstellte, die Gesundheit sei abhängig vom Gleichgewichtszustande dieser Gegensätze, sowie von der richtigen Mischung der Elemente, die Krankheit jedoch beruhe auf Störungen dieser Verhältnisse[1429]; aber auch die Gleichsetzung der Grundstoffe mit bestimmten Göttern des Volksglaubens war nach GILBERT[1430] schon zu Beginn des 6. Jahrhunderts nichts Unbekanntes und Ungewöhnliches mehr, und ist vermutlich auf theologische, dem Orient entstammende Anschauungen zurückzuführen, soferne eine Auslegung zutrifft, der gemäß schon PHEREKYDES von fünf Weltenräumen berichtete, bergend die fünf Weltenmächte, nämlich Erde, Wasser, Luft (πνεῦμα, Pneuma), Feuer und Äther (αἰθήρ = Ζάς, Zeus). Daß nun von den „regelmäßigen“ Körpern, deren bekanntlich fünf und nur fünf möglich sind, bereits PYTHAGORAS das Tetraeder für die Gestalt des Feuers erklärt habe, das Oktaeder für die der Luft, das Ikosaeder für die des Wassers und das Hexaeder (den Würfel) für die der Erde, ist völlig unerweislich[1431]; aber auch betreff des PHILOLAOS, der gegen 400 eine Anzahl philosophischer und medizinischer, für die spätere Entwicklung des Pythagoräismus wichtiger Schriften verfaßte[1432], bestehen in dieser Hinsicht Schwierigkeiten, weil die Fünfzahl der regelmäßigen Polyeder, von denen er gesprochen haben soll, erst als Entdeckung der platonischen Akademie überliefert ist, wie schon der Name „platonische Körper“ bestätigt[1433]; immerhin darf man aber Vorahnungen dieser Gedanken für ihn in Anspruch nehmen, da er das Dodekaeder als Form des Äthers und des von diesem umschlossenen Weltenraumes bezeichnete, als den alles übrige umfangenden und in sich fassenden „Schiffsrumpf“ oder „Schiffsbauch“ der Sphäre, wobei der Aufbau der Welt mit dem eines Schiffes verglichen wird, dessen Material Zimmerholz = ὕλη (Hyle) ist[1434]; nicht unerwähnt bleibe indes die Vermutung, daß es umgekehrt die Existenz eines fünften regelmäßigen Körpers gewesen sei, die den PHILOLAOS zur Anerkennung des Äthers als eines fünften Stoffes bewog[1435]. Übergänge der Elemente ineinander hielten die Pythagoräer gleichfalls für möglich, konnten sie jedoch begreiflicherweise nicht, wie die jonischen Philosophen, durch eine „Alloíosis“ (qualitative Artverwandlung) erklären, sondern nur durch eine „Genesis“ (γένεσις = quantitative Veränderung), beruhend auf Anlagerung oder Abtrennung, Vermischung oder Entmischung von Stoffteilchen[1436]; bemerkenswerterweise nahmen sie, wie es z. B. dem PHILOLAOS zugeschrieben wird, auch einen Zusammenhang zwischen der (später ποιότης, Poiótes = Qualität genannten) Beschaffenheit der Dinge und ihrer Färbung (χρῶσις, Chrósis) an, die sie überdies, in nicht mehr verständlicher Weise, auch mit ihrer Zahlenmystik in Verbindung brachten[1437].
