Will man davon absehen, allerlei zwar sehr mögliche, aber nicht mit Bestimmtheit nachweisbare „Irrtümer“ und „Verwechslungen“ vorauszusetzen und durch deren Verbesserung die erwünschte Übereinstimmung herzustellen, so muß man zugestehen, wie dies schon im 17. Jahrhundert BORRICHIUS tat[2380], daß wohl von Anfang an „keine Einigkeit bei der Verteilung herrschte“. Als „Führer“ dienten jedenfalls die uralten Vergleiche Sonne = Gold, Mond = Silber[2381], denen dann an Allgemeinheit KRONOS = Blei und ARES = Eisen am nächsten kommen. Die übrigen Zuweisungen schwanken schon bei den angeführten und noch mehr bei einzelnen anderen Angaben[2382] ganz erheblich: für APHRODITE stehen Zinn und Kupfer (Bronze?) in Frage, für ZEUS neben Kupfer (Bronze?) Zinn, Elektron und Messing (?) auch noch Silber, Erz, Gold und „Mischmetall“, für HERMES neben Eisen, Elektron, Zinn und Quecksilber auch Kupfer, für ARES neben Mischmetall auch Kupfer, für den Mond neben Silber auch Krystall oder Glas, — das ursprünglich (als Rohglas) stets grün war und daher auch mit der grünen Farbe vereinbar ist, die dem Monde zuweilen zugeschrieben wurde (s. oben). Im einzelnen stimmen indessen auch die Farben der Planeten mit denen ihrer Metalle oder Mineralien keineswegs streng überein: kann man allenfalls noch Mond = Stimmi (Schwefelantimon, Grauspießglanzerz) angesichts des schön weißen Glanzes dieses Erzes zulässig finden, so sind doch Gleichsetzungen wie Sonne = Sapphir, JUPITER = Beryll, SATURN = Klaudianos (eine in der Regel als goldähnlich beschriebene Legierung)[2383] nicht ohne weiteres begreiflich und ebensowenig die von dem arabischen Astrologen ABU MAʿSCHAR (9. Jahrhundert) überlieferte MERKUR = Smaragd[2384].
Das „Mischmetall“ (κρᾶμα), das KELSOS dem ARES zuschreibt, ist nicht, wie das verschiedentlich geschah, als Elektron zu deuten, vielmehr handelt es sich bei ihm wirklich um eine der aus Gemengen aller sieben oder doch möglichst vieler Metalle zusammengeschmolzenen Legierungen, wie sie besonders bei den Persern dauernd in Gebrauch und Ansehen blieben (s. unten); der Bericht des KELSOS knüpft aber an den Mithrasdienst an[2385], schöpft also aus persischen Überlieferungen, und sein ARES ist vermutlich nur der Stellvertreter des persischen Kriegsgottes (?) SCHAHRÉWAR, der im jüngeren Avesta „Herr der 7 Metalle“ heißt[2386], der nämlichen, die nach einer spätpersischen Legende aus den Gliedern des sterbenden Urmenschen GAYOMARD entstehen[2387] und bei der iranisch beeinflußten Sekte der Mandäer (im Tigrisdelta) die 7 Schichten oder (flachen) „Ambosse“ des Erdkörpers bilden[2388].
