f) Die Gnostik.

Die letzten vorchristlichen Jahrhunderte brachten infolge der sinkenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Mißgeschicke und Bedrängnisse aller Art über die Bevölkerung des Ostens, die ihr Unglück, im Sinne des astrologischen Fatalismus, von dem sie durchaus erfüllt war, dem Einflusse der Planeten zuschrieb, der Heimarméne; ein Verlangen nach Befreiung von dieser furchtbaren und erdrückenden Gewaltherrschaft, eine Sehnsucht nach Erlösung, erfüllte daher schon damals mehr und mehr alle Gemüter⁠[2588]. Diese Gefühle verstärkten sich noch, als im Verlaufe der Kaiserzeit, namentlich seit dem 2. Jahrhundert, die Grundlagen des überlieferten Glaubens endgültig zusammenbrachen, die alten Religionen keinen Halt mehr gewährten, und Aberglauben jeglicher Form aus den unteren unwissenden Schichten auch in die oberen gebildeten emporstieg. Die neuerwachten religiösen und metaphysischen Bedürfnisse suchten nunmehr Befriedigung in der Mystik „uralter“ Geheimkulte und philosophischer Spekulationen, die die Reste eigener Denktätigkeit zunächst befriedigten, bald aber zu gänzlichem Schwinden brachten⁠[2589]. Getreu dem bei MAKROBIOS[2590] (5. Jahrhundert) überlieferten Grundsatze „Vetustas adoranda est“ = „Ehrfurcht vor der Vergangenheit!“ flüchtete die Phantasie aus der trüben Gegenwart in die glanzvoll ausgemalte „alte Zeit“, zu PYTHAGORAS, „der in alle verborgenen Kulte und Mysterien eingeweiht war“⁠[2591], zur angeblich unverändert überlieferten und daher „höheren“ Weisheit ägyptischer, chaldäischer oder gar indischer Priester, „dieser getreuen Bewahrer heiliger Geheimnisse“⁠[2592], zum Ritual unverstandener alter oder fremder Kultbräuche, dem man verborgenen symbolischen Sinn unterlegte, und vor allem zu der durch die Neupythagoräer wiederbelebten Orphik. ORPHEUS galt auch hier wieder als ältester und wichtigster Verkünder erhabener Offenbarungen, deren Inhalt sich in höherem Fluge weit über alles sonstige menschliche Wissen hinaus erhebt⁠[2593], und als Verfasser jener „tiefsinnigen und göttlichen“ Prophezeiungen, Sprüche und Hymnen, mit deren Sammlung und Erhaltung sich eigene Zirkel und Kultgemeinden auf das angelegentlichste beschäftigten⁠[2594]. Soweit ihre Reste ein Urteil gestatten, erweisen sie sich als Ergebnis der Vereinigung und Umbildung der im hellenistischen Ägypten aus sehr verschiedenen Quellen zusammengeflossenen orphischen Lehren, verraten anfangs (um 100–150) noch keinerlei christliche Einwirkung, zeigen später neuplatonische (nicht aber plotinische) Spuren, gelangen gegen 300 zur abschließenden Gestaltung, erfahren aber auch in den folgenden Jahrhunderten noch mancherlei Abänderungen und Einschiebungen⁠[2595].

Der Einfluß der geschilderten Verhältnisse förderte notwendigerweise die Verbreitung aller Arten Magie, Mantik und Orakelwesen, die Kulte enthusiastischer und mysterienhafter Richtung, sowie die Geheimdienste mit ihren Formeln, Riten und Weihen⁠[2596]; unter Verschmelzung älterer griechischer, orphischer, orientalischer, spätägyptischer und neuplatonischer Elemente eigneten sich die theurgischen Praktiken (die sich zu einem großen Teile in den gleichzeitigen Zauberpapyri erhalten haben) Charakter, Terminologie und Ritual der Mysterien-Dienste an, strebten aber gleichzeitig nach „Verfeinerung und theoretischer Begründung“ durch Anlehnen an Anschauungen, die unter dem Titel „philosophischer“ die sog. gebildeten Kreise des Zeitalters erfüllten⁠[2597]. Eine wichtige Rolle spielten hierbei namentlich die Zeremonien des Schwures bei der Einweihung, des Eides der Geheimhaltung, sowie der „Reinigung“, denn nur die „Weihen“ reinigen die Seelen und stellen sie in ihrem ursprünglichen Glanze wieder her, und nur die so Geweihten vermögen jenes Gut höherer Wahrheit zu erfassen, das ihnen Befreiung und Erlösung in Aussicht stellt⁠[2598]. Als selbstverständlich ergibt sich die Pflicht, ein solches vor der großen Menge zu bergen und es mittels einer dunklen Symbolik, die das eigentlich Wichtige verdeckt, vor „Profanation“ zu bewahren⁠[2599]. „Alle Theologen der Hellenen und Barbaren (so sagt hierüber CLEMENS ALEXANDRINUS, gest. 216) haben das Wesen der Dinge verhüllt und die Wahrheit nur in Rätseln und Gleichnissen, Allegorien und Metaphern überliefert; Geheimnisse vertraut man nur der Rede an, nicht der Schrift, die schon fast Entweihung ist; jedenfalls ist aber der profane Leser in die Irre zu führen, so daß er gar nicht merkt, was die Hauptsache ist und was unwichtiges Beiwerk⁠[2600].“

