Die mit dem Tode ALEXANDERS DES GROSSEN einsetzende und auf ihrem Hauptschauplatze, Alexandria, erst zur Zeit der arabischen Eroberung völlig erlöschende Periode des Hellenismus und Synkretismus darf weltgeschichtliche Bedeutung für sich in Anspruch nehmen, sowie hervorragende Wichtigkeit für die geistige Entfaltung der Menschheit, die Neugestaltung der Wissenschaften und die Entwicklung des Glaubens, aber auch des Aberglaubens. BURCKHARDT bezeichnet den Hellenismus als „das kosmopolitisch mitteilbar gewordene Griechentum“[2093] und gibt hiermit in gewohnter Kürze und Schärfe für den einen, den griechischen Bestandteil, der in die „Synkretismus“ genannte Vermengung und Verschmelzung eingeht, die erschöpfende Definition; einer gleichwertigen unfähig ist hingegen der andere, dem Orient (Vorderasien und Ägypten) entsprungene, denn er ist weder von einheitlicher Beschaffenheit, noch von einheitlicher Wirkung, und dieser Umstand bedingt die außerordentliche Schwierigkeit, die verwickelte Gesamtbewegung entsprechend darzustellen, — auch nur für den begrenzten hier in Frage kommenden Zweck. Überdies vollzieht sich die Durchdringung orientalischen und griechischen Geistes weder allerorten gleichzeitig noch zur selben Zeit überall im nämlichen Maße, und da sie dort, wo sie am vollständigsten statthatte, nämlich in Syrien und vor allem in Alexandria, uns überwiegend in der Gestalt entgegentritt, daß — allmählich — „in der Mischung das Gute und Edle zugrunde geht“[2094], so ist es nicht leicht, sie vorurteilslos zu betrachten und zu würdigen.
Die neue Residenz, Alexandria, hatte dank ihrer vorzüglichen geographischen Lage gleich von der Begründung an ungewöhnlich raschen und ununterbrochenen Aufschwung genommen, und war schon unter der vortrefflichen Regierung der ersten Ptolemäer zur wesentlichen Vermittlerin des Orienthandels emporgewachsen, der ihr ungeheure und bis dahin unerhörte Gewinne brachte und sie alsbald zu einer Hauptstätte verfeinerter Lebensweise und ausschweifenden Luxus, aber auch geistiger Regsamkeit und wissenschaftlicher Tätigkeit machte. Den vorübergehenden Wirren zur Zeit des Erlöschens der Dynastie folgte nach der Einverleibung unter Kaiser AUGUSTUS eine abermalige Periode höchster und glänzendster Blüte: Alexandria war neben Rom zur ersten Großstadt sowie zur wichtigsten Handelsstadt des römischen Weltreiches geworden, zum Mittelpunkte des ausgedehntesten und einheitlichsten Freihandelsgebietes, das die Geschichte kennt, zum „Markte der ganzen Erde“[2095] und besaß, wenn auch nicht dem Rechte, so doch der Tat nach ein Monopol für den Orienthandel, dessen Umsatz sich nach PLINIUS schon unter den ersten Kaisern jährlich auf etwa 22 Millionen Mark Goldwertes (entsprechend mindestens dem 5- bis 6fachen heutigen Geldwertes) belief und bis nach Mitte des 2. Jahrhunderts in fast stetiger Weise zunahm[2096]. Der Rhetor DION CHRYSOSTOMOS, der als Begleiter Kaiser VESPASIANS (69–79) in Ägypten weilte, nennt in seiner 32. Rede Alexandria die sehenswürdigste aller menschlichen Sehenswürdigkeiten, die Herrscherin aller Meere, den Sitz des vollendetsten Kunstgewerbes der Welt, die Schatzkammer griechischen Wissens und ägyptischer Geheimnisse[2097], und in einem Briefe des Kaisers HADRIAN (117–138), dessen Echtheit allerdings angezweifelt oder auch gänzlich bestritten wird[2098], heißt es, die Stadt sei voll von Fabriken für Glas, Papier, kostbare Stoffe und Leinenwaren, Öle und Wohlgerüche, wimmle von Astrologen, Zeichendeutern und Quacksalbern, werde erfüllt von Kaufleuten, Händlern und Schiffsherren und kenne nur einen einzigen Gott, den Einheimische wie Fremde in gleicher Weise verehren, das Geld[2099]. Erst im Laufe des 3. Jahrhunderts wurde der Wohlstand durch die langwierigen, meist unglücklichen Kriege im Osten, die andauernde Handelsstockungen bedingten, schwer beeinträchtigt, finanzielle Schwierigkeiten des Reiches wie der Provinz riefen wirtschaftlichen Notstand und politische Uneinigkeit hervor, und schließlich kam es zu Aufständen, deren gefährlichsten Kaiser DIOCLETIAN 297 in Person niederwarf, mit ebensogroßer Entschlossenheit wie Grausamkeit; die Hauptstadt der „Kornkammer Italiens“ geriet damals in so traurige Lage, daß ihr der Kaiser noch fünf Jahre später von dem für Rom bestimmten Getreidevorrat ablassen mußte, und hat sich seit dieser Katastrophe niemals wieder völlig erholt[2100].
