d) Apokryphen und Pseudepigraphen.

Von der in den vorstehenden Abschnitten erörterten Geistesrichtung erfüllt erweisen sich auch zahlreiche der Apokryphen und Pseudepigraphen des alten und neuen Testamentes, sowie einige ihnen dem Herkommen nach nicht beigezählte, jedoch inhaltlich nahestehende Schriften; nur auf einige der wichtigsten soll an dieser Stelle hingewiesen werden.

Das „Buch HENOCH“, das zum Teil in griechischer und altslavischer Sprache, am vollständigsten und ausführlichsten jedoch in äthiopischer vorliegt⁠[2416] und zuerst wohl während der Zeit zwischen 167–64 v. Chr. verfaßt, in das Äthiopische aber erst im 5. Jahrhundert n. Chr. übersetzt wurde, beschäftigt sich mit dem „Propheten“ HENOCH, einem der (nach ursprünglich nicht-israelitischer Tradition) vorsündflutlichen Patriarchen, der als Erfinder von Sternkunde und Geheimwissenschaft, Schrift und Rechenkunst gilt, ferner als Kenner und Beherrscher aller Verborgenheiten der irdischen und himmlischen Welt, sowie als Weiser und Verkünder aus grauer Urzeit⁠[2417]. In diesen Eigenschaften feiern ihn auch das aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammende „Buch der Jubiläen“⁠[2418], sowie das zuerst gegen 50 v. Chr. niedergeschriebene, dann aber um 90 n. Chr. stark umgearbeitete sog. „4. Buch ESRA“⁠[2419]. Der Titel „Schreiber des Wissens des Höchsten“, den er in letzterem führt, erinnert an den in den Visionen EZECHIELS vorkommenden „Schreiberengel in der Mitte der sechs übrigen“, der kein anderer ist, als der babylonische NABU, der als Gott des Wissens und der Schreibkunst „das Schreibrohr hält“ und tatsächlich in der Aufzählung der Götter „SAMAS, SIN, NERGAL, NABU, MARDUK, ISTAR, NINIB“ die Mittelstellung einnimmt⁠[2420]. Da indessen das Buch EZECHIEL zwar aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert herrührt, jedoch zahlreiche, zum Teil bis in späte Zeiten herabreichende Abänderungen und Einschiebungen aufweist, so können Vergleiche überhaupt nur unter allem Vorbehalt gezogen werden, besonders aber solche, die auch die äthiopische Übersetzung des HENOCH betreffen sollen, da diese erst gegen 500 angefertigt und nur in Handschriften des ausgehenden 15. Jahrhunderts erhalten ist.

Eingehende Kenntnis der chaldäischen und persischen Anschauungen über Sternkunde verrät jedenfalls der ganze „astronomische Abschnitt“ des äthiopischen HENOCH[2421], die Erwähnung der 7 Planeten und ihrer „Führer“⁠[2422], die Vergleichung der 7 Planeten mit großen brennenden Bergen (in babylonischem Sinne = bösen Geistern)⁠[2423] sowie die Vision von den „im Himmel verborgenen“ Bergen aus sechs Metallen, „die schmelzen und vor dem Gerechten gleich Wachs sein werden“. Als Namen der Metalle führt eine Stelle an: Eisen, Kupfer, Silber, Gold, weiches Metall, Blei⁠[2424], eine zweite: Eisen, Kupfer, Silber, Gold, Zinn, Blei⁠[2425], und eine dritte: Gold, Silber, Zinn, Eisen, weiches Metall⁠[2426]; die letztere zeigt, daß unter dem „weichen Metall“ nicht Zinn verstanden sein kann, da sie beide nebeneinander aufzählt, doch gibt auch die Übersetzung „Tropfmetall“⁠[2427] keinen genügenden Aufschluß, um so mehr, als die Deutung auf das schon an sich flüssige Quecksilber keine Wahrscheinlichkeit bietet. Angesichts der über allen Einzelheiten schwebenden chronologischen Unsicherheit kann man die ganze Stelle nicht, wie das wohl geschehen ist, als die älteste auffassen, die Weltalter und Planeten-Metalle in Zusammenhang bringt.