Die unter dem Namen der „gnostischen“ bekannte Form der ganzen Bewegung ist keineswegs, wie vielfach angenommen wird, eine spezifisch christliche und dem Altertum fremde, vielmehr war sie in ihren Anfängen vermutlich schon im 1. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht früher, in Syrien vorhanden und gelangte von dort aus auch nach Ägypten⁠[2601]; bereits die paulinischen Briefe kennen sie als eine Art heidnisch-mystischer Religiosität, der gemäß ein unmittelbarer Verkehr mit der Gottheit das Wissen um ihre sonst verborgenen Geheimnisse gewährt⁠[2602]. Auch ein vielgestaltiger jüdischer Gnostizismus, dessen Geheimlehren selbst wieder hauptsächlich von orientalischen, weniger von griechischen Überlieferungen und Spekulationen abhängig waren, übte um die nämliche Zeit mannigfaltige, wenngleich im einzelnen bisher schwer faßbare Einflüsse aus⁠[2603]. Spätere griechisch-jüdische Kultgemeinden Ägyptens besaßen noch einschlägige, der jüdischen Tradition entstammende „heilige Bücher“, zu denen u. a. die „ἱεραὶ βίβλοι“ gehörten, deren der Leidener Papyrus gedenkt, ferner das sog. „8. Buch Mosis“ (in der vorliegenden Gestalt um 150 verfaßt) u. dgl. mehr⁠[2604]; Beschwörungen bei „JESU, dem Gotte der Juden“, sind ebenfalls Wahrzeichen aus der Periode derartiger synkretistischer Durchdringungen⁠[2605].

Der Geburtsort der eigentlichen Gnostik ist indessen das spätptolemäische Alexandria, „wo sich ihr Gebäude erhob über dem Boden uralten ägyptischen Glaubens, aus dem Schutte zahlreicher anderer Religionen“⁠[2606], und Stätte ihrer Entstehung waren die hellenistisch umgestalteten, von Zauber erfüllten Mysterienkulte orphischer und enthusiastischer Richtung⁠[2607]; Griechischer Einfluß blieb stets überwiegend⁠[2608], und griechischer Geist suchte in Kultgemeinden, deren religiöser Dienst dem orphischen, dionysischen, ägyptischen, jüdischen, phrygischen, persischen und chaldäischen nachgebildet war und sich heiliger Bücher, Lieder und Hymnen bediente, die uns zum Teil zwischen den „Rezepten“ der Zauberpapyri als „Gebete“ erhalten geblieben sind⁠[2609], die Bausteine so mannigfaltiger Herkunft nach einheitlichem Plane zusammenzufügen⁠[2610]. So betrachtet, erweist sich die Gnosis als Erscheinungsform der großen synkretistischen Bewegung, zu der den Anstoß gab die zunehmende nähere Berührung des Orients und Okzidents, der fortschreitende Austausch der nationalen Religionen, deren Beeinflussung durch die griechische Philosophie, und schließlich die Aufnahme gewisser, jedoch schon völlig phantastisch veränderter Gedanken des nachapostolischen Christentums⁠[2611]. Die nämliche weitgehende Durchdringung hellenistischen, chaldäischen und ägyptischen Wesens, von dem die Kultbilder zu Denderah und Edfu und auf babylonischem Gebiete TEUKROS Zeugnis ablegen⁠[2612], zeigt sich in den Glaubensvorstellungen der Gnostiker und tritt ganz besonders auch in der Bedeutung zutage, die gerade orphische, chaldäische und ägyptische Geheimlehren für sie besitzen⁠[2613]. Die gnostische Litteratur ist daher erfüllt von Berufungen auf derartige Mysterien und Weihen, deren Kult-Mythen und -Gebräuche sie unter entsprechender Allegorisierung als bildliche Darstellungen aller der Wahrheiten ausgibt, die sie zu erweisen bemüht ist⁠[2614]; ihre Autoritäten sind hierbei bald griechische Philosophen (in neupythagoräischer oder -platonischer Auffassung), Dichter (auch HOMER) und Weise, bald die „eigenen Berichte“ von Gottheiten wie THOT, HERMES, ISIS, ASKLEPIOS, AGATHODAIMON und Anderen über die Schöpfung und Entwicklung der Welt, bald die Erzählungen jener durch solche Offenbarungen kosmologischen, astrologischen und dämonologischen Inhaltes begnadeten „Propheten“, denen die Götter, wenn sie sie durch Beschwörung und Bedrohung erst einmal herniedergezogen und zum Sprechen gebracht haben, „nichts zu verbergen vermögen“⁠[2615]. Merkwürdig und bedeutsam erweist sich hierbei die Verquickung des iranischen Dualismus der guten und bösen Götter mit dem spätgriechischen Gegensatze zwischen der guten Welt des geistig-göttlichen Pneumas und der schlechten des körperlich-gemeinen Stoffes (der Hýle), da nichts geeigneter war, die Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung zu fördern, als die Lehre von der unendlichen Überlegenheit der geistig-idealen über die sinnlich-materielle Welt⁠[2616]. Der großen Menge allerdings blieb diese Seite der Gnosis unfaßlich; für sie war Gnostik gleichbedeutend mit Magie, — etwa jener der Zauberpapyri⁠[2617] —, d. h. sie verhieß ihren Anhängern alle Güter der Welt, hauptsächlich Reichtum, Gesundheit und Unsterblichkeit, und gewährte ihren Verkündigern geheime Weisheit = νοῦς (Nûs), höhere Vernunft = λόγος (Logos), sowie wahre Erkenntnis = γνῶσις (Gnosis)⁠[2618].