In den Mittelpunkt der Welt, der bei PHILOLAOS (in nicht recht klarer Weise) als Ausgangsort ihrer einheitlichen Entwicklung ἄνω und κάτω (Ano-Káto, nach Oben und Unten) bezeichnet wird[1438], setzten die Pythagoräer, als ihr „erstes“ Urgebilde (τὸ ἕν) und als „Herd“ des Kosmos, ein „Zentral-Feuer“; um dieses bewegen sich, der Reihe nach, die Erde nebst einer „Gegenerde“, Mond, Sonne, die später Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn genannten Planeten (Merkur und Venus also fälschlich jenseits der Sonnenbahn!), und der als „Olymp“ bezeichnete Fixstern-Himmel[1439], jenseits dessen äußerer Feuerhülle, des „Feuer-Kreises“, die unbegrenzte Luft (Pneuma) liegt, aus der die Welt ihren Atem saugt[1440]. Der Umlauf der Erde um das Zentralfeuer vollzieht sich in einem Tage, der der übrigen Gestirne entsprechend langsamer, der des „Olymps“ erst in 10000 Jahren; die Bewegungen der sieben Planeten, die ihre „Göttlichkeit“ beweisen, bringen Töne hervor; die sich, vergleichbar denen der sieben Saiten der Leier, zur „Sphären-Harmonie“ vereinigen[1441].
Über die physikalischen Anschauungen des XENOPHANES von Kolophon, der, als ältester Vertreter der Schule Eleas (einer phokäischen Pflanzstadt), 570–470 gelebt haben soll[1442], besitzen wir nur spärliche und von Unstimmigkeiten nicht freie Überlieferungen[1443], betreff deren Deutung die Ansichten der Forscher auseinandergehen. Nach ZELLER betrachtete XENOPHANES τὸ γὰρ ἕν τοὺτο καὶ πᾶν, „dieses Eines und Alles“ (Hen kai pan), als identisch mit dem Göttlichen, und nannte es τὸν θέον, „den Gott“[1444]; nach GILBERT lehrte er, daß es nur eine einheitliche Welt gebe, die τὸ ἕν, τὸ πᾶν, τὸ ὄν sei, „das Eine, das Alle, das Seiende“[1445]; nach DEUSSEN sind die Worte ἕν τὸ ὄν καὶ πᾶν richtig zu übersetzen „das Seiende ist Eines und auch Alles“[1446]; nach WINDELBAND endlich soll dieser Ausspruch besagen, daß der Welt nur ein einziger, unentstandener und unvergänglicher Urstoff zugrunde liege, der unwandelbar und keiner Alloíosis (Artverwandlung) fähig sei, alle Einzeldinge aber in sich enthalte[1447]. Zweifellos gründet sich jede dieser Auslegungen, auch die zuletzt angeführte, auf einzelne, den Lehren des XENOPHANES zu entnehmende Stellen; aber diesen stehen auch andere, und nicht leicht mit ihnen zu vereinbarende gegenüber, z. B. die Behauptung, daß der Urstoff „Erde“ sei und sich durch Verwandlung ἄνω und κάτω (nach Oben und Unten) in die drei übrigen Elemente umsetze und aus ihnen wiederherstelle[1448], oder daß alles Vorhandene aus Erde und Wasser entstanden sei und sich zu Erde und Wasser wieder auflöse[1449].
PARMENIDES von Elea, der tiefsinnige Denker und „erste Metaphysiker“, der um 480–470 schrieb[1450], räumt Erde und Feuer eine wesentliche und bevorzugte Stellung ein, während Wasser und Luft ihm nur als Verwandlungs- oder Ausscheidungs-Produkte der Erde gelten[1451], als eine Art „Zwischen-Zustände, die er wohl, gleich HERAKLIT, nicht scharf trennte“[1452]. Auch er nahm Umwandlungen ἄνω und κάτω an[1453], betrachtete jedoch die auch bei diesen mitwirkende Kälte als bloße Negation der Wärme[1454], soferne die betreffende Stelle nicht etwa besagen soll, daß er beide nur als relativ, als Formen der Erscheinung, ansah[1455]. Die Verbindung der Stoffe bewirkt bei ihm eine den Weltlauf regierende Göttin (δαίμων = Dämon), wohl ANANKE = die Notwendigkeit[1456], die zuerst den EROS bildete[1457], und (durch ihn?) die Gegensätze (ἐναντία) zur Vereinigung treibt, die als eine geschlechtliche symbolisiert wird: ἄρρεν (Arren) oder ἄρσεν (Arsen) καὶ θῆλυ μιγνύειν = „das Männliche und Weibliche vermischen“[1458].