Allbekannt ist es, daß die guten ptolemäischen Herrscher Alexandria zwar zum Mittelpunkte griechischer Bildung und Wissenschaft erhoben, die daheim keine würdige Freistatt mehr fanden, daß aber der griechische Geist die ihm anfänglich zugedachte ausschließliche Führerrolle nicht dauernd zu behaupten vermochte; gezwungen, sich auch hier den ihm fernstehenden Zielen eines fremden Staatswesens und den Bedürfnissen seiner minderwertigen Bevölkerung anzupassen, mußte er notgedrungen vieles von seiner Eigenart und Reinheit preisgeben, dabei Zersetzung bald erleiden, bald bewirken und von seiner Höhe schon merklich herabsinken, um die übergroße Gegenlast nur ein weniges emporzuheben.
Ganz besonders galt dies auf religiösem Gebiete, denn der Vermischung von Griechen mit Ägyptern, Juden, Syrern und anderen orientalischen Völkern entsprang auch eine ebensolche der Gottheiten und Kultformen, eine wahre „Götter-Verschmelzung und -Verwechslung“[2101], für die Dauer zwar „von Wichtigkeit als Durchgangsstufe der Religionsgeschichte, nämlich als Vorschule des Glaubens an einen Gott“, zunächst aber „den widerlichen Eindruck charakterloser Verleugnung des väterlichen Erbteiles hervorrufend“[2102]. Kein Kult ist bezeichnender für die Entwicklung dieses Synkretismus und keiner erlangte für sie umfassendere Bedeutung als der neu aufkommende des SERAPIS, der Natur und Macht aller wichtigen Götter, u. a. des ZEUS, PLUTON, DIONYSOS und OSIRIS, ebenso in sich vereinigte, wie ISIS die aller Göttinnen, und dessen Haupttempel, das alexandrinische Serapeion, weit über ein halbes Jahrtausend lang als Wunder an Pracht und Herrlichkeit galt und Wunder des Heils und der Heilung verrichtete[2103]. CLEMENS ALEXANDRINUS (gest. 216) erzählt, dem ATHENODOROS von TARSOS folgend, König SESOSTRIS (den er für identisch mit dem um tausend Jahre jüngeren PTOLEMÄUS SOTER, 323–285, hält!) habe aus einer Mischung aller sieben Metalle und vier edlen Gesteine Ägyptens den griechischen Bildhauer BRYAXIS (der in Wahrheit gegen 350 blühte) eine Statue seines Ahnherren OSIRIS anzufertigen geheißen, sie mit einem Reste der Salbe (φάρμακον, Phármakon) von der Einbalsamierung des „OSIRIS“ und des „APIS“ bestrichen und die so entstandene Bestattungs- und Grabes-Gemeinschaft durch den Namen OSIRAPIS = SERAPIS zum Ausdrucke gebracht[2104]; nach anderen Berichten ließ er das Götterbild aus Sinope am schwarzen Meere herbeiholen, nach noch anderen nur auf eine σινώπιον ὄρος (= Sen-Hapi, Apis-Hügel) genannten Erhöhung aufstellen[2105]. In Wirklichkeit scheint aber SERAPIS babylonischer Herkunft zu sein, denn Ea, der Vater MARDUKS, der aus der Urflut auftauchende Gott der Urweisheit[2106], hieß auch SARAPSÎ = „König des Ozeans“ und wurde in der von den Assyriern begründeten Kolonie Sinope tatsächlich schon in Verbindung mit ZEUS und PLUTON, den Göttern des Himmels und des Hades, verehrt; von dort aus führte, politischen Zwecken folgend, PTOLEMAEUS I. seinen Kult „als einen den Griechen und Ägyptern gemeinsamen“ in Ägypten ein, wo infolge Gleichsetzung mit OSOR-HAPI, d. i. „OSIRIS der Apis“ (die Gottheit des letztverstorbenen Apis), die Namen OSERAPIS und SERAPIS entstanden, weiterhin OSIRIS außer mit EA (Eaû, Jaû) auch mit der Gottheit Ἰαώ (JAO) der Zauberpapyri sowie dem jüdischen JEHOVAH identifiziert und ebenso wie Isis als menschenköpfige Schlange dargestellt wurde[2107].
