Unter diesen Weibern sind jedoch nicht etwa die Chemikerinnen MARIA und KLEOPATRA zu verstehen, vielmehr spielen jene für die Anschauungen über die Herkunft der Chemie sehr bezeichnenden Worte auf eine merkwürdige und schon weiter oben mehrfach gestreifte Sage an: die der Übermittlung der Chemie an die Menschen durch Dämonen⁠[3313]. Die jüdisch-hellenistischen Kreise, die schon bald nach Beginn der ptolemäischen Zeit alttestamentliche, ägyptische, orientalische und griechische Traditionen synkretistisch zu vereinigen trachteten, führten nämlich den Ursprung der für sie mit Priestertum und Magie zusammenhängenden „heidnischen Wissenschaften“, zu denen sie neben Astronomie und Astrologie u. a. auch Metallkunde und Kosmetik zählten, auf jenen Umgang der Göttersöhne mit den Menschentöchtern zurück, den die Bibel noch vor Eintritt der Sündflut stattfinden läßt⁠[3314], — unter Bewahrung eines dürftigen Restes jener alten Mythen, die im übrigen bei ihrer Redaktion durch den sog. Jahvisten (etwa im 9. Jahrhundert v. Chr.) fast gänzlich ausgetilgt wurden⁠[3315]. Den „Göttersöhnen“ oder Dämonen (δαίμονες) kommt selbst göttliche oder engelhafte Natur zu, und sie dürfen nicht etwa als von Göttern Gezeugte gedacht werden, wie es die ungenaue LUTHERsche Übersetzung „Kinder Gottes“ nahelegt⁠[3316]; Dämonen aber heißen sie, weil sie gefallene Engel sind, „gestürzte Sterngeister“, ἀντίθεοι (= Widersacher der Gottheit)⁠[3317]. Die Erzählungen von dem Falle der Engel durch ihre Verbindung mit den Menschentöchtern und von den Sünden und Übeln, die die verführten Engel in die Welt brachten, sind Stücke babylonischen Aberglaubens, zum Teil ausgestaltet unter dem Einflusse iranischer und griechischer Kultlehren und schließlich in oberflächlicher Weise jüdisch-monotheistisch übertüncht⁠[3318]. Die Engel erscheinen entweder auf der Erde, erliegen, vom „Bösen“ in Versuchung geführt, den Verlockungen der buhlerischen Weiber und werden hierdurch ihrer himmlischen Heimat verlustig⁠[3319], oder, — so berichten z. B. die im 2. Jahrhundert n. Chr. verfaßten apokryphen „Taten des Apostels THOMAS“ —, der „große Drache“, die „große Schlange“, der Böse, der Teufel (= AHRIMAN) reizt sie zur Empörung, bewirkt hierdurch ihren Sturz, „wirft sie aus der Höhe auf die Erde herab“, fesselt sie an sich durch die Begierde nach den Weibern und beraubt sie so ihrer Göttlichkeit⁠[3320]. Daß nach einer mißglückten Empörung verstoßene und gefallene Heroen, Himmelsgeister oder Engel die Menschen geheime Künste oder Wissenschaften lehren, ist ein weitverbreiteter, bei Griechen, Ägyptern und Orientalen in verschiedenster Gestaltung nachweisbarer Gedanke⁠[3321], der in der jüdisch-hellenistischen Litteratur schon im sog. „Buche der Jubiläen“ aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.⁠[3322], sowie in den etwa gleichalterigen ursprünglichen Fassungen des „Buches HENOCH“ auftritt⁠[3323]; größere Verbreitung und Volkstümlichkeit erlangte er aber erst in späterer Zeit durch die alexandrinischen Juden⁠[3324], nach deren Behauptung bereits ADAM derlei Kenntnisse besaß, sie durch seinen Sohn SETH (nach dem sich die gnostischen Sethianer benannten) auf HENOCH und weiterhin über NOAH und CHAM auf MESTREM, oder über ABRAHAM auf JOSEF vererbte, und die durch MESTREM oder JOSEF mit nach Ägypten gebracht und dort insgeheim weitergepflegt wurden.