Nach der zwischen 100 und 50 v. Chr. verfaßten „Weisheit SALOMONIS“⁠[2428] besaß König SALOMON Einsicht in „das System der Welt und die Kraft der Elemente“, von denen Feuer und Wasser, Luft und Wind, neben Himmel und Sternen Vielen als Götter gelten⁠[2429]. Das System der Welt aber schuf Gott aus dem gestaltlosen (Ur-)Stoffe, alles ordnend nach Maß, Zahl und Gewicht⁠[2430], denn durch die verschiedenartige Vereinigung der Elemente (στοιχεῖα, Stoicheía) brachte er das Mannigfaltigste ganz ebenso hervor, wie die Musen aus den wenigen Klängen des Saitenspieles die Gesamtheit der wechselvollsten Melodien zusammenfügen⁠[2431]. — Im nämlichen Sinne berichten auch die christlichen Abschnitte der „Sibyllinen“ (um 150 n. Chr.), daß bei der Schöpfung alle Elemente, dem Befehle Gottes folgend, ebenso sich sammelten und vereinigten, wie sie am Ende der Tage sich wieder verlieren und die Welt öde zurücklassen werden⁠[2432]; im „Hirten des HERMAS“ heißt es desgleichen, die Welt sei zusammengefügt aus den vier Elementen und stehe auf ihnen fest, wie eine Bank auf ihren vier Beinen⁠[2433].

In den sog. „Oden SALOMONS“, die aus jüdisch-mystischen Kreisen etwa zwischen 50 und 67 n. Chr. hervorgingen und um 100 n. Chr. eine Umarbeitung in christlichem Sinne (aber noch ohne gnostische Einflüsse) erfuhren⁠[2434], wird die Welt geschildert als bestehend aus oberen und unteren Orten, Höhen und Niederungen, in deren Mitte sich die Dinge befinden⁠[2435]; im tiefsten Grunde liegt das finstere Chaos, in dieses sinken die schwerlastenden Materien (Hýlai) wie Blei hinab⁠[2436], sammeln sich dort an, werden zwecks Erneuerung aufgelöst und durch das „Wasser des Herrn“ wiederbelebt und schweben dann geläutert zum Licht, d. h. nach oben, so daß auch τὰ κάτω (die unteren Dinge) τὰ ἄνω (zu oberen) werden und schließlich „alles oben ist“, d. h. bei Gott oder im Herrn⁠[2437]. So wird also die ganze Welt zur Vernichtung geführt, um sie aufzulösen, zu erneuern und das Tote aufzuwecken durch das „lebendige, unsterbliche Wasser des Herrn“⁠[2438]; auch die Seelen steigen hierbei aus der Finsternis der Hölle und dem Rachen des Todes empor zu Licht und Leben, aus dem Rauche des Abgrundes „durch den Tau des Herrn“ zur Wolke des Friedens⁠[2439].

Das schon weiter oben erwähnte Werk des KELSOS, „Das wahre Wort“ (um 150), bezeichnet als den ehrwürdigsten und machtvollsten Teil des Himmels Sonne, Mond, Wandel- und Fixsterne, deren göttliche Natur sie zu himmlischen Boten, zu sichtlichen Herolden der oberen Dinge geeignet erweist⁠[2440]; die 7 Planeten schweben in den 7 Himmeln, geleitet und beherrscht von guten und bösen Engeln, welche letzteren die Gestalten von Löwe, Stier, Drache, Adler, Bär, Hund und Esel besitzen⁠[2441]. — In ähnlicher Weise sprechen von den 7 Himmeln die Erzählungen „Testamente der 12 Patriarchen“ und „Leben ADAMS und EVA“ (1. bis 2. Jahrhundert)⁠[2442], das „Martyrium JESAIAS“ (2. Jahrhundert)⁠[2443] und die „Apokalypse des BARUCH“ (griechisch und syrisch, 2. Jahrhundert)⁠[2444], in der auch von den Himmeln und ihren Toren aus Eisen, Erz usf. die Rede ist⁠[2445].