Daß in Ägypten die Verehrung eines neuen Gottes wie des SERAPIS so leicht Boden fassen, auf Kosten der einheimischen Kulte rasch zu höchstem Ansehen aufsteigen und zu prunkvoller äußerer wie künstlerischer innerlicher Verklärung gelangen konnte, läßt erkennen, daß bereits unter den ersten Ptolemäern Macht und Ansehen der alten Religion und ihrer Priesterschaft gebrochen waren, und auch begreifen, daß die hellenistischen Einflüsse den weiteren Verfall mächtig beschleunigten und daß dieser in der Zeit der mit dem römischen Eingreifen beginnenden Wirren, von etwa 150 bis 50 v. Chr., zu einem fast vollständigen wurde[2108]. Bereits STRABON, der um 35 v. Chr. Ägypten bereiste, fand an den berühmtesten Stätten, wie z. B. in Heliopolis, als „Priester“ nur mehr Fremdenführer, Opferer und Kustoden vor, letzte herabgekommene Verteter eines einst so gefeierten und wichtigen Standes, bar nicht nur der berühmten „geheimen Weisheit“, sondern jeder höheren Bildung[2109]; in der Folgezeit gestalteten sich diese Verhältnisse immer trauriger, und schon seit dem 2. Jahrhundert war die ägyptische Religion so gänzlich zersetzt, daß z. B. in den altchristlichen und gnostischen Schriften, die sich beide von der syrischen und chaldäischen weitgehend beeinflußt zeigen, von ihr kaum mehr die Rede ist[2110]. Es kann daher nicht wundernehmen, daß die Reste der Priesterschaft, — wie so oft in sinkenden Zeitaltern —, teils um ihre Stellung, teils um ihren Broterwerb zu wahren, von Pflegern des Glaubens zu solchen des in Ägypten ohnehin seit altersher mächtigen Aberglaubens wurden, und zwar mit derartigem Erfolge, „daß das Land alsbald von dieser Seite aus den Einfluß wiedereroberte, den es von seiten des Wissens eingebüßt hatte“[2111]. „Die Religion wird zum Ausgangs- und Mittel-Punkte für allen erdenklichen frommen Zauber und heiligen Schwindel, .... fromme Einfalt und spekulierender Betrug drapieren sich dieserhalb im Mantel der Wissenschaft“[2112], und den Ehrentitel eines φιλόσοφος (Philosophen) führen bereits im 2. Jahrhundert nicht nur Gelehrte, Lehrer, Theoretiker, Ärzte und Künstler, sowie höhere technische oder Ober-Beamte (z. B. die Steinbruch- oder Zimmer-Meister), sondern auch schon Ringkämpfer, Adepten der Geheimwissenschaften und Zauberpriester[2113]! Das Gebaren der letzteren hat LUKIAN (um 180 n. Chr.) in seiner glänzenden Satire „ALEXANDROS oder der falsche Prophet“, einem Zeitbilde ersten Ranges, in geradezu unübertrefflicher Weise geschildert[2114]. Zu mächtiger Förderung gereichte der ganzen Richtung die abnehmende allgemeine Bildung und die zunehmende Rolle der orientalischen Einflüsse an den Höfen der von Orientalen umgebenen oder selbst dem Osten entstammenden Kaiser des 3. Jahrhunderts, so daß die für alle orientalischen Religionen und Kulte charakteristische große Bedeutung der Priesterschaft und mit ihr zusammen die Macht der Mantik, Magie, Zeichen- und Traumdeuterei, Dämonologie und Astrologie immer weiter anwuchs[2115]. Ihren Höhepunkt erreichte sie im 3. und 4. Jahrhundert in Verbindung mit der Mystik der Neuplatoniker; war indes das so entstandene System in vielen Teilen trostlos verworren und aberwitzig und in anderen geradezu unsinnig und vernunftwidrig[2116], so ermangelt es dennoch nicht der geschichtlichen Bedeutung: „denn, so dunkel die Abwege waren, auf die die Geister für Jahrhunderte hinaus verlockt wurden, ... dieser Mutter der mittelalterlichen Magie, Astrologie und Alchemie ... entsprangen die Keime der neuzeitlichen Naturkunde, der Physik, Astronomie und Chemie“[2117].