Das Eisen wurde nach KELSOS dem HERMES zugeeignet, weil beide ausdauernd, beharrend und jeder Mühsal gewachsen sind, das Elektron aber nach dem Buche „Causa causarum“, weil es sich, ganz wie der (androgyne) HERMES den anderen Sternen, so den anderen Metallen anpaßt, sich mit ihnen verbindet und dabei seine und ihre Natur verändert[2389]. ABU MAʿSCHAR (9. Jahrhundert) will wissen, daß erst die Perser dem HERMES das Zinn beigaben, das Elektron (διάργυρον) aber dem ZEUS[2390]; indessen sind derlei Angaben wenig zuverlässig, wie denn z. B. der syrische Lexikograph BAR BAHLUL (um 950), der meist sehr gute Quellen benützte, bestimmt behauptet, die Verbindung des ZEUS mit dem Zinn stamme schon aus der Zeit des „alten babylonischen Heidentumes“[2391]! In Wirklichkeit dürfte aber die Übertragung des Zinns von HERMES auf ZEUS mit der Zuteilung des Quecksilbers an HERMES zusammenhängen, betreff derer hier vorerst nur erwähnt sei, daß sie in weit neuerer Zeit erfolgte[2392], — nämlich etwa im 4. Jahrhundert, nach Entdeckung der Destillation des Quecksilbers.
In der Regel ist indessen Eisen das Metall des ARES, und die Anspielungen hierauf sind zahlreich und alt; schon DIDYMOS, der zu Beginn unserer Zeitrechnung die Ilias kommentierte, nennt ARES den Stern des Eisens[2393]. Nach neupythagoräischen Anschauungen[2394] steht das dunkle, krieg- und verderbenkündende Eisen auch dem Reiche der Unterwelt nahe, während Gold, Silber und Erz der Höhe, Mitte und Tiefe des Weltalls beizuordnen sind, das Kupfer aber Beziehungen zum „göttlichen Pneuma“ haben soll (weshalb es manche auch dem HERMES zuteilen). Bei ARTEMIDOROS[2395] bedeutet ein Traum vom MARS, daß dem Träumenden eine chirurgische Operation mittels eiserner Instrumente bevorstehe.
Das Blei gilt als Metall des Planeten KRONOS (SATURN), und weil dieser nach dem Gotte KRONOS genannt ist, schreibt man auch ihm eine bleiche, kalte, greisenhafte, langsame, mißgünstige, geizige, schädliche und namentlich auch feuchte Natur zu, denn wie schon den Orphikern und daher dem PLATON (im Dialoge „Kratylos“), so ist vor allem den Stoïkern KRONOS der „Herr der ῥεύματα“, d. h. des Nassen und Feuchten[2396]. Wie aber KRONOS-CHRONOS schon als ταρταροῦχος = Herr der Unterwelt und des Totenreiches, sowie als κακοδαίμων (Kakodaemon)[2397] Unglück und Verderben bringt, so tut dies auch sein Planet, und eben deshalb auch das „saturnische Metall“, das Blei[2398]. Daher fertigt man aus diesem die sog. „Fluchtafeln“ an, die man, beschrieben mit dem Namen des zu Schädigenden, mit dem Übel, das man ihm zufügen will, sowie mit den Namen und Zeichen der Planetengötter oder Dämonen, die den Fluch vollstrecken sollen, in der Erde vergräbt, — worauf dann die Folge nicht ausbleiben kann[2399], da das dunkle Blei die bösen Geister ebenso heranzieht, wie z. B. das leuchtende Silber oder die glänzende Bronze sie vertreiben[2400]; auf Grund ähnlicher Anschauungen wird auch Saturn mit Nemesis in Verbindung gebracht, während dem JUPITER Níke (Sieg) zukommt, dem MARS Tólma (Mut), der Sonne Daímon, der VENUS EROS, dem MERKUR Anánke (Notwendigkeit) und dem Monde Týche (Zufall)[2401]. Endlich dient das Blei auch mit zur Bestrafung der sündigen Seelen im Tartaros, wobei sich die Vorstellung von seiner so besonders „kalten“ Natur in höchst bezeichnender Weise geltend macht; während nämlich sonst dem SATURN als Emblem z. B. eine bleierne Vase zugeschrieben wird, aus der sich ein Strom kalten Wassers ergießt[2402], — so noch zu Anfang des 5. Jahrhunderts in MARCIANUS CAPELLAS Schrift „Hochzeit des MERKUR mit der Philologie“[2403], die DIELS treffend einen „philologischen Karneval“ nennt —, meldet PLUTARCH (2. Jahrhundert)[2404], daß sich im Hades drei Seen von geschmolzenem Gold, Eisen und Blei befänden, der letztere von solcher eisiger Kälte, daß er die hineingetauchten Frevler gleich Hagelkörnern erstarren macht!