Aber auch in den Kreisen dieser Verkündiger, also der eigentlichen Träger der Bewegung, wandte sich die gesuchte „Erkenntnis“ weit minder rein geistigen Zielen zu, als durchaus praktischen, nämlich der Ausforschung des Heilsweges, sowie der geheimnisvollen Mittel, die den Zwang der Heimarméne zu brechen vermöchten⁠[2619]. Die Gnosis, γνῶσις σωτηρίας, γνῶσις θεοῦ (Erkenntnis des Heilsweges, Erkenntnis Gottes) wird daher nicht durch Denkarbeit und wissenschaftliches Bemühen erworben, sondern durch ekstatisches Schauen der höchsten Dinge und visionären Verkehr mit der Gottheit, sie ist nicht ein Ergebnis der Vernunft, sondern entspringt dem inneren Fühlen, der andächtigen Stimmung, der gläubigen Schwärmerei, kurz einem Seelenzustande, dessen Vollendung τέλος, Télos) zu erreichen nur dem durch „Gnade von oben“ Auserlesenen vergönnt bleibt⁠[2620]. Alle diese Züge sind orientalischer Herkunft, finden sich aber nicht nur bei neupythagoräischen Orphikern und Neuplatonikern, sondern schon bei POSEIDONIOS, verknüpft mit solchen, die teils auf die alten griechischen Geheimkulte zurückgehen, teils der griechischen Philosophie und besonders dem platonischen Enthusiasmus entstammen⁠[2621]; zu diesen gehört u. a. die für die Verbindung mit der Astrologie höchst wichtige Idee, daß die Erlangung der Gnosis gefördert wird durch Betrachtung und Kenntnis des gestirnten Himmels, da „die Ordnung am Himmel“ das Dasein der ordnenden Gottheit verbürgt, und die geordnete Bewegung der Sterne nach ARISTOTELES das Prinzip alles Werdens und Vergehens ist⁠[2622]. Allerorten schöpfen eben die Gedanken, die in hellenistischer Zeit anscheinend plötzliche und unbegreifliche ausgedehnte Eroberungen machen, die hierzu erforderliche Kraft aus der griechischen Welt, in der sie sich jahrhundertelang allmählich und organisch entwickelt hatten⁠[2623].

Würdig der Gnosis macht aber außer dieser Beschäftigung mit den himmlischen Dingen auch solche mit den Lehren und Schriften bereits „Begnadeter“, also mit den „uralten und mystischen Offenbarungen der Propheten“, die zum Himmel entrückt wurden und zur Erde wiederkehrten als Verkündiger des Geschauten, des himmlischen Lichtes und Lebens, der göttlichen Kraft und Gnade⁠[2624]. Ihre Worte geben die Sicherheit, daß die Gottheit auf die Anrufung des Gläubigen hört und bereit ist, „sich mit ihm zu vereinen“, und daß nach dem Tode seine Seele auferstehen, durch die Ogdoas (= Achtheit der 7 Planeten- und der Fixsternsphären) zum Himmel auffahren und sich dem θεὸς ὕψιστος, dem Höchst-Thronenden, zugesellen wird⁠[2625]. Aber ein gleiches kann auch dem noch Lebenden beschieden sein, sofern er in den schwärmerischen Zustand der Ekstase gerät, während derer (nach einer durch POSEIDONIOS vermittelten Ansicht der Chaldäer, der sich auch Mithrasverehrer und Neuplatoniker anschlossen) die Seele den Körper verläßt, um zum Himmel emporzusteigen und „ein Teil der Gottheit“ zu werden⁠[2626]. Derartige Ekstase bewirken bei dem ihrer Gewürdigten nicht nur innere Stimmungen und Regungen, sondern auch äußere Mittel, u. a. der Genuß von ἀμβρόσιον ὕδωρ (ambrosischem Wasser = Unsterblichkeits-Trank), sowie gewisse rituale Veranstaltungen⁠[2627]. Zu dem für die Gläubigen Bedeutsamsten, was die Gnosis lehrt, gehört die „richtige“ Ausführung solcher religiöser und theurgischer Operationen, der geheimen heiligen Handlungen oder Sakramente, an die sich u. a. auch die Bekanntgabe gewisser heiliger Symbole, Formeln, Zeichen, Namen und Zauberworte schließt, deren die Seele hauptsächlich bedarf, um den Widerstand zu überwinden, den die Bosheit der 7 Planeten-Dämonen ihrer Himmelsreise entgegensetzt⁠[2628]. Wirksame Hilfe gewährt dem Gnostiker hierbei, aber auch bei allen sonstigen Anlässen, eine möglichst nahe Verbindung mit seinem „Engel“, und da die Seelen als „pneumatische Bräute“ dieser Engel gelten, die sie mit sich in den himmlischen oberen Weltenraum (πλήρωμα, Pléroma) heben, so erklärt sich hieraus das bei manchen Sekten, z. B. den Valentinianern, übliche „Sakrament des Ehegemaches“ (νύμφωμα, θάλαμος), die Zeremonie des „πνευματικὸς γάμος“, der „geistigen Hochzeit“, die an den Neophyten und Neophytinnen in der „himmlischen Brautkammer“ als „Sinnbild der innigsten Vereinigung“, und oft wohl nicht nur ganz symbolisch, vollzogen wurde⁠[2629]. Der so Geweihte ist τέλειος (Téleios), d. h. ein „Vollendeter“, er ist „umgeschaffen“ durch μεταβολή (Metabolé), erfüllt von deren „totenerweckender Kraft“ (δύναμις τῆς μεταβολῆς) und würdig des Pléromas; auch weiß er das heilige Licht zu trennen von der verworfenen Finsternis (tenebrae, chaos, abyssos) und die „unnatürlich“ zur Welt zusammengemengten Bestandteile zu entmischen, wobei er verfährt wie ein Künstler κράσεως καὶ μίξεως (der Krasis und Mixis), der die Teile des Eisens mittels des Magneten von denen anderer Metalle sondert, oder Schmelzen und Legierungen wieder in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt⁠[2630].