Eine qualitative Artverwandlung, Alloíosis, hielt auch ZENON von Elea (490–430) für möglich, der Autor der berühmten eleatischen „Aporien“ (ACHILLEUS und die Schildkröte; der fliegende Pfeil; usf.)[1459]; bei MELISSOS von Samos (um 440) unterliegt ihr die „Grundmaterie der vier Elemente“, ein bei allen Veränderungen der eine und der einheitliche bleibende Urstoff, der daher auch „ἕν τὸ πᾶν“ (Hen to pan) heißt[1460].
EMPEDOKLES von Akragas = Agrigent (490 bis 444 oder 430)[1461] ist der eigentliche Vater des Begriffes (nicht des Wortes) „Elemente“[1462] sowie der „Systematik der vier Elemente“, die, entgegen älteren Ansichten, nicht aus Ägypten stammen, woselbst vier Elemente oder vier Paare von Elementar-Göttern erst während der Ptolemäer-Zeit nachweisbar werden[1463]. Die Einzeldinge gehen bei ihm nicht mehr durch innere Umwandlung einer einheitlichen φύσις (Physis) hervor, sondern durch äußere Vermischung (μῖξις = Míxis) oder Entmischung (διάλλαξις = Diállaxis) der kleinsten Teilchen von vier als ῥιζώματα = Wurzeln (Rhizome) bezeichneten (und erst später „Elemente“ genannten) Grundstoffen, die, dem Volksglauben gemäß, mit gewissen Gottheiten identifiziert werden[1464]. Welche diese sind, steht nicht in allen Fällen gleich fest[1465]. Zwar herrscht kein Zweifel darüber, daß das Wasser der NESTIS zugehört, die für eine sizilische Wassergöttin gilt[1466]; aber im „leuchtenden“ oder „schimmernden“ ZEUS sehen z. B. WINDELBAND Feuer, DIELS Feuer oder Äther, BURNET Luft; im AIDONEUS ZELLER Erde, WINDELBAND Luft, DIELS Erde oder Luft, BURNET Feuer; in der „lebenspendenden“ HERA endlich ZELLER Luft, WINDELBAND und BURNET Erde, DIELS Luft oder Erde[1467], — welches Dilemma zugunsten der Luft zu entscheiden wäre, wenn man mit DEUSSEN annehmen darf, daß es der Atem ist, durch den HERA das Leben verleiht[1468]. Keinem der vier Elemente kommt ein Vorrang zu, vielmehr besitzen sie alle die nämliche Bedeutung (ἰσότης, Isótes, Gleichwertigkeit)[1469], und zwischen ihnen, den vier Wurzeln aller Dinge, und den (später „Qualitäten“ geheißenen) vier „Gegensätzen“, das sind Kälte, Wärme, Feuchte und Trockenheit, ist wenn nicht Identität[1470] so doch engste Zusammengehörigkeit anzunehmen[1471], indem Wärme und Trockenheit dem Feuer und der Luft anhängen (inhärieren), Kälte und Feuchte aber dem Wasser und der Erde. Die Elemente selbst sind auf keinerlei gemeinsames Substrat zurückführbar, bestehen vielmehr jedes aus sehr kleinen, durchaus gleichartigen, als solche nicht weiter qualitativ veränderlichen, charakteristischen Teilchen[1472], also Wasser „der Schweiß der Erde“[1473] aus Wasser-Teilchen, Luft (nicht sowohl ἀήρ als αἰθήρ; weder „leerer Raum“, noch zu Wasser zu verflüssigender „leichter Dunst“)[1474] aus Luft-Teilchen, usf. Diese Teilchen der vier Elemente sind keiner inneren Verschmelzung fähig, sondern nur einer äußeren, rein mechanischen Vereinigung oder Trennung im Raume[1475]; alle Einzeldinge entstehen demnach allein infolge derartiger Vermischungen[1476], sie sind also ein bloßes μεῖγμα (Meígma, Amalgam) der Elemente, die in ihnen als solche erhalten bleiben und sich aus ihnen auch wieder abscheiden lassen; je nach den obwaltenden Umständen, der τύχη (Týche, dem Zufall), können die sich vermischenden Mengen der Elemente die wechselndsten und mannigfaltigsten sein[1477], und die qualitativen Verschiedenheiten der unendlich vielen Einzeldinge erklären sich aus den quantitativen dieser Mischungsverhältnisse, — genau ebenso wie die Abstufungen der unendlich vielen Einzelfarben aus den Mengenanteilen der vier Grundfarbstoffe, die der Maler auf seiner Palette zusammenreibt[1478].