In altem, wenn auch nicht (nach JEREMIAS)[2405] bis in die babylonische Frühzeit zurückreichendem Zusammenhange mit den Metallen der Planeten scheint deren Verbindung mit den Weltaltern zu stehen. Die Lehre von 7 aufeinander folgenden, von SATURN anfangend durch je einen der Planeten beherrschten und durch deren Metalle charakterisierten Zeitaltern[2406] dürfte einer Verquickung chaldäischer und iranischer Ideen entsprungen sein. Nach einer persischen, noch in einem der apokryphen „HENOCH“-Bücher (s. unten) erhaltenen Überlieferung werden die aus sechs verschiedenen Metallen bestehenden „Berge der Erde“ zuletzt vor der Macht und Herrlichkeit des „Auserwählten“ dahinschmelzen, d. h. die sechs ersten Weltreiche dem siebenten eines Messias Platz machen[2407], und bei dem durch einen feurigen Kometen herbeigeführten Weltenende sollen die „Metalle der Erde“ in der Glut zerfließen und durch ihre Ströme die Sünder verzehren, „den Frommen aber nicht anders, denn laue Milch erscheinen“[2408]. Derlei Gedanken sind seit den letzten Jahrhunderten des Altertums weit verbreitet: die Mandäer zählen 7 planetarische Weltperioden; die „Sibyllinischen Schriften“ sprechen von den nach den Metallen benannten Weltreichen, die von 7 Sonnen in den entsprechenden Farben erleuchtet werden; 7 „Regenten“ kennt die „Apokalypse JOHANNIS“; in einer spätpersischen Apokryphe des 5. oder 6. Jahrhunderts dient als Symbol der Weltentwicklung ein Baum mit 7 Zweigen aus Gold, Silber, Kupfer, Erz (nach Anderen Eisen), Blei (nach Anderen Stahl), Zinn und Mischmetall[2409]; endlich erwähnt auch der VIRGIL-Kommentar des SERVIUS (5. Jahrhundert) sechs nach ihren Metallen bezeichnete Zeitalter, die er die Cumäische Sibylle verkünden läßt[2410]. Ist „Sibylle“ wirklich vom babylonischen Worte Sibiltu (Subultu) abzuleiten, das ursprünglich „Ähre“ geheißen haben soll und späterhin auch das Sternbild der „Jungfrau“ bedeutete, welche hochwichtige babylonische Göttin mit einer Ähre in der Hand abgebildet wurde[2411], so hätte dieser Name eine deutliche Spur der orientalischen Herkunft des ganzen Anschauungskreises bewahrt.
Da der Mikrokosmos keinen anderen Gesetzen als der Makrokosmos unterliegen kann, ergaben sich in Parallele mit den 7 Zeitaltern die von den Planeten beherrschten 7 menschlichen Lebensstufen[2412]. Reichen auch die Hauptlehren über den Einfluß der Planeten auf „alles Menschliche“, auf Alter und Lebensjahre, auf Leib und Seele, ja auf alle einzelnen Körperteile und Glieder, bis auf PETOSIRIS und NECHEPSO zurück[2413], so sind doch einzelne Ausgestaltungen erst späthellenistisch, so z. B. die auf Triebe und Vermögen, die auf Empfindungen und Geschmäcke[2414], vor allem aber die auf die sog. Stufenjahre bezüglichen[2415]; das Wichtigste unter diesen war das 63. Lebensjahr, das für ganz besonders bedeutsam und bedenklich galt, da die schon an sich sehr „ominösen“ Zahlen 7 und 9 offenbar ein in noch weit höherem Grade verdächtiges Produkt liefern mußten.