Infolge der ungeheuren Wichtigkeit, die dem „dicere et facere mysterium“, d. h. dem Reden und Tun beim Geheimdienste, zugemessen wurde, steigerte sich in gleichem Maße auch die des ausführenden Priesters, und so kann es nicht wundernehmen, daß Ägypten allmählich zur „Hochschule“ der Betrüger, Schwindler und betrogenen Betrüger heranreifte: für die große Menge war der Priester der „Zauberer κατ’ ἐξοχήν“, der ihren Aberglauben in ausreichender Weise zu befriedigen, vor allem jedoch seinen gehörigen persönlichen Einfluß auf die Götter zu bewähren hatte⁠[2631]. Aber auch die Gebildeteren sahen in ihm den Auserwählten, der es verstand, die Gottheiten auf die richtige Weise und mit den richtigen Worten anzurufen, unter Gebrauch der „rechten“ Beschwörungen, Zeichen, Sprüche, Intonationen, Formeln, Buchstaben, Zahlen und vor allem Namen. Die Namen sind wesentliche Bestandteile ihrer Träger, deren Macht jener erlangt, der sie weiß⁠[2632], aber nur die „wahren“ Namen oder Beinamen sind „treffend und verpflichtend“⁠[2633]. Daher betonen schon ORIGENES und die „Chaldäischen Orakel“ im 2. Jahrhundert⁠[2634], sowie das dem IAMBLICHOS (gest. 330) oder seiner Schule angehörende Mysterien-Buch, — das die Dämonen-Lehre und die Kraft der Zaubermittel „mit wahrhaft scholastischer Gründlichkeit“ abhandelt⁠[2635] —, man habe Namen und magische Worte in der ägyptischen oder chaldäischen Ursprache zu kennen und allein in dieser zu benützen, „da solche fremde Ausdrücke durch jede Übersetzung die Emphase und Kürze des Originals verlieren, das den Göttern auch das gewohntere und angenehmere ist“⁠[2636]. Von dieser Kürze merkt man allerdings nichts, wenn z. B. die „Pistis Sophia“ berichtet, „die 5 großen Archonten, die die ganze Welt als solche kennt, hießen ZEUS, APHRODITE, KRONOS, HERMES und ARES, ihre eigentlichen und unvergänglichen (ἄφθαρτοι) Namen lauteten aber CHRUBAL, CHOSI, ORIMUTH, TARPETANUPH und MUNICHUNAPHOR“⁠[2637]. Vermutlich ist anzunehmen, daß die Wirkung dieser, der Gemeinde geläufigen, aber unverständlichen Worte eine ähnliche war, wie noch heutzutage die des Amen, Sela, Hosianna und Halleluja⁠[2638], oder die des Gottesdienstes in ausgestorbenen Sprachen, z. B. Lateinisch oder Sanskrit; auch trug man überhaupt große Scheu, an dem, was einmal für althergebracht galt, irgendwelche Veränderungen vorzunehmen, da schon der geringste Fehler in Wort oder Tat nicht nur die ganze Wirkung des Rituals zu nichte machen, sondern auch statt der gerufenen guten Geister böse (oft sogar noch in verkappter Gestalt) herbeiführen und so schreckliche Gefahren verursachen konnte⁠[2639]. Die typische (auch in den Zauberpapyri erhaltene) Anordnung des priesterlichen Geheimdienstes umfaßt daher neben der πρᾶξις (Praxis) = Zauberhandlung und dem λόγος (Logos) = Zauberspruch stets als dritten Punkt noch die φυλακτήρια (Phylaktéria) = Schutzmittel gegen die Geister⁠[2640], und es ist sehr wahrscheinlich, daß zu diesen auch das Locken, Beschwichtigen und Scheuchen durch tierische Laute, sowie das Schnalzen, Brüllen, Zischen, Pfeifen und Zwitschern seitens der Mysten zählten⁠[2641].