Diesem durchaus originalen, für die ganze Folgezeit höchst bedeutungsvollen Prinzip gemäß, spielt die „richtige Mischung der Elemente“ das „Gleichgewicht der Elemente“, bei EMPEDOKLES eine in jeder Hinsicht sehr wichtige Rolle[1479]; u. a. sollen genau gegebene Mengen der Elemente in Blut, Fleisch und Knochen vorhanden sein, in letzteren z. B. 2 Teile Wasser + 4 Teile Feuer + 8 Teile Erde[1480], — weshalb gerade diese, bleibt dahingestellt[1481] —, so daß die „richtigen Mischungen“ Gesundheit und körperliche Eigenschaften bestimmen, aber auch geistige Fähigkeiten und Tätigkeiten bedingen und ermöglichen[1482]; in medizinischer Richtung, von HIPPOKRATES und den Hippokratikern an bis auf GALENOS und alle seine Nachfolger, hat dieser Gedanke, wie bereits oben angedeutet, tiefgehenden Einfluß geübt[1483].
Da die vier Elemente nicht, wie die Urstoffe der jonischen Philosophen, aktiv und von Eigenleben erfüllt sind, sondern passiv und tot, so können sie nur durch äußere, ihnen fremde Kräfte in Bewegung gesetzt, gemischt oder entmischt werden; als solche nahm EMPEDOKLES φιλία und νεῖκος an, = Liebe und Haß, die er hin und wieder bis zu gewissem Grade im höheren geistigen Begriffe der ἀνάγκη (Anánke = Notwendigkeit) zusammenfaßt[1484], zuweilen aber auch als selbst körperlicher oder doch körperähnlicher Natur ansieht[1485]; ob φιλία und νεῖκος auch im Sinne von Anziehung und Abstoßung, als rein innerer Eigenschaften, verstanden werden dürfen, bleibt zweifelhaft, da EMPEDOKLES auch in dieser Hinsicht nicht frei von Widersprüchen ist[1486]. An verschiedenen Stellen lehrt er, daß Gleiches und Gleiches sich anziehe, wie Eisen und Magnet, sich körperlich vermische, aber auch geistig erkenne[1487]; Ergebnis der Vermischung von Gleichartigem kann aber ein Produkt von gänzlich abweichenden Eigenschaften sein, so z. B. geht aus den weichen Metallen Kupfer und Zinn das harte „Erz“ in ähnlicher Weise hervor, wie aus dem weichen Samen des Pferdes und Esels der harte (und daher unfruchtbare) des Maultieres[1488].