JUSTINUS, der gegen 150 n. Chr. seine „Apologie“, und der Apologet ATHENAGORAS, der um 175 die Abhandlung „Supplicium“ verfaßte, erwähnen den Herabstieg der Engel und ihre Vereinigung mit den Erdentöchtern als etwas Wohlbekanntes, jedoch ohne nähere Angaben zu machen⁠[3325], und auch CLEMENS ALEXANDRINUS (gest. 216) sagt nur, die Engel hätten die Hingabe der Weiber durch Mitteilung gewisser Geheimnisse belohnt, die er aber nicht nennt⁠[3326]. Bei IRENAEUS (um 180) heißt es im „Erweis der apostolischen Verkündigung“, die in armenischer Sprache erhalten ist⁠[3327]: „Als Gabe brachten die Engel den Weibern die Anleitung zum Bösen mit; sie lehrten sie die Kraft der Wurzeln und Kräuter, das Färben und Schminken, die Erfindung wertvoller [Kleider-] Stoffe, die Mittel zur Beförderung der Anmut, zur Erweckung von Haß und Liebe, zur Sicherung der Lebensdauer, zu Geisterbünden, Gaukelei (= Magie) und Götzendienst.“ Etwas später bezeichnet TERTULLIANUS (160–240?) in der Schrift „De cultu feminarum“ als die von den Engeln gelehrten Geheimnisse⁠[3328]: die Behandlung der Metalle (opera metallorum), die Kräfte der Pflanzen (ingenia herbarum), die Macht der Beschwörungen (vires incantantionum), die Ausdeutung der Gestirne (stellarum interpretationem = Astrologie), die Anfertigung von Armbändern aus Gold und von Halsketten aus Edelsteinen, das Färben der Wolle (tincturae vellerum) mit Farbstoffen aus Tang (medicamenta ex fuco), die Bereitung des schwarzen Pulvers zum Anschminken verbreiterter Augenbrauen (calliblepharum tincturae), sowie die Bearbeitung (opera) des Goldes und der Edelsteine. Nach dem „Buche HENOCH“⁠[3329] (in den späteren, anscheinend aber auch schon in den ursprünglichen vorchristlichen Fassungen?) unterrichteten der Engel AZAZAEL, und seine Genossen die Weiber über magisch wirksame Substanzen (φαρμακεῖαι) und Formeln, heilkräftige Pflanzen (ῥιζοτομίαι = Schneiden der Wurzeln), Metalle und deren Verarbeitung zu Waffen und Schmuck, Verschönerung durch Augenschminke und andere Schminken, über Edelsteine, Farbstoffe [die auch als Heilmittel und Amulette dienen], Herbeiführen und Lösen von Zaubern, Schauen und Deuten der Sterne sowie der [astrologischen] Zeichen für Sonne, Mond und Erde, Schreiben mit Tinte auf Papier; dies sind aber die Geheimnisse, die bald als die „der himmlischen Urzeit“ oder „der himmlischen Weisheit“ bezeichnet werden⁠[3330], bald wieder als jene „Werke des Teufels“, zu denen, wie nach späteren Anschauungen so schon damals, alles auf Physik, Chemie und Technik gehörige gezählt wurde, einschließlich des Schreibens und besonders des Bücherschreibens⁠[3331]. Auch bei CLEMENS ROMANUS (2. oder 3. Jahrhundert)⁠[3332] lassen sich die Engel von den Weibern betören, bis sie deren Lüste wegen Erschöpfung ihrer Kräfte nicht mehr befriedigen können, machen ihnen dann, um sie dennoch bei guter Laune zu erhalten, λίθον τίμιον (köstliches Gestein = Edelsteine), Perlen, Purpur, herrliches Gold (χρυσὸς ἔνδοξος) und alle Arten prächtiger Dinge (πᾶσαν πολυτίμιον ὕλην), zeigen ihnen in den „Eingeweiden der Erde“ Edelsteine von magischen Eigenschaften und ἐκ μετάλλων ἄνθη (die Blüten der Metalle = das Beste, Reinste), darunter Gold, Silber, Kupfer und Eisen, lehren sie die zugehörigen Künste (τέχνας), Magie, Astrologie, die Kräfte der Pflanzen, das Buntfärben der Kleider, die Herstellung alles sonst zur Ergötzung und Zierde der Weiber Dienlichen, und ferner, was den Menschen zu