Ein großer Teil der Gedanken, die in der Gnosis zu völliger Ausbildung gelangten, wurzelt, wie zuerst ANZ überzeugend nachwies⁠[2642], in der spätbabylonischen Verfallszeit, namentlich in der Periode, während derer sich chaldäische und persische Anschauungen zu durchdringen begannen⁠[2643]. Demgemäß ist die Welt eine Mischung aus Licht und Finsternis, aus edlem göttlichem Geiste und gemeiner „böser“ Materie, das Machwerk eines untergeordneten, wenn nicht schlechten, so doch schwachen Demiurgen, und wenn nicht geschaffen, so doch mitbeherrscht von den Planeten-Geistern⁠[2644]. Anfänglich scheint (wie noch im „Hirten des HERMAS“) jedem Planeten je ein guter und ein böser Geist, „eine Tugend und eine Sünde“, zugeteilt gewesen zu sein⁠[2645], allmählich jedoch erhielten die nach persischer Auffassung zu Dämonen herabgesetzten „niederen Genien“ die Oberhand, die Sterngeister wurden aus guten erst zu „halbbösen“, dann zu bösen Gestalten⁠[2646] und schließlich zu „Göttern des Verderbens“, deren Schuld die mangelhafte Weltordnung ist⁠[2647]. An ihrer Spitze steht JALDABAOTH, ursprünglich die babylonische Gottheit des bösen und vom Vermögen „hinterlistiger Täuschung“ (ἐνέδριον ψεῦδος) erfüllten Planeten SATURN[2648], der daher auch dem KRONOS, CHRONOS, JAO usf., besonders häufig aber dem Judengotte JEHOVAH gleichgesetzt wird⁠[2649]. Die Planetengötter sind Archonten = Herrscher⁠[2650], sie knechten die Welt, berauben die Menschen der Freiheit und befehden sie auf das bitterste⁠[2651]; wie sie, — schon nach PHILO[2652] und PORPHYRIOS (232–304?)⁠[2653] —, die Bewegungen und Geschwindigkeiten der Planeten störend beeinflussen und diese (nach persischer Auffassung) zur Rückläufigkeit zwingen, indem sie die guten, dem ORMUZD dienenden Lenker überfallen und einkerkern⁠[2654], so verhalten sie sich auch gegen die Sterblichen. Ihre Schlechtigkeit und Bosheit verkörpert sich im ἀντίμιμον πνεῦμα⁠[2655], dem „Geist des Zuwiderhandelns“, dem „Geist, der stets verneint“, dem Ἀντίθεος (Widersacher), dessen Macht furchtbar ist und selbst durch die Sakramente des „heiligen Wassers“ oder „heiligen Öles“ nur schwierig mit Erfolg bekämpft werden kann; er bringt alles Gute und Edle zu Fall, zieht das Gemeine und Verderbliche an sich und zwingt die Menschen zur Sünde oder verbindet sich doch, gemeinem (ὑλικόν, zur Hýle gehörigen) Kupfer gleichend, in ihrer Seele so mit der dem geläuterten Silber ähnelnden Kraft des himmlischen Lichtes, wie dies das Kupfer mit dem Silber in der Metallmischung der Scheidemünzen tut⁠[2656]. Die Hýle, besonders als gestalts- und qualitätslose ὕλη ἄποιος, als neuplatonische „böse“ Materie, gilt den Gnostikern überhaupt als Symbol der Schlechtigkeit⁠[2657], des niedrigen weiblichen Prinzips (ἡ θήλεια, Théleia) im Gegensatze zum höheren männlichen ὁ ἄρσην, Arsen)⁠[2658], sowie der das Weltganze umfassenden „Finsternis“ und ihres Sinnbildes, der Schlange oder des Drachens, den Schweif im Munde, oder zum Knoten verschlungen⁠[2659].

Wie die Sonne, die schon die Chaldäer eine schlangenförmige Bahn verfolgen und durch ihren Lauf auch den der Gestirne lenken lassen⁠[2660], so sind auch die Planeten, die vom Demiurgos, dem „Herrn der zwei oberen Elemente“ (Luft und Feuer) geschaffenen Wandelsterne⁠[2661], Träger und Erscheinungsformen göttlicher Gewalten, — daher noch die Namen ὁ τοῦ Κρόνου (der des KRONOS) u. dgl. —, und beherrschen so entweder unmittelbar, oder durch Geister, die ihre und der Heimarméne „Diener“ sind, die Welt, die irdischen Dinge, die Menschen und ihre Seelen⁠[2662]. Die Annahme von 7 Sphären und die Herabsetzung der Planetengötter zu bösartigen Dämonen führte hiernach zur Lehre von jener Siebenzahl der an die Planeten gebundenen Übel, die seither in den „7 Todsünden“ fortlebte⁠[2663], sowie zur Vorstellung, daß die Dämonen, als Feinde und Hasser der Menschen, sie durch ihre „zugehörigen“ Übel zu verderben, oder doch zu schädigen trachten.