ANAXAGORAS von Klazomenai (nach den einen etwa 500, nach anderen etwa 460 bis 428)[1489] erkennt gleichfalls weder einen einheitlichen Urstoff an, noch dessen Fähigkeit zur Artverwandlung, sondern nur eine σύμμιξις, Sýmmixis = Vermischung und eine διάκρισις, Diákrisis = Abscheidung von kleinsten Teilchen[1490]; die Teilchen sind aber nicht, wie bei EMPEDOKLES, die einiger weniger Elemente, sondern die unzählig vieler Arten von qualitativ verschiedenen, an sich unveränderlichen Urstoffen, als deren σπέρμα (Sperma) = „Samen“ sie gelten[1491]. Das Ursprüngliche stellen also die individuell gearteten Urstoffe dar, z. B. Gold, und erst aus diesen gehen durch Vermischung nach allen nur möglichen Verhältnissen die vier Elemente und sämtliche Einzeldinge hervor[1492], deren jedes zwar ein μῖγμα (Amalgam) aus jenen allen und in solchem Sinne eine πανσπερμία (Panspermía, Samen-Gesamtheit) ist[1493], stets aber einen Stoff vorherrschend enthält, und diesem seine charakteristische Natur verdankt. Durch Hinzutreten oder Abtrennen von „Samen“ kann begreiflicherweise ein Wechsel in der Vorherrschaft, und dadurch eine αλλοίωσις (Alloíosis) = qualitative Veränderung erfolgen[1494], und da jedes Ding „Samen“ aller übrigen enthält, wenn auch von manchen noch so wenig, so bleibt die Möglichkeit eines Überganges von Jeglichem in Jegliches stets gewahrt[1495]. Daß hierbei ein Neues von oft ganz abweichenden, ja entgegengesetzten Eigenschaften auftritt, beruht also nur scheinbar auf einer „Entstehung“, während in Wahrheit die Samen des Neuen schon im Alten vorhanden waren, z. B. die des dunklen Wassers im weißen Schnee; in diesem Sinne kann man das Paradoxon aussprechen „Schnee ist [auch] schwarz“[1496]: der Samen des schwarzen (dunklen) Wassers ist eben in ihm schon gegenwärtig, wenn auch zunächst noch verborgen, und man muß nur den Weg finden, ihn (etwa durch Vermehren seiner, oder durch Vermindern fremder Anteile) sichtbar hervortreten zu lassen[1497]. Auch die ὕλη (Hýle, wörtlich Bauholz) des Weltalls[1498], d. h. der Rohstoff, der dem ganzen Kosmos zugrunde liegt, ist ursprünglich ein „Amalgam“, aus dem sich auf dem angedeuteten Wege, z. B. unter dem Einfluß von Wärme und Kälte, oder von Verdünnung und Verdichtung, Feuer und Luft ausscheiden, während Wasser und Erde zurückbleiben[1499]; weiterhin entwickeln sich aus ihm alle die Einzeldinge, Gestalten und Organismen, deren Samen in ihrer Gesamtheit das μῖγμα bildeten[1500].
Wie die Elemente des EMPEDOKLES, so sind aber auch die Samen des ANAXAGORAS völlig toter Stoff; in Bewegung geraten, um sich zu mischen oder zu entmischen, können sie daher nur unter dem Einfluß einer äußeren Kraft. Als solche stellt ihnen ANAXAGORAS den νοῦς entgegen (Nûs = Geist, Intellekt), dessen Unkörperlichkeit er aber ebensowenig ganz klar hervortreten läßt, wie EMPEDOKLES die von Liebe und Haß[1501]. Für die Immaterialität soll ein Zitat bei EURIPIDES sprechen: „Aus Äther stammt der Geist, in ihn kehrt er zurück“, doch bleibt zweifelhaft, ob der Satz von ANAXAGORAS herrührt und was dieser durch ihn ausdrücken wollte, denn Äther ist ihm meist mit Feuer identisch[1502]. — Sein jüngerer Zeitgenosse, DIOGENES von Apollonia[1503] (um 400) setzte νοῦς = ἀήρ des ANAXIMENES, sah also Geist = Luft an, Luft jedoch als den Urstoff, der durch Erwärmung = Verdünnung oder durch Abkühlung = Verdichtung alle Dinge hervorbringt und sie als „Erstes und Feinstes“ auch durchdringt und bewegt, ferner aber auch als Atemluft ψυχή (Psyche = Seele, Leben) und νόησις (Nóesis = Intelligenz, Geisteskraft) verleiht[1504]; die Anziehungskraft des Magneten, dem schon THALES eine „Seele“ zuschrieb, „weil er das Eisen bewegt“, erklärt DIOGENES daraus, daß auch die Metalle eine feine dunstartige Luft ein- und wieder ausatmen[1505].