Ein hervorstechender Zug auch der Litteratur dieses ganzen Zeitalters ist das Haschen nach dem Außerordentlichen, Wunderbaren, Zauberhaften, das die Macht des Menschen über Natur und Mitmenschen zu steigern versprach. Wie vordem die niederen ungebildeten Schichten der Gesellschaft, so fanden nunmehr auch die höheren gebildeten Geschmack an derlei Absonderlichkeiten, und Werke einschlägigen Inhaltes wurden allgemein verlangt und daher auch geliefert; weil aber seit jeher der Prophet bei den Seinigen am wenigsten gilt, trachtete man den widersinnigen Erzeugnissen des Aberglaubens dadurch erhöhtes Ansehen zu sichern und vermehrten Eingang zu schaffen, daß man ihnen die Namen altehrwürdiger Verfasser vorsetzte, am liebsten solcher, die ohnehin schon im Rufe „geheimer Weisheit“ standen[2118]. So wurde Alexandria ein Hauptsitz und Fabrikationsort apokrypher und pseudepigrapher Schriften und „Übersetzungen“, herrührend von Göttern, Göttersöhnen, Patriarchen, Königen, Sibyllen, Propheten, Priestern und Philosophen, u. a. von ABRAHAM, APOLLONIUS von TYANA, ARISTOTELES, ASKLEPIOS, DANIEL, DEMOKRITOS, DEUKALION, ESDRA, EUDOXOS, HENOCH, HERAKLIT, HERMES, IMHOTEP, MOSES, NECHEPSO, ORPHEUS, OSTANES, PETOSIRIS, PLATON, PYTHAGORAS, SALOMON, THOT, ZOROASTER usf.[2119]. Je länger die Entwicklung dieser Art Litteratur andauerte, desto mehr trat an die Stelle bloßer Plünderung älterer, nur mehr aus dritter oder vierter Hand bekannter, halb oder ganz unverstandener Schriftsteller „unter unrechtmäßiger Aneignung und Verschweigung“[2120], die völlig willkürliche Unterschiebung und Fälschung, deren Erzeugnisse „sich selbst an Frechheit und Absurdität zu überbieten suchten“[2121], gerade dieser aber ihren Erfolg zu danken hatten.