erfinden unmöglich gewesen wäre, das Schmelzen (Gießen) des Goldes, des Silbers und der verwandten Metalle (χρυσοῦ καὶ ἀργύρου καὶ τῶν ὁμοίων χύσιν); seither kennen die Menschen die Namen der Engel, verstehen das Austreiben der Dämonen und [daher auch] das Heilen der Krankheiten durch φάρμακα (Phármaka), die Beschwörung der giftigen Schlangen, die Benützung der Sympathien und Antipathien u. dgl. mehr. ZOSIMOS endlich (gegen 300) erzählt im Buche „Imuth“, angeblich den „Physika“ des HERMES (aber auch dem alten Testamente) folgend, daß gewisse Engel des Himmels verlustig gingen, weil sie die irdischen Weiber Böses und der Seele Verderbliches lehrten, nämlich „alle Werke der Natur“, und daß diese Dämonen über sämtliche, Künste solcher Art das „Buch Chemu“ (Khumu) verfaßten⁠[3333], von dem der Name der Chemeía (Khumia) herkommt, ein Buch, das in 24 Abschnitten, „deren Titel die Priester erklären“, neben vielen anderen Künsten, die man χειρόκμητα (Handgriffe) nennt, auch die Umwandlung unedler Metalle in edle und ineinander beschreibt, und zwar ausführlich „in Tausenden von Worten“, deren Klarheit erst die Kommentatoren verdorben haben⁠[3334].

Wie diese Übersicht erkennen läßt, ist in keiner der älteren Quellen von Alchemie die Rede, die bösen Lehren der Engel betreffen vielmehr neben Magie, Astrologie, Geisterbeschwörung, Heil- und Zaubermitteln fast ausschließlich Dinge, die der Befriedigung weiblicher Eitelkeit und Prunkliebe dienen, weshalb denn auch TERTULLIANUS verlangt, die Weiber sollten sich fortan verschleiern, um nicht neue Engel zu Fall zu bringen⁠[3335], und der hl. CYPRIAN vermutet, daß ihre Putzsucht schon selbst eine Erfindung gewisser Dämonen sei. Hauptsächlich handelt es sich um die im Orient uralten und wichtigen Schminken und Kosmetika⁠[3336], um Farbstoffe und bunte Kleider, Edelsteine und Perlen, goldene und silberne Geschmeide u. dgl.; erst TERTULLIANUS (um oder nach 200) spricht von der Behandlung der Metalle und der Bearbeitung des Goldes und der Edelsteine, sichtlich zwecks Herstellung von Schmucksachen, — im „Buche HENOCH“ ist dies auch ausdrücklich gesagt —, erst CLEMENS ROMANUS auch von anderen Metallen, deren „Blüten“ das Innere der Erde birgt, sowie von den zugehörigen metallurgischen Verfahren, u. a. vom Schmelzen und Gießen des Goldes, des Silbers und der „übrigen“. Nirgends liegt hier der geringste Anhalt zu alchemistischen Deutungen vor, insbesondere auch nicht, wie oft behauptet wurde, bei HENOCH, aus dem doch JUSTINUS und ATHENAGORAS[3337], TERTULLIANUS[3338] und noch der hl. AUGUSTINUS (354–430) ihre einschlägigen Berichte schöpften, ohne dabei irgendeine derartige Anspielung einfließen zu lassen⁠[3339]. Den aufgezählten „Künsten“, die sich übrigens bei den genannten Vorgängern in bemerkenswerter Zusammengehörigkeit darstellen⁠[3340], reiht erst ZOSIMOS, der letzte, späteste und selbst völlig von alchemistischen Anschauungen durchdrungene Autor, auch die der Metall-Verwandlung und des Machens von Gold und Silber an, vielleicht indem er den λίθος τίμιος, dessen CLEMENS ROMANUS gedenkt, als „kostbaren Stein“ im Sinne von „Stein der Weisen“ hinzustellen und einer derartigen Auffassung Vorschub zu leisten suchte. Anscheinend liegt seiner ganzen Erzählung eine alexandrinische Lokalsage jüdisch-hellenistischer Herkunft zugrunde⁠[3341], so daß auch an dieser Stelle die Wichtigkeit gerade derartiger Einflüsse abermals und in unverkennbarer Weise hervorträte.