Nach DEMOKRITOS von Abdera (460–360?)[1506], dessen Lehren meist mit den nur sehr ungenügend überlieferten seines etwa 30–40 Jahre älteren Vorgängers LEUKIPPOS[1507] übereinstimmen, zum Teil sogar diesem entlehnt sein sollen, bestehen alle Einzeldinge aus den nämlichen kleinsten, nicht mathematisch, aber physikalisch unteilbaren Teilchen, die ἄτομα = Atome (Unteilbare) heißen und in denen das zu finden ist, was frühere Philosophen in der φύσις (Physis = Ursubstanz), den ἰδέαι (Ideen, wörtlich Bildchen, Formen), den Gestalten oder Figuren (der Pythagoräer), usf., suchten[1508]. Die Atome sind ungeworden, unzerstörbar und unveränderlich, zwar alle von gleicher „qualitätsloser“ Beschaffenheit, d. h. ohne Farbe, Geruch, Geschmack, Wärme, Kälte, usf., dabei aber raumerfüllend, undurchdringlich, von unendlich verschiedener Gestalt, Größe und Schwere [demnach doch nicht ganz ohne innere Eigenschaften!][1509]. Daß es also Einzeldinge, belebte Wesen, Menschen, ja Götter (Dämonen), von ganz verschiedenen Qualitäten („Gegensätzen“) gibt, und daß sie entstehen und vergehen, ist nicht aus der inneren Natur der Atome erklärbar, sondern nur aus deren äußerer wechselnder Lage und Anordnung, Verbindung und Trennung; hervorgerufen wird diese durch Druck oder Stoß, d. h. durch Bewegung (κίνησις, Kínesis), die jedoch den Atomen nicht so gänzlich fremd gegenübersteht wie „Liebe und Haß“ den Elementen oder wie „Nûs“ den Samen, ihnen aber auch nicht derartig innewohnt wie das Eigenleben den Urstoffen der jonischen Philosophen, vielmehr nur mit ihnen verbunden, allerdings aber seit jeher verbunden ist[1510]. Ursprünglich vorhanden (ἀρχαί) sind also nur der leere Raum und die bewegten Atome, sie sind φύσει gegeben, d. h. objektiv in der Natur; die (später ποιότητες genannten) Qualitäten dagegen, z. B. süß oder bitter, sind nicht wahre Eigenschaften der Dinge, sondern nur νόμῳ, d. h. subjektiven Ursprunges[1511], Zustände subjektiver Wahrnehmung[1512].
Ob DEMOKRITOS wirklich zuerst den Ausdruck Atom (ἄτομος, ἄτομον), ferner die Schlagworte von Sympathie und Antipathie der Dinge, sowie vom Menschen als Mikrokosmos geprägt hat[1513], ist zweifelhaft; durch die Ausbildung der Atomistik, durch seine mannigfachen naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Versuche und durch seinen Grundsatz „Erfahrung ist die letzte Quelle unseres Wissens“[1514], hat er aber jedenfalls tiefgehenden und dauernden Einfluß geübt.
Was die angeblichen magischen und alchemistischen Schriften des DEMOKRITOS anbelangt, so sind sie, wie schon in einem früheren Abschnitte angeführt wurde, sämtlich Fälschungen einer späten Zeit[1515]; auf ihre Entstehung wird weiter unten nochmals zurückzukommen sein.