Träger des apokryphen Schrifttumes waren von Anfang an neben den Griechen vorzugsweise die Juden[2122]; schon zur Zeit der ersten Ptolemäer konnte Alexandria fast ebensosehr als Stadt der Griechen wie der Juden gelten[2123], und zu Beginn der Kaiserzeit, als ihre Zahl in Ägypten auf wenigstens eine Million gestiegen war, erfüllten sie zwei der fünf Bezirke der Residenz, zu deren fleißigsten und fähigsten Bewohnern sie gehörten, und zählten längst, wie bereits weiter oben bei Besprechung ARISTOBULS und PHILOS angeführt, zu den Mitbegründern einer eigenartigen und für die Folgezeit sehr bedeutsamen Philosophie[2124]. Mit den abergläubischen Vorstellungen der Chaldäer, namentlich den astrologischen, scheinen die Juden erst im 7. und 6. Jahrhundert, hauptsächlich aber während der Zeit des babylonischen Exils (586–537), nähere Bekanntschaft gemacht zu haben; im ptolemäischen Ägypten räumten auch sie ihnen erheblichen Einfluß ein, so daß schon jüdisch-hellenistische Schriften des 1. vorchristlichen Jahrhunderts ABRAHAM zu einem großen Astrologen machen und MOSES mit der babylonischen und assyrischen Wissenschaft auch die chaldäische von den Himmelskörpern erlernen lassen[2125], — im ganzen bleibt aber dieser Zweig der jüdischen Litteratur sehr selbständig, wie dies u. a. in den betreffenden Teilen der „Sibyllinen“ hervortritt, in der „Weisheit SALOMONS“, in den Sprüchen des JESUS SIRACH und in den Apokalypsen des BARUCH und HENOCH, welcher letztere bereits im 2. vorchristlichen Jahrhundert als Besitzer und Lehrer geheimer Weisheit und als eine Art Gegenbild des hellenistischen HERMES gilt[2126]. PHILO, als strenger Monotheist, bezeichnet allerdings die Vergötterung der Planeten, die Identifikation der Sonne mit APOLLON, des Mondes mit ARTEMIS, des Morgensternes mit APHRODITE, des Stilbon mit MERKUR usf. noch als einen „Irrglauben“ der sternkundigen und sternverehrenden Chaldäer[2127], aber dieser Standpunkt blieb offenbar nicht der der großen Menge, deren abergläubische Entwicklung durch viele seiner Lehren geradezu gefördert wurde, z. B. durch die von den „Kräften“ (δυνάμεις, Dynámeis), Mittelwesen und Zwischenmächten (Logos, Idee, Weisheit, Herrlichkeit, Geist, Odem, Wort Gottes, ...), von den Dämonen und Engeln, die dem nachexilischen Judentume aus iranischen Religions-Vorstellungen übermittelt worden waren, usf.[2128]. Die Anschauungen, die der beständigen Wechselwirkung griechischer und jüdischer Spekulation entsprangen, und in denen die erhebliche Einwirkung jüdischer Einflüsse nach vielen Richtungen deutlich hervortritt[2129], erwiesen sich als sehr bedeutsam für die Umgestaltung ägyptischer und hellenistischer religiöser Mythen[2130] und machen sich auch bei PAULUS, in den nachpaulinischen Schriften, im Evangelium JOHANNIS und im „Hirten des HERMAS“ unverkennbar geltend[2131]; dieses letztere Werk, das vielleicht durch HERMAS, einen Bruder des römischen Bischofs PIUS, um 150 n. Chr. verfaßt wurde und sich in der alten Kirche größter Beliebtheit und geradezu kanonischen Ansehens erfreute[2132], führt seinen Namen daher, daß dem HERMAS ein Engel in jener Gestalt eines Hirten erscheint, die durch den „guten und schönen Hirten“ ANUBIS der ägyptisch-demotischen und durch die Gottheit als „guten Hirten“ der phrygischen Tradition längst außerordentliche Volkstümlichkeit genoß[2133]. Aber nicht erst im 2. Jahrhundert, sondern schon zu Beginn der Kaiserzeit waren unter den Juden Zauberei und Magie stark verbreitet; PLINIUS (um 75 n. Chr.) erwähnt sogar besondere jüdische Richtungen der Magie, die er von Männern namens MOSES, JAMNES und LOTAPES ausgehen läßt[2134], und weiterhin gelten Juden in diesen Künsten sowie in der Astrologie und dem Exorcismus sogar als ganz besonders bewandert, sowohl in Ägypten als auch in Cypern und Thracien, woselbst sie in großer Zahl wohnhaft waren und in Thessalonike eine Provinzial-Synode besaßen[2135]. In Zusammenhang hiermit steht auch die allgemeine und bis ins späte Mittelalter vorhaltende Verbreitung spätjüdischer Lehren, u. a. der von den 7 Himmeln mit ihren 7 Engelklassen[2136], der jüdischen Namen für die 7 Planeten und die 7 Sphären-Dämonen[2137], ja selbst die gewisser fast scholastischer Spitzfindigkeiten, z. B. der Bezeichnung der Zahl 7 durch „ATHENE“, „da diese Zahl, die als Führerin und Herrscherin über allen steht, nur sich selbst gleicht, aber von jeglicher anderen verschieden ist, gerade so wie ATHENE weder erzeugt wurde, noch selbst zeugt“[2138].