Nun thronen, spätpersischer Voraussetzung folgend, im obersten über den 7 Sphären gewölbten Himmel ein höchster, in synkretistischer Redeweise als „unbekannter Vater“ bezeichneter Gott, der θεὸς ὕψιστος, sowie eine analoge Göttin, für welche beide auch, in nicht ganz folgerichtiger Weise, die „Besseren der Sieben“, nämlich Sonne und Mond, als Symbole gelten⁠[2664]. Die Göttin, offenbar Nachfolgerin der chaldäischen Himmelskönigin ISTAR[2665], wird bald SOPHIA genannt, bald BARBELO, d. i. ein verstümmeltes παρθένος (Parthénos, Jungfrau), bald μήτηρ (Mutter), oder ἡ ἄνο μήτηρ (Mutter in der Höhe), und nähert sich dem Typus der uralten vorderasiatischen „Magna Mater“, d. h. sie ist bald Jungfrau (πνεῦμα παρθενικόν), bald Mutter, bald ausschweifende Liebesgöttin und Buhlerin im Sinne der „HELENA“ des SIMON MAGUS[2666]. So wie der Mond (im Griechischen weiblich σελήνη Selene = Helene) ist auch sie Herrin der Gestirne und der 7 Planeten, umgeben von männlichen und weiblichen Sterngottheiten niedrigeren Ranges, von Engeln, Lichtjungfrauen, Schicksalsfrauen und Geistern jener 7 Sphären, die den 7 übereinander liegenden Gewändern der ISTAR gleichen⁠[2667], — kurz von ursprünglich durchaus guten Genien, die erst allmählich, unter persischem Einflusse, zunächst zweifelhaften Charakter annehmen, schließlich aber das Wesen verworfener und hinterlistiger Dämonen. Der obere Himmel, die Wohnstätte des höchsten Gottes und der SOPHIA, ist aber auch die eigentliche Heimat der Seelen, die von ihm herab in die Welt der Materie nur gelangen können, indem sie die trennenden Gewölbe der 7 Sphären durchwandern; hierbei lauern ihnen die Archonten auf und geben ihnen beim Abstiege ein jeder seine „niedrigen Eigenschaften“ mit auf den Weg, so daß sie von diesen sündigen Anlagen wie von 7 Kleidern oder Hüllen umgeben und so schon von vornherein dem Unglücke geweiht, auf Erden anlangen⁠[2668]. Noch schlimmer aber ergeht es den Seelen, wenn sie nach der Trennung von den Leibern den Rückweg in das himmlische Heim einzuschlagen versuchen⁠[2669]: die heimtückischen Archonten, als „Türhüter der Sphären“, stellen sich ihnen in den Weg, wehren ihnen den Einlaß, hindern sie durch Drohung und durch Gewalt die Pforten der 7 Himmel zu durchschreiten und stoßen sie erbarmungslos in die Finsternis des Abgrundes zurück⁠[2670]. Hier bewährt sich nun an den sonst Verlorenen die Macht der Gnosis: denn sie verriet ihren Anhängern die wahren Namen der Archonten, sie gab ihnen Kunde von den richtigen Losungsworten und sie erschloß ihnen die rechte Art der Aussprache; an solchem überirdischen Wissen bricht sich der Trotz der „Hüter“, sie sehen sich gezwungen, ihren Widerstand aufzugeben und den Seelen die Himmel zu erschließen. Was sonst nur der erlösende Mittler zwischen Gott und Welt vermag, der kraft seiner zauberischen Macht durch die Reiche der Dämonen herabfährt, sie niederkämpft und wieder gen Himmel aufsteigt⁠[2671], das leistet die Gnosis für ihre Gläubigen und erfüllt hierdurch ihre wesentlichste, wenn auch nicht alleinige Verheißung⁠[2672]. Ein gnostisches Evangelium (verfaßt um 150 n. Chr.) schildert ausführlich die Wanderung der Seele durch die 7 Sphären in den obersten Himmel⁠[2673], und eine späte, in der „Legenda aurea“ des JACOBUS A VORAGINE (Bischofs von Genua, 1230–1298) erhaltene Tradition preist die oft kaum einen Augenblick währende Himmelfahrt der Gläubigen als ganz besonderes Wunder, weil im Gewöhnlichen zur Durchwanderung jeder Sphäre und jedes Himmels 5 Jahrhunderte, zur Erreichung der Himmelswölbung also 7500 Jahre erforderlich sein sollen, — „ob das aber wirklich so zutrifft, das weiß Gott allein“, fügt der Verfasser vorsichtigerweise hinzu⁠[2674].

Da die στοιχεῖα (Stoicheía) als Gestirne und Elemente Bestandteile der Welt, als Buchstaben aber auch solche der Worte sind, ergeben sich geheimnisvolle Beziehungen zwischen den Namen oder Bezeichnungen der Dinge, den Buchstaben, aus denen diese Namen bestehen, und den Zahlenwerten, die diesen Buchstaben entsprechen⁠[2675]; da derlei Betrachtungen in den älteren magischen und koptischen Texten vom griechischen Alphabet ausgehen, „dessen Zeichen kraftvoller sind“, so gelangten sie nach Ägypten wohl über griechische Gebiete⁠[2676], denen selbst sie wieder aus dem Oriente zukamen, der alten Heimstätte der Buchstaben-Mystik⁠[2677]. Indem deren Lehren sich mit jenen von den 7 Planeten vereinigten⁠[2678], entstand die bereits den Neupythagoräern, dem PHILO[2679] und dem PLUTARCH (48–125)⁠[2680] völlig geläufige Vorstellung, daß die Töne, die schon PLATON die sternlenkenden „Sirenen“ hervorbringen läßt, keine anderen seien, als die 7 griechischen Vokale α, ε, η, ι, υ, ο, ω, die sich als „Mysterien der 7 φωναί (Klänge)“ zum Heptachord der Sphärenharmonie vereinen und in Beziehung stehen zu den 7 Saiten, Farben, Tagen, Himmeln, Sphären und Stufen der Erlösung⁠[2681]. Umgekehrt rief man daher die Planetengötter durch Intonieren und Psalmodieren der 7 Vokale in allen möglichen Variationen an, — s. das spanische insalmar = impsalmare = zaubern⁠[2682] —, legte den aus 7 Buchstaben gebildeten, „die Sphären und ihre 7 Vokale“ umfassenden Götternamen besondere Macht bei⁠[2683] und verfertigte auch spielerische Bilder solcher Zusammenstellungen, z. B. in Gestalt eines Eies, Herzens, Täubchens, Quadrates, oder des als Amulett u. dgl. ganz besonders wirksamen „Flügels des HERMES“ (Ἑερμοῦ πτέρυξ)⁠[2684]:

ω
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
ω
 
ο
 
 
 
 
 
 
 
 
 
ο
 
ω
 
υ
 
 
 
 
 
 
 
υ
 
ω
 
ο
 
ι
 
 
 
 
 
ι
 
ο
 
ω
 
υ
 
η
 
 
 
η
 
υ
 
ω
 
ο
 
ι
 
ε
 
ε
 
ι
 
ο
 
ω
 
υ
 
η
 
α
 
η
 
υ
 
ω
 
ο
 
ι
 
ε
 
ε
 
ι
 
ο
 
ω
 
υ
 
η
 
 
 
η
 
υ
 
ω
 
ο
 
ι
 
 
 
 
 
ι
 
ο
 
ω
 
υ
 
 
 
 
 
 
 
υ
 
ω
 
ο
 
 
 
 
 
 
 
 
 
ο
 
ω
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
ω

Weil aber im Griechischen die Zahlen mit Hilfe der Buchstaben ausgedrückt und geschrieben werden:

geschweifte Klammer, links
1 
2 
3 
4 
5 
6
 
7 
8 
9 
α 
β 
γ 
δ 
ε 
ϛ
(Stigma) 
ζ 
η 
θ 
geschweifte Klammer, links
10 
20 
30 
40 
50 
60 
70 
80 
90 
 
ι 
κ 
λ 
μ 
ν 
ξ 
ο 
π 
ϙ
(Koppa)
geschweifte Klammer, links
100 
200 
300 
400 
500 
600 
700 
800 
900 
 
ρ 
σ 
τ 
υ 
φ 
χ 
ψ 
ω 
ϡ
(Sampi),

ergaben sich Betrachtungen über die „Ziffernsummen der Worte“ fast von selbst⁠[2685], und solche, die gewisse wichtige Zahlenwerte darstellten, mußten erhöhte Bedeutung gewinnen⁠[2686].

Unter diesen nimmt die erste Stelle der Name ABRAXAS ein, der 7 Buchstaben zählt und die Zahlensumme 3α + β + ρ + ξ + σ = 3 + 2 + 100 + 60 + 200 = 365 ergibt; dies ist der Geheimname des obersten, die Macht der 7 Planeten in sich vereinenden Beherrschers der 7 Sphären und der 365 das Pleroma erfüllenden Engel, Teilgötter, göttlichen Kräfte oder göttlichen Erscheinungsformen, die nach gnostischer Lehre durch Emanation aus ihnen hervorgingen⁠[2687]. Schon dem Kirchenvater IRENAEUS, der um 202 als Bischof von Lyon starb, ist dieser Name und seine Bedeutung = 365 wohlbekannt⁠[2688], und an ABRAXAS scheint sich auch das berühmte Zauberwort „Abracadabra“ zu knüpfen, das aus der bereits im 1. Jahrhundert sehr entwickelten medizinischen Magie stammt und zuerst bei SAMMONICUS (gest. 211) nachgewiesen ist⁠[2689], seinen hohen Ruf aber in den Kreisen der Abergläubischen bis auf den heutigen Tag unverändert bewahrt hat⁠[2690]. Der „Urgott“ ABRAXAS gilt u. a. als wesensgleich mit dem Logos, mit HERMES und mit THOT, besitzt die „pneumatischen Kräfte des THOT“, vor allem die der Wiederbelebung Abgeschiedener (σῶμα νεκροῦ), und ist „Beherrscher des heiligen Pneumas“, aus dem die vier Stoffe der Weltordnung hervorgehen, d. s. die zu je zweien entgegengesetzten Elemente, von denen Wasser und Erde mehr körperlicher, Luft und Feuer aber mehr körperloser Natur sind⁠[2691]; er wird ferner identifiziert mit ANUBIS, SERAPIS, MITHRAS, JAO, ZEBAOTH, PAN usf., und findet sich, mit diesen Namen bezeichnet und den Sinnbildern von Schlange, Löwe, Sphinx, Affe, Käfer, Hahn u. dgl. zugesellt, auf den gnostischen Gemmen und Amuletten, deren eine sehr große Zahl auf unsere Zeit gekommen ist⁠[2692]. Aus der Beziehung zum Sonnengott MITHRAS und zum Hahn als „Sonnenvogel“ erklärt es sich auch, daß man in ABRAXAS den hahnenköpfigen Leger des Welteneies erblickte⁠[2693]. Schon weiter oben wurde einiger hierher gehöriger Legenden gedacht, der babylonischen vom Urei, aus dem EA = OANNES, der Bringer des Lebenswassers, hervorging⁠[2694], der vorderasiatischen vom Ei der syrischen APHRODITE, das aus dem Himmel in den Euphrat fiel⁠[2695], der ägyptischen vom Ei = Chaos⁠[2696] und der (aus diesen entsprungenen?) orphischen vom Ei des PHANES, das infolge des Umschwunges des Chaos = Chronos = Aither entstand⁠[2697]. Sie alle flossen zusammen in der gnostischen Anschauung vom Weltenei „in den Wassern“ oder „im Schoße des Alls“, aus dem sich Himmel und Erde, ja der ganze Kosmos gestaltet⁠[2698], und das man daher, — der Gewohnheit der Zeit folgend, und nicht etwa auf eigene Kenntnis des HERAKLIT oder XENOPHANES hin —, auch als ἓν καὶ πᾶν (Hen kai pan) und (nach der falschen Etymologie πᾶν = Πάν) als Symbol des Gottes PAN ansah⁠[2699]. Besonders beliebt war der Vergleich des von ABRAXAS gelegten Welteneies mit dem Ei des Pfauen, das ebenfalls nur „Eines“ ist, trotz dessen aber die Anlage zu „allen 365 Farben“ und damit „zu den mannigfaltigsten, vielgestaltigen und buntesten Bildungen“ schon in sich enthält⁠[2700].