Die Grundschriften, jedenfalls aber die jetzt vorliegenden Redaktionen der angeblich von CLEMENS ROMANUS herrührenden (Pseudo-)Clementinen und Homilien sind nicht schon gegen 150 verfaßt, wie noch LANGEN[2446] und SOLTAU[2447] voraussetzten, sondern nach KRÜGER[2448], HARNACK[2449], HEINTZE[2450], JÜLICHER[2451] und BOUSSET[2452] erst um 250–260, ja was die Homilien betrifft, nach HARNACK vielleicht sogar noch erheblich später. Den vielfach von iranischen Anschauungen beeinflußten Lehren des CLEMENS ROMANUS[2453] zufolge ist Gott der Schöpfer der vier οὐσίαι (Usíai) heiß, kalt, trocken, feucht⁠[2454], er hat die πρώτη ὕλη (Urmaterie) vierfältig und nach Gegensätzen gestaltet, durch ihn wird Luft zu Wasser, Wasser zu Erde, Erde zu Feuer (beim Aneinanderschlagen der Steine)⁠[2455], und durch ihn gehen aus den vier Elementen vermöge der μῖξις (Míxis) die verschiedenen Arten der κράσεις (Kráseis, Gemische) hervor⁠[2456], unendlich an der Zahl und doch alle zusammenstimmend, da der gesamte Kosmos „nur als ein großes Tier (Lebewesen) zu betrachten ist“. Ursprünglich glich eben, der Lehre des ORPHEUS gemäß, das Chaos einem Ei, das alle Elemente in noch einheitlicher ungeformter Mischung einschloß, aber fähig zur Gestaltung der ganzen Welt, — geradeso, wie das Ei des Pfauen schon die Anlage zu jeglicher Buntheit des fertigen Vogelgefieders in sich enthält. Unter dem Einflusse des göttlichen Pneumas (πνεῦμα θεῖον) entwickelte sich in jenem Chaos-Ei ein Mannweibliches (ἀρῥενόθηλυ), PHANES genannt, und stieg in ihm nach oben, während die restliche unverbrauchte Materie in die Tiefe sank und „PLUTON“ geheißen wird, weil dieser der König der Toten ist⁠[2457]. Sie kann wiederbelebt werden durch das „Wasser des Lebens“, doch darf dieses Mysterium nicht entweiht werden, und das Buch, das darüber berichtet, ist auf das strengste geheim zu halten und nur dem eigenen Sohne zu überliefern⁠[2458].

Zu den merkwürdigsten der höchst abenteuerlichen Begebenheiten, deren Zeuge CLEMENS ROMANUS in Syrien gemeinsam mit dem von ihm aufgesuchten hl. PETRUS gewesen sein will, zählt das Zusammentreffen mit SIMON MAGUS, über dessen dem Christentume feindseliges Auftreten schon die „Apostelgeschichte“ berichtet, der aber erst in etwas späterer Zeit (namentlich bei den Gnostikern) zu einer geradezu führenden Stellung als „Erz-Ketzer und -Zauberer“ und „Vorbild aller Verworfenen und Abtrünnigen“ gelangte⁠[2459]. Mit Hilfe der Magie, die es ihm u. a. ermöglichte, die „Buhlerin“ HELENA in ein weibliches Abbild zu bannen und mit sich zu führen⁠[2460], sich in eine Schlange, eine Ziege, ein Wesen mit zwei Gesichtern und in Gold zu verwandeln (μεταβάλλειν)⁠[2461], unendlichen Reichtum zu gewähren usf., vermochte er auch ein künstliches Menschlein (= homunculus) darzustellen⁠[2462]: zu diesem Zwecke ließ er eine Vorrichtung, einem Schröpfkopfe gleichend, menschliches Pneuma anziehen⁠[2463], führte das Pneuma in Wasser und das Wasser in Blut über, ließ dieses erst gerinnen und dann zu festem Fleische werden⁠[2464], und erhielt so einen Menschen, den er auf dem umgekehrten Wege auch wieder in Luft aufzulösen vermochte.