Wie das Weltall, so besitzt auch das Ei ein Oben, eine Mitte und ein Unten und ferner mehrere den Sphären entsprechende Hüllen und Schichten, deren innerste von dem in Schlangenform eindringenden „Geist“ (oft auch von einem bösen) befruchtet wird⁠[2701]. In allem diesem zeigen beide die auffälligste Analogie mit dem Mutterschoße, der geradezu ein Abbild des Kosmos, seiner Ordnung und seiner Entstehung darstellt⁠[2702] und als „Gefilde der Entstehung“ zu bezeichnen ist, in dem die pythagoräische heilige Vierzahl herrscht, nämlich die der vier Elemente⁠[2703]. Das Weltall ist in der Tiefe erfüllt vom Dunkel „schrecklichen Wassers“, in der Höhe von Licht, in der Mitte aber von Pneuma; Licht und Pneuma trachten, das Dunkel nach oben zu drängen, es emporzuheben „wie auf Fittigen des Adlers“, damit das Schlechte zum Guten hinstrebe, gleich der indischen Naphtha zum Feuer⁠[2704]. Ganz ebenso enthält die Matrix in der Tiefe dunkles Wasser, in der Höhe das lichte Feuer des Lebens (den lebenden Embryo), dazwischen aber Pneuma, das die einen als Spiegelbild des Lichtes im Wasser auffassen (entsprechend dem der Außenwelt im dunklen Wasser des Auges)⁠[2705], die anderen als den leisen Wind, der dem befruchtenden Schlängelchen gleich säuselt und dabei im Wasser „Wellen“ erregt, die Anstoß zu Bewegung und Entwicklung geben⁠[2706]. So ordnen sich die Elemente und es entsteht, falls keine „Fehlgeburt“ störend eingreift⁠[2707], im „Wasser“ und aus dem Wasser der Matrix das Kind⁠[2708]; seine „Begierde“ zu entstehen nimmt aber ihren Ausgang vom Feuer, das im Blute des Mannes und Weibes zu Samen und Milch wird, — durch μεταβολή (Metabolé) der ποιότης (Poiótes, Qualität), nicht der οὐσία (Usía, Substanz) —, und sich so anfangs zur Materie und weiterhin zur Nahrung des neuen Wesens umgestaltet⁠[2709].


Auf die spätere, eigentlich christliche Gnosis, braucht an dieser Stelle nicht mehr eingegangen zu werden; die „phantastische Mischung“ aus paulinischen Ideen, platonisierender Religions-Philosophie, Mysterien-Praxis und orientalischer Kultweisheit ist in ihr fast unentwirrbar⁠[2710], und das Bestreben, πίστις (Pístis, Glauben) in γνῶσις (Gnósis, Erkenntnis) zu verwandeln, führt zu bedenklichen Versuchen „spekulierender Phantasten“, die Dogmen des Christentums vorgefaßten Meinungen gemäß umzudeuten und seine Lehre zum Rahmen neuplatonischer, chaldäischer und anderer orientalischer Lehren zu modeln⁠[2711]. Durch das Zugeständnis, daß der auch von der Gnosis verkündete Erlöser kein anderer sei als CHRISTUS, sowie durch die Bemühungen, die gnostische Offenbarung durch apokryphe und pseudepigraphe Akten, Dokumente und Evangelien zu legitimieren, konnte das erhoffte Ergebnis nicht erzielt werden, da die Machwerke der Theosophen und Mystagogen allzusehr gegenüber den Schriften abfielen, in denen sich die christliche Idee mit der Weltmacht griechisch-philosophischer Gedanken edelster Art vereinigte⁠[2712]. So verblieb denn auf diesem Gebiete nach DEUSSEN nur eine einzige dauernde Nachwirkung, die der unwiderleglichen Behauptung der Gnostiker, daß es in einer Welt, die das Werk eines allgültigen, allweisen und allmächtigen Gottes wäre, einer Erlösung nicht bedürfte⁠[2713].